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DE Deutschland, Alemania, Allemagne, Germania, Germany
Adelung - Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart
G

A

Adelung, Johann Christoph
Hochdeutsches Wörterbuch
Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart,
mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten,
besonders aber der Oberdeutschen [Adelung]

(E?)(L?) http://www.bastisoft.de/misc/adelung/

Zu den Daten

Hier finden Sie den vollständigen Text des "Grammatisch-kritischen Wörterbuchs der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen" von Johann Christoph Adelung. Er entspricht der Ausgabe von 1811, die vom Münchener Digitalisierungszentrum der Bayerischen Staatsbibliothek eingescannt und mit einem Texterkennungsprogramm in Textform überführt wurde. Text und Bilder hat die sogenannte Digitale Bibliothek auf Ihrem Web-Server verfügbar gemacht, jedoch nicht als fortlaufenden Text. Das ist die Lücke, die diese Datei füllen soll.

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Sebastian Koppehel


Erstellt: 2010-02

B

C

D

E

F

G

G (W3) [Adelung]


G, der siebente Buchstab des Deutschen Alphabetes, welcher mit dem Gaumen ausgesprochen wird, und gemeiniglich härter lautet, als ein j, und gelinder als ch und k. Ich sage gemeiniglich, weil diese allgemeine Regel noch manche, so wohl richtige als unrichtige Ausnahmen leidet. Am häufigsten findet diese Aussprache, welche mit der Aussprache des Ital. gh und Franz. gu überein kommt, Statt, zu Anfange eines Wortes oder einer Sylbe. Gabe, Glaube, bringen, Grab, Glocke, Glucke, Grube, gehen, hängen, tragen, Gork, ungern. Freylich machen die Mundarten hier allerley Abweichungen, aber das sind Landschaftsfehler und keine Ausnahmen. So pflegen die Niedersachsen, welche natürliche Feinde aller Hauchlaute sind, ingleichen die Schlesier u. a. m. diesen Buchstab zu Anfange eines Wortes gern wie ein gelindes k auszusprechen. Klocke, Kork, Klaube, Knade, keben, kehen, Kott, Kukkuk, Krume, für Glocke, Gork u. s. f. Hingegen sprechen andere Mundarten, z. B. die Märkische, dieses g so schlüpfrig aus wie ein j; jähnen, jäscht, jäschen, jischen, jäten, jern. Jott u. s. f. welche Wörter doch so wohl der echten Hochdeutschen Aussprache, als der Abstammung nach, insgesammt ein G erfordern. Jäh, jählings, Jachzorn lassen sich entschuldigen, weil in dem davon abstammenden Jagen das J sehr alt und allgemein ist, dagegen gehen, welches gleichfalls zu diesem Geschlechte gehöret, seinem g treuer geblieben ist. Eben diese Aussprache behält es, wenn es am Ende eines Wortes oder einer Sylbe nach einem gedehnten Selbstlauter stehet; der Weg, Krieg, Sieg, Tag, Steg, Flug, Erfolg, Vertrag, Zug, Zweig, Zeug, er trug, trüglich, möglich, kläglich, behäglich; ungeachtet es auch hier nicht an Mundarten fehlet, welche in allen diesen Stellen ein gelindes k hören lassen. Mit mehrerm Rechte lautet dieser Buchstab wie ein gelindes k, wenn er am Ende eines Wortes oder einer Sylbe nach einem geschärften Selbstlauter stehet; weg, besonders wenn ein n in einer und eben derselben Sylbe vorher gehet; Gesang, jung, Jüngling, Gang, lang, länglich, verfänglich, hing, Fang, Dung, Häring, Hang, Hornung, Klang, Rang, Ring, Schwung, Sprung, ursprünglich, Strang, Zwang, Ding. Wenn aber ein solches Wort am Ende wächset, so nimmt das g seinen eigenthümlichen gelinderen Laut wieder an, weil es alsdann nicht mehr zur vorher gehenden Sylbe gehöret; Gesänge, sie sangen, länger, gefangen u. s. f. Nach dem r wird es von den meisten, und vielleicht auch richtigsten Mundarten gelinde gesprochen; arg, karg, Berg, Werg, Sarg, verbarg, Burg u. s. f. ungeachtet auch hier viele ein gelindes k hören lassen. Eine Ausnahme von der oben gegebenen Regel macht die Endsylbe ig, wo das g beständig gelinde lautet, wenn gleich das i geschärft ist; Essig, Fittig, Lattig, Pfennig, Rettig, Käfig, steinig, dreytagig, felsig, vierfüßig u. s. f. Das g wird selten verdoppelt; geschiehet es aber, so spricht man beyde gelinde aus; Egge, Togge, Toggenburg. Ulphilas schrieb dieses gg nach Art der Griechen für ng; Aggilus für Engel, Aivaggelgo für Evangelium, Tuggo, Zunge, Figgr, Finger. Eben so stehet in dem Fragmente eines Gedichtes auf den Spanischen Krieg bey dem Schilter Spruggen, für springen. Da die eigenthümliche Aussprache dieses Buchstaben der Aussprache des ch so nahe kommt, so ist es kein Wunder, daß beyde so oft in einander übergehen; besonders wenn der gedehnte Vocal vor dem g in der Ableitung in einen geschärften übergehet, da denn das ch nothwendig wird. So schreibt man Gewicht, von wägen, Schlacht, von schlagen, Tracht, von tragen, gebracht, von bringen, Jacht, eine Art geschwinder Schiffe, von jagen, ich mochte, von mögen. Man hüthe sich, daß man das G, wenn es zu Anfange eines Wortes stehet, nicht alle Mahl für einen Stammlaut halte. In vielen Fällen ist es aus der Vorsylbe ge - entstanden, wie in gönnen von geunnen, Gunst von Ge - anst, gaffen von offen; besonders bey denjenigen Wörtern, welche mit Gl und Gr anfangen, wie in Glied, von Lied, Gleis, von Leis, gleiten, Glas, gleißen, Glaube, glatt, Glasur, Glanz, Gleich, Glimpf, Gras, grauen, graben, Grind, grob, grunzen u. s. f. wo es in manchen Wörtern bloß aus dem Oberdeutschen Hauche h und ch entstanden zu seyn scheinet. S. Ge - und die jetzt angeführten Wörter selbst.


Gabe (W3) [Adelung]


Die Gabe, plur. die -n, von dem Verbo geben. 1. Überhaupt alles, was gegeben wird; in welcher weitesten Bedeutung es nur noch in einigen Fällen üblich ist. So bedeutet Gabe in dem Salzwerke zu Halle die Anzahl Zober Sohle, welche jede Woche in jede Kothe geliefert wird. Auch alles, was ein Unterthan dem Obern entrichten muß, die Abgaben, werden Gaben, oder Steuern und Gaben genannt. In der Medicin ist die Gabe ein bestimmter Theil Arzeney, so viel auf Ein Mahl gegeben wird. 2. In engerer Bedeutung, ein Geschenk. 1) * Ein jedes Geschenk; in welchem Verstande es im Hochdeutschen veraltet ist, ob es gleich in der Deutschen Bibel mehrmahls in dieser Bedeutung vorkommt. Nach Gaben trachten, Es. 2, 23. Geschenke und Gaben verblenden die Weisen, Sir. 20, 31. Auch freywillige Opfer kommen im alten Testamente mehrmahls unter dieser Benennung vor. 2) Ein Geschenk, welches man einem Armen zu seiner Nothdurft macht, ein Almosen. Einem Bettler eine Gabe geben. Man weiß ja nicht, wie man seine Gaben anlegt, Gell. 3) Ein jedes Ding, ein jeder physischer oder moralischer Vorzug, Fähigkeit u. s. f. so fern es als ein Geschenk Gottes oder der Natur angesehen wird. Das Brot ist eine der vorzüglichsten Gaben Gottes. Die Gaben Gottes verachten. Kinder sind eine Gabe Gottes. Besonders Fähigkeiten des Geistes und Gemüthes, sie mögen nun natürlich, oder erworben, oder unmittelbar von Gott mitgetheilet seyn. Ein Mann von vielen Gaben, Fähigkeiten. Derjenige ist demüthig, der alle seine Gaben - als freywillige und unverdiente Geschenke aus der Hand Gottes betrachtet, Gell. Wenige haben die Gabe, in einem langen Umgange zu gefallen. Die Gabe der Keuschheit. Die Gabe Wunder zu thun. Die Gabe des Glaubens. Anm. Schon Kero gebraucht Gaba, Geba, Keba, der Übersetzer Isidors Gheba, Ottfried Geba, für ein Geschenk. Im Angels. lautet dieses Wort Geof, im Nieders. Geve, Gave, im Dän. Gave, bey dem Ulphilas Giba, im Isländ. Gafwa, im Schwed. Gofwa, Gaf. Das Schwed. Gaf, Glück, das mittlere Lat. Gablum und Ital. Gabella, Steuer, Abgabe, stammt eben daher. Es ist unmittelbar von geben gebildet, so wie der Lateiner Donum, von dare. S. Gaffel und Gift.


Gäbe (W3) [Adelung]


Gäbe, S. Gebe.


Gabel (W3) [Adelung]


1. Die Gabel, plur. die -n, Zins, Steuer, S. Gaffel.


Gabel (W3) [Adelung]


2. Die Gabel, plur. die -n, Diminut. das Gäbelchen, Oberd. Gabellein, ein jedes Ding, an welchem sich zwey Spitzen an einem gemeinschaftlichen Stiele befinden. So werden die Stangen eines Hirsches, die nur aus zwey Enden bestehen, ( S. Gabelhirsch,) ingleichen die zwey obersten Enden eines jeden Hirschgeweihes, bey den Jägern Gabeln genannt. Die Gabel eines Baumastes, wenn sich derselbe in zwey Arme theilet. Die Gabeln oder Gäbelchen an den Weinreben, womit sie sich anhängen. Im gemeinen Leben hat man verschiedene Werkzeuge dieser Art, welche durch allerley Vorsätze von einander unterschieden werden. Dergleichen ist die Eßgabel, welche auch nur schlechthin Gabel genannt wird, und diesen Nahmen behält, wenn sie gleich mehr als zwey Spitzen hat; die Aalgabel, Fleischgabel, Heugabel, Mistgabel, Ofengabel u. s. f. In den Hammerwerken ist die Gabel ein ähnliches eisernes Werkzeug, die aufgetieften Kessel unter dem Hammer auf und nieder zu ziehen; bey den Jägern, eine Stange mit zwey Spitzen, die Zeuge zu stellen und aufzuheben; in der Landwirthschaft, das vorderste Stück eines einspännigen Wagens, welches aus zwey an der Achse zusammen gefügten Deichseln bestehet u. s. f.

Anm. Dieses Wort lautet im Angels. Gafla, im Dän. und Nieders. Gaffel, im Schwed. Gaffel, und bey den ältesten Lateinern Gabalus. Es kommt bey den ältesten Oberdeutschen Schriftstellern nicht vor, und bey den Niederdeutschen ist statt dessen auch Forke üblich. Wachter leitet es von capere her. Wenn der Begriff der Spitze in diesem Worte der herrschende ist, so lässet es sich füglich zu Giebel rechnen, wohin auch das Franz. Javelle, Javellot, ein Wurfspieß, gehöret. Im Bretagnischen ist Gefail eine Zange, und im Wallisischen Gefell doppelt, zwiefach, gemellus, welches gleichfalls ein gutes Stammwort für Gabel abgibt. Im mittlern Lateine bedeutet Gabalus und Gabulum ein Kreuz.


Gabelanker (W3) [Adelung]


Der Gabelanker, des -s, plur. ut nom. sing. 1) In der Schifffahrt, ein mittelmäßiger Anker, welchen man zuweilen einem größern gegen über auswirft, so daß ihre beyderseitigen Taue eine Gabel bilden, und das Schiff hindern, sich auf seinem Ankertaue zu drehen. 2) In der Baukunst, ein eiserner Anker in einem Gebäude, dessen Theile vermittelst einer Gabel und einer durch dieselbe gehenden Schließe an einander gefüget sind. Er wird auch Schließanker, ingleichen Schlauder genannt.


Gabeldeichsel (W3) [Adelung]


Die Gabeldeichsel, plur. die -n, in der Landwirthschaft, eine doppelte Deichsel an einem einspännigen Fuhrwerke. Eine solche Deichsel heißt im Nieders. Klobdiessel, Klobendeichsel, von klöben, spalten; im Österreichischen die Anzen, in Nürnb. Enzen, im Wend. Woinza, vermuthlich von dem veralteten einniz, mitten, weil das Pferd in der Mitte einer solchen Deichsel gehet. S. Gabelwagen.


Gabeler (W3) [Adelung]


Der Gabeler, S. Gabler.


Gabelgehörn (W3) [Adelung]


Das Gabelgehörn, des -es, plur. die -e, bey den Jägern, ein Gehörn oder Hirschgeweih, wo an jeder Stange nur zwey Enden in Gestalt einer Gabel beysammen stehen.


Gabelhirsch (W3) [Adelung]


Der Gabelhirsch, des -es, plur. die -e, ein Hirsch mit einem solchen Gabelgehörne; ein Gabler, Edelknabe.


Gabelholz (W3) [Adelung]


Das Gabelholz, des -es, plur. die -hölzer, im Schiffsbaue, starke Hölzer mit zwey Armen in Gestalt einer Gabel, welche in den Ecken angebracht werden, die Glieder zu verbinden; Gabelstücke.


Gabelicht (W3) [Adelung]


Gabelicht, adj. et adv. einer Gabel ähnlich. Ein gabelichtes Geweih. S. Gabelgehörn.


Gabelig (W3) [Adelung]


Gabelig, adj. et adv. eine oder mehrere Gabeln habend. Ein gabeliger Hirsch, der ein Gabelgehörn hat.


Gabelkraut (W3) [Adelung]


Das Gabelkraut, des -es, plur. inus. eine Pflanze, welche in den sumpfigen Gegenden Europens wächset; Bidens L. Zweyzahn.


Gabelkreuz (W3) [Adelung]


Das Gabelkreuz, des -es, plur. die -e, ein Kreuz in Gestalt einer Gabel oder eines Latein. Y, welches auch ein Schächerkreuz genannt wird.


Gabelmast (W3) [Adelung]


Der Gabelmast, des -es, plur. die -e, in der Schifffahrt, ein Mast, welcher in der Mitte einen Querstock hat, der gegen das Hintertheil hinaus gehet, und woran das Segel befestiget wird.


Gabeln (W3) [Adelung]


Gabeln, verb. reg. act. auf die Gabeln spießen; besonders von den Hirschen, wenn sie Menschen oder Thiere mit den spitzigen Enden ihrer Geweihe verwunden. S. Aufgabeln und Weggabeln.


Gabelnadel (W3) [Adelung]


Die Gabelnadel, plur. die -n, eine Benennung der Haarnadeln, weil sie in Gestalt zweyer Spitzen zusammen gebogen sind.


Gabelnbaum (W3) [Adelung]


Der Gabelnbaum, des -es, plur. die -bäume, ein dem südlichen Europa eigener Baum, dessen Zweige man zum Behuf der Landwirthschaft zu dreyzackigen Gabeln bildet, mit welchen ein beträchtlicher Handel getrieben wird; Lotus arbor fructu cerasi, Celtis fructu nigricante; Franz. Alisier, Fanabregue.


Gabelrichter (W3) [Adelung]


Der Gabelrichter, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Messerschmieden, ein Stück Eisen in dem Amboßblocke, einen Zacken der Gabel nach dem andern darauf zu schmieden.


Gabelstange (W3) [Adelung]


Die Gabelstange, plur. die -n, eine jede Stange, welche vorn eine Gabel hat, und Nieders. Spreet, Holländ. Spriet heißt, wegen der ausgespreiteten oder ausgebreiteten Zacken.


Gabelstück (W3) [Adelung]


Das Gabelstück, des -es, plur. die -e. 1) Im Schiffbaue, S. Gabelholz. 2) Eine Art kleiner Stücke oder Kanonen, welche anstatt der Laveten auf eisernen Gabeln liegen.


Gabelwagen (W3) [Adelung]


Der Gabelwagen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Wagen mit einer Gabeldeichsel; ein Karrenwagen.


Gabenfresser (W3) [Adelung]


+ Der Gabenfresser, des -s, plur. ut nom. sing. eine verächtliche Benennung eines feilen Richters, der sich durch Geschenke bestechen lässet; von Gabe, ein Geschenk.


Gabenherr (W3) [Adelung]


Der Gabenherr, des -en, plur. die -en, in dem Salzwerke zu Halle, eine Benennung der Unterbornmeister, weil sie die Aufsicht über die Gabe, d. i. über die Sohle haben, welche aus dem Salzbrunnen in die Kothe geliefert wird.


Gabler (W3) [Adelung]


Der Gabler, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Im Jagdwesen, ein Gabelhirsch, S. dieses Wort. 2) Ein Seefisch mit Bauchfinnen unter den Brustfinnen, welcher mit einem Panzer versehen ist; Cataphractus L.


Gach (W3) [Adelung]


Gach, S. Jäh.


Gäck (W3) [Adelung]


Gäck, S. Geck.


Gackern (W3) [Adelung]


Gackern, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches eine Nachahmung des Lautes der Hühner ist. Ein Hof voll Hühner sah ihn leiden, Und gackerte dabey vor Freuden, Lichtw. Im Oberdeutschen wird es auch von dem Geschrey der Gänse gebraucht, wofür im Hochdeutschen schnatern üblicher ist. Siehe Gaksen.


Gaden (W3) [Adelung]


Der Gaden, des -s, plur. ut nom. sing. ein nur in den gemeinen Mundarten, besonders Oberdeutschlandes übliches Wort. 1) Ein Zimmer, Behältniß, Gemach. Bey dem Ottfried ist Gadun so wohl ein Speisezimmer, als auch eine Scheuer. Willeram gebraucht Gegademe für ein Gemach. Besonders gebraucht man es so wohl im Ober- als Niederdeutschen noch von demjenigen Theile eines Hauses, wo die Krämer ihre Waaren feil haben, von dem Laden; im Nieders. Gadem, Gaem; in einigen Fällen auch Gat, S. Kattelgat. In der Schweiz ist Milchgaden der Milchkeller, Viehgaden der Kuhstall u. s. f. 2) Ein kleines Häuschen, eine Hütte, so wohl im Ober- als Niederdeutschen. Auch das Niedersächs. Koth, Kothe, ein kleines Haus, scheinet hierher zu gehören. In einigen Oberdeutschen Gegenden ist Gädemer ein Häusler, Nieders. Kothsasse, Kossate, Köther. 3) Ein Stockwerk, in welchem Verstande es so wohl im Ober- als Niederdeutschen häufig vorkommt, wo man auch die Beywörter, zweygädig, dreygädig u. s. f. hat, zwey, drey Stockwerke hoch.

Anm. Es ist dieses eines der ältesten Wörter nicht nur in der Deutschen, sondern auch in dem meisten bekannten Sprachen. Im mittlern Lateine ist Gades ein eingezäunter verwahrter Ort, ein Zimmer, die Gränze. Ptolemäus gedenkt einer Stadt Monosgada. Im Punischen war Gadir ein Zaun, ein Gehäge, wovon auch die Stadt Cadix den Nahmen hat, und im Hebr. ist - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - einzäunen, einhägen, und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - versammeln. S. Gatte, Gatter und Koth, ein Haus.


Gaffel (W3) [Adelung]


* Die Gaffel, plur. die -n, ein nur in einigen Oberdeutschen Gegenden übliches Wort. 1) Zins, Steuer, obrigkeitliche Abgabe; im mittlern Lateine Gabella, Gavlum, Gablagium, im Franz. Gabelle. Besonders ist das Abzugsgeld an einigen Orten unter diesen Nahmen bekannt. 2) Eine Zunft, Innung, Gilde, in welchem Verstande es besonders in Cöln üblich ist. Daher die Gaffelherren, die Abgeordneten aus dem Rathe, welche den Versammlungen der Handwerke beywohnen, die Handwerksherren; der Gaffelmeister, der Älteste der Zunft; der Gaffelknecht, der Zunftdiener u. s. f.

Anm. Es ist dieses Wort aus einer verderbten Aussprache des Wortes Gabe, Gabella, entstanden. S. Gabe. Das Niederd. Gaffel, eine Gabel, gehöret nicht hierher; S. Gabel.


Gaffen (W3) [Adelung]


Gaffen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, mit weit geöffneten Augen stehen. Die Jünger kapfetun, sahen dem aufgefahrenen Christo gen Himmel nach, Ottfr. Die ougen chaffen gegen ihmo, die Augen sehen auf ihn, Notk. Ih chapfen din, ich warte deiner, ebend. Wir lassen alle bluomen stan, Vnd kapfen an das werde wib, Walther v. der Vogelw. Und werden über sich gaffen, und unter sich die Erde ansehen, Es. 8, 22. Noch gafften unsre Augen auf die nichtige Hülfe, bis sie gleich müde wurden, Klagel. 4, 17. In dieser weitern Bedeutung ist es im Hochdeutschen veraltet, wo man es nur noch im verächtlichen Verstande gebraucht, etwas mit aufgesperrten Augen und Munde ansehen, welches ein Merkmahl einer unwissenden Verwunderung ist. Ein Dummer gafft nach allem. Es frommet dir nicht, daß du gaffest nach dem, das dir nicht befohlen ist, Sir. 3, 23. S. Aufgaffen, Angaffen, Begaffen, Vergaffen.

Anm. Im Nieders. gapen, japen, wo es aber nicht nur mit aufgesperrten Augen sehen, sondern auch gähnen, bedeutet; im Hannöv. kapen, Holländ. gapen. Im Engl. ist to gape gähnen und offen stehen. Eigentlich bedeutet dieses Wort offen stehen, und scheinet daher aus der Vorsylbe ge und offen zusammen gesetzet zu seyn. Im Angels. ist geopnian öffnen, und gipan offen stehen. Allein, daß das g in dieser Gestalt schon alt ist, erhellet aus dem alten und neuern Schwed. Gap, und Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, eine Lücke, Öffnung. Im Dän. ist Gab gleichfalls eine Öffnung. Im Niedersächs. hat man von diesem Worte auch das Frequent jappen, mit aufgesperrtem Munde nach der Luft schnappen. Das captare oder cuptare in dem Salischen Gesetze ist vermuthlich auch unser gaffen, sehen. Siehe Maulaffe, Waffel und Gähnen.


Gagath (W3) [Adelung]


Der Gagath, des -es, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, die -e, ein schwarzes glänzendes im Bruche dichtes Erdpech, welches eine Politur annimmt, elektrisch ist, auf dem Wasser schwimmet, aber nicht so angenehm riecht, als der Bernstein. Er heißt auch Bergwachs, und wird im gemeinen Leben oft mit dem Achate verwechselt. Aus dem Griech. und Latein. Gagathes, welchen Nahmen dieses Harz von der Stadt Gaga in Lycien hat, wo man es ehedem zu graben pflegte. Franz. Jaiet, Jette, Jet, Engl. Jet.


Gäh (W3) [Adelung]


Gäh, Gähling, u. s. f. S. in J.


Gähnaffe (W3) [Adelung]


Der Gähnaffe, des -n, plur. die -n, ein am meisten im Oberdeutschen übliches Wort für das Hochdeutsche Maulaffe. Ein Gähnaffe, der eine Sache mit geöffnetem Munde, mit dummer Unwissenheit ansiehet. Gähnaffen feil haben, stehen und das Maul aufsperren. Zumahl wenn mir Lieschen Gähnaffen macht, Weiße im Erntekr. wenn sie mir mit geöffnetem Munde nachäffet. Im Oberd. auch Gienaffe, Nieders. Jahnup; woraus zugleich erhellet, daß die letzte Hälfte dieses Wortes nicht das Hauptwort Affe, sondern aus dem Vorworte auf, Nieders. up, verderbt ist. S. Gähnen und Maulaffe.


Gähnen (W3) [Adelung]


Gähnen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und von derjenigen unwillkührlichen Aufsperrung des Mundes gebraucht wird, welche eine Wirkung der Schläfrigkeit und langen Weile ist, und von der allzu langsamen Bewegung des Blutes durch die Lunge und übrigen Blutgefäße herrühret. Wenn einer gähnet, so gähnet der andere nach, wenn nehmlich sein Körper auf ähnliche Art leidet. Der, wenn er sich einmahl ins Trauerspiel verirrt, Beym Anfang voll Verdruß schon nach dem Ende gähnet, Gieseke. sich aus langer Weile gähnend nach dem Ende sehnet.

Anm. Dieses Wort lautet im Oberd. gienen, gaunen, gangen, im Österr. gametzen, in Baiern gienmaulen, gaumalzen, in Nieders. janen, hojanen, gleichsam hoch gähnen, ingleichen hojappen, im Angels. geonan, im Engl. to yawn, im Schwed. gina, im Wend. sjam, ich gähne, alles in der Hochdeutschen Bedeutung. Es bedeutet eigentlich aufsperren, weit öffnen. Si gineton gagen mir, sie sperreten das Maul gegen mich auf, Notk. Das Erdreich gynet auf von Hitz, birstet, Pict. Im Nieders. heißt janen auch gaffen; etwas anjanen, bejanen, angaffen, begaffen. Im Wallisischen bedeutet Gyn und im Dän. Gane den Gaumen, S. Gaum. Auch das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - gehöret hierher. Übrigens ist gähnen das Intensivum von dem noch im Isländ. befindlichen Zeitworte gia, öffnen, aufsperren, Lat. hiare, Arab. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, apertus fuit, Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, amplitudo. S. Gaffen, welches gleichfalls hierher gehöret, ingleichen Gienmuschel. Viele Hochdeutsche schreiben und sprechen dieses Wort nach dem Muster der Niedersachsen jähnen, welches aber so wohl wider die Abstammung, als auch wider die Hochdeutsche Aussprache ist.


Gähnsucht (W3) [Adelung]


Die Gähnsucht, plur. car. die Neigung zu öfterm Gähnen, welche sich bey verschiedenen Krankheiten findet, wo eine Anhäufung des Blutes, Mangel des Nervensaftes u. s. f. vorhanden ist; Oscedo.


Gahr (W3) [Adelung]


Gahr, fertig zubereitet, S. Gar.


Gährbottich (W3) [Adelung]


Der Gährbottich, des -es, plur. die -e, in dem Brauwesen, ein Bottich, worin das Bier gähret.


Gahre (W3) [Adelung]


Die Gahre, die Zubereitung, der Dünger u. s. f. S. Gare.


Gahre (W3) [Adelung]


Die Gahre, plur. inus. von dem folgenden Zeitworte gähren. 1) Der Zustand, da ein Körper gähret, besonders bey den Bäckern. Man muß dem Sauerteige die gehörige Zeit zur Gahre lassen. In den meisten übrigen Fällen ist das Wort die Gährung üblicher. 2) Der gehörige Grad der Gahre oder Gährung, den ein gährender Körper haben muß. Das Brot hat zu viel Gahre, wenn der Teig zu sehr gegangen ist. In einem etwas verschiedenen Verstande hat das Brot bey den Bäckern die Gahre herkommen, wenn es im Ofen gehörig aufgegangen ist, worauf es heraus gezogen, mit Wasser bestrichen, und dann erst gebacken wird. Auch von andern Körpern, welch durch eine Art von Gährung zubereitet werden. Der Tobak hat eine gute Gahre oder Göre. Da man diese aus dem Geruch erkennet, so wird Gahre, Nieders. Göre, auch von dem Geruche des Tobaks gebraucht. 3) Was die Gährung eines Körpers hervor bringet. In diesem Verstande werden die Bierhefen und der Sauerteig im gemeinen Leben mehrmahls die Gahre oder Gähre, in einem alten 1482 gedruckten Oberdeutschen Vocabulario die Gyre, und im Oberd. auch der Germ oder Görm genannt. In engerm Verstande verstehet man unter den Gahre oder Gohre, die Oberhefen oder Spundhefen des Bieres, zum Unterschiede von den Unterhefen oder Stellhefen. S. Gäscht, Gischt, und Guhr.


Gähren (W3) [Adelung]


Gähren, verb. irreg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert; ich gähre, du gährst (gierst), er gährt (giert); Imperf. ich gohr; Mittelwort gegohren. 1) Eigentlich, in eine innere Bewegung des öhligen Wesens gerathen, wodurch ein Körper aus seiner Mischung gesetzt wird. In dieser weitern Bedeutung kennet man drey Grade der Gährung; die geistige, wodurch ein geistiger Körper hervor gebracht wird; die saure, wodurch eine Säure gewirket wird; und endlich die faule, wodurch viel Alkali entwickelt und der Körper zerstöret wird. In engerm Verstande gebraucht man dieses Wort besonders von den beyden ersten Graden. Der Sauerteig gährt. Das Bier, der Wein hat gegohren. 2) Figürlich. Das Volk ist in einer Gährung, in einer unruhigen Bewegung. Die Sache ist noch im Gähren, ist noch in Bewegung, ist noch nicht zu ihrer Reise gediehen.

Anm. Dieses Wort lautet in den Deutschen Mundarten bald gahren, göhren, gieren, gairen, gühren, bald auch mit dem Zischlaute gäsen, gißen, gäschen, gischen u. s. f. mit welchen letztern Wörtern zugleich auf den Laut gesehen wird, den ein gährender Körper gemeiniglich von sich gibt. Mit dem Zischlaute kommt es schon bey dem Willeram vor, jesen. S. Gäschen. Im Schwed. lautet es göra. Nimmt man die letzte Sylbe ren, welche ein Intensivum andeutet, weg, so kommen wir auf das Zeitwort gehen zurück, welches gleichfalls von dem Gähren, besonders des Teiges und Brotes gebraucht wird. Im Bretagnischen ist goi gähren, Go Sauerteig, und im Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - sich erheben. Hieraus erhellet deutlich genug, daß gähren, nicht von gar, fertig, bereitet, abstamme, wie Frisch glaubte, sondern daß mit diesem Zeitworte auf das Gehen, d. i. auf die innere Bewegung, besonders aber auf die Bewegung in die Höhe gesehen wird, welche man bey allen gährenden Körpern wahrnimmt. Bey den Wenden bedeutet gor noch jetzt hinauf, und im Pohln. ist Gora ein Berg. In einigen Gegenden gehet dieses Wort auch im Präsenti irregulär, du gierst, er giert; dagegen es in andern auch in den übrigen Zeiten ganz regulär gemacht wird, ich gährete, gegähret. Das h hat bloß den langen Gebrauch im Hochdeutschen für sich. S. Guhr.


Gährkammer (W3) [Adelung]


Die Gährkammer, plur. die -n, dasjenige Zimmer in den Brauhäusern, in welchem das Bier gähret.


Gährungmittel (W3) [Adelung]


Das Gährungmittel, des -s, plur. ut nom. sing. ein jeder Körper, welcher eine Gährung in dem andern hervor bringt.


Gähzorn (W3) [Adelung]


Der Gähzorn, S. Jähzorn.


Gaiß (W3) [Adelung]


Die Gaiß, S. Geiß.


Gaksen (W3) [Adelung]


Gaksen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und so wie gackern im gemeinen Leben, von dem Geschreye der Hühner gebraucht wird, besonders wenn sie Eyer gelegt haben; Österr. kakatzen, Nieders. kakeln, Holländ. kaekelen; gaghelen, Schwed. kakla, Engl. to cackle, Ital. checcalare, Franz. caqueter. Im Oberdeutschen bedeutet gaksen auch stottern, wohin auch das im gemeinen Leben übliche, er weiß weder giks noch gaks davon, er weiß nichts davon, zu gehören scheinet.


Galan (W3) [Adelung]


Der Galan, des -es, plur. die -e, im gemeinen Leben, ein Buhler, Liebhaber; aus dem Span. Galan.


Galander (W3) [Adelung]


Der Galander, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Eine Oberdeutsche Benennung der Hauben- oder Heidelerche; Ital. Calandra, Franz. Calandra, im mittlern Lat. Calandrus, Galerannus, Glandara, von dem Lat. Caliendrum, und dieß entweder von Gall, Gesang, gallen, kallen, singen, Angels. galan, wovon auch die Nachtigall, Angels. Gale, und Incantator, Galenderi heißt oder von dem mittlern Lat. Caliendrum, eine Art des Kopfputzes. 2) Bey den Niedersachsen und Holländern wird der braune Kornwurm, der sich vornehmlich in der Gerste in großer Menge aufhält, Curculio granarius L. Kalander, Klander, bey andern Glander, Galander, Franz. Calandre, genannt. In andern Gegenden heißt er Wippel, ingleichen Reiter. 3) Eine andere Art Käfer, welcher sich gern in dem Specke, Fleische, getrockneten Fischen und Fellen aufhält, Dermestes Lardarius L. wird im Deutschen gleichfalls Glander, Holländ. Klander, Dän. Klammer, Franz. Calandre genannt.


Galant (W3) [Adelung]


Galant, -er, -este, adj. et adv. aus dem Franz. galant, im gemeinen Leben. 1) Artig, der guten und feinen Lebensart gemäß. Ein galanter Mensch. Ein galanter Geschmack, welcher reitzende Sachen erzeugt. 2) Verliebt. Galante Gedichte. Ein galantes Frauenzimmer.


Galanterie (W3) [Adelung]


Die Galanterie, (viersylbig,) plur. die -en, (fünfsylbig,) aus dem Französischen Galanterie, auch nur im gemeinen Leben. 1) Feine Lebensart, Höflichkeit, ohne Plural; ingleichen einzelne aus dieser feinen Lebensart herfließende Handlungen, mit dem Plural. 2) Liebeshändel, verliebtes Betragen. 3) Arten des Putzes und der Zierathen, welche zur Mode und seinen Lebensart gehören. Daher die Zusammensetzungen: die Galanterie-Arbeit, oder Galanterie-Waare; der Galanterie-Arbeiter, der solche Sachen verfertiget; der Galanterie-Degen, ein kurzer leichter Degen zur Zierde; der Galanterie-Kram oder Galanterie-Handel, der Handel mit Galanterie-Waaren; der Galanterie-Krämer oder Galanterie-Händler u. s. f.


Galbanum (W3) [Adelung]


Das Galbanum, des Galbani, plur. inus. ein glänzendes weißliches oder rothgelbliches Harz von einem bittern scharfen Geschmacke, und einem angenehmen balsamischen Geruche; Galbansaft, Mutterharz. Die Pflanze, aus welcher er fließet, wächset in Äthiopien, Syrien und Arabien, und wird gleichfalls Galbanum und Mutterharz, von andern aber Gallenkraut genannt; Bubon Galbanum L. Luther nennt es 2 Mos. 30, 34 Galben und Sir. 24, 21 Galban. Der Nahme ist aus dem Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, welches von - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, fett seyn, Fettigkeit, hergeleitet wird. S. Geil und Gelb. Das Galbanöhl wird im Nieders. Galgenbaumöhl genannt.


Galeasse (W3) [Adelung]


Die Galeasse, plur. die -n, aus dem Ital. Galeazza, und Franz. Galeasse, die größte Art Galeeren, von 28 bis 32 Ruderbänken, und 6 bis 7 Mann bey jedem Ruder. Sie haben drey Masten, werden mit 1000 bis 1200 Mann besetzt, und heißen auch Galeonen, aus dem Ital. Galeone.


Galeere (W3) [Adelung]


Die Galeere, plur. die -n, eine Art Schiffe mit niedrigem Borde, welche zwey Maste führet und durch Ruder fortgebracht wird, daher, sie 25 bis 30 Ruder, mit 5 bis 6 Ruderern an jedem, führen; das Ruderschiff. Dieses Rudern wird gemeiniglich von Sclaven und dazu verurtheilten Verbrechern verrichtet. Jemanden auf die Galeeren schicken, ihn zur Galeeren-Arbeit verurtheilen. Der Galeeren-Sclave, der dazu verurtheilet ist; der Galeeren-Capitän, der das Commando auf einer Galeere hat; der Galeeren-Stock, ein rundes Holz, die Galeere daran am Ufer zu befestigen.

Anm. Ehedem schrieb und sprach man dieses Wort nur Galee, welches denn dem Ital. Galea, woher es genommen ist, näher kam. Dän. Galleye, Schwed. Galleia, Engl. Galley. Daß darüber kein Schiff mit Rudern fahren, noch Galeen dahin schiffen werden, Es. 33, 21. Das heutige Galeere, ist aus dem Franz. Galere, im mittlern Lat. Galera. Im Griech. bedeutet - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - schon eine Art Lastschiffe, und im Nieders. ist Jelle eine Art kleiner leichter Ruderschiffe; S. Gölle.


Galeerenanker (W3) [Adelung]


Der Galeerenanker, des -s, plur. ut nom. sing. ein auf den Galeeren üblicher Anker, der aus Einem Stücke geschmiedet ist, und vier Haken oder Schaufeln hat.


Galeone (W3) [Adelung]


Die Galeone, plur. die -n, S. Galeasse.


Galeot (W3) [Adelung]


Der Galeot, des -en, die -en, aus dem Ital. Galeotto, und mittlern Lat. Galeota, der Ruderknecht auf einer Galeere.


Galerie (W3) [Adelung]


Die Galerie, S. Gallerie.


Gälfern (W3) [Adelung]


Gälfern, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, durch Schreyen einen unangenehmen Schall verursachen, im gemeinen Leben. Nieders. galfern, galpern, jalfern, heulen, schreyen. Es ist das Frequet. von dem noch im Oberd. und Nieders. üblichen gelfen, galpen, Engl. to yelp, yawlp, Dän. gylpe, bey dem Ottfried gelbon, welches nicht nur stark rufen, schreyen, sondern auch bellen bedeutet. Wan si gelfent sinen sang tag und naht In dirre gassen, Schenk Ulrich von Winterstetten. Welt zu dir thu ich gelffen, H. Sachs. Ich schrey, o Kunst, zu dir ich gilff, ebend. Gelf kommt in den ältern Schriftstellern mehrmahls für ein Freudengeschrey vor. Es stammet von Gall, Schall, ab, und wird daher richtiger gälfern als gelfern geschrieben. S. Gällen.


Galgant (W3) [Adelung]


Der Galgant, des -es, plur. inus. eine Ostindische Pflanze, Maranta Galanga L. Aus dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . Ihre gewürzhafte scharfe zusammen ziehende Wurzel wird häufig in den Apotheken gebraucht. Sie heißt auch kleiner Galgant; zum Unterschiede von dem großen Galgante, Kaempferia Galanga L. welche gleichfalls eine Ostindische Pflanze ist, deren Wurzel aber nicht so viele gewürzhafte Kräfte besitzet. Eine Art Strickgras mit einem runden Halme und Blättern, welche am Rande und auf dem Rücken mit Dörnern besetzt sind, und welches in den Europäischen Sümpfen wächset, Schoenus Mariscus L. wird von einigen Deutscher Galgant genannt.


Galgen (W3) [Adelung]


Der Galgen, des -s, plur. ut nom. sing. ein senkrecht stehender Pfahl mit einem Querholze, besonders so fern dieses Werkzeug dazu dienet, Übelthäter daran zu henken. An den Galgen kommen, gehenket werden. Er hat den Galgen mehr als Ein Mahl verdienet, die Strafe des Galgens. Ein Verbrechen, auf welchem Galgen und Rad stehet. In der anständigern Sprechart wird der Galgen das Hochgericht, in der Sprache der Spitzbuben aber die Feldglocke genannt. Wegen einiger Ähnlichkeit in der Gestalt führen auch andere Werkzeuge diesen Nahmen. Dahin gehöret der Galgen an einem Schöpfbrunnen, der senkrecht stehende Baum, worin der Schwängel beweglich ist. In den Salzkothen ist der Galgen ein Gerüst über dem Eingange der Salzstätte, worauf man Salz stellet oder Holz leget. An den Buchdruckerpressen ist es eine hölzerne Lehne am Ende des Laufbretes, an welche sich der geöffnete Deckel anlehnet; an dem Pferdezäumen ein Mundstück oder Gebiß in Gestalt eines Bogens. S. Galgenmundstück.

Anm. Dieses Wort lautet schon bey dem Ulphilas Galga, und bey dem Ottfried Galgen, wo es von dem Kreuze gebraucht wird, im Schwed. Galge, im Engl. Gallow, im Angels. Galg, Gual, Galga, im Holländ. Galghe, im Dän. Galge. Zu Carls des Großen Zeit bedeutete Galgo auch einen Schöpfbrunnen, ohne Zweifel um des darüber befindlichen einem Galgen ähnlichen Schöpfgerüstes willen. Wachter, Haltaus und andere haben von dem Ursprunge dieses Wortes allerley seltsame Meinungen. Ihre leitet es mit mehrerm Glücke von dem Isländ. Gagl, der Ast, der Gipfel eines Baumes, der Zagel, Nieders. Zelke ab, weil man doch daran zuerst die Missethäter gehenket hat, ehe man eigene Säulen dazu errichtete.


Galgenberg (W3) [Adelung]


Der Galgenberg, des -es, plur. die -e, der Berg oder Hügel, worauf sich ein Galgen befindet.


Galgendieb (W3) [Adelung]


Der Galgendieb, des -es, plur. die -e, ein des Galgens würdiger Dieb, den man auch einen Galgenschwengel, Galgenschelm, und im Nieders. schlechthin Galge zu nennen pflegt.


Galgenfrist (W3) [Adelung]


Die Galgenfrist, plur. die -en, eigentlich, der kurze Aufschub, den ein zum Galgen verurtheilter Missethäter erhält. Noch mehr figürlich im gemeinen Leben, der kurze Aufschub einer unangenehmen Handlung. Es ist nur eine Galgenfrist.


Galgenholz (W3) [Adelung]


Das Galgenholz, des -es, plur. inus. das Holz von einem Galgen. Im gemeinen Leben sagt man von einem falschen Menschen, er sey so falsch wie Galgenholz, weil dieses Holz der Witterung beständig ausgesetzet, und daher gemeiniglich mürbe und brüchig ist.


Galgenmännchen (W3) [Adelung]


Das Galgenmännchen, oder Galgenmännlein, des -s, plur. ut nom. sing. S. der Alraun.


Galgenmundstück (W3) [Adelung]


Das Galgenmundstück, des -es, plur. die -e, ein Mundstück oder Gebiß eines Pferdezaumes mit einem Galgen oder Bogen.


Galgenrekel (W3) [Adelung]


Der Galgenrekel, des -s, plur. ut nom. sing. S. Mandelkrähe.


Galgenschelm (W3) [Adelung]


Der Galgenschelm, des -es, plur. die -e, S. Galgendieb.


Galgenschwengel (W3) [Adelung]


+ Der Galgenschwengel, des -s, plur. ut nom. sing. in den niedrigen Sprecharten, ein an dem Galgen hängender Missethäter; ingleichen ein Mensch, der den Galgen verdient hat; Nieders. Galgenknepel.


Galgensteuer (W3) [Adelung]


Die Galgensteuer, plur. die -n, in einigen Gegenden, diejenige Steuer, welche die Unterthanen zur Erbauung der Gerichtstätte, und zur Unterhaltung der ganzen Peinlichkeit entrichten müssen.


Galgenstrick (W3) [Adelung]


+ Der Galgenstrick, des -es, plur. die -e, in den niedrigen Sprecharten, ein des Galgens würdiger Mensch; im niedrigen Scherze auch wohl ein leichtfertiger Mensch. S. Galgendieb.


Galimatias (W3) [Adelung]


Das Galimatias, (sprich Galimatia,) plur. ut nom. sing. aus dem Französischen Galimatias, in den schönen Wissenschaften, eine ungeschickte Verbindung wider einander laufender Begriffe und Bilder, welche keinen vernünftigen Verstand gewähren; Unsinn, bey den Engländern Nonsense.


Galion (W3) [Adelung]


Galion, Galiote, S. Gallion, Galliote.


Galitzenstein (W3) [Adelung]


Der Galitzenstein, des -es, plur. inus. eine im gemeinen Leben übliche Benennung des weißen Zinkvitrioles, S. dieses Wort. Im mittlern Lateine bedeutet Galitium eine Walkmühle.


Gall (W3) [Adelung]


Gall, adj. et adv. unfruchtbar, S. Gelt.


Gall (W3) [Adelung]


* Der Gall, des -es, plur. die -e, ein nur noch im Oberdeutschen übliches Wort, den Schall zu bezeichnen. Mich daucht ich hort ein Gal, H. Sachs In den Zusammensetzungen Nachtigall, Seegall ist dieses Wort auch noch im Hochdeutschen üblich. In einigen, selbst Niederdeutschen Gegenden, lautet es Galm, bey dem Kero Calm, bey dem Ottfried Galm. Im Hochdeutschen ist dafür mit Vorsetzung des Zischlautes Schall üblich. S. Gällen und Hall.


Galla (W3) [Adelung]


Die Galla, plur. inus. aus dem Spanischen Gala, und dieß aus dem Arab. Challah, festliche Prachtkleidung. Der Hof ist in Galla, in festlicher Pracht. Es ist auf morgen Galla angesagt worden. Daher die Gallakleidung, oder Gallatracht, der Gallatag u. s. f. Ohne Zweifel ist dieses Wort zu Carls V Zeiten mit andern Spanischen Wörtern und Gebräuchen den Deutschen Höfen bekannt geworden.


Gallapfel (W3) [Adelung]


Der Gallapfel, des -s, plur. die -äpfel, runde Auswüchse an den Blättern der Eichen, welche durch den Stich kleiner Wespen verursacht werden, ( S. Gallinsect,) und einen sehr bittern Geschmack haben. In einigen Gegenden werden sie Laubäpfel, Gallen, Knoppern, und im Nieders. Eichäpfel genannt. Man hat dergleichen Auswüchse auch auf andern Gewächsen, z. B. auf den Rosen, Weiden u. s. f. da sie aber Rosenäpfel, Dornrosen, Weidenrosen u. s. f. heißen.

Anm. Im Lat. Galla, im mittlern Lat Galga nux, Galiqua, daher auch die Schuster Gallarii hießen, weil sie das Leder damit bereiteten; im Engl. Gall, Schwed. Gall, Galläple. Entweder von der gelben Farbe, ( S. Gelb,) oder von der Bitterkeit, ( S. Galle,) oder endlich auch von der runden Gestalt. Im Altfranz. war Gal, Dän. Galde, ein Kiesel, Caillou, im mittlern Lat. Gallus, und noch jetzt sind im Franz. Gallets oder Jalets kleine runde Steine oder thönerne Kugeln, welche man von einem Schnepper schießet.


Galläpfelfliege (W3) [Adelung]


Die Galläpfelfliege, plur. die -n, S. Gallinsect.


Galle (W3) [Adelung]


1. Die Galle, plur. die -n, eine im gemeinen Leben übliche Benennung verschiedener rundlicher Erhöhungen. 1) Der Galläpfel, welche in mehrern Gegenden nur Gallen heißen; Siehe Gallapfel. 2) Eines fehlerhaften häutigen Auswuchses unter der Zunge der Pferde, in der Größe einer Bohne; Franz. les Barbes, Barbillons. 3) Eine andere Krankheit an den Knien der Pferde, welche in einer wässerigen Geschwulst bestehet, wird die Flußgalle genannt, zum Unterschiede von der Steingalle. Beyde können indessen auch zu dem folgenden Worte gerechnet werden.

Anm. Daß Gall, Galle, schon von den ältesten Zeiten an etwas Erhabenes, Rundes bedeutet hat, erhellet unter andern auch aus dem Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, ein Haufe, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, wälzen, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, ein Rad u. s. f. S. Gallapfel Anm.


Galle (W3) [Adelung]


2. Die Galle, plur. die -n, eine im gemeinen Leben übliche Benennung verschiedener Arten von Mängeln, besonders fehlerhafter Flecken, oder Stellen. 1) Ein fehlerhafter Flecken in dem Hufe der Pferde, welcher bis auf das Leben gehet, und auch die Steingalle genannt wird, zum Unterschiede von der Flußgalle; S. das vorige. 2) Flecken von dem Harze in dem Taugelholze, welche Spalten und Risse in demselben machen, werden im Forstwesen Harzgallen genannt. 3) Fehlerhafte Stellen in der Seele einer gegossenen Kanone heißen gleichfalls Gal- len. 4) Ein heller Schein am Himmel, wie der Fuß eines Regenbogens, der Sonne gegen über, welcher für ein Zeichen eines bevorstehenden Sturmes gehalten wird, führet im gemeinen Leben den Nahmen einer Windgalle; so wie 5) ein unvollkommner Regenbogen, oder ein Stück von einem Regenbogen, eine Regengalle oder Wassergalle genannt wird. 6) Die Fäulniß. So bald die Seele gesegnet hat, so sehen wir, daß das übrige gewesen sey, ein Schleim und Galle, ein Gestank und etwas das ich nicht nennen mag, Opitz. Im Nieders. heißt die Fäulniß in dem Käse die Galle. Im Westphäl. bedeutet galmen einen widrigen Geruch und Geschmack haben, wie z. B. der Knoblauch.

Anm. Im Isländ. bedeutet Galle ausdrücklich einen Mangel, einen Fehler, und galen ist im Schwed. so wie gall im Dänischen, fehlerhaft, mangelhaft. Auch das Schwed. gall, unfruchtbar, gelt, scheinet hierher zu gehören. Im Engl. ist to gall die Haut verwunden. S. Gelt.


Galle (W3) [Adelung]


3. Die Galle, plur. die -n, eine im gemeinen Leben übliche Benennung verschiedener Arten von Feuchtigkeit, und deren Zusammenflusses. 1) Nasse Stellen auf den Äckern, besonders wenn sie von kleinen Quellen herkommen, werden in der Landwirthschaft Gallen, Ackergallen oder Wassergallen, imgleichen Springstagen, Quellgründe genannt. 2) Hierher scheinet auch die Glasgalle zu gehören, worunter man den weißen flüssigen Schaum verstehet, welcher sich in den Glastöpfen von dem geschmelzten Glase scheidet.

Anm. In der Bedeutung einer Quelle oder eines feuchten Ortes ist dieses Wort gleichfalls sehr alt. Schon im Hebr. ist - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - so wohl eine Quelle, als auch eine Welle. Im Alban. bedeutet Ggjoll einen Sumpf. Pictorius gebraucht Güllen von einer Pfütze, und Mistgüllen von einer Mistpfütze. Steingalle ist bey ihm die Feuchtigkeit, welche aus den Steinen tröpfelt; güllachtig und wassergällig, sumpfig. Gähl bedeutet um Bremen einen niedrigen mit Buschwerk bepflanzten Grund, durch welchen ein Wasserlauf geht. S. Gölle, Quelle, welches genau mit diesem Worte verwandt ist, und Welle. Im Alemann. Gesetze ist Gall, und im Franz. la Galle, die Krätze, vermuthlich um der damit verbundenen Nässe willen.


Galle (W3) [Adelung]


4. Die Galle, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, die -n, eine bittere, seifenartige, gelblich grüne, und zuweilen schwarze Feuchtigkeit in den thierischen Körpern, welche zur Verdauung der Speisen sehr nothwendig ist, aber wenn sie sich zu häufig in den Magen ergießet, auch allerley Krankheiten verursacht. 1. Eigentlich. Die Galle läuft ihm über, die Galle wird bey ihm rege, sagt man im gemeinen Leben von einem Menschen, der zornig wird. Bitter wie Galle. Die schwarze Galle, atra bilis, ein von der vorigen Galle verschiedener, brauner dicker Saft, der von dem Blute abgesondert wird, sich in den Nebennieren befindet, und ein Merkmahl eines mürrischen, verdrießlichen und zornigen Temperamentes ist. Werden sie mir denn ewig meine Einsamkeit und meine schwarze Galle vorwerfen? Die Galle plaget ihn, sagt man von einem mürrischen Menschen, dessen dickes zähes Blut viele schwarze Galle absondert. Ihre Galle ist eine Zeit lang stille gewesen, aber nun hat sie sich desto stärker ergossen. 2. Figürlich. 1) Der Schwanz des Rothwildbretes bey den Jägern, weil derselbe der Sitz der Galle seyn soll, daher er auch sehr bitter ist. 2) Unangenehme Empfindungen, und was dieselben verursacht. Die Freude dieser Welt hat Galle, Opitz. Das Volk mit Galle tränken, Jer. 9, 15. 3) Bitterkeit des Herzens, feindselige zum Schaden geneigte Gesinnung. Honig im Munde, Galle im Herzen. Du bist voll bitterer Galle, Apostelgesch. 8, 23. Ich wollte lesen, aber meine Galle widersetzte sich, mein Unmuth.

Anm. Bey dem Ottfried und Notker Gallun, bey dem Raban Maurus. Galla, im Nieders. Galle, im Angels, Gealla, im Engl. und Isländ. Gall, im Schwed. Galla, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . Auch das Lat. Fel und Bilis scheinen hierher zu gehören, weil der Übergang der Lippen- und Blaselaute in die Gaumen- und Hauchlaute nichts seltenes ist. Bey dem hohen Alter dieses Wortes ist es ungewiß, ob es von gelb, im mittlern Lat. giallus, Engl. yellow, oder von einem der vorigen Wörter herstammet. Im Oberd. lautet es in der zweyten und den folgenden Endungen auch Gallen. Sie geben mir Gallen zu essen, Ps. 69, 22. Essig mit Gallen vermischt, Matth. 27, 34. Das Recht in Gallen wenden, Amos 6, 12; welche Form auch in vielen der folgenden Zusammensetzungen beybehalten worden.


Gallen (W3) [Adelung]


1. Gallen, verb. reg. act. mit Galläpfeln zubereiten, in den Seidenfabriken, wo die Seide gegallet wird, wenn sie durch ein oder zwey Bäder von Galläpfeln gezogen wird. S. Gallapfel.


Gallen (W3) [Adelung]


2. Gallen, verb. reg. neutr. Mit dem Hülfsworte haben, welches nur bey den Jägern üblich ist, sein Wasser lassen, feuchten, in dem gemeinen Umgange der Meißner schollen. S. 3 Galle.


Gallen (W3) [Adelung]


3. Gallen, verb. reg. act. welches nur im gemeinen Leben einiger Gegenden üblich ist. Einen Fisch gallen, die Galle aus demselben heraus nehmen. S. 4 Galle.


Gällen (W3) [Adelung]


Gällen, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, einen Schall von sich geben, schallen. Er schrie, daß das ganze Haus gällete. Die Ohren gällen mir, wenn man ein klingendes Getöse in denselben empfindet. Er das hören wird, dem werden seine beyden Ohren gellen, 1 Sam. 3, 11. Nun liefen sie alle mit einem gällenden Hohngelächter aus einander. Und schreyen bis er weit durch Berg und Thäler gellt, Canitz. Und singt und seufzet seinen Schaum Bis ihr das Ohr fast gellt, Haged. Anm. Gällen, Nieders. gellen, im Schwed. gaella, im Isländ. gialla, im Wallis. galw, im Engl. to yell, im Holländ. ghillen, im Dän. gale, stammet von Gall, Schall, ab, und wird daher richtiger mit ä als mit e geschrieben. Im Nieders. hat man von diesem Neutro auch das Activum gillen, ein durchdringendes Geschrey machen, ( S. Geilen,) womit auch das Oberd. gällen, bellen, das Engl. to yell, heulen, das Schwed. und Isländ. gala, singen, das Schwed. kalla, nennen, rufen, das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, rufen, und das Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, loben, preisen, und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, rufen, überein kommt. S. Gall, Gälfern, Hallen, Heulen, Schallen, Schelten. Mit einem andern Ableitungslaute bedeutet galmen im Nieders. gleichfalls hallen oder schallen.


Gallenader (W3) [Adelung]


Die Gallenader, plur. die -n, in der Zergliederungskunst, zwey Äste der Pfortader, welche durch die ganze Gallenblase gehen; Venae cysticae. Auch wird ein Ast der untern Hohlader die schwarze Gallenader genannt.


Gallenbitter (W3) [Adelung]


Gallenbitter, adj. et adv. bitter wie Galle.


Gallenblase (W3) [Adelung]


Die Gallenblase, plur. die -n, ein häutiges Gefäß in Gestalt einer Birn, im untern Theile der Leber, in welchem sich die überflüssige Galle sammelt, damit es in dem kleinen Magen niemahls daran fehle. Daher der Gallenblasengang oder Gallengang, derjenige Gang, durch welchen die Galle aus der Leber in die Gallenblase kommt; Ductus hepaticus. An den Bienen wird das Säcklein im Leibe, worin sie ihren Stachel tragen, gleichfalls die Gallenblase oder Giftblase genannt.


Gallenfieber (W3) [Adelung]


Das Gallenfieber, des -s, plur. von mehrern Arten ut nom. sing. dasjenige Fieber, welches von allzu vieler und scharf gewordener Galle entstehet, wenn sich dieselbe mit dem Blute vermischet, dasselbe scharf macht, und die innern Häute der Blutgefäße reitzet.


Gallengang (W3) [Adelung]


Der Gallengang, des -es, plur. die -gänge, in der Zergliederungskunst, alle diejenigen Gänge, wodurch die Galle aus der Leber in die Gallenblase, und aus dieser wiederum in den Magen geführet wird; Pori biliarii, Ductus hepaticus; die Gallengefäße. S. Gallenblase. Der große Gallengang, Ductus choledochus oder cysticus, führet die Galle in den Zwölffingerdarm.


Gallengefäß (W3) [Adelung]


Das Gallengefäß, des -es, plur. die -e, S. das vorige.


Gallenkolik (W3) [Adelung]


Die Gallenkolik, plur. von mehrern Arten, die -en, eine Kolik, welche von verdorbener Galle herrühret, und bey welcher durch Erbrechen oft eine grüne und gelbliche Materie abgehet; Colica biliosa.


Gallenkrankheit (W3) [Adelung]


Die Gallenkrankheit, plur. die -en, eine jede Krankheit, welche von allzuhäufiger oder auch von verdorbener Galle verursacht wird.


Gallenkraut (W3) [Adelung]


Das Gallenkraut, des -es, plur. inus. S. Galbanum.


Gallenstein (W3) [Adelung]


Der Gallenstein, des -es, plur. die -e, ein Stein, der sich in der Gallenblase oder in den Gallengängen erzeuget.


Gallensucht (W3) [Adelung]


Die Gallensucht, plur. inus. eine Krankheit, welche aus einer Verstopfung der Gallengänge, entweder durch Stein, oder durch ein dickes und zähes Blut, oder auch durch eine heftige Erschütterung der Galle entstehet, so daß diese durch die Zweige der Pfortader gehet und sich mit dem Blute vermischet; die Gallsucht. Weil dabey der ganze Körper, besonders aber die Augen, mit einer gelben Farbe überzogen sind, so wird sie auch die gelbe Sucht, oder Gelbsucht genannt. Die schwarze gelbe Sucht, wenn sich bereits eine sauere Schärfe in dem Körper befindet, wodurch eine schwärzere und dunklere Farbe erzeuget wird.


Gallensüchtig (W3) [Adelung]


Gallensüchtig, oder Gallsüchtig, adj. et adv. mit der Gallensucht, behaftet. Auch figürlich, für mürrisch, verdrießlich, zum Zorne geneigt. Ein Gallsüchtiger, der des Vergnügens spottet, und der Freude flucht, Sonnenf.


Galleote (W3) [Adelung]


Die Galleote, S. Galeote.


Gallerie (W3) [Adelung]


Die Gallerie, (dreysylbig,) plur. die -n, (viersylbig,) aus dem Franz. Galerie, und Ital. Gallaria, ein langer zierlicher Gang; ingleichen in Pallästen, ein Zimmer, welches ungleich länger als breit ist. Die Bilder-Gallerie, Gewehr-Gallerie u. s. f. In der Stagirer Schul und Zenons Galerey, Opitz. Auf den Schiffen ist es ein hervor springender Altan am Hintertheile des Schiffes vor der Kammer des Capitäns; in dem Festungsbaue, ein Gang, welche bey der Belagerung einer Festung über den Hauptgraben gemacht wird, damit die Minirer darüber können. Im mittlern Lat. Galeria, Galleria, Galilaea, von aller, gehen, wallen, wohin auch das Lat. Callis gehöret.


Gallerte (W3) [Adelung]


Die Gallerte, plur. von mehrern Arten, die -n, ein schleimiges Wesen, dem eine gewisse Menge von seinem Wasser entzogen worden, wodurch es eine Consistenz erhält, ohne doch die Durchsichtigkeit des Wassers zu verlieren; Franz. Gelee, im Oberd. die Sulze. Fischgallerte u. s. f. Bey den neuern Schriftstellern des Pflanzenreiches, wird auch eine gewisse Art Pflanzen, deren kaum sichtbare Fructificationen in einem gallertartigen Wesen befindlich sind, Gallerte genannt; Tremella L. Das Nostoch ist eine der merkwürdigsten Arten derselben. S. dieses Wort.

Anm. Dieses Wort, welches bey den Schriftstellern der vorigen Jahrhunderte Galrey, Gallhart, Gallrad, Galraid, und im mittlern Lateine Galatina, Geltina, Galreda, Geladria u. s. f. lautet, stammt wohl nicht von dem Lat. gelatus her, wie Frisch will, sondern von einem guten alten Deutschen Stamme. Im Dithmarsischen bedeutet Keller noch jetzt geronnene Milch, und kellern gerinnen, geliefern. Ob das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, Milch, gleichfalls dahin gehöre, mögen andere entscheiden. S. das folgende.


Gällig (W3) [Adelung]


Gällig, -er, -ste, adj. et adv. hart, fest. Unter dem Moße lag ein gelliger Stein, Theuerd. Kap. 62. Ein Zinkh der haftet allein In dem harten gelligen stein, Theuerd. Kap. 20. Im Hochdeutschen kommt dieses Wort nur bey den Bergleuten vor. Der Gang liegt im gälligen Felsen, wenn er fest anstehet, keine Ablösung hat.

Anm. Frisch glaubt, dieses Wort komme von Gall, Schall, her, und bedeute eigentlich so hart, daß es gleichsam klinge. Allein es scheinet vielmehr zum mittlern Lat. Callus, ein Stein, Franz. Caillou; zu gehören.


Gall-Insect (W3) [Adelung]


Das Gall-Insect, des -es, plur. die -e, eine Art Mücken mit vier aufgeblasenen Flügeln, welche ihre Eyer auf die Blätter und Blumen verschiedener Bäume und Pflanzen legt, und dadurch diejenigen Auswüchse veranlasset, welche an den Eichen, Eichenrosen und Galläpfel, an den Weiden und Dornen aber Weidenrosen und Dornrosen genannt werden; Cynips L. die Gallenfliege. S. Weidenrose.


Gallion (W3) [Adelung]


Das Gallion, des -es, plur. die -e, an den großen Schiffen, das Vordertheil des Schiffes. Das Gallion gegen Land kehren. Holländ. Galjoen. S. Gölle und Gelte.


Gallione (W3) [Adelung]


Die Gallione, plur. die -n, eine Art großer Kriegsschiffe von drey bis vier Verdecken, besonders in Spanien. In weiterer Bedeutung nennen die Spanier alle Schiffe in Amerika, sie mögen groß oder klein seyn, Gallionen. Span. Gallione. S. Galeere und Gölle. Man muß dieses Wort mit Galeone, eine große Galeere, nicht verwechseln.


Gallionist (W3) [Adelung]


Der Gallionist, des -en, plur. die -en, derjenige, der an dem Handel der Spanischen Gallionen, welche nach Amerika segeln, Theil hat.


Galliote (W3) [Adelung]


Die Galliote, plur. die -n, eine Art runder mittelmäßiger Fahrzeuge in Holland und andern Ländern, welche einen Mast und einige kleine Stücke führet. Bombardier-Galliote, Fischer-Galliote, Fluß-Galliote u. s. f. Die Galeote, eine kleine Galeere, ist nicht damit zu verwechseln, obgleich ihre Benennungen aus Einer Quelle herfließen. S. Gölle und Gelte.


Gallivate (W3) [Adelung]


Die Gallivate, plur. die -n, eine Art von Last- und Kriegsschiffen in den Ostindischen Gewässern, welche einen sehr schräge stehenden Mast haben, und auch Gallwetten genannt werden.


Gallloch (W3) [Adelung]


Das Gallloch, des -es, plur. die -löcher, die Öffnungen an einem Glockenthurme, durch welche sich der Gall oder Schall verbreitet; die Schallöcher.


Gallosche (W3) [Adelung]


Die Gallosche, oder Gallusche, plur. die -n, in einigen Gegenden Oberdeutschlandes, hölzerne Schuhe der Bauern und gemeinen Leute. Aus dem Ital. Galloccia, Franz. Galoche, im mittlern Lat. Calo, Calopes, und dieß von dem Griechischen - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, Holz.


Gallsucht (W3) [Adelung]


Die Gallsucht, Gallsüchtig, S. Gallensucht, Gallensüchtig.


Gallthier (W3) [Adelung]


Gallthier, S. Gelt.


Galluschel (W3) [Adelung]


Der Galluschel, des -s, plur. ut nom. sing. S. Milchschwamm.


Gallwette (W3) [Adelung]


Die Gallwette, plur. die -n, S. Gallivate.


Galm (W3) [Adelung]


Der Galm, des -es, plur. die -e, S. Gall.


Galmen (W3) [Adelung]


Galmen, S. Gällen, Anm.


Galmey (W3) [Adelung]


Der Galmey, des -es, plur. von mehrern Arten, die -e, ein mit Eisenocher vererzter Zink, welcher grau, gelb, roth oder braun von Farbe ist, und durch dessen Zusatz das Messing aus dem Kupfer bereitet wird. Ital. Gellamira, im mittlern Lat. Calia, Calamina. Er kommt so wohl in lockerer, als derber Gestalt vor. In der letztern wird er Galmeystein genannt.


Galmeyflug (W3) [Adelung]


Der Galmeyflug, des -es, plur. inus. ein weißer wollichter Körper, welcher von dem Gallmeye in offenem Feuer in die Höhe steiget, und auch Galmeyblumen, Almey, weißer Nicht genannt wird.


Galone (W3) [Adelung]


Die Galone, plur. die -n, im Handel und Wandel, eine Benennung stark durchbrochener goldener, silberner oder seidener Borten, besonders aber der beyden ersten Arten; aus dem Franz. Galon. In der Straßb. Polizeyordn. von 1608 heißen sie schon Galaunen.


Galopp (W3) [Adelung]


Der Galopp, des -es, plur. von mehrern Arten, die -e, derjenige schnelle Gang eines vierfüßigen Thieres, besonders eines Pferdes, wobey es die beyden Vorderfüße fast zugleich etwas hoch erhebet, und mit den Hinterfüßen auf gleiche Weise folget; welches der mittlere Gang zwischen dem Trotte, und der Carriere oder dem gezogenen Galoppe ist. Anm. Wir haben dieses Wort freylich zunächst aus dem Franz. Galop und Ital. Galoppo entlehnet; allein eigentlich stammet es doch aus dem Deutschen her. Bey dem Ulphilas ist klaupan, und im Angels. kleapan, laufen, springen, Engl. to leap, Nieders. lopen, im Isländ. hleipa, wohin auch das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, und das Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, transiit, und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, transitus, zu gehören scheinen. S. Laufen.


Galoppiren (W3) [Adelung]


Galoppiren, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, den Galopp gehen, im Galoppe gehen. Das Pferd galloppiren lassen. Das Pferd galoppiret sanft, schwer u. s. f.


Gälse (W3) [Adelung]


Die Gälse, plur. die -n, S. Mücke und Schnake.


Galstrig (W3) [Adelung]


Galstrig, adj. et adv. S. Ranzig.


Gält (W3) [Adelung]


Gält, unfruchtbar, S. Gelt.


Gälte (W3) [Adelung]


Gälte, ein Gefäß, S. Gelte.


Gam (W3) [Adelung]


Gam, S. Bräutigam, Anm.


Gamander (W3) [Adelung]


Der Gamander, des -s, oder das Gamanderlein, des -s, plur. inus. eine Pflanze, Teucrium L. nach welchem die Erdkiefer, oder das Schlagkraut, das Katzenkraut, die Skorodonie, der Lachenknoblauch, der Bathengel, u. s. f. zu diesem Geschlechte gehören. Auch eine Art des Ehrenpreises, deren Blumentrauben aus den Winkeln der Blätter entspringen, Veronica Chamaedris L. führet in einigen Gegenden den Nahmen des Gamanderleins. Im Engl. lautet dieser Nahme Germander, Franz. Germandree, welche Nahmen, so wie der Deutsche, vermuthlich aus dem Griech. und Latein. Chamaedrys verunstaltet sind, welchen diesen Pflanzen bey den ältern Kräuterkennern führen, und den der Bathengel und der jetzt gedachte Ehrenpreis bey dem Linnee hat.


Gäms (W3) [Adelung]


Der Gäms, eine Steinart, S. Kamm 1.


Gämse (W3) [Adelung]


Die Gämse, S. Gemse.


Ganasse (W3) [Adelung]


Die Ganasse, plur. die -n, an den Pferden, der Kinnbacken, wenn er fast die Kehle berühret; aus dem Franz. Ganasse, und Ital. Ganassa, Ganascia.


Ganerbe (W3) [Adelung]


Der Ganerbe, des -n, plur. die -n, ein nur noch in einigen Gegenden übliches Wort, so wohl einen Miterben, als auch einen Mitbesitzer zu bezeichnen, jemanden, der nebst andern an einem Gute Theil hat. So werden in einigen Gegenden die Pfänner, welche an einer Salzpfanne Theil haben, Ganerben genannt. Am bekanntesten sind unter diesem Nahmen diejenigen adeligen Familien geworden, welche sich zu den Zeiten des Faustrechtes vereinigten, sich und ihre Güter in einem gemeinschaftlichen Schlosse zu beschützen, welches daher ein Ganerbenhaus oder Ganerbenschloß genannt wurde, dergleichen noch viele in der Wetterau angetroffen werden.

Anm. Schon in dem alten Lege Ludov. et Lothar. um das Jahr 840 bedeutet Geanerbe einen Miterben, Cohaeredem, in welcher Bedeutung auch Notker das Wort Canherbe gebraucht. In dem Sächsischen Landrechte sind Ganerben Seitenverwandte. Man glaubt, daß die Sylbe Gan aus gemein zusammen gezogen sey.


Ganerbengericht (W3) [Adelung]


Das Ganerbengericht, des -es, plur. die -e, in einigen Gegenden, ein gemeinschaftliches Gericht, welches von mehrern besessen und ausgeübet wird; ein Sammtgericht.


Ganerbenhaus (W3) [Adelung]


Das Ganerbenhaus, des -es, plur. die -häuser, siehe Ganerbe.


Ganerbschaft (W3) [Adelung]


Die Ganerbschaft, plur. die -en. 1) Die Verbindung der Ganerben oder gemeinschaftlichen Besitzer unter einander. 2) Ein solches Ganerbenschloß und dessen Gebieth; ingleichen 3) die gemeinschaftlichen Besitzer selbst.


Ganerbschaftlich (W3) [Adelung]


Ganerbschaftlich, adj. et adv. in einigen Gegenden, für gemeinschaftlich. Ein Schloß ganerbschaftlich besitzen.


Gang (W3) [Adelung]


Der Gang, des -es, plur. die Gänge, das Abstractum von dem Zeitworte gehen. I. Die Handlung des Gehens, oder der Veränderung des Ortes vermittelst der Füße; ohne Plural. 1. Eigentlich. Erhalte meinen Gang auf deinen Fußsteigen, Ps. 17, 5. Daß, wenn du gehest, dein Gang dir nicht sauer werde, Sprichw. 4, 12. Mir wird die Pause selbst zu lang, Drum förderte ich meinen Gang, Michael. Am häufigsten in den Zusammensetzungen, Kirchgang, Ausgang, Abgang, Aufgang, Durchgang u. s. f. 2. Figürlich. 1) Den Gang auf den Wald verrichten, im Nürnbergischen, die Aufsicht darüber führen. 2) Bewegung eines leblosen Körpers. Eine Uhr, eine Mühle, in den Gang bringen. Stockende Säfte in dem menschlichen Körper wieder in den Gang bringen. Dahin auch die Zusammensetzungen, Blutgang, Stuhlgang, Ausgang, Aufgang, Durchgang u. s. f. gehören. 3) Die Fortsetzung, der Erfolg einer Sache. Einer Sache ihren Gang lassen, wofür auch das Wort Lauf üblich ist. 4) Eine Mode, eine Waare in den Gang bringen, machen, daß sie Abgang finde. Die Blattern sind jetzt im Gange, grassiren. Die Aufmerksamkeit im Gange erhalten, sie thätig erhalten. II. Besonders in Rücksicht auf die Art und Weise, wie man gehet; auch ohne Plural. 1. Eigentlich. Ich kenne ihn an seinem Gange. Ein langsamer, flüchtiger, träger, schläfriger, nachlässiger Gang. Ihr, rief er, hinkt, ich aber nicht, Den Gang müßt ihr euch abgewöhnen, Gell. Der Gang zeiget den Mann an, Sir. 19, 27. Das Pferd hat einen sanften, einen schweren Gang. 2. Figürlich. 1) Die Art und Weise zu denken und zu handeln. Ein jeder gehet seinen Gang. Der Gang des menschlichen Geistes. Der eigenthümliche Gang seiner Gedanken. Die Dichtkunst ist eine Nachahmerinn der Natur; ein wenig Aufmerksamkeit auf den Gang dieser großen Lehrerinn würde uns zeigen, wie sie mit den Leidenschaften verfahret, Dusch. Besonders, 2) in der biblischen Schreibart, die menschlichen Handlungen in Ansehung ihrer sittlichen Beschaffenheit; wo auch der Plural von mehrern Handlungen üblich ist. Es stehet in niemandes Gewalt, wie er wandle oder seinen Gang richte, Jer. 10, 23. Es ist kein Recht in ihren Gängen, Es. 59, 8. Jedermanns Gänge kommen vom Herrn, Sprichw. 20, 24. 3) Die Art und Weise der Fortsetzung, des Fortganges einer Sache. Der Prozeß, die Sache gewinnet einen ganz andern Gang. III. So viel als man auf Ein Mahl, bis zu einer Pause, oder bis zur Erreichung eines Zieles gehet. 1. Eigentlich. 1) In der weitesten Bedeutung, die Handlung des Gehens bis zu einem gewissen Ziele. Ich will einen Gang zu meinem, Bruder thun. Ich habe noch einen sauern Gang vor mir. Einem Arzt seine Gänge bezahlen. Viele vergebliche Gänge thun müssen. Im gemeinen Leben höret man hier auch zuweilen das Diminut. Gängelchen und im Nieders. Gängsken. Der Hund thut Gänge, bey den Jägern, wenn er läuft. Das Wildbret mach Gänge, wenn es oft hin und her gehet. Der Gang eines Wildbrets von dem Felde zu Holze. 2) In der engsten Bedeutung, ein Schritt. Und da sie einher gingen mit der Lade des Herren sechs Gänge, 2 Sam. 6, 13. Denn du hast schon meine Gänge gezählet, Hiob. 14, 16; denn du zählst jetzt meine Schritte, Michael. In diesem Verstande ist es unter andern auch noch bey den Jägern üblich, wo Gang mehrmahls für Schritt gebraucht wird. 2. Figürlich. 1) Von Speisen, so viel deren auf Ein Mahl aufgetragen wird. Eine Tafel von drey Gängen. Der Braten kam im zweyten Gange. 2) Im Fechten, die Handlung des Fechtens bis zu einem Ruhepuncte. Drey Gänge mit jemanden thun. Wir wollen einen Gang wagen. 3) Einige Gänge auf dem Claviere machen, ein Paar Mahl die Scala auf und abspielen. 4) In den Mühlen, die Handlung, da das Getreide und Mehl durch den Rumpf gehet, oder auf den Stein geschüttet wird. Die Spitzkleye kommt von dem ersten, das Griesmehl von dem zweyten, das Mittelmehl von dem dritten Gange. Nach einer noch weitern Figur, wird auch wohl dieses Mehl selbst der Gang genannt, und da ist das Schrotmehl und die Spitzkleye der erste Gang u. s. f. IV. Was da gehet, in einigen figürlichen Arten des Gebrauches. So heißt bey den Mühlen das sämmtliche zu einem Mühlrade gehörige Getriebe ein Gang. Eine Mühle von drey, von sechs Gängen. Bey den Webern ist der Gang eine gewisse Anzahl Fäden in der Kette oder dem Aufzuge. Einen Gang verschütten, wenn diese Fäden aus ihrem Geleise oder aus ihrer Richtung kommen. Bey den Perrückenmachern heißen die Haare, welche man auf Ein Mahl um die drey Fäden herum schlinget, ein Gang, Franz. Passee. S. auch das zusammen gesetzte Abgang. V. Der Ort, wohin man gehet, in einigen im gemeinen Leben üblichen Arten des Ausdruckes. Ich weiß seine Gänge schon. Seine Gänge gefallen mir nicht. Das ist sein Gang nicht, dahin pfleget er nicht zu gehen. VI: Der Ort, auf welchem man gehet. 1. Eigentlich. 1) In der weitesten Bedeutung, der Weg, worauf man gehet, gegangen ist, oder gehen kann. Sein Strick ist gelegt in die Erden, und seine Falle auf seinen Gang, Hiob. 18, 10; sein Fallstrick liegt in der Erde verborgen, und das Fangeisen ist auf dem Fußsteige gestellet, Michael. Alle Gänge und Schliche in einem Gebirge, in einem Walde wissen. Die Spur eines Marders heißt bey den Jägern gleichfalls ein Gang. Dahin auch die Zusammensetzungen, der Zugang, Ausgang, Eingang, Durchgang u. s. f. Ingleichen die Gänge in einem Garten, die Wege, zum Unterschiede von den Beeten, Blumenstücken u. s. f. Ein bedeckter Gang, Allee, ein Irrgang, Luftgang, Schattengang u. s. f. 2) In engerer Bedeutung, derjenige Theil eines Gebäudes, ver- mittelst dessen man zu den Zimmern gelanget, welcher in großen Pallästen auch eine Gallerie genannt wird. Ein Säulengang, der auf Säulen ruhet. Ein Gang unter der Erde, ein unterirdischer Gang. Der Wallgang u. s. f. 2. Figürlich. 1) Die Gewinde einer Schraube, oder die Vertiefungen, welche um ihre Spindel geführet werden, führen gemeiniglich auch den Nahmen Gänge. 2) Die Röhren und Canäle, in welchen sich ein flüssiger Körper beweget, besonders in den Körpern der Thiere und Pflanzen. Der Gallengang, Saftgang, Wassergang u. s. f. Der natürliche Gang, Matth. 15, 17, durch welchen die Excremente ausgeworfen werden. 3) Im Bergbaue sind Gänge diejenigen Räume im Gebirge, welche in die Länge und Tiefe fortdauern, und mit Erz oder Mineralien ausgefüllet sind; zum Unterschiede von den Flötzen, Stockwerken, Nestern u. s. f. Diese Gänge werden im gemeinen Leben oft Adern genannt, weil sie den Blutadern in der Ausdehnung in die Länge ähnlich sind. Ein streichender Gang, der innerhalb seiner Gränzen seine Richtung gegen eine gewisse Weltgegend beobachtet. Das Streichen des Ganges, dessen Richtung nach einer gewissen Himmelsgegend. Der Gang wirft einen Bauch, wenn er sich in dieser Richtung krümmet. Das Fallen der Gänge, ihre Richtung gegen den Horizont. Ein fallender Gang, der sich nach dem Horizonte neiget, zum Unterschiede von den schwebenden und gestürzten Gängen. Ein stehender Gang, ein fallender Gang, welcher senkrecht in die Tiefe gehet; ein donleger Gang, der sich zwischen dem 10ten und 80sten Grade unter den Horizont neiget. Ein schwebender Gang, der eine horizontale Richtung hat. Ein gestürzter Gang, der bald auf bald nieder steiget. Nach einer noch weitern Figur werden auch die in solchen Gängen befindlichen Erze und Mineralien Gang und Gänge genannt. 4) Eine Reihe aufgestellter Klebgarne, welche auch eine Wand genannt wird, heißt bey den Jägern gleichfalls ein Gang.

Anm. Dieses Wort lautet schon bey dem Ulphilas Gagg (sprich Gang,) bey dem Ottfried und Notker Gang, bey dem Stryker Ganch, im Schwed. und Nieders. Gang, im Pohln. Ganck. Notker gebraucht es auch für einen Schritt.


Gäng (W3) [Adelung]


Gäng, S. Gänge.


Gangart (W3) [Adelung]


Die Gangart, plur. die -en, in dem Bergbaue. 1) Eine jede Steinart, welche in einem Gange angetroffen wird und denselben ausmacht; der Gangstein. 2) Dasjenige Gestein, welches sich zwischen der Mutter mit ihrem Erze und dem gewöhnlichen Gesteine befindet; der Gangstein, das Salband. Siehe Gang VI. 2.


Gangbar (W3) [Adelung]


Gangbar, -er, -ste, adj. et adv. 1) Was im Gange ist, häufig genommen und gebraucht wird. Eine gangbare Münze, welche im Handel und Wandel ohne Weigerung angenommen wird; im mittlern Lat. cursibilis moneta. Der gesunde richtige Verstand ist die gangbare Münze der Welt, Gell. Türkische Münzen sind hier nicht gangbar. Die Blattern sind jetzt gangbar, für herrschen, grassiren, ist ungewöhnlich. Eine gangbare Waare. S. Gang I. 2. Gänge und Ganghaft. 2) Wo man gehen kann. Der Weg ist gar nicht mehr gangbar. Im Oberdeutschen auch gehelich. Auch figürlich. Die Wasserröhren gangbar erhalten, so daß das Wasser darin ungehindert fließen kann. 3) Wo viel gegangen wird. Eine gangbare Straße, welche häufig von Reisenden besucht wird.


Gangbarkeit (W3) [Adelung]


Die Gangbarkeit, plur. inus. die Eigenschaft, da eine Sache gangbar ist, in allen obigen Bedeutungen.


Gänge (W3) [Adelung]


"Gänge", adj. et adv. welches nur im gemeinen Leben üblich.

1) Ein gänger Hund, bey den Jägern, ein schneller flüchtiger Hund. Junges Maul ist eine Mühle, die gar gäng in ihrem Lauf; Mahlet Witz kaum eine Hand voll, schüttet Wort ein "Malter" auf, Logau. S. "Gängig".

2) Wie "Gangbar" 1, was im Handel und Wandel üblich ist, überall bekannt ist, in Verbindung mit dem Worte "gebe". Pfenning - die genge und gaebe sind, Schwab. Spieg. Kap. 301. Das Geld, das im Kauf gäng und gebe ist, 1 Mos. 23,16. Ein jeder Fleischer soll gänge und gebe Vieh schlachten, in der Leipziger Fleischerordn. Eine genge herberge, welche fleißig besucht wird, Königshov. Im Nieders. "gänge", Schwed. "gangse", Dän. "gängs", alles für üblich, gebräuchlich. Das ist nun so gänge, im Nieders. für, das ist nun so Mode. Im mittlern Lat. gebrauchte man von "gangbarem Gelde" die Zeitwörter "ambulare", "vadere", "currere" u. s. f. "gäng und gebes Geld" aber hieß "cursibilis", "meabilis", "datibilis" u. s. f.


Gängelband (W3) [Adelung]


Das Gängelband, des -es, plur. die -bänder, dasjenige Band, woran man die Kinder gängelt, d. i. sie gehen lehret; das Führband oder Leitband, der Laufzaum, das Laufband.


Gängeln (W3) [Adelung]


Gängeln, verb. reg. act. gehen lehren. Ein Kind gängeln, es am Gängelbande gehen lehren. Auch figürlich. Sonst wollte ich sie gängeln, daß sie den Himmel für eine Baßgeige ansehen sollten.

Anm. Von gehen, kommt im Heldenbuche das Iterat. gängen, mehrmahls gehen, vor. Von diesem scheinet unser Gängeln das Diminut. zu seyn. Im Nieders. hat man noch ein anderes Iterat. von gehen, gungeln, bittend um jemanden herum gehen.


Gängelwagen (W3) [Adelung]


Der Gängelwagen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Gestell mit Rädern, in welchem die Kinder gehen lernen; ein Rollwagen, Laufwagen, an einigen Orten auch eine Laufbank.


Gänger (W3) [Adelung]


Der Gänger, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Gängerinn, plur. die -en, der oder die da gehet; doch nur in den Zusammensetzungen Fußgänger, Kostgänger, Paßgänger, Parteygänger, Müßiggänger, Untergänger u. s. f.


Gangerz (W3) [Adelung]


Das Gangerz, des -es, plur. die -e, im Bergbaue, Erz, welches in Gängen angetroffen wird, zum Unterschiede von dem Flötzerze. S. Gang VI. 2.


Gangfisch (W3) [Adelung]


Der Gangfisch, des -es, plur. die -e, S. Balche und Weißfisch.


Ganggebirge (W3) [Adelung]


Das Ganggebirge, des -s, plur. ut nom. sing. in dem Bergbaue, ein Gebirge, welches Gänge enthält oder enthalten kann, wozu die höchsten Gebirge gehören, Grundgebirge, ursprüngliche Gebirge; zum Unterschiede von den Flötzgebirgen.


Ganghaft (W3) [Adelung]


Ganghaft, oder Ganghaftig, adj. et adv. 1) Für Gangbar 1, in welcher Bedeutung es doch im Hochdeutschen wenig gebraucht wird. Ein ganghaftes Wort. Ganghafte Münze. Eine ganghafte Zeche, im Bergbaue, welche im Gange ist, wo beständig gebauet wird. S. Gang I 2. 2) Ein Erz bricht ganghaft, im Bergbaue, wenn es in Gängen gebrochen wird. S. Gang VI. 2.


Ganghäuer (W3) [Adelung]


Der Ganghäuer, des -s, plur. ut nom. sing. im Bergbaue. 1) Ein Bergmann, der auf Gängen arbeitet. 2) In engerer Bedeutung, ein Bergmann, der die in die Grube herein geschossenen Gänge, d. i. Gangerze, zersetzet; zum Unterschiede von dem Schrämhäuer.


Gängig (W3) [Adelung]


Gängig, adj. et adv. was gehet. Einen Leithund gängig machen, bey den Jägern, ihn abrichten, daß er an dem Hängeseile gehen lerne. Ein gängiger Hund, der munter, flüchtig, gehet. S. Gänge. Im Hochdeutschen ist dieses Wort außer dem nur in den Zusammensetzungen rückgängig, krebsgängig, u. s. f. üblich.


Gangpfoste (W3) [Adelung]


Die Gangpfoste, plur. die -n, in der Zimmermannskunst, eine Säule unter einem Gange, worauf ein Balken liegt.


Gangrad (W3) [Adelung]


Das Gangrad, des -es, plur. die -räder, ein Rad, in welchem Menschen oder Thiere gehen, und es durch Treten in Bewegung setzen und erhalten; ein Tretrad.


Gangsäule (W3) [Adelung]


Die Gangsäule, plur. die -n, die Säulen oder Stollen an dem freyen Gange vor einem Gebäude, welche die Lehne um denselben ausmachen.


Gangschüssel (W3) [Adelung]


Die Gangschüssel, plur. die -n, in den Küchen, große Schüsseln, in welchen die Hauptgerichte aufgetragen werden; zum Unterschiede von den Zwischenschüsseln, Assietten u. s. f. Siehe Gang III. 2.


Gangstein (W3) [Adelung]


Der Gangstein, des -es, plur. die -e, S. Gangart.


Gangstreit (W3) [Adelung]


Der Gangstreit, des -es, plur. die -e, im Bergbaue, ein Streit, welcher zwischen zwey neben einander liegenden Zechen wegen eines Ganges entstehet.


Gangweise (W3) [Adelung]


Gangweise, adv. im Bergbaue, in Gängen, oder nach Art der Gänge. Man findet das Erz gangweise, wenn es in Gängen oder nach Art der Gänge bricht; zum Unterschiede dessen, welches flötzweise bricht.


Gangwoche (W3) [Adelung]


Die Gangwoche, plur. die -n, in einigen Oberdeutschen Gegenden, die Bethwoche, Hebdomas rogationum, weil in der Römischen Kirche in derselben feyerliche Umgänge oder Processionen angestellet werden.


Ganiterbaum (W3) [Adelung]


Der Ganiterbaum, des -es, plur. die -bäume, ein Ostindischer Baum, Elaeocarpus L.


Ganker (W3) [Adelung]


Der Ganker, S. Spinne.


