Etymologie, Etimología, Étymologie, Etimologia, Etymology
CH Schweiz, Suiza, Suisse, Svizzera, Switzerland - Schweizerische Eidgenossenschaft - Confoederatio Helvetica
Wortart, Clase de Palabra, Catégorie grammaticale, Parte del Discorso, Part of Speech
Partikel, Partícula, Particule, Particella, Particle

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von Rotz, Ruth
Zur Verwendung der Partikel "go" in Modalverbkonstruktionen

Ein Vergleich mit dem frz. "aller (faire quelque chose)" und engl. "going (to do something)" wäre in dem folgenden Artikel sicherlich angebracht. Ursprünglich sicherlich aus einer Ortsänderung entstanden dann aber als Zeitangabe (für die nahe Zukunft) verwendet.

Ein umgekehrtes Beispiel ist dt. "Welt", ahdt. "weralt", eng. "world", ndl. "wereld" als Ortsangabe, entstanden aus der Zeitangabe "wer alt" = dt. "Mannesalter", "Menschenalter".

(E?)(L?) https://bop.unibe.ch/linguistik-online/issue/view/133


(E?)(L?) https://bop.unibe.ch/linguistik-online/article/view/386

Ruth von Rotz (Lugano): Zur Verwendung der Partikel "go" in Modalverbkonstruktionen (Abstract) (PDF)

1 Einleitung

Ziel der vorliegenden Untersuchung ist eine Darstellung der Verwendungsweise der eventuell auf das Verb "gehen" zurückgehenden Partikel "go" (Glaser 2003: 45) in Modalverbkonstruktionen. Die zwei Beispiele (1a) und (1b) sollen dieses Phänomen und dessen plausible Übersetzung ins Standarddeutsche veranschaulichen:

(1)
a. Und ich muess ga mälchä. (Senti 1988: 347) - 'Und ich muss melken gehen.'
b. E wòtt gò ässe. (Fischer 1960: 358) - 'Ich will essen gehen.'

Grammatisch ebenso korrekt ist eine Realisation der Beispiele (1a) und (1b) ohne die Partikel "go". Analog dazu wird bei der Übersetzung ins Standarddeutsche der Infinitiv "gehen" weggelassen. Vgl. dazu die Beispiele (2a) und (2b):

(2)
a. Und ich muess mälchä. - 'Und ich muss melken.'
b. E wòtt ässe. - 'Ich will essen.'

Zumindest für das Standarddeutsche kann hierbei vermerkt werden, dass zwischen den jeweiligen Varianten in (1) und (2) ein eindeutiger semantischer Unterschied besteht. In den Beispielen (1) bezeichnet der Infinitiv "gehen" nämlich den Aufbruch zu einer Tätigkeit (Brinkmann 1962: 283), die durch die Infinitive "melken" bzw. "essen" näher bestimmt ist. Die Beispiele (2) hingegen bezeichnen aufgrund des fehlenden Bewegungsverbs gehen keinen derartigen Aufbruch. Ob dies in gleichem Masse auch für das Schweizerdeutsche gilt, und ob die standarddeutsche Wiedergabe von "go" mit "gehen" den semantischen und syntaktischen Eigenheiten der Partikel gerecht wird, ist allerdings zu bezweifeln. Den Anstoss zu dieser Vermutung geben semantische und syntaktische Ungereimtheiten, die sich bei einer konsequenten Wiedergabe von "go" mit "gehen" ergeben. So wird man sich bei den folgenden beiden Belegen beim Übersetzen ins Standarddeutsche an der scheinbaren Doppelsetzung des Infinitivs gehen stören:

(3)
a. Mer wend ga¯n goge luegen. (Id. 2, 324) - 'Wir wollen gehen gehen schauen.'
b. 's Bettelfräuli wott go bettlen go¯n. (Id. 2, 323) - 'Die Bettelfrau [Diminutiv] will gehen betteln gehen.'

Weiter lassen auch bisherige Forschungsergebnisse vermuten, dass "go" nicht einfach mit "gehen" wiedergegeben werden kann. So wurde beispielsweise im Rahmen des Nationalfondsprojekts "Dialektsyntax des Schweizerdeutschen" am Deutschen Seminar der Universität Zürich dem Problem der Verwendung von "go" in Modalverbkonstruktionen nachgegangen – teilweise mit widersprüchlichen Resultaten, die einer genaueren Analyse bedürfen. An dieser Stelle sei auf eine Fragebogenaufgabe des genannten Projekts eingegangen, in der die Gewährspersonen verschiedene syntaktische Varianten auf ihre Plausibilität in einem gegebenen Kontext beurteilen sollten. Als Einleitung zu dieser Aufgabe wird eine Situation suggeriert, in der für die beschriebenen Akteure, einen Mann und eine Frau, eine Ortsveränderung im Sinne eines Gehens mit der Bedeutung "sich mit Hilfe der Füsse fortbewegen" (Helbig/Schenkel 1983: 232) nicht möglich sein sollte (s. Abb. 1).

Trotz dieses Kontexts wurde von den beiden gegebenen Varianten, davon eine mit und eine ohne "go", auch die Variante mit "go" überraschend häufig als eine in dieser Situation mögliche Antwort genannt. Was auf den ersten Blick wie freie Variation zwischen zwei verschiedenen syntaktischen Varianten aussieht, erweist sich bei genauerem Hinsehen jedoch wahrscheinlich als Trugschluss. Zieht man nämlich die zusätzlichen Kommentare der Gewährspersonen zu dieser Aufgabe hinzu, findet man, dass genau zu diesem Problem eine grosse Anzahl von Anmerkungen gemacht wurden, die besagen, dass zwischen den beiden Varianten mit und ohne die Partikel "go" sehr wohl ein semantischer Unterschied bestehe. Im Ganzen sind es 27 von total 31 zusätzlichen Bemerkungen, die festhalten, dass die Variante mit "go" eine Ortsveränderung bedinge und damit nicht zum angegebenen Kontext passe. Doch 27 zusätzliche Kommentare zu diesem Problem können noch keineswegs erklären, wie an 280 Orten Nennungen für die Variante mit "go" zustande kommen. Denkbar wäre, dass die Gewährspersonen den Kontext nicht richtig gelesen oder die vorgegebene Situation gedanklich um eine Fortbewegung der Personen ergänzt haben. Alternativ wäre, gerade wenn man sich die nicht mit Sicherheit geklärte Herkunft und Bedeutung von "go" vor Augen führt (vgl. Glaser 2003), eine Lesart von "go" abweichend vom Standarddeutschen "gehen" in Betracht zu ziehen.

An den eben dargestellten Problemen setzt nun die vorliegende Untersuchung an. Es wird geklärt, ob lediglich in Formulierungen mit Modalverben, in denen eine Tätigkeit erst ausgeführt werden kann, indem oder nachdem eine Bewegung im Sinne eines Gehens stattfindet bzw. stattgefunden hat, eine Fügung mit der Partikel "go" auftritt. Es wird m. a. W. untersucht, ob der Gebrauch von "go" weitgehend dem Standarddeutschen "gehen" entspricht oder ob die Partikel auch andere Funktionen übernehmen kann, die wiederum Auswirkungen auf die Semantik der gesamten Modalverbkonstruktion haben können.
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Erstellt: 2014-12

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