Gans (W3) [Adelung]


1. Die Gans, plur. die Gänse, Diminut. das Gänschen; ein im gemeinen Leben verschiedener Gegenden übliches Wort, einige Arten von Massen zu bezeichnen. 1) Ein Arm voll abgeschnittener Halme, aus welchen eine Garbe bestehet, wird in der Landwirthschaft verschiedener Gegenden, z. B. zu Zeiz, wo deren vier zu einer Garbe genommen werden, eine Gans genannt. Im Anhaltischen heißt ein solcher Büschel Halmen ein Frosch, an andern Orten ein Gänschen, und an noch andern eine Glede. S. Frosch. 2) In den Sandsteinbrüchen zu Pirna wird die grobe Steinart, welche nur zu Mühlsteinen, Säulen u. s. f. gebraucht wird, die Gans genannt. Da in der Schweiz auch Gandt, Gand, von der abhängigen Seite eines Felsens gebraucht wird, welche sonst auch die Wand genannt wird, so scheinet Gand und Gans hier aus Wand entstanden zu seyn. In einem etwas andern Verstande ist im Bergbaue die Gänse oder Gänze, ein festes, hartes Gestein; wo es sich aber auch von dem Bey- und Nebenworte ganz herleiten lässet. 3) In dem Salzwerke zu Aldendorf in Hessen, ein Klumpen, oder eine Masse zubereiteten Salzes. Auch in Frankreich war im 13ten Jahrhunderte das Wort Ganda in diesem Verstande üblich. Septimam partem totius salis - etiam in gavellos seu gandas, heißt es in einer Urkunde von 1290 bey dem Carpentier, der es durch einen Haufen erkläret. 4) In den Eisenhämmern und Eisenhütten werden diejenigen großen dreyeckigen Stücke geschmolzenen Eisens, so wie sie aus den hohen Öfen kommen, Gänse oder Eisengänse genannt. Im Franz. heißt eine solche Masse Gueuse, und im Schwedischen Gös. Anm. In dieser letzten Bedeutung leitet Salmasius dieses Wort von dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, der Guß, das Schmelzen, Frisch von ganz, Ihre aber von dem Franz. Gueuse her, welches doch aus dem Deutschen, besonders nach der Niedersächsischen Mundart, entlehnet zu seyn scheinet. So viel ist wohl gewiß, daß Gans so wohl in dieser als in den vorher gehenden Bedeutungen mit dem folgenden Worte nichts als eine zufällige Ähnlichkeit des Klanges gemein hat.


Gans (W3) [Adelung]


2. Die Gans, plur. die Gänse, Diminut. das Gänschen, Oberd. das Gänslein, ein Schwimmvogel, welcher sich durch die Größe des Körpers, den erhabenen Rücken und langen Hals von den Änten unterscheidet; Anser. Die wilde Gans ist braun und aschenfarb, unter dem Bauche weiß, mit gelben Füßen und schwarzen Klauen. Die zahme Gans, oder Hausgans, welche in engerer Bedeutung die Gans schlechthin genannt wird, ist größer, und weiß, oder weiß und grau von Farbe. S. auch Baumgans, Eidergans, Fuchsgans, Hagelgans u. s. f. Das Wort Gans bezeichnet diesen Vogel ohne Unterschied seines Geschlechtes; soll dieses näher bestimmet werden, so nennet man das Weibchen in engerm Verstande die Gans, und das Männchen den Gänserich. Junge Gänse heißen im Hochd. Gänschen, Gänseküchlein, in Schlesien Gruscheln, beym Pictorius Krüsel, im Nieders. Gossel, Gössel, Gösselken, im Engl. Gosling. Die junge Gans ist auch im gemeinen Leben eine Benennung des Gänsegekröses. S. dieses Wort. Weil dieses Thier sehr dumm ist, so nennet man im gemeinen Leben einen dummen einfältigen Menschen eine dumme Gans.

Anm. Dieses Wort lautet im Nieders. Goos, Gaus, und im männlichen Geschlechte Gante, im Engl. Goose, und im Männl. Gander, im Dän. Gaas, im Schwed. Gas, im Isländ. Gas, im Bretagnischen Goas, Ganz, bey den Krainerischen Wenden Gus, im Pohln. Ges, und im Männl. Gasior, im Ital. Ganza, im Span. Ganso, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, im Latein. Anser. Schon Plinius bemerket, daß die Deutschen eine Gans Ganza genannt haben. Wachter leitet den Nahmen von canus, weiß, im Wallis. cann, her. Im Salischen Gesetze bedeutet Chana einen Hahn. Zu Carls des Großen Zeit war auch das Wort Auca von einer Gans üblich, wovon das Ital. Occa, das Franz. Oye, und das in einigen Provinzen Frankreichs übliche Auc, Auco, Auquetto, abstammet.


Gänseaar (W3) [Adelung]


Der Gänseaar, des -en, plur. die -en, oder der Gänseadler, des -s, plur. ut nom. sing. ein Nahme, der verschiedenen Arten von großen Raubvögeln gegeben wird, welche den jungen Gänsen nachstellen. Besonders führet in Obersachsen diesen Nahmen ein großer braungelblicher Raubvogel mit kurzen ungeschickten gelben Fängen und langen Flügeln, welcher dem Rohrvogel gleicht, nur daß er größer ist, und auch Gänsehabicht, Schwalbenschwanz, ingleichen Milan genannt wird; Nieders. Goosarend, Dän. gaaseören. Bey dem Klein heißt der Hasengeyer, Vultur leporarius, auch Gänseaar.


Gänseauge (W3) [Adelung]


Das Gänseauge, des -s, plur. die -n. 1) Eine in den Buchdruckereyen übliche Benennung des Anführungszeichens, welches auch Hasenöhrchen genannt wird. S. Anführungszeichen. 2) Im gemeinen Leben, eine Art schlechten Drilliches, welche in Westphalen Gastenkoorn, Gerstenkorn, genannt wird.


Gänsebacke (W3) [Adelung]


Die Gänsebacke, plur. die -n, in einigen gemeinen Mundarten, z. B. in Thüringen, eine halbe geräucherte Gans, welche in Nieders. eine Flickgans, Spickgans, Gooseflikk, genannt wird. S. Backe.


Gänsebauch (W3) [Adelung]


Der Gänsebauch, des -es, plur. die -bäuche. 1) In den Küchen, eine ausgenommene Gans, so wie sie für den Bratspieß bestimmt ist. 2) Im niedrigen Scherze, ein dünner eingefallener Bauch, der dem Bauche einer ausgenommenen Gans gleicht.


Gänsebaum (W3) [Adelung]


Der Gänsebaum, des -es, plur. die -bäume, in einigen Gegenden, eine Benennung des spitzigen Ahornes, dessen fünffach gezackte Blätter den Gänsefüßen gleichen, und der auch unter dem Nahmen der Lehne oder Löhne bekannt ist.


Gänseblume (W3) [Adelung]


Die Gänseblume, plur. die -n, eine Benennung verschiedener wild wachsenden Blumen und Pflanzen, welche eine angenehme Speise der Gänse sind. 1) Der Maßlieben, Bellis minor L. welche auch Margarethenblume, Angerblume, Marienblümlein, Monathblümchen u. s. f. genannt wird. S. Maßlieben. 2) Der großen Maßlieben, Chrysanthemum Leucanthemum L. welche auch Gänsekraut genannt wird. S. Maßlieben.


Gänsedistel (W3) [Adelung]


Die Gänsedistel, plur. die -n, eine Pflanze, welche auf den Äckern wild wächset, und auch Gänsekohl, Hasenkohl, ingleichen Saudistel genannt wird; Sonchus L.


Gänsefett (W3) [Adelung]


Das Gänsefett, des -es, plur. inus. S. Gänseschmalz.


Gänsefliege (W3) [Adelung]


Die Gänsefliege, plur. die -n, eine Art Käfer, welche den Gänsen tödtlich ist, wenn sie dieselben verschlucken, und daher oft die unbekannte Ursache des Sterbens der Gänse wird; Scarabaeus horticola L.


Gänsefuß (W3) [Adelung]


Der Gänsefuß, plur. inus. 1) Eine Pflanze, deren eckige Blätter die Gestalt eines Gänsefußes haben; Chenopodium L. 2) Eine Art Weinstöcke mit dickschäligen Beeren, welche gewürzhaft schmecken und einen guten Wein geben. Er hat den Nahmen gleichfalls von der Gestalt seiner Blätter, und wird auch Gänsefüßer, ingleichen weißer Traminer genannt.


Gänsegarbe (W3) [Adelung]


Die Gänsegarbe, plur. inus. S. Gänserich.


Gänsegekröse (W3) [Adelung]


Das Gänsegekröse, des -s, plur. ut nom. sing. in den Küchen, das Eingeweide, die Flügel und Füße einer geschlachteten Gans, welche Stücke im gemeinen Leben auch das Gänseklein, das Junge, ingleichen die junge Gans, und in Oberdeutschland das Gänsegeschneide genannt werden. Werden sie mit dem Blute der Gans gekocht, so heißen sie an manchen Orten Gänseschwarz, und an andern Gänsepfeffer.


Gänsehabicht (W3) [Adelung]


Der Gänsehabicht, des -es, plur. die -e, S. Gänseaar.


Gänsehaut (W3) [Adelung]


Die Gänsehaut, plur. inus. die Haut der Gänse. Figürlich wird auch die Haut an dem menschlichen Körper, wenn sie in der Kälte rauh wird, die Gänsehaut genannt.


Gänsehirt (W3) [Adelung]


Der Gänsehirt, des -en, plur. die -en, ein Hirt, welcher Gänse hüthet, der, wenn er ein Knabe ist, der Gänsejunge, und wenn es ein Mädchen ist, das Gänsemädchen genannt wird.


Gänsekiel (W3) [Adelung]


Der Gänsekiel, des -es, plur. die -e, ein Kiel von den Schwungfedern aus den Flügeln der Gänse, welche zum Schreiben gebraucht werden. S. Kiel.


Gänseklein (W3) [Adelung]


Das Gänseklein, des -es, plur. inus. S. Gänsegekröse.


Gänsekohl (W3) [Adelung]


Der Gänsekohl, des -es, plur. inus. S. Gänsedistel.


Gänsekopf (W3) [Adelung]


Der Gänsekopf, des -es, plur. die -köpfe, eine Art Birnen, welche um Michael reift, und den Nahmen von ihrer Gestalt hat.


Gänseköthig (W3) [Adelung]


Gänseköthig, adj. et adv. Gänseköthiges Erz, im Bergbaue, ein reichhaltiges Silbererz, welches eigentlich eine reiche Gilbe und oft mit Haarsilber durchzogen ist. Ingleichen ein graues und grünliches reichhaltiges Silbererz. In beyden Fällen hat es den Nahmen von seiner Ähnlichkeit mit der Farbe des Gänsekothes.


Gänsekraut (W3) [Adelung]


Das Gänsekraut, des -es, plur. inus. 1) Eine Benennung der Gänseblume, Chrysanthemum Leucanthemum L. Siehe Gänseblume und Maßlieben. 2) Des Gänserichs, S. dieses Wort. 3) Des Siebenfingerkrautes, Comarum L. Siehe dieses Wort. 4) Des Kannenkrautes, Equisetum L. S. dieses Wort.


Gänseküchlein (W3) [Adelung]


Das Gänseküchlein, des -s, plur. ut nom. sing. siehe 2 Gans.


Gänselaus (W3) [Adelung]


Die Gänselaus, plur. die -läuse, kleine, lange, braune und graue Läuse, welche sich auf den Gänsen aufhalten.


Gänselöffel (W3) [Adelung]


Der Gänselöffel, des -s, plur. ut nom. sing. ein Werkzeug der Wundärzte, kleine Steine in Steinschmerzen damit heraus zu ziehen.


Gänsenudel (W3) [Adelung]


Die Gänsenudel, plur. die -n, Nudeln von grobem Mehle, Gänse damit zu stopfen oder zu mästen.


Gänsepappel (W3) [Adelung]


Die Gänsepappel, plur. die -n, eine Art der Pappel oder Malve mit einem niedergeschlagenen Stamme und herzförmigen fünflappigen Blättern, welche an den Wegen und Gassen einheimisch ist; Malva rotundifolia L.


Gänsepfeffer (W3) [Adelung]


Der Gänsepfeffer, des -s, plur. inus. S. Gänsegekröse.


Gänseschmalz (W3) [Adelung]


Das Gänseschmalz, des -es, plur. inus. das Schmalz, d. i. das ausgelassene Fett der Gänse; Gänsefett.


Gänseschwarz (W3) [Adelung]


Das Gänseschwarz, indecl. plur. inus. S. Gänsegekröse.


Gänsespiel (W3) [Adelung]


Das Gänsespiel, des -es, plur. die -e, eine Art Spiele, welche aus einem Kupferstiche bestehet, der in zwey Kreisen 63 Abtheilungen enthält, worin Gänse, Brücken, Häuser, Gärten, u. s. f. befindlich sind. Man spielt es mit zwey Würfeln.


Gänsesteige (W3) [Adelung]


Die Gänsesteige, plur. die -n, ein von Sprossen zusammen gesetztes Behältniß, Gänse darin aufzubehalten und zu mästen.


Gänsewein (W3) [Adelung]


Der Gänsewein, des -es, plur. inus. eine scherzhafte Benennung des Wassers.


Gänsezehnte (W3) [Adelung]


Der Gänsezehnte, des -n, plur. die -n, der Zehnte von den Gänsen.


Gant (W3) [Adelung]


Die Gant, plur. die -en, eine Oberdeutsche Benennung eines öffentlichen Verkaufes an die Meistbiethenden, einer Auction oder Versteigerung. Ingleichen des Ortes, wo solches geschiehet. Daher das Gantbuch, das Gantregister, oder die Gantrodel, das Verzeichniß derjenigen Sachen, welche auf solche Art verkauft werden sollen; das Ganthaus, die Gantstube, der Ort, wo es geschiehet; der Gantmeister, der Gantverkaufer, der Auctionator; das Gantrecht, die dabey vorgeschriebenen Gesetze, ingleichen das Recht, dergleichen Ganten anzustellen, das Stangenrecht, die Gantzeit, wenn solches geschiehet, u. s. f. S. Verganten.

Anm. Da die Sache selbst eine Römische Erfindung ist, so ist auch dieses Wort ohne Zweifel aus dem Lat. Worte quanti gebildet, welches bey dergleichen Verkäufen mehrmahls gehöret wurde. Eben daher rühret auch das mittlere Lat. Inquantus, Incantus, Incantum, Encanum, und das Franz. Encant, Ital. Incanto, eine solche Gant oder Auction, und das mittlere Lat. incantare, encantare, verganten, und Incantator, ein Auctionator.


Ganten (W3) [Adelung]


Der Ganten, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen, besonders Niedersächsischen Gegenden, eine Art des Prangers. welcher aus einigen zwischen zwey Pfählen befestigten und mit drey Löchern versehenen Bretern bestehet, durch deren eines der Freveler den Kopf, und durch die beyden andern die Hände stecken, und in dieser Stellung einige Zeit gebückt stehen muß.

Anm. Frisch glaubt, daß dieses Wort aus dem Franz. Caquant entlehnet sey. Allein, da diese Art des Prangers in einigen Statuten und Dorfordnungen auch der Block genannt wird, so scheinet es vielmehr zu dem Oberd. Ganter, Kanter, ein Tragbalken, vom Lat. Cantherius, Ital. Cantiero, zu gehören, weil es ehedem vielleicht einem Balken oder Blocke ähnlicher gewesen als jetzt. An einigen Orten pflegt man die Lagerhölzer in den Kellern Ganter zu nennen; gleichfalls von Cantherius.


Ganz (W3) [Adelung]


Ganz, adj. et adv. welches, überhaupt genommen, denjenigen Zustand ausdruckt, wo alles Mannigfaltige, welches wir uns an einem Dinge vorstellen können, zusammen genommen wird, welches daher keines Comparativs oder Superlativs fähig ist. Es ist dreyerley Gestalt üblich. I. Als ein Bey- und Nebenwort, denjenigen Zustand zu bezeichnen, da ein Ding alle Theile unverletzt beysammen hat, welche vermöge seines Begriffes oder seiner Bestimmung dazu erfordert werden. 1. Im strengsten physischen Verstande. 1) Im Gegensatze dessen, was zerbrochen, zerrissen, oder schadhaft ist. Das Glas fiel von dem Tische und blieb dennoch ganz. Ein ganzes Fenster und ein zerbrochenes. Ein ganzes Ey. Das Siegel ist noch ganz. Er hat keinen ganzen Rock am Leibe. Ein Buch ist nicht mehr ganz, wenn es zerrissen ist, oder Blätter daran fehlen. Ein Berg ist im Forstwesen ganz in Haaren, wenn das auf demselben befindliche ausgewachsene Holz noch unversehrt beysammen steht. In eben diesem Verstande nennet Notker die Vorhaut Kanzlidi, und Ottfried gebraucht ganz und ganzer für gesund, Ganzida, für Gesundheit und Vnganzi für Krankheit, so wie das Nieders. heel so wohl ganz, als gesund bedeutet. 2) Im Gegensatze dessen, was in mehrere Theile getheilt ist. Ganzes Gewürz, ganzer Pfeffer, im Gegensatze des zerstoßenen. Ganzes Geld, hartes, im Gegensatze des einzelnen. Ein ganzer Thaler, ein Species-Thaler. Die Jagdbauern ganz machen, im Jagdwesen, sie in Reihe und Ordnung stellen. Ein ganzer Käse, im Gegensatze eines halben, oder angeschnittenen. Die Bouteille ist nicht mehr ganz, sie ist schon angebrochen. Eine ganze Zahl, im Gegensatze einer gebrochenen, oder eines Bruches. 3) Figürlich, im gemeinen Leben, in seiner Art vollkommen; doch nur als ein Beywort. Das ist ein ganzer Mann. Sie sind ein ganzer Moralist. Das ist ein ganzes Pferd. Das waren ganze Leute. 2. In der weitesten Bedeutung, das Beysammenseyn aller Theile zu bezeichnen, welche ein Ding hat, oder haben kann, es sey nun ein körperliches, oder unkörperliches Ding, ein Raum, eine Zeit u. s. f. 1) Eigentlich. Das ganze Haus durchsuchen. Die ganze Gesellschaft brach auf. Das ganze Heer nahm die Flucht. Ein ganzes Brot verzehren. Geben sie es mir ganz. Ganz Rom erschrak, alle in Rom befindlichen Leute. Ganz Frankreich erstaunte. Wo es, wenn es vor eigenen Nahmen ohne Artikel stehet, indeclinabel ist. Das ganze Glas austrinken, allen in dem Glase befindlichen Wein. Ein ganzer Bauer, im Gegensatze eines halben. In Thüringen heißen ganze Güter diejenigen, welche in einerley Lehen und Zinsen gehören, und daher nicht vereinzelt werden dürfen, die Zahl ihrer Äcker mag übrigens beschaffen seyn, wie sie will. Er trank es ganz aus. Den ganzen Tag herum gehen. Von ganzem Herzen, von ganzer Seele. Siehest du nicht, daß seine ganze Liebe nur auf die Schönheit des Leibes geht? Es sind Thränen der Wollust, die meine ganze Seele vergnügen, Gell. Ganz druckt Beysammenseyn aller wirklichen oder möglichen Theile eines Dinges aus, all aber nur die sämmtlichen Individua einer Art. Das Gehör merkt es daher leicht, wenn beyde Wörter zur Ungebühr mit einander verwechselt werden. Herodes ließ alle Kinder zu Bethlehem tödten und an ihren ganzen Gränzen, Matth. 2, 16. für: an allen ihren Gränzen. Ich wette zum voraus, um dieses ganze Geld, für: um alles dieses Geld. In beyden Fällen sollen bloß die sämmtlichen Individua bezeichnet, nicht aber als ein einziges Ding vorgestellet werden. 2) Figürlich. (a) Für völlig, das Beysammenseyn aller Grade der innern Stärke zu bezeichnen. Es ist mein ganzer Ernst. Sie haben meinen ganzen Beyfall. Ich fühle die ganze Verzweifelung, mit der du kämpfest. S. Gänzlich. (b) Mit dem Nebenbegriffe der Größe, dieses Ganze als etwas Großes, als etwas Wichtiges vorzustellen. Es gibt ganze Völker, welche an gewissen Vergnügungen durchaus keinen Geschmack finden. Sie hat in der ganzen halben Stunde ihr Gesicht nicht Ein Mahl verändert, Gell. Ich merke, daß noch ganze Jahre zu diesem Glücke nöthig sind, ebend. Oft sahen wir uns nur zu ganzen Stunden an, ebend. Ihr Jungfraun deckt mit immer grünen Zweigen Mit einem ganzen Lorbeerhain Den Weg; Raml. Wenn das Hauptwort, zu welchem ganz gehöret, ein Zahlwort bey sich hat, so kann das Beywort so wohl vor als nach diesem stehen. Er ist ganze vierzehen Tage, oder vierzehen ganze Tage ausgeblieben. Im gemeinen Leben pflegt man alsdann für ganze gern ganzer zu sagen. Ich ging zwey ganzer Tage um das Haus herum. Vier ganzer Tage, oder ganzer vier Tage. Die Frau zwo (zwey) ganzer Stunden auf ihre Kleider warten zu lassen? Gell. II. Als ein Hauptwort dasjenige Ding zu bezeichnen, welches erwächst, wenn man dessen sämmtliche wirkliche oder mögliche Theile zusammen nimmt; wo denn dieses Hauptwort, wie andere Hauptwörter dieser Art, wie ein Beywort abgeändert wird. Der menschliche Körper ist ein aus unzählig vielen Theilen zusammen gesetztes Ganze (Ganzes), Sulz. Die Einheit oder das Ganze setzt nothwendig die Vielheit der Theile voraus, ebend. Viele Dinge machen alsdann ein Ganzes, wenn ein Subject da ist, das aus dem gemeinschaftlichen Beytrage aller Theile entsteht, deren jeder zur Bildung des Subjects das seinige thut, ebend. Sein Gemählde ist nicht schön, in welchem die übel verbundenen Theile kein Ganzes machen. Im Ganzen, alle zu einer Sache gehörigen Theile genommen, oder betrachtet. Unsre Lebensart ist, im Ganzen genommen, besser, als mancher Milzsüchtiger sie beschreibet. Opitz gebraucht dieses Hauptwort im weiblichen Geschlechte: diese große Ganze, was wir Welt nennen. III. Als ein Nebenwort, wo es in den meisten Fällen eine Fortsetzung der zweyten Hauptbedeutung des Beywortes ist. 1. Für völlig, eine Sache nach allen Graden ihrer innern Stärke zu bezeichnen. Wenn du mich verlassen willst, so solltest du mich doch nicht ganz verlassen. Dem Geschäfte, das er erwählet, ganz zu leben, Gell. Überlassen sie sich doch nicht ganz ihren Schmerzen. Ich bin ganz der Ihrige. Rechnen die ganz auf mein Herz. Sich dem Studiren ganz ergeben. So ganz sollen wir sie verlieren, diese einzige Tochter? Less. Der Feige, er hat nicht das Herz ganz ein Bösewicht zu seyn. Er ist nicht ganz ohne Grund argwöhnisch. Ingleichen bey Nebenwörtern, ihre Bedeutung zu verstärken und zu erhöhen. Ich war ganz allein. Die Sache ist mir ganz genau bekannt. Das will ganz etwas anders, besser etwas ganz anders sagen. Ich habe ganz ein ander Wildbret auf der Spur, Less. besser, ein ganz anderes. Ganz gewiß. Es ist ganz gewiß. Sie hat es ihm ganz gewiß mit Fleiß gesagt. Ganz verändert, ganz blind seyn. Ganz und gar nicht. Laßt euch von des Priesters Hand ganz still zusammen geben, Gell. Sie haben ganz Recht, daß sie sich darüber beklagen. Die Ohrgehenke stehen ihr ganz vortrefflich wohl, Gell. Ich habe ihn ganz wohl gekannt. Zur Verstärkung einer Vereinigung ist es, allein genommen, im Hochdeutschen ungewöhnlich, ob man es gleich im Oberdeutschen auf diese Art gebraucht. Zur Sache ganz nicht gehörige Ausflüchte. Ist einer gar zu gach, so kömmt er ganz nicht ein, Opitz. Unfallo der hatte ganz kein rast, Theuerd. Kap. 61. Ich weiß ganz von keiner Angst und Qual, Opitz. Ein Hochdeutscher gebraucht in diesen Fällen entweder ganz und gar oder auch gar allein. Hierher gehöret auch der Gebrauch der Neuern, dieses Nebenwort in der edlen Schreibart mit Hauptwörtern zu verbinden, den höchsten, oder doch einen hohen Grad des Prädicates zu bezeichnen. Ich würde ganz Heiterkeit seyn, wenn nicht eine Betrachtung mich mit Schmerz erfüllete. Er ist ganz Gluth, ganz liebenswerthe Flamme, ganz Leben, Schleg. Ein Schäfer aus der goldnen Zeit Ganz Ruhe, ganz Zufriedenheit, Gell. 2. Für ziemlich, einen mittelmäßigen Grad der innern Stärke zu bezeichnen, in der vertraulichen Sprechart. Er ist ein ganz feiner Mensch, Gell. Er ist mir immer ganz artig vorgekommen. Das gefällt mir ganz wohl. Es mag ein ganz hübsches Buch seyn. Sie soll ein ganz gutes Herz haben. Ich habe mich ganz gut dabey befunden. Zuweilen verliert sich auch dieser Nachdruck, und ganz wird zu einem bloßen Füllworte. Ich weiß nicht, es fängt mich ganz an zu hungern. Ich erstaune ganz. Sie sind ja ganz bestürzt.

Anm. Dieses Wort kommt bey den ältesten Alemannischen Schriftstellern nur selten vor. Integro numero heißt bey dem Kero alonges ruabo, und die ganze Woche anolkiu uuelicha. Wachter leitet es von cunctus, Frisch aber von geendet her; allein, da Ottfried, bey welchem es allem Anscheine nach zuerst vorkommt, es beständig für gesund gebraucht, so scheinet es vielmehr zu genesen, bey dem Ulphilas ganisan, zu gehören. In der Monseeischen Glosse wird kaneizzit uurtun durch conficiebantur übersetzt. S. Genesen. Die Niedersachsen gebrauchen statt dieses Wortes heel, welches gleichfalls gesund, unbeschädigt bedeutet; S. Heil. Das Dänische gandske und Schwed. ganska scheinen von dem Hochdeutschen gänzlich entlehnet zu seyn.


Gänzen (W3) [Adelung]


Gänzen, verb. reg. act. von dem vorigen Worte ganz, welches aber nur in den Zusammensetzungen ergänzen und zergänzen üblich ist; S. dieselben.


Ganzhüfner (W3) [Adelung]


Der Ganzhüfner, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Gegenden, z. B. im Sächsischen Churkreise, ein Hüfner, welcher eine ganze Hufe besitzet, im Gegensatze des Halbhüfners. S. Ganzlöhner.


Gänzlich (W3) [Adelung]


Gänzlich, adj. et adv. welches für das Bey- und Nebenwort ganz üblich ist, so fern dasselbe für völlig stehet, eine Sache nach allen Graden der innern Stärke zu bezeichnen. Daß bey seinem Vater gänzlich beschlossen war, u. s. f. 1 Sam. 20, 33. Und Salomo - folgte nicht gänzlich dem Herrn, 1 Kön. 11, 6. Ihr Herz scheinet so gänzlich in ihrer Gewalt zu seyn, daß nicht ein Seufzer sie verräth, Sonnenf. Ich bin gänzlich der Meinung, daß u. s. f. Sich gänzlich auf jemanden verlassen. Eine gänzliche Niederlage. Der gänzliche Un- tergang einer Stadt. Ich lebe der gänzlichen Hoffnung. Sie empfing ihn in der gänzlichen Meinung, daß u. s. f. Hofmannsw.

Anm. In diesem Verstande kommt gantzleich schon bey dem Stryker vor. Die Oberdeutschen hängen nach ihrer Art noch ein unnöthiges en an, gänzlichen. Ehedem war dafür auch allenklich und elliklich üblich.


Ganzlöhner (W3) [Adelung]


Der Ganzlöhner, des -s, plur. ut nom. sing. im Österreichischen, ein Unterthan, welcher so viele Güter hat, daß er die Robath oder Frohne mit vier Pferden oder Ochsen verrichten kann, und in andern Gegenden ein Anspänner, Pferdebauer, Pferdner, Ganzhüfner u. s. f. heißt; zum Unterschiede von dem Halblöhner und Viertellöhner, S. Löhner.


Ganzpacht (W3) [Adelung]


Der Ganzpacht, des -es, plur. die -pächte, im gemeinen Leben, diejenige Art des Pachtes, wo der Pachter alle Einkünfte genießet; zum Unterschiede von dem Halbpachte.


Ganzvogel (W3) [Adelung]


Der Ganzvogel, des -s, plur. die -vögel, S. Krammetsvogel.


Gar (W3) [Adelung]


Gar, adj. et adv. welches eigentlich zubereitet, fertig bedeutet, und am häufigsten als ein Nebenwort gebraucht wird. 1. Eigentlich, zubereitet, fertig; wo es doch nur noch in einigen Lebensarten und Handwerken vorkommt. Gares Eisen, im Hüttenbaue, welches seine völlige Zubereitung erhalten hat. Die leicht flüssigen Eisensteine am Harze geben gares Eisen. Das Kupfer gar machen, es völlig rein und schmeidig machen; S. Gare, Garbruch, Garfeuer, Gareisen u. s. f. Gares Salz, das Salz gar sieden, fertiges Salz, es fertig sieden, in den Salzwerken. Die Kohlen werden im Meiler gar, wenn sie so viel gebrannt werden, als nöthig ist. Gares Leder, bey den Gärbern, gegärbtes, zubereitetes Leder. Das Leder gar machen, unter welchem Ausdrucke man so wohl überhaupt die ganze Zubereitung der rohen Häute zu Leder, als auch in engerer Bedeutung die Zubereitung der gehaarten, geläuterten und gebeitzten Felle mit Alaun, Kalk oder andern ähnlichen Mitteln, begreift. Am häufigsten von den Speisen, in den Küchen und bey den Bäckern, wo es im Hochdeutschen nur als ein Nebenwort, bey den Niedersachsen aber auch als ein Beywort üblich ist. Das Essen ist noch nicht gar, hat noch nicht genug gekocht. Das Fleisch, das Brot, der Fisch ist gar. Ich bin noch nicht gar mit ihm, mit der Sache, sagt man auch wohl im gemeinen Leben, für, ich bin noch nicht mit ihm fertig, noch nicht mit ihm zu Stande. Die Arbeit ist gar, ist fertig, im Oberdeutschen. 2. Figürlich, wo es doch nur in Gestalt eines Nebenwortes gebraucht wird. 1) Das Prädicat nach seinem ganzen Umfange, ingleichen nach allen Graden seiner innern Stärke zu bezeichnen, für völlig, ganz, gänzlich; wo es zugleich den Ton hat. Es waren nicht gar zehen Thaler. Es sind noch nicht gar vier Wochen, daß ich ihn gesehen habe. Ein Narr schüttet sein Herz gar aus. Als sie nun das Kraut gar abfressen wollten, Amos 7, 2. Die guten löblichen Sitten that er gar ab, 2 Maccab. 4, 11. Nun bin ich gar dahin, Klagel. 3, 54. Seine Hand gar von einem abziehen. Er hat alles gar aufgegessen. Es ist gar aus mit ihm, S. Garaus. Im Hochdeutschen wird es in diesem Verstande gemeiniglich mit dem Worte ganz verbunden, indem die meisten Fälle, wo gar allein gebraucht wird, im Oberdeutschen am üblichsten sind. Sie haben es ganz und gar verdorben. Das Kleid ist ganz und gar zerrissen. Besonders stehet es in dieser Bedeutung vor den Verneinungen, ihre Bedeutung zu verstärken. Er ist gar nicht reich, gar nicht groß, gar nicht berühmt u. s. f. Das ist ja gar nicht viel. Gar niemand will es haben. Dazu gehört ja gar keine Großmuth. Das habe ich gar nicht befürchtet. Ich weiß von gar keiner Beleidigung. Er wird gar nicht lange ausbleiben. Ich habe gar nichts bekommen. Das habe ich gar nicht gewußt. Auch hier zuweilen mit dem Worte ganz. Er ist ganz und gar nicht ehrgeitzig. Sind sie denn ganz und gar nicht zu beruhigen? 2) Einen hohen Grad der innern Stärke des Prädicates zu bezeichnen, für sehr; in welcher Bedeutung es des Tones beraubt ist, außer wenn so vorher gehet, da es denselben hat. Es wird in dieser Bedeutung am liebsten andern Nebenwörtern vorgesetzet. Ich bekomme ihn gar selten zu sehen. Ich habe ihm gar viel zu danken. Das hat uns gar sehr vergnügt. Er ist gar oft hier. Er kam gar bald. Es ist gar schwer zu sagen. Er ist gar arm, gar gelehrt. Reden sie nicht so gar zuversichtlich. Es geschiehet dir gar recht. Ja Phillis, daß du schöner bist, Gesteh' ich dir gar gerne zu, Weiße. Etwas gar genau betrachten. Eine Sache gar hoch schätzen. Es ist Schade, daß er so gar karg ist. Er ist so gar alt noch nicht. Es ist nicht so gar lange, daß er bey mir war. Zuweilen auch vor Beywörtern. Er ist ein gar gelehrter Mann. Es ist gar wenigen nützlich. Besonders wird es, so wie all, gern den Superlativen der Nebenwörter vorgesetzet, und hat alsdann zugleich den Ton. Es ist gar zu groß, allzu groß. Es ist mir gar zu theuer. Seine Gütigkeit ist nur gar zu merklich. Das Stehen wird mir gar zu sauer werden, Gell. Ihr Beyfall ist mir gar zu kostbar, als daß ihn meine Eigenliebe nicht mit Vergnügen anhören sollte, ebend. Ich kenne ihn nur gar zu wohl. Ich bleibe gar zu gern in meiner Gelassenheit, sehr gern. Er ist nicht gar zu groß, nicht sehr groß. Es stehet nicht gar zu ordentlich hier aus, nicht sehr ordentlich. Ich bin dir gar zu gut, im gemeinen Leben für sehr gut. 3) Eine Steigerung zu bezeichnen, wo es gleichfalls den Ton hat. Die Freundschaft, die so leicht Parteylichkeit des Herzens und wohl gar Selbstliebe wird, Gell. Es ist vielleicht gar eine verirrte Prinzessinn. Sie sagte, sie hätten Unrecht, wo sie nicht gar noch mehr sagte. Er mißfällt mir nicht, vielleicht gefällt er mir gar, Gell. Hat sie etwa gar meine Untreue erfahren? Ich glaube, sie wollen mich gar unterrichten. Ey warum nicht gar? Du sollst in einem Nu befreyet von Beschwerden, Ja gar ein großer König werden, Willam. Zuweilen auch mit der Partikel so. Er hat ihn sogar geschlagen. Er kam sogar zu mir in das Haus. Er trauet sogar seinem Bruder nicht.

Anm. 1. Da dieses Wort hauptsächlich zur Verstärkung der Bedeutung besonders der Partikeln dienet, denen es vorgesetzet ist, so wird der Sinn der Rede gar sehr verändert, je nachdem man dessen Stelle verändert. Z. B. Ich kann es gar nicht wohl thun; ich kann es nicht gar wohl thun; ich kann es gar wohl nicht thun; ich kann es wohl gar nicht thun. Im ersten Fall gehöret es zur ersten, in den beyden folgenden zur zweyten, und im letzten zur dritten figürlichen Bedeutung.

Anm. 2. Gar, Nieders. gaar, Ital. guari, Franz. gueres, ist das alte garo, karo, welches bey dem Ottfried und Notker fertig, zubereitet, bedeutet. S. Charfreytag. Indessen gebraucht schon Ottfried garo und jaralich für völlig, gänzlich und Boxhorns Glosse garawo für beynahe. Im Schwed. bedeutet göra, und im Isländ. giora, noch jetzt zubereiten, thun, machen. Die Latein. gero, paro, und cereo, welches in den ältesten Zeiten Roms für creo üblich war, scheinen damit genau verwandt zu seyn. S. Gärben, welches gleichfalls hierher gehöret. Bey den Wallachen bedeutet gerbu ich koche.


Garaffel (W3) [Adelung]


* Die Garaffel, plur. inus. in einigen Gegenden, ein Nahme des Benedicten-Krautes, Geum L. verderbt aus dem alten Lateinischen Nahmen Caryophyllata.


Gararbeit (W3) [Adelung]


Die Gararbeit, plur. inus. in dem Hüttenbaue, diejenige Arbeit, da die Kienstöcke auf dem Garherde zur Gare gebracht werden.


Garaus (W3) [Adelung]


Das Garaus, indeclin. plur. car. ein im gemeinen Leben aus den Wörtern gar aus zusammen gezogenes Hauptwort. Einer Sache das Garaus machen, ihr ein Ende machen. Das Garaus mit einem spielen, ihn zu Grunde richten. In einigen Oberdeutschen Gegenden ist es im männlichen Geschlechte üblich, der Garaus, und zu Nürnberg bedeutet es die letzte Stunde des Tages und der Nacht, und figürlich auch das Ende einer jeden Sache.


Garbe (W3) [Adelung]


1. Die Garbe, plur. inus. außer von mehrern Arten, die -n, ein Wort, welches in verschiedenen Nahmen der Kräuter vorkommt, dergleichen z. B. Schafgarbe, Gänsegarbe, Gänserich, wilde Garbe, rother Steinbrech, Garbe oder Garben, Kümmel, Feldkümmel u. s. f. sind. In der Monseeischen Glosse heißt die Schafgarbe Garuua, und im Engl. Yarrow. Da alle diese Kräuter eine Menge gespaltener und gekerbter Blätter haben, so scheinet dieses Wort zu kerben zu gehören. S. das folgende und Kerbel. Indessen kann auch das Lat. Herba, Wallach. Jarba, Kraut, mit in Betrachtung gezogen werden.


Garbe (W3) [Adelung]


2. Die Garbe, plur. die -n, in der Feldwirthschaft, ein Arm voll abgeschnittener und zusammen gebundener Getreidehalmen, so lange sie noch nicht gedroschen sind. Garben binden. Das Getreide in Garben binden. Figürlich, wegen einiger Ähnlichkeit in der Feuerwerkskunst, viele Bränder, welche aufrecht in einer Runde neben einander gestellet sind. An einigen Orten, besonders Oberdeutschlandes, ist die Garbe an einem geschlachteten Ochsen das Stück vom Halse bis unter die Schultern. Anm. Dieses Wort lautet schon bey dem Notker Garba, im Tatian im Diminut. Gerbilin, wo es für Bündlein stehet, in Lipsii Glosse Garivo, wo es eine Hand voll bedeutet, im Nieders. Garve, im Engl. Garbe, im Franz. Gerbe, im mittlern Lat. Garba, Jarba, Geliba, Gelima, im Bretagnischen Kerbe, im Schwed. kerfwe. Dieterich von Stade leitet es von gerben, zubereiten; Hickes vom Angels. ripan, garipan, einernten, Rudbeck von kerfwa, kerben, schneiden, Wachter vom Angels. gripa, greifen, Frisch von gar, Ihre von acervus, andere von dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, Stroh, und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, Frucht, und Scheller auf eine sehr seltsame Art von gar reif her. Unter allen diesen Ableitungen scheinet Rudbecks noch die wahrscheinlichste zu seyn. Im Schwed. ist karfwa, im Angels. georfan, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, schneiden. S. Kerben und Scheren.


Gärbeeisen (W3) [Adelung]


Das Gärbeeisen, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Lohgärbern, ein Eisen, die Häute zu beschaben, welches auch Salzeisen genannt wird.


Gärbehaus (W3) [Adelung]


Das Gärbehaus, des -es, plur. die -häuser. 1) In einigen Gegenden das Haus, oder die Werkstätte eines Ledergärbers; die Gärberey. 2) Im Niedersächs. wo dieses Wort auch Gärhuus lautet, die Sacristey. S. Gärbekammer.


Gärbehobel (W3) [Adelung]


Der Gärbehobel, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Böttchern, ein Hobel, womit sie die Fässer inwendig, an den Böden, wo die Kimme eingestrichen werden soll, rund hobeln.


Gärbekammer (W3) [Adelung]


Die Gärbekammer, plur. die -n, in einigen so wohl Ober- als Niederdeutschen Gegenden eine Benennung der Sacristey an einer Kirche, weil sich die Priester in derselben zu gärben, d. i. anzukleiden und zu dem Gottesdienste zuzubereiten pflegen; das Gärbehaus, im mittlern Latein, Paratorium. S. Gärben.


Gärbeliren (W3) [Adelung]


Gärbeliren, verb. reg. act. welches nur im Bergbaue üblich ist, den Eisenstein auf dem Rennherde mit hölzernen Hämmern zusammen in eine Masse schlagen, und ihn dadurch zur Schmelzung vorbereiten; von gärben, zubereiten.


Gärbemühle (W3) [Adelung]


Die Gärbemühle, plur. die -n, in den Mühlen einiger besonders Oberdeutschen Gegenden, ein Gang, der so zugerichtet ist, daß das Korn nur aus der Hülse heraus gedrückt, nicht aber zu Mehl gequetschet wird. S. Gärben 4.


Garben (W3) [Adelung]


Garben, verb. reg. act. welches nur bey den Bäckern einiger Gegenden, z. B. in Leipzig, üblich ist, den rohen und zu Brot geformten Teig in den Ofen schieben, damit er plötzlich eine braune Rinde bekomme; welches in Niedersachsen gasseln heißt. Vermuthlich ist es durch eine gröbere Aussprache aus dem folgenden gärben entstanden.


Gärben (W3) [Adelung]


Gärben, verb. reg. act. zubereiten, zurichten; in welcher allgemeinen Bedeutung es im Hochdeutschen veraltet ist, wo man es nur noch in einigen besondern Fällen gebraucht. 1) Von der Zubereitung der rohen Häute durch beitzende Mittel, welches eine Beschäftigung verschiedener Leder- und Fellbereiter, besonders aber der Gärber ist. Das Leder gärben. Häute, Felle mit Kalk, mit Alaun, mit Lohe gärben, welches auch selbige gar machen, genannt wird. Figürlich ist jemanden gärben, oder ihm die Haut, den Buckel gärben, in den niedrigen Sprecharten, ihn wacker ausprügeln. Sie (die Heiden) wurden all gegerbet, daß ihnen geschah gar weh; mit Blut ward da geserbet u. s. f. heißt es schon in dem Heldenbuche, S. 193. S. Gärber. 2) Bey verschiedenen Metallarbeitern, ein Metall glatt und glänzend machen, es poliren, bruniren. Eine Kupferplatte garben, bey den Kupferstechern. S. Gärbestahl. 3) In den Stahlhütten wird der rohe und durch das Schmelzen zubereitete Stahl gegärbt, wenn er durch mehrmahliges Glühen und Zertheilen in kleinere Stücke in reinen Stahl verwandelt wird, welches nach einer verderbten Aussprache an einigen Orten auch würben heißt. 4) In einigen Gegenden ist das Gärben auch eine Art der Zubereitung des Speltes auf der Mühle, da derselbe nicht gemahlen, sondern das Korn ganz aus den Hülsen heraus gedrücket wird. S. Gärbemühle. Das Hauptwort die Gärbung ist nicht üblich.

Anm. So fern dieses Wort besonders von der Zubereitung des Leders gebraucht wird, lautet es im Nieders. garven, im Angels. gearwian, im Dän. garve, im Schwed. garfwa, im Pohln. garbuie. In der allgemeinen Bedeutung des Bereitens, Zubereitens, kommt es in den ältesten Schriftstellern sehr häufig vor. Bey dem Kero lautet es in derselben karauuen, im Isidor chigarauuan, garuuan, bey dem Notker gareuuin, bey dem Ottfried garauuan, der statt dessen auch das Zeitwort garan, Dän. giöre, Schwed. göra, machen, verfertigen, hat, S. Gar. Garetun sie sin muaz, sie bereiteten ihm die Mahlzeit. Sich gärben, kommt für sich ankleiden, sich schmücken, in den mittlern Zeiten, und unter andern in dem Schwabenspiegel mehrmahls vor; S. Gärbekammer. Gigeruua für Politur, Polirung, findet sich schon in dem alten Gedichte auf den heil. Anno. In allen diesen Fällen stammet es von gar her, welches in einigen alten Mundarten auch garw, garb lautet. S. dasselbe. Das mittlere Lat. garnire, das Franz. garnir, und Ital. guarnire, zubereiten, anordnen u. s. f. wird selbst von dem du Fresne, von unserm garen, gärben, abgeleitet. Im mittlern Lateine bedeutet Affactia das Gärben des Leders, und die Werkstätte des Gärbers, affactare das Leder gärben, und Affactator einen Gärber, gleichfalls von dem allgemeinern Worte facere, machen. Die Niedersachsen gebrauchen auf ähnliche Art von der Zubereitung des Leders auch töwwen, tauen; denn taujan ist bey dem Ulphilas gleichfalls machen. Das Lat. Corium, Leder, Franz. Cuir, im Gascognischen Ker und Quer, scheinet zu unserm gar und gärben zu gehören. Übrigens gehet dieses Zeitwort in einigen Gegenden irregulär; gegorben, für gegärbt. Gemeiniglich schreibt man es mit seinen Ableitungen und Zusammensetzungen im Hochdeutschen mit einem e, gerben; welches sich entschuldigen lässet, weil ä und e in tausend andern Fällen mit einander abwechseln. Ich habe das ä vorgezogen, um es seinem Stammworte so nahe als möglich zu behalten.


Garbenband (W3) [Adelung]


Das Garbenband, des -es, plur. die -bänder, in der Landwirthschaft, dasjenige Seil von Stroh, womit die Garben gebunden werden.


Garbenbinder (W3) [Adelung]


Der Garbenbinder, des -s, plur. ut nom. sing. Fäm. die Garbenbinderinn, plur. die -en, der oder die auf dem Felde das abgeschnittene Getreide in Garben bindet.


Garbenkrähe (W3) [Adelung]


Die Garbenkrähe, plur. die -n, ein Nahme der Mandelkrähe, weil sie sich gern unter den Garben und Getreidemandeln aufzuhalten pfleget. S. Blaukrähe.


Garbenzehnte (W3) [Adelung]


Der Garbenzehnte, des -n, plur. die -n, derjenige Zehnte, welcher gleich auf dem Felde von den Garben oder Mandeln gegeben wird, und auch der Mandelzehnte oder Zugzehnte heißt; zum Unterschiede von dem Dorf- Sack- oder Scheffelzehnten, wo statt der zehnten Garbe ein gewisses Maß Getreide gegeben wird.


Gärber (W3) [Adelung]


Der Gärber, des -s, plur. ut nom. sing. ein Handwerker, welcher die rohen Thierhäute gärbet, und sie dadurch zu allerley Arten des Gebrauches geschickt macht. S. Gärben 1. Dessen Gattinn, die Gärberinn, plur. die -en. S. Lohgärber, Rothgärber, Weißgärber. Im Oberdeutschen wird ein Gärber auch Ircher, Iricher, im Nieders. aber Tauer, Holl. Touwer, Engl. Tawer, genannt. S. Gärben, Anm.


Gärberbaum (W3) [Adelung]


Der Gärberbaum, des -es, plur. die -bäume, S. Färberbaum.


Gärberey (W3) [Adelung]


Die Gärberey, plur. die -en. 1) Die Beschäftigung, Lebensart eines Gärbers; ohne Plural. 2) Dessen Werkstätte.


Gärberlohe (W3) [Adelung]


Die Gärberlohe, plur. von mehrern Arten, die -n, die Lohe, deren sich die Gärber zur Zubereitung der Häute bedienen; im Nieders. Riff. S. Lohe.


Gärberstrauch (W3) [Adelung]


Der Gärberstrauch, des -es, plur. die -sträuche, ein Strauch, wovon eine Art bey Montpellier, die andere aber in dem südlichen Amerika wächset; Coriaria L. Beyde Arten werden wie der Sumach oder Färberbaum zur Zubereitung des Leders gebraucht.


Gärberwolle (W3) [Adelung]


Die Gärberwolle, plur. inus. diejenige Wolle, welche der Gärber von den Schaffellen ausraufet.


Gärbestahl (W3) [Adelung]


Der Gärbestahl, des -es, plur. die -stähle, ein unten herzförmig gebildetes Stück polirten Stahles, an einem Stiele, dessen sich verschiedene Metallarbeiter bedienen, ihre Arbeiten zu poliren und glänzend zu machen; der Brunirstahl. S. Gärben 2.


Gärbestube (W3) [Adelung]


Die Gärbestube, plur. die -n, bey den Alaungärbern, die heiße Stube, in welcher die Felle mit Talg getränket werden, und welche auch die Bähestube heißt.


Gärbottich (W3) [Adelung]


Der Gärbottich, S. Gährbottich.


Garbräter (W3) [Adelung]


Der Garbräter, des -s, plur. ut nom. sing. S. Garkoch.


Garbruch (W3) [Adelung]


Der Garbruch, des -es, plur. die -brüche, in den Schmelzhütten, ein Bruch, welchen der Garmacher in das Kupfer macht, wenn er mit dem Gareisen in dasselbe stößet, dessen Gare zu erkennen.


Garbrühe (W3) [Adelung]


Die Garbrühe, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, die -n, bey den Weißgärbern; die in dem Garfasse befindliche Alaunbrühe, worin die gehaarten, geläuterten und gebeitzten Häute ihre völlige Zubereitung bekommen.


Gard (W3) [Adelung]


Gard, in verschiedenen eigenthümlichen Nahmen der Örter, S. Garten, Anm.


Garde (W3) [Adelung]


Die Garde, plur. die -n, aus dem Franz. Garde, welches wiederum von dem Deutschen wahren und warten abstammet. 1) Ein Haufen zur Beschützung der Person eines großen Herren bestimmter Soldaten. Die Leibgarde, die Leibwache. Eine Garde von tausend Mann. Ein Soldat von der Garde. Die adelige Garde, wenn sie aus lauter Edelleuten bestehet. Bey dem Kaisersberg lautet dieses Wort Gwardey, bey dem Dasypodius Gewardi, der auch einen solchen einzelnen Trabanten Gewardiknecht nennet. 2) Bey der ehemahligen Verfassung des Deutschen Kriegeswesens war die Garde ein Haufen nach dem Kriege von einem Fürsten abgedankter Soldaten, welche unter dem Vorwande, neue Kriegesdienste zu suchen, im Lande herum streiften und allerley Gewaltthätigkeiten begingen. Einzelne Glieder eines solchen Haufens wurden daher in den vorigen Jahrhunderten häufig Gardeknechte, Gartknechte, Gartenknechte, Gardenbrüder, u. s. f. genannt. Da sie sich dabey vornehmlich auch auf das Betteln legten, so hieß die Garde, der Gart u. s. f. oft auch so viel als die Betteley. Auf der Garde herum laufen, betteln gehen. Auf der Garde betreten werden. Nert sich mit raub, mord, peut und gart, H. Sachs. S. das folgende.


Garden (W3) [Adelung]


Garden, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches im Hochdeutschen nunmehr veraltet ist, ehedem aber, so wohl im Ober- als Niederdeutschen häufig für betteln gebraucht wurde. Herum gartendes müßiges Gesindel kommt noch jetzt im Österreichischen vor. Im Niedersächsischen wurde das Marodiren ehedem Garding, Gardung, Gardering genannt. S. Garde 2.


Garderobe (W3) [Adelung]


Die Garderobe, plur. die -n, das Franz. Garderobe, dasjenige Zimmer, in welchem die Kleidungsstücke einer vornehmen Person verwahret werden; ingleichen diese sämmtlichen Kleidungsstücke selbst.


Gardine (W3) [Adelung]


Die Gardine, plur. die -n, ein Vorhang, besonders in Niedersachsen, Holländ. Gordyne, Dän. Gardine, Schwed. Gardin, Engl. Curtain, Ital. Cortina, im mittlern Lat. Cortina; vermuthlich durch Zusammenziehung von dem alt Franz. Couvertine, eine Decke, Ital. Copertina, von couvrir, bedecken, obgleich du Fresne eine andere minder wahrscheinliche Ableitung angibt.


Gardrichter (W3) [Adelung]


Der Gardrichter, des -s, plur. ut nom. sing. eine vor nicht langer Zeit abgeschaffte obrigkeitliche Person auf der Insel Rügen, die auch Gardvogt hieß, und so viel als ein Burggraf oder Burgrichter war. Er hatte den Vorsitz in der Gardvogtey, deren Gerichtsbarkeit sich über alle diejenigen Personen und Güter erstreckte, welche nicht unmittelbar unter der Landvogtey oder unter den städtischen und adeligen Gerichten standen. Das Gebieth dieser Vogtey hieß auch der Garten. Alles von dem alten Gard, eine Burg, ein Schloß. S. Garten


Gardseer-Öhl (W3) [Adelung]


Das Gardseer-Öhl, des -es, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, die -e, die reineste, feineste und süßeste Art Baumöhl, welche aus den ganz reifen Früchten fast von selbst kommt, oder doch bey einem sehr gelinden Pressen zuerst heraus fließet. Es kommt von dem Gard-See oder Garten-See, Lago di Garda, in Italien, und wird im gemeinen Leben auch Garzeröhl, Carceröhl genannt.


Gardvogt (W3) [Adelung]


Der Gardvogt, die Gardvogtey, S. Gardrichter.


Gäre (W3) [Adelung]


Die Gäre, S. Gähre.


Gare (W3) [Adelung]


1. Die Gare, plur. inusit. das Hauptwort von dem Bey- und Nebenworte gar. 1) Der Zustand, da eine Sache gar, d. i. fertig, zubereitet, zu einem gewissen Gebrauche geschickt ist, in verschiedenen einzelnen Fällen. Die Gare der Häute bey den Gärbern. In den Pfeifen-Manufacturen ist die Gare der Grad des Brennens, den die Pfeifen haben müssen, wenn sie zum Gebrauche geschickt seyn sollen. Die Kohlenmeiler haben die rechte Gare, wenn sie genau gebrannt haben. Das Kupfer hat seine Gare, in den Schmelzhütten, wenn es gehörig gereiniget ist. Das Erz hat seine Gare, wenn es genug geröstet worden; S. Garerz. In der Bienenzucht bedeutet die Gare des Weisers dessen Mündigkeit, da er zur Zeugung geschickt wird; ingleichen das Werkzeug, vermittelst dessen er seine Eyer leget. Ein solcher zur Zeugung fähiger Weiser wird alsdann garig genannt. Die Gare der Sohle, im Salzwesen, wenn sie gehörig gesotten hat. S. Gar und Gärben. 2) Bey den Weißgärbern ist eine Gare Häute, eine Zahl von 24 Häuten, so viel nehmlich auf Ein Mahl gar gemacht, oder in die Garbrühe gesetzt werden.


Gare (W3) [Adelung]


2. Die Gare, plur. inus. außer von mehrern Arten, die -n, in dem Feldbaue verschiedener Gegenden, der Dünger oder Mist. Geil und Gare, der Dünger.

Anm. Dieses Wort erhält noch das Andenken des veralteten Gor, Hor, Koth, Mist, welches auch in der Monseeischen Glosse Gor lautet. S. Garstig und Hornung.


Gareisen (W3) [Adelung]


Das Gareisen, des -s, plur. ut nom. sing. in den Schmelzhütten ein langes spitziges Eisen, welches der Garmacher in das Schwarzkupfer stößet, um zu sehen, ob es seine Gare habe. S. Garbruch.


Gareiß (W3) [Adelung]


Gareiß, Gareisel, ein Fisch, S. Karausche.


Gären (W3) [Adelung]


Gären, S. Gähren.


Garenne (W3) [Adelung]


Die Garenne, plur. die -n, aus dem Franz. Garenne. 1) Ein zur Zucht und Hägung der Kaninchen angelegter Ort; ein Kaninchengehäge. 2) Ein Ort in fließenden oder stehenden Wassern, wohin die Fische ihre Zuflucht nehmen, und wo sie in großer Anzahl gefangen werden; eine Fischweide. Im mittlern Lat. Garanna, Garenna, Warenna, von dem Deutschen wahren, bewahren, hägen.


Garerz (W3) [Adelung]


Das Garerz, des -es, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, die -e, im Hüttenwesen, Erz, welches genugsam geröstet ist.


Garfaß (W3) [Adelung]


Das Garfaß, des -sses, die -fässer, S. Garbrühe.


Garfeuer (W3) [Adelung]


Das Garfeuer, des -s, plur. inus. in dem Hüttenbaue, ein starkes Flammenfeuer, bey welchem das Kupfer gar und geschmeidig gemacht wird.


Garherd (W3) [Adelung]


Der Garherd, des -es, plur. die -e, eben daselbst, ein Herd außerhalb des Garofens, wo das Metall gar, d. i. fein, geschmelzet und gereiniget wird.


Garig (W3) [Adelung]


Garig, adj. et adv. S. 1 Gare 1.


Gariner (W3) [Adelung]


Der Gariner, des -s, plur. ut nom. sing. S. Garnele.


Garknecht (W3) [Adelung]


Der Garknecht, des -es, plur. die -e, im Bergbaue, ein Arbeiter, der unter der unter der Aufsicht des Garmachers das Kupfer gar schmelzet.


Garkoch (W3) [Adelung]


Der Garkoch, des -es, plur. die -köche, ein Koch, bey welchem allezeit gar gekochte oder gebratene Speisen für Geld zu haben sind; im Nieders. ein Garbräter. S. Garküche.


Garkönig (W3) [Adelung]


Der Garkönig, des -es, plur. die -e, im Hüttenbaue, 1) das auf der Kapelle stehende Kupfer, wenn das Schwarzkupfer auf gares Kupfer probiret wird. 2) Die kleine Scheibe Kupfer, welche zuletzt stehen bleibet, wenn die Scheiben aus den Garherden gerissen werden. S. König.


Garkrätze (W3) [Adelung]


Die Garkrätze, plur. inus. eben daselbst, die Krätze oder das Gekrätz, welches von dem Garkupfer abgehet.


Garküche (W3) [Adelung]


Die Garküche, plur. die -n, die Wohnung und Küche eines Garkoches.


Garkupfer (W3) [Adelung]


Das Garkupfer, des -s, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, ut nom. sing. im Hüttenbaue, gares, d. i. von Silber, Bley und Unarten geschiedenes Kupfer.


Garleder (W3) [Adelung]


Das Garleder, des -s, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, ut nom. sing. Leder, welches von dem Weißgärber gar gemacht, oder gegärbet worden, und sonst auch weißgares Leder genannt wird; zum Unterschiede von dem lohgaren Leder und Rauchleder. S. Weißgar. Bey den Krainerischen Wenden ist Jerh weißes gegärbtes Leder.


Garley (W3) [Adelung]


Der Garley, des -es, plur. car. eine Art Bieres in der alten Mark Brandenburg, welches von der Stadt Gardeleben, wo es gebraut wird, den Nahmen hat.


Garmacher (W3) [Adelung]


Der Garmacher, des -s, plur. ut nom. sing. in dem Hüttenbaue, ein Arbeiter, der das Schwarzkupfer gar macht, d. i. von allen fremdartigen Dingen reiniget.


Garn (W3) [Adelung]


Das Garn, des -es, plur. die -e. 1) Einfache gesponnene Fäden von Flachs, Wolle oder Baumwolle; ohne Plural, außer von mehrern Arten oder Quantitäten. Garn spinnen. Flächsenes Garn, wollenes, baumwollenes Garn. In engerer Bedeutung wird flächsenes oder hänfenes Garn nur schlechthin Garn genannt. S. Garnweber. 2) Ein aus gezwirntem oder zusammen gedrehten Garne gestricktes Netz so wohl bey den Fischern, als bey den Jägern. Das Garn aufstellen. Wild in das Garn treiben. Einen Wald mit Garnen umstellen. Daher die im gemeinen Leben entlehnten figürlichen Redensarten: jemanden im Garne haben, in seiner Gewalt; einem ins Garn gehen, sich von ihm fangen, hintergehen lassen, ingleichen, ihm in sein Gehäge gehen; einen aus dem Garne lassen, u. s. f. In engerm Verstande nennen die Fischer nur die großen Netze, welche gezogen werden, und nicht sackförmig gestrickt sind, Garne, zum Unterschiede von den Watten, Schleppsäcken u. s. f. Dagegen pflegen die Jäger nur die Netze von schwachen Fäden, welche zum höchsten neun Fäden haben, Garne, die von stärkern aber Netze zu nennen. 3) Der zweyte Magen der wiederkauenden Thiere, vielleicht wegen einiger Ähnlichkeit mit einem Fischer- oder Jägergarne. Bey einigen führet er auch den Nahmen der Mütze.

Anm. So fern dieses Wort ein Gespinst bedeutet, lautet es bey dem Ottfried Garno, im Nieders. Garen, im Dän. und Schwed. Garn, im Angels. Gearn, im Engl. Yarn. Ihre leitet es von dem Holländ. gaeren, gittern, gattern, her; allein es gehöret mit mehrerm Rechte zu dem alten garen, bereiten, Engl. to gare; S. Gar und Gärben.


Garnbaum (W3) [Adelung]


Der Garnbaum, des -es, plur. die -bäume, bey den Webern, der hinterste Baum an dem Weberstuhle, auf welchen das Garn, das die Kette oder den Aufzug ausmacht, gewunden wird; der Kettenbaum.


Garnbier (W3) [Adelung]


Das Garnbier, des -es, plur. inus. in Westphalen, diejenige Tonne Bier, welche verarmte Landleute, oder diejenigen, denen eine ungewöhnliche Ausgabe bevorstehet, den Dorfeinwohnern zum Besten geben, wofür sie ein in Garn bestehendes Geschenk erhalten.


Garnele (W3) [Adelung]


Die Garnele, plur. die -n, eine Art kleiner Krebse in der Ost- und Westsee ohne Scheren, mit vielen Füßen; Cancer Crangon L. Im Holländ. heißt dieser Krebs Gaerner und Garnaerd, im Nieders. Garnaat, Granat, in andern Gegenden Garnadt, Gernaat, Gariner u. s. f. Franz. Chevrette, Man verwechselt sie oft mit den Krabben.


Garngabel (W3) [Adelung]


Die Garngabel, plur. die -n, bey den Jägern, Gabeln mit zwey Zacken, die Garne damit zu stellen; die Garnstange.


Garnhandel (W3) [Adelung]


Der Garnhandel, des -s, plur. inus. der Händel mit gesponnenem Garne. Daher der Garnhändler, des -s, plur. ut nom. sing. der mit solchem Garne handelt.


Garnhaspel (W3) [Adelung]


Der Garnhaspel, des -s, plur. ut nom. sing. ein Haspel, das gesponnene Garn von den Spuhlen zu winden; die Garnweife. Ingleichen, bey den Webern, ein Haspel, den Aufzug auf den Garnbaum zu wickeln.


Garnison (W3) [Adelung]


Die Garnison, plur. die -en, aus dem Franz. Garnison, der zur Vertheidigung oder Bewachung einer Stadt in derselben befindliche Haufe Soldaten; die Besatzung, ehedem die Huthknechte, die Huth. An einem Orte in Garnison stehen, von Soldaten, wenn sie zu der Besatzung dieses Ortes gehören. Daher die Garnison-Kirche, der Garnison-Prediger u. s. f.


Garnklotz (W3) [Adelung]


Der Garnklotz, des -es, plur. die -klötze, bey den Lichtziehern, ein Klotz, das zu Dachten verarbeitete Garn darauf zu klopfen.


Garnleute (W3) [Adelung]


Die Garnleute, sing. inus. in der Fischerey, diejenigen Leute, welche das Garn ziehen.


Garnmasche (W3) [Adelung]


Die Garnmasche, plur. die -n, eine von den Maschen oder Löchern, welche durch das Stricken in einem Netze oder Garne entstehen; die Masche.


Garnmeister (W3) [Adelung]


Der Garnmeister, des -s, plur. ut nom. sing. ein Fischer der mit Garnen oder großen Netzen fischet.


Garnsack (W3) [Adelung]


Der Garnsack, des -es, plur. die -säcke, bey den Fischern, ein wie ein Sack oder Schlauch gestricktes Garn, welches zwey Einkehlen hat, und aufgestellet wird; der Garnschlauch, die leichte Watte, Franz. Verveux, Verviers.


Garnschlauch (W3) [Adelung]


Der Garnschlauch, des -es, plur. die -schläuche, S. das vorige.


Garnstange (W3) [Adelung]


Die Garnstange, plur. die -n, S. Garngabel.


Garnstock (W3) [Adelung]


Der Garnstock, des -es, plur. die -stöcke, bey den Seidenbereitern, ein aufgerichteter Stock mit Zapfen, worauf die gesponnen und gefärbten Seidenstränen nach dem Färben wieder in Ordnung gebracht werden; Franz. Trasisoir.


Garnstricker (W3) [Adelung]


Der Garnstricker, des -s, plur. ut nom. sing. der Garne für die Fischer und Jäger stricket.


Garnstück (W3) [Adelung]


Das Garnstück, des -es, plur. die -e, bey den Spinnerinnen und Webern eine Anzahl Fäden gesponnenen Garnes von 20 Fitzen; welche auch eine Sträne, ingleichen ein Stück genannt wird. S. Fitze und Stück.


Garnweber (W3) [Adelung]


Der Garnweber, des -s, plur. ut nom. sing. ein Weber, der flächsenes oder hänfenes Garn verwebet; ein Leinweber. S. Garn 1.


Garnweife (W3) [Adelung]


Die Garnweife, plur. die -n, S. Garnhaspel.


Garnwinde (W3) [Adelung]


Die Garnwinde, plur. die -n, eine Winde, das gehaspelte Garn in Knäuel zu winden. Nieders. eine Krone, wegen einiger Ähnlichkeit in der Gestalt.


Garnzug (W3) [Adelung]


Der Garnzug, des -es, plur. die -züge, bey den Fischern, der Fischfang mit den Zuggarnen.


Garofen (W3) [Adelung]


Der Garofen, des -s, plur. die -öfen, in dem Hüttenbaue, eine Grube von dem Gebläse, worin das Kupfer gar gemacht wird.


Garpfanne (W3) [Adelung]


Die Garpfanne, plur. die -n, eben daselbst, große eiserne Pfannen, in welchen das Garkupfer nochmahls geschmelzet, und dadurch völlig gereiniget wird.


Garprobe (W3) [Adelung]


Die Garprobe, plur. die -n, eben daselbst, diejenige Probe, worin untersucht wird, wie viel gares, d. i. reines Kupfer in einer Quantität Erz enthalten ist.


Garsalz (W3) [Adelung]


Das Garsalz, des -es, plur. inus. in den Salzwerken, gares, d. i. wohl gekochtes, gehörig gesottenes Salz.


Garscheibe (W3) [Adelung]


Die Garscheibe, plur. die -n, in dem Hüttenbaue, Garkupfer in Gestalt einer Scheibe.


Garschlacken (W3) [Adelung]


Die Garschlacken, sing. inus. eben daselbst, Schlacken, welche bey dem Garmachen des Kupfers erfolgen; Seigerschlacken.


Garspäne (W3) [Adelung]


Die Garspäne, sing. inus. eben daselbst, diejenigen Kupfertheilchen, welche an dem Gareisen hängen bleiben, wenn man dasselbe in das geschmelzte Kupfer stößet.


Garstig (W3) [Adelung]


Garstig, -er, -ste, adj. et adv. welches nur in der vertraulichen Sprechart üblich ist. 1. Eigentlich, kothig, beschmutzt. Sich garstig machen, sich besudeln. Garstige Hände haben. Garstiges, unreines, trübes, Wasser. Eine garstige, schmutzige, Arbeit. Es ist garstiges Wetter, kothiges, schmutziges. 2. Figürlich. 1) Verdorben, von Fett und Fettwaaren, doch nur im Oberdeutschen; ranzig. Garstiger Speck, garstige Butter. Das Öhl riecht, schmeckt garstig. In dieser Bedeutung scheinet es beynahe aus dem Nieders. galstrig, ranzig, verderbt zu seyn, welches wiederum von geil abstammet. S. Geil. 2) Ungestaltet, häßlich, von widriger Bildung. Ein garstiges Gesicht. Sie ist nicht gar garstig, sie sieht erträglich aus. Pfuy, sagte man, das garstige Thier (der Esel)! Es brüllt, daß uns die Ohren klingen, Lichtw. 3) Schändlich, den guten Sitten im hohen Grade zuwider. Garstige Reden, Zoten. Garstige Bilder, garstige Bücher, ein garstiges Lied. So auch die Garstigkeit.

Anm. Frisch leitet dieses Wort von dem Holländ. Kroos, Koth, andere von gären, und einem veralteten Hauptworte Garst, die Hefen, her. Allein es gehöret mit mehrerm Rechte zu dem veralteten Gor, Koth. S. 2 Gare und Hornung. Bey den Krainerischen Wenden heißt garstig gerd, die Niedersachsen aber gebrauchen dafür auch lelik, lelk, in Baiern leidlich, Franz. laid, Engl. lewd. Übrigens sprechen viele Hochdeutsche das st in diesem Worte irrig wie scht aus, welchen Laut es auch Bürste, Durst, Wurst u. s. f. hat.


Garstück (W3) [Adelung]


Das Garstück, des -es, plur. die -e, in den Salzwerken, ein Stück fertiges, oder gar gekochtes Salz.


Gärte (W3) [Adelung]


Die Gärte, S. Gerte.


Garten (W3) [Adelung]


Garten, verb. reg. act. betteln, S. Garden.


Garten (W3) [Adelung]


Der Garten, des -s, plur. die Gärten, Diminut. das Gärtchen, Oberd. Gärtlein, ein Wort, welches überhaupt einen eingeschlossenen verwahrten Platz bedeutet, und besonders folgende Arten desselben bezeichnet. 1) * Einen Zaun, ein Gehäge; eine im Deutschen völlig veraltete Bedeutung, in welcher doch das Schwed. Gard und Dän. Giärde, ein Zaun, und gaerda, Dän. giärde, zäunen, noch üblich find. Schon das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, und Angels. Gearde, bedeutete einen Zaun, und im Hebr. und Punischen ist - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - einzäunen. S. Gaden, Gatter, Gerte, Gurt, Gürtel, Hürde u. s. f. Im Wendischen ist gradim noch jetzt einzäunen, und Gard ein Stacketenwerk. 2) * Einen mit einem Zaune, mit einer Hecke, oder auf ähnliche Art eingeschlossenen Ort; eine gleichfalls veraltete Bedeutung, wovon aber in den ältern Sprachen eine Menge Beyspiele vorkommen. Dahin gehören das Lat. Cohors, Chors, ein eingeschlossener Ort, Engl. Yard, das mittlere Lat. Curtis, Dän. Gaard, ein Hof, das mittlere Lat. Girata, Gordus, Gortium, Gortus, eine Fischweide, Garenne, und hundert andere mehr. 3) * Besonders, einen befestigten Ort, ein Schloß, eine Burg, einen Pallast, eine Stadt; eine Bedeutung, welche in den fremden Sprachen gleichfalls sehr häufig ist, ungeachtet sie im Deutschen auch unter die veralteten gehöret. Das Pohln. Grod, Ruß. Gorod, Böhm. und Wend. Hrod, Hrad, Schwed. Gard, das Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, das Chald. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - und hundert andere bedeuten theils eine Burg, theils eine Stadt. Dahin gehören gleich- falls die vielen Nahmen der Städte und Schlösser in und außer Deutschland, welche sich auf gard endigen, z. B. Stuttgard, Belgard, Stargard, u. s. f. S. Gardrichter. 4) * Ein Haus, welche Bedeutung das Goth. Gards und Dän. Gaard hat. Aus der Deutschen Sprache gehöret hierher das an Höfen übliche Wort Zehrgarten, das Vorrathshaus oder Gewölbe von dem zu den Bedürfnissen des Hofes gehörigen Gemüse, Fleische und Fischen zu bezeichnen, dessen Aufseher der Zehrgärtner genannt wird. 5) Ein mit einem Zaune, oder einer Hecke eingefaßtes oder befriedigtes Stück Acker, Nieders. ein Kamp, und wenn es Graseland ist, eine Wörde, Wuurte. In diesem Verstande ist ein Eichelgarten oder Eichelkamp, ein zum Anfluge junger Eichen eingehägtes Stück Feldes. S. Gartenfeld, Gartenrecht, Gartine und Wörde. 6) In der engsten und üblichsten Bedeutung, ein befriedigtes Stück Landes, worin allerley Gewächse so wohl zum Nutzen, als zum Vergnügen gebauet werden. Einen Garten hinter dem Hause haben. Einen Garten anlegen. Ein Baumgarten, Obstgarten, Küchengarten, Kohlgarten, Lustgarten, Blumengarten, Grasgarten, Irrgarten u. s. f. In dieser Bedeutung lautet es bey dem Kero Cartin, bey dem Ottfried Garton, bey dem Willeram Garto, im Nieders. Garden, Garen, im Holländ. Gaerde, im Engl. Garden, im Wallis. Gardd, im Franz. Jardin, im Ital. Giardino, im Lat. Cors, cortis, Hortus, im mittlern Lat. Gardum, Goretus, im Wallach. Garatina, im Pohln. Ogrod u. s. f. 7) * Eine Gegend, ein Gebieth, ein Land; eine nur noch in einigen verwandten Sprachen übliche Bedeutung, wohin das alte Schwed. Gard, das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, eine Gegend, und das Angels. Gearde, die Erde, der Weltkreis, gehören. Auf der Insel Rügen heißt das Gebieth der ehemahligen Gardvogtey noch jetzt der Garten; S. Gardrichter.

Anm. Das hohe Alter dieses Wortes und die vielen demselben dem Klange noch ähnlichen Wörter machen dessen Ableitung schwer, wo nicht unmöglich. So fern es einen Zaun bedeutet, kann es zu Gerte und Hürde gerechnet werden; so fern mit demselben auf die Verwahrung gesehen wird, kann es zu wahren, warten, bewahren, Franz. garder, gehören; wäre der Begriff des Umkreises, des Bezirkes, der herrschende, so würde es zu Gurt, Girgillus, Girare u. s. f. gehören; würde vornehmlich auf den Begriff eines Platzes gesehen, so müßte es mit Erde, Schwed. Jörd, verwandt seyn; anderer Ableitungen zu geschweigen. Übrigens lautet dieses Wort, wenn es hortus bedeutet, in einigen Gegenden der Garte, ein Garte ohne Wasser, Es. 1, 30, und in andern scheinet es gar weiblichen Geschlechtes zu seyn. Die Gärte, wo nur Wolfs- und Schirlingskraut zu holen, Gryph. Ich lieb ein falsches Licht, das geile Flammen heget, Und in die Gärte führt, ebend. In welcher letztern Stelle es aber einen Sumpf, Morast, zu bedeuten scheinet, in welchen Falle es zu einem andern Stammworte gehören würde.


Gartenampfer (W3) [Adelung]


Der Gartenampfer, des -s, plur. inus. S. Spinat.


Garten-Anemone (W3) [Adelung]


Die Garten-Anemone, plur. die -n, eine Art Anemonen mit blätterigem Stamme und geschwänzten Samen, welche bey uns in Gärten gebauet wird; aber in Italien und an dem Rheine wild wächset; Anemone hortensis L.


Gartenapfel (W3) [Adelung]


Der Gartenapfel, des -s, plur. die -äpfel, Äpfel, welche in den Gärten gezogen werden; zum Unterschiede von den wilden oder Holzäpfeln.


Gartenäppich (W3) [Adelung]


Der Gartenäppich, des -es, plur. inus. S. Petersilie.


Gartenarbeit (W3) [Adelung]


Die Gartenarbeit, plur. die -en, die zur Bestellung eines Gartens nöthige Arbeit.


Gartenbau (W3) [Adelung]


Der Gartenbau, des -es, plur. Inus. 1) Der Bau, d. i. Die Bestellung und Unterhaltung eines Gartens. 2) Die Wissenschaft, einen Garten bequem und nützlich anzulegen und zu unterhalten; die Gartenkunst.


Gartenbeet (W3) [Adelung]


Das Gartenbeet, des -es, plur. die -e, ein Beet in einem Garten; zum Unterscheide von einem Ackerbeete.


Gartenbiene (W3) [Adelung]


Die Gartenbiene, plur. die -n, zahme Bienen, welche in Gärten gehalten und gepfleget werden; zum Unterschiede von den Feld- oder Waldbienen. S. Gartenhonig.


Gartenbirn (W3) [Adelung]


Die Gartenbirn, plur. die -en, Birnen, welche in Gärten gezeuget werden; zum Unterschiede von den wilden oder Holzbirnen.


Gartenblume (W3) [Adelung]


Die Gartenblume, plur. die -n, Blumen, welche in Gärten gezeuget werden; zum Unterschiede von den Feldblumen, Waldblumen, u. s. f.


Gartenbohne (W3) [Adelung]


Die Gartenbohne, plur. die -n, überhaupt alle Bohnen, welche in Gärten gezeuget werden. In engerer Bedeutung eine Art großer Bohnen; zum Unterschiede von den Feld- und Futterbohnen.


Gartenbuch (W3) [Adelung]


Das Gartenbuch, des -es, plur. die -bücher, ein Buch, welches die Wissenschaft des Gartenbaues lehret.


Garten-Cichorie (W3) [Adelung]


Die Garten-Cichorie, plur. inus. S. Gartenwegewarte.


Garten-Cypresse (W3) [Adelung]


Die Garten-Cypresse, plur. die -n, eine Benennung der Stabwurz, S. Gertwurz.


Garten-Cypreßkraut (W3) [Adelung]


Das Garten-Cypreßkraut, des -es, plur. inus. S. Meerwermuth.


Gartendistel (W3) [Adelung]


Die Gartendistel, plur. die -n, eine Benennung, welche in einigen Gegenden die Artischocke, Cynara L. führet; S. dieses Wort.


Gartenerbsen (W3) [Adelung]


Die Gartenerbsen, sing. inus. Erbsen, welche in Gärten gezeuget werden, und auch Stabelerbsen, Stängelerbsen heißen; zum Unterschiede von den Felderbsen.


Gartenerde (W3) [Adelung]


Die Gartenerde, plur. von mehrern Arten, die -n, eine zum Gartenbaue dienliche Erde. In weiterer Bedeutung wird auch wohl die obere Erdschicht des Erdbodens, die Gewächserde, Dammerde, die Gartenerde genannt.


Gartenfeld (W3) [Adelung]


Das Gartenfeld, des -es, plur. die -er, in der Landwirthschaft, ein Stück Feldes, welches Gartenrecht hat, und daher nach des Eigenthümers Belieben genutzet werden kann; Gartenland, ein Jahrfeld, weil es alle Jahre bestellet wird, zum Unterschiede von dem Artfelde. S. Gartine.


Gartenfrosch (W3) [Adelung]


Der Gartenfrosch, des -es, plur. die -frösche, eine Art Frösche, welche sich auf der Erde, und besonders in den Gärten aufhält, der Landfrosch, Grasfrosch; zum Unterschiede von dem Laub- und Wasserfrosche.


Gartenfrucht (W3) [Adelung]


Die Gartenfrucht, plur. die -früchte, eine jede Frucht, welche in Gärten gebauet wird, zum Unterschiede von den Feldfrüchten; im Oberd. Krätzerey, Krätzwerk.


Gartengeräth (W3) [Adelung]


Das Gartengeräth, des -es, plur. inus. ein Collectivum, alles zum Gartenbaue nöthige Geräth zu bezeichnen.


Gartengewächs (W3) [Adelung]


Das Gartengewächs, des -es, plur. die -e, ein jedes Gewächs, welches in Gärten gebauet wird; zum Unterschiede von den Feldgewächsen.


Gartengras (W3) [Adelung]


Das Gartengras, des -es, plur. inus. 1) Gras, welches in Gärten wächset. 2) Gras, welches auf Reinen, Dämmen, Wiesenrändern, und in Büschen wächset, und nicht gehauen, sondern geschnitten wird; zum Unterschiede von dem Wiesengrase.


Gartenhaue (W3) [Adelung]


Die Gartenhaue, plur. die -n, eine Haue, oder kleiner Karst, zum Gebrauch in den Gärten.


Gartenhaus (W3) [Adelung]


Das Gartenhaus, des -es, plur. die -häuser, ein jedes Haus an oder in einem Garten, zum Behuf des Gartenbaues oder der Gartenlust. S. Lusthaus.


Gartenhonig (W3) [Adelung]


Das Gartenhonig, des -es, plur. inus. das Honig von den Gartenbienen; zum Unterschiede von dem Beutenhonige oder Waldhonige.


Gartenhuhn (W3) [Adelung]


Das Gartenhuhn, des -es, plur. die -hühner. 1) Eine in einigen Gegenden übliche scherzhafte Benennung eines mit Semmel, Eyern u. s. f. gefüllten und gekochten Kohlhauptes, welches an andern Orten ein Krauthahn genannt wird. 2) Eine Art Zinshühner, vielleicht, weil sie von einem Garten gegeben werden.


Gartenkerbel (W3) [Adelung]


Der Gartenkerbel, des -es, plur. inus. der gewöhnliche zahme Kerbel, der in den Gärten gebauet wird; zum Unterschiede von dem Dammkerbel, Spanischen Kerbel u. s. f.


Gartenkirsche (W3) [Adelung]


Die Gartenkirsche, plur. die -en, die gewöhnliche in den Gärten befindliche Kirsche; zum Unterschiede von den Weichseln, Zwergkirschen, Vogelkirschen u. s. f. Prunus Cerasus vulgaris L.


Gartenknecht (W3) [Adelung]


Der Gartenknecht, des -es, plur. die -e, ein Gehülfe des Gärtners, der die niedrigen in einem Garten vorfallenden Arbeiten verrichtet.


Gartenkraut (W3) [Adelung]


Das Gartenkraut, des -es, plur. die -kräuter, ein jedes Kraut, oder jede Pflanze, welche in Gärten gebauet wird; zum Unterschiede von den Feldkräutern, Waldkräutern u. s. f.


Gartenkresse (W3) [Adelung]


Die Gartenkresse, plur. inus. eine Art Kresse, welche in Gärten gebauet wird, und deren Vaterland unbekannt ist; Lepidum lativum L. zum Unterschiede von der Brunnenkresse und wilden Kresse.


Gartenkröte (W3) [Adelung]


Die Gartenkröte, plur. die -n, S. Feldkröte.


Gartenkümmel (W3) [Adelung]


Der Gartenkümmel, des -s, plur. inus. der zahme Kümmel, welcher in den Gärten gebauet, und dessen Samen in den Küchen gebraucht wird; Kramkümmel, Fischkümmel, Römischer Kümmel, zum Unterschiede von dem Feldkümmel, Wiesenkümmel und schwarzen Kümmel.


Gartenkunst (W3) [Adelung]


Die Gartenkunst, plur. inus. die Kunst, einen Garten so wohl zum Nutzen, als auch zum Vergnügen geschickt anzulegen und zu unterhalten; die Gärtnerkunst, im gemeinen Leben die Gärtnerey.


Gartenland (W3) [Adelung]


Das Gartenland, des -es, plur. die -länder. 1) Land, welches als ein Garten gebauet wird, oder zu einem Garten bestimmt ist. 2) In der Feldwirthschaft, ein Stück Landes, welches Gartenrecht genießet; Gartenfeld.


Gartenlaube (W3) [Adelung]


Die Gartenlaube, plur. die -n, eine Laube in einem Garten.


Gartenleiter (W3) [Adelung]


Die Gartenleiter, plur. die -n, eine Leiter hinten mit einer Stütze, zum Gebrauche in den Gärten; die Baumleiter, Stützleiter.


Gartenlinsen (W3) [Adelung]


Die Gartenlinsen, sing. inus. große, Wälsche Linsen, welche in den Gärten gebauet werden; zum Unterschiede von den Feldlinsen.


Garten-Lotus (W3) [Adelung]


Der Garten-Lotus, plur. inus. eine Art des Lotus oder Schotenklees, der in Gärten gebauet wird; zum Unterschiede von dem wilden Lotus.


Gartenlust (W3) [Adelung]


Die Gartenlust, plur. inus. der Genuß eines Gartens als eine Lust, d. i. als ein Vergnügen, betrachtet.


Gartenmark (W3) [Adelung]


Das Gartenmark, des -es, plur. inus. S. Sellerie.


Gartenmaßliebe (W3) [Adelung]


Die Gartenmaßliebe, plur. inus. eine Art der Maßlieben mit gefüllten Blumen, welche in den Gärten gebauet wird; Bellis hortensis L. zum Unterschiede von der wilden.


Gartenmeise (W3) [Adelung]


Die Gartenmeise, plur. die -n, S. Aschmeise.


Gartenmeister (W3) [Adelung]


Der Gartenmeister, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Klöstern, einer von der Brüdern, welcher die Stelle eines Gärtners vertritt.


Gartenmelde (W3) [Adelung]


Die Gartenmelde, plur. inus. eine Art der Melde, mit einem aufrechten krautartigen Stamme, und dreyeckigen Blättern, welche in der Tatarey wild wächset, bey uns aber in den Gärten gebauet wird; Atriplex hortensis L. zum Unterschiede von der wilden Melde.


Gartenmesser (W3) [Adelung]


Das Gartenmesser, des -s, plur. ut nom. sing. ein krummes Messer in Gestalt einer kleinen Sichel, dessen sich die Gärtner zum Beschneiden der Bäume bedienen; das Baummesser.


Gartenmohn (W3) [Adelung]


Der Gartenmohn, des -es, plur. von mehrern Arten, die -e, diejenigen Arten Mohn, welche bey uns in den Gärten gezeuget werden, und zum Theil das Opium geben; Papaver somniferum L. zum Unterschiede von dem wilden oder Feldmohn.


Gartenmünze (W3) [Adelung]


Die Gartenmünze, plur. inus. diejenigen Arten der Münze, welche bey uns in Gärten gebauet werden, dergleichen die Brausemünze, Frauenmünze und Spitzmünze find; zum Unterschiede von den wilden Arten.


Gartennelke (W3) [Adelung]


Die Gartennelke, plur. die -n. 1) Alle Arten der Nelken, welche bey uns entweder in den Gärten, oder auf den Feldern wild wachsen; Dianthus L. zum Unterschiede von den Gewürznelken. 2) Im engern Verstande, diejenigen Arten, welche in den Gärten gezogen werden; zum Unterschiede von den Feldnelken.


Gartennessel (W3) [Adelung]


Die Gartennessel, plur. inus. eine Benennung der Römischen Nessel, welche in Gärten gepflanzt wird; zum Unterschiede von der wilden oder Heiternessel.


Gartenpallast (W3) [Adelung]


Der Gartenpallast, des -es, plur. die -palläste, ein Pallast an einem Garten, oder zum Behuf der Gartenlust.


Gartenraute (W3) [Adelung]


Die Gartenraute, plur. inus. eine Art der Raute, welche bey uns in Gärten gebauet wird, und zu der Ruta graveolens L. gehöret; zum Unterschiede von der Bergraute.


Gartenrecht (W3) [Adelung]


Das Gartenrecht, des -es, plur. inus. in der Landwirthschaft, das Recht, ein Stück Landes einzuzäunen oder einzuhägen, oder es doch so nutzen, als wenn es eingezäunet wäre. Ein Stück Landes, welches Gartenrecht hat, darf nicht von dem Viehe anderer behüthet werden, und wer das Gartenrecht auf seinen Feldern hergebracht hat, kann selbige alle Jahre nach Belieben bestellen; daher solche Felder auch Jahrfelder genannt werden, zum Unterschiede von den Artfeldern. Eine Wiese, welche Gartenrecht hat, wird auch eine Hägewiese genannt. S. Garten 1 und 5.


Gartenröthling (W3) [Adelung]


Der Gartenröthling, des -es, plur. die -e, oder das Gartenrothschwänzchen, des -s, plur. ut nom. sing. eine Art der Röthlinge oder Rothschwänzchen, welche in hohlen Bäumen brüten; Motacilla Phoenicurus L. zum Unterschiede von der Stadtröthlingen, welche in den Häusern nisten


Gartensaal (W3) [Adelung]


Der Gartensaal, des -es, plur. die -säle, ein Saal in einem Gartenhaufe. Ingleichen ein offener mit Alleen eingefaßter Platz in einem Garten.


Gartensäge (W3) [Adelung]


Die Gartensäge, plur. die -n, eine kleine Säge, Äste und Zweige von den Bäumen abzusägen; die Baumsäge.


Garten-Saturey (W3) [Adelung]


Die Garten-Saturey, plur. inus. eine Art der Saturey, Welche in Languedoc und Italien wild wächset, bey uns aber nur in den Gärten angetroffen wird; Satureia hortensis L.


Gartenscharlach (W3) [Adelung]


Der Gartenscharlach, oder Gartenscharley, des -es, plur. inus. in einigen Gegenden eine Benennung der Römischen Sal- bey, Salvia officinalis L. S. Scharley und Scharlachkraut.


Gartenschnecke (W3) [Adelung]


Die Gartenschnecke, plur. die -n. 1) Eine Art der Schnecken mit gewundenen Schalen, welche sich in den Gärten und Wäldern aufhalten; Erdschnecken, zum Unterschiede von den See- und Wasserschnecken. 2) Die nackte Schnecke ohne Haus, mit einem länglichen Körper, welche sich an feuchten Orten in den Gärten und auf den Äckern aufhält, und auch Wegeschnecke genannt wird, Limax L.


Gartenschwamm (W3) [Adelung]


Der Gartenschwamm, des -es, plur. die -schwämme, eine Benennung des Champignons, wenn man sie in Gärten bauet.


Gartenspargel (W3) [Adelung]


Der Gartenspargel, des -s, plur. inus. der Spargel, welcher in Gärten gebauet wird; zum Unterschiede von dem wilden Spargel.


Gartenspinne (W3) [Adelung]


Die Gartenspinne, plur. die -n, die größte Art der Spinnen, welche ein künstliches Gewebe in der freyen Luft, besonders in den Gärten macht, und auch Kreuzspinne genannt wird; zum Unterschiede von der Haus- Feld- und Kellerspinne.


Gartenwalze (W3) [Adelung]


Die Gartenwalze, plur. die -n, eine Walze, die Gänge in den Gärten damit eben und fest zu machen.


Gartenwanze (W3) [Adelung]


Die Gartenwanze, die -n, S. Baumwanze.


Gartenwegewarte (W3) [Adelung]


Die Gartenwegewarte, plur. die -n, die Wegewarte oder Cichorie, so fern sie in Gärten gebauet wird, welche sich nur durch die tiefern Einschnitte der Blätter von der wilden unterscheidet; Garten-Cichorie, Intybus Cichorium L.


Gartenwurz (W3) [Adelung]


Die Gartenwurz, plur. inus. S. Gartenkraut.


Gartenzehnte (W3) [Adelung]


Der Gartenzehnte, des -n, plur. die -n, der Zehnte, der von Gärten und Gartengewächsen, besonders so fern sie auf Gartenfeldern erbauet werden, gegeben wird.


Garthafer (W3) [Adelung]


Der Garthafer, des -s, plur. inus. S. Gertwurz.


Gartheil (W3) [Adelung]


Das Gartheil, S. Gertenkraut.


Gartine (W3) [Adelung]


Die Gartine, plur. die -n, eine in der Gegend von Könnern übliche Benennung einer Art Äcker, vermuthlich solcher, welche Gartenrecht haben; Gartenfelder. In einer gerichtlichen Nachricht von 1773 wurden des Ackermanns-Grundstücke, bestehend in einem Busche, einer Gartine auf der Pernener Mark und 12 Morgen Acker feil gebothen. Im mittlern Lat. bedeutet Gardinum, Gardinium mehrmahls einen Garten, Cortina aber einen Hof. S. Garten 5. und Gartenfeld.


Gartkraut (W3) [Adelung]


Das Gartkraut, plur. inus. S. Gertenkraut.


Gärtner (W3) [Adelung]


Der Gärtner, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Gärtnerinn, plur. die. die -en, der Aufseher oder Besitzer eines Gartens. 1) Der Aufseher eines Magazins der Eßwaaren an den Höfen, S. Garten 4. und Zehrgärtner. 2) An einigen Orten werden auf den Dörfern, diejenigen Hintersättler, welche keinen Acker, wohl aber ein Stück Garten haben, von dessen Ertrage sie sich nähren, Gärtner genannt, und dadurch von den übrigen Häuslern unterschieden. Am häufigsten bezeichnet dieses Wort, 3) einen Menschen, der den Gartenbau verstehet, und einem Garten vorgesetzet ist. Daher der Baum- oder Obstgärtner, Blumengärtner, Kunstgärtner, Lustgärtner, Kohlgärtner, Hofgärtner u. s. f.

Anm. In dieser letzten Bedeutung lautet es bey dem Ottfried Gartari, im Tatian Garter, von Gart für Garten, in der Monseeischen Glosse Gartinare, im Nieders. aber Gärner.


Gärtnerey (W3) [Adelung]


Die Gärtnerey, plur. inus. im gemeinen Leben; die Gartenkunst.


Gärtnerkunst (W3) [Adelung]


Die Gärtnerkunst, plur. inus. S. Gartenkunst.


Garve (W3) [Adelung]


Garve, Feldkümmel, S. Karbe.


Garzeröhl (W3) [Adelung]


Das Garzeröhl, S. Gardseer-Öhl.


Gas (W3) [Adelung]


Das Gas, subst. indecl. plur. doch nur von mehrern Arten, die Gas, ein erst in den neuern Zeiten wieder gangbar gewordenes Wort, eine Art Dämpfe, oder einen sehr feinem elastischen flüssigen Körper zu bezeichnen, welcher sich bey den meisten Gährungen und Auflösungen aus den Körpern entwickelt, von der Lust noch verschieden, übrigens aber eben so unsichtbar ist, als sie. Der ältere von Helmont soll dieses barbarische Wort zuerst gebraucht, und es aus dem Hebräischen - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, bewegt werden, aus einander ziehen, entlehnet haben; wenn er es nicht vielmehr aus dem Holländ. Geest, Geist, verstümmelt hat; denn sein Ahnherr Paracelsus nannte eben diese seinen Dämpfe Spiritus sylvestres, wilde Geister. So viel ist gewiß, daß er als ein Schwärmer und Alchymist der ersten Größe mehr ähnliche Nahmen ausgehecket hat, dunkele und verworrene Begriffe auf eine eben so dunkele Art auszudrucken; daher es zu wünschen wäre, daß unsere Naturkundige ein schicklicheres Wort, welches nicht so sehr das Gepräge der Alchymie an sich hätte, ausfündig machten. Boyle, Hales und andere verdiente Physiker, welche diese Dämpfe genauer untersuchten, nannten sie Luft, fixe Luft, Luftsäure, brennbare Luft, Salpetersäure, Salpeterluft u. s. f. andere belegten sie mit dem Nahmen der Dämpfe; und ich glaube, man hätte dabey bleiben können, da doch alle diese Substanzen luftartig sind, und die Beysätze fix, mephitisch, brennbar u. s. f. sie hinlänglich unterscheiden. Helmont, der sich immer hinter dunkele Wörter versteckte, nannte auch die gemeine Luft Gas, und bestimmter Gas ventosum, zum deutlichen Beweise, daß seine Begriffe von dieser nicht klärer waren, als von jener.


Gäschen (W3) [Adelung]


Gäschen, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches den Schall nachahmet, welchen ein flüssiger Körper im Aufbrausen macht, und im gemeinen Leben auch jeschen, gischen lautet. Das Bier gäscht, wenn es gähret, noch mehr aber, wenn es eingeschenket wird, und einen brausenden Schaum aufstößet. Figürlich auch zuweilen von einem ähnlichen Schalle andrer Körper. Da gischt er, schäumt und schnaubt, sagt Opitz von einem Pferde.

Anm. Dieses Wort ist mit gähren genau verwandt, und, so wie jenes, eine Nachahmung des Schalles. Gesende most ist schon im Willeram gährender Most. Bey dem Ulphilas ist geysa anhetzen, im Schwed. gäsa gähren, und im Isländ. ysa, aufbrausen. Das Hebr. und Lappländ. Gasch, Gaski, ein Wasserfall, und Franz. Cascade, scheinen einen ähnlichen Ursprung zu haben. S. Gähren, Geist und das folgende.


Gäscht (W3) [Adelung]


Der Gäscht, des -es, plur. von mehrern Arten, die -e. 1. Die gährende Bewegung in einem flüssigen Körper. Welches Pulver mit sauren Geistern in einen Jast gerathen, Bluntschli, ein Zürchischer Schriftsteller. Noch mehr aber, 2. der Schaum von aufbrausenden flüssigen Körpern, besonders in folgenden zwey Fällen. 1) Die Oberhefen, oder Spundhefen des Bieres, die bey der Gährung oben ausgestoßen werden, und auch der Gischt, die Gahre oder Gohre, Nieders. Jest, Gäst, Jescht, heißen, Engl. Yest, im mittlern Lat. Gesta, Gestum; zum Unterschiede von den Stellhefen, Unterhefen, Bodenhefen oder der Bärme. 2) Der Schaum auf dem eingeschenkten Biere, im Schwed. Gast, im Angels. Gyst, im Engl. Yeast, Yest, im Isländ. Jastr, im Nieders. auch Riem und Mood (Muth). Anm. Im Böhmischen bedeutet Gisska, und Gicha, die Brühe, im Wend. aber Jesa den Zorn. S. das vorige und Geist.


Gäse (W3) [Adelung]


Die Gäse, plur. die -n, eine Art Fische, S. Alant.


Gäspe (W3) [Adelung]


Die Gäspe, plur. die -n, ein nur im gemeinen Leben übliches Maß trockner Dinge, eine doppelte hohle Hand voll zu bezeich- nen, nehmlich so viel, als man in den beyden zusammen gehaltenen hohlen Händen fassen kann. Eine Gäspe Mehl. Vier Gäspen Erbsen.

Anm. Dieses Wort lautet im gemeinen Leben auch Gespe, Göspe, Geuspe, in Franken Gäyse, im Oberd. Gaup, Gauf, Gaufel, im Nieders. Göspe, im Dän. Gove, Göve, im Engl. Gavel, im Languedoc Gavel, Franz. Javelle, Javeau, im mittlern Lat. Jumella, Junchada, Hapsus. Frisch leitet es von geben her; allein das Schwed. gäspa, Angels. gasp, Isländ. geispa, gähnen, welches ohne Zweifel wiederum von gaffen, öffnen, aufthun, herstammet, gibt ein weit besseres Stammwort ab. Die Lat. cavus, capsa, capere u. s. f. verdienen damit verglichen zu werden. In Franken werden die Dachfenster Gaupen genannt, und bey dem Pictorius und Dasypodius ist der Gauf die Höhle in der Mitte der Hand oder des Fußes. S. Gaffen und Offen.


Gassatim (W3) [Adelung]


Gassatim, adv. welches im Scherze nach dem Muster der Lateinischen Nebenwörter, besonders des barbar. stellatim, gebildet ist, und nur im gemeinen Leben gebraucht wird, wo es auch gassaten lautet. Gassatim gehen, auf den Gassen ohne Geschäfte herum gehen, besonders des Nachts. Es kommt unter andern auch in der Straßburg. Polizeyordn. S. 85 vor.


Gasse (W3) [Adelung]


Die Gasse, plur. die -n, Diminut. das Gäßchen, Oberd. das Gäßlein, überhaupt, ein Weg, auf welchem man gehet; doch nur noch in folgenden besondern Fällen. 1) Ein auf beyden Seiten mit Häusern bebauter Weg in einer Stadt, einem Flecken, und zuweilen auch in einem Dorfe. Eine breite, eine enge, eine lange Gasse. Auf der Gasse, oder auf den Gassen herum laufen. Es geschahe auf öffentlicher Gasse. Den Wein über die Gasse hohlen, aus einem andern Hause. Wein, Bier über die Gasse verkaufen, in andere Häuser. In, oder auf der langen Gasse wohnen, d. i. an derselben. In engerm Verstande werden zuweilen die breitern Gassen Straßen, die engern aber Gassen genannt. Die Stadt Lößnitz hat keine Straßen, sondern nur Gassen. 2) In einem Lager, der Raum zwischen den Gezelten, weil er vornehmlich zum Gehen bestimmt ist. 3) Der lange schmale Raum zwischen zwey Reihen Menschen, besonders bey den Soldaten. S. Gassenlaufen. 4) In den Bienenstöcken, die Zwischenräume zwischen den Scheiben. 5) Eine Rinne, S. Glättgasse.

Anm. In der ersten Bedeutung lautet dieses Wort bey dem Willeram und Notker Gazzo, im Wend. Hassa, im Ungar. Vtza. Im Tatian aber ist Giozo eine Meerenge, im Ital. Chiasso eine Gasse ohne Ausgang, ein Sack, und im Lappländ. Autza ein schmales Thal zwischen zwey Hügeln. Die Niedersachsen und damit verwandten Sprachen haben statt des Zischlautes, wie in andern Fällen ein t, Dän. Gade, Holländ. Gat, Nieders. Gate, Schwed. Gata, Engl. an einigen Orten Gate, bey dem Ulphilas Gatvo, welche aber in weiterer Bedeutung oft eine jede Durchfahrt, besonders eine Meerenge, eine Öffnung, ein Loch, bedeuten. Wachter leitet es von dem Isländ. gasa, laufen, her; allein er hätte immer bey dem Deutschen gehen stehen bleiben können, von welchem das Isländ. nur das Frequent. ist. das Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - bedeutet gleichfalls eine Gasse, und dieß leitet man gemeiniglich von dem Syr. und Äthiop. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, cinxit, circumdedit, her.


Gasseln (W3) [Adelung]


* Gasseln, verb. reg. act. welches nur im Niedersächsischen üblich ist, den zu Brot geformten rohen Teig in den heißen Ofen schieben, damit er plötzlich eine braune Rinde bekomme; welches in Obersachsen garben heißt, S. dieses Wort. Das Bret, worauf man den Teig in den Ofen schiebet, heißt die Gassel.


Gassenbettler (W3) [Adelung]


Der Gassenbettler, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Gassenbettlerinn, plur. die -en, Bettler und Bettlerinnen, welche die Vorübergehenden auf den Gassen um ein Almosen ansprechen.


Bei Adelung findet man:


Der "Gassenhauer", des -s, plur. ut nom. sing. ein schlechtes Lied, welches von dem Pöbel auf allen Gassen gesungen wird; ein Gassenlied. Ingleichen die Melodie eines solchen auf allen Gassen bekannten Liedes.

Anm. Die letzte Hälfte dieses Wortes ist noch dunkel. Frisch leitet sie von dem "Hauen" oder "Wetzen" der Studenten auf den Gassen her. Die Dänische Benennung "Gadevise" ist deutlicher, eine "Gassenweise", oder "Gassenlied". Im Schwedischen heißt ein solcher Gassenhauer "Slagdaenga", und in Schonen "Hadaenga". Ihre leitet diesen nahmen von S. "Legenda" her, obgleich "daenga" "schlagen", "stoßen" bedeutet. Die Französische Benennung, "Vaudeville", soll zu Franz I Zeiten aufgekommen seyn, da Olivier Basselin, ein Walkmüller zu Vire in der Nieder-Normandie, sie erfunden. Man habe sie daher "Vaux-de-Vire" genannt, weil sie in dem "Vallee zu Vire" oder "Vaux zu Vire" gesungen worden, zum Unterschiede von der "Villanelle", einem "Dorfliede". Das Spanische "Passa-calla" ist gleichfalls ein "Gassenhauer". Matthesius sagt in der Joachimsthalischen Chronik: "1546 unter dem Organisten Nickel Haldeck sind die Gassenhauer aus der Kirche kommen."


Gassenhauptmann (W3) [Adelung]


Der Gassenhauptmann, des -es, plur. die Gassenhauptleute, in den Städten, ein verpflichteter Bürger, der die Aufsicht über die Polizey in dem ihm angewiesenen Viertel hat; an einigen Orten ein Gassenmeister. Vielleicht, weil sie ehedem vornehmlich die Erhaltung der öffentlichen Ruhe auf den Gassen zu besorgen hatten.


Gassenhure (W3) [Adelung]


Die Gassenhure, plur. die -n, eine Hure, welche ihr Gewerbe auf den Gassen treibt.


Gassenkehrer (W3) [Adelung]


Der Gassenkehrer, des -s, plur. ut nom. sing. geringe Leute, welche die Gassen in den Städten zu gewissen Zeiten kehren.


Gassenkoth (W3) [Adelung]


Der Gassenkoth, des -es, plur. inus. der Koth von den Gassen; der Gassenschlamm.


Gassenlaterne (W3) [Adelung]


Die Gassenlaterne, plur. die -n, diejenigen Laternen, womit die Gassen einer Stadt zur Nachtzeit erleuchtet werden; Straßenlaternen.


Gassenlied (W3) [Adelung]


Das Gassenlied, des -es, plur. die -er, Diminut. das Gassenliedchen, S. Gassenhauer.


Gassenlaufen (W3) [Adelung]


Das Gassenlaufen, des -s, plur. car. bey den Soldaten, diejenige Strafe, da der Verbrecher zwischen zwey Reihen Soldaten laufen muß, und von ihnen mit Ruthen gehauen wird, welches im gemeinen Leben Spießruthen laufen genannt wird. Zum Gassenlaufen verurtheilet werden. Etwas mit Gassenlaufen bestrafen. Schwed. Gatulopp. S. Gasse 3.


Gassenmeister (W3) [Adelung]


Der Gassenmeister, des -s, plur. ut nom. sing. S. Gassenhauptmann.


Gassenrinne (W3) [Adelung]


Die Gassenrinne, plur. die -n, die vertiefte Rinne in dem Pflas=ter einer Gasse, durch welche das Regenwasser und die Unreinigkeiten ablaufen; im gemeinen Leben die Gosse, Niedersächsisch Putte.


Gassenschleuse (W3) [Adelung]


Die Gassenschleuse, plur. die -n, eine Schleuse oder verdeckter Canal auf den Gassen, das Wasser und die Unreinigkeiten aus den Häusern abzuleiten.


Gassenstadt (W3) [Adelung]


* Die Gassenstadt, plur. die -städte, eine große weitläufige Stadt, welche viele Gassen hat; ein ungewöhnliches Wort, welches nur 4 Mos. 22, 39 vorkommt.


Gassentreter (W3) [Adelung]


Der Gassentreter, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Gassentreterinn, plur. die -en, eine müßige Person, welche ohne Geschäfte beständig auf den Gassen hin und wieder gehet; ein Pflas=tertreter.


Gassentroß (W3) [Adelung]


Der Gassentroß, des -sses, plur. car. niedriges, müßiges Volk, welches sich immer auf den Gassen finden läßt.


Gassenvogt (W3) [Adelung]


Der Gassenvogt, des -es, plur. die -vögte, eine anständige Benennung der Bettelvögte, weil sie die Gassen von den Bettlern reinigen.


Gassenwitz (W3) [Adelung]


Der Gassenwitz, des -es, plur. car. niedriger Witz, so wie er unter dem gemeinen Volke auf den Gassen angetroffen wird.


Gaßler (W3) [Adelung]


Der Gaßler, des -s, plur. ut nom. sing. in Schlesien, besonders zu Breslau, eine Benennung der Dorffleischer, welche nur kleines Vieh schlachten dürfen, weil sie auf den Gassen feil haben müssen. S. Fleischer.


Gäst (W3) [Adelung]


Der Gäst, des -es, plur. inus. S. Gäscht.


Gast (W3) [Adelung]


Der Gast, des -es, plur. die Gäste, eine Person männlichen oder weiblichen Geschlechtes, welche bey einer andern speiset, entweder gegen Bezahlung, oder aus Freundschaft, Gefälligkeit u. s. f. 1) Eigentlich. So werden Personen, welche in öffentlichen Herbergen oder an andern Orten für Geld speisen, Gäste, Tischgäste genannt. Auch Personen, welche jemand bey feyerlichen Gelegenheiten, oder aus Freundschaft mit einer Mahlzeit bewirthet, sind Gäste. Gäste bitten. Die Gäste sind nicht gekommen. Seyn sie heute mein Gast, speisen sie heute bey mir, oder auf meine Kosten. Ungebethene Gäste. Ein Hochzeitsgast, der zum Hochzeitsschmause geladen ist. In dieser Bedeutung ist auch das Schwed. Gast, Isländ. Gestur, Angels. und Dän. Gest, Holländ. und Nieders. Gast, Engl. Guest, Böhm. Host, und Pohln. Gose üblich. Ja Ottfried gebraucht schon Gesto in derselben. S. Gaste. 2) In weiterer Bedeutung, eine fremde Person, welche von einer andern aufgenommen und mit der nöthigen Bequemlichkeit versehen wird, es geschehe nun für Bezahlung oder aus Gefälligkeit. Der Wirth hat viele Gäste. Wir bekommen heute Gäste. Treulich an den Gästen thun, dieses ist ein Lob der Gastfreyheit, 3 Joh. 5. Schon Kero nennet einen solchen Gast Kesteo und Kasto. In andern Sprachen aber bedeutet es active auch Wirth, der andere aufnimmt, die das mittlere Lat. Hostis in den Briefen des heil. Bernhards, das Franz. Hote, das Ital. Hoste. Auch das mittlere Lat. Gistum, Herberge und Bewirthung, scheinet hierher zu gehören. 3) In noch weiterer Bedeutung, werden diejenigen, welche bey andern arbeiten lassen, bey ihnen kaufen, oder sich sonst ihres Dienstes bedienen, im gemeinen Leben häufig Gäste genannt. Gäste setzen, bey den Schenkwirthen, und in den Trinkhäusern. Mahlgäste, die bey einem Müller mahlen lassen, Backgäste, die bey einem Bäcker backen lassen, Salzgäste, welche in einem Salzwerke Salz kaufen, Badegäste, die sich des Badens, Brunnengäste, die sich des Gesundbrunnens an einem Orte bedienen u. s. f. Schon in den alten Florentinischen Statuten bey dem Carpentier heißt es: Hostis, id est ille, pro quo laborat aliqua bona. 4) * In noch weiterer Bedeutung, ein Fremder, ein Ausländer, in welcher schon Gast bey den Ulphilas vorkommt. Auch das Lat. Hostis bedeutete, wie bekannt ist, anfänglich nichts anders, als einen Ausländer. Tugend soll glesten Den Frunden und den Gesten, Burkhard v. Hohenfels. Denn wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir, wie unsere Väter alle, 1 Chron. 30, 15. Diese haben bekannt, daß sie Gäste und Fremdlinge auf Erden sind, Ebr. 11, 13. Warum stellest du dich, als wärest du ein Gast im Lande? Jer. 14, 18. So seyd ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger - und Gottes Hausgenossen, Ephes. 2, 19. In der Ordnung der Tuchmacherinnung zu Zeit heißen die fremden Krämer Gäste, und in den Rechten wurde ehedem derjenige für einen Gast gehalten, der über eilf Meile weit her war. Auch die Schutzverwandten in den Städten, oder Einwohner, welche nicht Bürger waren, wurden Gäste genannt. Im Hochdeutschen ist diese Bedeutung nunmehr veraltet, außer daß sie noch in einigen der folgenden Zusammensetzungen vorkommt; im Niedersächsischen aber ist sie üblicher. Nach einer noch weitern Figur bedeutete dieses Wort ehedem auch jemanden, der einer Sache beraubt war. Durch das er ern ist ein Gast, Stryker. 5) In der weitesten Bedeutung, eine jede Person; doch nur mit Beywörtern, und im gemeinen Leben, besonders Niedersachsens. Er ist ein fetter, ein reicher Gast, ein begüterter Mann. Ein schlauer Gast, ein schlauer Mann. Ein lustiger Gast, ein lustiger Mensch. Anm. Man könnte dieses Wort von goan, gehen, Gau, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, ableiten, und alsdann würde die vierte Bedeutung die erste und eigentliche seyn. Allein, da in diesem Worte und dessen Ableitungen und Zusammensetzungen der Begriff des Speisens doch immer der herrschende ist, so scheinet es mit mehrerm Rechte zu Kost, Speise, essen, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, speisen, bewirthen, zu gehören; wenn man nicht annehmen will, daß in unserm heutigen Gast zwey ehedem ganz verschiedene Wörter zusammen geflossen sind, da denn auch die in dem Salischen Gesetze vorkommenden Wisogast, Bodogast, Salegast, Windegast, der Fränkische Arbogast, das Ungar. Gazda, ein Herr, Hausvater u. s. f. mit in Anschlag kommen könnten. Übrigens wird dieses Wort in den vier ersten Bedeutungen von beyden Geschlechtern gebraucht, indem man so wohl zu einem Frauenzimmer, als zu einer Mannsperson sagt, seyn sie heute mein Gast, u. s. f. In einigen der folgenden Wörter scheinet Gast für Kost, Köste zu stehen, S. Gaste, Gastgeber, und Kost.


Gastbar (W3) [Adelung]


* Gastbar, adj. et adv. welches im Hochdeutschen ungewöhnlich ist, ehedem aber für gastfrey gebraucht wurde. Die Gastbarkeit kommt bey dem Opitz für Gastfreyheit vor.


Gastbecher (W3) [Adelung]


Der Gastbecher, des -es, plur. ut nom. sing. bey den ehemahligen Schmausereyen, der große Becher, welchen man den Gästen zur freundschaftlichen Bewillkommung zutrank; der Willkommen.


Gastbett (W3) [Adelung]


Das Gastbett, des -es, plur. die -e, ein Bett, welches für Gäste bestimmt ist, so wohl in Gasthöfen, als auch für freundschaftlich Besuchende.


Gaste (W3) [Adelung]


Die Gaste, plur. inus. ein Wort, welches nur noch mit dem Vorworte zu, ohne Artikel, in einigen R. A. gebraucht wird, wo es so viel als einen Schmaus, oder eine Mahlzeit bedeutet. Jemanden zu Gaste laden oder bitten. Sich selbst zu Gaste bitten, ungeladen als ein Gast kommen. Zu Gaste gehen, bey einem zu Gaste kommen. Jemanden zu Gaste haben, ihn bey sich bewirthen. Er ist zu Gaste, bey einem Gastmahle. Raguel lud alle seine Nachbaren und Freunde zu Gast, Job. 8, 21. Und die Jüden sieben Tage zu Gast haben sollte, 3 Macc. 6, 28. Frisch glaubt, daß dieses Wort das vorige Gast sey, und daß zu Gaste so viel bedeute, als daß jemand ein Gast sey. Allein es scheinet hier vielmehr mit dem Nieders. Köste, im Epirotischen Gosty, ein Schmaus, eine feyerliche Mahlzeit, überein zu kommen. S. Koste und Gastgeber.


Gastelknecht (W3) [Adelung]


Der Gastelknecht, des -es, plur. die -e, bey den Handwerkern, ein Knecht des ganzen Handwerkes, welcher das Handwerk zusammen fordert, und auch Stubelknecht genannt wird.


Gasterey (W3) [Adelung]


Die Gasterey, plur. die -en, ein Schmaus, ein Gastmahl, eine feyerliche Mahlzeit, zu welcher man Gäste ladet. Eine Gasterey anstellen, ausrichten. Zu einer Gasterey gehen. Einer Gasterey beywohnen.


Gastfreund (W3) [Adelung]


Der Gastfreund, des -es, plur. die -e, ein Fremder, welchen man als einen Gast bewirthet. Und Waffen fielen nieder, Da wo mein Gastfreund stand, Raml. S. Gastfrey.


Gastfreundschaft (W3) [Adelung]


Die Gastfreundschaft, plur. inus. die Freundschaft gegen Fremde, so fern sie sich durch liebreiche und unentgeldliche Aufnahme und Bewirthung derselben äußert.


Gastfreundschaftlich (W3) [Adelung]


Gastfreundschaftlich, -er, -ste, adj. et adv. in der Gastfreundschaft gegründet. Jemanden gastfreundschaftlich aufnehmen.


Gastfrey (W3) [Adelung]


Gastfrey, -er, -este, adj. et adv. 1) Bereit, fremde und reisende Personen unentgeldlich aufzunehmen und zu bewirthen, eine in den ehemaligen Zelten, da es noch keine öffentliche Herbergen und Gasthöfe gab, sehr nöthige und hoch geschätzte Tugend. Seyd gastfrey unter einander ohne Murmeln, 1 Petr. 4, 9. Ein Bischof soll gastfrey seyn, Tit. 1, 6 2) Bereit, andere unentgeldlich mit Speise und Trank zu bewirthen. Ein gastfreyer Mann, der gern und oft Gäste hat. In beyden Fällen bedeutet frey freywillig, unentgeldlich.


Gastfreyheit (W3) [Adelung]


Die Gastfreyheit, plur. inus. die Eigenschaft, da man gastfrey ist; bey dem Opitz die Gastbarkeit.


Gastgeber (W3) [Adelung]


Der Gastgeber, des -s, plur. ut nom. sing. ein Gastwirth, der Gäste, d. i. Fremde, für Geld beherberget und speiset; im Oberd. ein Gastgeb, Dän. Gastgiver, Giästgiver. Fämin. die Gastgeberinn. Gast scheinet auch hier für Kost, Nahrung zu stehen. S. Gaste und Gasthalter.


Gastgeboth (W3) [Adelung]


Das Gastgeboth, des -es, plur. die -e, ein großes Gastmahl, ein feyerliches Schmaus, wozu man Gäste biethet, d. i. ladet. Ein Gastgeboth ausrichten, halten, anstellen. Im Nieders. Gastebade, Gastebod, im Fries. Gestebode, Dän. Giästebud, Schwed. Gastabud. Ehedem auch Hochzeit, siehe dieses Wort.


Gastgericht (W3) [Adelung]


Das Gastgericht, des -es, plur. die -e, an einigen Orten, ein zum Besten der Gäste, d. i. Fremden, angeordnetes Gericht, welches sich in nöthigen Fällen auch außerordentlich versammelt, und die von Fremden wider Einheimische vorgebrachten Klagen kurz und summarisch untersucht und entscheidet. An manchen Orten, z. B. zu Leipzig, haben dergleichen Gerichte nebst einer weitern Ausdehnung auf alle Handelssachen auch den Nahmen der Handelsgerichte bekommen. S. Gastrecht.


Gasthalter (W3) [Adelung]


Der Gasthalter, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen, besonders Oberdeutschen Gegenden, eine anständige Benennung eines Gastwirthes, der auch wohl ein Gastmeister, Gastgeber, und wenn man ihm ein vornehmes Ansehen geben will, ein Gastherr genannt wird. Fämin. die Gasthalterinn.


Gasthaus (W3) [Adelung]


Das Gasthaus, des -es, plur. die -häuser. 1) Das Haus eines Gastgebers oder Gasthalters, ein öffentliches Haus, in welchem Gäste oder Reisende für Geld aufgenommen und verpflegen werden; in den niedrigen Sprecharten ein Wirthshaus. Schon in dem Tatian Gasthus, im Angels. Gysthus, bey dem Ottfried Gastuuissi. 2) Zuweilen auch ein Speisehaus, ein Haus, wo man für Geld zwar gespeiset, aber nicht beherberget wird. 3) In einigen, besonders Oberdeutschen Gegenden auch ein Hospital, in welchem Pilgrimme, Arme und Kranke aufgenommen und verpfleget werden.


Gastherr (W3) [Adelung]


Der Gastherr, des -en, plur. -en. 1) S. Gasthalter. 2) Zuweilen auch der Herr des Gastgebothes, der ein Gastgeboth oder Gastmahl ausrichtet.


Gasthof (W3) [Adelung]


Der Gasthof, des -es, plur. die -höfe, ein großes Gasthaus, in der ersten Bedeutung, wo Reisende, besonders von Stande, für Geld aufgenommen und anständig bewirthet werden S. Hof.


Gastiren (W3) [Adelung]


Gastiren, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches nur in den niedrigen Sprecharten üblich ist. 1) Ein Gastmahl ausrichten, schmausen. 2) Ein Gastwirth seyn, Gäste für Geld beherbergen und speisen. S. Gastung.


Gastkammer (W3) [Adelung]


Die Gastkammer, plur. die -n, eine für Gäste, d. i. Fremde, die man beherberget, bestimmte Kammer, so wohl in Gasthäusern, als bey Privatpersonen.


Gastkleid (W3) [Adelung]


Das Gastkleid, des -es, plur. die -er, ein feyerliches Kleid, welches man nur anleget, wenn man zu Gaste gehet.


Gastmahl (W3) [Adelung]


Das Gastmahl, des -es, plur. die, im gemeinen Leben, die Gastmähler, eine feyerliche Mahlzeit, zu welcher man Gäste einladet, ein Schmaus. Ein Gastmahl halten, anstellen, ausrichten. Zu einem Gastmahle gehen. Ehedem Höfelung, so wie höfeln für schmausen üblich war; im Österr. eine Ladschaft, im Nieders. eine Köste. S. Gaste.


Gastmeister (W3) [Adelung]


Der Gastmeister, des -s, plur. ut nom. sing. 1) S. Gasthalter. 2) In den Klöstern ein Mönch, der die Aufnahme und Bewirthung der Fremden besorget; Hospitalaris, Hospitarius.


Gastmutter (W3) [Adelung]


Die Gastmutter, plur. die -mütter, in einigen Hospitälern, diejenige Frau, welche die Pilgrimme, Kranken oder Armen, pfleget und besorget. S. Gasthaus 3.


Gastordnung (W3) [Adelung]


Die Gastordnung, plur. die -en, eine den Gastwirthen von der Odrigkeit vorgeschriebene Verordnung dessen, was sie bey Aufnahme und Bewirthung der Fremden zu beobachten haben.


Gastpredigt (W3) [Adelung]


Die Gastpredigt, plur. die -en, eine Predigt, welche ein fremder Geistlicher, als ein Gast an einem Orte hält.


Gastrecht (W3) [Adelung]


Das Gastrecht, des -es, plur. inus. in einigen Städten, ein schleuniges und summarisches Recht, welches man den Fremden wider die Einheimischen angedeihen lässet, und, weil es vornehmlich zum Besten der Handlung angeordnet ist, auch das Handelsrecht, Kaufrecht genannt wird. S. Gastgericht.


Gaststube (W3) [Adelung]


Die Gaststube, plur. die -n, eine für Gäste bestimmte Stube, ja wohl in Gast- als Privathäusern; in der anständigern Sprechart ein Gastzimmer. In engerer Bedeutung werden in den Gasthäusern nur diejenigen Stuben, in welchen die geringen Gäste sich beysammen aufhalten, Gaststuben genannt; zum Unterschiede von den für Vornehmere bestimmten Zimmern.


Gastung (W3) [Adelung]


Die Gastung, plur. die -en, im gemeinen Leben einiger Gegenden. 1) Ein Gastmahl, eine Gasterey. 2) Eine Haushaltung, wo Gäste für Geld beherberget und bewirthet werden. Eine Gastung haben, halten. Von dem veralteten Zeitworte gasten, wofür jetzt gastiren üblich ist.


Gastungsrecht (W3) [Adelung]


Das Gastungsrecht, des -es, plur. die -e, das Recht, eine Gastung zu halten, d. i. Gäste für Geld zu beherbergen und zu bewirthen.


Gastweise (W3) [Adelung]


Gastweise, adv. als ein Gast, in Gestalt eines Gastes. Die Beroither - wohneten daselbst gastweise, 2 Sam. 4, 3, als Fremdlinge.


Gastwirth (W3) [Adelung]


Der Gastwirth, des -es, plur. die -e, ein Wirth, welcher Reisende für Geld aufnimmt, und mit Speise und Trank versorget. Fämin. die Gastwirthinn. S. Gastgeber und Gasthalter.


Gastzimmer (W3) [Adelung]


Das Gastzimmer, des -s, plur. ut nom. sing. Siehe Gaststube.


Gäten (W3) [Adelung]


Gäten, verb. reg. act. im Gartenhaue und der Landwirthschaft, das Unkraut zwischen den guten Pflanzen ausreißen, oder ausziehen. Einen Weinberg, Einen Garten gäten. In dem Felde gäten. Das Korn gäten oder gäten lassen. Das Gäten vornehmen.

Anm. Dieses Wort lautet bey dem Willeram jetan, bey dem Winsbeck jeten, im Dithmars. jüden, im Schwed. gäta, im Fries. wiöden, bey den Niedersachsen weiden, im Angels. weodian, im Engl. to weed, in der Oberpfalz fretten. Die Abstammung ist noch unbekannt, denn von Gasse, Nieders. Gatt, wie Frisch glaubt, kommt es wohl gewiß nicht her. Vielleicht sind das Oberdeutsche gäten und Niedersächsische weiden nur verschiedene Aussprachen eines und eben desselben Wortes, da es denn zu Weide gehören würde. Die Niedersächsischen Hochdeutschen sprechen es gemeiniglich jäten, die Meißner und Oberdeutschen aber deutlich gäten aus. S. Geitz 1 und Geitzen 2.


Gäter (W3) [Adelung]


Der Gäter, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Gäterinn, plur. die -en, Personen, die dazu bestellt sind, die Feld- und Gartenfrüchte zu gäten.


Gätgras (W3) [Adelung]


Das Gätgras, des -es, plur. inus. im Feld- und Gartenbaue, das ausgegätete Gras und Unkraut.


Gäthacke (W3) [Adelung]


Die Gäthacke, oder Gäthaue, plur. die -n, eben daselbst, eine Hacke oder Haue, womit das Unkraut, besonders in den Weinbergen ausgegätet wird.


Gätlich (W3) [Adelung]


+ Gätlich, -er, -ste, adj. et adv. welches nur in den gemeinen Sprecharten, besonders Niedersachsens, üblich ist, bequem, was isch schickt, seinem Endzwecke gemäß ist. Eine gätliche Wohnung. Es schickt sich ganz gätlich. Ingleichen, mittelmäßig. Ein gätlicher junger Mensch, von mittlerer Größe. Nieders. gaadlik, schon bey dem Ulphilas getils, gatilha, von gatten, Nieders. gaden.


Gatte (W3) [Adelung]


Der Gatte, des -n, plur. die -n, ein durch das Band der Ehe mit einer andern verbundenen Person, in Rücksicht auf dieselbe, der Ehegatte. So heißt so wohl der Mann der Gatte der Frau, als auch diese der Gatte des ersten. Allein in der anständigen und edlern Schreibart gebraucht man in dem letztern Falle lieber das weibliche die Gattinn, plur. die -en. Figürlich sind beyde Wörter in der anständigern und dichterischen Schreibart auch von Thieren üblich. Die Turteltaube trauert einsam und beweinet den verlornen Gatten. S. Ehegatte. Nieders. Gade. In dem Fragmente eines alten Gedichtes auf den Krieg Carls des Großen bey dem Schilter bedeutet Gate socium. S. das folgende.


Gatten (W3) [Adelung]


Gatten, verb. reg. act. welches überhaupt vereinigen, verbinden bedeutet, aber nur in einigen Fällen gebraucht wird. 1) Für vereinigen, verbinden überhaupt; doch nur zuweilen in der dichterischen Schreibart. Wenn schwarze Laster sich mit gleichen Lastern gatten, Hag. 2) Dinge, von einer Art einander fügen; in welchem Verstande es doch nur im Oberdeutschen für das Hochdeutsche sortiren üblich ist. Die Waaren gatten. Die Hochdeutschen haben dieses Zeitwort veralten lassen, aber dessen Hauptwort Gattung beybehalten. S. dasselbe. 3) Sich gatten, sich paaren, sich zur Fortpflanzung vermischen, doch nur von den Thieren in der anständigen Schreib- und Sprechart.

Anm. Das Nieders. gaden. gaen, ist nur in dem zusammen gesetzten begaden üblich. Bey dem Ulphilas ist gaiddja sich schicken, sich gatten, und im Schwed. bedeutet sig gadda sich versammeln, haufenweise zusammen kommen, welches mit dem Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - das eben diese Bedeutung hat, sehr genau überein kommt. Es scheinet das Frequent. von gehen zu seyn, wie schon bey dem Worte Begatten gezeiget worden. Bey dem Ulphilas kommt iddja noch in der eigentlichen Bedeutung für, er ist gegangen, vor. S. die folgenden Wörter.


Gatter (W3) [Adelung]


Das Gatter, des -s, plur. ut nom. sing. ein Werk aus über einander, oder kreuzweise mit einander verbundenen, oder auch verschränkten Stäben, im gemeinen Leben. Ein eisernes Gatter vor einem Fenster. Ein Gatter in einem Zaune, vor einem Garten, ein gegittertes Thor. In den Zinnhütten sind die Gatter gitterweise gegossene Stücken Zinn. In den Schneidemühlen ist das Gatter die Rüstung, zwischen deren Ständern die Säge eingespannet ist. Auf den Obersächsischen Schiffen, welche nach Hamburg fahren, wird das Steuerruder zuweilen ein Gatter genannt, vermuthlich wegen einiger Ähnlichkeit oder ihrer ehemahligen Bauart. Anm. Gatter, Nieders. Gadder, stammet unmittelbar von gatten her, so fern es verbinden überhaupt bedeutet. Indessen ist es in dieser Form doch schon sehr alt. Das Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - bedeutet zäunen, und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - einen Zaun, eine Mauer. Im mittlern Lat. ist Caderum, Ital. Catarata, ein Gatterthor, und Gaderes, Gades, die Gränze, vermuthlich so fern sie durch einen Zaun bezeichnet wird. S. Garten. In einigen, besonders Oberdeutschen Gegenden ist dieses Wort männlichen Geschlechtes, der Gatter, und alsdann hat es in der Mehrheit die Gattern. Gatter und Gitter sind bloß in der Mundart und Würde unterschieden; jenes ist mehr in der gemeinen, so wie dieses in der edlern und anständigen Sprechart üblich, obgleich in einigen besondern Fällen, wie in Fallgatter, Gatterthor u. s. f. jenes auch in der anständigen Sprechart beybehalten wird.


Gattergeld (W3) [Adelung]


Das Gattergeld, des -es, plur. von mehrern Summen, die -er, S. Gatterzins.


Gattergülden (W3) [Adelung]


Der Gattergülden, des -s, plur. ut nom. sing. S. eben daselbst.


Gatterhaube (W3) [Adelung]


Die Gatterhaube, plur. die -n, eine netzförmige Haube von Seide, Gold oder Silber, welche in einigen Gegenden, z. B. zu Salzburg, von dem weiblichen Geschlechte zur Zierde getragen, und auch einer Bundhaube genannt wird.


Gatterherr (W3) [Adelung]


Der Gatterherr, des -en, plur. die -en, derjenige, welcher Gatterzinsen einzunehmen hat. S. Gatterzins.


Gattern (W3) [Adelung]


1. Gattern, verb. reg. act. welches unmittelbar von Gatter abstammet, gatter- oder gitterförmig machen. Das Zinn gattern, in den Zinnhütten, es erst der Länge, und dann der Quere nach auf ein Blech gießen, um es hernach zusammen rollen zu können. S. Gatter und Gittern, welches letztere der anständigen Sprechart gemäßer ist.


Gattern (W3) [Adelung]


2. Gattern, verb. reg. welches ein neues Frequentativum von gatten zu seyn scheinet. es ist 1) ein Activum, versammeln; doch nur im Nieders. gaddern, und in dem zusammen gesetzten vergattern, w. f. Im Angels. ist gaderian, gadran, verbinden, und im Engl. to gather sammeln. 2) Ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben, lauernd hin und her gehen, auf etwas lauern, es zu beschleichen suchen, in den niedrigen Sprecharten. Er gattert darauf, wie ein Vogel auf eine Nuß. S. auch Aufgattern, Ausgattern, Ergattern.


Gatterschaft (W3) [Adelung]


Die Gatterschaft, plur. inus. in einigen Gegenden, die Eigenschaft eines Grundstückes, nach welcher es Gatterzinsen zu entrichten verbunden ist.


Gatterthor (W3) [Adelung]


Das Gatterthor, des -es, plur. die -e, ein Thor, welches aus einem durchsichtigen Gatterwerke bestehet.


Gatterthür (W3) [Adelung]


Die Gatterthür, plur. die -en, eine solche Thür.


Gatterwerk (W3) [Adelung]


Das Gatterwerk, des -es, plur. die -e. 1) Die Verbindung mehrerer Stäbe in Gestalt eines Gatters oder Gitters, in der anständigen Sprechart das Gitterwerk; ohne Plural. 2) Ein jedes in Gestalt eines Gitters verfertigtes Ding.


Gatterzins (W3) [Adelung]


Der Gatterzins, des -es, plur. die -en, an einigen Orten, z. B. um Nürnberg, eine Art von Zins, welcher noch außer dem Grundzinse gegeben wird, und auch Afterzins, Nachzins, Gattergeld, Gattergülden, Herrengulden, genannt wird. "Zins, Gatterzins oder Nachzins werden genennet, die, so auf ainem Gut nach den Aigenzinßen bekent oder verschrieben sind," heißt es in der Nürnb. Reformat. von 1564. Ehedem gaben auch in Sachsen die auf den Dörfern wohnenden Handwerker Gatterzinsen, wofür nachmahls das Schutzgeld eingeführet wurde. An einigen Orten sind es Getreidezinsen, welche ein auswärtiger Herr bekommt, der sie aber in Person einfordern muß. Vielleicht von gattern, Angels. gadern, Engl. to gather, sammeln, einsammeln.


Gatterzinsmann (W3) [Adelung]


Der Gatterzinsmann, des -es, plur. die -leute, derjenige, welcher Gatterzinsen zu geben verbunden ist.


Gattinn (W3) [Adelung]


Die Gattinn, plur. die -en, S. Gatte.


Gattung (W3) [Adelung]


Die Gattung, plur. die -en, von dem Zeitworte sich gatten, so fern es ehedem sich zusammen schicken bedeutete, Dinge, welche sich zusammen schicken, welche einander ähnlich sind, Dinge Einer Art, als ein Collectivum. Das ist eine dauerhafte Gattung Zeug. Eine andere Gattung von Waaren, im gemeinen Leben Sorte. Es gibt verschiedene Gattungen von Äpfeln. In diesem Verstande ist Gattung so viel wie Art, mehrere einander ähnliche einzelne Dinge zu bezeichnen. allein in engerm und mehr philosophischen Verstande, werden nur ähnliche Arten eine Gattung genannt; so wie ähnliche Gattungen ein Geschlecht, ähnliche Geschlechter aber ein Reich heißen. In diesem Verstande sind die Thiere die Gattung, welche die vierfüßigen Thiere, Vögel, Fische u. s. f. als Arten unter sich begreift. S. Art. In der Sprachkunst ist die Gattung der Zeitwörter dasjenige, was die Lateiner Genus nennen. Die thätige Gattung, das Activum, die leidende, das Passivum, die mittlere, das Neutrum. In der weitesten Bedeutung wird es im gemeinen Leben zuweilen für Art und weise gebraucht. Auf diese Gattung, auf diese Art. Im Nieders. Gadung. Bey dem Ottfried ist Gatilingo ein Verwandter, und im Angels. Geddung die Ähnlichkeit.


Gätze (W3) [Adelung]


1. Die Gätze, plur. die -n, oder der Gätzen, des -s, plur. ut nom. sing. eine Oberdeutsche Benennung eines Geschirres zum Schöpfen, einer Gelte. Mit einem Gätzen Wasser schöpfen, Bluntschli. Im mittlern Lat. ist Gatus eine Art Schiffe, Gussa, Ital. Guscio, eine Hülse, Gutta, Gota, Gotta, ein Canal, S. Katze 8.


Gau (W3) [Adelung]


* Der oder das Gau, des -es, plur. die -e, oder -en, ein in dem Hochdeutschen Sprachgebrauche größten Theils veraltetes Wort. 1) Das Land, im Gegensatze der Stadt. Auf dem Gau wohnen, auf dem Lande, bey dem Altenstaig. Die Bäcker und Metzger im Würtembergischen gehen auf das Garn, wenn sie ihr Brot auf dem Lande verkaufen, oder auf das Land nach Vieh reisen. Eine Gäutaferne ist im Österreichischen eine Dorfschenke. 2) Ein Thal, wovon Frisch Beyspiele anführet. 3) Eine Landschaft, eine Provinz, ein Gebieth; in welcher Bedeutung dieses Wort in den mittlern Zeiten sehr häufig vorkommt, wo Deutschland und dessen Provinzen in viele Gaue vertheilet waren, deren jeder Vorgesetzten hatte, welcher gemeiniglich ein Graf hieß. Eine Menge eigenthümlicher Nahmen der Örter haben dieses Wort noch aufzuweisen, so wie es in dem ehemahligen Alemannien noch häufig in der Bedeutung eines Districtes, Landstriches üblich ist.

Anm. Dieses alte Wort, welches auch Gäu geschrieben und gesprochen wird, kommt mit dem Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, und Chald. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, ein Thal, und dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, die Erde, genau überein. Bey dem Ulphilas lautet es Gauje, im Holl. Gaw, Goy, Goo, im Fries. Gau, im Nieders. Gohe, Göe, bey dem Ottfried Gouuo, im mittlern Lat. Gobia. S. Gauding, Gaugericht, Gaugraf u. s. f.


Gauch (W3) [Adelung]


1. * Der Gauch, des -es, plur. die -e, oder Gäuche, oder des -en, plur. die -en, ein nur im Oberdeutschen übliches Wort. 1) Ein junger unbärtiger Mensch, im verächtlichen Verstande; Ital. Cucco. Daher die ersten Haare des Bartes, die Milchhaare, im Oberdeutschen auch der Gauch, ingleichen Gauchfedern, Gauchhaare genannt werden. 2) Ein Narr; im Hochdeutschen ein Geck. Der unuuise und der gouch uuerdent verloren, Notk. Ir goucha, ihr Narren, ebend. Ich wer ein gouch wolt ich mich der entsagen, Graf Rud. von Niuwenburg. Wie würden Dorf und Städte Voll loser Jauchen seyn! Opitz. Kaisersberg gebraucht auch das Fämin. die Gäuchinn, für eine Närrinn. 3) Ein Blendwerk, ein Gespenst. 4) Die Spanische Fliege, oder der grüne stinkende Käfer mit langen Füßen, der in den Apotheken gebraucht wird; Meloe vesicatorius L. S. Gaukeln und Geck, welche im Hochdeutschen von diesem Worte abstammen.


Gauch (W3) [Adelung]


2. * Der Gauch, des -es, plur. die -e, oder des -en, plur. die -en, eine Oberdeutsche Benennung verschiedener Vögel, deren Geschrey durch dieses Wort nachgeahmt wird. 1) Am häufigsten des Guckgucks. Ein Gauch singt gauchgauch dick und lang, Wie jeder Vogel sein Gesang, Kaisersb. Im Engl. heißt dieser Vogel Gawk, im Angels. Gaec. Siehe Guckguck. 2) Der Krähe; im Alemann. Cauha, im Engl. Chough. 3) Der Dohle; im Nieders. Kayke, Franz. Gay. S. Dohle. 4) Des Uhuhes, der im Oberdeutschen auch Auf und Gauf genannt wird. S. Uhu.


Gauchblume (W3) [Adelung]


Die Gauchblume, plur. die -n, S. Guckgucksblume und Bergkresse.


Gauchhafer (W3) [Adelung]


Der Gauchhafer, des -s, plur. inus. S. Taubhafer.


Gauchheil (W3) [Adelung]


Das Gauchheil, des -es, plur. inus. eine größten Theils Oberdeutsche Benennung einer Pflanze, welche auf den Brachäckern wild wächset, und auch rother Meierich, Zeisigkraut, Frauenblume, Katzenfuß, Katzenpfötlein, Hühnerbiß, und rother Hühnerdarm genannt wird; Anagallis arvensis L. Sie hat den Nahmen Gauchheil, wegen der Heilkräfte, welche man ihr von Alters her wider die Wuth, Melancholie und Blödsinnigkeit zugeschrieben hat; daher sie von einigen auch Geckenheil Grundheil, heil aller Welt, Wuthkraut, Verstandkraut u. s. f. genannt wird. Ihrer Kräfte wider den Biß toller Hunde wird unter andern auch im Reinecke Fuchs, Th. 2, Kap. 24, gedacht Weil sie in Augenkrankheiten gleichfalls heilsam seyn soll, heißt sie bey einigen auch Augenblüthe.


Gauchklee (W3) [Adelung]


Gauchklee, des -es, plur. inus. S. Buchampfer.


Gaudieb (W3) [Adelung]


Der Gaudieb, des -es, plur. die -e, eine im gemeinen Leben übliche Behendigkeit eines listigen, verschlagenen Diebes, der mit Behendigkeit zu stehlen weiß.

Anm. Dieses Wort kommt in dieser Bedeutung nicht von Gau, ein Land, sondern von dem noch im Nieders. üblichen gau, hurtig, geschwinde, listig, her, welches bey dem Ottfried gow und gaw lautet, und zu dem Hochdeutschen Jähe gehöret; weil man mit diesem Worte alle Mahl den Begriff der List, der Geschwindigkeit verbindet. Nieders. Gaudeef, Dän. Gaudiv. S. Gauner. In Lübeck heißt ein solcher Gaudieb auch Handkengau, der schnell mit den Händen ist. S. Jähe. So fern aber Gaudieb in Schwaben, dem Frisch zu Folge, einen Landdieb bedeutet, der Land und Leute bestiehlt, kommt es allerdings von Gau, ein Land, her.


Gauding (W3) [Adelung]


Das Gauding, des -es, plur. die -e, ein noch in einigen Gegenden übliches Wort, ein Ding, d. i. Gericht, über einen gewissen Gau oder District zu bezeichnen; ein Gaugericht. In Bremen wird das öffentliche peinliche Halsgericht das Göding oder Güding genannt. So fern Gau auch der Stadt entgegen gesetzt wird, und alsdann oft ein Dorf bezeichnet, kommt Gauding auch an einigen Orten von einem Dorfgerichte vor.


Gaugericht (W3) [Adelung]


Das Gaugericht, des -es, plur. die -e, wie das vorige, ein Gericht so wohl über einen ganzen Gau, als auch auf dem Gaue, d. i. auf dem Lande, zum Unterschiede von dem Stadtgerichte; in beyden Fällen nur noch in einigen Gegenden.


Gaugraf (W3) [Adelung]


Der Gaugraf, des -en, plur. die -en, gleichfalls nur noch in einigen Gegenden. 1) Ein Graf oder Richter über einen Gau, d. i. über einen gewissen District. Dergleichen sind die Gaugrafen in dem Ravensbergischen, welche das Gau- oder Hochgericht ausmachen. Weil ein solches Gericht die hohe Gerichtbarkeit ausübet, so wird ein Gaugraf an einigen Orten, z. B. in der Grafschaft Mark, auch ein Hochgraf genannt. S. Gau 3. 2) Ein Richter auf dem Lande, in einem Dorfgerichte, ein Dorfschulze; in welchem Verstande dieses Wort in einigen Niedersächsischen Gegenden noch sehr üblich ist.


Gaugrafschaft (W3) [Adelung]


Die Gaugrafschaft, plur. die -en, der District oder das Gebieth, worüber ein Gaugraf gesetzt ist, in beyden Bedeutungen dieses Wortes.


Gaukel (W3) [Adelung]


* Der Gaukel, des -s, plur. ut nom. sing. ein im Hochdeutschen veraltetes Wort, welches possenhafte Stellungen des Leibes, wunderliche Bewegungen, und lächerliche Geberden, zuweilen auch die Hexerey und ähnliche Arten der Verblendung bedeutet. Im Hochdeutschen sind dafür Gaukeley, Gaukelpossen, Gaukelspiel, Gaukelwerk üblicher. Im Oberd. lautete es ehedem auch Göchel, Geuchel, im mittlern Lat. Jocale, Jocalus. Disin zeichen tout er mit coukele, haec signa in Beelzebub facit, Notk. Das disu Welt ein gouggelist, Winsb. Nu sich der werlte Gochel an Wie si ir Volger triegen kan, Winsb. S. das folgende.


Gaukeley (W3) [Adelung]


Die Gaukeley, plur. die -en, wie das vorige, so wohl lächerliche und geschwinde Bewegungen des Leibes, als auch die dadurch gewirkte Verblendung. Allerley Gaukeleyen machen, possierliche Bewegungen. Es ist nur Gaukeley, Verblendung. Bey einigen auch Gauklerey, als wenn es unmittelbar von Gaukler abstammete. Nieders. Göchelije. Schwed. Kockleri.


Gaukelhaft (W3) [Adelung]


Gaukelhaft, -er, -este, adj. et adv. dem Gaukel oder einer Gaukeley ähnlich. Gaukelhafte Possen, Bewegungen.


Gaukelicht (W3) [Adelung]


Gaukelicht, adj. et adv. wie das vorige, im gemeinen Leben. Gaukelichte Bewegungen.


Gaukellicht (W3) [Adelung]


Das Gaukellicht, des -es, plur. die -e, in einigen Gegenden, ein Licht von schlechtem Talge, oder von dem Bodensatze des Talges, zum hin und wieder gehen im Hause; in Schlesien eine Gaukel, an andern Orten ein Küchenlicht, in Pommern eine Schleppkatze. In der ersten Hälfte dieses Wor- tes hat Gaukel noch seine erste ursprüngliche Bedeutung der Bewegung.


Gaukeln (W3) [Adelung]


Gaukeln, verb. reg. welches in doppelter Gestalt üblich ist. 1) Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben. Lächerliche Bewegungen, possenhafte Stellungen, wunderliche Geberden machen. Ingleichen, durch seltsame Bewegungen des Leibes, durch Geschwindigkeit, andere verblenden. Aus der Tasche gaukeln. S. Gaukler. 2) Als ein Activum, durch solche Bewegungen verursachen. Einem etwas in die Tasche gaukeln; es ihm aus der Hand gaukeln.

Anm. Im Nieders. lautet dieses Wort göcheln und kukeln, im Engl. to juggle, im Holländ. ieuchelen, im Oberdeutschen auch kocheln, keucheln und geucheln. Gouccaltuomum wird in der Monseeischen Glosse durch magicis übersetzt, ohne Zweifel nur, so fern die Zauberey auf einer geschwinden Verblendung beruhet. Das Lat. Jocus, Jocari und mittlere Lat. Jocale, Jocalus sind genau damit verwandt, aber nicht als Stammenwörter, sondern als Seitenverwandte eines ältern allgemeinen Stammes, welcher ohne Zweifel das Wort jähe, gähe, geschwind, im Oberd. gach, ist. Von diesem Worte bedeutete gaukeln eigentlich schnell bewegen, hüpfen, fallen u. s. f. S. Gaukellicht und Gaukler. Noch Kaisersberg gebraucht übergaukeln theils für überhüpfen, theils für stürzen. S. Schaukeln, welches bloß durch Vorsetzung des Zischlautes aus diesem Worte entstanden ist.


Gaukelpossen (W3) [Adelung]


Die Gaukelpossen, plur. inus. Possen, unnütze und possenhafte Bewegungen, so fern sie auf der Geschwindigkeit beruhen.


Gaukelspiegel (W3) [Adelung]


Der Gaukelspiegel, des -s, plur. ut nom. sing. ein Spiegel, worin man vermittelst gewisser Blendwerke abwesende oder unbekannte Dinge zu zeigen vorgibt; der Zauberspiegel.


Gaukelspiel (W3) [Adelung]


Das Gaukelspiel, des -es, plur. die -e, ein Spiel, welches bloß auf der Geschwindigkeit der Bewegung beruhet, eine Verblendung.


Gaukeltasche (W3) [Adelung]


Die Gaukeltasche, plur. die -n, die Tasche eines Gauklers.


Gaukelwerk (W3) [Adelung]


Das Gaukelwerk, des -es, plur. die -e, wie Gaukeley und Gaukelspiel. Das Gaukelwerk der schwarzen Kunst, Weish. 17, 7.


Gaukler (W3) [Adelung]


Der Gaukler, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Gauklerinn, plur. die -en. 1. Eigentlich, eine Person, welche allerley geschwinde Bewegungen macht. In diesem Verstande heißt nur noch in Schlesten einer, der mit dem Lichte unvorsichtig hin und wieder gehet, ingleichen einer, der durch allerley unnütze Bewegungen den Schein des Lichtes hindert, ein Gaukler oder Greckler. S. Gaukeln,

Anm. und Gaukellicht. 2. In engerer und der im Hochdeutschen üblichsten Bedeutung, der allerley schnelle und possenhafte Bewegungen macht. In diesem Verstande werden die Seiltänzer und Taschenspieler unter dem Nahmen der Gaukler begriffen. Auch vorgegebene Zauberer, so fern ihre Kunst auf der Geschwindigkeit der Bewegung und der dadurch bewirkten Verblendung beruhet, verdienen diesen Nahmen, den sie auch von Alters her wirklich führen. Bey dem Ottfried lautet dieses Wort Gougular, bey dem Notker Goucler, bey dem Apherdiau Keuchler, in der Jülich. Polizeyordnung Geuchler, im Angels. Geogelere, im Nieders. Göcheler, im Dän. Gogler, im Schwed. Gycklare, im Franz. Jongleur, im Engl. Juggler, im Ital. Giocoliere, im Pohln. Kuglarz, im Böhm. Keyklir, im mittlern Lat. von Carls des Großen Zeit an Cauculator, Cauclearius, Jocularius, Jocarius u. s. f. Alles von gaukeln, so fern dieses Wort schnell hin und her bewegen bedeutet. 3. Figürlich, in der Naturgeschichte der Neuern, 1) ein Käfer, mit einem Zangenbisse und hinten abgestumpften Flügelbecken, der den Kopf bald zwischen die Schultern hinein ziehet, bald wieder heraus steckt, daher er auch von andern der Harlekin genannt wird; Hister L. 2) Eine Pflanze, welche in Virginien, Canada und Peru wächset; Mimulus L.


Gauklerisch (W3) [Adelung]


+ Gauklerisch, adj. et adv. welches in der niedrigen Sprechart für gaukelhaft üblich ist.


Gaul (W3) [Adelung]


Der Gaul, des -es, plur. die Gäule, ein jedes Pferd. Einem geschenktem Gaule muß man nicht in das Maul sehen, welches Sprichwort auch in der Spanischen, Italiänischen und Französischen Sprache üblich ist. Ehedem wurde dieses Wort besonders von den starken Pferden gebraucht, deren man sich im Kriege und in den Turnieren bediente, zum Unterschiede von den Rossen und Gurren, d. i. den gemeinen Ackerpferden; wovon Frisch einige Beyspiele anführet. Flemming nennt noch die Sonnenpferde Feuergäule. Ihre Gäule schreye, Jer. 8, 16. Im Hochdeutschen ist es gemeiniglich nur von mittelmäßigen und schlechten Pferden üblich, und gebraucht man es ja für ein Pferd überhaupt, so geschiehet es nur im Scherze. Daher ein Ackergaul, Karrengaul, Müllergaul u. s. f. Anm. Gaul und das Lat. Caballus, Ital. Caballo, sind genau mit einander verwandt; ja es scheint daß Gaul ehedem ein allgemeiner Nahme gewesen, den mehrere größere Thiere geführet. Ein Eber heißt in einigen Handschriften des Schwabenspiegels Vrgaul, und noch jetzt wird er bey den wilden Schweinen ein Keiler genannt, S. dieses Wort.


Gaumen (W3) [Adelung]


Der Gaumen, des -s, plur. ut nom. sing. oder ohne Ableitungssylbe, der Gaum, des -es, plur. die -e, die obere fleischige Wölbung des Mundes, von den Zähnen an, bis an den Schlund. Da ihre Zunge an ihrem Gaumen klebte, Hiob. 29, 10.

Anm. Dieses Wort lautet bey dem Raban Maurus Giuma, bey dem Notker Giumo und Giumen, im Dänischen Gumme, im Schwed. Gom, im Isländ. Gomur, im Angels. Goma, im Engl. the Gumms, im Lappländ. Koulme. Wächter leitet es von dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - Geschmack, her; allein es scheinet vielmehr zu dem alten gia, aufsperren, zu gehören, von welchem Worte auch gähnen, gaffen u. s. f. abstammen, welche bloß in den Ableitungslauten verschieden sind. Der Gaumen ist nur bey einer weiten Öffnung des Mundes sichtbar, und im Dänischen heißt daher auch Gane der Gaumen. S. Gahnen. Das Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, absorpsit, das alte Latein. Goma, Gumia, ein gefräßiger Mensch, und das bey dem Kero, Ottfried und andern befindliche Cauma und Gaumo, eine Mahlzeit, sind genau damit verwandt, obgleich Ihre das letztere von dem Schwed. gamman, die Freude, abstammen lässet. Die Niedersachsen und Holländer nennen den Gaumen Bön, Boen, d. i. den Boden. das alte noch in einigen Oberdeutschen Gegenden übliche Gaum, Achtung, Sorgfalt, Aufmerksamkeit, gaumen, beobachten, aufmerken, hüthen, Gaumer, ein Aufseher, Curator, Procurator, scheinet nur zufälliger Weise mit unserm Gaumen überein zu stimmen.


Gaumenbein (W3) [Adelung]


Das Gaumenbein, des -es, plur. die -e, in der Zergliederungskunst, Beine, welche zwischen dem obern Kinnbacken und dem Keilbeine liegen, und den hintersten Theil von dem Gewölbe des Gaumens ausmachen; Ossa palati.


Gaumendrüse (W3) [Adelung]


Die Gaumendrüse, plur. die -n, eben daselbst, diejenigen Drüsen unter der Haut des Gaumens, welche dem Meerhirsensamen an Größe gleichen; Glandulae palatinae.


Gauner (W3) [Adelung]


Der Gauner, des -s, plur. ut nom. sing. in den gemeinen Sprecharten, ein Spitzbube, ein listiger geübter Betrieger. Er ist von einem alten Gauner angeführet worden. Du bist zwar ein Gauner, Less.

Anm. Im Schwed. bedeutet Gan eine Art der Zauberey; im mittlern Lat. ist Egaunnum, Engannum, Ingenium, im Span. Enganno, im Franz. Engan, Betrug, und engannare, ingeniare, betriegen. Alles, wie es scheinet, von dem alten noch im Nieders. üblichen gau, geschwinde; S. Gaudieb.


Gaupe (W3) [Adelung]


* Die Gaupe, plur. die -n, in Franken, ein Fenster in einem Dache ohne Glas, mit einem Laden; im Nieders. eine Luke. S. Gäspe, und Kappfenster.


Gautschbret (W3) [Adelung]


Das Gautschbret, des -es, plur. die -er, bey den Papiermachern, ein Bret, worauf das aus Formen genommene Papier gelegt, und unter die große Presse gebracht wird, das Wasser aus den noch nassen Bogen zu pressen. S. das folgende.


Gautschen (W3) [Adelung]


Gautschen, verb. reg. act. eben daselbst, die Bogen aus der Form nehmen, und auf das vorhin gedachte Bret legen.

Anm. Dieses alte sonst veraltete Wort bedeutet eigentlich legen, und ist zugleich die Mutter oder Tochter des Franz. coucher, welches bey den Französischen Papiermachern gleichfalls von dieser Verrichtung üblich ist. Ehedem wurde auch eine Sänfte eine Gautsche genannt. S. Kutsche, welches gleichfalls hierher gehöret.


Gautscher (W3) [Adelung]


Der Gautscher, des -s, plur. ut nom. sing. eben daselbst, derjenige Gesell, der die von dem Büttgesellen geschöpften Bogen Papier auf den Filz leget; Franz. Coucheur.


Gautscherstuhl (W3) [Adelung]


Der Gautscherstuhl, des -es, plur. die -stühle, eben daselbst, ein vorn offener Kasten, in welchem der Gautscher von der Butte stehet.


Gazelle (W3) [Adelung]


Die Gazelle, plur. die -n, eine Art Afrikanischer Ziegen mit kurzen Hörnern, welche oben und unten geringelt, in der Mitte aber gebogen sind; Caper cornubus teretibus dimidiatoarcuatis annulatis L. Tragus strepsiceros Klein. Sie soll der Oryx der Alten seyn. Der Nahme ist aus dem Arab. Algazel, welches eine Libysche Ziege bedeutet.


Gazette (W3) [Adelung]


Die Gazette, plur. die -n, aus dem Franz. Gazette und Ital. Gazetta, in einigen Gegenden, besonders Niedersachsens, eine gewöhnliche Benennung der gedruckten Zeitungen. Der Nahme stammet aus Venedig her, wo man zu Anfange des 17ten Jahrhunderts eine wöchentliche Sammlung der merkwürdigsten Neuigkeiten aller Arten zu drucken anfing, und sie wie eine Kaufmannswaare jedes Stück für eine Gazetta, eine damahls übliche Scheidemünze, verkaufte, wovon denn die Zeitungen selbst den Nahmen der Gazetten bekamen.


Ge- (W3) [Adelung]


Ge-, eine Sylbe, welche verschiedenen Redetheilen vorgesetzet wird, und bald eine gewisse bestimmte Bedeutung, bald aber auch keine, wenigstens keine jetzt noch bekannte, hat, in welchem letztern Falle sie aus dem Oberdeutschen Hauchlaute entstanden zu seyn scheinet. Die Redetheile, welche diese Vorsylbe annehmen, sind: I. Zeitwörter, wo 1. Diese Sylbe einer Menge derselben vorgesetzet wird, ohne daß ihre Bedeutung dadurch eine beträchtliche Veränderung erlitt. Dergleichen Zeitwörter sind z. B. gebären, gebrauchen, gebrechen, gebühren, gedeihen, gedenken, gedulden, gefallen, gefrieren, gefristen, gehaben, gehorchen, gehören, gelangen, geleben, gelieben, geleiten, geliefern, gelingen, geloben, gelüsten, gemahnen, genesen, genießen, gereden, gereichen, gereuen, gerinnen, geruhen, geschehen, geschweigen, geschwellen, gesegnen, gestatten, gestehen, getrauen, getrösten, gewohnen, geziemen u. s. f. Daß das ge in allen diesen und andern ähnlichen Zeitwörtern eine bloß müßige Oberdeutsche Verlängerung ist, welche aus der hauchenden Mundart der mittlern Alemannen ihren Ursprung hat, erhellet auch daraus, weil alle obige Zeitwörter ehedem nur in ihrer einfachen Gestalt üblich waren, und es in einigen, besonders Niederdeutschen Mundarten, noch sind, ohne daß ihrer Bedeutung oder ihrem Nachdrucke etwas abginge. Für gelüsten sagt der Niedersachse lüsten, für gebühren bören, für gedeihen digen, für gehören hören u. s. f. Selbst im Hochdeutschen sind für gebrauchen, gedenken, geleiten, gefrieren, gefristen, geleben u. s. f. auch nur die einfachen brauchen, denken, leiten u. s. f. üblich, ob man gleich in den spätern Zeiten zuweilen beyde Formen zu unterscheiden gesucht hat. Die Oberdeutsche Mundart setzet dieses ge- noch einer Menge anderer Zeitwörter vor, welche im Hochdeutschen nur in der einfachen Form üblich sind; z. B. ginennen, gizellen, giresten, giduan, gisingen gisehen, gilernen u. s. f. bey dem Ottfried, für nennen, zählen, rasten, thun, singen, sehen, lernen; gereden, gelachen, gesagen, und tausend andere bey den Schwäbische Dichtern: gedünken, genahen, geseyn, gelesen u. s. f. im Theuerdank; gelösen, gespüren, gedienen, gehelfen, gestillen, gesagen, u. s. f. bey dem Opitz und neuern Oberdeutschen Schriftstellern. Ja man wird fast kein einziges einfaches Zeitwort finden, welches nicht in einer oder andern Oberdeutschen Gegend mit dieser müßigen Verlängerung üblich wäre. 2. Von dieser hauchenden Verlängerung scheinet das Augmentum ge- in dem Mittelworte der vergangenen Zeit und den damit zusammen gesetzten Zeitwörter der Hoch- und Oberdeutschen ein Überbleibsel zu seyn. Dieses Augmentum bekommen nicht nur die einfachen Zeitwörter, sondern auch diejenigen, welche mit Nennwörtern, Beywörtern und trennbaren Vorwörtern zusammen gesetzet sind. Ich habe gesungen; wir werden geliebt; ein geehrter Freund; die Spitze ist abgebrochen; er hat übel hausgehalten. Bey den zusammen gesetzten Zeitwörtern bekommt es gemeiniglich seine Stelle in der Mitte unmittelbar vor dem Zeitworte. Gerechtfertiget, gerathschlaget und noch einige andere setzten es voran. Die Zeitwörter auf -iren, sie mögen nun aus fremden Sprachen entlehnet, oder nach fremder Art aus einheimischen Wörtern gebildet seyn, und die wo der Ton auf dem Verbo, nicht aber auf der Partikel ruhet, bekommen es nicht. Buchstabiret, haseliret, er wurde durchbohret, man hat uns hinterbracht, er hat es vollendet. Doch machen einige mit miß und un zusammen gesetzte Zeitwörter, ingleichen afterreden, eine Ausnahme; S. diese Wörter. Dieses im Hochdeutschen nunmehr unentbehrliche Augment, welches in den angezeigten Fällen nicht weggelassen werden kann, ist in übrigen Mundarten nicht so notwendig. Die Niedersächsische kennet es gar nicht, und verschiedene Oberdeutsche Gegenden lassen es im gemeinen Leben, wenigstens in vielen Fällen, häufig weg. Ich bin kommen, sie haben gessen, er hats geben, wir sind gangen, er ist reich worden, er hats than u. s. f. Selbst im Hochdeutschen wird es zuweilen von den Dichtern verbissen. Mir ist kein Wunsch mehr übrig blieben, Gell. Hat mir die Sprache wiederbracht, Gottsch. Aber freylich mit einem merklichen Übelklange. II. Hauptwörter. Auch hier ist das ge- 1. Eine bloß müßige Verlängerung,. welche von der Oberdeutschen Liebe zum Hauche und zu eingebildeten Nachdrücken ihren Ursprung hat. Dergleichen sind, das Genick, das Gebieth, die Geburt, das Gefängniß, die Geberde, das Gedächtniß, der Gebrauch, das Gebrechen, das Gebräude, das Geboth, das Gebiß, das Geäß, der Gehülfe, das Geschäft, das Geschenk, das Geschöpf, das Gesenk, das Gesicht, das Gespräch, das Gespinst, das Gestell, das Gesuch, das Gestift, das Gemählde, das Gedicht, das Gebinde, das Gebläse, das Gefühl, das Gehäge, das Gehau, der Geruch, der Geschmack, das Gewölbe, der Gebauer, die Gebreite, die Geduld, die Gewalt u. s. f. Viele dieser Wörter kommen unstreitig von der vergangenen Zeit ihrer Zeitwörter her, und da wäre das ge ein Überbleibsel des Augmentes; daß es aber auch nicht eigentlich wesentlich ist, erhellet daraus, daß alle diese Wörter auch ohne diese Sylbe gefunden werden, und viele im Niedersächsischen nicht anders üblich sind. Der Niedersachse sagt Dechtniß, Bruuk, Brek, Broue, Both, Bit, Hülpe, Hete u. s. f. für Gedächtniß, Gebrauch, Gebrechen, Gebräude, Geboth, Gebiß, Gehülfe, Geheiß. Selbst im Oberdeutschen findet man Bieth, Burt, Fankniß, Berde, Heiß, Schoß, Walt u. s. f. für Gebieth, Geburt, Gefängniß, Geberde, Geheiß, Geschoß, Gewalt. Indessen finden sich im Oberdeutschen noch weit mehrere dieser zusammen gesetzten Wörter, welche im Hochdeutschen nur in ihrer einfachen Form üblich sind. Gizungi, Ottfr. für Zunge; Gespor, Gethat, Theuerd. für Spur, That; Geschau für Schau, Geschrift für Schrift, Gebahn für Bahn, Gebürsch für Bürsche, Gemark für Mark, Geschloß für Schloß, Geschmuck für Schmuck, Gestück für Stück, Gezeit für Zeit u. s. f. 2. Nicht so gedankenleer ist dieser Sylbe, wenn sie dazu gebraucht wird, Collectiva und Iterativa zu bilden. 1) Collectiva, eine Versammlung mehrerer Dinge Einer Art zu bezeichnen, da denn das Ge- dem Individuo vorgesetzet wird, diese Mehrheit anzudeuten. Dergleichen sind das Geflügel, Gebein, Geschmeiß, Getreide, Geschmeide, ein Gebett Betten, das Geleucht, Gerüst, Gescheide, Geschiebe, Geschirr, Gesinde, Gestein, Geweih, u. s. f. Die Selbstlauter a, o und u, werden dabey in ä, ö, und ü verwandelt. Gewürm, Gewölk, Geblüt, Gewässer, Gesträuch, Gebäu, Gebrüder, Gebüsch, Gedärm, Gefäß, Gehäuse, Gehölz, Gehörn, Getäfel, Geäder, Gebälk, Gebläse, alles was zum Blasen gehöret, Gekrätz, Gekröse, Gemäuer, Gemüth, Gepäck, Gesäme, Gewürz u. s. f. von Wurm, Wolke, Blut, Wasser u. s. f. Der Selbstlaut e aber gemeiniglich in i oder ie. das Gebirge von Berg, (nicht Gebürge,) Gestirn von Stern, Gefilde von Feld, Gefieder von Feder, Geschwister von Schwester. Alle diese Collectiva sind ungewissen Geschlechtes, werden großen Theils nur in der einfachen Zahl gebraucht, und bedürfen am Ende keines e, wenn nicht die Beschaffenheit des letzten Mitlautes ein e euphonicum nothwendig macht. Daher sagt man nicht richtig das Geblüte, Gewölke, Gehölze, sondern Geblüt, Gewölk, Gehölz; wohl aber Gesinde, Geschiebe, Gebinde, Gebirge, Gescheide, Gekröse, Gehäuse, weil die Aussprache der Endconsonanten b, d, g, s, ohne dieses e härter werden würde. Doch behalten auch diejenigen, welche von Fämininis gebildet werden, die sich auf e endigen, dieses Image + ihr e: das Gerinne, Gerippe, (nicht so richtig Geripp,) Gebräme. Siehe E. 2) Iterativa, eine öftere Wiederhohlung einer und eben derselben Sache, oder die Fortdauer einer Handlung anzudeuten. Alle diese Wörter werden aus Infinitiven mit Wegwerfung des n gebildet, leiden keinen Plural, sind gleichfalls Neutra, gehören aber größten theils in die niedrige Sprechart. Das Gebammel, Gebelfer, Gebeiße, Gebelle, Gebettel, Gebrumme, Gedehne, Gedresche, Gesindel, Geflatter, Gestifter, Gefluche, Gefrage, Geklatsche, Geklingel, Gelache, Gelaufe, Gemurmel, Geplapper, Gepolter, Geprahle, Gerede, Gerumpel, Gesage, Geschmiere, Geschnatter, Gesumse, Geweine, Gezanke u. s. f. Ja im gemeinen Leben pflegt man aus allen Zeitwörtern dergleichen Iterativa zu bilden, wenn man die mehrmahlige Wiederhohlung oder die Fortdauer einer Sache auf eine verächtliche Art bezeichnen will. Es würde eine unnöthige Weitläufigkeit seyn, alle diese Wörter in der Folge besonders anzuführen; zumahl da sie schon gesagt worden, größten Theils niedrig sind. Es werden also nur einige der gangbarsten beygebracht werden können. In einigen Wörtern dieser Art wird auch das e des Infinitivs weggelassen, wie in Gebrüll, Geheul u. s. f. für Gebrülle u. s. f. und diese scheinen älter zu seyn, haben keinen verächtlichen Nebenbegriff und können auch in der edlen Schreibart gebraucht werden. So bestimmt die Bedeutung der Sylbe ge- in diesen beyden Arten der Wörter ist, so sind doch viele hin und wieder auch ohne dieselbe üblich. Für Getreide sagt man im Oberdeutschen auch Traid, für Gebirge Pyrg, für Geschwätz Schwatz, für Geräusch im Nieders. Rusk. Ge scheint in dieser collectiven Bedeutung mit dem Lat. co, con und cum aus Einer Quelle herzufließen, und schon Ulphilas gebraucht ga als ein Merkmahl der Verbindung. Garaznans sind bey ihm Nachbarn, von Razn, das Haus; Gasinthja die Begleitung, das Gesinde, von Sinth, der Weg; Gadailans die Theilhaber, von Dail, Theil u. s. f. Die Niedersachsen und die mit ihnen verwandten Nordischen Völker haben einen besondere Art, die öftere Wiederhohlung einer Handlung durch die Wiederhohlung des Zeitwortes selbst zu bezeichnen. Dergleichen sind das Schwed. Pickpack, das Gepacke, Hwiskwask, das Gewäsche, Snicksnack, das Geschnacke, Willerwalla, das Gemühle, Tissltassl, im Engl. Title-tatle, das Gemurmel, und das Hochdeutsche Fickfack und Mischmasch. S. diese Wörter. III. Bey- und Nebenwörter, wo das ge wiederum die müßige Alemannische Verlängerung ist. Gebirgig, im Oberd. bürgig; geschwinde, im 13ten Jahrhunderte swind; genau, Nieders. nau, Angels. hneaw; gerecht für recht; gemach, Nieders. mak; genäschig, näschig; gelinde, im Theuerd. linde. So auch gefräßig, gehässig, gedrange, geheim, gelehrig, gelenk, gemein, geraum, geringe, geschlank, gestrenge, gesund, getreu, getrost, gewahr, gewiß u. s. f. Anm. Diese Sylbe ge hat in allen den Fällen, wo sie gebraucht wird, niemahls den Ton. Oben ist schon gesagt worden, daß sie, außer wenn sie Collectiva und Frequentativa bildet, aus dem Oberdeutschen Hauche entstanden ist. Dieser Hauch wurde nicht alle Mahl durch ge, sondern oft nur durch ein bloßes g angedeutet. Ein solches unbedeutendes bloß hauchende g nahm seine Stelle gern vor den Wörtern, welche sich mit l, n und r anfangen, dergleichen im Glaube, gleich, Glück, Glied, Glimpf, gleiten, glühen, Glocke, Gnätz, Gnade, Grind, Graf, Gränze, Grütze, Gras, greifen u. s. f. angetroffen wird, welche Wörter die Niedersachsen noch zum Theil ohne diesen Hauch haben; löven für glauben, Love für Glaube, Lied für Glied, lik für gleich. In andern ist er in ein k übergegangen, wie in Klepper, klug, kratzen, Knote, knicken, knacken u. s. f.


Geäder (W3) [Adelung]


Das Geäder, des -s, plur. car. ein Collectivum, die sämmtlichen Adern in einem thierischen oder andern Körper zu bezeichnen. Der Marmor hat ein schönes Geäder. Auch figürlich, die Verzierungen an einem Gitterwerke zwischen den Städten und Stangen, aus erhabenem und getriebenem Bleche.


Geäfter (W3) [Adelung]


Das Geäfter, des -s, plur. car. bey den Jägern, die Aftern des Hirsches und deren Eindruck in dem Boden. Siehe Afterklaue.


Geäß (W3) [Adelung]


Das Geäß, oder Geätz, des -es, plur. die -e, bey den Jägern, 1. eigentlich, dasjenige, was dem Wildbrete und dem Geflügel zum Futter dienet; ohne Plural. Dem Geäße nachziehen. auf das Geäß gehen. 2. Figürlich. 1) Der Ort, wo der Hirsch mehrmahls zur Weide kommt. 2) Das Maul bey dem Roth- und Rehwildbrete.


Geback (W3) [Adelung]


Das Geback, oder Gebäck, des -es, plur. die -e, so viel als man auf Ein Mahl bäckt; in der Lausitz die Bäcke, im Nieders. ein Backels. Ein Geback Mehl. Ein Geback Brot, welches bey den Bäckern auch ein Ofen voll, ingleichen ein Schuß genannt wird.


Gebahn (W3) [Adelung]


Das Gebahn, des -es, plur. car. bey den Jägern, besonders Oberdeutschlandes, der Koth der wilden Thiere, die Losung, das Gelos; vermuthlich, weil er die Bahn, d. i. den Weg, eines Thieres zeiget.


Gebälk (W3) [Adelung]


Das Gebälk, des -es, plur. die -e. 1) Eigentlich, die sämmtlichen Balken eines Gebäudes; als ein Collectivum und ohne Plural. Das Gebälk eines Hauses, eines Schiffes. 2) Figürlich, der oberste Theil in einer Säulenordnung, welcher die Enden des Gebälkes vorstellet.


Gebammel (W3) [Adelung]


Das Gebammel, oder Gebaumel, des -s, plur. car. im gemeinen Leben, ein anhaltendes Bammeln oder Baumeln.


Gebände (W3) [Adelung]


Das Gebände, des -s, plur. ut nom. sing. mehrere Bande oder Bänder einer Art, im gemeinen Leben. S. Gebinde.


Gebärde (W3) [Adelung]


Die Gebärde, S. Geberde.


Gebaren (W3) [Adelung]


* Gebaren, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und am häufigsten als ein Reciprocum gebraucht wird. Sich gebaren, sich betragen, nicht bloß von den Geberden, sondern auch von allen sittlichen Handlungen des Menschen. Im Hochdeutschen ist es veraltet, außer das es von den Kanzelleyen noch zuweilen im Andenken erhalten wird. Und hiebey allenthalben so, daß jedermann völlig zufrieden seyn könne, gebaret werden solle, heißt es in einem Anschlage des Rathes zu Leipzig vom 22sten Jul. 1771.

Anm. Bey den ältern Oberdeutschen Schriftstellern kommt dieses Wort auch ohne Reciprocum vor. Er geparte als er lebte, Stryker, er betrug, geberdete sich, als wenn er lebte. Da enkan ich niht gedulteklichen zuo gebaren. Reinmar der Alte. Geselklich well wir mit euch geparn, umgehen, Theuerd. Kap. 100. Im Nieders. lautet es beren. Es stammet von dem alten bären, tragen her. S. Geberde, und Frischens Wörterbuch v. Baren.


Gebären (W3) [Adelung]


Gebären, verb. irreg. act. ich gebäre, du gebierst, oder gebärst, er gebiert, oder gebärt; Imperf. ich gebar; Mittelw. geboren; Imperat. gebäre. 1) Eigentlich, Junge zur Welt bringen, von dem weiblichen Geschlechte aller Thiere in der edlen Schreibart. Wenn die Gemsen auf den Felsen gebären, Hiob. 39, 1. Die Hirsche beugen sich, wenn sie gebären, B. 3. Am häufigsten und eigentlichsten von den Menschen. Sie hat einen Sohn geboren. ein Prinz, der zu Thron und Zepter geboren ist. Ein geborener Deutscher, der in Deutschland geboren, oder von Deutschen Ältern gezeuget worden. Ein geborner von Adel. Er ist taub, stumm geboren. 2) Figürlich, die Ursache einer damit verknüpften Folge seyn, in der edlen Schreibart. Du weißest, daß sie (die thörichten Fragen) nur Zank gebären, 2. Timoth. 2, 23. Die Lust, wenn sie empfangen hat, gebieret sie die Sünde, die Sünde aber gebieret den Tod, Jac. 1, 15. Ihre verirrte Fantasie gebieret diese Schreckbilder. Ich lobe deine Treu, die diesen Schmerz gebiert, Schleg.

Anm. Dieses alte Wort lautet im Mittelw. im Isidor chiboran, bey dem Ottfried und Willeram geboren, im Infinit. bey dem Notker gibiran, perin, bey dem Ottfried beron, in Schwaben noch jetzt beran. Es bedeutet ehedem überhaupt machen, hervor bringen, und wurde hernach besonders von der Hervorbringung seines Gleichen von beyden Geschlechtern gebraucht. Bey dem Ottfried und andern kommt es mehrmahls für zeugen von dem Vater vor, und in eben diesem Verstande liest man auch 1 Chron. 2, 20: Hur gebahr Uri, Uri gebahr Bezaleel; ungeachtet es Jer. 30, 8 dem heutigen Sprachgebrauche nach ganz richtig heißt: aber forschet doch und sehet, ob ein Mannsbild gebähren möge? Von dem alten Infinit. biron rühret die noch jetzt übliche irreguläre Form im Präsenti her, du gebierst, er gebiert. Von einigen Oberdeutschen Schriftstellern wird es regulär gebraucht. Geperet steht für geboren in einer Österreich. Urkunde von 1440. Das Lat. parere, parare, und Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, creavit, sind mit diesem Worte genau verwandt, welches gleichfalls zu dem alten bären, tragen, gehöret. Gibiro heißt bey dem Notker, ich bringe Frucht, pirig fruchtbar, birigen fruchtbar machen, und bey dem Ottfried ist unbera unfruchtbar. S. Bahre. Das alte Barn, ein Sohn, Kind, welches schon bey dem Kero vorkommt, ist noch im Dänischen und Schwed. vorhanden. S. auch Geburt. Von Thieren wird dieses Wort im Hochdeutschen, den bereits gedachten Fall der höhern Schreibart ausgenommen, nicht mehr gebraucht, indem man für diesen Fall andere Wörter hat. Von kleinern vierfüßigen Thieren sagt man im gemeinen Leben hecken, von größern werfen, von Schweinen faseln und ferkeln, von wilden Sauen frischen, von Ziegen zickeln, von Schafen lammen, von Kühen kalben, von Pferden füllen oder fohlen. Von Rehen, Hasen, Luchsen, Bären, Dachsen, Bibern und Ottern sagen die Jäger setzen, von Luchsen und Hunden wölfen, von Wölfen, Füchsen und Hunden werfen, von dem Wildbrete und Hunden auch ausschütten, von kleinern Raubthieren bringen, u. s. f.


Gebärerinn (W3) [Adelung]


Die Gebärerinn, plur. die -en, eine weibliche Person, welche ein Kind gebieret, oder geboren hat; ein im Hochdeutschen wenig gebräuchliches Wort. Zittern ist sie ankommen, Angst wie einer Gebärerinn, Ps. 48, 7. Ich höre ein Geschrey, als einer Gebärerinn, Jer. 4, 31. Die Gottes Gebärerinn, eine in der Römischen Kirche übliche Benennung der Jungfrau Maria.


Gebärmutter (W3) [Adelung]


Die Gebärmutter, S. Bärmutter.


Gebärstuhl (W3) [Adelung]


Der Gebärstuhl, des -es, plur. die -stühle, ein Stuhl, auf welchem gebärenden Weibern die Geburt erleichtert wird; der Geburtsstuhl.


Gebäude (W3) [Adelung]


Das Gebäude, des -s, plur. ut nom. sing. Diminut. das Gebäudchen, von dem Zeitworte bauen, so fern es aedificare bedeutet, ein nach den Regeln der Baukunst eingeschlossener Raum. In diesem allgemeinern Verstande werden ein großes Faß, ein Schiff und andere Kunstwerke dieser Art Gebäude ge- nannt. In engerm und üblicherm Verstande ist es ein solcher nach den Regeln der Baukunst eingeschlossener Raum, in welchem man gewisse Verrichtungen gemächlich vornehmen kann. ein großes, kleines, geräumiges Gebäude. Die Kirche ist ein herrliches Gebäude. Ein eingefallenes Gebäude. Das Hintergebäude, Nebengebäude, Vordergebäude, Hauptgebäude, u. s. f. Es ist ein allgemeiner Ausdruck, dessen besondere Arten durch die Wörter Haus, Kirche, Stall, Scheuer, u. s. f. ausgedruckt werden. Im Bergbaue nennet man die Zugänge, welche die Bergleute in das Gebirge hinein arbeiten, um zu den Gängen zu gelangen, gleichfalls ein Gebäude, ein Berggebäude, oder Grubengebäude; da denn dieses Wort oft den Gang selbst bedeutet, auf welchem man arbeitet, mit allen dazu gehörigen Öffnungen in der Erde. Ein höfliches Gebäude, welches viel Erz hat. Ein Gebäude auflassen, aufgeben, ihm den Rücken kehren, eine Grube verlassen. Auf ähnliche Art wird die Wohnung des Bibers bey den Jägern, und das Werk in einem Bienenstocke, welches sonst auch das Gewirk heißt, das Gebäude genannt. in weiterer Bedeutung führet diesen Nahmen ein jeder Körper in Ansehung der Verbindung oder auch des Verhältnisses seiner Theile. Das Weltgebäude. Man zergliedere das Gebäude einer Blume, Gell. Anm. Im gemeinen Leben lautet dieses Wort oft nur Bau, in Niedersachsen Baute, ingleichen Gebau, Gebäu, in welcher letzten Gestalt es mehrmahls in der Deutschen Bibel vorkommt. Daß du dich auf deine Gebäue verlässest, Jer. 48, 7. Das herrliche Gebäu ist verstöret, Zachar. 11, 2. So ferne bauen wohnen bedeutet, findet sich Gebuuueda und Gebueda für Wohnung schon bey dem Notker.


Gebauer (W3) [Adelung]


Das Gebauer, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Oberdeutschen Gegenden, ein Bauer, d. i. ein Käfich, ein Behältniß für Vögel, von bauen, wohnen. Bey dem Notker sind Gebiureda Gegenden, Länder, und Gebur ein Nachbar. Im Albanischen ist Kibur, und im Wallachischen Kibure, das Grab. S. das Bauer.


Gebe (W3) [Adelung]


Gebe, adj. et adv. was gegeben, oder ausgegeben werden kann, in Verbindung mit dem Worte gänge. Gäng und der gebe Münze, welche im Handel und Wandel üblich ist. Gäng und gebe Waaren, übliche Waaren. S. Gänge. Anm. Schon im Schwabensp. wird genge und gaebe vom Gelde gebraucht. In den spätern Zeiten findet man dafür auch gänge und genehm; im mittlern Lat. dativus. Das Nieders. geeve, bedeutet theils leidlich, mittelmäßig wohl, theils aber auch frisch, gesund, untadelhaft. Von untauglichen Waaren und Münzen ist in eben dieser Mundart auch ungeeve üblich. Auch im Schwed. sagt man gäf oder gängse.


Gebefall (W3) [Adelung]


Der Gebefall, des -es, plur. die -fälle, ein von den ältern Deutschen Sprachlehrern gebrauchtes Wort, das Lat. Dativus auszudrucken, und die dritte Endung der Nebenwörter zu bezeichnen, welche Schottel und andere die Gebeendung nennen. Ickelsamer nennet sie den Geber, Aichinger den Fall des empfahenden, Gottsched die dritte Endung, und Klopfstock die Abzweckung.


Gebein (W3) [Adelung]


Das Gebein, des -es, plur. inus. oder, und zwar noch häufiger, die Gebeine, sing. inus. 1. Eigentlich, als ein Collectivum, die sämmtlichen Beine eines thierischen Körpers. Er wird ihre Gebeine zermalmen, 4 Mos. 24, 8. Und verbrannte die Gebeine der Priester auf den Altären, 2 Chron. 34, 5. Mein Gebein hänget an meiner Haut, Hiob. 19, 20. 2. Figürlich. 1) Die Glieder des menschlichen Leibes, deren vornehmster Theil die Knochen sind, in der höhern Schreibart. Ich sahe sie, (mir zittern die Gebeine,) Raml. 2) Der ganze Leib, in welcher Bedeutung es in der Deutschen Bibel sehr häufig ist. 3) Besonders der Leichnam eines Verstorbenen und dessen Überrest, in der edlern Schreibart. wenn eigennützige Schmeicheley, mit thränenleeren Augen ein prachtiges Denkmahl über die Gebeine des vergessenen Todten aufrichtet.

Anm. Bey dem Notker Gebein, im Tatian Gibeini, bey dem Stryker Gibain, im Nieders. Gebeenke.


Gebelfer (W3) [Adelung]


Das Gebelfer, des -s, plur. car. ein wiederhohltes, anhaltendes Belfern, im gemeinen Leben.


Gebell (W3) [Adelung]


Das Gebell, des -es, plur. car. ein anhaltendes, wiederhohltes Bellen. Daß zugleich die großen Hund' erwachen, Und durch das ganze Haus ein stark Gebelle machten. Haged.


Geben (W3) [Adelung]


Geben, verb. irreg. ich gebe, du gibst, er gibt, Conjunct. ich gebe; Imperf. ich gab, Conjunct. ich gäbe; Mittelw. gegeben; Imperat. gib. Es ist in doppelter Gestalt üblich. I. Als ein Activum, welches die dritte Endung der Person erfordert. 1. Eigentlich, darreichen, in die Hand reichen, als ein allgemeiner Ausdruck, der das Eigenthum an und für sich unentschieden lässet, von der körperlichen Überreichung. Gib mir das Buch. Einem zu trinken geben. Seinem Freunde die Hand geben. ich habe ihm das Geld schon gegeben. Geld für die Waare, Waare für Waare geben. Ich habe zehen Thaler dafür gegeben. So viel gebe ich nicht dafür. Steuern und Gaben geben. Den Bedienten ihren Lohn Geben. Einem etwas in die Hand geben. Ich habe zehen Thaler darauf gegeben, als ein Angeld. Den Zehenten geben. Einem ein Geschenk, etwas zum Geschenke geben. Den Armen ein Almosen geben. Dem Viehe sein Futter, dem Gläubiger ein Pfand geben. Unser täglich Brot gib uns heute. Einem etwas unter den Fuß geben, figürlich, es ihm heimlich anrathen, ihm heimlich Nachricht davon ertheilen. Ich kann es dafür, für den Preis, nicht geben, nicht weggeben. Wenn geben für angeben stehet, so wird statt des Datives der Person die Präposition an gebracht. Von dem Gewinste fünf von Hundert an das Waisenhaus geben. Ich habe den Brief an deinen Bruder gegeben. In weiterer Bedeutung auch von andern Arten, sich einer Sache zu entledigen. Die Speisen wieder von sich geben, durch das Erbrechen. Besonders wenn die Sache einem andern übertragen wird. 2. Figürlich, wo dieses Wort in sehr vielen Fällen und oft mit allerley Nebenbegriffen gebraucht wird, davon die vornehmsten etwa seyn möchten. 1) Unentgeldlich geben, schenken. Er gibt nicht gerne. Einen Ball, einen Schmaus geben, auf seine Kosten veranstalten. Seine Habe den Armen geben. 2) Das Eigenthum, oder den Gebrauch einer Sache einem andern übertragen. Einem ein Land zu regieren geben. Einem seine Tochter zur Frau geben. Dem Kinde einen Nahmen geben. 3) Mittheilen, auch von unkörperlichen Dingen. Einem einen guten Rath, einen Anschlag, gute Lehren, heilsame Ermahnungen geben. Einem Unterricht in den schönen Wissenschaften geben. Einem eine Stunde auf dem Claviere geben, d. i. stundenweise Unterricht auf dem Claviere ertheilen. Sie gab ihm einen Kuß. Einem einen Verweis, einen Schlag, eine Ohrfeige, derbe Prügel geben. Er gab mir einen Wink mit den Augen. Einem Nachricht von etwas geben. Gott hat dir vielen Verstand gegeben. Einem ein Amt geben. Einem Macht, Gewalt, Recht z etwas geben. 4) Hervor bringen, entstehen lassen, die Ursache einer Wirkung seyn, in vielen mehrentheils bereits eingeführten Fällen, die man nicht nach Gutdünken vermehren darf. Einem lose Worte geben, lose Worte gegen ihn hervor bringen. Ich habe ihm die besten Worte von der Welt gegeben. So viel ich euch auch gute Worte gab, Gell. Geben sie mir die Ehre ihres Besuchs. Ich gebe mir die Ehre. Er weiß sich ein rechtes Ansehen zu geben. Gib mir immer den erquickenden Trost, daß ich dich bald freudiger wieder sehen werde, Weiße. Gott gebe es! Gott gebe, daß ich ihn wieder sehe! Einem Hause Licht geben. Dem Hause zehen Ellen Tiefe geben. Er kann keinen Laut von sich geben. Einem etwas zu thun, zu rathen geben. Er gab mir keine Antwort. Einen Leibeigenen frey geben. Gelegenheit, Anlaß zu etwas geben. Einem ein Ärgerniß geben, eine unrechtmäßige Handlung vornehmen, welche zu Veranlassung solcher Handlungen bey andern eingerichtet ist. Ein gegebenes Ärgerniß, zum Unterschiede von einem genommenen. Seinen Kindern eine gute Erziehung geben. Alles das gibt mir kein Vergnügen. Dem Holze eine Gestalt geben. Die Wollust, welche der Wein gibt, rauschet schnell vorüber. Das wird einen artigen Spaß geben. Einem etwas zu lesen, zu verstehen, zu erkennen, zu vernehmen geben. Ein Wort gab das andere, veranlassete das andere. Gott, gib uns einen sanften Regen. Gott, ist es, der uns Frieden geben muß. Seinen Segen zu etwas geben. Rechenschaft von etwas geben. Einem ein gutes Beyspiel geben. Sich eine fromme Miene geben, sie annehmen. Und so in vielen andern Fällen mehr, welche aus dem Gebrauche erlernet werden müssen. 5) Verstatten. Einem Erlaubniß zu etwas geben. Ich will ihm noch acht Tage Frist, Bedenkzeit geben. Ich habe ihm Zeit genug dazu gegeben. Dem Sauerteige Zeit zur Gahre geben. Einem Gehör geben, ihn anhören. 6) Sein Wort von sich geben, sich wörtlich zu etwas anheischig machen. Sie hat endlich ihr Ja von sich gegeben. Einem sein Wort geben, ihm etwas feyerlich versprechen. Einem seine Stimme geben, für ihn, zu seinem Besten stimmen. Ich habe meine Einwilligung noch nicht dazu gegeben. Seine Gedanken von sich geben, sie andern bekannt machen. Er kann es nicht von sich geben, kann seine Gedanken andern nicht verständlich machen. 7) Sich Mühe geben, Mühe anwenden. Ich weiß nicht, warum ich mir seinetwegen so viele Mühe gebe, Gell. Er gibt sich viel Mühe um dich, ebend. Geben sie sich keine Mühe, mir die Gefahr geringe zu machen. Acht geben, aufmerksam seyn. Geben sie Acht, es wird alles gut gehen. 8) Einem Recht, Unrecht geben, sagen, daß er Recht, Unrecht habe. Geben sie ihm nur in allem Recht, so haben sie Ruhe vor ihm. Ich gebe ihr funfzig Jahr, ich behaupte, vermuthe, daß sie funfzig Jahre alt ist. Ich gebe ihm höchstens noch zwanzig Jahr, glaube, daß er höchstens noch zwanzig Jahre leben könne. Etwas verloren geben, es für verloren halten. Einem alle Schuld geben, behaupten, daß er alle Schuld habe. 9) Sich zufrieden geben, zufrieden werden, sich beruhigen. Gib dich nur über deinen Irrthum zufrieden. Ich werde mich nicht eh zufrieden geben, Als bis diesen Wunsch erfüllt, Gell. Sich bloß, seine Schwäche sehen lassen, sich verrathen. 10) Sich geben, nicht mehr Widerstand leisten, nachgeben. Sie wird sich schon noch geben. Sie zankten sich noch lange Zeit, und weil sich keiner wollte, u. s. f. Lichtw. Das wird sich schon geben, wird schon vorüber gehen, unsern Wünschen gemäß erfolgen. Das gibt sich schon von sich selbst. Das Tuch gibt sich, läßt sich dehnen, gibt nach. Dahin gehöret auch die im gemeinen Leben übliche figürliche R. A. er wird es schon näher geben müssen, er wird schon biegsamer werden, von seinen Forderungen schon nachlassen müssen. 11) Ein Französisches Wort durch ein Deutsches geben, d. i. übersetzten. Dieses Wort kann nicht so gegeben, d. i. übersetzt, oder durch ein anderes erkläret, werden. Ich will es kurz geben, ausdrucken. Das war sehr gut gegeben. 12) Verfertigen, besonders von Schriften, ausfertigen; in welchem Verstande das Mittelwort gegeben noch zuweilen der Zeit der Ausfertigung einer Schrift, Vorrede oder Briefes beygefüget wird. Gegeben zu Berlin den 4. May 1774, d. i. geschrieben. Daher das Datum eines Briefes oder einer Schrift im Oberdeutschen auch die Gabe genannt wird. 13) Zwey Personen zusammen geben, im gemeinen Leben, sie copuliren, ehelich verbinden. Laßt euch - - von des Priesters Hand - - Ganz still zusammen geben, Gell. II. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben; in den meisten Fällen gleich falls mit dem Accusativ, obgleich das Verbum im Passivo nicht gebraucht werden kann. 1) Die Bäume geben gute Balken, wenn gute Balken daraus bereitet werden können. Die Garben geben dieses Mahl wenig Getreide. Die Bäume geben vieles Obst. Frisches Getreide gibt mehr Mehl als das alte. S. Ergiebig. 2) Abgeben, d. i. seyn oder seyn können; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, welche noch im Oberdeutschen üblich ist. Er gibt einen guten Soldaten. Er hat einen artlichen Poeten gegeben., Opitz. Die Kinder sollen Waisen geben, Sein Weib im Wittwenstande leben, ebend. S. Abgeben. 3) * Die Flucht geben, das Reißaus geben, die Flucht nehmen, ergreifen; zwey im Hochdeutschen gleichfalls veraltete Ausdrücke, wovon der erste in der Deutschen Bibel vorkommt. 4) Er gibt nichts auf meine Worte, läßt sich nicht dadurch bewegen, achtet sie nicht, folget ihnen nicht. Die nichts durchaus auf dein Gesetz geben, Opitz. Er gibt nichts, weder auf mich, noch auf meine Befehle. Also gibst du auf meine Treue und Beständigkeit gar nichts? Weiße. Auf diese Tugend habe ich niemahls viel gegeben. ebend. ich habe sie niemahls sehr geschätzet. 5) Geschehen, entstehen, im gemeinen Leben, und nur in einigen Fällen; auch nur als ein unpersönliches Zeitwort. Was gibt es? was gehet vor? was für ein Lärm ist entstanden? Es hat einen rechten Zank gegeben, im gemeinen Leben. Sagen sie mir doch, was es gegeben hat. Was gibts denn für ein Geschrey? Es wird gewiß wieder etwas geben, es wird gewiß wieder ein Streit, ein Lärm entstehen. Gibts nichts Neues? Was gibts Neues? S. Begeben. 6) Da seyn, vorhanden seyn; als ein Impersonale. Künste, bey denen es Grundsätze und wissenschaftliche Regeln gibt. Es gibt der gottlosen Leute zu viel, Gell. Der Gegenstände, die zum äußern Glücke gehören, gibt es eine große Anzahl, ebend. Ach, gibt es für mich noch einen heitern Himmel und eine sanfte Luft? Weiße. O klage nicht, es gibt noch edle Seelen, Gell. Dahin gehören auch die R. A. mit einigen Gerundiis. Hier gibt es was zu lachen, was zu sehen, was zu verdienen, was zu gewinnen u. s. f. hier findet sich, oder ist etwas zu lachen, zu sehen u. s. f. 7) Erhellen machen. Das gibt schon die gesunde Vernunft, läßt sich aus der gesunden Vernunft begreifen. Sein Gesicht gibt es schon, daß er ein Betrieger ist. Der Augenschein gibt es. Der Brief gibt es, aus dem Briefe erhellet es.

Anm. Statt des Hauptwortes die Gebung, ist das Abstractum die Gabe, ingleichen das Geben üblich. Das Geben hat kein Ende. Dieses Zeitwort lautet bey dem Kero keban, im Imperat. kib, im Isidor gheban, in der ersten Person des Präsens ghibu, im Tatian ih gibu, bey den Ottfried im Imperf. ih gap, im Nieders. geven, im Holländ. gheven, im Angels. gifan, im Engl. to give, im Dän. give, im Schwed. gifwa, im Isländ. gifva, bey dem Ulphilas giban, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . Es stammet ohne Zweifel von dem alten Gaff, die hohle Hand her, welches noch im Oberd. Gaufe lautet; S. Gäspe. Da die meisten verwandten Sprachen in der ersten Sylbe ein i haben, so rühret es daher, daß auch im Hochdeutschen die zweyte und dritte Person des Präsens du gibst, er gibt, und der Imperativus gib lautet. Ja im Österreichischen sagt man auch in der ersten Person des Präsens ich gib. Es fragt sich nur, ob dieses i geschärft, oder ob es gedehnt ist, und in diesem letztern Falle giebst, giebt, gieb geschrieben und gesprochen werden müsse. Für das ie scheinet die Regel zu streiten, daß das gedehnte e, welches in geben wirklich vorhanden ist, auch in ein gedehntes i oder ie verwandelt werden müsse, so wie man von sehen du siehest, von stehlen du stiehlst, von befehlen du befiehlst sagt. Allein, daß diese Regel nicht allgemein ist, erhellet auch aus den Zeitwörtern treten und nehmen, welche gleichfalls ein gedehntes e haben, und doch ein geschärftes i bekommen, du trittst, er nimmt. Diese Regel entscheidet hier also nichts. Über dieß hat die alte Form giben, oder gibben, von welcher gibst, gibt und gib Überbleibsel sind, in den meisten verwandten Sprachen ein kurzes i, wie das Schwed. und Isländ. gifva, das Engl. und Dän. give. Da nun auch die meisten und richtigsten Mundarten in den jetzt gedachten Fällen, alle aber im Imperative ein kurzes i deutlich hören lassen, so sehe ich nicht ein, warum man bey den wenigen gedehnten Mundarten, welche giebst und giebt schreiben und sprechen, folgen wollte, ungeachtet sich auch Gottsched für diese letztere erklärete.


Geber (W3) [Adelung]


Der Geber, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Geberinn, plur. die -en, der oder die einem andern etwas gibt. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb, 2 Cor. 9, 7. Wir sollen die Gaben Gottes nach der Absicht ihres weisen Gebers anwenden. Der Geber unsers Lebens, d. i. Gott, Gell. So auch in den Zusammensetzungen Gesetzgeber, Rathgeber, Gastgeber u. s. f. Siehe auch Gebefall.


Geberde (W3) [Adelung]


Die Geberde, plur. die -n. 1) Überhaupt, die Bewegung des Leibes, oder einzelner Theile desselben, in Ansehung ihrer sittlichen Beschaffenheit. Bäuerische, sittsame Geberden. Ein Vernünftiger merket den Mann an seinen Geberden, Sir. 19, 26. Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Geberden, Luc. 17, 20. 2) In engerer und gewöhnlicher Bedeutung, die Bewegung der Gesichtszüge, und diese Gesichtszüge selbst, die Mienen. Unschuld lächelt sanft auf ihren Wangen, voll Anmuth ist jede Geberde, Geßn. 3) Figürlich wird es collective so wohl im Singular, als auch im Plural, zuweilen von der ganzen Gesichtsbildung, ja von der ganzen äußern Gestalt gebraucht. Seine ganze Geberde verstellete sich. Da ergrimmete Cain sehr, und seine Geberde verstellte sich, 1 Mos. 4, 6. Christus ward an Geberden als ein Mensch erfunden, Phil. 2, 7, an äußerer Gestalt.

Anm. Dieses Wort lautet bey dem Willeram Gebare, Gebaere, bey den Stryker Gepere und Geberde, im Nieders. Gebeer, im Angels. Gebaer, im Dän. Gebärde, im Schwed. Gebärd, Atbaerd. Es ist eine buchstäbliche Übersetzung des Latein. Gestus, und stammet mit gebaren, von dem alten bären, tragen, ab, daher es in einigen Nieder- und Oberdeutschen Gegenden ohne ge - auch nur Beere, Berde, Perde lautet. Eine Handgebeer ist im Nieders. eine Bewegung mit der Hand, Mundgebeer mit dem Munde. Ottfried gebraucht dafür Giuurti, von führen, oder bühren, sich betragen, aufführen. S. Gebaren und Bahre.


Geberden (W3) [Adelung]


Geberden, verb. reg. act. welches nur als ein Reciprocum üblich ist, sich geberden, Geberden machen, so wohl von den Gesichtszügen, als von den Bewegungen des Leibes, doch nur in Ansehung ihrer sittlichen Beschaffenheit, und mehrentheils im nachtheiligen Verstande. Er geberdete sich sehr übel. Sich lächerlich, albern geberden. Sie mag sich nun geberden, wie sie will, so hat sie doch nichts an dem Gewinste zu fordern, Gell. Daher die Geberdung.

Anm. Im Nieders. sich beeren. Das veraltete einfache berden kommt ohne Reciprocation als ein Neutrum noch Es. 61, 10 vor; wie eine Braut in ihrem Geschmeide berdet.


Geberdenkunst (W3) [Adelung]


Die Geberdenkunst, plur. inus. die Kunst, welche lehret, seine Gedanken durch anständige Geberden zu erkennen zu geben; Hypocritica.


Gebeth (W3) [Adelung]


Das Gebeth, des -es, plur. die -e, Diminut. das Gebethchen, Oberd. Gebethlein. 1. Die Handlung des Bethens, oder der Unterredung mit Gott, in allen drey Fällen der folgenden Bedeutung; ohne Plural. Sich zum Gebethe wenden. Von dem Gebethe aufstehen. Sein Gebeth thun, verrichten. Das wörtliche Gebeth, zum Unterschiede von dem Gebethe des Herzens. 2. Diese Unterredung mit Gott selbst, ingleichen die Worte und Ausdrücke, aus welchen sie bestehet. 1) In der engsten Bedeutung, die Begehrung einer Wohlthat von Gott; die Bitte. Sage ihm, daß diese sterbenden Lippen für sein Wohl die letzten Gebethe stammeln. Daß er mit Gebethen Kam vor ihn getreten, Opitz. 2) Die beständige Richtung des Gemüthes zu Gott, oder die Fertigkeit, alles von Gott zu begehren, welches in der Theologie das beständige Gebeth genannt wird. 3) In der weitesten Bedeutung, eine jede Unterredung, oder Beschäftigung des Gemüthes mit Gott; in welchem Falle die Bitte, oder das Gebeth in der engsten Bedeutung, die Anbethung, Danksagung, das Lob Gottes u. s. f. Arten desselben sind. Das Gebeth des Herren, das Vater unser u. s. f. Anm. Bey dem Kero Pet und Kepet, bey dem Willeram Gebete, bey dem Ottfried Gibet. Der Plural lautet im gemeinen Leben, besonders Niedersachsens, auch Gebether; S. - Er.


Gebethbuch (W3) [Adelung]


Das Gebethbuch, des -es, plur. die -bücher, Diminut. das Gebethbüchlein, ein Buch, welches Formeln oder Vorschriften zu Gebethen in verschiedenen besondern Fällen enthält; im gemeinen Leben das Bethbuch.


Gebethe (W3) [Adelung]


Das Gebethe, des -s, plur. car. ein mehrmahliges, anhaltendes Bethen, in verächtlichem Verstande. Ist das nicht ein Gebethe!


Gebethsformel (W3) [Adelung]


Die Gebethsformel, plur. die -n, die Formel oder die Vorschrift eines Gebethes.


Gebett (W3) [Adelung]


Das Gebett, des -es, plur. die -e, so viel Stücke einzelner Betten, als zu einem vollständigen Federbette gehören. Sechs Gebette Betten.


Gebettel (W3) [Adelung]


Das Gebettel, des -s, plur. car. ein anhaltendes, wiederhohltes Betteln oder Bitten, im verächtlichen Verstande.


Gebieth (W3) [Adelung]


Das Gebieth, des -es, plur. die -e. 1. Der Zustand, da man andern zu gebiethen hat; ohne Plural. Das Gebieth über ein Land bekommen. Unter dem Gebiethe der Herrschaft Genua stehen. Noch mehr aber 2. derjenige Bezirk, worin jemand zu gebiethen hat, Diminut. Das Gebiethchen, Oberd. Gebiethlein. 1) Eigentlich. Das Gebieth einer Stadt. Das Türkische, Mailändische, Venetianische Gebieth. Alexander wurde im Verhältnisse kleiner, wie seine eroberten Gebiethe größer wurden. 2) Figürlich. Das Gebieth der Beredsamkeit und Dichtkunst erstreckt sich weiter, als das Gebieth der übrigen Künste. Das unermeßliche Gebieth der unkörperlichen Welt.


Gebiethen (W3) [Adelung]


Gebiethen, verb. irreg. act. ( S. Biethen,) seinen Willen als Herr bekannt machen, befehlen. Die Obrigkeit gebiethet. Wir gebiethen alles Ernstes, im Oberd. für, mit allem Ernste. Über andere zu gebiethen haben. Frieden gebiethen, gebiethen, daß man Frieden halte. Man hat der Moral der Religion den Vorwurf gemacht, daß sie die Freundschaft nicht gebiethe, Gell. Er spricht, als wenn er hier zu gebiethen hätte. Ein gebiethender Herr. S. Hochgebiethend. Noah that, was ihm Gott geboth. Ach, ich kann meiner Sorge nicht mehr gebiethen! Dusch, habe sie nicht in meiner Gewalt, kann sie nicht mäßigen. Gebiethe deinem Zorn; er steht so sanften Blicken, Wie deine, wenig an, Weiße. Ein Fürst, der sich gebeuth, Ist mehr als Salomon in seiner Herrlichkeit, Haged. Und wenn in dieser Nacht Gott über mich gebeuth, Gell. d. i. wenn er mein Ende in dieser Nacht beschließet. Kann ich meinem Herzen gebiethen, daß es nicht mehr schlägt? Weiße.

Anm. Bey dem Kero kepeotan, bey dem Ottfried gibiaten, im Nieders. gebeen, im Schwed. bjudan, bey dem Ulphilas bjudan, im Engl. to bid. Auch im Oberd. war dieses Wort ehedem in der einfachen Form ohne die Verlängerung ge sehr üblich. S. Biethen I. Für herrschen gebraucht es schon Ottfried; thaz ubar sie gebiete. Gebiethen und befehlen sind ziemlich gleich bedeutend; ist ja ein Unterschied vorhanden, so liegt er in der Würde beyder Wörter, indem befehlen im Hochdeutschen mehr im gemeinen Leben, gebiethen aber mehr in der höhern und edlen Schreibart üblich ist. S. Biethen.


Gebiether (W3) [Adelung]


Der Gebiether, des -s, plur. ut nom. sing. in der edlen Schreibart, der andern zu gebiethen hat, ein Herr, Befehlshaber. Ein Gebiether den Völkern, Es. 55, 4. Gott unser oberster Herr und Gebiether, Gell. Dein künftiger Gebiether, Eheherr. Unglücklicher, der schon von Hoffnung trunken Des Oceans Gebiether ist, Raml. Man wählte sich Gebiether, um so erst frey zu seyn, Dusch. S. Gebiethiger.


Gebietherinn (W3) [Adelung]


Die Gebietherinn, plur. die -en, eine Person weiblichen Geschlechtes, welche uns zu gebiethen hat. Rom ward die Gebietherinn der Welt. Liebste Gebietherinn, sagt die Kammerfrau zu ihrer Frau in einem Wienerischen Schauspiele. In der anständigen Schreibart gebraucht man dieses Wort auch von einer geliebten Person, das Franz. Maitresse auszudrucken. So sang schon Walther von Klingen: Frowe min gebieterinne. Und an einem andern Orte: Teilte min gebieterinne Mir ir minnecliche minne So wer al min truren hin.


Gebietherisch (W3) [Adelung]


Gebietherisch, -er, -te, adj. et adv. 1) Als ein Gebiether, auf eine gebiethende Weise, im verächtlichen und nachtheiligen Verstande, von Personen, die nicht zu gebiethen befugt sind. Ich halte sie für etwas eitel, stolz und gebietherisch, Gell. Eine Nation, die bey dem gebietherischen Winke eines herrschsüchtigen Ministers zittert. Die Demuth entziehet dem Verdienste das Gebietherische der Miene, des Tones und der Sprache, das in Gesellschaft so beschwerlich fällt, Gell. 2) Unumschränkt, in der edlen Schreibart. Die gebietherische Macht ihrer Reitze.


Gebiethiger (W3) [Adelung]


Der Gebiethiger, des -s, plur. ut nom. sing. ein im Hochdeutschen veraltetes und nur noch in einigen Ritterorden übliches Wort, einen Befehlshaber, einen Officier zu bezeichnen, der andern zu gebiethen hat. Ehedem auch Biethiger, im Nieders. Biedeger, für Comthur, oder Commendator. S. Commenthur.


Gebinde (W3) [Adelung]


Das Gebinde, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Eine Anzahl mehrerer mit einander verbundener Stücke Einer Art. So ist bey den Spinnerinnen das Gebinde eine Zahl von 20, an einigen Orten auch von 40 Fäden, von der Länge des Umfanges des Haspels, oder von 4 Ellen; welches Gebinde an andern Orten auch eine Fitze heißt. Zwanzig Gebinde machen eine Haspel oder Zahl, drey Haspeln eine Sträne, und vier Stränen ein Stück. In der Zimmermannskunst machen zwey durch Riegel und Streben mit einander verbundene Säulen ein Gebinde. Ein Haus von sechs Gebinden. In Böhmen ist das Gebinde ein Maß flüssiger Dinge, welches zwey Kannen hält. 2) Die bestimmte Größe gebundener oder zusammen gebundener Dinge; ohne Plural. Auf einem Acker muß einerley Gebinde seyn, die Garben müssen gleich groß gebunden werden. So auch von Fässern. Eine Tonne schmal Gebinde. S. das Band 1. 3).


Gebirge (W3) [Adelung]


Das Gebirge, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Eine Reihe mehrerer mit einander verbundenen Berge. Auf den Gebirge hat man ein Geschrey gehöret, Matth. 2, 18. Ein hohes, steiles Gebirge. Das Gebirge nimmt seinen Anfang an dem Meere. Das Schweizerische Gebirge. 2) Bey den Bergleuten, bey welchen eine jede taube Erd- oder Steinart Berg genannt wird, führet ein jedes Gestein, es mag schon gebrochen seyn, oder noch in seiner natürlichen Lagerstätte liegen, den Nahmen des Gebirges; in welchem Falle der Plural ungewöhnlich ist. Gemeines Gebirge, Bruchsteine. Schieferiges Gebirge, Schiefersteine. Gebreches Gebirge, eine mürbe, weiche Steinart. In eben diesem Verstande heißt es schon im Theuerdank ohne vorgesetztes ge, Kap. 69: Das Pyrg was faul und het kein Hab.

Anm. Bey dem Ottfried Gibirgi, im Tatian Gibirgu, bey dem Willeram Gebirgo. Es kommt von Berg her, vermittelst der gewöhnlichen Verwandlung des e in i; wie in Werk, wirken, sterben, du stirbst, Feld, Gefilde, geben, gib, Recht, Gericht u. s. f. Daher es wider die Sprachähnlichkeit ist, wenn einige dieses Wort Gebürge schreiben und sprechen.


Gebirgamsel (W3) [Adelung]


Die Gebirgamsel, plur. die -n, ein Nahme, welchen an einigen Orten auch die Bergamsel führet; S. dieses Wort.


Gebirger (W3) [Adelung]


Der Gebirger, des -s, plur. ut nom. sing. der Bewohner eines Gebirges; ein Gebirgischer.


Gebirghirsch (W3) [Adelung]


Der Gebirghirsch, des -es, plur. die -e, ein Hirsch, welcher sich nur in gebirgigen Gegenden aufhält, und auch ein Birghirsch, und verderbt Burghirsch genannt wird.


Gebirgig (W3) [Adelung]


Gebirgig, -er, -ste, adj. et adv. Gebirge habend. Eine gebirgige Gegend. Die Schweiz ist sehr gebirgig.


Gebirgisch (W3) [Adelung]


Gebirgisch, adj. et adv. im gemeinen Leben, auf dem Gebirge befindlich, aus dem Gebirge gebürtig. Das gebirgische Städtchen. Gebirgische Bauern, aus dem Gebirge. S. Gebirger.


Gebirgmaus (W3) [Adelung]


Die Gebirgmaus, plur. die -mäuse, S. Bilchmaus.


Gebiß (W3) [Adelung]


Das Gebiß, des -sses, plur. die -sse. 1) Das Werkzeug, womit man beißet, das Maul und die Zähne. So pfleget man im gemeinen Leben das Maul eines Hundes und aller vierfüßigen Raubthiere das Gebiß, in einigen Gegenden auch nur das Biß, zu nennen. Auch von einer Person, welche schöne Zähne hat, sagt man im Scherze, sie habe ein schönes Gebiß. 2) Das eiserne Mundstück eines Zaumes, weil die Pferde darauf beißen, und in weiterer Bedeutung auch wohl alles Eisenwerk an einem Pferdezaume. Einem Pferde das Gebiß anlegen.

Anm. In dieser letzten Bedeutung lautet es im Nieders. Bit, im Theuerdanke Biß, im Dän. Bidsel, im Engl. Bit, im Angels. Bitole, Gebaete, im Holländ. Ghebit. Notker nennet ein Gebiß Cham brittil, und den Zaum prittil, wovon das Franz. Bride, Engl. Bridle, abstammet.


Gebläse (W3) [Adelung]


Das Gebläse, des -s, plur. ut nom. sing. in den Hüttenwerken, die zu einem Ofen gehörigen Blasebälge mit ihrer Zurüstung. das Gebläse anlassen. Das Gebläse stehet still. Etwas vor das Gebläse bringen. S. Blasen.


Geblok (W3) [Adelung]


Das Geblok, des -es, plur. inus. das anhaltende oder wiederholte Blöken des Rindviehes und der Schafe. S. Blöken.


Geblümt (W3) [Adelung]


Geblümt, -er, -este, adj. et adv. das Mittelwort von dem veralteten Zeitworte blümen, mit Blumen versehen. Geblümte Zeuge, in welche Blumen gewirket sind.

Anm. Willeram gebraucht gebluomet für blühend. Die Zeitwörter blumen und blümen bedeuten ehedem blühen, und figürlich auch beschönigen. Desselben Lob was weyt geplümt, heißt es in einer andern Bedeutung im Theuerdanke. Siehe verblümt.


Geblümte (W3) [Adelung]


Das Geblümte, des -s, plur. inus. in einigen Gegenden, alles was die Bienen zu ihrer Nahrung eintragen, welches in andern Gegenden auch die Nutzung genannt wird; ohne Zweifel, weil sie es von den Blumen sammeln.


Geblüt (W3) [Adelung]


Das Geblüt, des -s, plur. car. die ganze Masse des in einem Körper befindlichen Blutes. Ein böses, verdorbenes Geblüt haben. Figürlich auch nahe Verwandtschaft, Blutsfreundschaft. Zu nahe in das Geblüt heirathen. Von königlichem Geblüte herstammen. Die Prinzen vom Geblüte, in Frankreich, welche mit dem regierenden Könige nahe verwandt sind. Ingleichen die Gesinnung. Das gibt freylich kein gutes Geblüt, d. i. keine freundschaftliche Gesinnung.


Geboth (W3) [Adelung]


Das Geboth, des -es, plur. die -e. 1. Von dem Zeitworte biethen oder gebiethen, befehlen, der Befehl, die Verordnung eines Höhern. Geboth und Verboth von jemanden annehmen müssen, seiner Gerichtbarkeit unterworfen seyn. S. Hülfsgeboth, Strafgeboth. Am häufigsten gebraucht man dieses Wort von den Befehlen und Gesetzen Gottes. Die zehen Gebothe Gottes, die zehen Verordnungen des göttlichen Sittengesetzes. Wider das sechste Geboth sündigen. Doch sagt man auch, einem Gebothe stehen, ihm gehorchen müssen, seiner Herrschaft unterworfen seyn. Unserer herrschenden Leidenschaft müssen alle andere zu Gebothe stehen. In dieser Bedeutung lautet es bey Kero Kepoto und Pibot, bey dem Ottfried Gibot, im Nieders. Bot, Bade, in Schwaben Bot, im Dän. und Schwed. Bud. Im Isidor ist Chipot, die Herrschaft. S. 1. Both. 2. Von biethen, offerre, die Handlung des Biethens, und die Summe, welche man biethet. Ein Geboth auf etwas thun. Ein schlechtes Geboth. Zehen Thaler sind dafür schon ein hohes Geboth. In den gemeinen Mundarten so wohl Ober- als Niederdeutschlandes nur schlechthin Both, S. dasselbe. 3. Von biethen, einladen, in dem zusammen gesetzten Worte Gastgeboth, S. dasselbe.


Gebothsbrief (W3) [Adelung]


Der Gebothsbrief, des -es, plur. die -e, in einigen Oberdeutschen Gegenden, der schriftliche Befehl eines Höhern, oder einer Gerichtsherrschaft; ein Mandat.


Gebräme (W3) [Adelung]


Das Gebräme, des -s, plur. ut nom. sing. der Rand eines Dinges, besonders der Saum oder Aufschlag eines Kleides. Die Flittern, die Gebräme, die Schnürlein, Es. 3, 20. Ich will die deine Gebräme aufdecken unter dein Angesicht, Nahum 3, 5. In dieser allgemeinen Bedeutung ist es im Hochdeutschen veraltet, wo es nur noch von dem Rande von Peizwerk um verschiedene Kleidungsstücke gebraucht wird. S. 2 die Brame.


Gebräu (W3) [Adelung]


Das Gebräu, S. Gebräude.


Gebrauch (W3) [Adelung]


Der Gebrauch, des -es, plur. die -bräuche, von dem folgenden Zeitworte gebrauchen. 1) Die Anwendung einer Sache zu seinen Bedürfnissen; ohne Plural. Ich hebe es zum künftigen Gebrauche auf. Das Geld können sie zu ihrem freyen Gebrauche anwenden, Gell. Den Gebrauch von etwas haben. Die Sache ist durch langen Gebrauch verderbt worden. Gebrauch von etwas machen. Ich werde von dieser Nachricht keinen Gebrauch machen. 2) Der mehrmahlige Gebrauch eines Dinges, die mehrmahlige Wiederhohlung einer willkürlichen Sache; auch ohne Plural. Dieses Wort, diese Art Kleider ist nicht mehr im Gebrauche, wird nicht mehr gebraucht. In Pohlen sind die langen Kleider im Gebrauche, in Deutschland die kurzen. Crispin hat es im Gebrauche, alle Jahre Ein Mahl zur Ader zu lassen. 3) Diejenigen willkürlichen Dinge selbst, welche von einem oder mehrern mehrmahls wiederhohlet werden, so fern sie dadurch gewisser Maßen die Kraft eines Gesetzes erhalten. Es ist hier Gebrauch, die Kinder in der Kirche zu taufen. Die hiesigen Gebräuche sind mir unbekannt. Gute, böse Gebräuche. Neue Gebräuche aufbringen. Kirchengebräuche. 4) Das dadurch erwachsende Gesetz, das Herkommen; ohne Plural. Der Gebrauch bringt es so mit sich. Nach Landesgebrauch. Der Gebrauch will, daß man seine Freunde betraure. Den Kirchengebrauch beobachten.

Anm. In den gemeinen Mundarten Ober- und Niederdeutschlandes ist dafür nur das einfache Brauch üblich; S. dasselbe.


Gebrauchen (W3) [Adelung]


Gebrauchen, verb. reg. act. 1) Zu seinen Bedürfnissen nöthig haben; wofür doch jetzt das einfache brauchen üblicher und schicklicher ist. S. dasselbe. 2) Zu seinen Bedürfnissen anwenden. Arzeney gebrauchen. Ich habe dieses Buch schon lange gebraucht. Sich zu den unerlaubten Absichten eines andern gebrauchen lassen. Allerley Mittel gebrauchen. Die Sache ist schon zu sehr gebraucht. Dieß Wort wird nicht mehr gebraucht. Ernst gebrauchen. Im Oberd. auch mit der zweyten Endung. Einer Brille gebrauchen. Der Welt gebrauchen. Gebrauchst du deiner Zeit, so hast du gnug gelebt, Cron. Ingleichen als ein Reciprocum, mit der zweyten Endung der Sache; doch nur in einigen Fällen. Sich seines Rechtes gebrauchen. Sich einer Gelegenheit gebrauchen. Sich seiner Augen und Ohren gebrauchen. Schon bey dem Willeram gebruchan. S. Brauchen.


Gebräuchlich (W3) [Adelung]


Gebräuchlich, -er, -ste, adj. et adv. was häufig gebraucht wird, was im Gebrauche, dem Gebrauche, der Gewohnheit gemäß ist, üblich. Dieses Wort ist hier nicht gebräuchlich. Eine überall gebräuchliche Redensart. Das Gesetz ist zwar gut, aber bey uns nicht gebräuchlich. Es ist hier gebräuchlich, daß man seinen Freunden am Neujahrstage Glück wünschet. S. Bräuchlich.


Gebräuchlichkeit (W3) [Adelung]


Die Gebräuchlichkeit, plur. inus. die Eigenschaft einer Sache, nach welcher sie gebräuchlich ist.


Gebräude (W3) [Adelung]


Das Gebräude, des -e, plur. ut nom. sing. so viel als auf Ein Mahl gebrauet wird. Ein Gebräude Bier. Die Gebräude sind nicht aller Orten gleich. In Berlin hält ein Gebräude Bier 9 Kufen, oder 18 Faß, oder 36 Tonnen; in Leipzig hält es 16, und in Dresden 24 Faß. Im gemeinen Leben ein Gebräu, in Niedersachsen ein Brau.


Gebrause (W3) [Adelung]


Das Gebrause, des -s, plur. car. ein anhaltendes, wiederhohltes Brausen; im Oberd. Gebräuse. Entsprießt ein reicher Brunn mit siedendem Gebräuse, Hall.


Gebrech (W3) [Adelung]


Gebrech, -er, -ste, adj. et adv. im gemeinen Leben, besonders im Bergbaue, mürbe, aber doch weniger als zerbrechlich. Ein gebreches Gestein, welches leicht zu erbrechen ist. Dän. gebräk.


Gebreche (W3) [Adelung]


Das Gebreche, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Ein wiederhohltes, anhaltendes Brechen, im gemeinen Leben und ohne Plural. 2) Der Ort, wo die wilden Sauen gebrochen oder gewühlet haben, bey den Jägern. 3) Der Rüssel an den Schweinen, welcher auch der Wurf genannt wird, gleichfalls bey den Jägern.


Gebrechlich (W3) [Adelung]


Gebrechlich, -er, -ste, adj. et adv. welches nur in der dritten, und in einigen Fällen der zweyten Bedeutung des vorigen Wortes üblich ist. Ein gebrechlicher Mensch, der entweder ein Gebrechen des Leibes hat, oder auch vor Alter schwach und unvermögend ist. Gebrechlich an einem Fuße, 3 Mos. 21, 19. Ist das Dankopfer blind, oder gebrechlich, u. s. f. Kap. 22, 22. In engerm Verstande werden lahme, und mit einem Bruche behaftete Personen gebrechlich genannt. Nieders. breklik, bey dem Ottfried bruzig.


Gebrechlichkeit (W3) [Adelung]


Die Gebrechlichkeit, plur. die -en. 1) Der Zustand, da ein Ding gebrechlich ist; ohne Plural. Die Gebrechlichkeit des Alters. 2) Gebrechlich in der zweyten und dritten Bedeutung dieses Wortes. Weibliche Gebrechlichkeiten, die Schwachheiten des weiblichen Geschlechtes. Die gegenwärtige Zeit ist voll Gebrechlichkeit, 4 Esr. 4, 27. Der Schwachen Gebrechlichkeit tragen, Röm. 15, 1. Bey dem Ottfried Bruzi.


Gebreite (W3) [Adelung]


Die Gebreite, plur. die -n, in der Landwirthschaft Meißens und Thüringens, ein breites Stück Feldes von unbestimmter Größe, welches aber breiter als ein Gelänge, d. i. über vier Ruthen breit ist; S. Gelänge. Eine Gebreite von sieben Ackern. Ein Stück von den herrschaftlichen Gebreiten. Ein Gebreitchen ist nur in der Länge von einer Gebreite unterschieden, hat aber übrigens eben dieselbe Breite. S. Breite.


Gebrüder (W3) [Adelung]


Die Gebrüder, sing. inus. mehrere Brüder zusammen genommen, als ein Collectivum. Die Gebrüder Richter. Im Oberdeutschen gebraucht man es auch für das einfache Brüder. Sie sind Gebrüder, d. i. Brüder. In der ersten Bedeutung kommt dieses Wort schon in dem Schwabenspiegel vor.


Gebrüll (W3) [Adelung]


Das Gebrüll, des -es, plur. car. ein anhaltendes, oder wiederhohltes Brüllen. Das frohe Gebrüll der Herden, Geßn.


Gebrumme (W3) [Adelung]


Das Gebrumme, des -s, plur. car. im gemeinen Leben, ein anhaltendes, wiederhohltes Brummen.


Gebühr (W3) [Adelung]


Die Gebühr, plur. die -en. 1) Die Pflicht, sie sey von welcher Art sie wolle, eine jede Verbindlichkeit, welche man zu erfüllen schuldig ist; ohne Plural. Seine Gebühr beobachten, thun. Über die Gebühr arbeiten, mehr als man zu thun schuldig ist. Nach Gebühr opfern, 1 Chron. 24, 31. Nach Standes Gebühr, wie es sich nach eines jeden Stande schickt, oder wie man es einem jeden Stande schuldig ist. Wider die Gebühr trinken, unmäßig. Wenn die Truppen ihre Gebühre leisten. In engerer Bedeutung, dasjenige, was man einem andern zu leisten schuldig ist, oder was der andere als eine Schuldigkeit von uns fordern kann. Einem um die Gebühr, oder für die Gebühr arbeiten, für den gebührenden Lohn. Einem seine Gebühr geben. Die Gebühr auf dem Rathhause bezahlen. Im Österreichischen ist die Gebühr dasjenige, was der Miliz zu ihrer Unterhaltung gereichet wird. In dieser zweyten Bedeutung ist es auch häufig im Plural ohne Singular üblich. Der Obrigkeit ihre Gebühren bezahlen. Die Pfarrgebühren, was man dem Pfarrer zu bezahlen hat. Schreibegebühren, der Schreibelohn. Gerichtsgebühren, Arztgebühren, Amtsgebühren u. s. f. Schon bey dem Ottfried ist mit giuurti, auf eine gebührliche, anständige Art. S. das folgende.


Gebühren (W3) [Adelung]


Gebühren, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, aber nur als ein unpersönliches Zeitwort, oder doch nur in der dritten Person üblich ist, den Pflichten oder Rechten aller Art, dem Wohlstande, den Umständen gemäß seyn. 1) Überhaupt, mit dem Reciproco sich. Er handelte, wie es sich gebühret. Nicht weiter von sich halten, denn sichs gebühret zu halten, Röm. 12, 3. Er bleibt länger aus, als es sich gebühret. Es hätte sich gebühret, daß du zuerst zu ihm gegangen wärest. Ingleichen mit der dritten Endung der Person. Eim Herrn gepurt Das er Kriegshendel wissen soll, Theuerd. Kap. 76. Dir gebühret es, dahin zu gehen. Dem Ältesten gebühret zu reden. Es gebühret dir nicht zu räuchern, 2 Chron. 26, 18. Er handelt so, als es einem ehrlichen Manne gebühret. In welchem Verstande auch das Mittelwort gebührend üblich ist. Sich gebührend betragen. Gebührender Maßen. Die gebührende Strafe leiden. Die gebührende Größe haben, die gehörige Größe. Der gebührende Richter, judex competens, vor welchen die Sache dem Rechte nach gehöret. 2) Eine Sache als ein Recht fordern können, und sie einem andern als eine Pflicht schuldig seyn, da denn dieses Wort auf beyde Personen gehen kann, mit der dritten Endung der Person. Gib ihm, was ihm gebühret, was er mit Recht fordern kann, oder was dir gebühret, was du ihm zu geben schuldig bist. Ehre, dem Ehre gebühret, Röm. 13, 7. Dir gebühret die Majestät, 1 Chron. 30, 11. Dieses Amt gebühret mir. Einem Arbeiter gebühret sein Lohn. So auch das Mittelwort gebührend. Den Arbeitern ihren gebührenden Lohn geben. Einem die gebührende Ehre erweisen

Anm. Dieses Wort lautet schon bey dem Ottfried giburren; so mir giburren mohta, welches mir gebühren möchte. Im Nieders. gebören. Ehedem war auch nur das einfache buren, puren, in diesem Verstande üblich, welches indem Nieders. bören, in dem Schwed. böra, in dem Isländ. byria und Dän. bore, noch vorhanden ist. Wachter leitet es von dem alten Byr, Bur, eine Stadt, ab. Allein es gehöret ohne Zweifel zu gebahren, und mit demselben zu dem alten bären, tragen, sich betragen, sich aufführen. Ehedem wurde es auch sehr häufig für geschehen, sich zutragen, gebraucht, in welchem Verstande kipurin schon bey dem Kero vorkommt. Thirs uuirs ni giburie, damit dir nichts Ärgers widerfahre, Ottfr. Das Nieders. bören und gehören hat diese Bedeutung auch noch.


Gebührlich (W3) [Adelung]


Gebührlich, -er, -ste, adj. et adv. wie es sich gebühret, in beyden Bedeutungen des Zeitwortes. 1) Dem Rechte, der Billigkeit, dem Wohlstande, den Umständen gemäß. Gebührlich von einem reden. Sich gebührlich betragen. Ein gebührliches Verhalten. Die gebührliche Größe. Auf die gebührliche Weise. 2) Was man einem andern zu leisten schuldig ist, oder was wir von einem andern als ein Recht fordern können. Einem die gebührende Ehre erweisen. Im Nieders. börlik.


Gebund (W3) [Adelung]


Das Gebund, des -es, plur. die -bünde, Diminut. das Gebündchen, Oberd. das Gebündlein, ein in den gemeinen Mundarten für das einfache Bund, fasciculus, übliches Wort. Ein Gebund Stroh. Bey den Buchbindern sind die Gebünde diejenigen Schnüre, worauf ein Buch geheftet wird.


Gebündestahl (W3) [Adelung]


Der Gebündestahl, des -es, plur. inus. S. Bürdestahl.


Gebürsch (W3) [Adelung]


Die Gebürsch, plur. inus. in einigen Oberdeutschen Gegenden, die Jagd, der Jagddistrict, für das einfache Bürsch, S. dasselbe.


Geburt (W3) [Adelung]


Die Geburt, plur. die -en, von dem Zeitworte gebären. 1. Der Zustand, da eine Person oder ein Thier weiblichen Geschlechtes gebäret, ingleichen der Zustand, da ein Kind oder Thier geboren wird, da denn dieses Wort so wohl von der Mutter, als von der Frucht gebraucht wird; größten Theils ohne Plural. 1) Eigentlich. In der Geburt begriffen seyn. Die Mutter starb in der Geburt. Das Kind blieb in der Geburt. Das Fest der Geburt Christi. Eine schwere Geburt haben. Von mehrern einzeln Fällen gebärender Personen gebraucht man auch den Plural. Eine Arzeney in schweren Geburten. 2) Figürlich. (a) Die Abstammung, das Geschlecht, so fern gewisse Eigenschaften von den Ältern auf die Kinder fortgepflanzet werden. Ein Edelmann von Geburt, ein geborner Edelmann. Er ist von vornehmer Geburt, von vornehmen Ältern geboren. Ein Mensch von niedriger Geburt. Nicht Erbrecht noch Geburt, das Herz macht groß und klein, Haged. (b) Der Anfang, die Entstehung einer Sache. Man muß die bösen Begierden in der Geburt ersticken. Wie sorgfältig sollte man seyn, den Fehler in seiner ersten Geburt zu bestrafen, ehe er unglücklich Gewohnheit wird! Gell. (c) Die weibliche Scham, in einigen Gegenden. 2. Die geborne oder zur Geburt bestimmte Frucht, doch nur in einigen Fällen. Eine unzeitige Geburt, welche nach dem Laufe der Natur zu früh geboren wird. Sich die Geburt abtreiben. Daher die Erstgeburt, Mißgeburt, Nachgeburt, Wundergeburt u. s. f.

Anm. Im Isidor Chiburdi, bey dem Ottfried Giburt, bey dem Notker Gepurt und Burt, im Nieders. Boord, im Angels. Gebyrte und Beorth, im Engl. Birth, im Holländ. Gheboorte, im Dän. Geburt, im Schwed. Börd. Notker gebraucht dieses Wort auch für Geschlecht, Bolk. Um der zwey End-Consonanten willen sollte der Ton in diesem Worte eigentlich geschärft seyn, wie es auch die Schlesier sprechen; allein weil es von gebären abstammet, so ist er gedehnt, nach dem Beyspiele von Art, Arzt, Bart, Bort, Krebs u. s. f.


Gebürtig (W3) [Adelung]


Gebürtig, ad. et adv. der Geburt nach herstammend. Aus Frankreich, Berlin gebürtig seyn. Im Nieders. bördig. Opitz gebraucht dieses Wort Ein Mahl für befindlich: Darinnen Schwefel auch gebürtig pflegt zu seyn. S. Bürtig.


Geburtregister (W3) [Adelung]


Das Geburtregister, des -s, plur. ut nom. sing. das Geschlechtsregister, ein im Hochdeutschen wenig bekanntes Wort, welches Esr. 2, 62; Nehem. 7, 64; 3 Esr. 5, 39 vorkommt.


Geburtsadel (W3) [Adelung]


Der Geburtsadel, des -s, plur. car. derjenige Adel, welcher durch die Geburt erlanget wird, der Erbadel, Standesadel; zum Unterschiede von dem Brief- oder Buchadel.


Geburtsbrief (W3) [Adelung]


Der Geburtsbrief, des -es, plur. die -e, ein Brief, d. i. Urkunde oder Schein, daß jemand ehrlich und frey geboren ist; ehedem der Mannrechtsbrief.


Geburtsfehler (W3) [Adelung]


Der Geburtsfehler, des -s, plur. ut nom. sing. ein angeborner Fehler.


Geburtsgeile (W3) [Adelung]


Die Geburtsgeile, plur. die -n, in der Zergliederungskunst, die zur Zeugung nöthigen Geilen bey dem männlichen Geschlechte; die Hoden. Auch bey dem weiblichen Geschlechte führen zwey runde Theile an den Seiten der Bärmutter, die so genannten Eyerstöcke, diesen Nahmen. S. Geile.


Geburtsglied (W3) [Adelung]


Das Geburtsglied, des -es, plur. die -er, in der anständigen Sprechart, das zur Fortpflanzung seines Geschlechts nöthige Glied, bey beyden Geschlechtern.


Geburtshelfer (W3) [Adelung]


Der Geburtshelfer, des -s, plur. ut nom. sing. ein Arzt, welcher dem weiblichen Geschlechte in der Geburt Hülfe leistet; der Hebarzt, Franz. Accoucheur.


Geburtshülfe (W3) [Adelung]


Die Geburtshülfe, plur. inus. die Hülfe, welche gebärenden Weibern geleistet wird; Nieders. der Kinderfangst.


Geburtsjahr (W3) [Adelung]


Das Geburtsjahr, des -es, plur. die -e, das Jahr, in welchem man geboren ist.


Geburtsliste (W3) [Adelung]


Die Geburtsliste, plur. die -n, das Verzeichniß derjenigen, welche das Jahr über an einem Orte geboren sind.


Geburtsmahl (W3) [Adelung]


Das Geburtsmahl, des -es, plur. die -mahle, oder -mähler, S. Muttermahl.


Geburtsort (W3) [Adelung]


Der Geburtsort, des -es, plur. die -örter, der Ort, wo man geboren, aus welchem man gebürtig ist.


Geburtsschmerzen (W3) [Adelung]


Die Geburtsschmerzen, sing. inus. die Schmerzen, welche eine gebärende Person in der Geburt empfindet; das Kreißen. In Geburtsschmerzen liegen.


Geburtsstadt (W3) [Adelung]


Die Geburtsstadt, plur. die -städte, die Stadt, in welcher man geboren ist.


Geburtsstuhl (W3) [Adelung]


Der Geburtsstuhl, S. Gebärstuhl.


Geburtsstunde (W3) [Adelung]


Die Geburtsstunde, plur. die -n, die Stunde, in welcher man geboren ist.


Geburtstag (W3) [Adelung]


Der Geburtstag, des -es, die -e, der Tag, an welchem man geboren ist. Seinen Geburtstag feyern.


Gebüsch (W3) [Adelung]


Das Gebüsch, des -es, plur. die -e. 1) Ein Ort, der mit Buschwerk, d. i. Sträuchen oder Unterholz bewachsen ist. Ingleichen mehreres an einem Orte befindliches Unterholz. Sich in das Gebüsch verdecken. 2) Einzelne Sträuche oder Büsche; doch größten Theils nur im Oberdeutschen. Sanfte Entzückungen - lispeln ihm aus jedem Gebüsche, Geßn. S. Busch.


Geck (W3) [Adelung]


1. Der Geck, des -es, plur. die -e, im gemeinen Leben, besonders Niedersachsens, die Nath der Hirnschale bey dem Ohre an den Kalbs- und Schöppsköpfen. Den Geck stechen, diese Nath mit dem Messer öffnen. Einem den Geck stechen, figürlich, ihn zum Besten haben, seiner Einfalt spotten. Anm. Peucer versichert, daß auch die Fischohren oder Kiefer bey den Sachsen der Geckel genannt würden. Gemeiniglich leitet man dieses Wort von dem folgenden ab, weil ein Unvorsichtiger sich bey dem Stechen des Geckes leicht in die Finger steche. Allein es ist vermuthlich ein altes Stammwort, welches überhaupt eine Spalte oder Öffnung bedeutet hat, und zu dem Oberdeutschen Gauf, die hohle Hand, gehöret, indem die Blase- und Hauchlaute mehrmahls in einander übergehen; S. Gäspe. In Oberschwaben werden in den Steinbrüchen die Zwischenräume zwischen den Schieferplatten Gechtinen genannt.


Geck (W3) [Adelung]


2. Der Geck, des -en, plur. die -en, bey einigen auch des -es, plur. die -e, ein alberner, thörichter Mensch, ein Narr. Lassen sie den alten Gecken gehen. Jedes neue Kopfzeug und jedes neue Gesicht bringt einen Geck in Bewegung, Zimmerm.

Anm. Im Nieders. Geck, im Holländ. Gheek, im Dän. Giäk, im Engl. Geck, im Schwed. Geck, im Isländ. Gick, alle in der Bedeutung eines Narren. Im Oberdeutschen lautet dieses Wort Gauch, bey den Schwäbischen Dichtern Gouch, Guoch, Giege, und gehöret mit demselben zum Geschlechte des Latein. Jocus; S. Gauch und Gaukeln. Das Hochd. schäkern ist durch Vorsetzung des Zischlautes davon hergeleitet.


Geck (W3) [Adelung]


3. Der Geck, des -en, plur. die -en, eine Art Ostindischer und Afrikanischer nackter Eidechsen mit hohen Füßen, weiten langen Gehörgängen, und fünf Zehen, von welchen es wiederum verschiedene Arten gibt; Geckus L. Er wird auch Gecko genannt, welches der Ostindische Nahme dieses Thieres zu seyn scheinet.


Geckelkraut (W3) [Adelung]


Das "Geckelkraut", des -es, plur. inus. in einigen Gegenden, eine Benennung des "Spindelbaumes", "Evonymus Europaeus L." S. dieses Wort.


Gecken (W3) [Adelung]


Gecken, verb. reg. act. im gemeinen Leben einiger Gegenden, vexiren. Jemanden gecken oder ausgecken, seiner Schwachheit spotten; Nieders. geckscheren. In einigen Gegenden auch als ein Neutrum, sich als einen Geck betragen.


Geckenheil (W3) [Adelung]


Das Geckenheil, des -es, plur. car. S. Gauchheil.


Geckerey (W3) [Adelung]


Die Geckerey, plur. die -en, alberner Scherz; ingleichen höhnender Spott, im Dän. Giäkkerie.


Geckhaft (W3) [Adelung]


Geckhaft, -er, -este, adj. et adv. einem Gecken ähnlich. So auch die Geckhaftigkeit.


Gecko (W3) [Adelung]


Der Gecko, plur. ut nom. sing. S. 3. Geck.


Gedacht (W3) [Adelung]


Gedacht, S. Gedenken.


Gedächtniß (W3) [Adelung]


Das Gedächtniß, des -sses, plur. inus. von dem Zeitworte gedenken oder denken. 1) Das Andenken, die Erinnerung an eine vergangene Vorstellung oder Begebenheit. Das thut zu meinem Gedächtnisse. Etwas in frischem Gedächtnisse haben. König August glorwürdigsten Gedächtnisses. Dein verstorbener Bruder seligen Gedächtnisses. Ich habe es noch im frischen Gedächtnisse. Etwas zum ewigen Gedächtnisse aufschreiben. Seines Nahmens Gedächtniß stiften. 2) Das Mittel der Wiedererinnerung oder des Andenkens, ein Denkmahl; nur in einigen Fällen. Ein Ehrengedächtniß. Eines Gedächtniß ausrotten, dasjenige vernichten, was sein Andenken erhalten könnte. 3) Das Vermögen, sich gehabter Begriffe wieder bewußt zu seyn; die Erinnerungskraft. Etwas in das Gedächtniß fassen. Ein gutes, ein glückliches ein scharfes, ein starkes Gedächtniß, wenn man sich bey allem wohl besinnen kann, daß wir es vor diesem schon empfunden haben. Ein schlechtes, ein schwaches Gedächtniß. Das Gedächtniß verlieren, um sein Gedächtniß kommen. Etwas im Gedächtnisse behalten. Das Gedächtniß stärken. Etwas seinem Gedächtnisse einverleiben oder einprägen. Etwas aus dem Gedächtnisse lassen, es vergessen.

Anm. Im Nieders. nur Dechtniß. In einigen Oberdeutschen Gegenden ist dieses Wort weiblichen Geschlechtes. Zu ewiger Gedechtniß, heißt es unter andern in dem 1514 gedruckten Deutschen Livius. Aber Übereilung ist es, wenn man daraus die Regel folgern will, daß dieses Wort in den beyden ersten Bedeutungen weiblichen, in der dritten aber ungewissen Geschlechtes ist. S. - Niß.


Gedächtnißbein (W3) [Adelung]


Das Gedächtnißbein, des -es, plur. die -e, in der Zergliederungskunst, das Bein des Hinterhauptes, welches dreyeckig und gemeiniglich sehr dick, bey dem großen Loche aber, durch welches das Rückenmark hinab steiget, sehr dünn ist; Os occipitis.


Gedächtnißfehler (W3) [Adelung]


Der Gedächtnißfehler, des -s, plur. ut nom. sing. ein Fehler, welcher aus Mangel oder Schwäche des Gedächtnisses begangen wird.


Gedächtnißkunst (W3) [Adelung]


Die Gedächtnißkunst, plur. inus. die Kunst, die Kraft des Gedächtnisses zu erweitern, besonders wenn solches vermittelst der Einbildungskraft geschiehet; Ars mnemonica.


Gedächtnißmünze (W3) [Adelung]


Die Gedächtnißmünze, plur. die -n, eine Münze zum Andenken einer merkwürdigen Begebenheit; eine Denkmünze, Medaille.


Gedächtnißrede (W3) [Adelung]


Die Gedächtnißrede, plur. die -n, eine Rede, welche zum Andenken eines Verstorbenen, einige Zeit nach der Leichenrede gehalten wird. Ist es eine Predigt, so heißt sie Gedächtnißpredigt.


Gedächtnißtag (W3) [Adelung]


Der Gedächtnißtag, des -es, plur. die -e, ein Tag, der dem feyerlichen Andenken einer Sache gewidmet ist. Die Feste sind jährliche Gedächtnißtage großer Wohlthaten Gottes.


Gedackt (W3) [Adelung]


Gedackt, adj. et adv. welches das alte Mittelwort des Zeitwortes decken, für gedeckt ist, und noch in dem Orgelbaue gebraucht wird, die mit einem Deckel verschlossenen Orgelpfeifen zu bezeichnen. Grob gedackt, ein sechzehenfüßiges, mittel gedackt, ein achtfüßiges, klein gedackt oder still gedackt, ein vierfüßiges Register solcher Pfeifen. S. Decken und Gedeck 3.


Gedanke (W3) [Adelung]


Der Gedanke, des -n, plur. die -n, bey einigen auch der Gedanken, des -s, plur. ut nom. sing. von dem Zeitworte denken. 1. Eigentlich und überhaupt, eine jede Vorstellung von einer Sache. In Gedanken seyn, in tiefen Gedanken stehen, auch wenn man sich dieser Vorstellungen nicht deutlich bewußt ist. In engerer Bedeutung verstehet man unter diesem Ausdrucke nur die mit Bewußtseyn verknüpften Vorstellungen. 1) Absolute. Es fallen mir allerley Gedanken ein. Seine Gedanken nicht beysammen haben, zerstreuet seyn. Fasse dich, sammle deine Gedanken, so viel wie möglich ist, Less. Etwas ohne Gedanken thun, ohne Richtung seiner Gedanken auf den gehörigen Gegenstand. Das ist mir nicht in die Gedanken gekommen. Sich der Gedanken entschlagen. Sich etwas in Gedanken vorstellen. Seinen Gedanken Audienz geben, im gemeinen Leben, allerley Vorstellungen nachhängen. Voller Gedanken seyn. In Gedanken seyn, in tiefen Gedanken sitzen, so an etwas denken, daß man sich und anderer Dinge außer sich nicht bewußt ist; im Nieders. mymern, welches mit dem Lat. memorari verwandt ist. Warum stehest du denn so in tiefen Gedanken? Er saß tief in Gedanken. Mein ganzer Gedanke bist du, Weiße. Von ihm zeugt jeder Gedanke unsrer Seele, Gell. Der große Gedanke, Gott regieret und ordnet die allgemeinen und besondern Schicksale der Menschen - ist göttliche Beruhigung des Herzens in Unfällen und Leiden, Gell. Er ist ein recht sanfter Mann, dem noch nie der Kopf von einem Gedanken weh gethan hat, Weiße. Ein lebhafter, starker, kühner, glänzender, körnichter, feiner Gedanke. 2) In Rücksicht auf einen besondern Gegenstand, mit dem Vorworte an. Es sey Krankheit, es sey Verlust der Güter dieses Lebens, - der Gedanke an die göttliche Vorsehung vermindert ihr Schmerzhaftes, Gell. Zuweilen auch mit der zweyten Endung. Diesen Gedanken seiner Unschuld - gäbe er für keine Welt, ebend. 2. Figürlich, mit verschiedenen Nebenbegriffen, theils in weiterer, theils in engerer Bedeutung. 1) Vom den mit einem Urtheile verbundenen Vorstellungen; am häufigsten im Plural. (a) Für Meinung. Er stand in den Gedanken, daß ich die Erbinn des Testamentes wäre. Ich war in den Gedanken, daß er heute nicht kommen würde. Er hat sehr hohe Gedanken von sich. Sie wäre es nach meinen Gedanken wohl werth. Jemanden auf bessere Gedanken bringen, ihm eine bessere Meinung beybringen. Wir haben einerley Gedanken. Jemanden seine Gedanken eröffnen. Auf andere Gedanken kommen. (b) Für Vermuthung. Wie können sie doch auf die Gedanken fallen? Ihr stetes Bethen und Singen bringt mich fast auf die Gedanken, daß sie nicht fromm ist, sondern nur fromm scheinen will, Gell. Ich komme fast auf die Gedanken, daß sie ihn nicht leiden kann. Sich arge, böse Gedanken von jemanden machen. Besonders von der Vermuthung einer unangenehmen Sache, für Argwohn. Wenn ich argwöhnisch wäre, so könnte ich mir allerhand Gedanken machen, Gell. 2) Von der Vorstellung einer abwesenden oder vergangenen Sache, für Erinnerung, Andenken; doch nur in einigen Fällen und im Plural. Ich will mir Sylvia aus den Gedanken schlagen, Gell. Sich Gedanken über etwas machen, darüber bekümmert seyn. 3) Von einer ganzen Reihe zusammen hängender Vorstellungen, für Betrachtung, und deren schriftlicher Aufsatz. Die letzten Gedanken sind immer reifer als die ersten. Ich hatte allerley Gedanken darüber. Sterbensgedanken. Gedanken über den zwischen Rußland und der Pforte geschlossenen Frieden. 4) Von der Vorstellung einer künftigen Sache als wahrscheinlich, auch nur im Plural; besonders von einer angenehmen, für Hoffnung. Er macht sich die Gedanken, er werde das Amt erhalten. Seine Gedanken sind ihm fehlgeschlagen. In ihren Gedanken ist sie schon gnädige Frau. 5) Von der Vorstellung einer Absicht, für Entschließung, Vorhaben; gleichfalls nur im Plural. Friedensgedanken, Kriegesgedanken haben. Ich gehe mit den Gedanken um zu verreisen. Diese Gedanken sind mir vergangen. Gott erhalte ihn bey diesen Gedanken! Bleib bey den Gedanken, du wirst wohl dabey fahren, Gell. In der Deutschen Bibel wird es auch mehrmahls von sinnlichen Begierden gebraucht. 6) Die ersten Ideen, welche der Künstler auf das Papier entwirft, in der Zeichenkunst und Mahlerey.

Anm. Dieses Wort lautet um das Jahr 790 Gidachtdi, gleichsam Gedächte, aber schon bey dem Kero Kedanc, Kidancha, bey dem Ottfried Githang, bey dem Willeram Gedank, im Angelsächsischen Gedhanc. Im Isidor bedeutet Chidanc den Verstand. Das einfache Dank, welches auch noch in dem Schwedischen Thanke und Niedersächsischen Dank vorhanden ist, ist auch im Oberdeutschen nicht selten. Die Nacht hett er manchen Dannck Theuerd. Kap. 68. In solchen Dannkchen reyt er weg, ebend. Ottfried gebraucht dafür auch Thahti. In einigen, besonders Oberdeutschen Gegenden, ist dieses Wort weiblichen Geschlechtes, die Gedanke. S. Denken und Gedenken.


Gedankenbein (W3) [Adelung]


Das Gedankenbein, des -es, plur. die -e, in der Zergliederungskunst, die Beine des Vorderhauptes oder des Wirbels, welche von andern die Seitenbeine, Vernunftbeine, Nervenbeine oder Bogenbeine genannt werden; Ossa Bregmatis.


Gedankenleer (W3) [Adelung]


Gedankenleer, -er, -ste, adj. et adv. ohne Gedanken, und in engerer Bedeutung ohne wichtige, ohne vernünftige, oder doch ohne die zur Sache gehörigen Gedanken, ohne Nachdenken. Gedankenleer ist sie wie du. Ein gedankenleeres Gedicht, welches keine dichterische Gedanken hat.


Gedankenleere (W3) [Adelung]


Die Gedankenleere, plur. inus. der Zustand einer Person oder Sache, da sie gedankenleer ist.


Gedankenlos (W3) [Adelung]


Gedankenlos, -er, -este, adj. et adv. wie gedankenleer. Eine gedankenlose Andacht. Der Mystiker, der sich in gedankenlosen Entzückungen mit der Gottheit auf das genaueste verbunden glaubt, Zimmerm.


Gedankenlosigkeit (W3) [Adelung]


Die Gedankenlosigkeit, plur. inus. der Zustand einer Person oder Sache, da sie gedankenlos ist, die Gedankenleere. Ich stand in Gedankenlosigkeit da.


Gedankenstrich (W3) [Adelung]


Der Gedankenstrich, des -es, plur. die -e, eine Benennung desjenigen orthographischen Zeichens, welches in einem oder mehrern Querstrichen bestehet, und vornehmlich in folgenden Fällen gebraucht wird. 1) Als ein Zeichen eines abgebrochenen Gedanken, bey welchem der Leser das übrige hinzu denken soll. Sie sind für mich ein zweyter Vater, und ich werde niemahls vergessen, daß - Halten sie ein, erwiderte er, u. s. f. Ja du sollst - hier starb der Hund, Gell. 2) Abgebrochene, oder nicht genau zusammen hängende Theile einer Rede zu bezeichnen. Doch - verstummet schwache Saiten - Trauret - Doris hört euch nicht - 3) Als ein Zeichen der Aufmerksamkeit vor derjenigen Wörtern, auf welchen ein besonderer Nachdruck liegen soll. Ich bin ein Lamm, der Schäfer Freude, Ein zartes Lamm, und - ohne Räude, Kretschmann. Wohlan; so zeuch, und - brich den Hals! ebend. 4) Als ein Auslassungszeichen, wenn man ein oder mehrere Worte, ja ganze Sätze auslässet. Aber ich weiß, daß mein Erlöser lebt - denselben werde ich mir sehen, u. s. f. Hiob 19, 25, 27. 5) Als ein Einschließungszeichen. Den jeder Patriot am liebsten da belauschte, Wo - wie ihr aus dem Dante wißt - Papst Anastas für seine Sünden büßt, Wagner. In allen diesen Fällen wird die Häufung dieser Striche dem Leser nur zu oft unangenehm und ekelhaft. In manchen Schriften findet man dafür auch wohl doppelte Striche - - oder Punkte ...


Gedärm (W3) [Adelung]


Das Gedärm, des -es, plur. inus. oder die Gedärme, sing. inus. die Sammlung aller Därme in einem Körper, als ein Collectivum. Schmerzen in dem Gedärme haben. Das Reißen in den Gedärmen. Das dünne Gedärm, welches zunächst am Magen liegt, zum Unterschiede von dem dicken. In den niedrigen Sprecharten die Kaldaunen; von kleinen Thieren und Fischen in Niedersachsen das Küt; von dem Wildbrete das Gescheide. S. Darm.


Gedeck (W3) [Adelung]


Das Gedeck, des -es, plur. die -e. 1) Dasjenige, womit eine andere Sache gedeckt oder bedeckt wird, besonders dasjenige, womit ein Gebäude gedeckt wird. 2) Für das Französische Couvert. Die Tafel bestand aus drey Gedecken, sie war für zwölf Personen gedeckt. 3) So viel leinenes Tischzeug, als zum Einmahligen Decken erfordert wird. Ein Gedeck bestehet aus einem Tischtuche und einer beliebigen Anzahl Servietten. 4) In den Orgeln, ein Register gedeckter oder gedackter Pfeifen. S. Gedackt.


Gedeihen (W3) [Adelung]


Gedeihen, verb. irreg. neutr. welches das Hülfswort seyn zu sich nimmt; Imperf. ich gedieh; Mittelw. gediehen; Imperf. gedeih. 1. Eigentlich, der Ausdehnung, dem äußern Umfange nach größer werden, von Menschen und Thieren. Star isset viel, aber er gedeihet nicht dabey, er wird nicht genähret, nimmt nicht zu. Das Vieh gedeihet vortrefflich. Ingleichen für nähren, mit der dritten Endung der Person. Grobe Kost gedeihet den Handarbeitern besser als Leckerbissen. Er isset viel, aber es gedeihet ihm nicht, es gereicht ihm nicht zur Nahrung, er nimmt dabey nicht zu. 2. Figürlich. 1) Wachsen, S. Gediegen. 2) Der Zahl nach zunehmen, ingleichen an äußerm Wohlstande zunehmen. Die Kinder der Ehebrecher gedeihen nicht, Weish. 3, 16. Ein Bienenstock gedeihet, wenn er an Volk und Werk zunimmt, wofür man in Niedersachsen auch wudeln und faseln gebraucht. Unrecht Gut gedeihet nicht. 3) Gerathen, einen erwünschten Wachstum und Fortgang haben. Das Getreide würde gediehen seyn, wenn die Witterung nicht so naß gewesen wäre. Der Flachs ist vortrefflich gediehen. Das wird dir nicht gedeihen. Seine Anschläge gedeihen nicht. Gott must das Gedeihen zu unserer Arbeit geben. Im Mecklenburg jahren. 4) Ausschlagen, zum Nutzen oder Schaden gereichen. Das wird zu deinem Verderben gedeihen. Das gedeihet ihm zur Ehre, zum Spotte, zur Schande. Sagen sie, wie gedieh mir Lamm dieser Trost? Hermes. Es ist ihm übel gediehen, bekommen. In dieser und den beyden folgenden Bedeutungen fängt es an im Hochdeutschen seltener zu werden. 5) Kommen, gerathen. Dadurch nemens an narung ab, gedeyhen an den bettelstab, S. Sachs. Die Sache ist auf das Äußerste gediehen. Laß mich nicht unter die gedeyen, Wo stolz Frevel sich befindt, Opitz Ps. 140. Herr ich bitte, laß mein Schreyen Für dein treues Ohr gedeyen, ebend. Ps. 86. 6) Werden, entstehen. Wenn die redlichsten Absichten zu weiter nichts führen, als zu einem lächerlichen Zwecke, so gedeihet niemahls ein Verdienst daraus, Abt. 7) * Bleiben, fortdauern; eine im Hochdeutschen ganz veraltete Bedeutung. Ihre Gemeine soll vor mir gedeyen, Jer. 30, 20. Ihr Same wird für dir gedeyen, Ps. 102, 29. Anm. Dieses Wort lautet schon bey dem Ottfried kedihen, bey dem Stryker gedeichen, bey dem Notker gediehen, und zwar in den meisten der obigen Bedeutungen. Das einfache deihen kommt bey den ältern Oberdeutschen Schriftstellern noch häufiger vor. Bey dem Ottfried lautet es thihan, wo es wachsen, zunehmen, zum Nutzen gereichen, bedeutet. Das Nieders. digen, diggen, das Goth. teihan, das Schwed. taga, das Isländ. tia, und das Angels. thean haben das verlängernde ge gleichfalls nicht. Es stammet von dicht und dick her. In Hamburg bedeutet deyen und uthdeyen, aufquillen, und bey dem Notker ist Diehseme die Frucht. S. Dicht, Gediegen, Taugen und Teig. Die Schreibart gedeyen, welche noch in der Deutschen Bibel vorkommt, ist veraltet.


Gedeihen (W3) [Adelung]


Das Gedeihen, des -s, plur. car. der Infinitiv des vorigen Zeitwortes, als ein Hauptwort gebraucht, die Zunahme, der Wachstum, so wohl an körperlichem Umfange, als auch an einem jeden äußern Wohlstande. Gott gibt das Gedeihen, 2 Cor. 3, 6, 7. Ingleichen der glückliche Erfolg einer Handlung. In den gemeinen Mundarten das Gedeig, Gedik, im Nieders. die Dege, so wie Undege daselbst Abnahme bedeutet. Ehedem war auch Gedey in diesem Verstande üblich. Dieweil Mann und Weib auf gleichen Gedey und Verderb ihrer Güter sitzen, heißt es in der Danziger Willkühr.


Gedeihlich (W3) [Adelung]


Gedeihlich, -er, -ste, adj. et adv. 1) Was das Gedeihen oder die Zunahme an körperlichem Umfange befördert. Fische sind keine gedeihliche Speise, nähren schlecht. Das Stroh wird dieses Mahl zur Viehfütterung nicht recht gedeihlich seyn. Ein gedeihlich Naß, Logau, ein fruchtbarer Regen. 2) Heilsam, erwünscht, glücklich. Einem alles gedeihliche Wohlergehen anwünschen. Seine Sache ist es nicht, in der Geschwindigkeit eine gedeihliche Antwort zu finden. So auch die Gedeihlichkeit.


Gedenken (W3) [Adelung]


Gedenken, verb. irreg. act. ( S. Denken,) welches in allen den Bedeutungen gebraucht wird, in welchen dieses einfache Zeitwort üblich ist. 1. Eigentlich, Vorstellungen mit Bewußtseyn haben; so wohl 1) absolute, wo doch denken im Hochdeutschen üblicher ist. Ich gedachte, vielleicht ist keine Gottesfrucht an diesen Orten, 1 Mos. 20, 11; und so in vielen andern Stellen mehr. Im Oberd. sagt man auch häufig, ich gedenke mir, für: ich denke bey mir selbst. Unfallo gedacht ihm, Theuerd. Als auch, 2) in Rücksicht auf einen besondern Gegenstand, mit dem Vor- worte an. Woran gedenken sie? Wenn er sein Wort Ein Mahl gegeben hat, so ist an keinem Widerruf zu gedenken, so ist kein Widerruf zu hoffen. Im Oberdeutschen auch mit der zweyten Endung. Gedenk ich deiner Treu, Günth. 2. Figürlich, mit verschiedenen Nebenbegriffen. 1) Für dafür halten, glauben, vermuthen, wo das einfache denken im Hochdeutschen gleichfalls üblicher ist. Ich gedachte, ich möchte vielleicht sterben müssen, 1 Mos. 26, 9. 2) Sich eine vergangene oder abwesende Sache vorstellen, für erinnern. Bey Menschen Gedenken, so lange Menschen denken, d. i. sich erinnern können. Der Gegenstand bekommt am häufigsten das Vorwort an. Ich wollte wünschen, daß sie an die Fabel von dem Knaben gedächten, Gell. Die Haut schauert mir noch, wenn ich daran gedenke. Ich gedenke nicht mehr daran. Du sollst an mich gedenken. Ingleichen mit dem Nebenbegriffe der thätigen Erweisung dieser Erinnerung, besonders in der biblischen Schreibart. Gedenke, daß du den Sabbath heiligest. Gedenke an deinen Schöpfer in deiner Jugend. Im Oberdeutschen sehr häufig auch mit der zweyten Endung der Sache. Gedenke meiner, wenn dirs wohl geht, 1 Mos. 40, 14. Des Herrn gedenken, Es. 46, 9; und so in vielen andern Stellen mehr. 3) Erwähnen; in welcher Bedeutung es häufiger gebraucht wird, als das einfache denken, und alsdann die zweyte Endung der Sache bekommt. Eines im Besten gedenken. Eines in seinem Gebethe gedenken. Eines in allen Ehren gedenken. Dessen nicht zu gedenken. Er gedenkt der Freundschaft mit keinem Worte. Sein werd' in aller Welt gedacht, Gell. Zuweilen auch mit der vierten Endung. Ich wills nicht mehr gedenken. In eben diesem Verstande wird auch das Mittelwort gedacht von Dingen gebraucht, deren man vorher Erwähnung gethan hat. Er ließ sich den gedachten Antrag gefallen. Obgedacht, mehrgedacht, in den Kanzelleyen, wofür in denselben, besonders im Oberdeutschen, auch wiederhohlt, mehrbemeldet, ermeldet, erhohlt, gleich erhört, oberzählt, obangezogen, vorangeregt, vorangedeutet, vorentworfen, eröstert, erdeutet, vorersagt, besagt, hierobig, erst erwähnt, oft berührt u. s. f. üblich sind. 4) Nachdenken, überlegen; wo doch im Hochdeutschen denken üblicher ist. 5) Hoffen. Gedenken sie mit ihrer Braut eine zufriedene Ehe zu führen? Gell. Wir gedenken alle alt zu werden, Sir. 8, 7. 6) Vorhaben, Willens seyn. Ich gedenke eine Reise zu thun. Wo gedenken sie hin? Ihr gedachts böse mit mir zu machen, 1 Mos. 50, 20. Sie gedachten mich zu erwürgen, Richt. 20, 5; und so in andern Stellen mehr, wo es in dieser Bedeutung auch einige Mahl mit den Vorwörtern über und wider vorkommt. 7) Einem etwas gedenken, den Beleidiger die Folgen des Andenkens an eine Beleidigung empfinden lassen, sich dafür künftig an ihm rächen. Ich will es ihm schon noch gedenken. Ich gedenke es dir gewiß. In welchem Verstande das einfache denken nicht gebraucht wird.

Anm. Schon bey dem Ottfried githenkan. S. das einfache Denken. Statt der im Oberdeutschen üblichen Zusammensetzungen, Gedenkmahl, Gedenkpfennig, Gedenkspruch, Gedenkzeichen, Gedenkzettel u. s. f. sind im Hochdeutschen die einfachern Denkmahl, Denkpfennig u. s. f. gewöhnlicher.


Gedeyen (W3) [Adelung]


Gedeyen, S. Gedeihen.


Gedicht (W3) [Adelung]


Das Gedicht, des -es, plur. die -e, Diminut das Gedichtchen, von dem Zeitworte dichten, doch von dessen vier Bedeutungen im Hochdeutschen nur in folgenden zwey Fällen. 1) Eine Erdichtung, ein in der Einbildung zusammen gesetztes Ding, welches man nicht also empfunden hat, ein Mährchen. Diese Erzählung ist ein bloßes Gedicht. S. 2 Dichten 3. 2) Eine vollkommen sinnliche Rede, in den schönen Künsten. Ein Gedicht machen, verfertigen. Schade, daß sie das Gedichtchen nicht vollendet haben. Ein geistliches, weltliches, verliebtes Gedicht u. s. f. Ein Heldengedicht, Hirtengedicht, Trauergedicht u. s. f. Im Dän. Digt, im mittlern Lat. Dictamen. S. 2 Dichten 4. 5).


Gediegen (W3) [Adelung]


Gediegen, adj. et adv. welches eigentlich das Mittelwort des Zeitwortes gedeihen nach einer härtern Aussprache ist, für gediehen. Es bedeutet dicht, derb, besonders im Bergbaue. Gediegenes Gold, gediegenes Silber, gediegenes Zinn u. s. f. welches in reiner Gestalt von der Natur hervor gebracht worden, zum Unterschiede von dem Erze, oder vererzten Metallen, welche mit allerley fremdartigen Theilen vermischt sind; gewachsenes Gold, gewachsenes Silber, weil das Zeitwort deihen und gedeihen ehedem auch für wachsen gebraucht wurde. Böhm. dygnowito. Ein Leuchter von gediegenem Silber, von massivem Silber, der durchaus von Silber ist. Nieders. klamm, Dän. gedien. Bey dem Ottfried bedeutet githiganaz vollkommen.


Gedinge (W3) [Adelung]


1. Das Gedinge, des -s, plur. ut nom. sing. von dem Zeitworte dingen, der Vertrag über den Preis einer Waare oder einer Arbeit. Ein Gedinge über eine Arbeit machen, einem eine Arbeit im Ganzen verdingen, zum Unterschiede des Tagelohnes. Der Arbeitslohn im Gedinge, zum Unterschiede des Tagelohnes. Wegen des Hufschlages mit dem Schmid ein Gedinge machen, ihm denselben auf ein ganzes Jahr verdingen. Im Bergbaue bedeutet dieses Wort besonders einen Vertrag auf Gewinn und Verlust, und die auf solche Art verdungene Arbeit. Sein Gedinge redlich auffahren, die verdungene Arbeit redlich verrichten. Sein Gedinge abgeben, sie vollenden.

Anm. Ehedem bedeutete dieses Wort noch: 1) Einen jeden Vertrag, er sey von welcher Art er wolle; bey dem Notker Gedinge, bey welchem auch dingan einen Vertrag machen, sich vergleichen bedeutet. 2) Eine Bedingung, in welchem Verstande es noch zuweilen im Oberdeutschen vorkommt. 3) Eine gedungene oder gemiethete Sache, in welcher Bedeutung es Apost. Gesch. 28, 30, von einer gemietheten Wohnung gebraucht wird. Paulus blieb zwey Jahr in seinem eigenen Gedinge. 4) Gehalt, Renten. Ein jährliches Gedinge, Leibrenten, im Oberdeutschen. S. Leibgedinge. 5) Die Hoffnung, in welchem Sinne der Giding, Keding, gidingan, hoffen, bey den ältern Oberdeutschen Schriftstellern häufig sind. 6) Eine Anwartschaft, Expectanz, bey dem Besold. 7) Das Gericht, die Gerichtsstelle, die Gerichtbarkeit. S. Ding und Dingen. Das e am Ende ist das e euphonicum, ohne welches das g wider die Aussprache wie ein gelindes k lauten würde.


Gedinge (W3) [Adelung]


2. Das Gedinge, des -s, plur. car. ein wiederhohltes oder anhaltendes Dingen oder Handeln, im verächtlichen Verstande. Ist das nicht ein Gedinge.


Gedingearbeit (W3) [Adelung]


Die Gedingearbeit, oder Gedingarbeit, plur. die -en, eine im Ganzen verdungene Arbeit, besonders im Bergbaue.


Gedingebuch (W3) [Adelung]


Das Gedingebuch, des -es, plur. die -bücher, ein Rechnungsbuch über die Gedingearbeit, im Bergbaue.


Gedingegeld (W3) [Adelung]


Das Gedingegeld, des -es, plur. von mehrern Summen, die -er, der verglichene Lohn für eine verdungene Arbeit, besonders im Bergbaue.


Gedingegezäh (W3) [Adelung]


Das Gedingegezäh, des -es, plur. die -e, das Werkzeug eines Gedingehäuers, im Bergbaue. S. Gezäh.


Gedingehäuer (W3) [Adelung]


Der Gedingehäuer, oder Gedingehäuer, des -s, plur. ut nom. sing. im Bergbaue, ein Bergmann, der auf Gedinge, d. i. mit dem Geschwornen auf Gewinn und Verlust arbeitet, zum Unterschiede von einem Lohnhäuer.


Gedingestufe (W3) [Adelung]


Die Gedingestufe, plur. die -n, im Bergbaue, ein Zeichen, welches von dem Geschwornen bey der Verdingung in das Gestein gehauen wird. S. Stufe.


Gedoppelt (W3) [Adelung]


Gedoppelt, adj. et adv. welches mit dem einfachen doppelt einerley Bedeutung hat. Ein gedoppelter Faden. Gedoppelt gestraft werden. Gedoppelten Lohn bekommen. Aber gedoppelt glücklich ist, der sein Glück mit einer Gattinn theilt, Geßn. Seit du der Segen meiner Hütte bist, seitdem ist mir alles mit gedoppelter Anmuth geschmückt, ebend.


Gedränge (W3) [Adelung]


Gedränge, in den breitern Mundarten gedrange, -r, -ste, adj. et adv. gedrängt, nahe an einander oder an andere Körper gedrückt. Wir sitzen sehr gedränge, enge an einander. Der Stämpel muß sehr gedränge in die Pumpe gehen. Dann lehret ihn die Noth schmal und gedrangeliegen, Günth. Nieders. drange, klamm. Im Oberdeutschen auch für enge. Ein gedranger Ort, eine gedrange Stube. S. Drängen.


Gedränge (W3) [Adelung]


Das Gedränge, des -s, plur. inus. 1. Ein mehrmahliges oder anhaltendes Drängen. Es war ein außerordentliches Gedränge. 2. Ein Haufe mehrerer Menschen oder Thiere, welche einander drängen. 1) Eigentlich. In das Gedränge kommen, gerathen, in einen solchen Haufen gerathen. Sich aus dem Gedränge machen. Es wurden verschiedene Menschen in dem Gedränge verwundet. 2) Figürlich. (a) Dem Gedränge der Stadt entweichen. Edle Seelen entdecken einander mitten in dem Gedränge der Welt, Gell. (b) Es ist nicht viel Gedränge nach der Waare, sie wird nicht begierig gesucht. (c) Noth, Verlegenheit. In das Gedränge kommen, gerathen. Im Gedränge stecken.

Anm. Bey dem Ottfried Githrengi, bey dem Notker Gedrange, bey dem Stryker Gedranc, im Nieders. Drang, im Engl. Throng. S. Drang und Drängen.


Gedritt (W3) [Adelung]


Gedritt, adj. aus drey Einheiten oder Theilen bestehend. Eine gedritte Zahl. Ein Gedrittes. Der gedritte Schein, in der Astrologie, derjenige Gestirnstand, wenn die Planeten 120 Grade von einander entfernt sind, welcher Stand durch ein Dreyeck - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - bezeichnet wird; Trigonum oder Trinum. Ein Gedrittes haben, im Picket, drey Blätter von einer Farbe. S. Gefünft, Gesechst, Geviert.


Geduld (W3) [Adelung]


Die Geduld, plur. car. von dem Zeitworte dulden. 1) Das Beharren, das Verbleiben an einem Orte. Er hat an keinem Orte lange Geduld. Einen kleinen Augenblick Geduld! d. i. ein wenig gewartet! Von der veralteten Bedeutung des Zeitwortes dulden, da es warten, verharren bedeutete, bey dem Ottfried gidualen, im Schwed. tola; S. Gedulden 1. 2) Die tugendhafte Mäßigung seiner Traurigkeit oder seines Unwillens in unangenehmen Empfindungen, besonders in einem hohen Grade derselben. Etwas mit Geduld ertragen. Man muß Geduld haben. Eines Geduld prüfen. Die Geduld verlieren. Die Gelassenheit wird in großen und langwierigen Übeln zur Geduld, Gell. 3) Die Liebe gegen andere, in so fern sie Fehler zu Gute hält, und deren Bestrafung aufschiebet; die Langmuth. Geduld mit einem haben, Nachsicht gegen ihn gebrauchen. Haben sie Geduld mit einem armen unerfahrnen Mädchen. Eines Geduld mißbrauchen. Etliche Tage mit seinem Schuldner Geduld haben. 4) Der Schutz vor der Witterung, im gemeinen Leben einiger Gegenden. Ein Baum stehet in der Geduld, wenn er an einem Orte stehet, wo ihn die Winde nicht treffen. Dieß Zimmer liegt in der Geduld, wenn es vor Wind und Wetter gedeckt ist.

Anm. Dieses Wort lautet bey dem Kero Kidult, bey dem Notker Gedult, im Angels. Gethyld, Kidhult und Tholemotnesse, im Dän. Gedult. Ehedem war auch das einfache Dult sehr üblich, welches bey dem Ulphilas Thaulaini, und bey dem Ottfried Thulti lautet. Es stammt von dulden her, welches das Intensivum von dem veralteten dolen ist. S. Dulden. Die dieses Wort mit einem harten t, Gedult schreiben, folgen der härtern Oberdeutschen Mundart, welche auch das Zeitwort dulten oder tulten schreibt und spricht.


Gedulden (W3) [Adelung]


Gedulden, verb. reg. reciproc. Geduld haben, in den drey ersten Bedeutungen des Hauptwortes. 1) Mit Gelassenheit an einem Orte verharren. Gedulden sie sich doch noch einen Augenblick hier. Ingleichen mit Gelassenheit warten. Nun, nun, gedulden sie sich immer, es wird am längsten gewähret haben. Gedulden sie sich nur bis um vier Uhr. 2) Widerwärtigkeit, Schmerzen mit Mäßigung ertragen. Gedulden sie sich; es wird noch alles gut werden. 3) Nachsicht gegen die Fehler anderer haben, doch nur von der Nachsicht, welche man gegen einen säumigen Schuldner hat, im gemeinen Leben. Ich habe mich schon zu lange geduldet.

Anm. Bey dem Kero kedulten, bey dem Ottfried gidualen wo es aber auch für das einfache dulden gebraucht wurde. Noch jetzt sagt man im Oberdeutschen, alles gedulden, für dulden, leiden.


Geduldhahn (W3) [Adelung]


Der Geduldhahn, des -es, plur. die -hähne, im Hildesheimischen, ein Hahn oder Huhn, welches von Eheleuten, welche keine Kinder zeugen, dem Pfarrer jährlich gegeben werden muß, damit er wegen des Abganges an den Taufgebühren mit ihrer Schwachheit Geduld habe.


Geduldig (W3) [Adelung]


Geduldig, -er, -ste, adj. et adv. Geduld habend, in der Geduld gegründet; in den drey ersten Bedeutungen des Hauptwortes. Die Predigt geduldig auswarten. Alle Schmerzen geduldig ertragen. Bey allem geduldig seyn. Sprichw. Geduldiger Schafe gehen viel in Einen Stall. In der dritten Bedeutung der Nachsicht, wird es am häufigsten nur von Gott gebraucht, besonders in der biblischen Schreibart.

Anm. Im Nieders. duldig, bey dem Ottfried thultig, bey dem Kero dultig und kedultlihho, wovon das veraltete geduldiglich noch einige Mahl in der Deutschen Bibel vorkommt. Im Oberdeutschen ist statt desselben auch gedultsam, dultsam, gedultmüthig, Angels. tholemod, und für Geduld auch Geduldigkeit, Geduldsamkeit, Dultmüthigkeit, Nieders. Leidsamkeit üblich.


Gedunsen (W3) [Adelung]


Gedunsen, S. Dunsen.


Geere (W3) [Adelung]


Die Geere, der Keil, Falte, Wachsscheiben u. s. f. S. Gehre.


Geest (W3) [Adelung]


* Die Geest, plur. inus. in Niedersachsen, besonders in Schleswig und Holstein, hohes oder erhabenes Land, welches daher sandig, trocken und unfruchtbar ist; Geestland, die Heide, im Gegensatze der Marsch oder des Marschlandes.

Anm. Dalin leitet dieses Wort, welches in Ostfrießl. Gaste, in andern Niedersächsischen Gegenden aber Göst, Göse lautet, von dem alten Göya, die Erde, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, her, Popowitsch aber hält die Abstammung für ungewiß. Allein es gehöret wohl ohne Zweifel entweder zu dem Dithmarsischen gose, Schwed. gist, Wallis. gwyste, und Nieders. güst, trocken, unfruchtbar, oder auch zu dem Lat. vastus, und Deutschen wüst; zumahl da im mittlern Lat. auch Gastum so wohl ein unfruchtbares Land, als auch den Brachacker bedeutet. S. Güst. Geestknabbe, ist in Niedersachsen ein Schaf vom hohen Geestlande; ein Heideschaf.


Geestland (W3) [Adelung]


Das Geestland, des -s, plur. die -länder, S. die Geest.


Geestvogtey (W3) [Adelung]


* Die Geestvogtey, plur. die -en, in Schleswig und Holstein, eine Vogtey auf der Geest, im Gegensatze der Marschvogtey.


Gefahr (W3) [Adelung]


Die Gefahr, plur. die -en, die nahe Möglichkeit eines Übels, und dieses mögliche Übel selbst. In Gefahr kommen, gerathen. In Gefahr seyn, sich in Gefahr befinden. Gefahr laufen, in Gefahr seyn oder gerathen. Sich in Gefahr begeben. Jemanden in Gefahr setzen, bringen, stürzen. Der Gefahr entgehen. Die Gefahr abwenden. Es ist Gefahr dabey, die Sache ist mit Gefahr verbunden. Es hat keine Gefahr, es ist keine Gefahr vorhanden. Mit ihm hat es keine Gefahr, er befindet sich in keiner Gefahr. Außer aller Gefahr seyn. Auf deine Gefahr will ich es wagen. Der Mensch hat an seinem Gesichte den wachsamsten Hüther wider die Gefahren des Lebens, Gell. Konntest du anders denn nichts, denn schwarze Gefahren verlangen? Zach. So viel Gefahren, mit denen ihr ihn ringen saht, Raml.

Anm. Statt dieses Wortes ist das einfache Fahr lange Zeit üblich gewesen, und im Nieders. ist noch Vare gewöhnlich. Bey dem Ottfried lautet es Fara, bey den Schwäbischen Dichtern Var, im Schwed. Fara, im Dän. Far, im Engl. Fear, im Holländ. Vaer. Es war ehedem von einem weitern Umfange der Bedeutung, welchen es in den verwandten Sprachen noch hat, und druckte eigentlich die Furcht, figürlich aber auch dasjenige aus, was Furcht erwecket, nehmlich Gefahr, ingleichen Hinterlist im gesellschaftlichen Leben, und die darauf gesetzte Strafe, für welche verschiedene Bedeutungen im Hoch- und Oberdeutschen die Wörter Furcht, Gefahr, Gefährde eingeführet worden; S. dieselben, ingleichen Befahren. Das einfache Fahr kommt noch in der Deutschen Bibel vor, S. Fahr. Das Lat. Periculum gehöret seiner ersten Hälfte nach gleichfalls hierher. So sehr der Plural dieses Wortes, wenn es das mögliche Übel bezeichnet, der Sache selbst und der Sprachähnlichkeit gemäß ist, so hat man doch lange Bedenken getragen, denselben zu gebrauchen, bis er endlich in den neuern Zeiten allgemeiner geworden ist.


Gefährde (W3) [Adelung]


Die Gefährde, plur. die -n, eine im Hochdeutschen größten Theils veraltete Oberdeutsche Form des vorigen Wortes. 1) * Gefahr; in welchem Verstande es im Hochdeutschen nicht mehr gebraucht wird. Wer das nicht wahrnimmt, kommt in Gefehrd seiner Gesundheit, Ryff im Spiegel der Gesundheit. Ein Wucher bringet nicht Gefährde Den Wirthe treiben mit der Erde, Logau. 2) Arglist, vorsetzlicher Betrug im gesellschaftlichen Leben. So kommt Faru und Fara schon bey dem Ottfried vor, und das Nieders. Vare hat noch eben dieselbe Bedeutung. Unfallo redt das mit geferdt, mit Arglist, Theuerd. Kap. 55. Und wer euch antast mit geferde; S. Sachs. In diesem Verstande wird es noch in den Rechten gebraucht. Treulich und ohne Gefährde, ist eine bekannte Clausel in allen Verträgen. Der Eid für die Gefährde, der Eid, daß man in dieser Sache keine wissentliche Ungerechtigkeit begehe, daß man eine gerechte Sache zu haben glaube, Juramentum calumniae, im mittlern Lateine auch Juramentum de Vara, Nieders. der Vareed, Voreed, Schwed. Fared. In beyden Fällen kommt bey dem Opitz und ältern Schriftstellern auch das kürzere Gefähr vor; S. Ungefähr.


Gefahrdeich (W3) [Adelung]


Der Gefahrdeich, des -es, plur. die -e, in den Niedersächsischen Marschländern, ein Deich, vor welchem sich kein Vorland, sondern nur Wasser befindet, der daher der Gefahr mehr ausgesetzt ist als andere.


Gefährden (W3) [Adelung]


Gefährden, verb. reg. act. im gemeinen Leben und den Rechten, in Gefahr stürzen, wie das einfache fährden. Ich bin dabey nicht gefährdet, keiner Gefahr ausgesetzet. Sich selbst gefährden, im Oberd. sich in Gefahr stürzen. Schon bey dem Ottfried bedeutet gifaren schaden. S. Fährden.


Gefahre (W3) [Adelung]


Das Gefahre, plur. car. ein wiederhohltes oder anhaltendes Fahren, im gemeinen Leben. Es ist ein beständiges Gefahre auf der Gasse.


Gefährlich (W3) [Adelung]


Gefährlich, -er, -ste, adj. et adv. Gefahr bringend, mit Gefahr verbunden. Es ist hier sehr gefährlich zu reisen. Gefährlich krank seyn. Eine gefährliche Krankheit. Einen gefährlichen Fall thun. Die Sache ist gefährlich. Aller Aufschub ist gefährlich. Bey diesen gefährlichen Zeiten. Sie machen es auch gar zu gefährlich. In der Deutschen Bibel noch mehrmahls fährlich, S. dieses Wort.

Anm. Im Nieders. värlik, im Dän. farlig, im Schwed. farlich. Schon das Angels. faerolic bedeutete außerordentlich, daher noch der große Haufe gefährlich groß, gefährlich schön, für vorzüglich groß, vorzüglich schön sagt. Im Schwabensp. ist geverlig arglistig, mit Gefährde.


Gefährlichkeit (W3) [Adelung]


Die Gefährlichkeit, plur. die -en. 1) Die Eigenschaft einer Sache, da sie gefährlich ist; ohne Plural. Die Gefährlichkeit eines Anschlages, eines Unternehmens, eines Ortes. 2) Die gefährliche Sache selbst, die Gefahr. Bevorstehende Gefährlichkeiten, 4 Esr. 9, 8. S. Fährlichkeit.


Gefahrlos (W3) [Adelung]


Gefahrlos, -er, -este, adj. et adv. der Gefahr beraubt, mit keiner Gefahr verbunden. So auch die Gefahrlosigkeit.


Gefährt (W3) [Adelung]


Das Gefährt, des -es, plur. die -e, ein nur im gemeinen Leben übliches und von Fahrt und Fährte gebildetes Wort. 1) Ein Fuhrwerk, ein Wagen; in welchem Verstande es besonders am Ober-Rheine gebraucht wird. 2) Die Spur. So gebrauchen die Jäger dieses Wort für Fährte, die Spur des Wildes zu bezeichnen. Im Bergbaue ist das Gefährt die Spur eines Ganges oder einer Erzader, besonders die Kluft zwischen derselben und dem tauben Gesteine. Dem Gange auf das Gefährt kommen.


Gefährte (W3) [Adelung]


Der Gefährte, des -n, plur. die -n, Fämin. die Gefährtinn, plur. die -en, von dem Zeitworte fahren, reisen, eine Person, welche in Gesellschaft einer andern einerley Reise verrichtet, ein Gesellschafter auf der Reise. 1. Eigentlich. Jemanden zum Gefährten haben. Einen zum Gefährten annehmen. Er ist mein Gefährte. 2. Figürlich. 1) Der durch das Band der Freundschaft, durch einerley Umstände des Lebens mit dem andern verbunden ist. So mancher Jüngling - hat an dem Freunde den muthigen und eifrigen Gefährten gefunden, der ihn ohne Umwege zur Wohlfahrt führet, Gell. Es ist seine liebe treue Gefährtinn, Ehegattinn. 2) Ein Ding, welches neben einem andern zugleich da ist, dasselbe begleitet. Die Mittelmäßigkeit ist eine Gefährtinn der Ruhe. Im Bergbaue heißt ein Gang, der neben dem Hauptgange streichet, dessen Gefährte.

Anm. In diesem Verstande kommt schon bey dem Ottfried Gifert, und bey dem Stryker Geverte vor, von Fahrt, die Reise. Samansindo, von Sind, der Weg, bedeutet bey dem Ottfried gleichfalls einen Gefährten, S. Gesinde. Das männliche Geschlecht der Gefährte wird zuweilen auch als ein Commune von einer Gefährtinn gebraucht.


Gefahrzins (W3) [Adelung]


Der Gefahrzins, des -es, plur. die -e, ein Zins, der, wenn er nicht zur bestimmten Zeit abgetragen wird, den Verlust des Zinsgutes nach sich ziehet. S. Fahrzins 1.


Gefäll (W3) [Adelung]


Das Gefäll, des -es, plur. die -e, in der dritten Hauptbedeutung des einfachen Fall, die Höhe zu bezeichnen, um wie viel ein flüssiger Körper fällt, d. i. um wie viel er an einem Orte dem Mittelpuncte näher ist als an dem andern. Der Fluß hat auf hundert Ruthen vier Fuß Gefäll. Das Gefäll finden. Bey den Mühlen bezeichnet es die Höhe des Wasserfalles vor dem Mahlgerinne. Hohe Gefälle erfordern oberschlächtige Mühlen. Im Hüttenbaue ist es der obere Theil des Planherdes. In weiterer Bedeutung ist in der Erdmeßkunst das Gefäll die Höhe, um welche ein jeder gegebener Ort tiefer liegt als ein anderer; welche Höhe vermittelst der Wasserwage gefunden wird. In Niedersachsen sind die Gefälle diejenigen Gegenden, wo die Bienen ihre Nahrung finden, in welchem Verstande es aber vermuthlich für Gefilde stehet. In dem alten Gedichte aus Carln den Großen bey dem Schilter bedeutet Gevelle schon den Fall. S. Fall 3, und Fallen.


Gefälle (W3) [Adelung]


Die Gefälle, sing. inus. dasjenige was von einem Grundstücke fällt, dessen Ertrag, die Einkünfte von demselben, und in engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, die Abgaben, welche man dem Grundherren oder der Obrigkeit von einem Gute oder von einer Sache entrichtet; Herrengefälle. Die Gefälle entrichten. In einigen Oberdeutschen Gegenden ehedem nur Velle. Vor diesem bedeutete es auch eine Erbschaft, die einem andern an- oder zufällt, und war alsdann auch in der einfachen Zahl üblich. S. Angefäll.


Gefallen (W3) [Adelung]


Gefallen, verb. irreg. neutr. ( S. Fallen,) welches das Hülfswort haben erfordert, als gut, den Umständen gemäß empfunden werden, diese Empfindung, welche ein geringerer Grad des Vergnügens ist, erwecken. Es gefällt ihm hier sehr wohl. Der Aufenthalt an diesem Orte gefällt mir sehr. Das will mir nicht gefallen. Das hat mir an ihm nicht gefallen wollen. Diese Aufführung gefallt mir gar nicht von ihnen, Gell. Wer weiß auch, ob ich ihm gefalle, ebend. Der Endzweck der schönen Künste ist, zu gefallen. Wenige Leute haben die Gabe, in einem langen Umgange zu gefallen. Von Person hat sie mir gefallen. Wir nennen alle Gegenstände schön, die der Einbildungskraft oder dem Verstande unmittelbar gefallen, Sulz. Das kleine Mädchen, das zu gefallen sucht, folgt einem natürlichen Triebe, den man nicht genug ausbilden kann. Schön, edel, mild, zu stolz durch Künste zu gefallen, Und doch von Hochmuth fern gefällt der Jüngling allen, Weiße. Sich etwas gefallen lassen, seinen Beyfall dazu geben, sich demselben nicht widersetzen. Ich lasse mir alles gefallen. Ich lasse mir die Wahl meines Mündels sehr wohl gefallen, Gell. Ich bitte, daß sie sich es bey uns gefallen lassen, daß sie mit Beyfall, mit Zufriedenheit bey uns verharren. Also wollen sie sich gefallen lassen und noch ein Jahr bey uns bleiben? Wie es ihnen gefällt, gut dünkt. Kommen sie, wenn es ihnen gefällt. Nun das gefällt mir! ein ironischer Ausdruck einer mit Unwillen begleiteten Verwunderung.

Anm. Bey dem Notker bedeutet kevallen sich schicken, convenire, welches die eigentliche Bedeutung dieses Wortes zu seyn scheinet. Das einfache fallen hatte ehedem mit gefallen einerley Bedeutung, wie unter andern auch aus dem Worte Mißfallen erhellet, und das Dän. falden und Schwed. falla hat selbige noch, daher Ihre es auch zu dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - rechnet. Im Nieders. ist statt dessen auch liken, bey den alten Franken licon und lichan, Engl. to like, ingleichen mönten, üblich.


Gefallen (W3) [Adelung]


Der Gefallen, des -s, plur. inus. 1) Die Empfindung, daß eine Sache gut, den Umständen gemäß ist. Gefallen an etwas haben, oder tragen. Es wird mir ein großer Gefallen geschehen, wenn u. s. f. Thun sie mir zu Gefallen, d. i. thun sie, was mir gefällt und um mir zu gefallen, so wie man auch sagt, mir zu Liebe, mir zur Ehre, mir zum Verdrusse. Einem zu Gefallen, nach Gefallen reden, reden wie es ihm gefällt. Mir zu Gefallen mögen sie es thun oder lassen, d. i. meinetwegen, es geschiehet mir kein Gefallen, sie mögen es thun oder lassen. Mir zu Gefallen mag sie noch länger leben. Ingleichen für Gutdünken. Nach seinem Gefallen handeln. Die biblische Wortfügung seines Gefallens, wie es ihm gefällt, ist im Hochdeutschen ungewöhnlich. 2) Dasjenige, was diese Empfindung erwecket. Einem einen Gefallen thun. Sie werden mir einen großen Gefallen thun wenn u. s. f. Einem einen Gefallen erweisen. In andern Fällen wird es in dieser Bedeutung nicht gebraucht.

Anm. Im Dänischen Gefal. Im Oberdeutschen ist dieses Wort ungewissen Geschlechtes, das Gefallen, in welchem es auch noch mehrmahls in der Deutschen Bibel vorkommt, und alsdann scheinet es unmittelbar der Infinitiv des vorigen Zeitwortes zu seyn. S. Mißfallen.


Gefällig (W3) [Adelung]


1. Gefällig, adj. et adv. von fallen, cadere, was da fällt, doch nur in einigen figürlichen Bedeutungen. Das Geld, die Zinsen sind gefällig, zahlbar, die Zahlungszeit derselben ist vorhanden. S. Fällig. Das Fest ist morgen gefällig, fällt auf den morgenden Tag.


Gefällig (W3) [Adelung]


2. Gefällig, -er, -ste, adj. et adv. von dem Hauptworte Gefallen. 1) Gefallen empfindend, doch nur als ein Nebenwort. Wenn es ihnen gefällig ist, wenn es ihnen gefällt, gut dünket. Ist es ihnen gefällig, mit zu gehen? Wo dieses Wort im gesellschaftlichen Umgange als ein feinerer Ausdruck für wollen gebraucht wird. 2) Gefallen erweckend. Was Gott gefällig ist. Ein Gott gefälliges Opfer. Sich bey jedermann gefällig machen. Einem gefällig werden. So verliert die Raupe ihre berstende Hülle und nimmt die Gestalt eines gefälligen Sommervogels an, Gell. Einen gefälligen Handel treffen, der uns gefällt. 3) Geneigt, andern Gefallen zu erweisen, ihnen zu gefallen. Ein sehr gefälliger junger Mensch. Er ist überaus gefällig. Ich will ihn nicht durch mein gefälliges Stillschweigen in seiner Thorheit bestärken. Sonnenf. Gefällig sucht in meinem Blick Er jeden Wunsch zu spähen, Weiße. In gevelligemo zite heißt bey dem Notker zu bequemer Zeit.


Gefälligkeit (W3) [Adelung]


Die Gefälligkeit, plur. die -en. 1) Die Neigung, sich andern gefällig zu machen, ihnen das möglichste Vergnügen zu erwecken; ohne Plural. Die Demuth tritt mit Gefälligkeit und Leutseligkeit in das gesellschaftliche Leben ein, Gell. 2) Dasjenige, was andern gefällt, besonders gefällige Dienstleistungen, der Gefallen. Einem eine Gefälligkeit erweisen. Er hat mir sehr viele Gefälligkeiten erwiesen.


Gefangen (W3) [Adelung]


Gefangen, adj. et adv. welches eigentlich das Participium des Zeitwortes fangen ist, und am häufigsten von Personen gebraucht wird, die man in seine Gewalt bekommen hat, und in enger Verwahrung hält. Jemanden gefangen nehmen. Ihn gefangen legen, oder setzen, an einem festen Orte genau verwahren. Jemanden gefangen halten, gefangen wegführen. Sich gefangen geben. Gefangene Soldaten, Kriegsgefangene. Er ist mein Gefangener. Einen Gefangenen los geben, los lassen. Im Kriege gefangen werden, oder zum Gefangenen gemacht werden, oder gefangen gemacht werden. Es sind in der letzten Schlacht wenig Gefangene gemacht worden. Figürlich, seine Vernunft gefangen nehmen, in der biblischen Schreibart, sie in den von der Religion ihr vorgeschriebenen Schranken erhalten.

Anm. Im Isidor chifangan, bey dem Notker kefangen, bey dem Stryker ein Gevehen. Im Tatian heißt ein Gefangener Norbendigo. S. Fangen.


Gefangenhüther (W3) [Adelung]


Der Gefangenhüther, des -s, plur. ut nom. sing. der die Gefangenen hüthet, oder bewacht.


Gefangenschaft (W3) [Adelung]


Die Gefangenschaft, plur. inus. der Zustand, da man gefangen ist, oder ein Gefangener ist. Sein Leben in der härtesten Gefangenschaft zubringen. In die Gefangenschaft gerathen. Nieders. Venkenschup, Dän. Fangenskab.


Gefangenwärter (W3) [Adelung]


Der Gefangenwärter, des -s, plur. ut nom. sing. der die Gefangenen wartet, oder sie bedienet.


Gefänglich (W3) [Adelung]


Gefänglich, adj. et adv. gefangen. Einen Verbrecher gefänglich einziehen. Jemanden gefänglich annehmen, als einen Gefangenen. Einen gefänglich halten. Als ein Beywort ist es im Hochdeutschen nur in der R. A. üblich: zur gefänglichen Haft bringen, gefangen setzen.


Gefängniß (W3) [Adelung]


Das Gefängniß, des -sses, plur. die -sse. 1) Der Zustand, da man ein Gefangener ist, die Gefangenschaft. Das Babylonische Gefängniß. In dieser Bedeutung, in welcher es in der Deutschen Bibel mehrmahls vorkommt, ist es noch hin und wieder im Oberdeutschen, nicht aber im Hochdeutschen üblich, außer wenn es eine Strafe bezeichnet. Ein Verbrechen mit ewigem Gefängnisse bestrafen. 2) Der feste Ort, in welchem ein Beklagter in enger Verwahrung gehalten wird. Jemanden in das Gefängniß setzen, führen. Im Gefängnisse sitzen. Aus dem Gefängnisse entfliehen.

Anm. In der ersten Bedeutung lautet es schon im Schwabenspiegel vanknüzze, im Dän. Fängsel, und Fangehuus. Im Oberdeutschen ist es in beyden Bedeutungen weiblichen Geschlechts, welches auch in Luthers Bibel in vielen Stellen aus ältern Oberdeutschen Übersetzungen beybehalten worden, obgleich in andern Stellen auch das ungewisse Geschlecht vorkommt. Es haben einige daraus die Regel machen wollen, daß es in der ersten Bedeutung weiblichen, in der zweyten aber nur ungewissen Geschlechtes sey; eine Regel, die höchst willkürlich, und im Hochdeutschen noch über dieses unnöthig ist, weil es in der Bedeutung der Gefangenschaft wenig mehr gebraucht wird. Siehe -Niß. Übrigens haben die Gefängnisse an verschiedenen Orten besondere Nahmen, welche zum Theil auf besondern Umständen beruhen. Dergleichen sind Frohnfeste, Temnitz (im Böhm. ist Dymnice, Temnost, die Dunkelheit, S. Dämmern,) Gilnitz, Transt, Keuche, Kotter, Gras, Grashaus u. s. f. S. Kerker.


Gefängnißstrafe (W3) [Adelung]


Die Gefängnißstrafe, plur. die -n, das Gefängniß als eine Strafe betrachtet.


Gefäß (W3) [Adelung]


Das Gefäß, des -es, plur. die -e. 1. Von dem Zeitworte fassen, derjenige Theil eines Werkzeuges, womit man dasselbe anfasset; doch am häufigsten nur von diesem Theile eines Degens. Das Gefäß eines Degens, das Degengefäß. Das Gefäß eines Schwertes, Kappieres, Dolches u. s. f. Von andern Werkzeugen sind die Wörter Heft, Griff, Stiel, Handhabe u. s. f. üblich. 2. Von dem Worte Faß, in seiner weitesten Bedeutung, ein jedes hohles Werkzeug, einen anderen Körper in demselben aufzubehalten. 1) Als ein Collectivum, mehrere zu ähnlichem Gebrauche bestimmte Gefäße zu bezeichnen; ohne Plural. Daß die Summa alles Silbers am Gefäß (an den Schüffeln, Schalen und Löffeln) betrug u. s. f. 4 Mos. 7, 85. Gold zu allerley Gefäße eines jeglichen Amtes, 1 Chron. 29, 14. In welcher Gestalt es im Hochdeutschen wenig mehr gebraucht wird. 2) Von einzelnen Werkzeugen dieser Art. Ein Trinkgefäß, Küchengefäß. Braugefäße, welche zum Brauen des Bieres nöthig sind, Kirchengefäße, welche in den Kirchen gebraucht werden, Weingefäße, allerley Fässer zu Aufbehaltung des Weines, Schiffsgefäße, allerley Arten von Fahrzeugen u. s. f. Goldene, silberne, irdene, hölzerne Gefäße. In der Zergliederungskunst sind die Gefäße in den thierischen Körpern Röhren, durch welche eine flüssige Materie beweget wird; dahin die Blutgefäße, Milchgefäße, Wassergefäße u. s. f. gehören. Übrigens ist dieses Wort ein allgemeiner Ausdruck, der eine Menge besonderer Arten unter sich begreift, welche größten Theils auch besondere Nahmen haben. S. Faß und Geschirr.

Anm. Es scheinet, daß dieses Wort ehedem auch ein Schloß bedeutet habe. In einer Österreichischen Urkunde von 1363 in Steyerers Hist. Alberti II. S. 365 geschiehet der vier Gefäß, Gries, Ambras, St. Martinsberg und Stain zur Stöllen, Meldung.


Gefaßt (W3) [Adelung]


Gefaßt, S. Fassen.


Gefecht (W3) [Adelung]


Das Gefecht, des -es, plur. die -e, das Fechten oder Streiten mehrerer mit Waffen gegen einander. Es kam zwischen den Truppen zu einem Gefechte. Sich in ein Gefecht einlassen. Sich zum Gefechte anschicken. Der Feind suchte das Gefecht zu vermeiden. Im Gefechte bleiben. In ein Gefecht gerathen. Ein Seegefecht, Stiergefecht, Hahnengefecht. Man gebraucht dieses Wort so wohl als einen allgemeinen Ausdruck, als auch, und zwar am häufigsten, nur von dem Streite zwischen kleinern Haufen, indem von einem wichtigen Streite zwischen zwey großen Heeren Schlacht und Treffen üblicher sind.

Anm. Schon im Isidor Chifegt. Bey dem Kero kommt das einfache Fehti, und bey dem Ottfried Fehta in eben diesem Verstande vor, wohin auch das Nieders. Fechte, das Engl. Fight, das Schwed. Fegd gehören.


Gefechtflagge (W3) [Adelung]


Die Gefechtflagge, plur. die -n, auf dem Schiffe, eine Flagge, mit welcher das Zeichen zum Gefechte gegeben wird, und welche gemeiniglich roth ist.


Gefege (W3) [Adelung]


Das Gefege, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Ein anhaltendes oder wiederhohltes Fegen, im gemeinen Leben und ohne Plural. 2) Bey den Jägern, die Haut, welche der Hirsch von dem neu gewachsenen Gehörne abfeget, oder abschläget; der Bast. S. Fegen.


Geffer (W3) [Adelung]


Geffer, S. Keffer.


Gefieder (W3) [Adelung]


Das Gefieder, des -s, plur. inus. ein Collectivum von dem Worte Feder. 1) Mehrere Federn. Das Gefieder eines Vogels. Das Gefieder eines Bettes, im Oberdeutschen, welches daselbst auch das Ingefieder genannt wird. Das Gefieder eines Pfeiles. Ingleichen figürlich, das Gefieder oder Ingefieder, die stählernen Federn in einem Schlosse, oder Uhrwerke, gleichfalls nur im Oberdeutschen. 2) Mit Federn versehene Thiere, Vögel, das Geflügel. Er sah um sich das horchende Gefieder, Und selbst die Meisterinn der Lieder, Bock. In welcher letztern Bedeutung thaz Geuidere schon bey dem Stryker, und Geuithere in dem alten Fragmente aus Carln den Großen bey dem Schilter vorkommt.


Gefiedert (W3) [Adelung]


Gefiedert, S. Fiedern.


Gefilde (W3) [Adelung]


Das Gefilde, des -s, plur. ut nom. sing. in der edlen und dichterischen Schreibart der Hochdeutschen, ein ebner, flacher Theil der Erdkugel, von beträchtlicher Größe, wie Feld 1, besonders so fern er zum Ackerbau gebraucht wird. Das Gefilde Moab, 4 Mos. 22, 1. Der Herr machet die Gefilde Zions wie einen Garten des Herrn, Es. 51, 2. Seyd immer gesegnet, Gefilde! Nicht lange mehr wird mein dunkelnder Blick euch durchirren! Geßn. Die Gefilde, wodurch der Esse Gießbach rinnt, Raml. Wo dieses Wort auch zuweilen als ein Collectivum im Singular von mehrern Feldern gebraucht wird.

Anm. Schon bey dem Notker Kefildi, der es einer bergigen Gegend entgegen setzet. S. Feld.


Geflatter (W3) [Adelung]


Das Geflatter, des -s, plur. inus. ein anhaltendes oder wiederhohltes Flattern.


Geflecht (W3) [Adelung]


Das Geflecht, des -es, plur. die -e. 1) Ein geflochtenes Ding, Flechtwerk. Jetzt drückte sie das Geflecht der goldenen Haare zurechte, Geßn. 2) Ein Geschwür auf der Haut, S. Flechte 1. 1.


Gefletz (W3) [Adelung]


Das Gefletz, des -es, plur. die -e, S. Flötz.


Geflicke (W3) [Adelung]


Das Geflicke, des -s, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Flicken, ingleichen, die Verrichtung des Flickens; im gemeinen Leben. Ein elendes Geflicke.


Geflissen (W3) [Adelung]


Geflissen, adj. et adv. welches eigentlich das Mittelwort von dem veralteten Zeitworte fleißen oder gefleißen ist, Fleiß anwendend. Geflissen seyn, sich befleißen oder befleißigen. Denn sie werben Geld, und sind geflissen darauf, Bar. 3, 15. Ich habe mich geflissen, gnädig und sanft zu regieren, St. Esth. 1, 2. Denn auf dein Recht und seinen guten Grund, Verlaß ich mich und bin darnach geflissen, Opitz, Ps. 119. Welche Wortfügung mit dem Vorworte nach doch im Hochdeutschen ungewöhnlich ist. Im Oberdeutschen kommt es auch mit der zweyten Endung des Hauptwortes vor. Der Mann ist seiner Dienste emsig geflissen. Dienstgeflissen, beflissen andern zu dienen.

Anm. S. Fleißen und Befleißen. Gevlizan kommt für befleißigen so wohl in dem Lege Ludov. et Lothar. von 480, als auch bey dem Ottfried vor. Geflissen ist so wie beflissen das Particip. Passivi, und wird mit dem Zeitworte seyn dennoch in thätigem Verstande gebraucht, welches es mit vielen andern Mittelwörtern dieser Art gemein hat. S. Beflissen und Bedient.


Geflissenheit (W3) [Adelung]


Die Geflissenheit, plur. inus. die geflissene, oder mit Fleiß verbundene Bemühung, die Beflissenheit. Er arbeitet mit großer Geflissenheit. Die Übungen des Gewissens müssen mit einer vorsetzlichen Geflissenheit geschehen. S. Beflissenheit.


Geflissentlich (W3) [Adelung]


Geflissentlich, adj. et adv. mit Fleiß, mit Vorsatz. Ein geflissentliches Verbrechen, welches mit Fleiß begangen worden. Ein geflissentlicher Selbstmörder. Er hat es geflissentlich gethan. Das t vor der Endsylbe lich ist das t euphonicum, welches sich auch in ordentlich und vielen andern befindet. S. T.


Geflister (W3) [Adelung]


Das Geflister, des -s, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Flistern. Nieders. Gemuster.


Gefluche (W3) [Adelung]


Das Gefluche, des -s, plur. car. ein anhaltendes oder mehrmahliges Fluchen.


Gefluder (W3) [Adelung]


Das Gefluder, des -s, plur. ut nom. sing. im Berg- und Hüttenbaue, ein breites Gerinne, wodurch das Wasser laufen kann; ein Fluder. S. dieses Wort.


Geflügel (W3) [Adelung]


Das Geflügel, des -s, plur. inus. oder die Geflügel, sing. inus. ein Collectivum, mehrere mit Flügeln versehene Thiere zu bezeichnen, Federvieh, Federwildbret; Flügelwerk, im Oberdeutschen das Geflüg. Geflügel halten, Federvieh. Das Waldgeflügel, Hausgeflügel, Feldgeflügel, Wassergeflügel, Raubgeflügel. Opitz nennet an einem Orte die Engel auf eine sehr seltsame Art, das himmlische Geflügel.


Geflügelt (W3) [Adelung]


Geflügelt, S. Flügeln.


Gefolge (W3) [Adelung]


Das Gefolge, des -s, plur. inus. ein Haufe mehrerer folgender Personen, Franz. Suite, von suivre, folgen. Der König hatte ein großes Gefolge bey sich. Der Kaiser reiset mit einem kleinen Gefolge. Auch figürlich. Das Laster mit allem seinem schädlichen Gefolge, Gell. S. Folgen. Im Oberd. ist ingefolge, oder im Gefolg, für zu Folge sehr häufig, S. 3 Folge 1. 5). Das e am Ende ist das e euphonicum, ohne welches das letzte g wie ein gelindes k lauten müßte.


Gefrage (W3) [Adelung]


Das Gefrage, des -s, plur. inus. ein anhaltendes oder wiederhohltes Fragen. Dem Himmel sey Dank, daß das ewige Gefrage einmahl ein Ende hat.


Gefräß (W3) [Adelung]


+ Das Gefräß, des -es, plur. die -e, ein nur in den niedrigen Mundarten Ober- und Niederdeutschlandes übliches Wort. 1) Die Nahrung, so wohl für Menschen als Thiere, ohne Plural; mit einem andern eben so niedrigen Ausdrucke, der Fraß. 2) Das Maul und dessen Bildung, so wohl bey Menschen als Thieren, die Fresse.


Gefräßig (W3) [Adelung]


Gefräßig, -er, -ste, adj. et adv. unmäßig im Essen, in der harten Sprechart. Der Hecht ist ein sehr gefräßiges Thier. S. Fräßig.


Gefräßigkeit (W3) [Adelung]


Die Gefräßigkeit, plur. inus. die Neigung zum Fressen, oder zum unmäßigen Essen; bey dem Hans Sachs die Fraßheyt. S. Fräßigkeit.


Gefresse (W3) [Adelung]


Das Gefresse, des -s, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Fressen, in den niedrigen Sprecharten. Das Gefresse nimmt auf den Kirmsen kein Ende.


Gefreund (W3) [Adelung]


Gefreund, adj. et adv. in den gemeinen Mundarten, besonders Oberdeutschlandes, befreundet, verwandt. Mit einem gefreund seyn.


Gefreund (W3) [Adelung]


Der Gefreund, des -es, plur. die -e, Fämin. die Gefreundinn, plur. die -en, ein gleichfalls nur in den gemeinen, besonders Oberdeutschen, Mundarten übliches Wort, einen Freund oder eine Freundinn zu bezeichnen, so fern dadurch Verwandte verstanden werden. Meine Brüder, die meine Gefreunde sind, nach dem Fleisch, Röm. 9, 3. Deine Gefreundinn ist schwanger, Luc. 1, 36.


Gefreundet (W3) [Adelung]


Gefreundet, adj. et adv. auch nur in den gemeinen Mundarten, für befreundet, verwandt. Als ihre Nachbarn und Gefreundten hörten u. s. f. Luc. 1, 58. Wir sind gefreundet, wir sind verwandt. Von dem veralteten Zeitworte freunden oder gefreunden.


Gefreyte (W3) [Adelung]


Der Gefreyte, S. 1 Freyen.


Gefrieren (W3) [Adelung]


Gefrieren, verb. reg. neutr. ( S. Frieren,) welches in doppelter Gestalt üblich ist. 1) Mit dem Hülfsworte seyn, durch die Kälte seiner Flüssigkeit beraubt, in Eis verwandelt werden. Das Wasser ist gefroren. Der Wein gefriert nicht leicht. Gefrorner Wein. Das Quecksilber zum Gefrieren bringen. Gefrornes, bey den Conditorn, durch die Kunst in Eis verwandelte Säfte aller Art zur Abkühlung. 2) Mit dem Hülfsworte haben, und als ein Impersonale, zum Gefrieren bringen, in Eis verwandeln. Es gefrieret stark. Es wird diese Nacht nicht gefrieren. Anm. Eigentlich ist dieses Wort das durch das Oberdeutsche ge ohne Noth verlängerte Zeitwort frieren. Gefrieren wird in einigen Oberdeutschen Gegenden auch wirklich in allen Fällen für frieren gebraucht. Einige Neuere haben im Hochdeutschen den Unterschied eingeführet, frieren nur für Frost empfinden, in den übrigen Fällen aber gefrieren zu gebrauchen. Indessen wird dieser Unterschied doch in den Zusammensetzungen abfrieren, ausfrieren u. s. f. noch von niemanden beobachtet. S. Frieren. Im Oberdeutschen ist Gefröre Frost oder Frostwetter.


Gefüge (W3) [Adelung]


Das Gefüge, des -s, plur. inus. 1) * Von Fug, so fern es ehedem die Bequemlichkeit oder das Bedürfniß bedeutete. Sein Gefüge thun, seine Nothdurft verrichten, im Oberdeutschen. 2) Die sämmtlichen an einem Körper befindlichen Fugen, und figürlich auch der innere Bau, die Zusammensetzung eines Körpers, als ein Collectivum, besonders im Bergbaue. Das spathige Gefüge gewisser Eisensteine. Steinkohlen, welche dicht und fest in ihrem Gefüge sind. 3) * Das Schicksal, die Fügung; doch nur im Oberdeutschen, S. Fug und Fuge.


Gefüge (W3) [Adelung]


Gefüge, -r, -ste, adj. et adv. oder gefügig, -er, -ste, was sich leicht fügen, d. i. biegen lässet, im gemeinen Leben. Gefüges oder gefügiges Blech. Im Oberd. auch figürlich, bequem. Ist ieman der das nide Das ist ein so gefuger schade, Den ich - vil gerne lide, Reinmar der Alte. Ingleichen, geschickt, erfahren. Ein gefüger Mann, ein erfahrner Mann, im Heldenbuche. S. Fug. Das Zeitwort sih gifuahan, sich fügen, bequemen, kommt bey den Ottfried vor.


Gefühl (W3) [Adelung]


1. Das Gefühl, des -es, plur. inus. oder die Gefühle, sing. inus. ein nur bey den Jägern übliches Wort, als ein Collectivum, das Rauchwerk, und diejenigen Thiere zu bezeichnen, welche nutzbares Rauchwerk geben. Es hat in dieser Gegend viel Gefühl. Es ist ein von Fell verderbtes Collectivum, eigentlich Gefell.


Gefühl (W3) [Adelung]


2. Das Gefühl, des -es, plur. die -e, von dem Zeitworte fühlen. 1. Das Vermögen zu fühlen, d. i. sich desjenigen bewußt zu seyn, was Veränderungen in unserm Leibe verursacht, wenn körperliche Dinge ihn, oder er sie berühret, oder das Vermögen, sich körperliche Dinge durch Berührung, vermittelst der Nervenwärzchen in der Haut vorzustellen; ohne Plural. 1) Eigentlich. Durch harte Arbeit verlieren die Hände das Gefühl. Grobe Körper haben selten ein feines Gefühl. Die in der Haut vertheilten Nervenwärzchen sind die Werkzeuge des Gefühls. 2) Figürlich, das Vermögen, lebhaft zu empfinden, oder auch überhaupt zu empfinden. Eine harte Seele, welche alles Gefühl des Elendes anderer verloren hat. Das Gefühl des Schönen, des Edlen. Ein feines Gefühl für die Ehre haben. 2. Die durch Berührung der Nervenwärzchen hervor gebrachte Empfindung selbst. 1) Eigentlich. Das habe ich am Gefühle, ich kann es fühlen. Das Gefühl der Schmerzen. In weiterer Bedeutung auch, obwohl nur selten, von einer jeden durch die Sinne gewirkten Empfindung. Erkenntniß muß und kann nur vom Gefühl beginnen, Dusch. 2) Figürlich, eine jede lebhafte Empfindung, und im weiterm Verstande auch eine jede Empfindung. Ein lebendiges Gefühl alles dessen, was gut, recht, wahr, löblich und billig ist, Cram. So bald ein stärkeres Gefühl das Gefühl der Liebe des Vaterlandes schwächt. An der Seite eines rechtschaffenen Freundes fühlen, daß man glücklich ist, und dieses Gefühl mit ihm theilen, welche Anmuth im Glücke! Gell. Der Muth ist ein glückliches Gefühl der gespannten Kräfte seines Körpers. Die Demuth kann nicht ohne Gefühl der Liebe ihres Schöpfers Statt finden, Gell. Das moralische Gefühl, die Empfindung dessen was gut und böse ist. Der Plural ist auch in dieser Bedeutung bisher ungewöhnlich gewesen, ungeachtet die Sache selbst ihn wohl verstattet. Einige Neuere haben ihn daher in den Gang gebracht. Gedanken über den Werth der Gefühle im Christenthum. Kunstvolle aber seelenvolle Melodien, aus welchen schöne Gefühle athmen, Wiel. Im Nieders. nur Föle, Följe.


Gefühllos (W3) [Adelung]


Gefühllos, -er, -este, adj. et adv. des Gefühles beraubt, ohne Gefühl. Ein gefühlloser Mensch. Ein gefühlloses Herz. Gegen die Vortheile der Einsamkeit gefühllos seyn.


Gefühllosigkeit (W3) [Adelung]


Die Gefühllosigkeit, plur. inus. die Eigenschaft, da man gefühllos ist.


Gefühlvoll (W3) [Adelung]


Gefühlvoll, -er, este, adj. et adv. voll Gefühl, d. i. lebhafter Empfindungen. Ein gefühlvolles Herz. Ein gefühlvolles Gedicht.


Gefüllsel (W3) [Adelung]


Das Gefüllsel, S. Füllsel.


Gefünft (W3) [Adelung]


Gefünft, adj. et adv. aus fünf Einheiten oder Theilen bestehend. Die gefünfte Zahl. Ein Gefünftes. S. Gedritt.


Gefürstet (W3) [Adelung]


Gefürstet, S. Fürsten.


Gefüße (W3) [Adelung]


Das Gefüße, plur. inus. oder die Gefüße, sing. inus. bey den Jägern, die langen Riemen, woran die Fallen gehalten werden; das Collectivum von Fuß.


Gegen (W3) [Adelung]


Gegen, ein Vorwort, welches nach dem heutigen Hochdeutschen Gebrauche in allen Fällen die vierte Endung des Nennwortes erfordert, und überhaupt die Richtung eines Zustandes oder einer Bewegung nach einem Dinge bezeichnet, welche allgemeine Bedeutung auch in den besondern und figürlichen zum Grunde lieget. Es bedeutet I. Überhaupt, die Richtung eines Zustandes oder einer Bewegung nach einem Dinge, der Zustand oder die Bewegung sey nun körperlich oder nicht. 1) Die Richtung eines körperlichen Zustandes, die Lage, Stellung. Das Haus liegt gegen Morgen, gegen Abend, es hat Thüren gegen alle vier Welttheile. Ein Berg, der gegen die Wüste stehet, 4 Mos. 21, 26. Einen Altar gegen das Land Canaan bauen, Jos. 22, 11. Sie setzten sich gegen das Grab, Matth. 27, 61. Die anziehende Kraft des Magnetes gegen das Eisen. Im Oberdeutschen in dieser Bedeutung gemeiniglich mit der dritten Endung, welche Luther mehrmahls beybehalten hat. Er saß gegen der Thür des Hauses, Esth. 5, 1. Das Volk liegt gegen mir, 4 Mos. 22, 5. Es stunden drey Männer gegen ihm, 1 Mos. 18, 2. Du sollst deine Hand nicht zuhalten gegen deinem Bruder, 5 Mos. 15, 7; und so in andern Stellen mehr. Vermuthlich stammet von dieser Oberdeutschen Verbindung auch der Hochdeutsche Dativ her, wenn gegen mit dem Vorworte über verbunden wird, wenn nicht die dritte Endung hier mehr von über, als von gegen herrühret. Gegen über (nicht gegenüber,) stehen alsdann hinter dem Rennworte. Er saß mir gegen über. Er wohnt dem Rathhause gegen über. Der Mauer gegen über. Oder gegen tritt vor das Rennwort. Er saß gegen mir über, gegen dem Rathhause über, gegen der Mauer über. So auch mit dem Vorworte zu, wo gegen gleichfalls noch die dritte Endung bekommt, auch wenn das Zeitwort eine Bewegung bezeichnet, und vor dem Rennworte stehet, obgleich diese ganze Art zu reden in der edlen Schreibart unbekannt ist. Gegen der Stadt zu wohnen, nicht gegen die Stadt zu. Richte dein Angesicht gegen dem Südwind zu, Ezech. 20, 46. 2) Die Richtung einer körperlichen Bewegung auf einen Gegenstand oder nach demselben. Sich gegen Morgen, gegen Abend wenden. Die Füße gegen einen kehren. Sich gegen seinen Gönner neigen, vor ihm. Mit dem Lager gegen die Stadt rücken. Sich gegen das Gebirge wenden. Die Hand gegen jemanden ausstrecken. Der Druck des flüssigen Körpers gegen den Boden. Ist der Körper, nach welchem die Bewegung gerichtet ist, ein Ort, und wird dessen eigenthümlicher Nahme beygefüget, so ist im Oberdeutschen das kürzere gen üblich. S. Gen. In eben dieser Mundart erfordert gegen in dieser Bedeutung gleichfalls die dritte Endung. In den dannken sah er hergon Gegen im den tewerlichen Held, Theuerd. Kap. 16. Der pauer im ein zulauff nam Gegen dem edlen Helden dar, Kap. 47. Und so in allen Stellen dieses Buches. Du sollst ausgebreitet werden gegen dem Abend, 1 Moses 28, 14. Eure Garben neigten sich gegen meinen Garben, 1 Mos. 37, 7. Tritt gegen ihm an das Ufer des Wassers, 2 Mos. 7, 15; und so in hundert Stellen mehr. Im Opitz und andern Oberdeutschen Schriftstellern ist diese Wortfügung sehr häufig. 3) Figürlich, die Richtung eines unkörperlichen Zustandes, einer unkörperlichen Handlung auf einen Gegenstand und nach demselben; wo dieses Vorwort sehr häufig gebraucht wird, es mag nun die Handlung oder der Zustand dem Gegenstande angenehm seyn oder nicht. Liebe, Achtung, Ehrfurcht gegen jemanden haben. Die Liebe Gottes gegen die Menschen. Er ist freundschaftlich, feindselig gegen mich gesinnt. Sich liebreich, freygebig, geitzig, mißtrauisch gegen seine Freunde erweisen. Gegen alle Ermahnungen taub seyn. Dankbar, undankbar gegen seinen Wohlthäter seyn. Die Pflichten gegen andere ausüben. Meine ganze Seele zerfließt in Mitleiden gegen dich. Sie thut sehr freundlich gegen ihn. Ein Versehen gegen das männliche Geschlecht. Gegen seinen Nächsten auf Rache sinnen. Der Mensch, der nichts gegen seinen Schöpfer fühlt, Gell. Menschen von diesem Schlage scheinet die Abneigung gegen die Gesellschaft der Menschen eine Thorheit zu seyn, Zimmerm. Er that sehr vertraut gegen mich. Der Ungehorsam gegen die Ältern. Der Ekel gegen die Weisheit und Tugend, Gell. Solche Reden gegen eine Mutter zu führen? Seine Miene sagt mehr als nöthig ist, den Verdacht gegen ihre Tugend zu bestärken, Gell. Gleichgültig gegen etwas seyn. Drohungen gegen einen ausstoßen. Lassen sie sich nichts gegen sie merken, Gell. In dem Menschenfreunde lebt ein gütiges Verlangen, das in seiner Art gegen andre zu seyn, was Gott gegen alle ist, ebend. Der Ekel, den junge Leute gegen das Leben haben, ebend. Gott hat ein unwandelbares Mißfallen gegen das Laster, ebend. Im Oberdeutschen auch hier mit der dritten Endung. Das Angesicht Labans war nicht gegen ihm, wie gestern, 1 Mos. 31, 2. Du sollst dein Herz nicht verhärten gegen deinem armen Bruder, 5 Mos. 15, 7. Du sollst dich nicht also halten gegen dem Herrn, Kap. 18, 14. Ihr Herren thut auch dasselbige gegen ihnen, Ephes. 6, 9; und so in andern Stellen mehr. Sie hetten sich gegen den Leuten unnachbarlich erzeigt, Bluntschli, ein Zürcher. II. Mit verschiedenen Nebenbegriffen und Bildern. 1) Mit dem Nebenbegriffe des Widerstandes, der Bestreitung desjenigen Dinges, gegen welches die Bewegung gerichtet ist, für wider, so wohl in eigentlichem als figürlichem Verstande. Gegen den Wind segeln. Gegen den Strom schwimmen. Gegen Wind und Wetter bedeckt liegen. Gegen die Wand, gegen die Mauer rennen. Die Hanseestädte behaupteten die Ostsee lange Zeit gegen die Holländer. Was kann er gegen die Gewalt? Ich kann nichts gegen ihn ausrichten. Gegen eines Befehl handeln. Gegen die Regeln seines Ordens sündigen. Die Hitze wird alsdann so heftig, daß kein Mensch gegen dieselbe ausdauern kann, Zimmerm. Dinge die sich gegen unsre Erwartung zutragen. Sich gegen die Obrigkeit auflehnen, empören. Einen Anschlag gegen jemanden haben. Eine Arzeney gegen das Fieber. Sich gegen jemanden wehren. Alles streitet gegen dich. Er hat mit ihm gemeine Sache gegen mich gemacht. Jede böse Lust ist eine Empörung gegen Gott, Herm. Die Weisen des Alterthums wußten nicht, wie sie den Verstand in seiner Überzeugung gegen so viele Anfälle der Sinne und der Leidenschaften unterhalten sollten, Gell. Was können gegen das Ansehen des göttlichen Wortes alle Zweifel ausrichten? ebend. Im Oberdeutschen wiederum mit der dritten Endung. Ob jemand wider den Riß stünde gegen mir, Ezech. 22, 30. Der König gegen Mittag wird sich gegen ihm streuben, Dan. 12, 40. Da zogen gegen ihnen heraus die Schützen, Judith 6, 7. Da Judas das hörte, zog er gegen ihm und that eine Schlacht, 1 Macc. 3, 11; und so in andern Stellen mehr. Einige Sprachlehrer, denen der Reichthum einer Sprache, wenn sie einen und eben denselben Begriff mit zwey Worten ausdrucken kann, ein Ärgerniß ist, haben diese Bedeutung des Wortes gegen verworfen, und dafür wider zu gebrauchen vorgeschrieben. Besonders eifert Gottsched dagegen, aber, wie seine Gewohnheit war, ohne einigen Grund anzuführen. Andere haben Gründe angeführt, welche aber leicht beantwortet werden könnten, wenn der Raum es verstattete, und die kurz vorher angeführten Beyspiele, welchen noch viele aus Luthers Bibel beygefüget werden könnten, eine förmliche Beantwortung nicht unnöthig machten. 2) Der Vertauschung, da eine Sache wegen einer andern, zu deren Ersetzung, Vergeltung u. s. f. gegeben wird, wie das Vorwort für. Die Kriegesgefangenen gegen einander auswechseln. Waare gegen Waare, Geld gegen Waare geben. Ich verkaufe es nicht anders als gegen bare Bezahlung. Seine Freyheit gegen Bürgschaft erhalten. Seine Ehre gegen eine Kleinigkeit auf das Spiel setzen. Ich wette hundert gegen eins. Geld gegen Quittung aufnehmen. Binnen acht Tagen soll das Geld gegen den gesetzten Abzug bezahlet werden, Gell. Auch hier im Oberdeutschen mit der dritten Endung. Eine holdselige Schönheit gegen einem häßlichen Bilde verwechseln, Opitz. 3) Der Vergleichung. Gleichwie ein Tröpflein Wasser gegen das Meer: so geringe sind seine Jahre gegen die Ewigkeit, Sir. 18, 8. So man sie gegen andere Thiere hält, sind sie viel ärger, Weish. 15, 18. Die Kastanienbäume waren nichts gegen seine Zweige, Ezech. 31, 8. Reichthum halte ich für nichts gegen sie, Weish. 7, 8, 9. Eine Sache gegen die andere halten, sie mit der andern vergleichen. Die heißesten Bitten eines Freundes sind zu kalt gegen die Liebkosungen des Liebhabers. Ihr Betragen machte einen seltsamen Contrast gegen ihre Kleidung. Gegen uns bist du noch glücklich. Sempronii Vermögen ist eine Kleinigkeit gegen Caji Reichthum. Andere Leute gegen sich verachten. Der schmerzlichste Tod, was ist gegen ein Leben ohne dich? Weiße. Der nächste Grund dieser Figur liegt darin, daß gegen ehedem auch für neben gebraucht wurde, welche Bedeutung im Hochdeutschen größten Theils veraltet ist. Er stellete sich gegen mir oder mich. Luther hat auch in dieser Bedeutung mehrmahls die Oberdeutsche Wortfügung mit der dritten Endung beybehalten. Ich muß gering geachtet seyn, gegen ihr, 1 Mos. 16, 5. Gegen wem messet ihr euch? Es. 46, 5. Sie sollen klein seyn gegen andern Königreichen, Ezech. 29, 15. So wäre es doch nichts gegen deiner Wohlthat, Tob. 9, 2. Haltet ihre Schönheit gegen meiner Tugend, Opitz. Daß gegen ihnen Schnee zu gleichen sey der Tinten, ebend. 4) Der Nähe oder Annäherung, nicht weit von einem Orte oder von einem Zeitpuncte. Gegen das Ende des Blattes, des Tages. Gegen Abend fing es an zu regnen. Es gehet gegen den Morgen, es wird bald Morgen seyn. Gegen den Herbst, gegen den Frühling u. s. f. Gegen die Messe komme ich wieder. Er ist jetzt gegen (ungefähr) dreyßig Jahr alt. Der Stein liegt gegen das Ende des Ackers. Im Oberdeutschen gleichfalls mit der dritten Endung. Von dem Morgen an bis an den Abend gegen dem andern Tage, 1 Sam. 30, 17. Gegen der Wüsten, gegen dem großen Felde wohnen, Judith 2, 13; Kap. 4, 5. 5) Der Anwesenheit, Gegenwart; eine im Hochdeutschen zum Theil veraltete Bedeutung, welche noch in der Deutschen Bibel mit der dritten Endung vorkommt. Das Volk liegt gegen mir, 4 Mos. 22, 5. Es stunden drey Männer gegen ihm, 1 Mos. 18, 2. Ich kann nicht aufstehen gegen dir, 1 Mos. 31, 35. Wo im Hochdeutschen vor üblicher ist. Doch sagt man noch: Er hat etwas davon gegen mich erwähnt. Laß dich nichts gegen ihn merken. Er rühmte sich gegen ihn, daß u. s. f. Sich gegen seine Vorgesetzten über etwas beschweren. Sein Herz gegen einen Freund ausschütten. Wo außer dem Begriffe der Richtung auch noch der Begriff der Gegenwart herrschet.

Anm. 1. Dieses Vorwort lautet bey dem Kero kagan, der es auch für wegen gebraucht, in der Monseeischen Glosse gagan, bey dem Notker gagen, bey dem Willeram gegen, im Nieders. jegen und tegen, im Angels. agen, ongean, gean, im Holländ. tegen, tegens, im Dän. gien, im Schwed. gen, igen, im Isländ. gegn, wo es überall auch contra, wider, bedeutet. Es stammet vermuthlich von gehen, ehedem nur gan ab, und wurde zuweilen auch in Gen verkürzet, S. Gen.

Anm. 2. Aus dem vorigen erhellet, daß dieses Vorwort im Oberdeutschen in allen seinen Bedeutungen sehr häufig, ja fast jederzeit mit der dritten Endung verbunden wird, ob sich gleich auch einige Beyspiele von der vierten finden. Min minna ingegen dih, Willeram. Im Hochdeutschen ist hingegen zu allen Zeiten die vierte Endung am üblichsten gewesen, vermuthlich auf Veranlassung der Niedersachsen, welche die dritte und vierte Endung in ihrer Mundart nicht alle Mahl unterscheiden. Daher rühret vermuthlich auch die Ungleichheit in Luthers Deutscher Bibel, der, wenn er ältern Oberdeutschen Übersetzungen folgte, die dritte Endung behielt, und wenn er sich selbst überlassen blieb, die vierte setzte. Die ältern Sprachlehrer wußten sich in diese Ungleichheit nicht zu finden, und ersannen allerley Regeln, wenn gegen die dritte Endung, und wenn es die vierte erforderte. Frisch will es, älterer zu geschweigen, in der ersten und dritten figürlichen Bedeutung mit dem Dative, oder wie er sagt, Ablative verbunden wissen, und Aichinger folgt ihm darin, der noch die vierte figürliche Bedeutung hinzu setzt. Doch nunmehr ist es wohl entschieden, daß dieses Vorwort im Hochdeutschen alle Mahl die vierte Endung erfordert; wenigstens gebrauchen es die besten und reinsten Hochdeutschen Schriftsteller, wenn sie mit Kenntniß und Bewußtseyn schreiben, nicht anders. Indessen rühret von dem Oberdeutschen Gebrauche noch der Dativ her, mit welchem entgegen und gegen über allezeit auch im Hochdeutschen verbunden werden.

Anm. 3. Die Wörter, mit welchen gegen zusammen gesetzet wird, sind, außer den Partikeln da, ent, hin und zu, lauter Hauptwörter. Das Vorwort hat darin am häufigsten die streitig gemacht erste figürliche Bedeutung, in vielen Fällen auch die zweyte; in einigen Wörtern stehet es auch für gegen über, und in andern für neben. Im Oberdeutschen verband man es auch mit Zeitwörtern, z. B. kaganhoran, gehorchen, Kero, nach dem Lat. obaudire; kakanlauffan, entgegen laufen, ebend. gagannemman, Notker u. s. f. die aber im Hochdeutschen veraltet sind, ob sie gleich noch im Oberdeutschen zuweilen vorkommen.


Gegenanstalt (W3) [Adelung]


Die Gegenanstalt, plur. die -en, die Anstalt, welche man gegen eines andern Anstalt macht, diese dadurch zu vereiteln. Gegenanstalten machen, vorkehren.


Gegenantwort (W3) [Adelung]


Die Gegenantwort, plur. die -en, die Antwort, welche der Antwort des andern entgegen gesetzt ist; die Replik, Gegenrede.


Gegenbatterie (W3) [Adelung]


Die Gegenbatterie, plur. die -en, in der Artillerie, eine Batterie, deren Geschütz dem feindlichen entgegen gestellet ist.


Gegenbefehl (W3) [Adelung]


Der Gegenbefehl, des -es, plur. die -e, der Befehl, welcher gegen einen andern Befehl gegeben wird, wodurch ein anderer Befehl aufgehoben wird. Gegenbefehl geben.


Gegenbekenntniß (W3) [Adelung]


Das Gegenbekenntniß, des -sses, plur. die -sse, ein Bekenntniß, welches gegen, d. i. zur Entschädigung oder Sicherheit gewisser Gerechtsame ertheilet wird; die Gegenbescheinigung, Reversales.


Gegenbeleidigung (W3) [Adelung]


Die Gegenbeleidigung, plur. die -en, eine Beleidigung, wozu man durch die Beleidigung des andern bewogen wird.


Gegenbericht (W3) [Adelung]


Der Gegenbericht, des -es, plur. die -e, ein Bericht, worin ein vorher gegangener oder anderer Bericht entkräftet wird.


Gegenbescheinigung (W3) [Adelung]


Die Gegenbescheinigung, plur. die -en. 1) S. Gegenbekenntniß. 2) In den Rechten, die Bescheinigung der einen Partey, welche der Bescheinigung der andern entgegen gesetzet ist.


Gegenbeschickung (W3) [Adelung]


Die Gegenbeschickung, plur. die -en, die Beschickung, welche aus Höflichkeit wegen einer vorher erhaltenen Beschickung geschiehet. Der Gesandte hat von den andern Gesandten die Gegenbeschickung erhalten.


Gegenbesuch (W3) [Adelung]


Der Gegenbesuch, des -es, plur. die -e, ein Besuch, der in Ansehung, oder aus Höflichkeit gegen einen von dem andern erhaltenen Besuch abgeleget wird.


Gegenbeweis (W3) [Adelung]


Der Gegenbeweis, des -es, plur. die -e, ein Beweis, der dem Beweise eines andern entgegen gesetzt ist, demselben widerspricht.


Gegenbild (W3) [Adelung]


Das Gegenbild, des -es, plur. die -er. 1) Ein Bild, welches einem andern entgegen gesetzt ist, dessen Gegentheil enthält. Die Vernunft und die Narrheit, zwey allerliebste Gegenbilder! Weiße. 2) Dasjenige Ding, welches durch ein vorher gegangenes Bild ist vorgestellt worden, Antitypus, in Rücksicht auf das Vorbild. Das Heilige, so mit Händen gemacht ist, welches ist ein Gegenbild der Rechtschaffenheit, Ebr. 9, 24.


Gegenblick (W3) [Adelung]


Der Gegenblick, des -es, plur. die -e, derjenige Blick, welcher den Blicken des andern begegnet.


Gegenbuch (W3) [Adelung]


Das Gegenbuch, des -es, plur. die -bücher, das Buch des Gegenschreibers, S. dieses Wort.


Gegenchrist (W3) [Adelung]


Der Gegenchrist, des -en, plur. die -en, ein von einigen versuchter Ausdruck, das Griech. Antichrist auszudrucken, welches andere durch Widerchrist gegeben haben.


Gegen-Compliment (W3) [Adelung]


Das Gegen-Compliment, des -es, plur. die -e, ein Compliment, wodurch das vorher gegangene Compliment eines andern erwiedert wird.


Gegen-Copie (W3) [Adelung]


Die Gegen-Copie, plur. die -n, in der Mahlerey und Zeichnungskunst, eine Copie, in welcher eine andere Copie von hinten nachgezeichnet worden.


Gegend (W3) [Adelung]


Die Gegend, plur. die -en. 1) Ein beträchtlicher Theil der Erdfläche von unbestimmter Größe. Die Gegend um die Stadt. In dieser Gegend halten sich wilde Thiere auf. Das Gut liegt in einer fruchtbaren Gegend. Die Gegend um die Donau. Die Gegend an der See. O, wie reißt das Entzücken mich hin, wenn ich vom hohen Hügel die weit ausgebreitete Gegend übersehe! Geßn. In weiterer Bedeutung oft auch ein jeder Theil eines Raumes. In der vornehmsten Gegend der Stadt wohnen. Das Buch liegt in dieser Gegend, nehmlich des Tisches. 2) In der Astronomie und Geographie, derjenige Punct in der Fläche der Himmelskugel, worin sich die gerade Linie endiget, welche in Gedanken aus dem Auge mit dem Horizonte parallel gezogen wird; die Himmelsgegend, Weltgegend. In diesem Verstande hat man vier Hauptgegenden angenommen, Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht, und 28 Nebengegenden. Aus welcher Gegend kommt der Wind?

Anm. Dieses Wort lautet im Oberdeutschen, wo es im Schwabenspiegel zuerst vorzukommen scheinet, nur Gegne, Gegene, im Nieders. Jegen, und im Dän. Ege, welches letzter zu Ecke zu gehören scheinet. Es stammet von dem Vorworte gegen ab, und bezeichnet eigentlich den Theil der Erdfläche, welcher gegen uns oder einen andern bestimmten Körper, d. i. vor demselben, lieget.


Gegendienst (W3) [Adelung]


Der Gegendienst, des -es, plur. die -e, derjenige Dienst, welcher gegen oder für den von einem andern geleisteten Dienst erwiesen wird.


Gegendruck (W3) [Adelung]


Der Gegendruck, des -es, plur. die -e, derjenige Druck, welcher einem andern Drucke entgegen gesetzet wird. Der Druck und Gegendruck der festen und flüssigen Theile im menschlichen Körper, die Action und Reaction.


Gegenfahrt (W3) [Adelung]


Die Gegenfahrt, plur. die -en, auf der Donau, die Fahrt gegen den Strom von Wien nach Regensburg, zum Unterschiede von der Hinabfahrt; die Gegenfuhre, der Gegentrieb.


Gegenfalls (W3) [Adelung]


Gegenfalls, conjunct. adversat. welche besonders den Oberdeutschen Kanzelleyen geläufig ist, in der edlen Schreibart aber nicht gebraucht wird; für widrige Falls, im Gegentheil, sonst.


Gegenforderung (W3) [Adelung]


Die Gegenforderung, plur. die -en, die Forderung, welche der Forderung eines andern entgegen gesetzet ist.


Gegenfuhre (W3) [Adelung]


Die Gegenfuhre, plur. die -n, S. Gegenfahrt.


Gegenfüßler (W3) [Adelung]


Der Gegenfüßler, des -s, plur. ut nom. sing. in der Geographie, Leute, welche auf der uns entgegengesetzte Hälfte der Erdkugel wohnen, und daher die Füße gegen uns gekehret haben; Antipodes. Bey dem Dapper, und vielleicht richtiger, Gegenfüßer.


Gegengefühl (W3) [Adelung]


Das Gegengefühl, des -es, plur. die -e, dasjenige Gefühl, welches einem andern Gefühle entgegen gesetzet wird. Die Gelassenheit lehret uns dem Gefühle des Mißvergnügens ein größeres Gegengefühl der bessern Freuden entgegen zu setzen.


Gegengeld (W3) [Adelung]


Das Gegengeld, des -es, plur. von mehrern Summen, die -er, S. Gegenvermächtniß.


Gegengeschenk (W3) [Adelung]


Das Gegengeschenk, des -es, plur. die -e, dasjenige Geschenk, welches in Betrachtung des von einem andern uns gemachten Geschenkes ihm gegeben wird; die Gegenverehrung.


Gegengewicht (W3) [Adelung]


Das Gegengewicht, des -es, plur. die -e, dasjenige Gewicht, oder diejenige Last, welche einer andern entgegen gesetzt wird, sie aufzuheben, oder zu vernichten. Einem Körper ein Gegengewicht geben. Ihm das Gegengewicht halten. Dergleichen sind die Gegengewichte an Zugbrücken, Schlagbäumen u. s. f. Ingleichen figürlich. Der Stolz ist ein gutes Gegengewicht wider die verführerische Schmeicheley der Mannspersonen, Sonnenf.


Gegengrund (W3) [Adelung]


Der Gegengrund, des -es, plur. die -gründe, ein Beweis- oder Bewegungsgrund, der andern Gründen entgegen gesetzet ist.


Gegengruß (W3) [Adelung]


Der Gegengruß, des -es, plur. die -grüße, derjenige Gruß, wodurch der Gruß eines andern erwiedert wird.


Gegengunst (W3) [Adelung]


Die Gegengunst, plur. car. diejenige Gunst, wodurch die Gunst eines andern erwiedert wird.


Gegenhall (W3) [Adelung]


Der Gegenhall, des -es, plur. die -e, der von einem festen Körper zurück geworfene Hall oder Schall; der Gegenlaut, Gegenschall, Resonantia. Für das Echo, in welchem Verstande es auch von einigen gebraucht worden, sind Wiederhall und Wiederschall üblicher.


Gegenhalt (W3) [Adelung]


Der Gegenhalt, des -es, plur. die -e, dasjenige, was einem drückenden oder bewegenden Körper widerstehet; der Widerhalt.


Gegenhaltung (W3) [Adelung]


Die Gegenhaltung, plur. inus. die Vergleichung; von dem noch im Oberdeutschen üblichen Worte gegenhalten, für dagegen halten, vergleichen; ein im Hochdeutschen wenig gebräuchliches Wort.


Gegenhändler (W3) [Adelung]


Der Gegenhändler, des -s, plur. ut nom. sing. eine im Oberdeutschen übliche Benennung eines Controleurs, der das Gegenbuch hält. S. Gegenschreiber.


Gegenhieb (W3) [Adelung]


Der Gegenhieb, des -es, plur. die -e, derjenige Hieb, der dem Hiebe eines andern entgegen gesetzet, oder zur Vergeltung eines vorher empfangenen geführet wird.


Gegenkaiser (W3) [Adelung]


Der Gegenkaiser, des -s, plur. ut nom. sing. ein Kaiser, welcher dem rechtmäßigen Kaiser entgegen gesetzet wird.


Gegenklage (W3) [Adelung]


Die Gegenklage, plur. die -n, in den Rechten, diejenige Klage, welche der Beklagte gegen den Kläger vor eben demselben Gerichte, und wegen eben derselben ausgeklagten Sache anstellet; die Widerklage, Reconventions-Klage, ehedem auch die Nachklage, zum Unterschiede von der Vorklage oder Conventions-Klage. Eine Gegenklage anstellen.


Gegenkläger (W3) [Adelung]


Der Gegenkläger, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Gegenklägerinn, plur. die -en, diejenige Person, welche eine Gegenklage anstellet; der Widerkläger.


Gegenlage (W3) [Adelung]


Die Gegenlage, plur. die -n, S. das Gegenvermächtniß.


Gegenlatte (W3) [Adelung]


Die Gegenlatte, plur. die -n, in der Zimmermannskunst, dreyeckige Hölzer zwischen den Sparren eines Daches, die Latten daran zu befestigen.


Gegenlaut (W3) [Adelung]


Der Gegenlaut, des -es, plur. die -e, S. Gegenhall.


Gegenlicht (W3) [Adelung]


Das Gegenlicht, des -es, plur. von mehrern Massen Lichtes dieser Art, die -er, in der Mahlerey, das einer Sache entgegen stehende Licht, welches ihr ein übles Ansehen gibt; Franz. Contre-jour.


Gegenliebe (W3) [Adelung]


Die Gegenliebe, plur. car. diejenige Liebe, wodurch die Liebe eines andern erwiedert wird. Liebe macht Gegenliebe.


Gegenlist (W3) [Adelung]


Die Gegenlist, plur. inus. diejenige List, welche der List eines andern entgegen gesetzet ist.


Gegenmauer (W3) [Adelung]


Die Gegenmauer, plur. die -n, diejenige Mauer, welche gegen oder neben einer andern aufgeführet wird, ihren Druck aufzuhalten, oder sie zu stützen.


Gegenmine (W3) [Adelung]


Die Gegenmine, plur. die -n, in der Belagerungskunst, diejenige Mine, vermittelst welcher man der feindlichen Mine entgegen gehet, sie zu entdecken, und zu zerstören.


Gegenort (W3) [Adelung]


Der Gegenort, des -es, plur. die -örter, im Bergbaue, ein Ort, der einem andern entgegen getrieben wird. S. Ort.


Gegenpapst (W3) [Adelung]


Der Gegenpapst, des -es, plur. die -päpste, ein Papst, der einem andern entgegen gesetzet ist, dergleichen es in den mittlern Zeiten mehrere gegeben hat; Antipapa.


Gegenpart (W3) [Adelung]


Der Gegenpart, des -es, plur. die -e, im gemeinen Leben, derjenige, welcher einem andern entgegen gesetzet ist, das Gegentheil von demjenigen behauptet oder verlanget, was jener behauptet oder verlanget; sein Widerpart, Gegner, Gegenmann. S. Part.


Gegenpartey (W3) [Adelung]


Die Gegenpartey, plur. die -en, diejenige Partey, welche einer andern entgegen gesetzet ist, das Gegentheil der andern behauptet oder verlanget.


Gegenprobe (W3) [Adelung]


Die Gegenprobe, plur. die -n. 1) Im Bergbaue, die Probe eines dritten, um zwischen zwey streitige Proben den Ausspruch zu thun. 2) In den schönen Künsten, die Vorstellung einer Figur, welche von einer andern frisch gedruckten oder gezeichneten ist abgezogen worden; Franz. Contre-epreuve.


Gegenrechnung (W3) [Adelung]


Die Gegenrechnung, plur. die -en. 1) Diejenige Rechnung, welche eines andern entgegen gesetzet ist, oder wodurch die Rechnung eines andern ganz oder zum Theil aufgehoben wird; Ital. Scontro, Riscontro. 2) Eine Rechnung, die Rechnung eines andern darnach zu prüfen; Franz. Controlle.


Gegenrede (W3) [Adelung]


Die Gegenrede, plur. die -n. 1) Eine Rede, welche einer andern entgegen gesetzet ist, oder wegen einer andern vorher gegangenen Rede gehalten wird. 2) In den Rechten, die Einwendung des Beklagten wider die Klage des Klägers; die Gegenantwort, der Gegensatz, die Replik. 3) In weiterer Bedeutung, eine jede Entschuldigung, Ausflucht, Ausnahme, welche der Rede eines andern entgegen gesetzet ist.


Gegensatz (W3) [Adelung]


Der Gegensatz, des -es, plur. die -sätze. 1) Ein Satz oder Vortrag, der das Gegentheil eines andern Satzes in sich fasset, oder demselben entgegen gesetzet ist; das Widerspiel, Gegenspiel, Antithesis. 2) Ein jedes Ding, welches dem andern entgegen gesetzet ist, oder dessen Gegentheil ist; ingleichen der Zustand, da es dem andern entgegen gesetzet ist, ohne Plural. 3) In den Rechten auch so viel als Gegenantwort, oder Gegenrede 2. Der Gegensatz des Beklagten, Replica. Des Klägers anderer Gegensatz, Duplica. 4) In der Redekunst, eine Figur, welche verschieden lautende Nahmen entgegen stehender Begriffe in Einen gemeinschaftlichen Gesichtspunct vereinigt, durch die bemerkte Ähnlichkeit oder Verschiedenheit den Witz zu vergnügen, die Antithese; z. B. was man hat und auch nicht hat. 5) In der Dichtkunst, eine Strophe, welche einer vorher gehenden entgegen gesetzt ist; Antistrophe.


Gegenschall (W3) [Adelung]


Der Gegenschall, des -es, plur. die -e, S. Gegenhall.


Gegenschein (W3) [Adelung]


Der Gegenschein, des -es, plur. die -e. 1) Wie Gegenbescheinigung 1, oder Gegenbekenntniß, S. dasselbe. 2) Zuweilen für Wiederschein. Der Gegenschein des Feuers, repercussio. 3) In der Astrologie, der Stand eines Planeten gegen den andern im Thierkreise, wenn er 180 Grad von demselben entfernet ist; Oppositio.


Gegenschraffirung (W3) [Adelung]


Die Gegenschraffirung, plur. die -en, bey den Holzschneidern, Kupferstechern und Zeichnern, die zweyten oder dritten Züge in einer Zeichnung, oder eben diese Schnitte in Holz und Kupfer, welche die ersten durchschneiden; die Kreuzschraffierung. S. Schraffiren.


Gegenschreiber (W3) [Adelung]


Der Gegenschreiber, des -s, plur. ut nom. sing. bey verschiedenen Cassen, ein vereidigter Schreiber, welcher außer dem ordentlichen Schreiber ein Rechnungsbuch führet, welches das Gegenbuch genannt wird. Er wird mit einem Französischen Worte gemeiniglich Controleur, im Österreichischen aber auch Gegenhändler oder Gegenhandler genannt.


Gegenschuld (W3) [Adelung]


Die Gegenschuld, plur. die -en, diejenige Schuld, welche ein anderer von uns zu fordern hat; die Passivschuld, zum Unterschiede von der Activschuld.


Gegenschwager (W3) [Adelung]


Der Gegenschwager, des -s, plur. die -schwäger, diejenigen Schwäger, von welchen einer des Mannes, der andere der Frauen Vater ist; im Oberd. Gegenschwäher.


Gegenseite (W3) [Adelung]


Die Gegenseite, plur. die -n, die einer andern entgegen stehende Seite eines Dinges. Die Gegenseite einer Münze, welche der Kopfseite entgegen stehet; die Rückseite, der Revers, bey einigen mit einem sehr albernen Ausdrucke die Kehrseite.


Gegenfertig (W3) [Adelung]


Gegenfertig, adj. et adv. 1) Einem andern Dinge entgegen gesetzt; doch nur im Oberdeutschen. Der gegenseitige Theil, der Gegentheil, Gegner. Der gegenseitige Satz, der Gegensatz. 2) Was jedes von zwey Dingen an sich hat, oder von jedem derselben dem andern geschiehet. Gegenseitige Neigung, welche zwey Personen gegen einander haben. Die Freundschaft schließt gegenseitige Neigungen und Dienstleistungen in sich. Das gegenseitige Verhältniß, relatio reciproca. Die Treue der ehelichen Liebe gründet sich auf das gegenseitige Versprechen, Gell. Die wahre Freundschaft setzet allezeit gegenseitige Verdienste voraus, ebend. Sich zu nennen, heißt die gegenseitige Achtung verwahrlosen.


Gegensiegel (W3) [Adelung]


Das Gegensiegel, des -s, plur. ut nom. sing. dasjenige Siegel, welches einem andern Siegel gegen über gesetzet wird; Contrasigillum. S. Rücksiegel.


Gegensonne (W3) [Adelung]


Die Gegensonne, plur. die -n, in der Naturlehre, eine Art der Nebensonnen, wenn der Wiederschein der Sonne ihr gerade gegen über stehet; wenn z. B. die wahre Sonne in Abend stehet, und ihr Wiederschein in Morgen gesehen wird.


Gegenspiel (W3) [Adelung]


Das Gegenspiel, des -es, plur. die -e, ein Wort oder Satz, und in weiterer Bedeutung auch ein jedes Ding, welches dem andern entgegen gesetzet ist, dessen Gegentheil ist oder enthält; das Widerspiel, der Gegensatz, das Gegentheil, S. Spiel.


Gegenspruch (W3) [Adelung]


Der Gegenspruch, des -es, plur. die -sprüche, ein in einigen Oberdeutschen Gegenden für Widerspruch übliches Wort. S. dasselbe.


Gegenstand (W3) [Adelung]


Der Gegenstand, des -es, plur. die -stände. 1) * Dasjenige, was einem andern Dinge entgegen stehet, dasselbe hindert, das Hinderniß; in welcher Bedeutung es im Hochdeutschen veraltet ist. 2) * Der Widerstand, Resistenz; ohne Plural, und nur im Oberdeutschen. 3) * Der Gegensatz, das Gegentheil; eine im Hochdeutschen gleichfalls nicht mehr gangbare Bedeutung, wo dieses Wort, 4) nur noch figürlich, ein Ding bezeichnet, auf welches eine Veränderung gerichtet ist, von welchem man etwas saget oder behauptet, und oft ein jedes Ding außer uns überhaupt. Die natürlichen Dinge sind der Gegenstand der Physik. Der Gegenstand unsers pflichtmäßigen Verhaltens muß sich so weit erstrecken, als sich der Gegenstand unserer Fähigkeiten erstreckt, Baumg. Die Übung der Pflichten ist der Gegenstand der Moral. Wir gewöhnen uns an die Gegenstände, die uns umgeben. Der Einfluß, welchen die Gegenstände der Natur auf unser Glück haben. Unrichtige Meinungen legen den Gegenständen unserer Neigungen einen falschen Wert bey, Gell. Der Gegenstände, die zum äußern Glücke gehören, gibt es eine große Anzahl, ebend. Die größere Bekanntschaft mit den Gegenständen erzeugt eine größere Kenntniß derselben, Sonnenf. Der persönliche Gegenstand, diejenige Person, von welcher etwas gesagt wird, oder auf welche eine Wirkung gerichtet ist.

Anm. In dieser letztern Bedeutung ist es erst in den neuern Zeiten angenommen worden, das Lat. Objectum auszudrucken, welches in einem alten Vocabulario von 1477 durch Wyderschyne gegeben wird. Im Oberdeutschen hingegen, wo die drey ersten Bedeutungen dieses Wortes noch gangbar sind, macht diese vierte Bedeutung oft Dunkelheit und Zweydeutigkeit, worüber sich ehedem schon P. Dornblüth beschwerete, der mit diesen Klagen den Hohn nicht verdiente, womit ihn Gottsched dafür überschüttete. Gegenstand bedeutet in dieser Bedeutung eigentlich ein Ding, welches uns gegen über stehet, und ist freylich besser als Gegenwurf und Vorwurf, welches andere dafür einführen wollen; obgleich das Wort Stand, welches in dieser Bedeutung wider den Sprachgebrauch ein Ding bedeutet, welches stehet, hier eben nicht zum Besten gewählet ist.


Gegenstellung (W3) [Adelung]


Die Gegenstellung, plur. die -en. 1) In einigen Oberdeutschen Gerichten, das Verhör zweyer Personen gegen einander, ihre Aussagen zu vergleichen; die Confrontation. 2) In der Mahlerey bey einigen, die Mannigfaltigkeit einander entgegen gesetzter Farben, Dinge und Stellungen; der Contrast.


Gegenstich (W3) [Adelung]


Der Gegenstich, des -es, plur. die -e, ein Stich, der einem andern entgegen gesetzet ist, von der andern Seite auf ihn geführet wird. Z. B. in Landesvermessungen, bey Gräben u. s. f. ein Stich mit dem Grabscheite in die Erde, welcher mit dem ersten einen Winkel macht, und den Rasen löset.


Gegenstolz (W3) [Adelung]


Der Gegenstolz, des -es, plur. car. der Stolz, welcher dem Stolz eines andern entgegen ist. Der Stolz wird am ersten mit Gegenstolz oder Verachtung bestraft, Gell.


Gegenstoß (W3) [Adelung]


Der Gegenstoß, des -es, plur. die -stöße, derjenige Stoß, welcher einem vorher gegangenen Stoße entgegen gesetzet ist.


Gegenstück (W3) [Adelung]


Das Gegenstück, des -es, plur. die -e, in den schönen Künsten, zwey Figuren von Einer Größe, welche so gestellet sind, als wenn sie sich einander betrachteten; Franz. Compagnon, le Pendant.


Gegentheil (W3) [Adelung]


Der Gegentheil, des -es, plur. die -e, diejenige Person oder diejenigen Personen, deren Behauptung oder Bemühung der unsrigen entgegen gesetzet ist, besonders in den Rechten; der Gegenpart, Gegner.


Gegentheil (W3) [Adelung]


Das Gegentheil, des -es, plur. die -e, ein Ding, welches dem andern entgegen stehet, den Gegensatz desselben enthält. Er thut alle Mahl das Gegentheil von demjenigen, was ich will. Sie zeigt sich unter zwey Gestalten, wovon die eine das Gegentheil der andern ist. Das Gegentheil behaupten. Im Gegentheile.


Gegentheilig (W3) [Adelung]


Gegentheilig, adj. et adv. welches nur im Oberdeutschen üblich ist. Die gegentheilige Hartnäckigkeit, des Gegentheiles. S. der Gegentheil.


Gegentheils (W3) [Adelung]


Gegentheils, adv. im Gegentheile. Die war der Maus gewogen, Ihr waren gegentheils die Vögel ganz verhaßt, Haged. S. das Gegentheil.


Gegentrieb (W3) [Adelung]


Der Gegentrieb, S. Gegenfahrt. Im Gegentriebe fahren, dem Strome entgegen.


Gegentrumm (W3) [Adelung]


Das Gegentrumm, des -es, plur. die -e, im Bergbaue, dasjenige Trumm; oder Stück eines Ganges, welches einem andern Stücke desselben gegen über liegt.


Gegenverehrung (W3) [Adelung]


Die Gegenverehrung, plur. die -en, S. Gegengeschenk.


Gegenverheißung (W3) [Adelung]


Die Gegenverheißung, plur. die -en, S. Gegenversprechen.


Gegenvermächtniß (W3) [Adelung]


Das Gegenvermächtniß, des -sses, plur. die -sse, ein Vermächtniß, oder eine Schenkung, welche der Ehemann oder ein anderer in dessen Nahmen der Ehegattinn wegen ihres Brautschatzes und zu dessen Sicherheit thut; die Widerlage, die Gegensteuer, die Gegenlage, das Gegengeld, Antipherna, im mittlern Lateine Incontrum.


Gegenverpflichtung (W3) [Adelung]


Die Gegenverpflichtung, plur. die -en, diejenige Verpflichtung, welche wegen oder in Ansehung einer andern Verpflichtung geschiehet.


Gegenverschreibung (W3) [Adelung]


Die Gegenverschreibung, plur. die -en, eine Verschreibung, welche wegen der Verschreibung eines andern geschiehet, und die auf solche Art verschiedene Sache.


Gegenversicherung (W3) [Adelung]


Die Gegenversicherung, plur. die -en. 1) Eine Versicherung, welche einer andern entgegen gesetzet ist. 2) Eine Versicherung, welche wegen und in Betrachtung einer vorher gegangenen Handlung gegeben wird; Reversales.


Gegenversprechen (W3) [Adelung]


Das Gegenversprechen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Versprechen, welches wegen das von einem andern uns gethanen Versprechens geleistet wird; die Gegenverheißung, Gegenzusage.


Gegen-Visite (W3) [Adelung]


Die Gegen-Visite, plur. die -n, wie Gegenbesuch.


Gegenwall (W3) [Adelung]


Der Gegenwall, des -es, plur. die -wälle, die äußerste Brustwehre an einer Festung mit einem Gange um den Graben; die Contrescarpe.


Gegenwart (W3) [Adelung]


Die Gegenwart, plur. car. 1) Der Zustand, da man durch seine eigene Substanz ohne moralische Mittelursachen, ja ohne alle Werkzeuge an einem Orte wirken kann, die Anwesenheit. Verspare es bis zu meiner Gegenwart. Er that es in meiner Gegenwart. Seine Gegenwart ist mir verhaßt. Sollte ich ihnen wegen einiger unbedeutenden Worte meine Gegenwart verbiethen? d. i. ihnen verbiethen, sich vor mir sehen zu lassen. Die Gegenwart des Geistes, oder des Gemüthes, die Fertigkeit, sich bey allen Veränderungen seiner selbst bewußt zu seyn, und sich zum Gebrauche der Kräfte seines Geistes im Stande zu befinden, welche einige neuere die Besonnenheit nennen wollen, in der Deutschen Bibel aber Nüchternheit und Wachsamkeit heißt. Er hatte nicht genug Gegenwart des Geistes, um sich geschickt aus der Sache zu ziehen. 2) In weiterer Bedeutung auch zuweilen für Existenz, Daseyn. Die Gegenwart unendlicher Eigenschaften in Gott.

Anm. Schon bey dem Ottfried Geginuuerti, im Nieders. Jagenwardighet, Tegenwardighet. Bey dem Notker ist gagenuuertan sih, sich darstellen, gegenwärtig werden. Von der letzten Hälfte dieses Wortes S. die

Anm. zu Anworten. Gegen scheint hier eine Nähe zu bezeichnen. S. Gegen II. 4, 5. Für Gegenwart gebraucht Kero Antuuarta, Ottfr. aber Nahwist, Naheseyn. Im Angels. ist anduuerdu gegenwärtig.


Gegenwärtig (W3) [Adelung]


Gegenwärtig, adj. et adv. 1: Im Stande, an einem Orte durch seine eigene Substanz unmittelbar wirken zu können. Ich war nicht gegenwärtig, als es geschahe. Die gegenwärtigen Zuschauer. 2. Figürlich. 1) Was mit uns coexistiret, oder mit dem wir coexistiren, indem wir daran denken. Eine Person oder Sache ist uns gegenwärtig, wenn sie abwesend ist, wir uns aber dieselbe lebhaft vorstellen. Die Sache war mir so gegenwärtig, daß ich meine Zunge schlechterdings nicht in meiner Gewalt hatte. Das ist meinem Gedächtnisse noch von meiner Jugend her gegenwärtig. 2) Von der Zeit, was jetzt ist, oder geschiehet, mit uns coexistiret. Die gegenwärtige Zeit, die jetzige. Im gegenwärtigen Jahre. Die gegenwärtige Noth, welche wir jetzt empfinden. Gegenwärtig (jetzt) habe ich es noch nöthig. Sein Bruder befindet sich gegenwärtig nicht hier. Im Oberdeutschen der Zeit, d. i. zu dieser Zeit.

Anm. Bey dem Kero in der ersten eigentlichen Bedeutung antuuurtan und kekakanuuurtan, bey dem Ottfried und Notker geginuertig, bey dem erstern auch in gegini, im Nieders. tegenwardig. Das verlängerte Oberdeutsche Gegenwärtigkeit für Gegenwart ist im Hochdeutschen sehr entbehrlich, ob es gleich mehrmahls in der Deutschen Bibel vorkommt.


Gegenwehr (W3) [Adelung]


Die Gegenwehr, plur. inus. die körperliche Vertheidigung gegen oder wider den Angriff eines andern. Zur Gegenwehr greifen, 3 Macc. 1, 30. Sich zur Gegenwehr stellen, sich vertheidigen. Gegenwehr thun.


Gegenwind (W3) [Adelung]


Der Gegenwind, des -es, plur. die -e, derjenige Wind, welcher einem Schiffe entgegen wehet, folglich dessen Lauf hindert.


Gegenwirkung (W3) [Adelung]


Die Gegenwirkung, plur. die -en, die Wirkung, welche einer andern entgegen gesetzt ist; die Reaction.


Gegenwurf (W3) [Adelung]


* Der Gegenwurf, des -es, plur. die -würfe. 1) S. Gegenstand. 2) Für Einwurf, doch nur im Oberdeutschen.


Gegenzusage (W3) [Adelung]


Die Gegenzusage, plur. die -n, S. Gegenversprechen.


Gegitter (W3) [Adelung]


Das Gegitter, S. Gitter.


Gegler (W3) [Adelung]


Der Gegler, des -s, plur. ut nom. sing. S. Bergfink.


Gegnen (W3) [Adelung]


Gegnen, S. Begegnen.


Gegner (W3) [Adelung]


Der Gegner, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Gegnerinn, plur. die -en, eine Person, welche das Gegentheil von demjenigen will oder behauptet, was wir wollen oder behaupten, welche mit uns in einer oder der andern Sache nicht einerley Meinung ist; der Gegentheil, im gemeinen Leben Gegenmann, Gegenpart. So ist der Opponent der Gegner des Respondenten, derjenige, welcher ein Amt sucht, der Gegner dessen, der um eben dasselbe Amt anhält, derjenige, welcher mit einem andern in einem Rechtshandel verwickelt ist, des letztern Gegner. Wenn man Ursache hat, harte Ausdrücke zu vermeiden, so beleget man auch wohl einen offenbaren Feind mit dem gelindern Nahmen eines Gegners. Im Oberdeutschen hat man auch das Beywort gegnerisch. Die gegnerischen Waffen, die Waffen des Gegentheils oder Feindes.


Gehäbe (W3) [Adelung]


* Gehäbe, -r, -ste, adj. et adv. welches im Hochdeutschen ungewöhnlich ist, aber noch zuweilen im Oberdeutschen vorkommt, von dem Zeitworte haben, so fern es halten bedeutet. Ein Gefäß ist gehäbe, wenn es dicht ist, keine Ritzen hat. Ein gehäbes Faß. Ingleichen für enge, fest, gedränge. Die Garben gehäbe an einander legen. Daher der Gegensatz ungehäbe, was Ritzen hat, locker ist. Für gehäbe hat man im Oberdeutschen auch die Wörter häbig, behäb, behäbig, in eben dem Verstande.


Gehaben (W3) [Adelung]


* Gehaben, verb. irreg. act. ( S. Haben,) welches im Oberdeutschen für das einfache haben gebraucht wurde, im Hochdeutschen aber veraltet ist. 1) Für haben, habere. Solche Werkzeuge muß man im Vorrathe behalten, damit, so deren eins verloren wird, daß man ein anders gehaben möge, Fronsb. 2) Sich betragen; als ein Reciprocum. Gihabet iuih baldo, gehabt, betragt euch tapfer. Kehabe dih comelicho, gehabe dich männlich, Notk. Er gehabt sich übel, stellet sich ungeberdig, geberdet sich übel. Im Niedersächsischen gebraucht man auch das einfache haben in diesem Verstande. Wie hat er sich? wie geberdet, beträgt er sich? 3) Sich befinden, dem Leibe und Gemüthe nach; auch als ein Reciprocum. Ich gehabe mih wol, Reinm. der Alte. Das ich mih wol gehabe als -e, ebend. Ich gräme mich und gehabe mich übel, Jer. 8, 21. Warum weinest du? - Und warum gehabt sich dein Herz so übel? 1 Sam. 1, 8. Gehabt euch wohl! eine veraltete Schlußformel in Briefen, welche noch Apost. Gosch. 15, 29 vorkommt. 4) Für halten. Thara gihabet iuih zua, dazu haltet euch, Ottfr. 5) Für weggehen. Gehabe dih, hebe dich weg, Willeram. In allen diesen Bedeutungen ist es jetzt im Hochdeutschen unbekannt. Im Schwedischen bedeutet Athäswa die Geberde und eine jede Art zu handeln, und hafwa sig sich betragen, wohin auch das Engl. Behaviour gehöret. S. Haben.


Gehacke (W3) [Adelung]


Das Gehacke, des -s, plur. car. 1) Ein mehrmahliges oder anhaltendes Hacken, im gemeinen Leben. 2) Das Hacken, im verächtlichen Verstande.


Gehäge (W3) [Adelung]


Das Gehäge, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Ein eingehägter, d. i. mit einem Hage oder Zaune umschlossener Ort, und besonders ein Bezirk, in welchem das Wildbret gehäget wird, ein Jagdrevier, wo niemand jagen darf. Ein Gehäge anrichten. Ein Fasanengehäge, Hasengehäge u. s. f. Einen Schlag ins Gehäge legen, im Forstwesen, einen Schlag oder Gehau mit Hägewischen abstecken, zum Zeichen, daß er gehäget werden soll. Einem in das Gehäge kommen, oder gehen, figürlich im gemeinen Leben, in dessen Amt greifen; ingleichen sich etwas anmaßen, worauf nur der andere ein Recht zu haben glaubt. Auch ein gehägtes Wasser, d. i. ein Bach, Fluß oder See, wo nicht ein jeder fischen darf, wird ein Gehäge genannt. S. Hag und Hägen. 2) Ein Hag oder Zaun, und in weiterer Bedeutung zuweilen eine jede Einfriedigung. Ein Gehäge um den Berg machen, 2 Mos. 19, 12, 23, wo Michaelis das Wort Gränzzug gebraucht.


Gehägeaufseher (W3) [Adelung]


Der Gehägeaufseher, des -s, plur. ut nom. sing. an einigen Orten, der Aufseher über ein Gehäge der niedern Jagd.


Gehägebereiter (W3) [Adelung]


Der Gehägebereiter, des -s, plur. ut nom. sing. diejenigen Forstbedienten, welche die Gehäge oder Jagdgränzen bereiten; Hägereiter.


Gehalt (W3) [Adelung]


Der Gehalt, des -es, plur. die -e, welches für das einfache Halt im Hochdeutschen üblich ist; besonders in folgenden Fällen. 1) Der körperliche Inhalt, was ein Raum enthalten kann, ohne Plural. Ein Faß von hundert Kannen Gehalt. Ein Haus hat vielen Gehalt, bequemen Raum; im gemeinen Leben auch Gelaß. 2) Dasjenige, was ein Körper von andern Dingen enthält, was ihm von andern Dingen beygemischet ist; auch ohne Plural, außer von mehrern Arten. Den Gehalt oder Halt eines Gesundbrunnen untersuchen, was für mineralische Theile er enthält. Besonders von Erzen und Münzen, von den ihrer Masse beygemischten edlen Metallen. Der Gehalt der Erze. Eine Silbermünze von gutem Gehalte, welche die gehörige Menge Silbers enthält. Silber, welches an Gehalt zwölflöthig ist. Da dieser Gehalt, welcher auch das Korn genannt wird, eigentlich den Werth der Münzen ausmacht, so wird auch das Wort Werth in diesem Verstande gebraucht. 3) Die Besoldung. Ein Kammerdiener, ein Hofmeister, welcher hundert Thaler Gehalt bekommt. Der Gehalt einer obrigkeitlichen Person, eines Schuldieners, eines Geistlichen u. s. f. Es bezeichnet eigentlich die Summe, für welche man jemanden zu seinen Diensten hält oder unterhält, und könnte also eine allgemeine Benennung seyn. Doch gebraucht man Besoldung am häufigsten nur von vornehmen Personen oder öffentlichen Bedienten, Gehalt von geringern, und Lohn von der geringsten Art Bedienten. Einige halten das Wort Gehalt in dieser dritten Bedeutung für ein Neutrum, das Gehalt; vielleicht nur, weil es in einigen Gegenden in diesem Geschlechte üblich ist. Der Hochdeutsche Sprachgebrauch ist so wohl in dem einfachen Halt als auch in dem zusammen gesetzten Gehalt für das männliche.


Gehänge (W3) [Adelung]


Das Gehänge, des -s, plur. ut nom. sing. von dem Zeitworte hängen. 1. Dasjenige, was hänget, in einigen besondern Fällen. 1) Der abhängige Theil eines Berges, ja einer jeden Fläche, besonders im Bergbaue, wo man es auch das Hangende nennet. Wolt sich ab über ein gehenng Lassen, in einer dieffen eng, Theuerd. Kap. 31. 2) Die Kunststangen des Feldgestänges, wenn sie an ein Gelenke hängen, im Bergbaue, als ein Collectivum. 3) Herab hangende Zierathen, besonders in den Zusammensetzungen Ohrengehänge, Halsgehänge u. s. f. 4) Das Eingeweide, im gemeinen Leben einiger Gegenden. Das Gehänge von Schweinen. Als ein Collectivum. 5) Die herab hangenden Ohren der Jagdhunde, welche auch das Geläppe genannt werden, bey den Jägern, gleichfalls als ein Collectivum. 2. Dasjenige, woran etwas hanget. So wird bey den Jägern das Jägerzeug, woran das Hiefhorn hanget, das Gehänge genannt. S. Gehenk, welches in dieser Bedeutung üblicher ist.


Gehäse (W3) [Adelung]


Das Gehäse, des -s, plur. ut nom. sing. welches nur bey den Jägern in den Zusammensetzung Vordergehäse und Hintergehäse üblich ist, wovon jenes den vordern, dieses aber den hintern Theil eines Hasen bedeutet.


Gehässig (W3) [Adelung]


Gehässig, -er, -ste, adj. et adv. 1) Haß habend, bey sich empfindend, für das veraltete hässig. Einem gehässig seyn, ihn hassen. Einem gehässig werden. Sich jemanden gehässig machen, zum Feinde. Gehässig haben sie mein Leben Mit Worten voller Gift umgeben, Opitz Ps. 109. Die längst des Sultans Geitz feind und gehässig waren, Weiße. Gehässiger Weise, feindseliger Weise. 2) In leidendem Verstande, was gehasset wird, verhaßt. Sich bey jemanden gehässig machen. Eine gehässige Sache. Anm. Das einfache hässig kommt noch bey dem Opitz vor: Der Wahrheit hässig seyn. Ehedem lautete dieses Wort auch nur gehaß. Si ist mir aneschuld gehas, Walther von Klingen. Dur das wan si der minne sint gehas, Heinrich von Veldig.


Gehässigkeit (W3) [Adelung]


Die Gehässigkeit, plur. inus. die Eigenschaft, da man einer Person oder Sache gehässig ist, in beyden Bedeutung des Beywortes.


Gehau (W3) [Adelung]


Das Gehau, des -es, plur. die -e, im Forstwesen, derjenige Theil eines Waldes, wo Holz geschlagen oder gehauen wird, ingleichen, wo es geschlagen werden soll, auch, wo es ehedem geschlagen worden. Einen Wald in zehen Gehaue eintheilen. Ein junges Gehau, ein Ort, wo junges Laubholz aufliegen soll. Statt dieses Wortes ist in andern Gegenden auch Hau, Gehauig, Hauung, Hieb, Schlag, Holzschlag, Meiß, Kabel u. s. f. üblich. S. diese Wörter. Im mittlern Lateine heißt ein Gehau Capecia.


Gehäuse (W3) [Adelung]


Das Gehäuse, des -s, plur. ut nom. sing. ein Wort, welches ehedem so wohl für das einfache Haus, als auch collective von mehrern Häusern gebraucht wurde. Jetzt ist es im Hochdeutschen nur figürlich von verschiedenen Arten von Behältnissen üblich, welche gewissen Dingen statt eines Hauses dienen. Das Gehäuse einer Uhr, die äußere Capsel oder Bekleidung derselben. Bey den Uhrmachern führen auch die beyden Platten, welche durch Pfeiler mit einander verbunden sind, und das Räderwerk enthalten, diesen Rahmen. Das Gehäuse oder Kerngehäuse des Kernobstes, das Kern- oder Samenbehältniß desselben, S. Gröbs. Etwas uneigentlicher heißt der massive Theil eines Degengefäßes zwischen dem Stichblatte und Griffe, welcher auch das Kreuz genannt wird, bey den Schwertfegern das Gehäuse. Es begreift die Parierstange nebst dem Bügel in sich.


Gehebe (W3) [Adelung]


Gehebe, S. Gehäbe.


Geheck (W3) [Adelung]


Das Geheck, des -es, plur. die -e, bey den Jägern, ein Nest voll Vögel, so viel Vögel als auf Ein Mahl gehecket oder ausgebrütet werden; eine Hecke, ein Flug. Besonders die Jungen einer wilden Gans oder wilden Ante; ein Zug.


Gehecke (W3) [Adelung]


Das Gehecke, des -s, plur. car. ein mehrmahliges oder anhaltendes Hecken, im gemeinen Leben.


Gehehlen (W3) [Adelung]


* Gehehlen, verb. reg. neutr. et act. welches im Hochdeutschen veraltet ist, und nur noch zuweilen in den Gerichten vorkommt. 1) In etwas gehehlen, in dasselbe einwilligen, seinen Willen, seinen Beyfall dazu geben. 2) Etwas gehehlen, Nachsicht dagegen gebrauchen, es dulden.

Anm. Dieses Wort ist durch eine verderbte Aussprache aus gehellen, oder vielmehr gehällen, entstanden; welches in ältern Oberdeutschen Schriften mehrmahls vorkommt, und auch gehorchen, mit der dritten Endung, bedeutet. Er wolte nicht gehellen ewr. Stym, in einer alten Deutschen Bibel von 1483, 3 Mos. 1, 45. Er wolte nicht gehellen den Worten Jephthä, ebendas. Richt. 2, 28. Wann du gibst die Gihellung ihrer Eyschung, ebendas. 1 Kön. 12, 7. Für Beyfall geben, einstimmen, kommt es bey dem Wurstisen, wo es gehillen lautet, mehrmahls vor; z. B. 1456: sy gehullen in der Meer, sie stimmten der Erzählung bey; und S. 1460: die Schrift gehilt uns. Das einfache helen findet sich in dieser Bedeutung bey dem Mathesius, und Gehäll für Einwilligung bey dem Hedion. Es stammet von Hall, Schall, ab, wie einstimmen von Stimme. In der Monseeischen Glosse ist gihel einstimmig. S. Einhällig. Die falsche Aussprache hat schon ehedem gemacht, daß man es von hehlen, verbergen, abgleitet hat, sonst würde man im mittlern Lateine gehehlen, Nachsicht gegen etwas brauchen, nicht durch concelare übersetzt haben.


Geheim (W3) [Adelung]


Geheim, -er, -ste, adj. et adv. verborgen, unbekannt, was verborgen ist, oder doch verborgen seyn soll; im gemeinen Leben heimlich, im Gegensatze des öffentlichen. Ein geheimer Ort. Eine geheime Treppe. Ein geheimer Gang. Eine geheime Zusammenkunft. Eine geheime Schreibart. Geheime Sünden. Eine geheime Zusammenverschwörung. Etwas vor einem andern geheim halten. Einem seine geheimsten Angelegenheiten entdecken. Suche ihr das Bekenntniß ihres geheimen Grames zu entreißen. Die willige Ergebung in die Rathschlüsse Gottes ohne geheime Ausnahmen, Gell. Die geheime Vereinigung mit Gott, unio mystica, weil sie nur allein aus der nähern Offenbarung erkannt werden kann, ihre eigentliche Art auch selbst unbegreiflich ist. Der geheime Verstand einer Rede, der nicht so wohl durch die Worte, als vielmehr durch die mit den Worten bezeichneten Sachen hervor gebracht, und auch der mittelbare Verstand genannt wird. Im engern Verstande, was nahe um den Fürsten ist, denselben und die innersten Landessachen betrifft. Daher ein geheimer Rath, oder der geheime Rath, die vornehmste Art von Räthen, welche überhaupt das, was zur Erhaltung eines Staates gehöret, besorgen; wenn anders ihre Würde nicht ein bloßer Titel ist. Das geheime Siegel, dessen sich der Fürst in seinen geheimen Ausfertigungen bedienet. Der geheime Staatsrath, geheimer Justizrath, geheimer Kammerrath u. s. f. welche von höherer Würde sind, als die ordentlichen Staatsräthe u. s. f. In geheim, auf eine geheime Art. In geheim mit jemanden sprechen. Ihr Leben ist mir in geheim erzählt worden. In geheim nachforschen. Anm. Es ist nicht ganz richtig, daß geheim nur in gutem Verstande und bloß von wichtigen Dingen, heimlich aber im entgegen gesetzten Verstande gebraucht werde. Heimlich ist mehr im gemeinen Leben, geheim aber vorzüglich in der anständigen und edlen Schreibart üblich. Viele sehen die Benennung geheimer Rath als ein zusammen gesetztes Wort an, und schreiben es Geheimerrath, welches aber unrichtig ist, weil ein Beywort, wenn es mit einem Hauptworte zusammen gezogen wird, alle Mahl eine Sylbe am Ende verlieret; Großmeister, Grobschmid, Jungfrau, Freybeuter, Dickkopf, nicht Großermeister, Groberschmid u. s. f. Wäre es eine wahre Zusammensetzung, so müßte es Geheimrath heißen, wie man Geheimbuch und Geheimschreiber sagt. Mit mehrerm Rechte kann man es, wenn es eine Würde bezeichnet, mit einem großen G schreiben; Geheimer Rath. Das d, welches so gern dem m nachschleicht, geheimd, für geheim, ist im Hochdeutschen veraltet. S. Heimlich.


Geheimbuch (W3) [Adelung]


Das Geheimbuch, des -es, plur. die -bücher, bey den Kaufleuten, ein geheimes Buch, in welches sie ihre geheimsten Angelegenheiten verzeichnen, und es daher gern vor andern verborgen halten.


Geheimniß (W3) [Adelung]


Das Geheimniß, des -sses, plur. die -sse. 1. Der Zustand, da eine Sache geheim ist; ohne Plural. Das Geheimniß höret auf, so bald mehrere um die Sache wissen. 2. Eine geheime, unbekannte Sache; vornehmlich in folgenden Fällen. 1) Ein geheimes, andern unbekanntes Kunststück oder Hülfsmittel. Das Geheimniß Gold zu machen. Ein Geheimniß (geheimes Arzeneymittel) wider das Podagra. 2) Bey den Steinsetzern und Besichtigern der Gränzen werden die unverweslichen Stücke, welche auf eine geheime und nur ihnen bekannte Art unter die Gränzsteine geleget werden, Geheimnisse genannt. 3) Was verschwiegen oder unbekannt ist oder bleiben soll. Ein Geheimniß aus etwas machen. Die Absicht seiner Reise ist noch ein Geheimniß. Ich dächte, ich machte kein Geheimniß aus meiner Liebe, Gell. Du willst Geheimnisse vor mir haben? Jemanden mit in sein Geheimniß ziehen, ihm seine geheime Angelegenheit bekannt machen. Das Geheimniß soll unter uns bleiben, es soll es außer uns niemand erfahren. Der Frevler, sollt' er wohl in mein Geheimniß dringen? Weiße. Ein Geheimniß verrathen, ausplaudern. Auch kleine und nachtheilige Umstände, von welchen, wenn sie bekannt werden sollten, Nachtheil zu befürchten ist. 4) Dinge, deren Daseyn erwiesen und bekannt ist, von denen uns aber die Art und Weise ihres Daseyns unbekannt ist. Das Geheimniß der Dreyeinigkeit. Das Geheimniß der Menschwerdung Christi. Die Verbindung der Seele mit dem Leibe gehöret zu den Geheimnissen der Natur. Welches Leben, auch das niedrigste und dunkelste, hat nicht seine Geheimnisse und Wunder? Gell.

Anm. Im Nieders. nur Heimniß, im Oberdeutschen ehedem Heimlichkeit. So wird in dem 1522 zu Basel gedruckten neuen Testamente Heimlichkeit durch Sacrament gegeben. Ehe noch das Wort Geheimniß allgemein wurde, hatte man andere Wörter, das Griech. und Lat. Mysterium auszudrucken. Notker braucht Tougene, der Übersetzer Isidors Chiruni, der Übersetzer Tatians Giruni, im Angels. Geryne, von raunen.


Geheimnißvoll (W3) [Adelung]


Geheimnißvoll, -er, -ste, adj. et adv. 1) Voll Geheimnisse, unbegreiflich. Die geheimnißvolle Wahrheit von der Dreyeinigkeit Gottes. Die geheimnißvolle Menschwerdung Christi. 2) Das Ansehen habend, als wenn man Geheimnisse, d. i. andern verborgene Dinge wüßte. Er thut sehr geheimnißvoll. Mit sehr geheimnißvollen Mienen Tritt Strephon in Crispinens Haus, Gell.


Geheimschreiber (W3) [Adelung]


Der Geheimschreiber, des -s, plur. ut nom. sing. eine in einigen Oberdeutschen Gegeben übliche Benennung eines Secretärs. In eben diesen Gegenden wird auch eine Kanzelley die Geheimschreiberey, und archivalische Urkunden Geheimschriften genannt.


Geheiß (W3) [Adelung]


Das Geheiß, des -es, plur. inus. ein mündlicher Befehl, im gemeinen Leben und nur mit einigen Vorwörtern. Er hat es ohne mein Geheiß gethan. Auf wessen Geheiß ist das geschehen? Personen, die auf das Geheiß ihrer Herzen das Bündniß der Ehe schlossen.

Anm. Im 14ten Jahrhunderte noch Haiße, im Nieders. Hete. Von dem Zeitworte heißen, w. s. In einigen Gegenden ist es auch männlichen Geschlechtes, der Geheiß.


Gehen (W3) [Adelung]


Gehen, verb. irreg. ich gehe, du gehst, er geht; Imperf. ich ging; Mittelw. gegangen; Imperat. gehe oder geh. Es ist ein Neutrum, welches alle Mahl, den Fall ausgenommen, wenn es ein Reciprocum ist, das Hülfswort seyn erfordert, und überhaupt den Ort verändern bedeutet. I. Von lebendigen Geschöpfen. 1. Eigentlich, den Ort vermittelst der Füße verändern, so wohl überhaupt, als auch zuweilen in der engsten Bedeutung von dem gewöhnlichsten Gange in Schritte, da es denn dem Laufen entgegen gesetzet ist. Langsam, geschwinde, hurtig gehen Krumm, gerade, aufrecht, gebückt gehen. Mit den Füßen einwärts, auswärts gehen. Auf den Zehen, auf den Händen gehen. An einer Krücke gehen. Auf Stelzen gehen. Leise gehen. Das Kind lernt gehen. Das Gehen wird ihm sauer. Rückwärts gehen. Irre gehen, sich im Gehen verirren. Zurück gehen. Hier kommt sie gleich gegangen, Gell. S. Kommen. Es ist hier nicht gut gehen, es geht sich hier nicht gut, d. i. e läßt sich hier nicht gut gehen. Es geht sich hier sehr glatt, oder es ist hier sehr glatt zu gehen. Er hat sich Blasen in die Füße gegangen. Ich habe mich ganz müde gegangen. Welche reciproke Arten des Ausdruckes auch in andern Fällen das Hülfswort haben erfordern. Ich bin des Gehens müde. Etwas im Gehen verrichten, gehend. In tiefen Gedanken gehen. Der Ort, wohin man gehet, oder aus welchem man gehet, wird am häufigsten durch allerley Vorwörter ausgedruckt. An seine Arbeit gehen. An den Berg, bis an das Thor gehen. Auf das Feld, auf das Land, auf das Dorf gehen. Auf das Rathhaus, auf die Post gehen. Seinem Gegner auf den Leib gehen. Auf die Jagd gehen. Auf die Seite gehen. Auf die Hochzeit, auf einem Ball gehen. Auf das Eis gehen. Auf dem Eise gehen. Einem aus dem Wege gehen. Aus dem Hause gehen. Durchs Feuer für einen gehen. Durch das Haus, durch die Thür gehen. Durchs Wasser gehen. Einem entgegen gehen. In die Stadt, in die Schule, in die Kirche, in die Komödie gehen. Mit einem gehen. Nach Hause gehen. Nach Veilchen gehen, hingehen und Veilchen hohlen wollen. Es ging jemand nach Weine, Rost. Über eine Brücke, über das Wasser gehen. Über Land, über Feld gehen. Über einem gehen, ihm zur rechten Hand gehen; auch figürlich, den Vorzug vor einer Person oder Sache haben. Darüber geht nichts. Unter die Leute gehen. Von der Arbeit gehen. Zu einem gehen. Zu Bette, zu Tische, zu Stuhle gehen. Mit zur Leiche, zu Grabe gehen. Zu Gaste gehen. Zu Schiffe gehen. Zur Stadt (in die Stadt) gehen. Zu Markte gehen. Zur Hochzeit, zum Schmause gehen. Von einem Orte zum andern gehen. Zum Gebethe gehen. Ich singe nicht für kleine Knaben Die voller Stolz zur Schule gehn, Less. Die Absicht, warum man gehet, kann in einigen Fällen auch durch den Infinitiv des andern Zeitwortes ausgedrucket werden. Betteln gehen, spazieren gehen, schlafen gehen. Andere Ausdrücke dieser Art sind nur im gemeinen Leben üblich, wie spielen gehen, melken gehen, hausiren gehen, sitzen gehen, sich setzen. Denn Schulzens Hadrian ging klagen, Lichtw. Im Französ. ist diese Wortfügung noch häufiger. Aller boire, manger, dormir, jouer u. s. f. Die Hauptwörter, welche den Raum ausdrucken, welchen man im Gehen zurück leget, und die Zeit wie lange man gehet, stehen in der vierten Endung. Eine Meile gehen. Ich bin schon über tausend Schritte gegangen. Er ist den ganzen Weg mit mir gegangen. Wir sind fast drey Stunden gegangen. Ingleichen diejenigen Hauptwörter, welche die Art und Weise des Ganges näher bestimmen. Den Schritt gehen. Einen starken Schritt gehen. Das Pferd gehet den Trab, den Galopp, den Paß. So wie auch diejenigen, welche den Weg ausdrucken, wohin auch das Wort Gang gehöret. Wir wollen den kürzesten Weg gehen. Einen andern Weg gehen. Wege des Verderbens gehen, Sprichw. 31, 3. Den Weg aller Welt, alles Fleisches gehen, sterben. Der Weg zu uns ist nicht so leicht zu gehen, Gell. Geh deinen Weg, geh fort, Less. Seinen Gang gehen. Den Krebsgang gehen, rückwärts gehen, und figürlich, mißlingen, fehl schlagen. Seine Straße gehen, weggehen. Du streust Rosen und Jesmin Auf die sichern Pfade hin, Die ich gehe, Weiße. Im Oberdeutschen bedient man sich dafür gemeiniglich der zweyten Endung. Thaz er ge sines sindes, Ottfr. seines Weges. Gang thines sindes, ebend. Das Weib ging hin ihres Weges, 1 Sam. 1, 19. Welches auch im gemeinen Leben der Hochdeutschen nicht ungewöhnlich ist. Seines Weges gehen, fortgehen, weggehen. Gehet eurer Wege! Ich gehe meiner Wege, Gell. Gehen sie ihrer Straße, Weiße. Alle in der Bedeutung des Weggehens. Hierher gehören auch verschiedene figürliche Redensarten, wo gehen zwar seine eigentliche Bedeutung behält, der ganze Ausdruck aber doch sinnbildlich ist. Einem an die Hand, oder zur Hand gehen, ihm hülfliche Hand leisten. Er gehet sehr schwer daran, ist sehr schwer dazu zu bewegen. Auf der Grube gehen, bald sterben werden. Auf den Grund gehen, gründlich verfahren. Auf den Hieb, auf den Stoß gehen, hauend, stoßend fechten. Auf Leben und Tod gehen. Darauf ist nicht zu gehen, man kann sich nicht darauf verlassen. Auf Freyers Füßen gehen, im gemeinen Leben, heirathen wollen. Auf bösen Wegen gehen, Böses thun, Böses zu thun im Begriffe seyn. Mit sich zu Rathe gehen, bey sich überlegen. In sich gehen, über böse Handlungen nachdenken, Reue darüber empfinden. In sein Verderben gehen. In der Irre gehen. Nach Brot gehen, Brot zu erwerben suchen. Über einem gehen, den Rang über ihn haben. Einem um das Maul gehen, in der niedrigen Sprechart, ihm schmeicheln. Etwas mit Stillschweigen vorbey gehen, davon schweigen. Der Hirsch geht hoch, bey den Jägern, wenn er völlig verecket und gut von Leibe ist. Und andere mehr. 2. In weiterer Bedeutung, den Ort verändern, ohne die Art und Weise zu bestimmen, sich begeben, reisen; in welchem Verstande das Zeitwort auch in vielen der vorigen Arten des Ausdruckes genommen werden kann. 1) Für reisen. Mit der Post gehen. Nach Leipzig gehen. Zu Fuße gehen, seine Reise zu Fuße verrichten. Zu Felde gehen. Mit Extrapost gehen. Dein Freund ist gestern durch Leipzig gegangen. Zu Wasser gehen. Nach Italien gehen. In das Bad gehen. Einem entgegen gehen, entgegen reisen. 2) Sich begeben. Vor die Obrigkeit, an den Rath, an die Landesregierung gehen, sich mit einer Klage oder Bitte an dieselbe wenden. An den Hof gehen, sich an den Hof begeben. Davon gehen, flüchtig werden. Zu Felde gehen. In den Krieg gehen. In ein Kloster gehen. Auf die Universität gehen. Auf Reisen gehen. Zum Abendmahle gehen. Einem über sein Geld gehen, unbefugt etwas davon nehmen. Einen über sein Geld gehen lassen, ihm den Zutritt dazu verstatten. Einem aus den Augen gehen, sich von ihm entfernen. Einem unter die Augen gehen, ihm vor die Augen kommen. 3. Figürlich. 1) Mit verschiedenen Nebenbegriffen oder Auslassungen. (a) Für hingehen. Geh doch und unterhalte ihn eine kurze Zeit. Ich will gehen, und ihm unsern Vorschlag eröffnen, Gell. (b) Für fortgehen, weggehen, am häufigsten in der vertraulichen Sprechart. Ich höre es wohl, ich soll gehen, Gell. Ich habe es wohl eher gesehen, daß du hast gehen wollen, ebend. Sie ging und sagte, sie wollte uns nicht hören, ebend. Einen Käufer, einen Bettler gehen lassen, unverrichteter Sache. Ich will gehen - - O gehen sie noch nicht. Geht doch, oder geht mit eurem dummen Zeuge, eine im gemeinen Leben übliche Art seinen Unwillen, sein Mißfallen und seinen Zweifel auszudrucken. Gehen sie doch! er hat mir ja nichts gethan. Einen gehen lassen, ihn nicht aufhalten; nach einer noch weitern Figur auch, ihn nicht stören, nicht anrühren, sich nicht mit ihm einlassen. 2) Machen, handeln, verfahren. In einer Sache sehr ordentlich, gründlich, bedachtsam, vorsichtig gehen. Lassen sie mich nur gehen, ich will meine Sachen schon machen, Weiße. Wie weit darf ich in dieser Sache gehen? Ein jeder ging nach seines bösen Herzens Gedanken, Jer. 11, 8; welcher biblische Gebrauch doch sonst nicht üblich ist. 3) In verschiedenen Ausdrücken bezeichnet es auch gewisse Arten des Zustandes. Müßig gehen. Schwanger gehen, schwanger seyn. Er geht mit Unglück schwanger. Aber die biblischen Ausdrücke gefangen gehen, Jer. 20, 6, für gefangen werden, und betrübt gehen, Kap. 14, 3, betrübt seyn, sind ungewöhnlich. Verloren gehen, verloren werden; auch im theologischen Verstande, nach diesem Leben verdammt werden. Einer Sache verlustig gehen, sie verlieren. Besonders die Art und Weise der Kleidung. Nackend gehen, barfuß gehen, mit bloßem Kopfe gehen. Prächtig gekleidet gehen. Sehr oft auch mit Weglassung des Mittelwortes gekleidet. Prächtig, sittsam, zerrissen, zerlumpt gehen. Im Mantel gehen. Er geht in Seide. In langen Kleidern gehen, Marc. 12, 38. Schlecht und recht gehen. Wer sich trägt, wie die Alten gingen, der ist ehrbar und sittsam, Gell. Er kann zwölf Jahre in Einem Kleide gehen. II. Von leblosen Körpern, den Ort vermöge seiner eigenen Schwere, oder vermittelst einer fremden Kraft verändern, sich bewegen, oder beweget werden. 1. Eigentlich. Der Wagen geht schnell, langsam. Es geht ein kalter Wind. Der Wind geht. Die Uhr geht nicht, sie geht zu früh, zu spät, zu langsam, zu geschwinde, sie geht richtig, unrichtig. Die Mühle geht nicht mehr. Zu Grunde gehen, untersinken. Die Thür geht in den Angeln. Der Fluß geht mit Eis, führet Eis mit sich. Der Fluß geht schnell, langsam; er geht um die Stadt, durch die Stadt. Das Wetter geht vorbey. Das Schiff geht sehr schnell. Unter Segel gehen, absegeln. Vor Anker gehen, sich vor Anker legen. Die Räder gehen. Ein Zeiger an der Uhr kann nicht so sachte gehen, Lichtw. Der Weitzen geht zu Lager, wenn er sich legt. Den Strick gehen (fahren) lassen. Es geht Blut darnach. Es gehet von ihm wie Wasser. Das Wasser geht durch die Schuhe. Das Glas vorbey gehen lassen. Der Klingebeutel, der Teller geht herum. Dahin gehören auch verschiedene figürliche ganze Redensarten. Entzwey gehen, zerbrechen. Zu Trümmern gehen. Ja sollte schon die Welt zu tausend Trümmern gehen, Opitz. Das Faß ist aus einander gegangen. Das Korn geht in die Ähren, bekommt Ähren. Das Silber durch das Feuer gehen lassen, es läutern. Es gehet alles durch seine Hände, er bekommt alles in seine Hände; und nach einer weitern Figur, er ordnet alles an, führet die ganze Aufsicht. 2. Figürlich. 1) Für abgehen. Die Post geht noch nicht, sie geht um sechs Uhr. Ingleichen für aufgehen, gähren, besonders von dem Teige. Der Teig ist zu viel gegangen. Den Teig zwey Stunden gehen lassen. 2) In sich enthalten können, dem körperlichen Raume nach. Es gehen zwey Maß in diese Flasche. Es sind über hundert Kannen in dieses Faß gegangen. Es gehen nicht mehr als hundert Karpfen in diesen Teich. Geduldiger Schafe gehen viele in einen Stall. Der Faden gehet nicht durch das Loch. Der Wagen gehet nicht durch das Thor. So viel Holz gehet nicht unter dieses Dach. Ingleichen dem Werthe, dem Maße und dem Gewichte nach. Wie viel Batzen gehen auf einen Thaler? Es gehen zwey und dreyßig Loth auf ein Pfund. 3) Klingen, von musikalischen Instrumenten, im gemeinen Leben. Die Geige geht schon. Die Orgel geht vortrefflich. Die Pfeifen gehen wie Flöten. Aus was für einem Tone geht das Stück? 4) Reichen, sich erstrecken. (a) Eigentlich. Das Kleid gehet ihm bis an die Knie. Das Wasser gehet mir bis an den Hals. Der Weg geht bis an das Thor. Er geht mir kaum bis an die Schulter. Das Dickbein gehet von dem Gesäße bis an das Knie. (b) Nach einer noch weitern Figur auch von unkörperlichen Dingen. Die Sparsamkeit muß nicht bis zur Kargheit gehen. Eine Kaltsinnigkeit, welche bis zum Abscheue gehet. Kann man sich wohl vorstellen, daß die Verblendung so weit gehen sollte? Das gehet zu weit. 5) Von der Richtung, gerichtet seyn. (a) Eigentlich. Die Thüre gehet auf die Gasse. Das Fenster geht in den Garten, auf den Hof. Die Straße geht auf Nürnberg. Die Mauer geht um die Stadt. Der Stich war durch das Herz gegangen. (b) Figürlich. (1) Wo gehet die Reise hin? Seine Meinung ging dahin u. s. f. Es gehet gegen den Morgen, gegen die Nacht. Es gehet auf zwölfe, es ist bald zwölf Uhr. Das Kind gehet jetzt in das vierte Jahr. Es gehet nunmehr in die vierte Woche, das ich ihn nicht gesehen habe. Es gehet auf die letzte, auf die Neige. Es geht mit ihm zum Ende. Ingleichen mit dem Vorworte an und dem Infinitive eines Zeitwortes, im gemeinen Leben. Es gehet an ein Fragen, an ein Spielen, an ein Lärmen u. s. f. es fängt sich ein starkes Gefrage u. s. f. an. S. An II. 1, 1). (2) Auf etwas abzielen, etwas zu seinem Endzwecke haben. Er geht allein auf seinen Nutzen. Seine Liebe geht nur auf die Schönheit des Leibes. Seine Ermahnungen gehen alle auf die Liebe. Ich merke, die Fabel geht auf mich. III. Von unkörperlichen Dingen, Begebenheiten, der Zeit, Abstractis u. s. f. Wo dieses Zeitwort. 1. In sehr vielen figürlichen Arten des Ausdruckes von solchen Dingen gebraucht wird, welchen eigentlich keine körperliche Bewegung zugeschrieben werden kann. Wenn Noth an den Mann gehet, im gemeinen Leben, wenn die Noth es erfordert. Das gehet mir sehr nahe, kränket mich, schmerzet mich. Sein Abschied ging mir sehr nahe. Es geht ze nahe mir ich muos es sagen, Heinrich von der Mure. Eigentlich, an das Herz gehen. Dem ein wib so nahem an sin herze ge, Heinrich von Morunge. Es gehet ihm zu Herzen, er empfindet es lebhaft. Das ging ihm durchs Herz, verursachte ihm die lebhafteste Empfindung. Diese entsetzlichen Dinge gehen mir durch die Seele. Den Schaden über sich gehen lassen, ihn tragen, über sich nehmen. Dieser Aufwand gehet über mein Vermögen. Der Kauf gehet zurück, es wird nichts daraus. Die Sache kann nun nicht mehr zurück gehen. Darüber geht nichts, es wird von nichts übertroffen. Gewalt geht über Recht. Die Arbeit geht ihm frisch von der Hand. Es geht noch so hin, es ist erträglich. Die Heirath geht gewiß nicht vor sich, wird nicht wirklich. Sollte der Kauf noch vor sich gehen? Mein ganzes Vermögen gehet darauf, wird dabey aufgewendet. Viel darauf gehen lassen, viel verthun. Mit der Heirath ist der größte Theil des Tages darauf gegangen, ist damit zugebracht worden. Es gehet sehr über die Zähne, die Zähne leiden dabey. Es gehet sehr über mein Vermögen, über meinen Beutel. Alles Unglück gehet über ihn. Es gehet rechtschaffen über ihn her. Eine Gesundheit herum gehen lassen. Das gehet mir von Herzen. Wenn es ihm nur von Herzen gehet. Sein Alter geht mit der Jahrzahl. Das will ihm nicht in den Kopf gehen, im gemeinen Leben. Es geht die Rede, ein Geschrey, ein Gerücht. Im Schwange gehen, üblich, gebräuchlich seyn. In Erfüllung gehen, erfüllet werden. Es soll dir zu Gute gehen, es soll dir zum Besten angerechnet werden, du sollst es gut behalten. Kein Wort aus seinem Munde gehen lassen, kein Wort sprechen. Die göttliche Vorsehung gehet auch auf einzelne Dinge, erstrecket sich über sie. Und so in tausend andern Fällen mehr. 2. Besonders von dem Fortgange, dem Erfolge der Begebenheiten, größten Theils als ein Impersonale, oder doch in der dritten Person. Gut von Statten gehen. Es wird allen gut gehen. Es wird schon gehen. Es gehet ganz gewiß. Es gehet nicht so, wie man denkt. Es gehet ihm sehr unglücklich mit seinem Sohne. Es ist mir eben so damit gegangen. Wie mans treibt, so gehts. Es geht sehr langsam mit der Sache. Er hat es mir gesagt, wie das alles gehen wird. Wenn es nach mir gehet, so muß er ein Medicus werden, Less. wenn mein Wille erreicht wird. Es soll alles nach seinem Kopfe (nach seinem Willen) gehen. Wenn es nach Verdienste gehen sollte. So geht es, wenn man nicht folgt. Es geht ihm alles nach Wunsche. Es geht der Frau unrichtig, wenn sie mißgebäret. 3. Ingleichen von den Schicksalen des menschlichen Lebens, von der Reihe der Begebenheiten, welche den Menschen und besonders dessen äußern Wohlstand betreffen; gleichfalls in unpersönlicher Gestalt. Wie geht es ihnen? Es geht ihm schlecht, übel, elend. Es kann dir niemahls wohl gehen. Auf daß es dir wohl gehe und du lange lebest auf Erden. Es mag mir gehen wie es will. Anm. Dieses Zeitwort lautet bey dem Kero und Notker kan, bey dem Ottfried gan, bey den heutigen Oberschwaben gon, gan und gaun, im Nieders. gaan, im Angels. gan, im Holländ. gaen, im Engl. to go, im Schwed. ga, im Dän. gaan, im Wendischen jidem, ich gehe, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, im Lat. eo. Das Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, sich erheben, und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, gehen, sind genau damit verwandt. Schon vor Alters war von diesem Worte ein Intensivum, wie es scheint, üblich, welches gangan lautete, bey dem Ulphilas und Ottfried gaggan (sprich gangan,) im Angels. gangan, im Schwed. ganga, von welchem unser gehen das Imperfectum und Mittelwort beybehalten hat. In einigen Oberdeutschen Gegenden lautet auch der Imperativ gang, für gehe, so wie man in andern für ich ging, im Imperf. ich gie saget. Zu diesem alten gangan gehöret auch das noch jetzt im Nieders. übliche wanken für gehen; denn die Hauchlaute und Blaselaute werden sehr oft mit einander verwechselt, und gehen selbst gehöret zu wehen, wegen, und übrigen zahlreichen Wörtern dieses Geschlechtes, welche eine Bewegung überhaupt andeuten. Schon das Franz. je vais, tu vas il va, hat statt des Hauchlautes einen Blaselaut. Im Imperfecto schreibt man es gemei- niglich gieng, welches ein Überbleibsel einer gedehnten Oberdeutschen Mundart ist, welche gi-eng in zwey Sylben spricht, bey dem Kero keanc, bey dem Ottfried giang. Allein da man im Hochdeutschen nur ein geschärftes i hören lässet, so schreibet man es richtiger ging, so wie auch in gibst, gibt, fing, hing, das ie überflüssig, ja der Hochdeutschen Aussprache nach unrichtig ist.


Gehenk (W3) [Adelung]


Das Gehenk, des -es, plur. die -e. 1) Verschiedene Arten von Zierathen, welche angehänget, oder angehenket werden; Nieders. Hängsel. Ein Ohrengehenk, Halsgehenk u. s. f. S. Gehänge. 2) Dasjenige, woran ein anderer Körper gehenket wird; besonders ein Gürtel, in und an welchen der Degen gehenket wird; das Degengehenk. S. dieses Wort und Henken.


Geheuer (W3) [Adelung]


* Geheuer, geheurer, geheuerste, adj. et adv. welches im Hochdeutschen völlig veraltet ist, aber noch in einigen Oberdeutschen Gegenden vorkommt. 1) Für zahm, sanftmüthig, wovon Frisch verschiedene Beyspiele angeführet hat, denen ich noch folgende beyfügen will. Ich sant us der aventure Wilde gedanken in diu lant Do bekam in diu gehiure Die het er dem sinne erkant, Burkhard v. Hohenfels. Darauf ir der edel Held gehewr Weyß und vernünftig antwurt gab, Theuerd. Kap. 106. Ihr muest alzeit unverdrossen sein Und euch understeen der abenthewr Nicht scheuhen, sy sein wild oder ghewr, Kap. 6. 2) Angenehm, anmuthig. Wibes name und wibes lib Diu sint bei du vil gehiure, Walter v. der Vogelweide. 3) Sicher, besonders vor Gespenstern sicher. Es ist hier nicht geheuer, ein im Oberdeutschen bekannter Ausdruck.

Anm. Auch im Isländ. ist hyr zahm, sanft, ruhig. Das Hoch- und Niederdeutsche kirre ist nur durch eine härtere Aussprache des Hauchlautes daraus entstanden. S. auch Ungeheuer.


Geheul (W3) [Adelung]


Das Geheul, des -es, plur. inus. das Heulen, eine heulende Stimme. Das Geheul der Hunde, der Wölfe. Voller Verzweifelung erhob sie ein wildes Geheul. Ingleichen ein anhaltendes, wiederhohltes Heulen, für Geheule, im gemeinen Leben.


Gehirn (W3) [Adelung]


Das Gehirn, des -es, plur. die -e. 1) Eigentlich, dasjenige weiche weiße Wesen in der Höhle der Hirnschale, welches aus zwey Kugeln bestehet, wovon die größere im engern Verstande das Gehirn, die kleinere aber das Gehirnlein oder Hirnlein genannt wird; ohne Plural, außer von mehrern Massen dieser Art. Daher die figürlichen, doch nur im verächtlichen Verstande und im gemeinen Leben üblichen Redensarten: kein Gehirn im Kopfe haben, wenig Verstandeskräfte; ein leeres Gehirn haben, wenig Einsichten, wenig Verstand haben; das kommt nicht aus seinem Gehirne, aus seiner Einsicht, von seiner Erfindung; im Gehirne nicht wohl verwahret seyn, nicht bey gesundem Verstande seyn u. s. f. weil viele das Gehirn für den Sitz und die Werkstätte der Seele halten. Er verlästert alle Sachen Die nicht sein Gehirn gebiert, Can. 2) Figürlich, ein Mensch, eine Person, in Beziehung auf seine Verstandeskräfte; doch nur im Scherze und verächtlichen Verstande. Die wahnsinnigen Gehirne, Luth.

Anm. Im Oberdeutschen lautet dieses Wort nur Hirn, bey dem Stryker Hiern, im Dän. Hierne, Schwed. Hjaerne. Das Ge scheinet eine bloße müßige Verlängerung zu seyn, weil auch das einfache im collectiven Verstande von der ganzen Masse dieses Wesens gebraucht wird. Dieses ist auch im Hochdeutschen nicht ganz fremd, wenigstens bey den Dichtern nicht, und hat in der figürlichen Bedeutung nach dem Muster anderer Neutrorum im Plural auch wohl Hirner. Kluge Hirner, Haller. Manch weises Hirn hast du erheitert, singt Kästner von dem Tobak. In den Zusammensetzungen aber ist Hirn beynahe noch üblicher als Gehirn. Was die Abstammung dieses Wortes betrifft, so hat schon Frisch erkannt, daß es mit den ersten Hälften in den Latein. Wörtern Cerebrum und Cranium, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, überein komme. Bey dem Ulphilas bedeutet Huairn nicht so wohl das Gehirn, als vielmehr die Hirnschale, welche Bedeutung auch das Schwed. Hjaerne, Isländ. Huarn, und Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, hat. Es scheinet daher, daß dieses Wort eigentlich zu Horn, Angels. Hyrn, gehöret, welches ehedem von einem weit größern Umfange der Bedeutung war als jetzt. S. dasselbe. Die Niedersachsen nennen das Gehirn den Brägen, Engl. Brain, Angels. Braegen, Holländ. Bregne, welches eigentlich auch dessen Behältniß, die Hirnschale, bedeutet, und in diesem Verstande mit dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, das Vorderhaupt, überein kommt.


Gehirnbruch (W3) [Adelung]


Der Gehirnbruch, S. Hirnbruch.


Gehirnhaut (W3) [Adelung]


Die Gehirnhaut, S. Hirnhaut.


Gehirnsaft (W3) [Adelung]


Der Gehirnsaft, des -es, plur. die -e, S. Nervensaft.


Gehoft (W3) [Adelung]


Das Gehoft, des -es, plur. die -e, ein vorzüglich im Niedersächsischen übliches Wort, alle zu einem Ackerhofe gehörigen Gebäude zu bezeichnen; ein Hof. Ein Dorf von dreyßig Gehöften. Im mittlern Lat. Hoffata.


Gehöhne (W3) [Adelung]


Das Gehöhne, des -s, plur. inus. ein wiederhohltes oder anhaltendes Höhnen. Als man ihr nach langem Gehöhne Den häßlichsten Ehschatz erkohr, Haged.


Gehölz (W3) [Adelung]


Das Gehölz, des -es, plur. die -e. 1) Eine Sammlung von Holz, d. i. Bäumen, ohne deren Größe zu bestimmen, ein Wald; im gemeinen Leben auch ein Holz, eine Holzung. In manchen Gegenden ist dieses Wort nur von kleinern, in andern aber nur von größern Wäldern üblich. S. Holz. 2) Das an einem Dinge befindliche Holzwerk; im gemeinen Leben und ohne Plural.


Gehör (W3) [Adelung]


Das Gehör, des -es, plur. die -e, von dem Zeitworte hören, den Schall empfinden. 1. Das Vermögen, die Fähigkeit, zu hören, oder den Schall zu empfinden; ohne Plural. Ein gutes, ein scharfes, ein leises Gehör haben. Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Um sein Gehör kommen, das Gehör verlieren. Die Länge und Kürze der Sylben fällt sehr deutlich in das Gehör, wird sehr deutlich empfunden, wo es aber auch die folgende dritte Bedeutung leidet. In engerem Verstande zuweilen auch ein gutes, richtiges Gehör. Wer Stimme und Gehör hat, hat Anlage zum Singen. 2. Der Zustand, da man etwas höret oder anhöret; auch ohne Plural. 1) Eigentlich, doch nur in einigen Fällen. Etwas aus dem Gehöre haben, es gehöret haben, von Hörensagen haben. Das Gehör des göttlichen Wortes, der Predigt, die Anhörung. 2) In weiterer und figürlicher Bedeutung. (a) Einem Gehör geben, ihn anhören. Den Verleumdern kein Gehör geben. Einem das Gehör versagen, ihn nicht anhören wollen. Ich kann kein Gehör bey ihm finden. Der Gesandte wurde zum Gehör gelassen, bekam Gehör, erlangte Gehör, d. i. Audienz. (b) Die Befolgung des Gehörten, die Bestimmung seines Verhaltens nach demselben. Einer Bitte Gehör geben, sie erfüllen. Gib der ver- einigten Stimme der Pflicht und Freundschaft Gehör. 3. Das Werkzeug des Gehöres, die Ohren, in welchem Verstande die Jäger die Ohren der Sauen das Gehör zu nennen pflegen.

Anm. Bey dem Kero und Notker kehoreta, auch noch jetzt in einigen Oberdeutschen Gegenden Gehörde. Die Sidel des gehördes ist gegen dem hindern teyl des Hauptes, Buch der Natur 1483. Im Tatian kommt mit einer andern Ableitungssylbe dafür Gihorness, im Isidor aber Chihlose vor, von losen, hören.


Gehorchen (W3) [Adelung]


Gehorchen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben bekommt, und die dritte Endung der Person erfordert. Einem gehorchen, den Grund seiner Handlungen aus dessen Befehle hernehmen, seine Handlungen nach dessen Befehlen bestimmen. Einem in allen Dingen, in einer Sache gehorchen. Den Gesetzen, der Wahrheit gehorchen. Eben der, der in seiner Jugend nicht gehorchen lernte, wird die Gesetze der Ordnung als Jüngling und Mann unter die Füße treten, Gell. Eines Rath gehorchen. Sprichw. 12, 15, für folgen, ist im Hochdeutschen ungewöhnlich.

Anm. Gehorchen, Nieders. horken, ist das Intensivum des in diesem Verstande veralteten Zeitwortes gehören, welches noch bey den ältern Oberdeutschen Schriftstellern vorkommt. Gihore mir, Ottfr. Bey dem Notker gehorren, im Isidor chihoran, bey dem Kero nur horren. Von dem veralteten losen, hören, Schwed. lyda, kommt bey dem Ottfried auch gilossin für gehorchen vor. S. Hören, welches gleichfalls in diesem Sinne üblich ist, ingleichen Horchen.


Gehören (W3) [Adelung]


Gehören, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, auch eigentlich das durch den müßigen Hauchlaut ge verlängerte Zeitwort hören, den Schall empfinden, ist, und im Oberdeutschen so wohl in diesem Verstande, als auch figürlich für gehorchen vorkommt. Sie gaffen mit aufgesperrtem Maul als wenn sie durch das Maul gehörten, Kaisersb. Daß es auch seine Handlungen nach eines andern Befehlen bestimmen bedeutet habe, ist im vorigen Artikel gezeiget worden. In beyden Fällen ist es im Hochdeutschen veraltet, wo es nur noch, nach einer fortgesetzten Figur der letzten Bedeutung, eines Eigenthum seyn, andeutet, gleichsam seinen Befehlen zu gehören oder zu gehorchen verbunden seyn. I. Eigentlich, wo es so wohl von Personen als Sachen, mit der dritten Endung des Nennwortes gebraucht wird. Wem gehöret dieses Gut? Dieser Degen, dieses Buch, dieses Haus gehöret mir; nicht, wie in einigen Gegenden gewöhnlich ist, gehöret mein. Dieser Garten hat mir ehedem gehöret. S. Angehören und Zugehören. 2. Figürlich. 1) Eines Herrschaft, eines Befehlen, eines Urtheil unterworfen seyn, mit den Vorwörtern unter, in und vor. Als er vernahm, daß er unter Herodis Obrigkeit gehörte, Luc. 23, 7. Unter oder in ein Gericht, in das Amt gehören. Diese Sache gehöret vor einen andern Richter. Man nennet viele Dinge schön, die doch weder für (vor) die Sinne noch für (vor) die Einbildungskraft gehören, Sulz. 2) Ein Theil eines Ganzen seyn, mit dem Vorworte zu. Die zu ihrem Heer gehören, 4 Mos. 2, 9. Zu eines Geschlecht, Familie gehören. Zu einer Gesellschaft gehören. Der Mensch gehöret zu uns, zu unserer Gesellschaft. Der Schlüssel gehört zu meinem Schranke. Der Acker hat ehedem zu meinem Gute gehöret. S. Angehören. So auch, die Art einer Gattung seyn. Die Vergnügungen der Freundschaft gehören zu den süßesten moralischen Empfindungen. Diese zwey Dinge gehören zusammen. 3) Erfordert werden, be- sonders, als eine Ursache zur Hervorbringung einer Wirkung; auch mit dem Vorworte zu. Denn zu rechter Lehre gehöret die Weisheit, Sir. 14, 10. Es gehöret viel Arbeit dazu, 2 Macc. 2, 27. Zur Haushaltung gehöret viel. Dazu gehöret ja gar keine Tugend, einer Person etwas zu gönnen, für welche das Blut in mir spricht, Gell. Gehört die Tugend nicht zur Freundschaft, so sind Straßenräuber rühmliche Freunde, ebend. 4) Recht, Befugniß auf einen gewissen Platz, zu einer gewissen bestimmten Stelle haben, mit verschiedenen Vorwörtern. Diese Figur gehöret auf den Schrank. Das Geschirr gehöret in die Küche, jenes unter die Bank. Solche Speise gehöret für das Vieh. Ein solcher Vortrag gehört auf die Kanzel. Das gehöret nicht zur Sache, nicht hierher. Diese Frage gehöret in die Theologie. In England zu Hause gehören, daher gebürtig seyn. 5) Dem Rechte, der Billigkeit, dem Wohlstande gemäß seyn; als ein reciprokes Impersonale, und nur im gemeinen Leben, für, sich gebühren, geziemen. Es gehöret sich nicht, daß Kinder erwachsenen Personen widersprechen. Wie es sich gehört und gebührt. Das gehört sich, gebührt sich, nicht. Es gehört uns nicht, in die Geheimnisse der Vorsicht zu dringen. Es hätte euch gehöret, uns entgegen zu kommen. 6) Dem Rechte, der Billigkeit nachzukommen. Dem Narren gehöret die Ruthe, Sprichw. 10, 13. Dem Esel gehöret sein Futter, Sir. 33, 25. Den Vollkommnen gehöret starke Speeise Ebr. 5, 14. Die da sind von Israel, welchen gehört die Rindschaft, Röm. 9, 4. Auf Missethat gehört Strafe. Thue was dir gehöret. Dieser Titel, dieser Rang gehört uns nicht. Es gehöret Salz in die Suppe, Pfeffer an die Speise.

Anm. Noch Willeram gebraucht statt dieses Zeitwortes das einfache horen. Das Nieders. hören, Schwed. höra, Isländ. heyra und Angels. hyran, bedeutet so wohl hören, als auch gehören und sich geziemen. Wenn man dasjenige, was zu Anfange dieses Artikels gesagt worden, erwäget, und den figürlichen Bedeutungen, welche nur stufenweise von einander unterschieden sind, nachfolgt, so wird man wohl nicht in Versuchung gerathen, gehören, so fern es decere, convenire und pertinere bedeutet, mit Ihre von einem andern Stamme, und zwar von dem Isländ. hyr, zahm, sanft, ( S. Geheuer,) abzuleiten; zumahl da auch im Schwed. lyda, welches zu unserm veralteten losen gehöret, hören so wohl audire, als auch pertinere bedeutet. S. Hören.


Gehörgang (W3) [Adelung]


Der Gehörgang, des -es, plur. die -gänge, in der Zergliederungskunst, verschiedene Gänge in dem Ohre, durch welche die bewegte Luft fortgepflanzet wird und das Gehör verursacht. Der äußere Gehörgang geht schlangenweise in dem Ohre herum. Der innere wird auch die Trommelhöhle genannt.


Gehörig (W3) [Adelung]


Gehörig, adj. et adv. was gehöret, oder sich gehöret, in allen Bedeutungen des Zeitwortes. Dieses Haus ist mir gehörig. In das Amt gehörig seyn. Die in das Amt gehörigen Unterthanen. Die dazu gehörigen Bedürfnisse. Alle zu unserer Erde gehörigen Körper. Alle nicht zur Sache gehörigen Dinge. Den gehörigen Platz bekommen. Die Gehörige Strafe leiden. Zur gehörigen Stunde. Die gehörige Größe. Sich gehörig betragen. Eine Klage gehörig anbringen. Im Nieders. und Oberd. auch behörig. Bey dem Notker ist gehorig gehorsam.


Gehörkunst (W3) [Adelung]


Die Gehörkunst, die Gehörlehre, plur. inus. in der Naturlehre, eine Wissenschaft, welche lehret, wie jeder Schall vermittelst der Luft auch in einer ziemlichen Entfernung gehöret wird; Acustica. S. Akustik.


Gehörlos (W3) [Adelung]


Gehörlos, -er, -este, adj. et adv. des Gehöres beraubt, unvermögend zu hören, taub.


Gehörlosigkeit (W3) [Adelung]


Die Gehörlosigkeit, plur. inus. der Mangel des Gehöres, die Taubheit.


Gehörn (W3) [Adelung]


Das Gehörn, des -es, plur. die -e, bey den Jägern, die Stangen mit ihren Enden an den Hirschen und Rehböcken, welche bey den erstern auch das Geweih heißen; als ein Collectivum. Ein Hirschen von schön gehueren, Theuerd. Kap. 6.


Gehörnerve (W3) [Adelung]


Der Gehörnerve, des -n, plur. die -n, in der Zergliederungskunst, eine Nerve, welcher durch das Loch des Felsenbeines zu den Höhlen des Ohres geführet wird, und sich daselbst überall ausbreitet.


Gehorsam (W3) [Adelung]


Gehorsam, -er, -ste, adj. et adv. bereit, sein Verhalten nach den Befehlen eines andern zu bestimmen. Einem gehorsam seyn. Ein gehorsames Kind. Gehorsame Unterthanen. Ich bin ihr gehorsamer Diener.

Anm. Bey dem Willeram schon gehorsam, im Dän. und Nieders. horsam, im Schwed. hörsam, von dem alten Oberd. horen, für hören. S. Gehorchen und Hören. Isidors Übersetzer gebraucht dafür chihoric und Notker gehorig. Das ohne Noth verlängerte Oberdeutsche gehorsamlich ist im Hochdeutschen veraltet.


Gehorsam (W3) [Adelung]


Der Gehorsam, des -es, plur. car. 1) Die Bereitwilligkeit, und in engerer Bedeutung, die Fertigkeit, sein Verhalten nach den Befehlen eines andern zu bestimmen. Einem Gehorsam leisten. Allen Gehorsam bey Seite setzen. Widerspänstige Unterthanen wieder zum Gehorsame bringen. Der Obrigkeit allen Gehorsam aufsagen, ihr den schuldigen Gehorsam versagen. Es soll gewiß an meinem Gehorsame nicht fehlen, Gell. Ich sage es ihnen, daß ich eben den Gehorsam gegen sie trage, den ich meinem Vater schuldig bin, ebend. Der Gehorsam des Glaubens, in der Deutschen Bibel, Röm. 1, 5, Kap. 16, 26, die Genehmhaltung und Bewilligung des erkannten Guten. Der thätige Gehorsam, der gegen den befehlenden, so wie der leidende gegen den beschließenden Willen eines Obern geübet wird. 2) In einigen Städten, ein Ort auf dem Rathhause, wo ungehorsame Bürger auf eine Zeit lang in Verhaft gesetzet werden, der bürgerliche Gehorsam. In den Gehorsam, oder in den bürgerlichen Gehorsam gehen, bringen, setzen. Anm. Bey dem Kero Horsami, bey dem Notker Gehorsami, bey dem Ottfried Gihorsam, im Nieders. Horsam. Die Gehorsamy kommt noch im sechzehnten Jahrhunderte vor, und in einigen Oberdeutschen Gegenden ist auch Gehorsamheit und Gehorsamkeit üblich, welche den Hochdeutschen fremd sind. Letzteres würde sich indessen doch alsdann gebrauchen, wenn man den Gehorsam, oder die Handlung selbst, von der Eigenschaft oder Fertigkeit zu unterscheiden nöthig fände. S. - Sam.


Gehorsamen (W3) [Adelung]


Gehorsamen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, Gehorsam leisten, gehorchen. Einem gehorsamen. Es fängt an im Hochdeutschen zu veralten. Bey dem Kero lautet es horsamen, bey dem Notker kehorsamen, im Angels. hyrsuman.


Gehre (W3) [Adelung]


1. Die Gehre, plur. die -n, ein nur in einigen Gegenden, z. B. in der Mark Brandenburg, übliches Wort, die Wachsscheiben in einem Bienenstocke zu bezeichnen, welche in Niedersachsen Mahrten, an andern Orten Waben, das Rooß u. s. f. heißen. Dieses Wort hat eine sehr deutliche Ähnlichkeit mit dem Latein. Cera und Cerae, so wie Wabe mit Favus. Da aber nicht glaublich ist, daß die Deutschen die Bienenzucht von den Italiänern sollten erlernet haben, so erhellet auch hieraus die ältere Übereinkunft dieser Sprachen, welche nur allein in einer ge- meinschaftlichen Abstammung von einer weit ältern Muttersprache ihren Grund haben kann.


Gehre (W3) [Adelung]


2. Die Gehre, plur. die -n. 1) Eine schräge Richtung, die Richtung eines Körpers, nach welcher er mit dem Horizonte einen spitzigen Winkel macht; ohne Plural, und nur bey den Werkleuten, welche dieses Wort auch Göhr, Göhre sprechen. S. Gehrung. 2) Verschiedene Arten spitziger Werkzeuge, Keile, schräge oder spitzig zulaufende Körper u. s. f. S. der Gehren.


Gehren (W3) [Adelung]


Gehren, verb. reg. act. welches im Hochdeutschen nunmehr veraltet ist. S. Begehren und Gern.


Gehren (W3) [Adelung]


Der Gehren, des -s, plur. ut nom. sing. oder die Gehre, plur. die -n, ein altes, nur noch in den gemeinen Mundarten in mancherley Bedeutungen übliches Wort. 1. Eigentlich, ein spitziges Werkzeug, ein Pfeil, Spieß, Gabel u. s. f. welcher bereits sehr alte Gebrauch noch in verschiedenen Gegenden Ober- und Niederdeutschlandes vorhanden ist. In dem alten Fragmente eines Gedichts auf den Krieg mit den Saracenen bey dem Schilter kommt der Ger und Gar mehrmahls für einen Wurfspieß vor. In der Schweiz ist die Geere eine Gabel; mit welcher die Fische gestochen werden. Ein rothes Geereneisen mit zwey Widerhaken, Bluntschli, welche Bedeutung auch das Holländ. Gheer hat. Im mittlern Lat. bedeutet Guarrus und Garrotus, und im Franz. Garrot, die Spitze eines stechenden Werkzeuges, und im Engl. ist to gore noch jetzt stechen. Nimmt man den Übergang des r in f, und der Hauchlaute in Blaselaute als bekannt an, so wird man die Verwandtschaft dieses Wortes mit dem alten Gallischen Gesum, ingleichen mit dem Deutschen Wehr, Gewehr, vielleicht auch mit dem Nordischen Jern, Eisen, ( S. Eisen,) nicht verkennen können. S. auch Schere, Scheren und Kerben, welche gleichfalls von diesem Worte abstammen. 2. Figürlich, verschiedene schief oder spitzig zulaufende Arten von Flächen zu bezeichnen. 1) Bey den Tischlern und Zimmerleute, eine nach der Diagonal-Linie eines rechtwinkeligen Viereckes gehende Fläche oder Fuge, eine Fläche, welche mit der horizontalen Fläche einen Winkel von 45 Grad macht; wo es auch die Gehre, die Göhre, der Giern, die Göhrung lautet. S. Gehre, Gehrig, Gehrhobel, Gehrmaß und Gehrung. 2) In der Landwirthschaft einiger Gegenden, z. B. in Meißen, Thüringen und Niedersachsen, ist der Gehren ein Stück Landes, welches an einem oder beyden Enden spitzig zuläuft. Der Gehren gibt und nimmt, eine bekannte Bauerregel, welche so viel sagen will: wenn die regulären Stücke Ackers nicht die gewöhnliche und hergebrachte Breite haben ( S. Strichel, Sottel, Gerte) so ist der Gehren zu breit geackert worden, und er muß das Fehlende abgeben, und so auch umgekehrt; weil man voraussetzt, daß bey der anfänglichen Vertheilung der Grundstücke lauter reguläre Antheile von bestimmter Größe gemacht worden, da denn der irreguläre Überrest unter dem Nahmen eines Gehrens übrig geblieben. In einer Halberstädtischen Urkunde von 1179 heißt ein solcher Gehren Geroris; im Nieders. eine Gere, im Hannöverischen aber ein Gard. S. Gehrenzehnte. 3) Bey den Nähterinnen, ein dreyeckiges oder keilförmiges Stück in den Hemden, besonders in den Weiberhemden, ein Heil, Zwickel. Im Niedersächs. auch der Keil oder Zwickel in einem Strumpfe, welcher Engl. Goar oder Gore heißt. Ja im gemeinen Leben einiger Gegenden, eine jede spitzig zulaufende Fläche, ein jeder keilförmiger Streifen, wo es auch im weiblichen Geschlechte, die Gehre, üblich ist. Dahin gehöret auch dasjenige Stück Leinwand, welches unten an die Segel geheftet wird, um sie breiter zu machen, und gleichfalls ein Gehren heißt. 4) Die Falte in einem Kleide, wegen der äußern Ähnlichkeit mit einem Keile, und nach einer noch weitern Figur auch der weite Theil eines Kleides, welcher die meisten Falten wirft, oder vielleicht auch durch die in den ehemahligen langen Kleidern angebrachten Falten verursacht wurde, da es denn bald von der Schleppe, bald aber auch von dem Schooße der langen Kleider gebraucht wird, und bald die Gehre bald der Gehren lautet. Er schürzte die Geren auf und fustet sin Messer, Königshov. Wenn du einem Kinde etwas geben willst, so sprichst du zu ihm: wolan heb den Geren uf, Kaisersb. Da breitete ich meinen Geren über dich, Ezech. 16, 8. Wenn jemand heilig Fleisch trüge in seines Kleides Geren, und rührete darnach mit seinem Geren Brot, Gemüse, Wein u. s. f. Hagg. 2, 13. In welchen Stellen Luther dieses Wort aus ältern Oberdeutschen Übersetzungen beybehalten hat, indem es in einigen Gegenden Oberdeutschlandes noch jetzt üblich ist. Bey den Schwäbischen Dichtern lautet es in diesem Verstande Gere, im Ital. Gerone, Gherone, im Franz. Giron, im Holländ. Gheren, im Schwed. Gere, im mittlern Lat. Gyro und Giro. Du Fresne, Ihre und andere leiten es in diesem Verstande von Gyrus, ein Kreis, her; allein, da dieser Theil der ehemahligen weiten Kleider vermittelst der Falten so weit gemacht wurde, und diese alle Mahl spitzig zulaufen, so ist die hier angegebene Abstammung weit wahrscheinlicher. Sie wird auch dadurch bestätiget, daß im mittlern Lateine dieser Theil der Kleider mehrmahls Sagitta genannt wird, welches eine buchstäbliche Übersetzung des Deutschen Wortes Gehren ist. Subtus circa pedestunica debet esse rotunda qualitate mensurata. Sagittas vero vel gerones tantum habeat, vt iter gradientes vel superfluitate, vel parcitate non impediat, Guid. Farf. B. 2, bey dem du Fresne. Sedens - - girones quoque, vel quos quidam sagittas vocant, colligit vtrimque, Udalric. B. 2, Confuet. Cluniac, eben daselbst.


Gehrenzehnte (W3) [Adelung]


Der Gehrenzehnte, des -n, plur. die -n, in der Landwirthschaft einiger Gegenden, derjenige Zehnte, welcher von einem Gehren gegeben wird. S. der Gehren 2. 2).


Gehrenziegel (W3) [Adelung]


Der Gehrenziegel, des -s, plur. ut nom. sing. schräge Ziegel, dergleichen auf Thürmen und Walbendächern gebraucht werden; im gemeinen Leben Gierenziegel.


Gehrhobel (W3) [Adelung]


Der Gehrhobel, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Tischlern, im Hobel, vermittelst dessen die Gehrung hervor gebracht wird. S. der Gehren 2. 1).


Gehrig (W3) [Adelung]


Gehrig, -er, -ste, adj. et adv. im gemeinen Leben einiger Gegenden, eine Gehre, oder schiefe Fläche habend. Gehrig geschnittene Leisten, Armzwickel u. s. f. S. 2 Gehre.


Gehrmaß (W3) [Adelung]


Das Gehrmaß, des -es, plur. die -e, bey den Holzarbeitern, ein Lineal, welches am Ende ein schiefes Bretchen unter einem Winkel von 45 Grad hat, die Gehrung darnach zu bestimmen; das Schrägemaß, im gemeinen Leben auch das Göhrmaß.


Gehrung (W3) [Adelung]


Die Gehrung, plur. die -en, bey den Holzarbeitern, die schräge, d. i. nach der Diagonal-Linie eines rechtwinkeligen Viereckes gehende Richtung, und eine solche Fläche selbst; die Gehre, nach einer verdorbenen Aussprache auch die Göhrung, Kehrung u. s. f. Ein Loch nach der Gehrung bauen, bey den Zimmerleuten. S. der Gehren 2. 1).


Gehrungskolben (W3) [Adelung]


Der Gehrungskolben, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Glasern, ein spitz zulaufender Kolben, die Ecken des Fensterbleyes damit zu verlöthen. S. der Gehren 1.


Gehülfe (W3) [Adelung]


Der Gehülfe, des -n, plur. die -n, Fämin. die Gehülfinn, plur. die -en, diejenige Person, welche einer andern hilft, d. i. derselben in gewissen Geschäften hülfliche Hand leistet. Einen Gehülfen haben, brauchen. Ohne Gehülfen hat der Herr Himmel und Erde bereitet, Es. 44, 24. Wenn ein gründlicher Verstand eine lebhafte Einbildungskraft zur Seite, ein reiches und treues Gedächtniß zur Gehülfinn hat, u. s. f. Gell. Ein Amtsgehülfe, Collega. Bey dem Notker Gehelf, im Nieders. Hülpe.


Gehwerk (W3) [Adelung]


Das Gehwerk, des -es, plur. die -e, in den Räderuhren, dasjenige Räderwerk, welches das Gehen der Uhr hervor bringet, im Gegensatze des Schlagewerkes.


Gejauchze (W3) [Adelung]


Das Gejauchze, des -s, plur. car. ein mehrmahliges oder anhaltendes Jauchzen, im verächtlichen Verstande.


Geier (W3) [Adelung]


Der Geier, S. Geyer.


Geifer (W3) [Adelung]


Der Geifer, des -s, plur. inus. ein Wort, welches ehedem einen jeden etwas zähen flüssigen Körper bedeutet zu haben scheinet, jetzt aber nur noch von dem Speichel gebraucht wird, so fern er dem Menschen in außerordentlichen Fällen, dergleichen heftige Leidenschaften, gewisse Arten von Krankheiten u. s. f. sind, oder auch aus Schwachheit unwillkürlich aus dem Munde fließet. David verstellete seine Geberde - und sein Geifer floß ihm in den Bart, 1 Sam. 21, 13. Einem Menschen, der mit der fallenden Sucht behaftet ist, steht der Geifer vor dem Munde. Auch die Feuchtigkeit, welche zarten Kindern aus dem Munde zu fließen pfleget, führet den Nahmen des Geifers.

Anm. Im Nieders. ist dafür Sabbe, Sever, Seiber, im Holländ. Zabber, im Engl. Slaver üblich. Da der Übergang der Gaumenbuchstaben in den Zischlaut sehr gewöhnlich ist, so siehet man leicht, daß Geifer mit den jetzt angeführten Wörtern zu dem Geschlechte des Hochdeutschen Saft, oder auch zu seihen, seigen, tropfenweise fließen, gehöret. S. Geifern.


Geiferbart (W3) [Adelung]


Der Geiferbart, des -es, plur. die -bärte, in der niedrigen Sprechart, eine verächtliche Benennung einer Person, welcher der Geifer aus dem Munde fließet, auch wohl im Scherze von einem geifernden Kinde; das Geifermaul, Nieders. Sabbebart, Sabbelbart, Severbart.


Geifericht (W3) [Adelung]


Geifericht, adj. et adv. dem Geifer ähnlich. Geiferig, mit Geifer beschmutzt, Geifer enthaltend.


Geiferläppchen (W3) [Adelung]


Das Geiferläppchen, oder Geiferlätzchen, des -s, plur. ut nom. sing. ein kleines Tuch, welches man zarten Kindern unter dem Kinne zu befestigen pfleget, den Geifer aufzufangen; das Geifertüchlein, Nieders. Slabken, Drabbeldok ec..


Geifermaul (W3) [Adelung]


Das Geifermaul, des -es, plur. die -mäuler, S. Geiferbart.


Geifern (W3) [Adelung]


Geifern, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, den Geifer fließen lassen. Das Kind geifert. Vor Zorn geifern. Nieders. sabbern, severn, Schwed. sagla, Dän. sigle. Im Osnabrück. ist dafür queilen, und im Bremischen quielen üblich, wo auch Quiel den Geifer bedeutet.


Geifertuch (W3) [Adelung]


Das Geifertuch, des -es, plur. die -tücher, Diminut. das Geifertüchlein, S. Geiferläppchen.


Geiferwurz (W3) [Adelung]


Die Geiferwurz, plur. inus. S. Speichelwurzel.


Geige (W3) [Adelung]


Die Geige, plur. die -n. 1) Im gemeinen Leben und in der vertraulichen Sprechart, dasjenige musikalische Saiten-Instrument, welches am häufigsten eine Violine, und in den niedrigen Sprecharten eine Fiedel genannt wird. Auf der Geige spielen, die Geige spielen. Eine gute Geige spielen, die Geige gut spielen. Da hängt der Himmel voller Geigen, figürlich im gemeinen Leben, dort empfindet man nichts als Freude. Der Himmel hängt nicht stets voll Geigen, die Freude wird oft unterbrochen. Die erste Geige ward vielleicht aus dem Brustbeine der Gans, (vulg. der Hüpfauf,) gemacht, worüber man etliche Saiten spannte. Wenigstens ist sie bey den Lansitzer Wenden noch jetzt in dieser Gestalt üblich; daher die Geige auch im Slavonischen Hausle, Hußly heißt, von Hus, eine Gans. 2) Figürlich wird wegen einiger Ähnlichkeit auch dasjenige Werk- zeug, worauf die Kammmacher die Kämme poliren, die Filzgeige oder Geige genannt. Ingleichen ein hölzernes Werkzeug, welches leichtfertigen Personen zur Strafe um den Hals und um die Hände gelegt wird, S. 2 Fiedel 2.

Anm. Im Nieders. Gigel, im Schwed. Giga, im Engl. Gig, im Ital. Giga, im mittlern Lat. Giga. Thich froewet niht der tamber noch diu gige, Ulrich von Winterstetten. Wachter leitet es von einem veralteten geigen, reiben, ab, so wie Fiedel von fiedeln und feilen, hin und her reiben, abzustammen scheinet. Ihre hält es für ein ausländisches Wort, zumahl da den Griechen und Römern schon ein ähnliches Werkzeug bekannt war, welches bey ihnen Chelys hieß.


Geigen (W3) [Adelung]


Geigen, verb. reg. act. auf der Geige spielen, im gemeinen Leben und der vertraulichen Sprechart. Wer dir Wahrheit geigt, dem schlägt man den Fiedelbogen um den Kopf, figürlich.


Geigenbogen (W3) [Adelung]


Der Geigenbogen, des -s, plur. ut nom. sing. der Fiedelbogen, vornehmlich im Oberdeutschen.


Geigenbohrer (W3) [Adelung]


Der Geigenbohrer, des -s, plur. ut nom. sing. ein Bohrer verschiedener Künstler, welcher vermittelst einer an einem Stocke gespannten Sehne, so einem Geigenbogen gleicht, in Bewegung gesetzt wird. S. Drillbohrer.


Geigenfutter (W3) [Adelung]


Das Geigenfutter, des -s, plur. ut nom. sing. ein Futteral für eine Geige oder Violine.


Geigenharz (W3) [Adelung]


Das Geigenharz, des -es, plur. car. S. Colophonium. In einigen Gegenden wird es auch Geigenpech, und Geigenwachs genannt.


Geigenholz (W3) [Adelung]


Das Geigenholz, des -es, plur. car. der Nahme eines Amerikanischen Baumes, Chitarexylon L. Ohne Zweifel, weil sich aus dessen Holze gute Geigen verfertigen lassen.


Geigenmacher (W3) [Adelung]


Der Geigenmacher, des -s, plur. ut nom. sing. ein Künstler, welcher Geigen oder Violinen verfertiget.


Geigensattel (W3) [Adelung]


Der Geigensattel, des -s, plur. die -sättel, der Sattel, auf einer Geige oder Violine, welcher noch häufiger der Geigensteg, oder nur schlechthin der Steg genannt wird; S. dieses Wort.


Geigenstück (W3) [Adelung]


Das Geigenstück, des -es, plur. die -e, im gemeinen Leben, ein musikalisches Stück, welches auf der Geige gespielet werden kann und muß, welches für die Geige gesetzt ist.


Geigenwerk (W3) [Adelung]


Das Geigenwerk, des -es, plur. die -e, in den Orgeln, ein Register, welches den Klang der Geigen oder Violinen nachahmet.


Geiger (W3) [Adelung]


Der Geiger, des -s, plur. ut nom. sing. im gemeinen Leben, ein Musikus, welcher die Geige oder Violine spielet; in der anständigern Sprechart ein Violinist. Die Geiger sind von Jubal herkommen, 1 Mos. 4, 21. Schon bey dem Hornegk bedeutet Geyger einen Spielmann, Musikanten.


Geil (W3) [Adelung]


Geil, -er, -ste, adj. et adv. 1. Eigentlich, fett, von dem Fleische der Thiere; in welchem Verstande es nur noch im gemeinen Leben von einem ekelhaften, widrigen Geschmacke und Geruche des Fettes üblich ist. Das Fleisch, das Fett schmeckt zu geil. 2. Figürlich. 1) Von dem Erdboden, wenn er überflüssigen Dünger hat, ingleichen von Gewächsen, wenn sie zu vielen Nahrungssaft haben, und daher zu schnell wachsen, oder überflüssige Blätter und Zweige treiben. Ein geiler Boden, der sehr stark treibt. Die Saat wächst zu geil, zu schnell und zu dick. Die Bäume wachsen zu geil, wenn sie zu viele Blätter und Zweige treiben. Geile Flecke im Getreide, welche sich durch ihren starken und dicken Wuchs von der andern Saat unterscheiden; in Meißen Mastflecke, in andern Gegenden Geilhorste. In weiterer Bedeutung in einigen Gegenden auch überhaupt für fruchtbar, tragbar. Die alten Felder aufreißen und zu geilem Felde machen, in Obersachsen. S. 2 Geile. 2) Von einem ekelhaft süßen Geruche und Geschmacke, im gemeinen Leben. Geil schmecken, widrig süß. 3) Von verschiedenen Beschaffenheiten des Gemüthes, welche ihren Grund zunächst in einer überflüssigen Nahrung des Körpers haben. (a) * Munter, im guten Verstande; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Seiner Ritter ein teil Mit dem er vollte wesin geil Und an Wirtschaft goiden, mit denen er wollte fröhlich seyn, und sich beym Schmause erfreuen, Jeroschin, ein Schriftsteller des 14ten Jahrhunderts bey dem Frisch. - Die sitsamen Geberden Die geile Höflichkeit, der abgeführte Sinn, Und was mich sonsten hielt, ist alles mit ihr hin, sagt Opitz von seiner Sylvia. Im Franz. bedeutete Gale chedem Freude, Fröhlichkeit, und Galoise ein munteres, lustiges Mädchen, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - vor Freude springen. (b) * Muthig, kühn, auch im gutem Verstande, in welchem es aber gleichfalls veraltet ist. Der Held - stach das thier geyl Mit seinem perenspieß zu todt, Theuerd. Darumb macht er sich auf die Fart Zu versuchen sein glück und heyl An Herr Tewrdank dem Jüngling geyl, ebend. Kap. 5. (c) * Muthwillig, üppig, ausgelassen, übermüthig, in welchem Verstande es noch hin und wieder in den niedrigen Sprecharten gehöret wird. Da er aber fett und satt ward, ward er geil, 5 Mos. 32, 15; aber Israel ward fett und schlug aus, nach Michaelis Übersetzung. Ich bin auch gezüchtiget, wie ein geil Kalb, Jer. 31, 18. Darum, daß ihr - lecket, wie die geilen Kälber, Kap. 50, 11. (d) * Stolz, eine veraltete Bedeutung. In diesem Verstande kommt keil schon bey dem Kero vor, und Isidors Übersetzer gebraucht das Hauptwort Geili für Stolz, Hochmuth. Im Griech. ist - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - mit etwas prahlen, stolz auf etwas seyn. Du soltest an mir wesen geil, Chriemh. Str. 262. So geil was ie Mins herzen sin u. s. f. Burkh. von Hohenfels. (c) Reitzungen zum unrechtmäßigen Beyschlafe suchend und unterhaltend; ein harter Ausdruck, der so widrig ist als die Sache selbst, daher man ihn auch nur gebraucht, wenn man von dieser Gemüthsverfassung mit Nachdruck zu reden genöthiget ist. Ein geiles Weib. Ingleichen was diese Gemüthsart verräth, und befördert. Geile Schriften, ein geiles Lied, ein geiles Betragen. Holländ. gheil und ghyl, Dän. geil, Angels. gal, Schwed. gael, in Bretagne mit dem eingeschalteten d gadal, im mittlern Lat. gadalis. 4) * Überfluß an etwas habend; ein veralteter Gebrauch. Wilt du so wirde ich an steten froiden geil, Graf Canr. von Kilchberg.

Anm. So fern dieses Wort eigentlich fett bedeutet, gehöret es allem Ansehen nach zu dem Worte gelb, Nieders. gäl, weil doch das mehreste Fett eine weißgelbliche Farbe hat; zumahl da geil am häufigsten von verdorbenem Fette gebraucht wird, welches noch mehr in das Gelbe fällt. Schon im Hebr. war - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - das Fett, ingleichen Milch, im Griech. ist - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - Öhl, Schmer, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - die Milch, und bey den ältesten Galliern bedeutete galba fett, wohl gemästet. Im Albanischen ist Gialpa Butter. S. Gelb.


Geile (W3) [Adelung]


1. Die Geile, plur. die -n, die kugelförmigen Samenbehältnisse der Zeugungsglieder bey dem männlichen Geschlechte der Menschen und Thier; die Hoden. Einem Thiere die Geilen ausschneiden. Auch bey dem weiblichen Geschlechte die sogenannten Eyerstöcke, welche auch Geburtsgeilen genannt werden. In dem gemeinen Sprachgebrauche der Hochdeutschen kommt dieses Wort nicht vor, wohl aber zuweilen in Schriften. Im Oberdeutschen scheint es üblicher zu seyn. S. 1 Geilen und Bibergeil. Anm. Im Schwed. Gäll, im Wallis. Caill, im Franz. Couillon, im Ital. Coglione, im Lat. Coleus und Coles; nicht so wohl von dem vorigen Worte geil, als vielmehr von der runden kugelförmigen Gestalt; S. Gallapfel, 1 Galle und Kugel. Im Hebr. bedeutet - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - die Nieren.


Geile (W3) [Adelung]


2. Die Geile, plur. car. das Abstractum von dem Bey- und Nebenworte geil, welches ehedem in dessen sämmtlichen Bedeutungen üblich war, jetzt aber nur noch im gemeinen Leben in einigen Gegenden üblich ist. 1) Die geile Beschaffenheit einer Person oder Sache, wo es nur noch zuweilen von der überflüssigen Fettigkeit des Bodens, und dem dadurch verursachten allzu starken Triebe der Gewächse gebraucht wird, wofür an andern Orten auch Geilheit üblich ist. - 2) Was dem Boden Fettigkeit gibt, der Dünger, in der Landwirthschaft einiger Gegenden. Geile und Gare, Dünger und Mist. In einigen Gegenden auch die Geilung.


Geilen (W3) [Adelung]


1. * Geilen, verb. reg. act. der Geilen berauben, castriren, verschneiden; ein im Hochdeutschen veraltetes Wort, wofür auch entgeilen, und nach einer gelindern Aussprache heilen, üblich war. Bey den Römern hieß ein verschnittener Priester der Cybele Gallus, und Matthesius nennet einen Castraten noch Ohngeil. Im Schwed. ist gaella gleichfalls verschneiden. Wenn dieses Wort nicht von Geile, die Hode, abstammet, so hat es ohne Zweifel ehedem schneiden überhaupt bedeutet, wovon noch verschiedene Spuren übrig sind; S. 2 Galle.


Geilen (W3) [Adelung]


2. * Geilen, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, auf eine unverschämte Art, mit gällender Stimme um etwas betteln; ein im Hochdeutschen veraltetes Wort. So wird er doch um seines unverschämten Geilens willen aufstehen, und ihm geben, wie viel er bedarf, Luc. 11, 8. Berg und tal hat der meige geret im ze prise Ir geilent uch iungen, Graf Conr. von Kilchberg. Um Brot, um ein Amt geilen, im Oberdeutschen, wo auch Geiler von einem Bettler, und ergeilen, durch unverschämtes Betteln erhalten, üblich sind. In Hamburg ist gellen und im Bremischen galftern, gleichfalls unverschämt betteln. Es gehöret zu dem Nieders. gillen, ein durchdringendes pfeifendes Geschrey machen, von welchem unser gällen das Neutrum ist. Schon im Hebr. war - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - anhaltend bitten. S. Gällen.


Geilen (W3) [Adelung]


3. * Geilen, verb. reg. von dem Bey- und Nebenworte geil, welches im Hochdeutschen veraltet ist, ehedem aber in doppelter Gestalt üblich war. 1. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben. 2) Sich freuen, fröhlich seyn, in guter Bedeutung, in Menkens Script. Th. 2, S. 2047. 2) Muthwillig seyn, vor Freuden springen u. s. f. bey dem Kaisersberg. 3) Im Überflusse leben, bey dem Dasypodius. 4) Der Geilheit nachgehen; wenigstens scheinet folgende Stelle in dem Logau diesen Verstand zu haben: Andre mögen geilen, da bey Grethen, dort bey Käthen. 2. Als ein Activum. 1) Reichlich segnen, Überfluß verschaffen. Daz du min Hertze heilis Und in Genaden geilis, Jeroschim bey dem Frisch. 2) Düngen, den Acker fett machen; in welchem Verstande man noch in einigen Gegenden auf dem Lande den Acker geilet, oder begeilet. 3) Das Reciprocum sich geilen scheint ehedem auch für einwurzeln, fest setzen, oder doch in einem ähnlichen Verstande gebraucht zu seyn. Swo sich bescheidenheit in wibes herzen geilet Diu zweiet unt fruihet felde und ere, Burkh. v. Hohenfels.


Geilheit (W3) [Adelung]


Die Geilheit, plur. inus. von dem Bey- und Nebenworte geil, der Zustand, da eine Person oder Sache geil ist. 1) Überflüssige Fettigkeit in dem Acker und dadurch verursachter allzu starker Trieb in dem Wachsthum der Gewächse, in der Landwirthschaft einiger Gegenden. 2) Übermuth, Muthwillen, in der niedrigen Sprechart. 3) Ungeordnete Begierde, aus dem Beyschlafe Luft zu empfinden, und in engerer Bedeutung, die Fertigkeit, Reitzungen zum unrechtmäßigen Beyschlafe zu suchen; in der harten und nachdrücklichen Sprech- und Schreibart. Denn ich habe gesehen deine Ehebrecherey, deine Geilheit, deine freche Hurerey, Jer. 13, 27. Im Angels. Galnyss, Galscyp, im Schwed. Gaelskab.


Geimstein (W3) [Adelung]


Der Geimstein, S. 2 Kamm.


Geißbaum (W3) [Adelung]


Der Geißbaum, des -es, plur. -bäume, eine in einigen Oberdeutschen Gegenden übliche Benennung des gemeinen Ahornes, Acer Pseudoplatanus L. vielleicht weil die Geißen oder Ziegen lüstern darnach sind. S. Ahorn.


Geißbergerstein (W3) [Adelung]


Der Geißbergerstein, des -es, plur. inus. eine graue, weißliche, oft auch bläuliche und röthliche harte Steinart, welche in der Schweiz auf den höchsten Gipfeln der Alpen so wohl, als in den Ebenen angetroffen wird, und in dessen Klüften man den sechseckigen Krystall findet. S. Altmanns Beschr. der Helvet. Eisb. S. 133. Vielleicht weil an den Orten, wo er am häufigsten zu finden ist, nehmlich auf den Gipfeln der Alpen, nur die Gemsen und Steinböcke, welche an einigen Orten der Schweiz gleichfalls Geißen genannt werden, hinzukommen pflegen.


Geißblatt (W3) [Adelung]


Das Geißblatt, des -es, plur. inus. die Oberdeutsche Benennung einer Pflanze, welche im mittägigen Europa wild wächset; Lonicera Caprifolium L. Walsche Specklilie, Zaungilge, Geißlilie, Waldlilie, in Obersachsen. Je länger je lieber. S. Durchwachs. Sieh, auf dem Felsen, wo die Quelle sich stürzt, hat er von Geißblatt eine Laube gepflanzt, Geßn.


Geißbock (W3) [Adelung]


Der Geißbock, des -es, plur. die -böcke, eine Oberdeutsche Benennung des Ziegenbockes, zuweilen auch des Rehbockes. S. Geiße.


Geißbohne (W3) [Adelung]


Die Geißbohne, plur. die -n, im Oberdeutschen, der Koth der Ziegen und Böcke, wegen der runden Gestalt.


Geiße (W3) [Adelung]


Die Geiße, plur. die -n, eine nur im Oberdeutschen übliche Benennung so wohl einer Ziege, als auch der Rehe, welche letztere auch Rehziege, im gemeinen Leben die Kicke oder Rücke genannt wird. In beyden Fällen ist es zuweilen eine allgemeine Benennung des ganzen Ziegen- und Rehegeschlechtes; am häufigsten aber wird es nur von den weiblichen Geschlechtern derselben gebraucht.

Anm. Die Oberdeutsche Mundart pflegt gern das e am Ende zu verbeißen, die Geiß oder Gaiß. Von einer Ziege lautet dieses Wort im Schwabenspiegel Gaizze, bey dem Willeram Geizzo, im Angels. Gat, im Schwed. Get, im Dän. Geed, im Türk. Geitzi, im spätern Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, im Hebr - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, im Lat. aegis. Im gemeinen Leben, selbst Niedersachsens, pfleget man eine Ziege wohl eine Kitze, oder Kitzchen zu nennen. Ehedem bedeutete es auch den Bock, und war alsdann männlichen Geschlechtes. Du gescidast oves ab hedis, scaf fone geizzin, Notker. Bey dem Ulphilas ist Gaitei, im Phrygischen Atta-Goz, im Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . im Engl. Goat, im Holländ. Gheete, der Bock. Wachter leitet diesen Nahmen von Geitz, Begierde her; Ihre aber glaubt, daß Geiße und Ziege durch Versetzung der Buchstaben aus einander entstanden sind. Doch das Wort ist zu alt, selbst für Muthmaßungen zu alt.


Geißel (W3) [Adelung]


Der Geißel, des -s, plur. ut nom. sing. überhaupt ein jeder, der mit seinem Leibe für etwas Bürge wird; ehedem auch ein Leibbürge. In dieser allgemeinen Bedeutung ist es im Deutschen veraltet, wo man es nur noch, in engerem Verstande, von Leibbürgen gebraucht, welche im Kriege zur Sicherheit so wohl anderer Personen als auch gethaner Versprechen, gegeben und genommen werden, da es denn in der mehreren Zahl am üblichsten ist, ohne doch die erste auszuschließen. - Dazu mußte er den Römern Geisseln (Geißel), schicken, Macc. 8, 7. Und nahm der vornehmsten Leute Kinder zu Geiseln (Geißel), Kap. 9, 53; Kap. 11, 62. Wilt du mir seine zween Söhne zu Geiseln (Geißeln) geben, Kap. 13, 17. Einander Geißel geben. Jemanden als Geißel, oder zum Geißel behalten. In bürgerlichen Sachen ist das Wort Bürge üblicher.

Anm. Bey dem Stryker und andern alten Oberdeutschen Schriftstellern heißt ein solcher Geißel Gisel, Geisel, Gisele, im mittlern Lat. Gisilis und Hospes, im alten Franz. Hoste, ein Gast, im Nieders. Gisel, Giseler, Gyßler und Geißler, im Angels. Gisel und Gisle, im Isländ. Gisl, Gisling, im Schwed. Gissel, Gisle; im Dän. Gidsel. Die Abstammung dieses Wortes ist noch ungewiß. Dietrich von Stade leitet es von sellan, übergeben, ab, welches aber um deßwillen nicht Statt findet, weil der auf der ersten Sylbe liegende Ton deutlich genug erweiset, daß nur sie die Stammsylbe ist, el aber als die gewöhnliche Endung angesehen werden muß, welche eine handelnde Person oder ein Werkzeug bedeutet. Wachters Ableitung vom Angels. gyse, Engl. yes, ja, ist noch unwahrscheinlicher. Frisch lässet es von gis, oder ger, begehren, Ihre von gaeta, bewahren, Gäsla, Gisla, der Verhaft, und das Bremisch-Niedersächsische Wörterbuch von dem alten gisen, können, vermögen, abstammen. Man muß dabey merken, daß dieses Wort ehedem in einem sehr weiten Umfange der Bedeutung genommen wurde, indem es bey den Longobarden nicht nur einen Zeugen bedeutete, sondern auch in neuern Schriften von einem jeden Unterpfande gebraucht wird, daher bey dem Serarius auch Geißelschlösser vorkommen, Schlösser, die man zum Unterpfande gibt. In der Bedeutung eines Leibbürgen waren statt dieses Wortes ehedem auch die Benennungen Leistbürge, und Pfandmann üblich. Die dieses Wort mit einem s, Geisel, schreiben, wollen es dadurch vermuthlich von dem folgenden Worte unterscheiden, sündigen aber wider die unläugbare Aussprache, welche sehr deutlich ein ß hören lässet. Es scheinet, daß dieses Wort auch bey einigen im weiblichen Geschlechte gebraucht werde, da es denn im Plural die Geißeln hat.


Geißel (W3) [Adelung]


Die Geißel, plur. die -n, eine Peitsche, auch eine solche, welche aus mehrern Riemen bestehet. Dem Roß eine Geißel, und dem Esel einen Zaum, Sprichw. 26, 3. Dem Esel gehört sein Futter, Geißel und Last, Sir. 33, 25. Der gern die Ochsen mit der Geißel treibt, Kap. 38, 26. Und er machte eine Geißel aus Stricken, Jos. 2, 15. Figürlich. 1) Für Züchtigung, bittrer Tadel, Spott. Er wird dich verbergen vor der Geißel der Zungen, Hiob 5, 21. Diese Thorheit verdient eine neue Geißel, Hermes. Die Geißel der Kritik. 2) Eine Plage, sowohl von Personen, als Sachen. Alsdann wird der Herr eine Geißel über ihn erwecken, Es. 10, 26.

Anm. Bey dem Ottfried Geislu, bey dem Notker Keisila. Es gehöret ohne Zweifel zu dem Schwed. Gisl, ein Strahl, Solargisl, ein Sonnenstrahl. Bey dem Pictorins heißt die Pflugsterze die Geige.


Geißelbruder (W3) [Adelung]


Der Geißelbruder, des -s, plur. die -brüder, eine ehemahlige Secte im 13ten und 14ten Jahrhunderte, welche sich aus verdienstlicher Absicht öffentlich geißelten und dabey allerley Unfug und Gräuel verübten. Sie wurden auch Geißeler, Büßer, und mit einem Lateinischen Ausdrucke Flagellanten, ihre Züge durch das Land aber Geißelfahrten genannt.


Geißeln (W3) [Adelung]


Geißeln, verb. reg. act. mit der Geißel hauen und schlagen. Pilatus ließ Jesum geißeln, Matth. 27, 26. Sie werden euch geißeln in ihren Schulen, Kap. 10, 17. So auch die Geißelung.


Geißelschaft (W3) [Adelung]


Die Geißelschaft, plur. inus. der Zustand, da jemand ein Geißel ist, von dem Hauptworte der Geißel; ein Wort, welches ehedem häufiger war als jetzt, wo man es auch überhaupt für eine jede Bürgschaft gebrauchte.


Geißfuß (W3) [Adelung]


Der Geißfuß, des -es, plur. die -füße. 1) Eine Oberdeutsche Benennung derjenigen Pflanze, welche in Ober- und Niedersachsen Gersch oder Giersch, an andern Orten Strensel genannt wird; Aegopodium L. Ohne Plural. S. Gersch. 2) Ein unten in Gestalt eines Geiß- oder Ziegenfußes gespaltenes Brecheisen; ein Ziegenfuß.


Geißhirt (W3) [Adelung]


Der Geißhirt, des -en, plur. die -en, im Oberdeutschen, ein Ziegenhirt.


Geißhülsen (W3) [Adelung]


Die Geißhülsen, sing. inus. eine Oberdeutsche Benennung der Rainweide; Ligustrum vulgare L. S. Rainweide.


Geißkäse (W3) [Adelung]


Der Geißkäse, des -s, plur. ut nom. sing. im Oberdeutschen, der Ziegenkäse.


Geißklee (W3) [Adelung]


Der Geißklee, des -s, plur. inus. ein niedriges Standengewächs mit schönen gelben Blumen und Schoten, wovon einige Arten in Oberdeutschland, andere aber in wärmeren Ländern einheimisch sind; Cytisus L. Dessen Cytisus laburnum und Cytisus alpinus sind auch unter dem Nahmen des Bohnenbaumes bekannt. Der Äthiopische Geißfuß, Cytisus Aethiopicus, ist eine Art der Hauhechel, Ononis L.


Geißler (W3) [Adelung]


Der Geißler, des -s, plur. ut nom. sing. 1) S. Gaßler. 2) S. Geißelbruder.


Geißlilie (W3) [Adelung]


Die Geißlilie, plur. die -n, S. Geißblatt.


Geißmelker (W3) [Adelung]


Der Geißmelker, des -s, plur. ut nom. sing. S. Nachtschwalbe.


Geißpilz (W3) [Adelung]


Der Geißpilz, S. Birkenpilz.


Geißvogel (W3) [Adelung]


Der Geißvogel, des -s, plur. die -vögel, S. Fastenschlier.


Geist (W3) [Adelung]


Der Geist, des -es, plur. die -er, ein buchstäblich nach dem Lat. Spiritus gebildetes Wort, von welchem es auch seine Bedeutungen entlehnet hat, welche ungefähr auf folgende Art geordnet werden können. 1. * Der Wind, und in weiterer Bedeutung auch der Athem, der Hauch; welches die erste Bedeutung, so wohl dieses Wortes als auch des Lat. Spiritus, des Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, das Hebr. Ruach u. s. f. ist, und eine Nachahmung des Schalles ist, welcher durch den Wind und Athem in vielen Fällen verursacht wird: Der Geist geistet, wo er will, Kaisersb. d. i, der Wind bläset, wo er will. Gott geistet (blies) in sein Antlitz den Geist des Lebens, (den lebendigen Athem,), in einer Deutschen Bibel von 1483. In einer andern Bibel dieses Jahrhundertes ist eingaysten einblasen; in welchem Verstande auch ingeisten bey dem Jeroschin vorkommt. Im Angelsächsischen bedeutet gust gleichfalls blasen, und im Schwed. ist Gust und im Isländ. Gioste, das Blasen. Im Hochdeutschen ist es in dieser Bedeutung längst veraltet. S. Gäscht. 2. Ein flüssiges, flüchtiges, wirksames, und mit dem Wasser mischbares Wesen, welches theils in der Gährung entwickelt, theils auch durch die Destillation aus verschiedenen Körpern gezogen wird, und die wirksamsten Theile derselben enthält, Latein. Spiritus. 1) Eigentlich. Der Wein, das Bier hat vielen Geist, viele flüchtige wirksame Theile. Weingeist, Vitriolgeist, Salpetergeist u. s. f. Der Plural ist hier von mehrern Arten gebräuchlich. Flüchtige Geister, Spiritus volatiles, welche in ein wenig Öhl verwickelt sind, welches sie mit sich fortführen. Feste oder feuerbeständige Geister, Spiritus fixi, welche mit Salzen verbunden sind, die ihre Flüchtigkeit zurück halten, dergleichen die sauren Geister des Vitriols, Alaunes und Salzes sind. Doch ist bey vielen in dieser ganzen Bedeutung das Lat. Spiritus üblicher. 2) Figürlich bey einigen Neuern, das Beste, Wesentlichste, Wirksamste aus einem Buche oder aus einer Schrift, der Kern, nach dem Franz. Esprit. Der Geist der Journale, kernhafter Auszug aus denselben. Der Geist des Weltweisen zu Sans-Souci. 3. Ein feines, flüssiges Wesen, welches von verschiedenen Ärzten und Zergliederern in den Nerven der Menschen und Thiere angenommen wird, und die wirkende Ursache, oder doch wenigstens das erste und vornehmste Hülfsmittel nicht nur aller Bewegungen, sondern auch aller Empfindungen seyn soll, und auch der Nervensaft, Fluidum nerveum, ingleichen die Lebensgeister, Spiritus vitales genannt wird. In dieser Bedeutung ist es nur im Plural üblich. Seine Geister waren durch das frühe Aufstehen ganz erschöpft. Ingleichen nach einer noch weitern Figur. 4. Das Leben, die Lebenskraft. 1) Eigentlich in welcher Bedeutung es nur in einigen Stellen der Deutschen Bibel vorkommt. Das ging alles zu Noah in den Kasten bey Paaren, von allem Fleisch, da ein lebendiger Geist innen war, 1 Mos. 7, 15. Gott, der du bist ein Gott der Geister alles Fleisches, 4 Mos. 16, 22. 2) Figürlich, die wirkende, thätige Kraft einer Sache, in der weitesten Bedeutung. Die Worte, die ich rede, sind Geist und Leben, Joh. 6, 63. Die Liebe die nicht kränkt, ist Liebe sonder Geist, Gell. Von dem Geiste des Widerspruches besessen seyn. Der Geist der Kaufmannschaft ließ die Bürger zu Carthago nur auf den Erwerb der Reichthümer sinnen. 5. Die mit dem menschlichen Körper verbundene einfache Substanz, welche mit der Kraft zu denken und zu wollen begabet ist, die Seele; ohne Plural, die letzte siebente Unterbedeutung ausgenommen. 1) Eigentlich und überhaupt. Denn des Menschen Geist muß davon, Pf. 145, 4. Der Geist muß wieder zu Gott, der ihn gegeben hat, Pred. 12, 7. Den Geist aufgeben, sterben. Je mehr mir der Leib abstirbt, desto heller steht mein Geist hinaus in die Unsterblichkeit. Die Bildung seines eigenen Geistes versäumen. Die Gegenwart des Geistes, S. Gegenwart. 2) Figürlich, in Beziehung auf die einzelnen Kräfte dieses Wesens und deren Verbindung; ohne Plural. (a) Am häufigsten in Beziehung auf dessen Kraft zu denken, zu vergleichen, zu schließen, auf die Kräfte des Verstandes, so wie Seele mehr von den Bedeutungskräften gebraucht wird. Mein Geist muß forschen, Pf. 77, 7. Etwas im Geiste betrachten, es sich in Gedanken vorstellen. Im Geiste sehe ich ihn schon. Meisterstücke des menschlichen Geistes. Groß an Gestalt, an Geiste klein. Weiße. Wo es auch oft den mit Scharfsinn verbundenen lebhaften Witz bezeichnet. Ein Mann von vielem Geiste. Er hat viel Geist. In der Stelle 1 Thess. 5, 23, bedeutet Geist die obern, Seele aber die untern Kräfte. In andern biblischen Stellen bedeutet Geist, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, oft die höheren Grade der moralischen Erkenntniß, im Gegensatze der gemeinten äußeren Handlungen an und für sich, wie sie durch Gesetze bestimmt werden. (b) Zuweilen auch in Beziehung auf dessen Kraft zu begehren und zu wollen; das Gemüth. Einen hohen Geist haben, nach hohen Dingen streben. Am häufigsten kommt es in diesem Verstande in der Deutschen Bibel vor. Ein Mann, der seinen Geist nicht halten kann, Sprichw. 25, 28. Ein Narr schüttet seinen Geist gar aus, Kap. 29, 11. Ein zerschlagener und demüthiger Geist, Es. 57, 15. (c) Die Gesinnung, Gemüthsfassung; doch nur in der biblischen Schreibart. Der kindliche Geist, die kindliche Gesinnung gegen Gott. Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Mit Gott zu einem Geiste verbunden werden, 1. Cor. 6, 17. Der Geist des Gemüthes, Ephes. 4, 22, die innere Gemüthsfassung. Die Gemeinschaft des Geistes, einerley Gesinnung. (d) Eigenthümliche Art zu denken und zu handeln. O, daß doch sein Geist zwiefältig auf mich ruhen wollte! Der National-Geist eines Volkes. Wenn einmahl ein Luther in dem Geiste ganzer Nationen eine Hauptveränderung hervor bringt. (e) Die in der Bekehrung hervor gebrachte neue Fertigkeit, im Gegensatze des Fleisches; doch nur in der Deutschen Bibel, wo dieser Zustand auch der geistliche Sinn, der geistliche Mensch genannt wird. Was vom Geist geboren wird, das ist Geist, Joh. 3, 6. Die nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist, Röm. 8, 1. Wandelt im Geist, Gal. 5, 16. (f) Muth, Herzhaftigkeit; auch nur in der Deutschen Bibel. Da kam er Geist des Herrn auf Jephthah, Richt. 11, 29; darauf ging Jefta mit einem göttlichem Muthe beseelet, u. s. f. Michael. Und der Geist des Herrn war in ihm, Kap. 3, 10; diesem gab Gott Muth, Michael. Gott erweckte den Geist eines jungen Knaben, Hist. der Sus. V. 45. (g) Die ganze Person, vornehmlich in Ansehung ihrer Verstandesstärke und der Art der Anwendung derselben. Glaubet nicht einem jeglichen Geiste, 1 Joh. 4, 1. Ein jeglicher Geist, der da bekennet, V. 2, 3. Im Hochdeutschen nur mit gewissen Beysätzen, welche die Art zu denken näher bestimmen. Ein starker Geist, der ohne alle Vorurtheile zu denken vorgibt, im Gegensatze eines schwachen Geistes; ein Freygeist. Der Stolz ist nicht etwa nur ein Antheil unverständiger Seelen und kleiner Geister, Gell. Gemeine Geister sind zufrieden, wenn sie ihren Gegnern ihre jetzigen Tage vergiften. Ein schöner Geist, bey welchem die sinnlichen Empfindungen, die Einbildungskraft, und der Geschmack gemeinschaftlich wirken. Es ist nicht ehe eine Anzahl von guten Dichtern aufgestanden, als bis ein großer Geist durch ein Meisterstück den Wetteifer erreget hat, Dusch. Der seltene und erhabene Geist, der kühn genug ist, sein Original selbst zu werden. Ein philosophischer Geist, ein Mann, der den Zusammenhang und die Ursachen der Dinge zu erforschen sucht. So auch die Zusammensetzungen Flattergeist, Schwindelgeist, Irrgeist u. s. f. 6. Die göttliche Natur Christi, im Gegensatze des Fleisches, oder der menschlichen; doch nur in einigen Stellen der Deutschen Bibel. Ein Sohn Gottes nach dem Geist, Joh. 1, 4. Und ist getödtet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist, 1 Petr. 3, 18. 7. Die dritte Person in der Gottheit, nicht um ihres geistigen Wesens, sondern um des Ausgehens willen von dem Vater und Sohne, welches in der heil. Schrift ein Aushauchen genannt wird. So wohl schlechthin der Geist, wie Matth. 4, 1, Marc. 1, 10; als auch mit allerley Beysätzen, da er in der Deutschen Bibel der Geist Gottes, der Geist des Herren, der Geist des Vaters, der Geist Christi u. s. f. am häufigsten aber der heilige Geist genannt wird. Figürlich werden in der Bibel auch wohl dessen Gaben und Wirkungen der Geist, der heilige Geist und zuweilen auch im Plural die Geister genannt. Die sieben Geister, Offenb. 1, 4, Und die Geister der Propheten sind den Propheten unterthan, Cor. 14, 32. 8. Ein jedes einfaches Wesen, welches die Kraft zu denken und zu wollen besitzet. 1) Überhaupt. Gott ist ein Geist. Die erschaffenen oder endlichen Geister, zum Unterschiede von Gott dem unerschaffenen oder unendlichen Geiste. Swedenborg glaubte in einem vertrauten Umgange mit den Geistern zu stehen. 2) Besonders verschiedene Arten derselben. So werden die Engel Hebr. 1, 7, Ps. 104, 4 nur schlechthin Geister genannt. Die guten Geister, die guten Engel, zum Unterschiede von den bösen, oder Teufeln. Im gemeinen Leben druckt man mit dem Worte Geist oft ein solches Wesen höherer Art aus, ohne eben zu bestimmen, ob es zu den guten oder bösen Geistern gehöre. Es lässet sich ein Geist sehen. ein Gespenst. Es ist ihm ein Geist erschienen.

Anm. In der 5ten, 7ten und 8ten Hauptbedeutung lautet es bey dem Kero Keist, im Isidor Gheist, bey dem Ottfried Keist und Geist, im Angels. Gast, im Nieders. Geest, im Holländ. Gheest, im Engl. Ghost, im Dän. Geist, im Schwed. Gast. In der Bedeutung eines Gespenstes leitet es Ihre sehr unwahrscheinlich von dem Engl. gastly, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, schrecklich, her. Im Plural lautet es bey dem Tatian Geista, und noch in dem 1483 gedruckten Buche der Natur die Geyst. Zu dem Geschlechte dieses Wortes gehöret auch das Nieders. gissen, muthmaßen, Schwed. gissa, Engl. to guess, Angels. gaetan, wovon unser vergessen abstammet, S. dasselbe.


Geisterlehre (W3) [Adelung]


Die Geisterlehre, plur. die -n, die Lehre von den Kräften der Geister, Pneumatologia, welche einen Theil der Weltweisheit ausmacht; ingleichen ein Buch, worin diese Lehre abgehandelt worden. S. Geist 5.


Geisterseher (W3) [Adelung]


Der Geisterseher, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Ein Schwärmer, welcher Geister zu sehen glaubt. 2) Ein Spottnahme eines prophetischen Theologen.


Geisterwelt (W3) [Adelung]


Die Geisterwelt, plur. inus. der Inbegriff aller erschaffenen Geister; die geistige Welt, im Gegensatze der Körperwelt.


Geisteskraft (W3) [Adelung]


Die Geisteskraft, plur. die -kräfte, eine jede Kraft, womit der menschliche Geist versehen ist; zum Unterschiede von den Leibeskräften. In engerer Bedeutung, die oberen Kräfte desselben, im Gegensatze der Gemüthskräfte.


Geistig (W3) [Adelung]


Geistig, -er, -ste, adj. et adv. 1. Geist habend, in verschiedenen Bedeutungen dieses Hauptwortes. 1) Viele flüchtige wirksame Theile habend, von verschiedenen Körpern. Ein geistiger Wein, ein geistreiches Wein; der viele flüchtige wirksame Theile hat. Die Scheidekunst ziehet aus groben irdischen Materien das Wirksame und Geistige heraus. 2) Witz, Scharfsinn, einen hohen Grad des Verstandes besitzend; in welcher Bedeutung es doch nur selten vorkommt. Wer nicht den Himmel fühlt, Nicht scharf und geistig ist, Opitz. S. Geist 5. 2. Was bloß aus Geist bestehet, ein bloß einfaches vernünftig denkendes Wesen hat, ingleichen was nur mit dem Verstande empfunden werden kann; im Gegentheile dessen was körperlich und sinnlich ist. Die geistige Welt, die intellectualische, im Gegensatze der körperlichen oder materiellen. Die Engel sind geistige Wesen. S. Geisterwelt. Geistige Empfindungen, im Gegensatze der sinnlichen. Eine geistige Liebe, welche nicht auf die Vergnügung der Sinne gerichtet ist. Geistige Schönheit. Daher die Geistigkeit, in der letzten Bedeutung.


Geistlich (W3) [Adelung]


Geistlich, adj. et adv. von dem Hauptworte Geist. 1) Aus Geist bestehend, ein bloß einfaches vernünftig denkendes Wesen habend, unkörperlich, wofür aber geistig üblicher ist. Die geistliche Beschaffenheit Gottes. - Das geistliche Wesen der Engel. Die Verklärten im Himmel haben einen geistlichen Leib. 2) * Den Geist, besonders den menschlichen Geist betreffend, demselben gemäß, in demselben gegründet, im Gegensatze dessen, was körperlich oder leiblich ist; in welcher weitern Bedeutung dieses Wort noch einige Mahl in der Deutschen Bibel vorkommt, im Hochdeutschen aber veraltet ist, wo man es 3) nur in engerer theologischer Bedeutung gebraucht, die ewige Wohlfahrt des menschlichen Geistes betreffend, darin gegründet, darauf abzielend. Geistliche Gaben, geistliche Güter, geistliche Dinge, der geistliche Segen. Ein geistliches Lied, im Gegensatze eines weltlichen. Das geistliche Leben, der von dem Geiste Gottes gewirkte Grund der rechtmäßigen Handlungen in dem Menschen. Die geistliche und ewige Wohlfahrt, im Gegensatze der leiblichen und zeitlichen. Der geistliche Tod. Die geistliche Vereinigung mit Gott u. s. f. 4) In noch engerer Bedeutung, was die Verrichtung des öffentlichen Gottesdienstes zur Beförderung der geistlichen Wohlfahrt betrifft, und dazu gehöret, kirchlich, gottesdienstlich; im Gegensatze des weltlich. In diesem Verstande werden alle diejenigen Personen, welche zum öffentlichen Gottesdienste bestellet sind, Geistliche genannt, obgleich in der engsten Bedeutung nur diejenigen diesen Nahmen führen, welche die Sacramente verwalten oder verwalten können, oder nach dem canonischen Rechte, welche zu gottesdienstlichen Handlungen eingeweihet worden. Der geistliche Stand, die Gesellschaft derjenigen Personen, welche zur Verrichtung des öffentlichen Gottesdienstes bestimmet sind. Die geistlichen Güter, welchen solchen Personen gehören. Das geistliche Recht, das canonische Recht. Das geistliche Gericht, im Gegensatze eines weltlichen.

Anm. In beyden Bedeutungen im Isidor gheistlichh, und bey dem Ottfried geislih. Kero gebraucht dafür noch atumlih.


Geistlichkeit (W3) [Adelung]


Die Geistlichkeit, plur. inus. 1) * Die geistliche, d. i. auf die Beförderung der ewigen Wohlfahrt gerichtete Beschaffenheit einer Person und Sache; eine im Deutschen veraltete Bedeutung, in welcher dieses Wort noch einige Mahl in der Deutschen Bibel vorkommt. Der nach eigner Wahl einher gehet, in Demuth und Geistlichkeit der Engel, Col. 2, 18. Welche haben einen in der Weisheit, durch selbst erwählte Geistlichkeit und Demuth, V. 23. In einer Oberdeutschen Schrift von 1497 wird es gleichfalls für Religion gebraucht. 2) Die sämmtlichen Geistlichen, d. i. zur Besorgung des öffentlichen Gottesdienstes bestellten Personen, als ein Collectivum. Die katholische, die evangelisch-lutherische, die reformirte Geistlichkeit. Die Geistlichkeit an der Domkirche.


Geistlos (W3) [Adelung]


Geistlos, -er, -este, adj. et adv. keinen Geist, wenig Verstand, Scharfsinn und Witz habend. Ein unempfindsamer und geistloser Mensch. Ingleichen kein Leben, Kraft und Nachdruck habend. Ein geistloses Gedicht. Geistlose Ausdrücke.


Geistlosigkeit (W3) [Adelung]


Die Geistlosigkeit, plur. inus. die Eigenschaft, da eine Person oder Sache geistlos ist.


Geistreich (W3) [Adelung]


Geistreich, -er, -ste, adj. et adv. reich an Geist, in einigen dieses Hauptwortes; geistvoll. Ein geistreicher Wein, der viele wirksame flüchtige Theile hat. Ein geistreicher oder geistvoller Pinsel, welcher kecke Pinseldrucke mit Freyheit am rechten Orte anzubringen weiß, und dadurch den Figuren Geist und Leben ertheilet. Ein geistreicher oder geistvoller Mahler. Ein geistreicher Mann, der vielen mit Witz verbundenen Scharfsinn besitzt. Ein geistreiches Gedicht. Zuweilen wird es auch von der mit Gründlichkeit oder lehrreichem Scharfsinn verbundenen Frömmigkeit gebraucht. Die geistreichen oder geistvollen Schriften eines Arnd, Tauleri u. s. f.


Geistvoll (W3) [Adelung]


Geistvoll, -er, -este, adj. et adv. welches wie das vorher gehende gebraucht wird.


Geitz (W3) [Adelung]


1. Der Geitz, des -es, plur. die -e, in der Landwirthschaft Ober- und Niederdeutschlandes, eine Benennung verschiedener Auswüchse des Pflanzenreiches. Besonders der an den Spitzen der fruchtbaren Zweige zwischen den Stielen der Blätter des Weinstockes hervor sprossenden Keime; ingleichen der Seitensprossen an den Tobakspflanzen, welche an dem Stängel zwischen dem Blatte in der Mitte hervor kommen, besonders wenn die größern abgebrochen worden; wie auch bey dem Türkischen Weitzen derjenigen Körner, welche sich in der obersten Spitze der Blüthstange ansetzen, und den übrigen Kolben den Saft und die Nahrung entziehen.

Anm. Obgleich die Abstammung dieses und des folgendes Wortes noch dunkel ist, so ist es doch nicht wahrscheinlich, daß es zu Geitz, avaritia, gehören sollte. Im Schwed. bedeutet Gödsel Zuwachs, Verbesserung, ingleichen Dünger von göda, verbessern, düngen, mästen, und god, gut. Vielleicht liegt hierin der Grund der Benennung, weil dergleichen Auswüchse aus überflüssiger Nahrung des Bodens herrühren. Oder gehöret es, wie wahrscheinlicher zu seyn scheinet, etwa zu gäten, Schwed. gäta, ausraufen, weil dergleichen Auswüchse gegeitzet, d. i. abgebrochen zu werden pflegen? S. 1 Geitzen.


Geitz (W3) [Adelung]


2. Der Geitz, des -es, plur. inus. bey den Schäfern und Jägern einiger Gegenden, eine schwarze und stinkende Salbe, womit man den Hunden die Räude zu vertreiben pfleget.


Geitz (W3) [Adelung]


3. Der Geitz, des -es, plur. car. 1) * Überhaupt eine jede unordentliche und heftige Begierde. Mordgeitig, mordgierig, in einem alten Gedichte in Eccards Script. Th. 2. In einer Oberdeutschen Urkunde von 1479 kommt der Heißhunger unter der Benennung des Geitzes vor, und bey dem Winsbeck und andern Dichtern seines Jahrhunderts ist Gite und Gitikeit eine jede heftige Begierde, Gierigkeit. Im Hochdeutschen ist es in dieser allgemeinern Bedeutung veraltet. 2) In engerer Bedeutung, die unordentliche Begierde, mehr zu haben, als man bedarf. Der Ehrgeitz, die unordentliche Begierde nach Ehre. Der Geldgeitz, nach Gelde, und in weiterer Bedeutung nach Eigenthum, welche Begierde Kaiserberg richtiger den Gutgeiz nennet. Außer den bereits angeführten Zusammensetzungen wird es im Hochdeutschen in dieser Bedeutung nur zuweilen in der höhern Schreibart gebraucht. Der Geitz nach Siegen, Gell. 3) In der engsten und gewöhnlichsten Bedeutung, die unordentliche Begierde, sein Eigenthum zu vermehren, und die Fertigkeit derselben. Dem Geitze ergeben seyn, dem Geitze nachhängen. Vom Geitze besessen seyn. Etwas aus Geitz thun. Die biblischen R. A. sich zum Geitze neigen, den Geitz treiben, den Geitz stellen, demselben ergeben seyn, mit Geitz durchtrieben seyn u. s. f. sind im Hochdeutschen ungewöhnlich. Genauigkeit, Eigennutz, Geitz, Kargheit, Filzigkeit; Habsucht u. s. f. werden im gemeinen Leben häufig für einander gebraucht, ob sie gleich eigentlich genau verschieden sind. S. diese Wörter.

Anm. Geitz druckt, wie schon gesagt worden, eigentlich eine jede heftige Begierde aus. Viele ältere und neuere Mundarten kennen statt des tz nur ein t ohne Zischlaut. Dergleichen ist das alte Oberdeutsche Gite, Gitikeit, noch im 15ten Jahrhunderte Geyttigkeit wofür Hans Sachs Geitzigkeit gebraucht, das Gothische bigitan, erwerben, das Dän. gide, verlangen. Es gehöret zu dem Geschlechte des Wortes gehren, begehren, und Gier. Frisch rechnet auch das Lat. hio, hieto, und das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, hierher. Im Lateinischen ist geidziu ich begehre, und geidulis gierig. Kero nennet den Geitz in der dritten Bedeutung Nefkiri, Ottfried Giri, Notker Frecchi, Frechheit, Kaisersberg aber den Grit, die Grittigkeit, die Holländer Gretigheyd, welches gleichfalls aus Gier gebildet ist.


Geitzen (W3) [Adelung]


1. Geitzen, verb. reg. act. in der Landwirthschaft, den Geitz an den Pflanzen abbrechen; S. 1. Geitz. Den Tobak geitzen. In Franken nennet man das Geitzen Weines auch verzwicken.


Geitzen (W3) [Adelung]


2. Geitzen, verb. reg. welches in doppelter Gattung üblich ist. 1. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben, geitzig seyn. 1) In der ersten und zweyten Bedeutung nur in der höhern Schreibart. Nach Ehre, nach Siegen, nach Erkenntniß geitzen; wo sich zuweilen der nachtheilige Begriff des Wortes Geitz verlieret. Der edlen Griechen gleich nach nichts als Ruhm gegeitzt, Haged. 2) In der dritten Bedeutung. Ein jeglicher geitzet für sich. Es. 56, 11. Denn sie geitzen allesammt; Jer. 6, 13. Wehe dem, der da geitzet zum Unglück seines Hauses! Hab. 3, 9. 2. Als ein Activum, durch Geitz erwerben, mit dem Nebenworte zusammen. Er hat ein großes Vermögen zusammen gegeitzet.

Anm. Im Nieders. gitzen. Im Angels. ist gytsian begehren. S. 3 Geitz, Anm.


Geitzhals (W3) [Adelung]


Der Geitzhals, des -es, plur. die -hälse, im gemeinen Leben, eine verächtliche Benennung eines geitzigen Menschen. Im Angels. Gytsere, im Nieders. Gitzer, Gieznauer, Gier, Giersmage, im Schwed. Girigbuk. In den gemeinen Sprecharten hat man eine Menge verächtlicher, zum Theil possierlicher Ausdrücke, einen Geitzhals zu bezeichnen. Dahin gehören das Nieders. Gorteteller, (Grützzähler,) Huzpott, von dem Goth. Huzd. ein Schatz, Näskensöcker, Näbekensöker, Neefke, (bey dem Ottfried ist Nefkiri der Geiß,) Luseknicker, Prüllker, Hüpennig, u. s. f. und die Hoch- und Niederdeutschen Erbsenzähler; Filz, Lauser, Knicker, Knauser, Pfennigfuchser u. s. f.


Geitzig (W3) [Adelung]


Geitzig, -er, -ste, adj. et adv. von dem Hauptworte 3 Geitz; Geitz habend, in dessen sämmtlichen Bedeutungen. 1) In der ersten und zweyten, von einer jeden heftigen, besonders unordentlichen Begierde. So heißt im Oberdeutschen ein geitziger Wolf so viel als ein gieriger oder freßbegieriger Wolf. Im Hochdeutschen ist es in dieser weitern Bedeutung nur noch in der höhern Schreibart üblich. Geitzig nach Ehre, nach Ruhm. Eitler Ehre geitzig seyn, Gal. 5, 26. Es trinken die Felder Geitzig das segnende Licht, das so wohlthätig sich ausgießt, Zach. Da wollt ich am murmelnden Bach von Freuden berauschet Stehn und geitzige Züge der Lüfte trinken, ebend. 2) Am häufigsten in der dritten Bedeutung des Hauptwortes, eine unordentliche Begierde besitzend, sein Eigenthum zu vermehren. Ein geitziger Mann. Ein Geitziger. Geitzig seyn, werden. Im Oberd. ehedem gitig, gritig, im Schwed. gnetig. Das im Hochdeutschen ungewöhnliche Hauptwort die Geitzigkeit kommt noch im Oberdeutschen, so wohl in weiterer als engerer Bedeutung vor.


Gekelter (W3) [Adelung]


Das Gekelter, des -s, plur. ut nom. sing. so viel als man auf Ein Mahl keltert. Ein ganzes Gekelter Wein.


Gekläffe (W3) [Adelung]


Das Gekläffe, des -s, plur. car. - ein anhaltendes oder wiederhohltes Kläffen. Kleine Bologneser Hündchen, die bey allen ihrem Gekläffe doch niemand beißen. S. Kläffen.


Geklämper (W3) [Adelung]


Das Geklämper, des -s, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Klämpern.


Geklapper (W3) [Adelung]


Das Geklapper, des -s, plur. car. das Klappren, besonders ein anhaltendes oder mehrmahliges Klappern. Mit frohem Geklapper Hebt sich der Storch vom dornichten Nest, Zach.


Geklatsch (W3) [Adelung]


Das Geklatsch, des -es, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Klatschen, im gemeinen Leben. Auch in der figürlichen Bedeutung des Wortes klatschen. Es ist ein bloßes Weiber-Geklatsch.


Geklingel (W3) [Adelung]


Das Geklingel, des -s, plur. car. ein anhaltendes oder mehrmahliges Klingeln. Die tönenden Schellen Füllen mit hohlem Geklingel die laut antwortenden Thäler, Zach.


Geklopf (W3) [Adelung]


Das Geklopf, des -es, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Klopfen.


Geknaupel (W3) [Adelung]


Das Geknaupel, des -s, plur. car. ein langes oder mehrmahliges Knaupeln. Das Geknaupel um mich herum währt nun beynahe eine Stunde, sagt Lottchen bey Herrn Weiße, zu den Kammerfrauen die sie anputzen. S. Knaupeln.


Gekrach (W3) [Adelung]


Das Gekrach, des -es, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Krachen.


Gekrätz (W3) [Adelung]


Das Gekrätz, des -es, plur. von mehreren Arten und Quantitäten, die -e, alles was unter den Händen der Künstler von den Metallen abgehet, die Krätze. Besonders im Bergbaue, was bey dem Schmelzen der Erze abspringet, und hernach zusammen gelesen, gereiniget und zu gute gemacht wird. S. Krätze.


Gekrätzschmelzer (W3) [Adelung]


Der Gekrätzschmelzer, des -s, plur. ut nom. sing. im Hüttenbaue, der das Gekrätz ausschmelzet und zu gute macht.


Gekrätzwäscher (W3) [Adelung]


Der Gekrätzwäscher, des -s, plur. ut nom. sing. im Hüttenbaue, ein Hüttenwäscher, welcher das Gekrätz wäschet, pochet und zum Schmelzen zubereitet.


Gekreisch (W3) [Adelung]


Das Gekreisch, des -es, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Kreischen. So gebraucht es Uz als eine verächtliche Benennung des Klanges der Posaunen.


Gekritzel (W3) [Adelung]


Das Gekritzel, des -s, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Kritzeln. Auch figürlich im verächtlichen Verstande, eine schlecht, unleserlich geschriebene Schrift. S. Kritzeln.


Gekröppte (W3) [Adelung]


Das Gekröppte, des -n, plur. inus. S. Kröppen.


Gekröse (W3) [Adelung]


Das Gekröse, des -s, plur. ut nom. sing. ein jedes aus krausen Falten bestehendes Ding. In diesem Verstande nennet man die runden krausen Kragen, welche jetzt nur noch an einigen Orten die Prediger tragen, das Gekröse. Am häufigsten führet diesen Nahmen die doppelte, fette, mit vielen Falten versehene Haut mitten in den Gedärmen, Mesenterium, Meseraeum, der Gekrösmantel, da man denn in weiterer Bedeutung, beson- ders in den Küchen, auch das kleine krause Gedärm, ja zuweilen auch den Magen mit darunter zu verstehen pfleget; das Geschlinge, das Inster, besonders von den Kälbern, das Kälbergekröse, oder Kalbskröse, in Baiern das Wöst oder West, der Kressen oder die Kresse, welches letztere eine verderbte Aussprache des Wortes Krös oder Kröse ist, wie es in einigen Gegenden auch noch lautet, In dem Ausdrucke Gänsegekröse bedeutet dieses Wort sehr uneigentlich den Magen, das Herz, die Leber, die Flügel und Füße einer Gans.

Anm. Im Dän. heißt das Gekröse Kros, Kraase, im Böhm. Okruzy, im Schwed. Kras. Im Nieders. ist Kroos, Kröse, ein Kragen. S. Krause. Das e am Ende des Wortes Gekröse ist das e euphonicum, welches um der gelinden Aussprache des s willen nothwendig ist. Härtere Mundarten sprechen das Gekrös.


Gekrösader (W3) [Adelung]


Die Gekrösader, plur. die -n, in der Anatomie, ein Ast der Pfortader, welcher zwischen der Haut des Gekröses gegen die Därme geht und sich wieder in viele Zweige zertheilet; Vena mesenterii.


Gekrösdrüse (W3) [Adelung]


Die Gekrösdrüse, plur. die -n, eben daselbst, die in dem Gekröse befindlichen Drüsen; Glandulae mesenterii. Die große Gekrösdrüse, Pancreas, in welcher alle Milchadern aus den Därmen zusammen kommen.


Gekrösfell (W3) [Adelung]


Das Gekrösfell, des -es, plur. die -e, oder die Gekröshaut, plur. die -häute, die Haut, aus welcher das Gekröse bestehet.


Gekrösmantel (W3) [Adelung]


Der Gekrösmantel, des -s, plur. die -mäntel, S. Gekröse.


Gekröspulsader (W3) [Adelung]


Die Gekröspulsader, plur. die -n, ein Ast der großen Pulsader, welche durch das Gekröse gehet; Arteria mesenterii oder meseraica.


Gelach (W3) [Adelung]


1. Das Gelach, des -es, plur. die -e, im Oberdeutschen und bey den Jägern für das Hochdeutsche Lache, ein Sumpf, besonders ein solcher, worin sich die Hirsche und wilden Schweine abzuführen pflegen, und auch eine Sulache, eine Sohle, ein Sudel oder Prudel genannt wird.


Gelach (W3) [Adelung]


2. Das Gelach, des -es, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Lachen.


Gelächter (W3) [Adelung]


Das Gelächter, des -s, plur. inus. ein laut schallendes, starkes Lachen. Es erhebt sich ein Gelächter. Ein Gelächter aufschlagen, erheben, aus vollem Halse lachen. Ihr schadenfrohes Gelächter schärfte den Schmerz, den ich empfand. Ingleichen, der Gegenstand eines solchen Gelächters. Andern zum Gelächter werden, von ihnen verlacht werden. Sich zum Gelächter machen. Seine närrische Eitelkeit wird ihn noch oft zum Gelächter machen, Sonnenf.

Anm. Bey dem Kero lautet dieses Wort Hlahtre und Hlatre, im Angels. Hleahtor, im Engl. Laughter, im Dän. Latter, im Schwed. Lat, Latr, im Isländ. Hlatr, im Holländ. Lach. S. Lachen.


Gelag (W3) [Adelung]


Das Gelag, des -es, plur. die -e. 1) * Eine jede Gesellschaft, deren Glieder durch gemeinschaftliche Gesetze mit einander verbunden sind. In dieser im Hochdeutschen unbekannten Bedeutung scheinet es noch im Oberdeutschen üblich zu seyn. Wenigstens nennt Abt, ein Schwabe, kleine Republiken, kleine Gelage. 2). Eine Gasterey, ein Schmaus, der auf gemeinschaftliche Kosten ausgerichtet wird, eine Zeche, im gemeinen Leben, und von dergleichen Schmäusen geringer Personen, wo es oft auch, besonders in Niedersachsen, von einer jeden Gasterey, ingleichen von einer Trinkgesellschaft üblich ist. Wie es in solchen Gelagen zu gehen pfleget. Man hört - In jeglichem Gelach (Gelag) von deinen Gaben singen, Opitz. Der weniger in die Gelache (Gelage) Als auf den Berg der Musen reist, Günth. Das Gelag bezahlen müssen, für andere bezahlen, und in weiterer Bedeutung, für andere büßen, anderer Schuld tragen müssen. Und hab auch oft das Glach bezahlt, Hans Sachs. Ins Gelag hinein reden oder schwatzen, unbesonnen, ohne Überlegung, wie in den gemeinen Trinkgesellschaften zu geschehen pflegt.

Anm. Im Nieders. Gelag, Gelack, Lag. Im Dän. bedeutet Laug eine Zunft, Innung. Das einfache Lag hatte ehedem sehr vielerley Bedeutungen, welche sich in dem Schwed. Lag noch finden. Es bedeutete ein Gesetz, einen Vertrag eine Zusammenkunft, eine Gesellschaft, einen Schmaus, und endlich auch einen Eid; alles, so fern legen ehedem auch festsetzen, beschließen, verordnen bedeutete. S. Auflage 1, 5, und Legen. Man siehet hieraus zugleich, daß dieses Wort am Ende ein g und nicht ein ch erfordert.


Gelahrtheit (W3) [Adelung]


* Die Gelahrtheit, plur. inus. ein veraltetes Wort für welches Gelehrsamkeit im Hochdeutschen üblicher geworden ist. Es blies sich einer auf und sprach, Ich gehe der Gelahrtheit nach, Lichtw. Viele behalten es noch in den Titeln bey, besonders in den Zusammensetzungen Gottesgelahrtheit, Rechtsgelahrtheit, Arzeneygelahrtheit. Es ist von dem alten Oberdeutschen Mittelworte gelahrt für gelehrt. Gelehrtheit, welches einige dafür gebrauchen, ist freylich der Hochdeutschen Mundart angemessener; allein da Gelehrsamkeit in diesem Verstande nun einmahl allgemein ist, so kann man es gar wohl entbehren.


Gelände (W3) [Adelung]


* Das Gelände, des -s, plur. ut nom. sing. ein Oberdeutsches im Hochdeutschen ungewöhnliches Wort für Land, Länderey. Das Gut hat 148 Morgen Gelände, d. i. Länderey, an Acker, Weide und Gehölz. Ein schönes fruchtbares Geländ, Bluntschli, für Land. Bey dem Notker Gelende.


Geländer (W3) [Adelung]


Das Geländer, des -s, plur. ut nom. sing. ein erhöhetes Werk, theils das Herunterfallen anderer Körper zu verhüthen, und sich daran zu lehnen, theils auch Gewächse daran zu befestigen, damit sie von dem Winde nicht umgeworfen werden. In der Baukunst ist das Geländer eine Lehne, welche von einer Reihe kleiner ausgezierter Pfeiler unterstützt wird, und um ein Dach, vor einem Balcon-Fenster, an den Treppen u. s. f. angebracht wird. Eine Brücke bekommt an den Seiten ein Geländer damit niemand in den Fluß falle, und in gleicher Absicht wird zuweilen auch ein Brunnen mit einem Geländer umgeben. Das Gerüst von schwachen Latten oder Stangen in den Gärten und Weinbergen, woran man die Weinstöcke, und andere Gewächse befestiget, ein Spallier, heißt gleichfalls ein Geländer.

Anm. Gemeiniglich leitet man dieses Wort mit Wachter von lehnen ab, weil doch das Anlehnen die Hauptabsicht eines Geländers ist. Wenn diese Abstammung gewiß wäre, so würde man der zweyten Sylbe richtiger ein e als ein ä geben. Allein, wenn man den Gebrauch dieses Wortes in den verwandten Sprachen und Mundarten erwäget, so wird die Abstammung von lehnen ziemlich unwahrscheinlich. Im Nieders. heißt ein Geländer Land, Läne, Glind, im Holländ. Glend, in der Schweiz Lander, in anderen Oberdeutschen Gegenden Lande, Lende, im mittlern Lat. Glandis. Im Mecklenburg. ist Glinde nicht nur ein breternes Geländer, sondern auch die Flügel einer Windmühle und ähnliche breterne Arbeiten. Fronsberg zählet die Landen, Lunden und Latten unter das Zimmerholz, welches in einem Zeughause vorräthig seyn soll. Es scheinet daher, daß dieses Wort zu dem Deutschen Latte, oder nach dem Frisch mit Lende zu dem Lat. Latus, die Seite, gehöret, wo das n, wie in vielen andern Fällen nur um des Wohllautes willen eingeschaltet worden. Indessen verdienen auch das Schwed. und Isländ. Linda, das Holländ. Lint, ein Gürtel, eine Binde, in Betrachtung gezogen zu werden. Die Sylbe Ge hat hier eine collective Bedeutung, und zeiget an, daß ein Geländer aus mehrern einzelnen Stücken bestehe, wodurch es denn von einer Lehne an einem Stuhle u. s. f. hinlänglich unterschieden ist, ungeachtet in den gemeinen Sprecharten Lehne auch häufig von einem Geländer gebraucht wird.


Geländerdocke (W3) [Adelung]


Die Geländerdocke, oder Geländersäule, plur. die -n, in der Baukunst, die kleinen Docken und Säulen, welche das Geländer unterstützen und ausmachen helfen.


Geländerfenster (W3) [Adelung]


Das Geländerfenster, des -s, plur. ut nom. sing. in der Baukunst, ein mit dem Geländer verwandtes und zum hinaus treten eingerichtetes Fenster; ein Balcon-Fenster.


Gelänge (W3) [Adelung]


Das Gelänge, des -s, plur. ut nom. sing. in der Landwirthschaft, ein jedes Stück Feldes von beträchtlicher Länge. In engerer Bedeutung wird ein Stück Acker von unbestimmter Länge, welches aber viele Ruthen breit ist, ein Gelänge genannt; zum Unterschiede von einer Dreygerte, einem Strichel, und einem Sottel. S. diese Wörter, Eben dieses scheinet auch das mittlere Lat. Furlongus zu bedeuten.


Gelangen (W3) [Adelung]


Gelangen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort seyn erfordert. 1. * Eigentlich an etwas langen, d. i. reichen, sich bis dahin erstrecken, mit dem Vorworte an; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Daß dieselbe Gränze - gelange am Dorf Adar, (an das Dorf,) 4. Mos. 34, 4. Wenn große Wasserfluthen kommen, werden sie nicht an dieselbigen gelangen, Pf. 32, 6. Figürlich. 1) An einem Orte gegenwärtig werden, daselbst ankommen, mit den Vorwörtern an und zu. Stehet still bis wir an euch gelangen, 1. Sam. 14, 9. Am häufigsten von der Ankunft aus einem entfernten Orte. An einen Ort gelangen, zu demselben gelangen. Im Hochdeutschen wird es auch in dieser Bedeutung nur selten gebraucht, weil in den meisten Fällen anlangen üblicher ist. 2) Eine Bitte an jemanden gelangen lassen, sie vor ihm, an ihn bringen; eine den Kanzelleyen sehr geläufige Redensart. Darum gelanget an Ew. Majestät unsere demüthigste Bitte u. s. f. Wird aber euch eine Sache zu hart seyn, die lasset an mich gelangen, 5. Mos. 1, 17, traget sie mir vor, bringet sie an mich. Ihrer drey ließen den Handel vor ihn, (den König) gelangen, daß er darin sollte Urtheil sprechen, 1 Marc. 4, 44. 3) Jemandes Eigenthum werden; am häufigsten im Oberdeutschen. Im Halljahr soll er (der Acker) wieder gelangen an denselben, von dem er ihn gekauft hat, 3 Mos. 27, 24. 4) Durch Bemühung erhalten, erlangen, mit dem Vorworte zu, in welcher Bedeutung es im Hochdeutschen am üblichsten ist. Zu seinem Ziele, zu seinem Zwecke gelangen. Zu einer Würde, zu einem Amte gelangen. Hier gelangen wir dazu nicht. Durch die Länge der Zeit zu einer großen Erfahrung gelangen. Zur Erkenntniß Gottes, zu tugendhaften Empfindungen des Herzens gegen Gott gelangen. Auch ohne den Nebenbegriff der Bemühung. Zur Reife gelangen, reif werden. So auch die Gelangung.

Anm. Schon Ottfried gebraucht gilangon für erlangen. Es ist das durch den Oberdeutschen Hauchlaut ge zu verlängerte Zeitwort langen, welches in mehreren Zusammensetzungen für kommen gebraucht wird. Luther gebraucht es 2 Cor. 10, 14 mit dem Hülfsworte haben, welches aber wider der Hochdeutschen Sprachgebrauch ist.


Geläpp (W3) [Adelung]


Das Geläpp, des -es, plur. die -e, bey den Jägern, die Ohren der Hunde, als ein Collectivum; das Gehänge. S. Belappen und Lappen.


Gelärm (W3) [Adelung]


Das Gelärm, des -es, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Lärmen. Sich dem eiteln Gelärme der Welt entziehen, Zimmerm.


Gelaß (W3) [Adelung]


Der Gelaß, des -sses, plur. inus. von dem Zeitworte lassen. 1) Der Raum, wo man Dinge lassen kann; in engerer und gewöhnlicher Bedeutung, die Bequemlichkeit eines Hauses oder Gebäudes in Ansehung eines Raumes. Ich habe Gelaß genug in meinem Hause. Das Haus hat wenig, viel Gelaß. Ein Haus mit dem besten Gelasse. Nieders. Laatje. 2) Dasjenige, was ein Verstorbener nachläßt oder verlässet, dessen Nachlaß; im Oberdeutschen wo es zugleich ein allgemeiner Ausdruck ist, welcher die verschiedenen besondern Arten des Nachlasses unter sich begreift. In engerer Bedeutung ist Gelaß dasjenige, was der Eigenthumsherr von dem Nachlasse eines Leibeigenen bekommt, da es denn den Gewandfall und den Hauptfall unter sich begreift, oft aber auch für eines von beyden, ingleichen für das Recht diesen Nachlaß zu fordern, gebraucht wird. Anm. So fern lassen auch für aussehen, von der äußern Gestalt, und der Art, wie dieselbe in die Augen fällt, gebraucht wird, bedeutet das Gelaß, bey den Schwäbischen Dichtern Gelesse, im Nieders. Gelaat, auch die äußere Gestalt einer Person und Sache, besonders der erstern; in welchem Verstande es aber im Hochdeutschen ungewöhnlich ist.


Gelassen (W3) [Adelung]


Gelassen, -er, -ste, adj. et adv. welches eigentlich das Mittelwort des Zeitwortes lassen, sich leidentlich gegen etwas verhalten, ist, aber doch wie ein eigenes Bey- und Nebenwort gebraucht wird. 1) In der weitesten Bedeutung, sich leidentlich verhaltend; in welcher es aber wenig gebraucht wird. 2) In engerer Bedeutung, von heftigen Leidenschaften frey. Hören sie mich doch gelassen an. Können sie denn nicht gelassen mit mir reden? Eine sehr gelassene Miene. Ich hoffte, diese Nachricht sollte ihm eine außerordentliche Freude verursachen; allein er blieb sehr gelassen dabey. Er ist der gelassenste Mann von der Welt. 3) In noch engerer Bedeutung, die Unlust über ein bemerktes Übel mäßigend und diese Mäßigung an den Tag legend; in welchem Verstande es oft mit geduldig und zufrieden als gleichgültig gebraucht wird, genau zu reden aber noch davon unterschieden ist. S. Gelassenheit. Ein gelassenes Gemüth. Sein Leben dem gelassen zurück geben, von dem man es empfangen hat, Gell.


Gelassenheit (W3) [Adelung]


Die Gelassenheit, plur. car. von dem vorigen Worte, 1) Die Fertigkeit, sich leidentlich bey einer Sache zu verhalten. Ich bleibe gar zu gern in meiner Gelassenheit, sagt Orgon beym Gellert. 3) Die Abwesenheit starker Leidenschaften, und die Fertigkeit, sie zu vermeiden. Sie reden sehr hitzig; dennoch werde ich nicht aus meiner Gelassenheit kommen, Gell. 3) Die Mäßigung der Unlust über ein empfundenes Übel, und in der engsten Bedeutung, wo die Gelassenheit noch von der Geduld verschieden, ist die Mäßigung der Unlust über den bemerkter Mangel eigener Wohlfahrt. Die Gelassenheit in Widerwärtigkeiten. Rühret sie aus der Betrachtung der Hinlänglichkeit seines Zustandes zu seiner Wohlfahrt her, so wird sie Zufriedenheit.


Gelauf (W3) [Adelung]


Das Gelauf, des -es, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Laufen.


Geläufig (W3) [Adelung]


Geläufig, -er, -ste, adj. et adv. welches nur in der figürlichen Bedeutung des Zeitwortes laufen üblich ist, geübt, eine aus der Übung erlangte Fertigkeit zu bezeichnen. Eine geläufige Hand haben, im Schreiben. Sie fuhr in diesem Tone mit einer überaus geläufigen Zunge fort. Ein sehr geläufiges Gedächtnis haben.


Geläufigkeit (W3) [Adelung]


Die Geläufigkeit, plur. inus. der Zustand einer Sache, da sie, oder da ihr etwas geläufig ist. Die Geläufigkeit ihrer Zunge stürzt alles vor sich heraus, was ihr in den Sinn kommt.


Gelaut (W3) [Adelung]


Das Gelaut, des -es, plur. inus. bey den Jägern, besonders Oberdeutschlandes, das Bellen der Hunde, S. Laut.


Geläut (W3) [Adelung]


Das Geläut, des -es, plur. die -e, von dem Zeitworte läuten. 1) Das Läuten mit Glocken oder Schellen, der dadurch verursachte Schall; ohne Plural. Das Trauergeläut, das Läuten der Glocken zum Zeichen der Trauer. Das Geläut bezahlen. Das Schellengeläut, oder auch nur das Geläut, der Klang der Schellen an einem Schellenschlitten. 2) Die Glocken oder Schallen selbst, als ein Collectivum. Diese Kirche hat ein schönes Geläut.

Anm. Schon bey den Schwäbischen Dichtern bedeutet Gelut den Klang. Do ich erhorte das susse Gelut Von den megden sin, Herzig Johannes von Brabant. von dem Klange der Stimme.


Gelb (W3) [Adelung]


Gelb, -es, -ste, adj. et adv. eine Benennung einer sehr lichten Hauptfarbe, welche bey der Brechung des Lichtstrahles durch das Prisma zwischen der rothen und grünen Farbe zum Vorscheine kommt. Die verschiedenen Abänderungen dieser Farbe werden durch allerley Zusammensetzungen Ausgedruckt; S. Goldgelb, Schwefelgelb, Strohgelb, Rauschgelb, Quittengelb, Wachsgelb u. s. f. Das Gelbe vom Eye, oder in dem Eye, der Dotter. Die gelbe Sucht, S. Gelbsucht. Es wird mir grün und gelb vor den Augen, im gemeinen Leben, wo man auch die von der Sonne verbrannte Haut des Gesichts und der Hände gelb zu nennen pflegt. Anm. In den gemeinen Mundarten Ober- und Niederdeutschlandes lautet dieses Wort gäl, gel, welches letztere mehrmahls in der Deutschen Bibel vorkommt; im Dän. guul, im Engl. yellow, im Ital. giallo, im Schwed. gul, im Isländ. gulur, im Angels. gealuve, im Span. jalde, im Franz. jaune, im Pohln. zolty, im Lat. giluus und heluus, im mittlern Lat. elvus, faluus, giallus, im Wallachischen galbenu, bey den Schlesischen Bauern gallosch. Im Griech. bedeutet - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, glänzen, und im Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - grün seyn. S. Gelf, Gold und Gilbe.


Gelbammer (W3) [Adelung]


Die Gelbammer, plur. die -n, eine Benennung, welche an einigen Orten auch die Ammer, wegen ihrer Schönen gelben Brust führet; Nieders. Geelemmerken. S. Ammer und Goldammer.


Gelbbeere (W3) [Adelung]


Die Gelbbeere, plur. die -n. die gelben Beeren derjenigen Art Kreuzdornes, welche in den wärmern Ländern Europens wächset; Rhamnus infectorius L. Sie werden in Avignon getrocknet, da sie denn in Frankreich Graines d'Avignon heißen, und von den Mahlern zur gelben Farbe gebraucht werden.


Gelbbein (W3) [Adelung]


Das Gelbbein, des -es, plur. die -e, oder das Gelbbeinchen, des -s, plur. ut nom. sing. eine Art Strandläufer mit gelben Füßen, welche in den Küchen mit unter die Schnepfen gerechnet wird; an andern Orten Gelbfuß, Schmiering, Glareola III. Klein und Schwenkf.


Gelbbraun (W3) [Adelung]


Gelbbraun, adj. et adv. braun, welches in das Gelbe fällt.


Gelbbrüstchen (W3) [Adelung]


Das Gelbbrüstchen, Oberd. Gelbbrüstel, des -s, plur. ut nom. sing. ein Vogel, der zu den Nachtigallen oder Grasmilcken gehöret, eine gelbe Brust und gelben Hals und dunkelbraunen Kopf und Rücken hat, und in Bahama einheimisch ist; Luscinia pectore flavo, Klein.


Gelben (W3) [Adelung]


Gelben, verb. reg. act. welches nur im gemeinen Leben einiger Gegenden üblich ist, gelb machen, wofür einige auch gilben sagen. Der Safran gelbt oder gilbt stark.


Gelbfink (W3) [Adelung]


Der Gelbfink, des -en, plur. die -en, S. Goldammer.


Gelbfuß (W3) [Adelung]


Der Gelbfuß, des -es, plur. die -füße, S. Gelbbein.


Gelbgießer (W3) [Adelung]


Der Gelbgießer, des -s, plur. ut nom. sing. ein Handwerker, welcher allerley Geräth aus Messing gießet; Nieders. Geelgeter, der an andern Orten auch Rothgießer genannt wird, S. dieses Wort.


Gelbgrün (W3) [Adelung]


Gelbgrün, adj. et adv. eine in das Gelbe fallende grüne Farbe zu bezeichnen.


Gelbholz (W3) [Adelung]


Das Gelbholz, des -es, plur. inus. S. Färberbaum 2.


Gelbing (W3) [Adelung]


Der Gelbing, des -es, plur. die -e, auf den Schiffen, der Raum über dem Ruder, von dem Heckebalken an bis an das Schnitzwerk.


Gelbkopf (W3) [Adelung]


Der Gelbkopf, des -es, plur. die -köpfe, ein in Bengalen befindlicher Sperling mit gelben Kopfe, dunkelbraunen Schnabel, schwarzen Rücken, bunten Flügeln, und weißen Bauche; Passer Bengalensis Klein.


Gelblich (W3) [Adelung]


Gelblich, -er, -ste, adj. et adv. ein wenig gelb, dem Gelben ähnlich; im gemeinen Leben gilblich, Nieders. gellich, gesich, gösig. Gelblichbraun, eine braune Farbe, welche ein wenig in das Gelbe fällt. So auch gelblichroth, gelblichgrün u. s. f.


Gelbling (W3) [Adelung]


Der Gelbling, des -es, plur. die -e, S. Goldammer.


Gelbnase (W3) [Adelung]


Die Gelbnase, plur. die -n, eine Art der Strandläufer, welche an Farbe einer Birkhenne gleicht, schwarze Füße und einen gelben Schnabel hat; Glareola Aegocephalus Klein.


Gelbreif (W3) [Adelung]


Gelbreif, adj. et adv. welches in der Landwirthschaft besonders von der Gerste gebraucht wird, wenn sie ihre angehende Riefe durch die gelbe Farbe verräth; wo man auch das Hauptwort die Gelbreife hat. Die Gerste muß in der Gelbreife gehauen werden, ehe sie überständig wird.


Gelbroth (W3) [Adelung]


Gelbroth, adj. et adv. eine in das Gelbe fallende rothe Farbe zu bezeichnen.


Gelbschecke (W3) [Adelung]


Die Gelbschecke, plur. die -n, ein Pferd, welches auf einem weißen Grunde gelbe oder gelbliche Flecken hat. S. Schecke.


Gelbschnabel (W3) [Adelung]


Der Gelbschnabel, des -s, plur. die -schnäbel, eigentlich ein Vogel mit einem gelben Schnabel. Besonders und zum Theil figürlich. 1) Eine Art Königsfischer oder Eisvögel mit gelben Schnabel und Füßen und bunten Federn; Ispida rostro luteo Klein. 2) Eine Art Adler mit goldgelben Schnabel und Füßen, einem grauweißen Kopfe, eisenfarbigen Leibe, und einer Menge haarichter Federn zwischen dem Schnabel und den Augen; Aquila Pygargus Klein. 3) Ein jeder junger Vogel, der noch einen gelben Schnabel hat, und sein Futter mit offenem Maule erwartet, im gemeinem Leben; Nieders. Jaansnabel. 4) Figürlich, in verächtlichen Verstande, ein junger, unerfahrner Mensch, ein naseweiser Jüngling ohne Erfahrung; Nieders. Jaansnabel, Snappsnute, Rappsnabel, von rapp, gelb, ( S. Repphuhn,) Witbeck, Wittkavel, in Baiern Fleschmal, gleichsam Fleischmaul, d. i. unbärtig, ein Milchbart, Franz. Bejaune, im mittlern Lat. Beanus, im Engl. Bill-white, Weißschnabel, im Schwed. Golben, Gelbbein.


Gelbschopf (W3) [Adelung]


Der Gelbschopf, des -es, plur. die -e. 1) Eine Art Amerikanischer Baumkletten, von gelber Farbe, mit hellblauen Fluchtfedern und einem gelben Schopfe; Falcinellus Rubetra Klein. 2) Eine Art wilder Anten mit einem schönen gelben Schopfe oder Federbusche, mit weißgrauem Rücken und schwarzgrauem Halse und Brust; Anas cristata flavescens Klein.


Gelbsteiß (W3) [Adelung]


Der Gelbsteiß, des -es, plur. die -e, eine Art Nachtigallen oder Grasmücken von dunkelbrauner Farbe mit gelben Steiße; Luscinia uropygio luteo Klein.


Gelbsucht (W3) [Adelung]


Die Gelbsucht, plur. car. 1) Eine Krankheit bey Menschen, Icterus, S. Gallensucht. 2) Eine Krankheit verschiedener Thiere, sonderlich der Pferde, des Rindviehes, und der Schafe, wobei das Weiße im Auge, die Lippen und das Zahnfleisch eine gelbliche Farbe annehmen. Sie ist mehr ein hitziges Gallenfieber, als das, was man bey Menschen die Gelbsucht nennet. 3) Bey den Gärtnern auch eine Krankheit der Bäume, wenn die Blätter vor der Zeit gelb werden, welches von allzu großer Fettigkeit des Bodens herrühren soll.


Gelbsüchtig (W3) [Adelung]


Gelbsüchtig, adj. et adv. mit der Gelbsucht behaftet.


Gelbwurz (W3) [Adelung]


Die Gelbwurz, plur. inus. S. Curcuma.


Geld (W3) [Adelung]


Das Geld, des -es, plur. von mehreren Summen, die -er. 1) Gemünztes Metall, so fern es das Maß des Werthes der Dinge im Handel und Wandel ist; ingleichen eine bestimmte Qualität dieses Metalles. Geld münzen, prägen, schlagen. Schlechtes Geld, gutes Geld, schweres Geld, leichtes Geld, falsches Geld. Hartes oder grobes Geld, größere Stücken Geldes, zum Unterschiede von kleinem Gelde oder einzelnen Gelde. Ein Stück Geld, eine Summe Geldes. Das ist nicht mit Geld zu bezahlen. Geld schaffen, aufbringen. Sein Geld austhun, gut anlegen, verschwenden, durchbringen, verthun. Bares Geld, vorräthiges Geld, so wie es in Handel und Wandel genutzt werden kann, und in den Rechten oft nur Geld schlechthin genannt wird, zum Unterschiede von den Medaillen oder Münzen und ausstehenden Capitalien. Jemanden ums Geld bringen. Viel Geld unterschlagen. Geld bey sich tragen. Etwas zu Gelde machen, es ins Geld setzen es für bares Geld verkaufen. Ich bin heute nicht bey Gelde, habe kein bares Geld vorräthig. Man kann doch etliche Thaler Geld damit verdienen. Einem andern Geld vorschießen, leihen, vorstrecken. Jemanden um Geld, oder am Gelde strafen. Für sein Geld leben, zehren, auf eigene Kosten. Das hat mir viel Geld gekostet. Für Geld ist alles feil. Sechs Thaler an Gelde, an barem Gelde. Kein Geld achten. Geld aus einer Waare lösen. Die Gelder gehen nicht ein. Vieles Geld verdienen. Es ist kein Geld unter den Leuten. Das Geld roulliret, oder circuliret, wenn es nach einem guten Verhältnisse unter den Einwohnern eines Landes vertheilet ist. Geld und Gut, bares Geld und andere Arten des Eigenthumes, welche man auch Geld und Gelddeswerth zu nennen pflegt. Geld über Geld (viel Geld, eine Geldsumme über die andere) für etwas geben, auf etwas biethen. Ums halbe Geld verkaufen, für den halben Preis. 2) Figürlich, Reichthum, Vermögen, weil das Geld das Zeichen des Reichthums ist; im gemeinen Leben. Der Mann hat Geld, er hat Vermögen, ist reich. Es ist niemahls gut, wenn die Kinder wissen, daß die Ältern Geld haben.

Anm. Geld, Nieders. Gelt, stammet von gelten ab, und sollte daher billig mit einem t geschrieben werden, welche Schreibart man in den ältern Oberdeutschen Schriften sehr häufig findet. Vermöge seiner Abstammung bedeutete es ehedem nicht nur Zahlung, Bezahlung, sondern auch die Ersetzung, Erstattung, Vergeltung. Des sol ich ze gelte chomen, ich soll den Ersatz dafür bekommen, Chriemhilden Rache, Str. 16. Der uibel tuot vindet wol Gelte als er von rehte sol, Fabeln der Schwäb. Dich. Fab. 35. Vnd ist daz ain man stirbet und gelten sol, und hat hinder im nicht gelauzzen da sin wib oder ander sin erben von gelten mugen die sulen des geltez (der Bezahlung, der Schuld) ledig sin, Schwabensp. Kap. 10. S. Gelten und Schuld.


Geldarm (W3) [Adelung]


Geldarm, -ärmer, -ärmste, adj. et adv. arm an barem Gelde.


Geldausgabe (W3) [Adelung]


Die Geldausgabe, plur. die -n, eine Ausgabe in barem Gelde, Nothwendigkeit bares Geld ausgeben zu müssen. Viele Geldausgaben haben.


Geldbegierde (W3) [Adelung]


Geldbegierde, plur. inus. die Begierde, oder heftige Neigung, Geld zu erwerben. Die Geldgierde druckt einen höhern, alle Mahl unordentlichen Grad dieser Begierde aus.


Geldbegierig (W3) [Adelung]


Geldbegierig, -er, -ste, adj. et adv. Geldbegierde besitzend, verrathend. Geldgierig, wenn solches in hohem Grade Statt findet.


Geldbeutel (W3) [Adelung]


Das Geldbeutel, des -s, plur. ut nom. sing. ein Beutel, Geld darin zu verwahren.


Geldbürge (W3) [Adelung]


Der Geldbürge, des -n, plur. die -n, derjenige, welcher für eine Summe Geldes Bürge wird.


Geldbuße (W3) [Adelung]


Die Geldbuße, plur. die -n, eine Buße oder Strafe, welche im Gelde entrichtet wird; die Geldstrafe.


Geldeinnahme (W3) [Adelung]


Die Geldeinnahme, plur. die -n, die Einnahme baren Geldes, die Handlung, da man bares Geld einnimmt, zum Unterschiede von der Fruchteinnahme u. s. f.


Gelderrose (W3) [Adelung]


Die Gelderrose, plur. die -n, S. Holderrose.


Geldforderung (W3) [Adelung]


Die Geldforderung, plur. die -en. 1) Die Handlung, da man Geld von dem andern fordert, d. i. als ein Recht begehret. 2) Die Geldsumme selbst, welche man auf solche Art fordert.


Geldgeitz (W3) [Adelung]


Der Geldgeitz, des -es, plur. car. der Geitz, d. i. unordentliche Begierde, Geld, und in weiterer Bedeutung auch Reichthum zu erwerben, S. 3 Geitz.


Geldgeitzig (W3) [Adelung]


Geldgeitzig, -er, -ste, adj. et adv. Geldgeitz besitzend, Geldgeitz verrathend.


Geldgier (W3) [Adelung]


Die Geldgier, oder Geldgierde, plur. inus. S. Geldbegierde.


Geldgierig (W3) [Adelung]


Geldgierig, -er, -ste, adj. et adv. S. Geldbegierig.


Geldgülte (W3) [Adelung]


Die Geldgülte, plur. die -n, eine Gülte in barem Gelde, zum Unterschiede von der Fruchtgülte. S. Gülte.


Geldgürtel (W3) [Adelung]


Der Geldgürtel, des -s, plur. ut nom. sing. ein hohler Gürtel, Geld in demselben bey sich tragen, welchen man im gemeinen Leben eine Katze oder Geldkatze zu nennen pfleget.


Geldhülfe (W3) [Adelung]


Die Geldhülfe, plur. die -n, eigentlich; eine jede Hülfe, welche man einem andern in Gelde leistet. In engerer Bedeutung werden die Steuern, welche Unterthanen dem Landesherren zum Behufe der öffentlichen Bedürfnisse bewilligen, zuweilen Geldhülfen genannt.


Geldkasten (W3) [Adelung]


Der Geldkasten, plur. des -s, plur. ut nom. sing. ein Kasten, Geld darin zu verwahren.


Geldkatze (W3) [Adelung]


Die Geldkatze, plur. die -n, S. Geldgürtel und Katze.


Geldklemm (W3) [Adelung]


Geldklemm, adj. et adv. Mangel an Geld leidend, im gemeinen Leben, und nur in der Redensart geldklemme Zeiten, in welcher das bare Geld selten ist. S. Klemm.


Geldlehen (W3) [Adelung]


Das Geldlehen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Lehen, welches nicht mit Ritterdiensten, sondern mit Geld verdienet wird; ein Beutellehen, im Meklenburgischen ein Quadlehen, vermuthlich von quad, böse, unrecht. S. Beutellehen.


Geldmäkler (W3) [Adelung]


Der Geldmäkler, des -s, plur. ut nom. sing. im gemeinen Leben, eine Benennung eines Geldwechslers oder Wechslers.


Geldmangel (W3) [Adelung]


Der Geldmangel, des -s, plur. inus. der Mangel an barem Gelde.


Geldmännchen (W3) [Adelung]


Das Geldmännchen, S. Alraun 2.


Geldnoth (W3) [Adelung]


Die Geldnoth, plur. car. ein hoher Grad eines dringenden Geldmangels.


Geldrechnung (W3) [Adelung]


Die Geldrechnung, plur. die -en, eine Rechnung über eingenommenes oder ausgegebenes bares Geld.


Geldsache (W3) [Adelung]


Die Geldsache, plur. die -n, eine jede Sache, welche bares Geld betrifft.


Geldsack (W3) [Adelung]


Der Geldsack, des -es, plur. die -säcke, ein jeder Sack, d. i. großer Beutel, Geld darin zu verwahren. Im gemeinen Leben, besonders Oberdeutschlandes, auch wohl ein jeder Geldbeutel.


Geldschuld (W3) [Adelung]


Die Geldschuld, plur. die -en, eine Schuld, welche in barem Gelde gemacht worden, zum Unterschiede von einer Fruchtschuld, Waarenschuld, Weinschuld u. s. f.


Geldstock (W3) [Adelung]


Der Geldstock, des -es, plur. die -stöcke, ein ausgehöhlter mit Eisen beschlagener unbeweglicher Klotz, Geld darin zu bewahren. Zuweilen auch ein jeder schwerer Geldkasten.


Geldstrafe (W3) [Adelung]


Die Geldstrafe, plur. die -n, eine jede Strafe, welche in barem Gelde aufgeleget und abgetragen wird, zum Unterschiede von einer Leibes- Lebens- oder Gefängnißstrafe; die Geldbuße, im Schwabensp. Galtnüzz, im Sächsischen Landrechte das Gewette. S. auch Brüche.


Geldtasche (W3) [Adelung]


Die Geldtasche, plur. die -n, eine Tasche mit einem Schlosse und Haken des andern Geschlechtes, zum Anhängen, Geld darin zu verwahren.


Geldwechsler (W3) [Adelung]


Der Geldwechsler, des -s, plur. ut nom. sing. S. Wechsler.


Geleben (W3) [Adelung]


Geleben, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und das Zeitwort leben mit der müßigen Alemannischen Verlängerung ge ist. Es hat sich, besonders in der folgenden 4ten Bedeutung aus dem Oberdeutschen in einige Hochdeutsche Kanzelleyen eingeschlichen, und stehet, 1) für leben, in dessen eigentlichen Bedeutung. Eines andern Gnade gelegen. Bey dem Notker bedeutet gleben, und bey dem Stryker geleben, gleichfalls leben. 2) Erleben. Ich gelebte noch den lieben abent gerne, Heinrich von Morunge. 3) Nachleben, Folge leisten. Was alsdann das recht will geben Dem soll mein Herr gern geleben, Theuerd, Kap. 107. 4) Der Hoffnung geleben, daß u. s. f. die Hoffnung hegen. S. Leben.


Gelee (W3) [Adelung]


Das Gelee, (sprich Schele,) des -es, (sprich Schele-es,) plur. von mehreren Arten und Quantitäten, die Gelee, (sprich Schele-e,) nach dem Franz. Gelee, S. Gallerte.


Gelege (W3) [Adelung]


Das Gelege, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Im Weinbaue, die Art, von welcher die Weinstöcke als Senker abgeleget worden. Die Märkischen Weine sind ursprünglich von Fränkischen und Rheinischem Gelege, die Weinstöcke stammen aus Franken und von dem Rheinstrome her. 2) Im Feldbaue, die kleinen Haufen, in welche die Schnitter in der Ernte das abgeschnittene Getreide zu legen pflegen; an anderen Orten Gleten.


Gelegen (W3) [Adelung]


Gelegen, -er, -ste, adj. et adv. welches eigentlich das Mittelwort des Zeitwortes liegen ist, aber doch in einigen figürlichen Bedeutungen für sich allein gebraucht wird. 1) Wohl gelegen, eine gute Lage habend. Ein gelegenes Haus, welches in einer bequemen oder guten Lage stehet. 2) Bequem, der Absicht gemäß, von einem Orte und von einer Zeit. Ein gelegener Ort, eine gelegene Zeit. Und sollt gelegene Örter wählen, 5. Mos. 19, 3. Ich muß meine Neugier also wohl bis zu einer gelegenern Zeit versparen. Sie kommen mir eben gelegen, zur gelegenen Zeit. Der Himmel wird dir schon gelegne Stunden geben, Schleg. 3) Für gefällig, eines Gefallen, Neigung gemäß, im gemeinen Leben und der harten Sprechart. Ist es dem Könige gelegen? Esth. 8, 5. Er wird kommen, wenn es ihm gelegen seyn wird, 1 Cor. 16, 12. Es ist mir heute nicht gelegen, nicht gefällig. Ist es dir gelegen, heute zu mir zu kommen? Die übrigen Bedeutungen werden bey dem Zeitworte liegen ausgeführt werden.


Gelegenheit (W3) [Adelung]


Die Gelegenheit, plur. -en, von dem vorigen Bey- und Nebenworte. 1) * Die Lage eines Ortes überhaupt; eine im Hochdeutschen veraltete, im Oberdeutschen aber noch sehr gangbare Bedeutung. 2) Die innere Einrichtung eines Ortes, die Lage seiner Theile. Alle Gelegenheit eines Hauses, eines Gartens, eines Waldes, oder in einem Hause u. s. f. wissen. 3) Die Beschaffenheit einer Sache, im Oberdeutschen und zu- weilen auch im gemeinen Leben der Hochdeutschen. Müssen wir nach Gelegenheit der Sachen zuweilen die Gebothe ändern, Stücke in Esth. 5, 7. 4) Die Neigung, eine Handlung nach seinem Gefallen, zur gelegenen Zeit zu verrichten; im gemeinen Leben. Seiner Gelegenheit pflegen, warten bis es uns gelegen ist. Etwas mit seiner guten Gelegenheit thun. S. Ungelegenheit. Ingleichen ein bequemer Ort, ein bequemer Zustand. In diesem Verstande sagt man zuweilen, sich eine Gelegenheit auf dem Lande kaufen, für, sich ein Landgut kaufen. Eine Gelegenheit suchen, d. i. einen Dienst, eine Condition. Auch das heimliche Gemach pflegt man an einigen Orten im höfischen Reden so wohl die Gelegenheit, als auch die Bequemlichkeit zu nennen. Am häufigsten aber, 5) diejenige Verbindung der Umstände, wodurch eine Handlung so wohl veranlasset, als auch erleichtert wird; die Gelegenheit zum Guten, zum Bösen. Gelegenheit zu etwas geben, diese Umstände so einrichten. Gelegenheit bekommen. Wenn es die Gelegenheit gibt, wenn sich Gelegenheit dazu findet. Ein Mensch, der in einem Winkel der Erde eingeschlossen ist, hat wenig Gelegenheit, das, was unter dem menschlichen Geschlechte vorgehet, zu sehen. Gelegenheit macht Diebe. Eine Gelegenheit fahren lassen, sie aus den Händen lassen. Sich einer Gelegenheit bedienen, sie ergreifen, in Acht nehmen, der Gelegenheit wahrnehmen. Gelegenheit suchen. Mit der ersten Gelegenheit. Die Gelegenheit zum Bösen fliehen. Einem Gelegenheit zu murren, zu sündigen, zu spotten geben. Die Gelegenheit auskaufen, sich jeder Gelegenheit sorgfältig bedienen. Zuweilen bedeutet es im gemeinen Leben auch die Art und Weise, Personen und Güter fortzuschaffen. Mit seiner eigenen Gelegenheit kommen, mit seinem eigenen Fuhrwerke. Eine fahrende Gelegenheit bekommen. 6) In dem weitesten Verstande, eine jede Gelegenheit, so fern dieselbe auch nur eine entfernte Veranlassung einer Handlung abgibt, mit dem Vorworte bey. Bey einer solchen Gelegenheit muß wohl ein jeder in Verwirrung gerathen. Sie betrug sich bey dieser Gelegenheit sehr ungeberdig. Es erhob sich ein Sturm, und uns war bey dieser Gelegenheit nicht wohl zu Muthe, bey diesem Vorfalle. Anm. Nieders. Legenhed, Schwed. Lägenhet, Dän. Leilighed, Beleilighed. Gelegenheit bezeichnet eigentlich nur die Verbindung der Umstände, wodurch eine Handlung möglich gemacht oder erleichtert wird; Anlaß schließet aber auch die Bewegungsgründe und Reitzungen dazu mit ein.


Gelegenheitsgedicht (W3) [Adelung]


Das Gelegenheitsgedicht, des -es, plur. die -e, ein Gedicht, welches bey gewissen feyerlichen Gelegenheiten verfertiget wird; im gemeinen Leben ein Carmen. Ein Dichter, dessen Muse nur bey solchen Gelegenheiten geschäftig ist, oder der ein Geschäft daraus macht, nur solche Gelegenheiten zu besingen, wird ein Gelegenheitsdichter genannt.


Gelegenheitsmacher (W3) [Adelung]


Der Gelegenheitsmacher, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Gelegenheitsmacherinn, plur. die -en, in engerer Bedeutung, Personen, welche andern Gelegenheiten zu Vergehungen wider das sechste Geboth verschaffen; im gemeinen Leben Kuppler, und Kupplerinnen.


Gelegentlich (W3) [Adelung]


Gelegentlich, adj. et adv. bey Gelegenheit, oder was bey einer bequemen Verbindung der Umstände geschiehet; für das nur noch im Oberdeutschen gewöhnliche gelegenheitlich. Ich will gelegentlich mit ihm davon sprechen, wenn sich Gelegenheit dazu findet. Eine zufällige und gelegentliche Unterredung. Von dem am Ende eingeschalteten t euphonico S. T.


Gelehrig (W3) [Adelung]


Gelehrig, -er, -ste, adj. et adv. fähig und bereit, leicht etwas zu lernen oder zu fassen. Ein gelehriger Kopf. Eine aufmerksame und gelehrigen Gemüthsart. Die Dohlen, manche Arten von Hunden sind von Natur sehr gelehrig.

Anm. Bey dem Notker lerig, im Schwed. leeraktig. Eigentlich sollte es gelernig heißen, wie man im gemeinen Leben einiger Gegenden auch wirklich spricht. Allein lehren und lernen waren in den ältern Mundarten nicht verschieden. S. diese Wörter.


Gelehrigkeit (W3) [Adelung]


Die Gelehrigkeit, plur. inus. die Fähigkeit und Bereitwilligkeit zu lernen, oder Lehren zu fassen und zu befolgen.


Gelehrsam (W3) [Adelung]


* Gelehrsam, -er, -ste, adj. et adv. ein im Hochdeutschen ungewöhnliches, aber im Oberdeutschen noch übliches Wort, für gelehrig.


Gelehrsamkeit (W3) [Adelung]


Die Gelehrsamkeit, plur. inus. von dem vorigen Beyworte. 1) Die Fähigkeit und Bereitwilligkeit etwas zu lernen, oder mit dem Gemüthe zu fassen, die Gelehrigkeit; doch nur im Oberdeutschen. 2) Die gründliche Erkenntniß vieler mit einander verbundener nützlicher Wahrheiten. In engerer und der gewöhnlichen Bedeutung verstehet man nur die gründliche Erkenntniß solcher Wahrheiten darunter, welche nicht unmittelbar in die Sinne fallen. Sich der Gelehrsamkeit befleißigen. Einige, welche Gelehrsamkeit noch von Wissenschaft unterscheiden, verstehen unter der ersten eine historische Erkenntniß, durch letztere aber eine vernünftige im engsten Verstande. 3) Diese mit einander verbundenen Wahrheiten selbst, so wohl in weiterer Bedeutung, als auch, und zwar am gewöhnlichsten, solcher, welche nicht unmittelbar durch die Sinne empfunden werden. Daher die Gottesgelehrsamkeit, die Rechtsgelehrsamkeit, die Arzeneygelehrsamkeit, die Schulgelehrsamkeit u. s. f. In der engsten Bedeutung begreift die Gelehrsamkeit bey einigen nur diejenigen mit einander verbundenen Wahrheiten, welche durch das Gedächtnis gefasset werden, da denn diejenigen, welche zunächst mit dem Verstande begriffen werden müssen, zur Wissenschaft im engsten Verstande gerechnet werden.

Anm. Bey dem Notker Kelernis. S. Lehren und Lernen.


Gelehrt (W3) [Adelung]


Gelehrt, -er, -este, adj. et adv. welches eigentlich das Mittelwort des Zeitwortes lehren ist, aber doch in einigen Bedeutungen auch für sich alleine gebraucht wird. 1) * Was einem andern vorgesagt oder vorgelesen wird; eine veraltete Bedeutung, in welcher ein gelehrter Eid ehedem ein solcher war, welchen man einem andern vorsagte, und der auch ein gestabter Eid genannt wurde; S. Staben. 2) * In einer Sache unterrichtet, erfahren, geschickt. Die im Gesange des Herrn gelehrt waren, 1 Chron. 26, 7. Der uns gelehrter macht, denn das Vieh auf Erden, Hiob 35, 11; der uns Unterricht vor den Thieren auf dem Felde - voraus gab, Michael. Eine gelehrte Zunge, Es. 50, 4. Willeram gebraucht geleret für künstlich. Doch diese Bedeutung ist im Hochdeutschen veraltet, wo sie zuweilen nur noch im Scherze gebraucht wird. Ihr der Trauben Kenner Weingelehrte Männer, Haged. 3) Gelehrsamkeit besitzend, in der zweiten Bedeutung dieses Wortes. Man studiert, um gelehrt zu werden. Ein gelehrter Mann, der viele Gelehrsamkeit besitzet. Ein Gelehrter, oft auch in weiterer Bedeutung, der sich der Gelehrsamkeit gewidmet hat, wenn gleich seine Erkenntniß von derselben sehr eingeschränkt ist. Ein Sprachgelehrter, Gottesgelehrter, Arzeneygelehrter u. s. f. Ingleichen Gelehrsamkeit verrathend. Eine gelehrte Rede, ein gelehrtes Buch. Auch was zur Gelehrsamkeit oder zu den Gelehrten gehöret, mit denselben in Verbindung stehet, darin gegründet ist. Gelehrte Beschäftigungen. Die gelehrte Erkenntniß, die Fertigkeit, sich den ganzen Umfang und Zusammenhang einer Wahrheit vorzustellen; zum Unterschiede von der gemeinen Erkenntniß. Die gelehrte Krankheit, im gemeinen Leben, die Hypochondrie, die gewöhnliche Krankheit der Gelehrten.

Anm. Im Dän. lärd, im Schwed. lärd, im Hoch- und Oberdeutschen ehedem auch gelahrt, wovon bey einigen noch das Hauptwort Gelahrtheit übrig ist. S. dasselbe.


Gelehrtheit (W3) [Adelung]


Die Gelehrtheit, plur. inus. ein im Hochdeutschen selten gewordenes Wort für Gelehrsamkeit, in der zweyten und dritten Bedeutung dieses Wortes. Zwar die Gelehrtheit feilscht hier nicht papierne Schätze, Haged. Die Sitten können mehr als die Gelehrtheit nützen, Lichtw. S. Gelahrtheit.


Geleise (W3) [Adelung]


Das Geleise, des -s, plur. ut nom. sing. der Weg, auf welchem man gehet, in welchem Verstande Leys im Theuerdanke mehrmahls vorkommt. Eben derselbe gebraucht in dieser Bedeutung auch Geleit, nach einer gewöhnlichen Verwechselung des l und t. Gen im nach auf dem guten Gleyt, Kap. 20. So gehet das gleit, ebend. Theurdank ging mit sorgsamkeit Auf der platten das pöß geleyt, ebend. Ingleichen, der Eindruck der Füße in dem Boden, die Fußstapfen. Es triefen deine Bahn und Gleisse Von süßer Fettigkeit, Opitz. In beyden Fällen ist es im Hochdeutschen veraltet, wo es nur die Einschnitte in dem Wege bezeichnet, welche die Ränder eines Fuhrwerkes, aber die Balken eines Schlittens in den Erdboden machen; das Fahrgeleise, die Fahrleise, das Wagengeleise, die Wagenleise. Dem Geleise eines Karren nachgehen. Das weite Geleise, das enge Geleise eines Wagens, welches von der Länge der Achse herrühret. Das Schlittengeleise. In dem Geleise bleiben, auch figürlich, der gewöhnlichsten Ordnung, den Regeln und Vorschriften folgen. Eine Sache wieder in das rechte Geleise bringen, sie wieder in Ordnung, in den gehörigen Gang bringen.

Anm. Dieses Wort lautet im Nieders. Lese, wo es auch die Furche eines Pfluges oder einer Ege bedeutet, im Oberdeutschen Gelaiß, Gelaß, Glaiß, Gleiß, Leiste, Laist, Gelaist; wo es zugleich bald männlichen, bald weiblichen, bald aber auch ungewissen Geschlechtes ist. In Boxhorns Glosse findet sich Wakanleisa. Alles dieses Unbestandes ungeachtet, ist es doch sehr wahrscheinlich, daß es zunächst von laestjan abstammet, welches bey dem Ulphilas gehen bedeutet, und wiederum von dem alten Laest, der Fuß, herkommt; S. der Leisten, ingleichen die Leiste. In einigen, besonders Oberdeutschen Gegenden, wo das s am Ende hart lautet, schreibt und spricht man nur Geleis oder Gleis; allein im Hochdeutschen, wo das s, den besten Aussprachen nach, gelinde klingt, kann es das e nicht entbehren. Übrigens wird das Geleise eines Wagens in Niedersachsen auch die Traden, Trade, die Trahe, Wagentrahe, der Pickerslag, von Picker, ein Frachtwagen, und an andern Orten die Radspur, die Wagenspur genannt.


Geleit (W3) [Adelung]


Das Geleit, des -es, plur. die -e, von dem Zeitworte leiten. 1. Überhaupt. 1) Die Begleitung, in welcher Bedeutung es noch in einigen Redensarten des gesellschaftlichen Lebens üblich ist; ohne Plural. Einem das Geleit geben, ihn begleiten. Sie sieht indeß, der Liebling eilt Und gibt ihr das Geleite, Raml. Wollen sie das Geleit mit sich nehmen? sagt man zu einem Freunde, der von uns weggehet, und den man nicht begleiten kann oder will. 2) Personen, welche andere begleiten, die Reisegesellschaft, das Gefolge, besonders im Oberdeutschen. Im Geleite fahren oder reisen, in Gesellschaft. Ein Fürst hat einen großen Geleit, wenn er ein großes Gefolge hat. In eines Gesandten Geleite seyn, in dessen Gefolge. In welchem Verstande im Oberdeutschen auch Geleitschaft und Begleitschaft gebraucht werden. 2. In engerer Bedeutung. 1) Die Sicherheit, welche ein Beklagter von der Gerichtsobrigkeit bekommt, frey und sicher vor Gericht zu kommen und von demselben wieder wegzugehen; ingleichen der Schein, worin ihm diese Sicherheit ertheilet wird; Salvus conductus, das freye sichere Geleit. 2) Die Verschaffung der nöthigen Sicherheit, für Reisende auf öffentlichen Landstraßen. (a) Eigentlich, die Verschaffung dieser Sicherheit so wohl durch veranstaltete persönliche Begleitung, als auch durch anderweitige Bewirkung der Ruhe und Sicherheit auf den Straßen, und diese Sicherheit selbst; das Straßengeleit, das persönliche Geleit, das lebendige Geleit, oder Leibgeleit, wenn sie durch wirkliche Begleitung von dazu verordneten Personen geschiehet, und bey fürstlichen Personen, welche noch zuweilen auf solche Art geleitet werden, auch das große Geleit heißt, zum Unterschiede von dem kleinen Geleite, oder derjenigen Sicherheit, welcher sich alle Reisenden auf den Straßen zu erfreuen haben. Und sie erlangten Geleit vom Könige, daß sie sicher heraus möchten gehen, 1 Macc. 6, 49; und in anderen Stellen mehr, wo Geleit theils die Sicherheit selbst, theils die zur Sicherheit mitgegebenen Personen, theils auch die Geleitsbriefe bezeichnet. Unter Geleit reisen. Das Geleit brechen, wider diese Sicherheit handeln. Im Schwabensp. Gelaid, Nieders. Leide, im Dän. Geleide, im Schwed. Leid, im Pohln. Gleyx, im mittlern Lat. Conductus, Ducatus, Guida, Guidagium u. s. f. (b) Figürlich. (aa) Das Recht, Reisende durch seine oder durch fremde Lande zu geleiten, d. i. ihnen die nöthige Sicherheit auf den Straßen zu verschaffen, und dafür eine gewisse Abgabe von ihnen zu fordern, das Geleitsrecht; ohne Plural. (bb) Das Geld, welches Reisende für diese gewährte Sicherheit bezahlen, das Geleitsgeld; auch ohne Plural. Das Geleit bezahlen. Das Geleit verfahren, dieser Abgabe aus dem Wege fahren. Im Schwabensp. Gelaid, im mittlern Lat. gleichfalls Conductus, Ducatus, Guidagium, Guidaticum u. s. f. Auch Schiffe die unter der Bedeckung gewisser Geleitsschiffe segeln, müssen dafür an dieselben Geleit bezahlen. (cc) Der Bezirk, in welchem ein Herr oder ein Staat das Geleitsgeld hat und übet; welcher an einigen Orten auch der Halt genannt wird. Das Geleit bereiten. (dd) Der Ort, wo das Geleit entrichtet wird, wo die Geleitseinnehmer wohnen; das Geleitsamt, Geleitshaus. In das Geleit gehen.

Anm. S. Begleiten, Leiten und das folgende Zeitwort. Im Theuerdanke und andern Oberdeutschen Schriften bedeutet Geleit oft die abhängige Seite eines Berges oder Felsens, ingleichen einen Weg. Allein in dem ersten Falle gehöret es zu dem Oberdeutschen Worte Leite, die Seite eines Berges, siehe dasselbe, und im andern zu dem Worte Geleise, wofür in einigen Oberdeutschen Gegenden auch Gleit und Geleit üblich ist.


Geleiten (W3) [Adelung]


Geleiten, verb. reg. act. welches das mit der müßigen Vorsylbe ge verlängerte Zeitwort leiten ist, und nur in folgenden Bedeutungen gebraucht wird. 1) Für begleiten, einem andern das Geleit geben, d. i. mit ihm zugleich gehen oder reisen, in welcher allgemeinen Bedeutung es noch hin und wieder im gemeinen Leben üblich ist. Auf das ihr mich geleitet, wo ich hinztehen werde, 1 Cor. 16, 6. Und geleiteten ihn in das Schiff, Apostg. 20, 38; und so in andern Stellen mehr, wo es zuweilen auch für leiten, führen, gebraucht wird, wie z. B. Weish. 11, 2 von Gott gesagt wird: Und geleitete sie (die Israeliten) durch eine wilde Wüste. 2) Besonders, zur Sicherheit begleiten, und in weiterer Bedeutung überhaupt, Sicherheit auf dem Wege verschaffen. Der Geleite, ein Beklagter, welcher sicheres Geleit erhalten hat. Reisende durch sein Land geleiten lassen; wofür auch vergeleiten üblich ist. S. Geleit. So auch die Geleitung.

Anm. Bey dem Kero keleittan und bey dem Ottfried gileiten, für führen, leiten; in der zweyten Bedeutung im Nieders. leiden, beleidzagen, im Schwed. leida, im mittlern Lat. conducere, guidare. S. Leiten.


Geleiter (W3) [Adelung]


Der Geleiter, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Geleiterinn, plur. die -en, ein größten Theils veraltetes Wort, der oder die andern geleitet, d. i. begleitet. Gott sey dein Geleiter!


Geleiter (W3) [Adelung]


Das Geleiter, des -s, plur. ut nom. sing. im Jagdwesen. 1) Die Art und Weise der viereckigen Maschen und Garnen. Das enge, das weite Geleiter. 2) Dergleichen Garne mit viereckigen Maschen selbst, welche auch Leitern, Spiegel, und Steckleitern genannt werden. S. Leiter.


Geleitlich (W3) [Adelung]


Geleitlich, adj. et adv. was in dem Geleite gegründet ist, dahin gehöret. Die geleitliche Obrigkeit, welche die Geleitsgerechtigkeit besitzet. Sich geleitlich aufführen, den Geleitsverordnungen gemäß, niemanden auf der Straße beleidigen.


Geleitsamt (W3) [Adelung]


Das Geleitsamt, des -es, plur. die -ämter, ein Amt, d. i. Collegium solcher Personen, welches das Geleit im Nahmen des Geleitsherren besorget, das Geleitsgeld einnimmt, und die dahin gehörigen Streitigkeiten schlichtet. Ingleichen der Ort, wo dasselbe seine Sitzungen hält.


Geleitsbediente (W3) [Adelung]


Der Geleitsbediente, des -n, plur. die -n, diejenigen Personen, welchen die Verwaltung des Geleites und die Einnahme der Geleitsgelder anvertraut ist.


Geleitsbereiter (W3) [Adelung]


Der Geleitsbereiter, S. Geleitsreiter.


Geleitsbrief (W3) [Adelung]


Der Geleitsbrief, des -es, plur. die -e, 1) Eine schriftliche Erlaubniß, sicher durch ein Gebieth zu reisen. 2) In der Schifffahrt, ein Zettel, welcher jeder Capitän oder Schiffer erhält, wodurch er berechtigt wird, unter dem Schutze des ernannten Geleitschiffes zu reisen.


Geleitschiff (W3) [Adelung]


Das Geleitschiff, des -es, plur. die -e, ein Kriegsschiff, welches ein Kauffahrer im Falle der Noth zur Sicherheit begleitet.


Geleitseinnahme (W3) [Adelung]


Die Geleitseinnahme, plur. die -n, die Einnahme des Geleitsgeldes, dieses eingenommene Geld selbst, und der Ort, wo es eingenommen wird.


Geleitseinnehmer (W3) [Adelung]


Der Geleitseinnehmer, des -s, plur. ut nom. sing. eine obrigkeitliche Person, welche das Geleitsgeld im Nahmen des Geleitsherren einnimmt.


Geleitsfolge (W3) [Adelung]


Die Geleitsfolge, plur. car. die Verbindlichkeit der Unterthanen, Reisende auf Befehl des Geleitsherren zu geleiten.


Geleitsgebieth (W3) [Adelung]


Das Geleitsgebieth, des -es, plur. die -e, dasjenige Gebieth, in welchem jemanden das Geleitsrecht zukommt.


Geleitsgeld (W3) [Adelung]


Das Geleitsgeld, des -es, plur. inus. außer von mehreren Summen von dieser Art, die -er, dasjenige Geld, welches Reisende dem Geleitsherren für die Sicherheit der Straßen entrichten; Nieders. Leigeld.


Geleitsgerechtigkeit (W3) [Adelung]


Die Geleitsgerechtigkeit, plur. inus. die Gerechtigkeit oder das Recht, Reisende in einem gewissen Bezirke zu geleiten; das Geleitsrecht, die Geleitsherrlichkeit.


Geleitsgränze (W3) [Adelung]


Die Geleitsgränze, plur. die -n, die Gränze eines Geleitsgebiethes.


Geleitshaus (W3) [Adelung]


Das Geleitshaus, des -es, plur. die -häuser, dasjenige Haus, in welchem das Geleitsgeld eingenommen wird.


Geleitsherr (W3) [Adelung]


Der Geleitsherr, des -en, plur. die -en, derjenige, welcher die Geleitsgerechtigkeit in einem Orte oder einer Gegend besitzet; die Geleitsherrschaft, Geleitsobrigkeit.


Geleitsherrlichkeit (W3) [Adelung]


Die Geleitsherrlichkeit, plur. inus. S. Geleitsgerechtigkeit.


Geleitsherrschaft (W3) [Adelung]


Die Geleitsherrschaft, plur. die -n, S. Geleitsherr.


Geleitskammer (W3) [Adelung]


Die Geleitskammer, plur. die -n, in den Seestädten, das Collegium derjenigen Personen, welche die Geleitsbriefe für die Kauffahrer ausfertigen, und der Ort, wo solches geschiehet.


Geleitsleute (W3) [Adelung]


Die Geleitsleute, sing. inus. diejenigen, welche auf Befehl des Geleitsherren die Reisenden in Person geleiten, und in weiterer Bedeutung alle diejenigen, welche bey einem Geleitsamte angestellet sind.


Geleitsmann (W3) [Adelung]


Der Geleitsmann, des -es, plur. die -männer. 1) Ein Führer, Begleiter, im gemeinen Leben. Gott sey euer Geleitsmann! Wer doch gewesen sey das Haupt und Leitesmann, Opitz. Und an einem andern Orte nennt er Mosen den Leitesmann, d. i. Anführer, der Juden. Die Poeterey ist von den ältesten Zeiten an eine Geleitsmänninn der Weisheit gewesen, ebend. 2) Eine obrigkeitliche Person, welche Reisende im Nahmen des Geleitsherren geleitet, oder doch das Geleitsgeld von ihnen einnimmt.


Geleitsobrigkeit (W3) [Adelung]


Die Geleitsobrigkeit, plur. die -en, S. Geleitsherr.


Geleitsordnung (W3) [Adelung]


Die Geleitsordnung, plur. die -en, eine Verordnung des Geleitsherren, die Sicherheit auf den Straßen und das Betragen der Reisenden und Geleitsbedienten betreffend.


Geleitsrecht (W3) [Adelung]


Das Geleitsrecht, des -es, plur. inus. S. Geleitsgerechtigkeit.


Geleitsreiter (W3) [Adelung]


Der Geleitsreiter, Geleitsbereiter, des -s, plur. ut nom. sing. derjenige, welcher die Straßen in einem Geleitsgebiethe bereitet, und für die Befolgung der Geleitsordnungen wachet, an einigen Orten ein Einspänniger.


Geleitssäule (W3) [Adelung]


Die Geleitssäule, plur. die -n, eine Säule, oder ein Pfahl, welcher die Gränze eines Geleitsgebiethes anzeiget, oder woran die Geleitstafel befestiget ist.


Geleitsstätte (W3) [Adelung]


Der Geleitsstätte, oder Geleitsstelle, plur. die -n, der Ort, wo das Geleit gegeben und eingenommen wird.


Geleitsstein (W3) [Adelung]


Der Geleitsstein, des -es, plur. die -e, ein Stein, so fern er die Gränze eines Geleitsgebiethes bezeichnet.


Geleitstafel (W3) [Adelung]


Die Geleitstafel, plur. die -n, eine Tafel, auf welcher die Abgaben verzeichnet sind, welche die Reisenden für das Geleit zu entrichten haben.


Geleitszeichen (W3) [Adelung]


Das Geleitszeichen, des -s, plur. ut nom. sing. dasjenige Zeichen, welches man zum Merkmal des Geleitsgeldes und dadurch erhaltenen Geleites bekommt.


Geleitszettel (W3) [Adelung]


Der Geleitszettel, des -s, plur. ut nom. sing. derjenige Zeichen, welcher Reisende zum Zeichen des bezahlten Geleitsgeldes erhalten.


Gelender (W3) [Adelung]


Das Gelender, S. Geländer.


Gelenge (W3) [Adelung]


Das Gelenge, S. Gelänge.


Gelenk (W3) [Adelung]


Gelenk, -er, -este, adj. et adv. was sich leicht biegen oder lenken lässet; besonders, was sich vermittelst eines oder mehrerer Gelenke leicht bewegen lässet; gelenksam. Eine sehr gelenke Hand. Ein Mensch ist sehr gelenk, wenn seine Gelenke eine leichte und große Beweglichkeit haben. Anm. Gelenkig, für gelenk, ist unnöthig. Ein gelenkes Pferd, welches sich leicht lenken lässet, nennt man ein lenksames. S. Lenken.


Gelenk (W3) [Adelung]


Das Gelenk, des -es, plur. die -e, Dimin. Gelenkchen, Oberd. Gelenklein, diejenige Zusammenfügung zweyer Körper, vermittelst welcher sie beweget werden können; besonders die auf solche Art bewirkte Zusammenfügung der Gliedmaßen der thieri- schen und menschlichen Körper, und der Ort, wo diese Zusammenfügung geschiehet. Die Gelenke des Rückgrathes, des Armes, u. s. f. Sich den Arm aus dem Gelenke fallen. Die Gelenke einer Kette, welche man auch Glieder zu nennen pfleget. Bey den Schustern ist das Gelenk der biegsame Ort der Sohle an dem Absatze. S. Gelenkstück.

Anm. Im Böhmischen Clanek. Im Schwed. bedeutet Länk das Gelenk oder Glied an einer Kette, bey den alten Schweden Leck, Leckr. Im Dänischen ist Länk im Pohln. Lancuk, und im Ungar. Lancz, eine Kette. Das Engl. to link bedeutet verbinden. S. Lenken. In einigen Gegenden ist noch das Gleich oder die Gleiche für Gelenk üblich, S. dieses Wort, ingleichen Anke.


Gelenkbein (W3) [Adelung]


Das Gelenkbein, des -es, die -e, in der Zergliederungskunst bey einigen, eine Benennung der Handwurzel, Metacarpus. Andere nennen die kleinen Beinchen in den Zwischenknoten der Hände und Füße, Ossa sesamoidea; Gelenkbein oder Gelenkbeine. An dem Pferdehufe liegt das Gelenkbein am hintern Theile des Kron- und Hufbeines.


Gelenkdrüse (W3) [Adelung]


Die Gelenkdrüse, plur. die -n, gewisse Drüsen in und an den Gelenken, aus welchen eine klebrige Materie trieft, die Gelenke des menschlichen und thierischen Körpers schlüpfrig zu erhalten.


Gelenkkraut (W3) [Adelung]


Das "Gelenkkraut", des -es, plur. inus. in einigen Gegenden, eine Benennung derjenigen Art Mayblumen, welche in dem mitternächtigen Europa auf den Klippen wächset, und von andern "Weißwurz" genannt wird; "Convallaria multiflora L."


Gelenkmaus (W3) [Adelung]


Die Gelenkmaus, plur. -mäuse, bey den Wundärzten, ein locker gewordenes Stückchen Knorpel, welches sich in dem Gelenke hin und her schieben läßt.


Gelenksaft (W3) [Adelung]


Der Gelenksaft, des -es, plur. inus. S. Gliedwasser.


Gelenksam (W3) [Adelung]


Gelenksam, -er, -ste, adj. et adv. in seinen Gelenken leicht beweglich; gelenk. S. Lenksam.


Gelenksamkeit (W3) [Adelung]


Die Gelenksamkeit, plur. inus. die Eigenschaft eines Körpers, da er gelenksam ist. Die Gelenksamkeit der Glieder, eines Seiltänzers u. s. f.


Gelenkstück (W3) [Adelung]


Das Gelenkstück, des -es, plur. die -e, bey den Schustern, ein Stück Leder, welches an dem Gelenke zwischen die Sohle und den Absatz gestecket wird.


Gelenkwasser (W3) [Adelung]


Das Gelenkwasser, S. Gliedwasser.


Gelernig (W3) [Adelung]


Gelernig, adj. et adv. S. Gelehrig, Anm.


Gelese (W3) [Adelung]


Das Gelese, des -s, plur. inus. 1) Die Handlung des Lesens, im verächtlichen Verstande und gemeinen Leben. 2) Bey den Webern, die Auslesung oder Unterscheidung der Fäden des Werftes, so daß sie sich nicht weiter verwirren können, S. Lesen.


Geleucht (W3) [Adelung]


Das Geleucht, des -es, plur. car. ein Collectivum, Lichter und was ihre Stelle vertritt, Licht gebende Dinge, zu bezeichnen. Das Geleucht kostet in dem Schauspielhause alle Mahl sehr viel. S. Leuchten.


Gelf (W3) [Adelung]


Der Gelf, des -es, plur. inus. außer von mehrern Arten und Quantitäten, plur. die -e, in den Bergwerken, besonders Oberdeutschlandes, eine Benennung so wohl des gelben Kupfererzes, als auch eines silberreichen Schwefelkieses. Von dem Worte gelb. S. Gilbe.


Gelfern (W3) [Adelung]


Gelfern, S. Gälfern.


Gelichter (W3) [Adelung]


Das Gelichter, des -s, plur. car. welches nur im verächtlichen Verstande gebraucht wird. Er ist auch deines Gelichters, d. i. deines gleichen, von deiner Art. Alle diese Dinge sind von Einem Gelichter, von einer und eben derselben schlechten Art. Gottsched hatte den seltsamen Einfall, dieses Wort von Licht abzuleiten, und diese Ableitung auf die R. A. zu gründen, er ist ein großes Licht in der Kirche. Es ist allem Ansehen nach das durch die gemeinen Mundarten verderbte Wort gleich; in- dem man für deines, eures Gelichters u. s. f. auch sagt, deines, eures gleichen, ungeachtet dieses nicht den verächtlichen Nebenbegriff hat, mit welchem das Wort Gelichter alle Mahl verbunden ist. Bey dem Kero wird similis durch kalihchera übersetzt. Es ist also wider den Sprachgebrauch und die eigentliche Bedeutung dieses Wortes, wenn es in einer gewissen Recension als ein Collectivum gebraucht wird; was solchem Gelichter nicht alles anstößig wird!


Gelieben (W3) [Adelung]


* Gelieben, verb. reg. act. welches im Hochdeutschen größten Theils veraltet ist, Neigung zu etwas haben, sich aus Neigung zu etwas entschließen, belieben, mit der dritten Endung der Person, so wohl persönlich, als unpersönlich. Geliebt dir zu spazieren? Opitz. Doch meinest du daß mir ein Bock so sehr geliebt? ebend. Zwar reden mag ich wohl Mit dir, wie mir geliebt - ebend. Nicht essen von dem was den Übelthätern geliebet, Ps. 141, 4. Balaam geliebte der Lohn der Ungerechtigkeit, 2 Pet. 2, 15. Im Hochdeutschen kommt es nur noch in der im gemeinen Leben üblichen Formel vor, geliebt es Gott, d. i. wenn es Gott beliebt, wenn es ihm gefällig ist.

Anm. Bey dem Ottfried giliuben, in der Monserischen Glosse giliupen, bey dem Ottfried und den Schwäbischen Dichtern auch nur lieben. Wil dir lieben gut gemach, Winsbeck. Welches auch noch bey dem Logau vorkommt. S. Belieben.


Geliefern (W3) [Adelung]


Geliefern, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort seyn erfordert, und zuweilen, besonders in manchen Gegenden, für gerinnen gebraucht wird. Das Blut geliefert. Geliefertes Fett, gelieferte Milch.

Anm. Im Nieders. und den verwandten Mundarten ist es eigentlich ein Activum, levern, gerinnen machen, da es denn, wenn es als ein Neutrum gebraucht werden soll, reciproce stehet, sich geliefern, Schwed lefra sig. S. Leber, welches zu dem Geschlechte dieses Wortes gehöret.


Geliegen (W3) [Adelung]


* Geliegen, verb. irreg. neutr. welches das Hülfswort seyn erfordert, im Hochdeutschen unbekannt ist, und nur im Oberdeutschen für das einfache liegen vorkommt. In engerer Bedeutung wird es für niederkommen, von einem Kinde entbunden werden, gebraucht, in welcher Bedeutung es noch einige Mahl in der Deutschen Bibel steht. Pinehas Weib war schwanger, und sollte schier geliegen, 1 Sam. 4, 19. Da deine Mutter dich geboren hatte, da mit dir gelegen ist, die dich gezeuget hat, Hohel. 8, 5.


Gelieger (W3) [Adelung]


* Das Gelieger, des -s, plur. ut nom. sing. welches im Oberdeutschen für Lager üblich ist, und auch zuweilen von den Hochdeutschen Jägern von dem Lager der Thiere gebraucht wird. S. Lager.


Gelinde (W3) [Adelung]


Gelinde, -r, -ste, adj. et adv. 1. Eigentlich. 1) Sanft, glatt, dem Gefühle nach, im Gegensatze dessen, was rauh ist. Ihre Worte sind gelinder (glatter) denn Öhl, Ps. 55, 22. Mandelöhl macht eine gelinde Haut, gelinde Hände. Gelindes Leder. 2) Weich, im Gegensatze dessen, was hart ist; doch nur noch selten. Gelindes Fleisch, welches weich aber mürbe ist. Ein gelindes Bett, ein gelindes Küssen, ein weiches, im Oberdeutschen. Gelinde Saiten aufziehen, figürlich, nachgeben. Das Kupfer ist gelinde, bey den Kupferstechern, wenn der Grabstichel dasselbe leicht und rein schneidet. 2. Figürlich. 1) Die gelinde Aussprache eines Buchstaben, im Gegensatze der harten. Jemanden, mit gelinden Worten besänftigen, mit sanften, sanftmüthigen. Gelinde Sitten haben, im Gegensatze der rauhen. Eine parteyische Empfehlung der Blutsfreunde ist, sie mit dem gelindesten Nahmen zu belegen, ein frommer Betrug, Gell. 2) Einen geringen Grad der innern Stärke oder des Prädicates überhaupt habend. Ein gelinder Regen, ein sanfter Regen. Eine gelinde Wärme, Gelindes Wetter, im Gegensatze des kalten. Ein gelinder Wein, im Gegensatze eines starken, feurigen. Eine gelinde Purganz, gelinde Arzeney, im Gegensatze einer heftigen. Die Arzeney wirkt sehr gelinde. Ein gelindes Feuer anmachen, im Gegensatze eines starken oder heftigen. Ein gelinder Wind. Ein gelinder Schmerz. Jemanden sehr gelinde strafen. Etwas gelinde anrühren. 3) Geneigt, in Beurtheilung anderer und in seinem Betragen gegen sie auf das vortheilhafteste, d. i. so wie es ihre Wohlfahrt erfordert, zu verfahren; im Gegensatze dessen was strenge ist. Niemand lästern, nicht hadern, gelinde seyn, Tit. 3, 2. Eine gelinde Strafe. Seinen Kindern gar zu gelinde seyn. Sehr gelinde mit jemanden umgehen. Eine gelinde Herrschaft. Gelinde Mittel versuchen, im Gegensatze der strengen.

Anm. Im gemeinen Leben Ober- und Niederdeutschlandes oft nur linde, welches auch Sprichw. 15, 1, 15 vorkommt, bey dem Ottfried und seinen Zeitgenossen lindo und lind, im Nieders. und Dän. lind, im Schwed. len, im Angels. lith, im Latein. lenis. Das e am Ende ist das e euphonicum, welches durch die gelinde Aussprache des d nothwendig wird. Bey den Schwäbischen Dichtern kommt auch das Zeitwort gelinden vor, gelinde werden. S. Lindern.


Gelindigkeit (W3) [Adelung]


Die Gelindigkeit, plur. inus. der Zustand, oder die Eigenschaft einer Sache, da sie gelinde ist; in den gemeinen Mundarten oft nur Lindigkeit. Es kann in allen Bedeutungen des Bey- und Nebenwortes gebraucht werden, auch in der dritten figürlichen, in welcher es die Fertigkeit ist, in Beurtheilung anderer und in seinem Betragen gegen sie auf das vortheilhafteste für sie zu verfahren. Du wolltest uns hören nach deiner Gelindigkeit, Apost. Gesch. 24, 4. In den Monseeischen Glossen kommt statt dessen Lindi vor.


Gelingen (W3) [Adelung]


Gelingen, verb. irreg. neutr. Imperf. ich gelang, (im gemeinen Leben gelung;) Mittelw. gelungen; Imperat. gelinge. Es erfordert das Hülfswort seyn, und bedeutet jemandes Bemühung und der dabey gehabten Absicht gemäß erfolgen. Es gelinget nicht eine jede Arbeit. Sein Anschlag ist ihm nicht gelungen. So weit ist mirs gelungen. Das Mittel gelang. Es gelang ihm alles, was er nur anfing. Durch Hülfe Gottes ist mirs gelungen, Apostg. 26, 22. Und freut sich der gelungenen Tücke, Haged. So kann dir gleich dein Wunsch gelingen, Willam.

Anm. Schon bey dem Ottfried gelingen. Das einfache lingen, welches noch in dem Gegensatze mißlingen angetroffen wird, kommt nur selten vor. Der Lingiso bedeutet bey dem Notker das Glück. Frisch leitet es von langen, erlangen, her, zumahl da gelingen im Holländ. so wohl berühren, als auch gelingen bedeutet. Es gehöret vielmehr zu Glück, weil die Einschiebung des n vor dem Hauchbuchstaben nichts seltenes ist. S. Glück. In einigen Oberdeutschen Gegenden verbindet man es auch mit dem Hülfsworte haben, welches auch 1 Macc. 2, 47 vorkommt, es hat ihnen gelungen.


Gelispel (W3) [Adelung]


Das Gelispel, des -s, plur. inus. das Lispeln, besonders ein anhaltendes, wiederhohltes Lispeln. Was ist das für ein Gelispel? Ein heiliges Grauen Wandelt im Hain und kommt mir entgegen mit stillem Gelispel, Zach.


Gelle (W3) [Adelung]


Die Gelle, S. Gölle.


Gellen (W3) [Adelung]


Gellen, S. Gällen.


Geloben (W3) [Adelung]


Geloben, verb. reg. act. eigentlich, vermittelst eines Handschlages versprechen, und in weiterer und der gewöhnlichsten Bedeutung, feyerlich versprechen. Etwas mit Hand und Mund geloben. Nun gelobe meinem Herrn, dem Könige von Assyrien. 2 Kön. 18, 23. Er that ihr, wie er gelobet hatte, Richt. 11, 39. Wer will für mich geloben? d. i. Bürge werden, Hiob 17, 3. Sein Leben für das Vaterland geloben. Einem seine Treue geloben. Das gelobte, d. i. das verheißene, versprochene, Land. Ihr sollt gereden und geloben, daß u. s. f. eine in manchen Eidesformeln übliche Formel. In engerer Bedeutung, sich gegen Gott durch eine feyerliche Zusage zu etwas anheischig machen. Der sein Opfer dem Herrn gelobt, 2 Mos. 6, 21. Gott eine ewige Keuschheit geloben. So auch die Gelobung.

Anm. Schon bey dem Willeram geliuben, Nieders. gelaven, belaven. Dän. belove, Schwed. förlofwa. S. Loben, welches statt dieses zusammen gesetzten auch noch zuweilen vorkommt, ingleichen Gelübd und Angeloben. Ehedem wurde es auch für entsagen, absagen, gebraucht. E daz ich der christenheit gelobe mih, Chriemh. Rache St. 262.


Des (W3) [Adelung]


Des Gelöbniß, des -sses, plur. die -sse, ein noch im Oberdeutschen gangbares Wort, wofür im Hochdeutschen Gelübde üblicher ist, S. dasselbe, ingleichen Handgelöbniß.


Gelock (W3) [Adelung]


Das Gelock, des -es, plur. die -e. 1) Ein anhaltendes, wiederholtes Locken; ohne Plural. 2) Bey den Vogelstellern, ein lebendiger Vogel, welcher die wilden Vögel herbey locket; ein Lockvogel, welcher auch der Gesang, der Ruf genannt wird.


Gelörsch (W3) [Adelung]


Das Gelörsch, des -es, plur. die -e, im Bergbaue, ein Gesenk unter sich, wo man einer Erzspur in einem engen Raume nachbricht. Etwa von dem Wallisischen Cloer, ein Loch? Bey dem Ottfried ist Gilari eine Wohnung, und im Schwed. Lar ein großer Kasten. S. Lehr.


Gelos (W3) [Adelung]


Das Gelos, des -es, plur. inus. bey den Jägern, der Koth aller Thiere und Vögel, die Raubvögel ausgenommen, wo es das Geschmeiß genannt wird. S. Losen und Losung.


Gelosen (W3) [Adelung]


* Gelosen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort seyn erfordert, und im Hochdeutschen unbekannt ist. Etwas gelosen, dessen los werden, davon befreyet werden. Ich weiß nicht, wie ich doch die Fantasie gelose, Opitz. Durch solche Freundlichkeit und süßes Liebekosen, Macht sie, daß ich mir nicht begehre zu gelosen Den Kummer der mich kränkt, ebend. Auch mit der zweyten Endung. Wo ich meiner Seelenqual Anders soll gelosen, Gryph.


Gelsamine (W3) [Adelung]


Die Gelsamine, plur. die -n, S. Jasmin.


Gelsen (W3) [Adelung]


Gelsen, S. Gelzen.


Gelster (W3) [Adelung]


Gelster, S. Geniste.


Gelt (W3) [Adelung]


1. Gelt, Interjektion, S. 2 Gelten 2. 1).


Gelt (W3) [Adelung]


2. Gelt, adj. et adv. welches eigentlich unfruchtbar bedeutet, aber am häufigsten in der Landwirthschaft von dem weiblichen Geschlechte der Thiere gebraucht wird. Eine gelte Kuh, welche entweder noch niemahls trächtig gewesen ist, oder doch dieses Jahr nicht trägt. Die Kuh geht gelt, ist dieses Jahr nicht trächtig. So auch ein geltes Schaf, ein geltes Schwein, geltes Vieh oder Geltvieh, gelte Ziegen. Ein geltes Thier oder Geltthier, bey den Jägern, ein Thier, welches in der Brunst den Beschlag nicht angenommen hat.

Anm. In den Mundarten Ober- und Niederdeutschlandes lautet dieses Wort gält, gölt, geld, geel, gell, göll u. s. f. Daß es ehedem überhaupt unfruchtbar bedeutet hat, erhellet theils aus dem Jeroschin, der ein unfruchtbares Feld ein gelbe Geld nennet, theils aus dem Nieders. wo geelje Hemp der unfruchtbare männliche Hanf ist. In der alten Scandischen Sprache war Gaele das Brachfeld, und das Slavonische und Russische Gelahn hat noch diese Bedeutung. Im Dän. ist gold, und im Schwed. gall, bey den Krainerischen Wenden jalov, im Böhm. galowa, gleichfalls unfruchtbar, und im Isländ. bedeutet Argalli die Theurung. Gemeiniglich hält man das Unvermögen zur Zeugung für die erste eigentliche Bedeutung dieses Wortes, und leitet es alsdann von Geile, testiculus, und geilen oder entgeilen, castriren, her; allein es scheinet vielmehr zu Galle, ein Mangel, Fehler, zu gehören. S. 2 Galle ingleichen Gelzen und Güst.


Gelte (W3) [Adelung]


Die Gelte, plur. die -n, Diminut. das Geltchen, Oberd. Geltlein, ein gemeiniglich hölzernes Gefäß mit einer Handhabe oder einem Stiele. Das Bier mit der Gelte in die Fässer schöpfen. Daher die Fleischgelte, Milchgelte, Füllgelte, Schöpfgelte, Biergelte, Wassergelte u. s. f. Aus dem Frisch erhellet, daß es im Oberdeutschen auch theils für Kelle, theils von einem großen Gefäße, worin man Wasser zu Abwendung einer Feuersgefahr bewahret, gebraucht worden. Etwas uneigentlich wird Ebr. 9, 4 daß Gefäß im Tempel, in welcher das Manna aufbehalten ward, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, eine goldene Gelte genannt. Anm. Es ist dieses ein sehr altes Wort, von welchem fast in allen Sprachen Spuren vorkommen. Es scheinet überhaupt ein jedes Gefäß bedeutet zu haben; wenigstens kommt es von den meisten Arten derselben vor. In der Schweiz lautet es Kalte, im mittlern Lateine Galenum, Galida, Galeta, Gella, Gelta, Galo, Gillo, Jaletus, Jalla, Jalleata, Eglitra u. s. f. Schon bey den Griechen war - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, dem Suidas zu Folge, ein Milchgeschirr der Hirten, eine Milchgelte. S. Gölle, Kelch, Kelle, Hohl u. s. f. welche alle damit verwandt sind. Eine Gelte zum Wasserschöpfen heißt in Thüringen ein Stunz.


Gelten (W3) [Adelung]


1. Gelten, verb. reg. act. gelt machen; verschneiden. S. Gelzen.


Gelten (W3) [Adelung]


2. Gelten, verb. irreg. ich gelte, du giltst, er gilt; Imperf. ich galt, (im gemeinen Leben ich golt); Mittelw. gegolten; Imperat. gilt. Es kommt in doppelter Gestalt vor. 1. * Als Activum, wiedergeben, so wohl die Sache selbst wiedergeben, als auch, und zwar am häufigsten, den Werth dafür wiedergeben, erstatten, bezahlen; in welcher im Hochdeutschen veralteten Bedeutung es ehedem sehr häufig gebraucht wurde. Bey dem Kero ist kelten, bey dem Ottfried giltan, wiedergeben, wieder erstatten, ingleichen bezahlen. Zins gelten, den Zins bezahlen, Ottfr. Das gilt ich ir, das vergelte ich ihr, Reinmar der Alte. Den schuß er mir noch gelten soll, Theuerd. er soll mir dafür genug thun, er soll ihn entgelten. Im Goth. gildan, im Angels. geltan, im Isländ. gialda, im Nieders. gelden, gellen, im Schwed. gelda, im mittlern Lat. gildare. Daher bedeutet schon im Galischen Gesetze Chalta nicht nur dasjenige, womit man ein begangenes Verbrechen ersetzet, die Buße, Geldstrafe, wovon in weiterer Bedeutung noch unser Geld übrig ist, sondern auch das Verbrechen selbst, wofür durch Geld genug gethan werden mußte, und in weiterer Bedeutung eine jede Verbindlichkeit zum Ersatz oder zur Strafe, eine Schuld, welches Wort selbst davon abstammet, S. dasselbe. Im Hochdeutschen ist diese active Bedeutung noch in den Zusammensetzungen entgelten und vergelten übrig. Opitz hat auch noch eine Schuld abgelten, für abtragen. Gelter bedeutete in den spätern Zeiten Oberdeutschlandes so wohl den Schuldner, als auch den Gläubiger. 2. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben, einen gewissen Werth haben. 1) Eigentlich, einen bekannten Werth haben, und wegen desselben von jedermann genommen werden. Dieses Geld gilt bey uns nicht, dessen Werth ist hier nicht bekannt, und wird daher nicht im Handel und Wandel angenommen. Die Louisd'or gelten überall. Ingleichen mit Beyfügung des Werthes oder vielmehr des angenommenen Zeichens desselben. Der Laubthaler gilt jetzt nur 38 Groschen. Was gilt das Getreide? Die Waare gilt ihr Geld, hat einen ziemlich hohen Preis. Das Korn gilt jetzt nichts, ist wohlfeil, hat einen geringen Preis. Auch in weiterer Bedeutung. Das gilt dir dein Leben, du wirst es mit deinem Leben bezahlen müssen. Es gilt ihr Leben, wenn sie es nicht beweisen kann. Was gilt die Wette? um wie viel wollen wir wetten? Was gilts, eine im gemeinen Leben übliche Formel, eine gewisse Vermuthung zu begleiten, gleichsam, was gilt die Wette? Was gilts, er wird nicht kommen. Was gilts, darum hat sich das junge Herrchen noch nicht bekümmert? Less. In den gemeinen Sprecharten auch nur Gelt! welches die dritte Person für gilt zu seyn scheinet, wenn es nicht mit dem Englischen to yield, zugeben, einräumen, aus einer Quelle stammet, da es denn concedisne? bedeuten würde. 2) Figürlich. (a) Einen moralischen Werth haben. (aa) Kraft, Gültigkeit haben. Was bey dem Allmächtigen gilt, will ich nicht verhehlen, Hiob 27, 11. Die Gerechtigkeit die vor Gott gilt, Röm. 1, 17. Die meisten Stimmen gelten. Der Contract gilt nicht. Was von der ganzen art gilt, (mit Bestande der Wahrheit gesagt werden kann,) das muß auch von allen darunter begriffenen Gattungen gelten. Geltende Ansprüche an etwas haben. Das Spiel, der Zug auf dem Bretspiele soll nicht gelten. Seine Befehle, seine Ansprüche geltend machen. Dieß kann für keinen Beweis, für keine Entschuldigung gelten. Das gilt mir gleich, eines hat so viel Kraft bey mir, ist meiner Neigung so gemäß, als das andere. Mir gilt alles gleich. S. Gleichgültig. Das erste Hindernis galt auch die andern Mahle, Gell. fand Statt, war vorhanden. Lassen sie meine Bitte etwas gelten, von Kraft seyn. Alle diese Entschuldigungen gelten nichts. Das lasse ich gelten! eine im gemeinen Leben übliche Formel des Beyfalles. (bb) Ansehen haben, vermögen, von Personen. Er gilt viel am Hofe, oder bey Hofe. Ich gelte etwas bey ihm. Der Weise hat ein Loos; das seinen Werth entscheidet, Verdienste, wo er gilt, und Unschuld, wo er leidet, Haged. (cc) Erlaubt seyn, doch nur im gemeinen Leben. Das gilt nicht. (b) Betreffen, auf etwas gerichtet seyn, etwas zum Ziele haben. Wie ein Vogel zum Strick eilet und weiß nicht, daß ihm (daß es ihm) das Leben gilt, Sprichw. 23, 11, daß es ihm sein Leben kostet. Es gilt deinen Kopf, es ist auf deinen Kopf, d. i. auf dein Leben abgesehen. Er sagte es ihr, doch so, daß es mich zu gelten schien, auf mich gerichtet zu seyn schien. Was einem gesagt wird, gilt alle, geht auf alle, geht alle an. Hier steht die vierte Endung mit allem Recht, weil es in dieser Bedeutung eine Figur der ersten Bedeutung ist, wo der Preis gleichfalls die vierte Endung bekommt. Ist außer der vierten Endung der Sache noch die Person vorhanden, so erfordert diese die dritte Endung. Es gilt ihm das Leben. Mir gilt alles gleich. Wird die Sache, welche der Gegenstand des Zeitwortes ist, durch eine Person ausgedruckt, so ist kein Grund vorhanden, warum die Wortfügung sollte geändert und statt der vierten die dritte Endung gesetzt werden. Indessen findet man doch in die- sem Falle den Dativ sehr häufig, und in manchen Sprachlehren wird er ausdrücklich erfordert. Ach daß der Traum deinen Feinden gülte, (gälte,) Dan. 4, 16. Ich wußte nicht, daß dieser Seufzer mir gelten sollte, Dusch. Nun, wem gilt das? Less. Nein, Liebe, nein, dir gilt nicht dieses Lied, Haged. Zumahl wenn es der armen Freundinn gilt, Gell. Die Wahl galt, wie gesagt, der jungen Sylvia, Rost. Die Kriegsrüstung soll den Engländern gelten, soll auf sie gerichtet seyn. In allen diesen Fällen sollte, wie es scheinet, billig die vierte Endung stehen, denn wenn gelten in der Bedeutung der Richtung die dritte Endung erforderte, so müßte man auch sagen: Der Anschlag gilt deinem Leben, deinem Kopfe, deinem Vermögen u. s. f. wo doch jedermann die vierte Endung gebraucht. Hierher gehöret (c) Auch die Oberdeutsche Fügung mit der zweyten Endung. Hier gilt es Laufens, hier kommt es auf das Laufen an, hier gehet es an ein Laufen. Es gilt Aufmerkens, hier ist Aufmerken nöthig. Nun so es aber sterbens gilt, Hans Sachs, wenn es zum Sterben kommt. Das Haupt bekränzt, das Glas gefüllt So leb ich, weil es Lebens gilt, Günth. So lange es noch erlaubt ist zu leben. Daher die Geltung, S. solches hernach besonders.

Anm. Dieses Wort lautet als ein Neutrum im Nieders. gelben, gellen, im Dän. giälde, bey den Krainerischen Wenden vellam, ich bin nützlich, ich gelte, im Isländ. gilda. Die Schweden unterscheiden das Activum von dem Neutro sehr schön; jenes heißt bey ihnen gelda, dieses aber gella. Wachters Muthmaßung ist sehr wahrscheinlich, daß das Neutrum mit dem Lat. valere aus Einer Quelle abstamme. Und diese Quelle ist vielleicht noch in dem Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, Stärke, Menge, Reichthum, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, vorhanden, wovon auch unter Deutsches Geld abzustammen scheinet. S. dasselbe. Die biblischen R. A. da es nun gelten sollte zum Treffen, da es zum Treffen kommen sollte, 2 Macc. 15, 20, und, es gilt wohl, für, gut, es kann geschehen, 2 Sam. 2, 14, sind im Hochdeutschen ungewöhnlich. S. Geld, Gülte, Gültig, Gültigkeit.


Geltsen (W3) [Adelung]


Geltsen, S. Gelzen.


Geltthier (W3) [Adelung]


Das Geltthier, des -es, plur. die -e, S. 2 Gelt.


Geltung (W3) [Adelung]


Die Geltung, plur. inus. das Hauptwort von dem Neutro gelten, welches nur in der Musik, von dem Werthe der Noten, dem Zeitmaße nach, üblich ist.


Geltvieh (W3) [Adelung]


Das Geltvieh, des -es, plur. car. S. 2 Gelt.


Gelübde (W3) [Adelung]


Das Gelübde, des -s, plur. ut nom. sing. von dem Zeitworte geloben, ein Versprechen vermittelst eines Handschlages, und in weiterer Bedeutung, ein jedes feyerliches Versprechen. In engerem und dem gewöhnlichen Verstande, eine feyerliche Zusage, worin man sich gegen Gott zu etwas anheischig macht. Ein Gelübde thun. Vergebens werden sie für eure Rückkunft Gelübde thun. Das Gelübde der Keuschheit, des ehelosen Lebens, der Armuth u. s. f. in der Römischen Kirche. Ein Gelübde auf sich haben, durch dasselbe gebunden seyn. Sein Gelübde brechen, wider diese Zusage handeln. Dasselbe erfüllen; in der Deutschen Bibel, es bezahlen. Anm. Im Nieders. Löfte, im Schwed. Löfte, im Dän. Lofte, bey den Krainerischen Wenden Obluba. Ehedem wurde es theils in weiterer Bedeutung von einem jeden Versprechen gebraucht. Guot geluibde ervroewet den gouch, Fab. der Schwäb. Dicht. theils in engerer von einem Eide. In glübd hab ich sie gnomen gar, Theuerd. Kap. 91. In einigen Gegenden, z. B. in Meißen, ist es weiblichen Geschlechtes, daher es Rabner mehrmahls in demselben gebraucht. Als ein Neutrum brauchte es kein e am Ende, wenn dieses nicht um der gelinden Aussprache des d willen nothwendig wäre. S. E euphonicum, ingleichen Geloben.


Gelüch (W3) [Adelung]


* Das Gelüch, des -es, plur. die -e, ein nur in einigen Gegenden übliches Wort, eine sumpfige und morastige Gegend zu bezeichnen. Brüche und Gelüche zu Wiesen zurichten. Es erhält das alte Nordische Lag, Isländ. Laugr, Wasser, Feuchtigkeit, im Andenken. Im Angels. Schottl. und Irländ. ist Lug, Loch, im Wallis. Llwch, im Schwed. Log, im Engl. Lake, im Lat. Lacus, ein See. S. Lache.


Gelust (W3) [Adelung]


* Der Gelust, des -es, plur. die -lüste, ein im Hochdeutschen unbekanntes Oberdeutsches Wort, für das einfache Lust, sinnliche Begierde. Darum hat sie auch Gott dahin gegeben in ihrer Herzen Gelüste, Röm. 1, 24. Kommt ein Gelust sie an, Wiel. Erst ließ sich ihr Gelust mit einem Kusse büßen, ebend. Schon bey dem Ottfried Kelusta und Gilusti, bey den Schwäbischen Dichtern der Gluste. In Oberdeutschland ist auch das einfache Lust im männlichen Geschlechte sehr häufig. S. Lust.


Gelüsten (W3) [Adelung]


Gelüsten, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, Lust, d. i. sinnliche Begierde empfinden, und zwar am häufigsten von unordentlichen Begierden, als ein Impersonale, aber doch in der dritten Person, mit der vierten Endung der Sache. Weil deine Seele Fleisch zu essen gelüstet, 5 Mos. 12, 20. Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Haus, 2 Mos. 20, 17. Das die Albern gelüstet, tödtet sie, Sprichw. 1, 12. Das Fleisch gelüstet wider den Geist, und den Geist wider das Fleisch, Gal. 5, 17. Einen gelüstet dieses, den andern jenes. Laß dich nicht gelüsten, mir ungehorsam zu seyn. Es gelüstet sie, oder sie gelüstet nach seltsamer Speise. Der Kranke läßt sich oft schädliche Dinge gelüsten. Zuweilen auch, besonders im Oberdeutschen, mit der zweyten Endung der Sache. Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Weibs, noch seines Knechtes, 2 Mos. 20, 17. Daß wir uns nicht gelüsten lassen des Bösen, 1 Cor. 20, 6. Deß gelüstete mich, Jos. 7, 21. In der Deutschen Bibel findet man es auch mehrmahls mit der sonst ungewöhnlichen dritten Endung der Person. Der suchet, was ihm gelüstet, Sprichw. 18, 1. Er thut was ihm gelüstet, Pred. 8, 3. Eben daselbst wird es auch einige Mahl von einem jeden Verlangen, von einer Neigung zu etwas gebraucht. Welches auch die Engel gelüstet zu schauen, 1 Petr. 1, 12. Mich hat deines Diensts nicht gelüstet, sind Worte Gottes, Es. 43, 23. Wen sollte noch gelüsten zu leben? 1 Macc. 2, 13. Gelüstets ihn aber nicht, dich zu nehmen, ist es ihm nicht gefällig, Ruth 3, 13.

Anm. Schon bey dem Ottfried gilusten, mit der zweyten Endung der Sache. Bey andern kommt statt dessen das einfache lüsten vor, welches so wohl in der Deutschen Bibel gefunden wird, als auch im Nieders. so wohl persönlich, als unpersönlich üblich ist. S. Lüsten. Im Hochdeutschen druckt man die Sache lieber mit dem Vorworte nach aus. In den gemeinen Mundarten kennet man auch das Frequentativum gelüstern. Es gelüstert mich darnach. S. Lüstern.


Gelzen (W3) [Adelung]


Gelzen, verb. reg. act. welches nur in den gemeinen Mundarten Ober- und Niederdeutschlandes üblich ist, gelt, d. i. unfruchtbar, machen, und in engerer Bedeutung zur Zeugung untüchtig machen, verschneiden, castriren; in welchem Verstande es am häufigsten von den Schweinen gebraucht wird. Die Schweine gelzen. Daher ist eine Gelze im Oberdeutschen ein geschnittenes Schwein, und ein Gelzer oder Gelzenschneider, ein Schweinschneider. Eine alte geschnittene Kuh nennet man um Bremen eine Gilse, und in Meißen Gelse.

Anm. In den gemeinen Mundarten lautet es gelsen, gölsen, göltzen, göltzen u. s. f. im Dän. gilde, im Schwed. gälla, im Engl. to geld. In einigen Gegenden ist auch gelten, gelden üblich. Im Schwed. ist Gallt, im Isländ. Golt, ein verschnittenes Schwein. Da es ohne allen Zweifel von gelt, unfruchtbar, abstammet, und nicht von Geile, Hode, Schwed. Gäll, wie man gemeiniglich glaubt, so stehet das z in diesem Worte für ts, indem es eigentlich geltsen heißen sollte. S. - Sen und Gelt.


Gemahl (W3) [Adelung]


Das Gemahl, des -es, plur. die -e, eine mit der andern verbundene Person, und in engerer Bedeutung, eine mit der andern zum Ehestande verbundene Person, sie sey nun wirklich ehelich mit ihr eingesegnet, oder nur mit derselben versprochen, ohne Unterschied des Geschlechtes und des Standes. Joseph, fürchte dich nicht, Mariam, dein Gemahl zu dir nehmen, Matth. 1, 20, 24. Unser unschuldig Gemahl, die Königinn Esther, Stücke in Esth. 5, 9. Esther, welche der König zum Gemahl genommen, Kap. 7, 3. Ein jeder soll sein Gemahl lieben und ehren, Luth. im kleinen Catech. Zu meyden Hurerey voran Sol yedes sein gemahel han, Hans Sachs. In dieser weitern Bedeutung ist es nur noch im Oberdeutschen üblich, wo es von beyden Geschlechtern auch als ein männliches Wort gebraucht wird. Hans willst du Greten zum ehlichen Gemahl haben? Luth. im Traubüchl. Sein andächtiger Gemahl Judentha, Bluntschli. Im Hochdeutschen ist dieser Gebrauch veraltet, wo das Wort theils nur von verheiratheten Personen vornehmen Standes, theils auch mit deutlichem Unterschiede der Geschlechter üblich ist, der Gemahl, eine solche Person männlichen Geschlechtes, die Gemahlinn, eine solche Person weiblichen Geschlechtes. Die Gemahlinn des Kaisers, des Fürsten, des Grafen. Die Prinzessinn empfing ihren Gemahl an der Treppe. Bey der immer höher steigenden Höflichkeit wird dieses Wort im gesellschaftlichen Leben nunmehr auch von solchen Ehegatten gebraucht, von welchem man mit Achtung zu sprechen Ursache hat. Ihre Gemahlinn hat es mir schon gesagt, sagt man wohl auch zu einem geehrten Freunde. Anm. Bey dem Willeram ist Gemahela, und bey dem Notker, Gemalu, die Braut, Maheltag die Hochzeit, mahalen ehelichen, heirathen. In dem zu Rom 1501 gedruckten Deutsch-Italiän. Vocab. heißt der Vermahel, il Sposo, und die Gmehel, la Sposa. Mit einem gemehelen, ihn heirathen, kommt in einer Bibel aus dem 15ten Jahrhunderte und in dem Buche Belial von 1472 vor. Bey dem Tatian heißt die Jungfrau Maria die Gimahhu des Joseph, und im Angels. ist Gemaecca ein Ehegatte, und gemaeclic ehelich. Ja noch jetzt heißt in einigen Oberdeutschen Gegenden ein Gemächt, oder Ehegemacht, ein Ehegatte. Dieser harte Hauchlaut führet uns auf die wahre Abstammung dieses Wortes. Das Zeitwort machen, im Alemann. gimachon, bey dem Kero kimahchon, bedeutete ehedem auch vereinigen, verbinden, vermischen. Daher ist Gimach, bey dem Ottfried und andern Oberdeutschen, ein Paar, zua dubono gimacho, ein Paar Tauben, Ottfr. und Kimachida in Boxhorns Glosse Contubernium. Eben um deßwillen bedeutet auch Make im Schwed. einen Gehülfen, Gesellen, Magell im Oberd. einen Verwandten, und macca im Angels. und mak im Schwed. ähnlich. Die Endung -el bedeutet ein Ding, welches etwas thut oder leidet. Gemachel und nach einer gelindern Aussprache Gemahl ist also eine Person, die mit der andern verbunden ist, und in engerer Bedeutung, die durch das Band der Ehe mit der andern vereiniget ist. Es druckt also sehr eigentlich das Deutsche Wort Gatte und das Lat. Conjux aus, welche gleichfalls von der Verbindung entlehnet worden. In dem Longobardischen Gesetze kommen Gamales id est confabulati vor, welches man von rechtmäßigen oder ehelichen Kindern erkläret. Gemeiniglich leitet man unser Gemahl von Mahl, die Rede, Sprache, mündlicher Vertrag ab, welche Ableitung, der auch noch Ihre beypflichtet, aber bey weiten nicht so wahrscheinlich und fruchtbar ist. S. Machen, Mahlschatz, Magen 1, Vermählen.


Gemählde (W3) [Adelung]


Das Gemählde, des -s, plur. ut nom. sing. von dem Zeitworte mahlen, pingere, ein gemahltes Bild. 1) Eigentlich, die Vorstellung des Zusammengesetzten auf einer Fläche, so fern sie mit Farben, und vermittelst des Pinsels geschiehet; zum Unterschiede von einem Risse, einer Zeichnung u. s. f. Große Gemählde, welche mehr als fünf Fuß in der Größe haben; zum Unterschiede von den Staffeleygemählden, welche auf der Staffeley gemahlet werden. Ein Gemählde von Einer Farbe, wel- ches mit Einer Farbe auf einem Grunde von einer andern Farbe gemahlet ist, Französ. Camayeu. Ein Landschaftsgemählde, welches eine Landschaft vorstellet, ein Landschaftsstück. 2) Figürlich. Alle Wunderwerke der Religion sind gleichsam Gemählde der göttlichen Eigenschaften, und wie die Werke den Natur, Abdrücke der Gottheit, Gell. Auch die Beschreibung eines sinnlichen Gegenstandes durch Worte, eine Schilderung, wird in den schönen Wissenschaften zuweilen ein Gemählde genannt. S. Mahlen. Anm. Ottfried nennt die Sternbilder Gimali thes himiles. In den spätern Zeiten war für Gemählde auch Gemahldniß und Gemähldste, Gemolz üblich. Das e am Ende ist das e euphonicum welches um der gelinden Aussprache des d willen nothwendig ist.


Gemahnen (W3) [Adelung]


Gemahnen, verb. reg. welches das mit dem Oberdeutschen Präfixo ge verlängerte Zeitwort mahnen ist, und in doppelter Gestalt gebraucht wird. 1) Als ein Activum, erinnern, in das Andenken bringen, in den gemeinen Sprecharten Ober- und Niederdeutschlandes. Jemanden an etwas gemahnen. Dieser Umstand gemahnet mich an meinen ehemahligen Verlust. In diesem Sinne ist es im Hochdeutschen unbekannt. 2) Als ein unpersönliches Neutrum, welches das Hülfswort haben bekommt und die vierte Endung der Person erfordert, aber nur im gemeinen Leben, besonders Niedersachsens, gebraucht wird, für scheinen, vorkommen. Ich weiß nicht, wie du mich heut gemahnest, wie du mir vorkommst. Es gemahnet mich, als wenn ich ihn schon gesehen hätte.

Anm. Schon Ottfried gebraucht gimanon für erinnern, mahnen. S. Mahnen.


Gemangkorn (W3) [Adelung]


Das Gemangkorn, des -es, plur. car. S. Mangkorn.


Gemäß (W3) [Adelung]


Das Gemäß, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, das Maß eines Dinges. Eines jeden Meisterfingers Bar hat sein ordentliches Gemäß in Reimen und Sylben, im Oberd. Im Hochdeutschen gebraucht man es nur von verschiedenen Arten des Maßes. Sechs Scheffel Dresdener Gemäß. Sechs Eimer Frankfurter Gemäß. S. Maß.


Gemäß (W3) [Adelung]


Gemäß, -er, -este, adj. et adv. von dem Hauptworte Maß. 1) Einerley Maß habend, gleich. Und der ihr dazu sey gemeß An der gepurt vnnd dem geseß, (an Ländereyen,) Theuerd. Kap. 2. In welcher Bedeutung es im Hochdeutschen veraltet ist. 2) So wie es die Beschaffenheit einer Sache, wie es das gegenseitige Verhältniß erfordert. Wie es seinem großen Alter - auch seinem guten Wandel - und dem heiligen göttlichen Gesetz gemäß war, 2 Macc. 6, 23. Du achtest deiner Majestät nicht gemäß, jemand zu verdammen, der die Strafe nicht verdient hat, Weish. 12, 15. Das ist nicht der Wahrheit gemäß, kommt nicht mit derselben überein. Der Natur gemäß leben. Sich seinem Stande gemäß kleiden. Sie hält es ihrem Stolze gemäßer, hierin Klugheit zu gebrauchen. Ein den Gesetzen gemäßes Betragen. Gott straft der Sünde gemäß, die Stufen der Strafe sind genau nach den Stufen der Sünde eingerichtet. Bey den Schwäbischen Dichtern gemesse. S. Maß.


Gemäßheit (W3) [Adelung]


Die Gemäßheit, plur. car. der Zustand, da eine Sache der andern gemäß ist. In Gemäßheit Ew. Majestät Befehlen, diesen Befehlen zu Folge.


Gemäuer (W3) [Adelung]


Das Gemäuer, des -s, plur. inus. Mauerwerk, Mauern. Das Gemäuer des alten Schlosses stürzte ein.


Gemein (W3) [Adelung]


Gemein, -er, -ste, adj. et adv. welches eigentlich den Begriff der Menge ausdruckt, aber mit mancherley Einschränkungen und Nebenbegriffen. 1. In Menge vorhanden. 1) Eigentlich. Die Wölfe sind in diesem Lande sehr gemein, sehr häufig. Das Silbergeld ist bey uns eben nicht gemein. Boy ist bey uns eine sehr gemeine Waare. Die Canarienvögel sind jetzt in Deutschland sehr gemein. Das ist etwas sehr gemeines. Ein sehr gemeiner Gebrauch. Der Trieb zur Einsamkeit ist nicht so gemein, als der Trieb zum gesellschaftlichen Leben. Der gemeine Stolz auf Reichthum, Geburt u. s. f. Gell. 2) Figürlich, mit dem Nebenbegriffe des Mittelmäßigen oder Schlechten. Ein sehr gemeines Gesicht. Ein gemeiner Gedanke. Eine gemeine Tugend. Gemeine Köpfe sind die beste Gesellschaft für schlechte Köpfe. Das ist ein sehr gemeines Lob. 2. Den größten Theil unter den Dingen einer Art ausmachend. 1) Eigentlich, wo sich oft der Begriff des Gewöhnlichen mit einschleicht. In der Größe eines gemeinen Apfels. Ein gemeines Jahr, in der Zeitrechnung, ein Jahr von 365 Tagen, im Gegensatze eines Schaltjahres. Der gemeine Lauf der Dinge. Oft auch etwas von dem Begriffe der Niedrigkeit. Das gemeine Volk, die gemeinen Leute, der gemeine Pöbel, der gemeine Mann, der gemeine Haufe, der zahlreichste und zugleich niedrigste Theil einer bürgerlichen Gesellschaft, der große Haufe. Es ist nur ein gemeiner Mensch, von niedrigem Stande. Gemeine Soldaten, oder Gemeine, im Gegensatze der Officiers. Im Brittischen Parlamente begreift man unter dem Ausdrucke der Gemeinen, Engl. the Commons, alle diejenigen, welche nicht zu dem hohen Adel gehören. Das gemeine Leben, die am häufigsten vorkommenden Verhältnisse und Umstände des menschlichen Lebens. Die gemeine Sprechart, die Sprechart des großen Haufens. Gemeine, jedermann faßliche und begreifliche, Ausdrücke. 2) Figürlich. (a) Was dem größten Theile unter den Dingen einer Art zukommt, bey denselben angetroffen wird. Ein Mensch von gemeiner Größe. Die gemeine Sprechart. Der gemeine Menschenverstand, den alle Menschen besitzen. Eine gemeine Höflichkeit, welche man einem jeden erweiset. Es ist eine gemeine Meinung unter den gelehrten, daß u. s. f. Der gemeinen Meinung zu Folge. Ein gemeines Sprichwort. Es ist eine gemeine Rede, ein allgemeines, öffentliches Gerücht. Nach der gemeinen und gewöhnlichen Art denken. (b) Was allen Dingen einer Art zukommt, sich auf alle Dinge einer Art erstrecket. Das gemeine Wesen, die Verbindung einzelner Glieder oder Gesellschaften, ihre Wohlfahrt mit vereinigten Kräften besser zu befördern. Das gemeine Beste, der gemeine Nutzen, der Nutzen, das Beste einer solchen Gesellschaft. Die gemeine Casse, wozu alle Glieder das Ihrige beytragen, und woraus ihre gemeinschaftlichen Bedürfnisse bestritten werden. Der Tod ist allen Altern gemein. Ein gemeiner Bescheid, bey dem Reichskammergerichte, ein in pleno verabredeter Schluß, wie es in gewissen Fällen künftig gehalten werden soll. Die gemeinen Rechte, welche alle Personen in einem Staate verbinden, zum Unterschiede von den besondern. In andern Fällen gebraucht man dafür lieber das Wort allgemein. Z. B. die gemeine Liebe, die sich auf allen Menschen erstrecket, 2 Petr. 1, 7, besser die allgemeine; ein gemeiner Friede, 2 Macc. 9, 21, ein gemeines Gebeth, Kap. 8, 29, ein allgemeines, öffentliches oder gemeinschaftliches; gemeine und öffentliche Gastereyen, 3 Macc. 4, 1. Das Nieders. meen wurde ehedem für gesammt, all, gebraucht. De meene Koopman, alle Kaufleute, die gesammte Kaufmannschaft. Meene Borger, alle Bürger. (c) Dessen Gebrauch einem jeden frey stehet, woran alle Dinge Einer Art ein Recht haben. Die gemeine Weide, welche alle dazu tüchtige Einwohner eines Ortes genießen. Der gemeine Weg, die öffentliche Straße. Gemeine Dinge, in den Rechten, deren sich ein jeder bedienen kann, z. B. die Luft, das Wasser u. s. f. Ein Buch durch den Druck gemein machen. (d) Insgemein, eine adverbische R. A. gemeiniglich, am häufigsten, gewöhnlich geschehend. (e) Sich mit jemanden gemein machen, eine allzu große und dem Ansehen nachtheilige Vertraulichkeit gegen einen Geringern blicken lassen. (f) Unrein; doch nur in der Deutschen Bibel, von Dingen, welche nach dem Jüdischen Ceremonial-Gesetze für unrein gehalten wurden. Ich habe noch nie etwas gemeines oder Unreines gegessen, Apost. Gesch. 10, 14. Da sie sahen etliche seiner Jünger mit gemeinen, das ist ungewaschenen Händen das Brot essen, Marc. 7, 2. Ich weiß, daß nichts gemein ist an ihm selbst, ohne der es rechnet für gemein, demselbigen ists gemein, Röm. 14, 14. Und so in andern Stellen mehr. 3. Mehr als Einem Dinge zukommend. Etwas mit einem gemein haben, eben dieselbe Eigenschaft haben, sich in eben dem Umstande befinden. Meine Angelegenheit hat nichts mit der deinigen gemein, ist ihr in keinem Stücke ähnlich. Gemeine Leiden, gemeine Trübsale, gemeine Beschwerden, welche man mit andern gemein hat, im Gegensatze der besondern. Gemeine Sache mit jemanden machen, einerley Absicht in Verbindung mit ihm zu erreichen suchen. Wenn ein Mann mehrern Weibern gemein ist, so heißt solches Vielweiberey. Anm. Schon im Salischen Gesetze chamin, im Isidor chimein, bey dem Ottfried gimein, bey dem Notker kemein, im Angels. gemaene, im Holländ. ghemeyne, im Dän. gemeen. Das einfache meen, mein, kommt noch im Niedersächs. vor, wo es so wohl publicus als auch communis bedeutet, Angels. maene, Schwed. men. Im Engl. ist the Main das Ganze, und mean mittelmäßig. Es gehöret zu dem Geschlechte der Wörter manch und Menge, welches letztere noch bey dem Ottfried Meina lautet. Auch das Lat. communis gehöret seiner letzten Hälfte nach hierher. Zu der jetzt veralteten biblischen Bedeutung, für unrein, muß auch das bey dem Notker vorkommende Zeitwort fermeinan, entweihen, verunreinigen, gerechnet werden. In dem mittlern Lateine einiger Gegenden Frankreichs bedeutet Maya und Meia einen Haufen.


Gemeinanger (W3) [Adelung]


Der Gemeinanger, des -s, plur. ut nom. sing. in der Landwirthschaft, ein gemeiner Anger, welcher der ganzen Gemeine gehöret.


Gemeinbier (W3) [Adelung]


Das Gemeinbier, des -es, plur. die -e, auf dem Lande, eine Zusammenkunft der Bauern einer Gemeine, worin sie ein gewisses Geld gemeinschaftlich vertrinken; ein gemein Bier, Gemeindebier, S. auch Gesellenbier.


Gemeinde (W3) [Adelung]


Die Gemeinde, oder Gemeine, plur. die -n, von dem Bey- und Nebenworte gemein. 1. Mehrere zu einem Zwecke mit einander verbundene Personen. 1) * Überhaupt, von einer jeden Gesellschaft; in welcher allgemein Bedeutung es veraltet ist, ungeachtet es in der Deutschen Bibel mehrmahls von verschiedenen größern und kleinern Gesellschaften vorkommt. Im Oberdeutschen wurde es ehedem auch von einer Gesellschaft gebraucht, deren Absicht bloß die Vergnügung war. Der auch schwätzt über Tisch allein Und läst nicht reden sein Gemein, seine Gesellschaft, Narrensch. Bl. 389. Ja von einem jeden Haufen mehrerer Menschen. Wer in der gemeinde munt Mit arger hinderrede kunt, Fabeln der Schwäb Dichter, Fab. 53. Daher kommt es Sprichw. 21, 16 sogar von den Verdammten in der Hölle vor; der vom Weg der Klugheit irret, der wird bleiben in der Todten Gemeine. Im Hochdeutschen gebraucht man es nur noch, 2) besonders, von verschiedenen besondern Arten solcher Gesellschaften. (a) Die sämmtlichen Einwohner eines Ortes, so fern sie unter der Aufsicht der Obrigkeit ihres Ortes, zur Beförderung ihrer zeitlichen Wohlfahrt verbunden sind, besonders die Einwohner eines Dorfes; an einigen Orten die Gemeinheit, Nieders. Meenhet, Meente. Die Gemeinde zusammen berufen. In engerer Bedeutung werden in einigen Städten nur die eigentlichen Bürger, und auf den Dörfern nur die eigentlichen Bauern, zur Gemeinde gerechnet. (b) Eine Gesellschaft solcher Menschen, die sich zur Ausübung einer göttlichen Offenbarung verbinden, eine Kirche, und auch hier wieder unter mancherley Einschränkungen. In der Deutschen Bibel wird die ganze Kirche Gottes mehrmahls die Gemeine, die Gemeine Gottes, oder die Gemeine Christi genannt. Oft führen die sämmtlichen durch einen gewissen Lehrbegriff verbundenen Personen dieser Art den Nahmen einer Gemeine; ingleichen die der Aufsicht und Leitung Eines Geistlichen anvertraueten Personen dieser Art, da es denn erzbischöfliche, bischöfliche u. s. f. Gemeinden gibt. Am häufigsten, die unter der Aufsicht Eines Pfarrers oder Predigers zur Beförderung ihrer geistlichen Wohlfahrt verbundenen Personen. 2. Die Versammlung der auf solche Art verbundenen Personen, oder ihrer Abgeordneten, in den letzten Bedeutungen des Wortes. Sie muste zusehen, daß die Heiden in ihr Heiligthum gingen, davon du geboten hast, sie solten nicht in deine Gemeine kommen, Klag. 1, 10. In der Schweiz ist die Landesgemeine die Versammlung der Abgeordneten aus allen Cantons, ein Landtag. 3. Ein Grundstück, welches einer ganzen Gemeinde, d. i. den sämmtlichen Einwohnern eines Ortes gehöret. Cajus wurde beschuldiget, er sey mit seinem Zaune über sein Eigenthum hinaus auf die Gemeine gerücket. In andern Orten die Gemeinheit, Allgemeinheit, das Gemeindegut, im Oberd. Almände, Aimeinde, Nieders. Meenhet, Meente, Mahnte, im mittlern Lat. Commune, Communitas, Communio.

Anm. Bey dem Notker Kemeine. Bey dem Ottfried ist Gimeinda, und im Isidor Chimeinidh, die Gemeinschaft. Es scheinet gleichgültig zu seyn, ob man dieses Wort Gemeinde oder Gemeine schreibt und spricht; wenigstens ist im Hochdeutschen beydes üblich, welches auch von einigen der folgenden Zusammensetzungen gilt, wo doch Gemeinde - bestimmter und deutlicher ist, als Gemein -, welches leicht mit dem Adverbio gemein verwechselt werden kann.


Gemeindebier (W3) [Adelung]


Das Gemeindebier, S. Gemeinbier.


Gemeindegut (W3) [Adelung]


Das Gemeindegut, des -es, plur. die -güter, S. Gemeinde 3.


Gemeindehammer (W3) [Adelung]


Der Gemeindehammer, des -es, plur. die -hämmer, an manchen Orten, ein Hammer, so fern er dazu dienet, einer Dorfgemeinde etwas dadurch bekannt zu machen. Auf den Dörfern z. B. wo sich keine Glocken befinden, muß bey entstandener Feuersbrunst der Gemeindehammer sogleich herum geschickt, und damit an jede Hausthür stark angeschlagen werden.


Gemeindemeister (W3) [Adelung]


Der Gemeindemeister, des -s, plur. ut nom. sing. S. das folgende.


Gemeinder (W3) [Adelung]


* Der Gemeinder, oder Gemeiner, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Gegenden, besonders Oberdeutschlandes. 1) Das Glied einer Gemeinde, besonders einer Dorfgemeinde, welches an einigen Orten auch ein Gemeinsmann genannt wird. 2) Eine Art eines Vorstehers einer Dorfgemeinde, welche vielleicht eben das ist, was in Thüringen ein Heimbürge ist, S. dieses Wort. In dem Bareuthischen Dorfe Werndorf werden die zwey Dorfsgemeiner von Alters her Bürgermeister genannt. Im Bisthume Augsburg kommen auf den Dörfern Gemeindsführer vor, welche vermuthlich eben das sind. Wenigstens sind die Gemeindemeister in Sachsen Heimbürgen oder Syndici der Dorfgemeinde. 3) Ein gemeinschaftlicher Schiedsrichter, im Oberdeutschen. 4) Der mit einem andern in Gesellschaft stehet, ein Compagnon, auch nur im Oberdeutschen.


Gemeinderecht (W3) [Adelung]


Das Gemeinderecht, des -es, plur. inus. das Recht, an den Freyheiten und Vorzügen einer Dorfgemeinde Theil zu nehmen. Jemanden in das Gemeinderecht aufnehmen. Gemeinderecht haben.


Gemeindsführer (W3) [Adelung]


Der Gemeindsführer, des -s, plur. ut nom. sing. S. Gemeinder 2.


Gemeindsherr (W3) [Adelung]


Der Gemeindsherr, des -en, plur. die -en, in einigen Städten, gewisse obrigkeitliche Personen, welche die Angelegenheiten der gesammten Bürgerschaft besorgen, und die Schlüsse des Rathes dem Volke bekannt machen.


Gemeingeist (W3) [Adelung]


Der Gemeingeist, des -es, plur. car. ein erst in den neuern Zeiten gebildetes Wort, eine allgemein verbreitete lebhafte und thätige Theilnahme an der gemeinschaftlichen Wohlfahrt zu bezeichnen.


Gemeinheit (W3) [Adelung]


Die Gemeinheit, plur. die -en, in einigen Gegenden, 1) eine Gemeinde, besonders die Einwohner eines Dorfes oder einer Stadt, als eine bürgerliche Gesellschaft betrachtet. S. Gemeinde. In einigen Gegenden z. B. in Soest, bedeutet die Gemeinheit in engerm Verstande die zu keiner Zunft oder Innung gehörigen Einwohner, welche daher auch Gemeindmänner genannt werden. 2) Ein einer solchen Gemeinde gehöriges Gut, S. Gemeinde 3.


Gemeinherrschaft (W3) [Adelung]


Die Gemeinherrschaft, plur. die -en. 1) Die Herrschaft über einem Ort, welche man mit einem oder mehrern gemeinschaftlich ausübet; ohne Plural. 2) Eine Herrschaft oder Dynastie, über welche zwey oder mehrere gemeinschaftlich zu gebiethen haben.


Gemeinhin (W3) [Adelung]


* Gemeinhin, adv. welches in manchen niedrigen Sprecharten für gemeiniglich gebraucht wird.


Gemeinhirt (W3) [Adelung]


Der Gemeinhirt, des -en, plur. die -en, ein Hirt, welcher von einer ganzen Gemeine bestellet wird; zum Unterschiede von einem Eigenhirten.


Gemeiniglich (W3) [Adelung]


Gemeiniglich, adv. am häufigsten, dem gemeinen oder gewöhnlichen Laufe der Dinge, der gemeinen Gewohnheit nach. Sie wird gemeiniglich zu theuer erkauft, diese immer dauernde Glückseligkeit, Dusch. Man betrachtet die Liebe gemeiniglich als eine natürliche Thorheit. Gemeiniglich sind es die Antriebe des Bedürfnisses, welche den Menschen scharfsinnig machen, Sulz. Der Verdruß rühret gemeiniglich daher, weil die Begebenheiten unsern Ideen entgegen stehen, ebend.

Anm. Im Oberdeutschen bedeutet dieses Wort auch sämmtlich, alle insgesammt. Die Käthe der Städte und die Bürger gemeiniglich.


Gemeinnützig (W3) [Adelung]


Gemeinnützig, -er, -ste, adj. et adv. den gemeinen Nutzen, d. i. den Nutzen der ganzen Gesellschaft, zu welcher man gehöret, befördernd. Er wendet seinen Fleiß und seine Zeit an, gemeinnützig zu seyn, Gell. Gemeinnützige Thaten, Unternehmungen, Schriften u. s. f. So auch die Gemeinnützigkeit.

Anm. Statt des Hauptwortes der Gemeinnutzen, welches hin und wieder vorkommt, gebraucht man doch lieber das getheilte der gemeine oder allgemeine Nutzen.


Gemeinochs (W3) [Adelung]


Der Gemeinochs, des -en, plur. die -en, ein ungeschnittener Ochs, welchen eine ganze Gemeinde für ihre Küche hält; das Gemeinrind, im Salischen Gesetze Chamintheuto.


Gemeinort (W3) [Adelung]


* Der Gemeinort, des -es, plur. die -örter, eine buchstäbliche und daher sehr ungeschickte Übersetzung des Lateinischen locus communis. Noch verwerflicher ist das von andern dafür gewagte Gemeinplatz.


Gemeinsam (W3) [Adelung]


* Gemeinsam, adj. et adv. welches nur im Oberdeutschen üblich ist. 1) Für gemein, vertraut. Gemeinsam mit jemanden umgehen. 2) Für gemeinschaftlich. Bey dem Kero kameinsamt, und kimeinsamlihho.

Anm. Eben so unbekannt sind im Hochdeutschen die Oberdeutschen Wörter, die Gemeinsame, für Gemeinschaft, ingleichen für Gemeinde; Gemeinsamkeit, für Vertraulichkeit; gemeinsamen, unzüchtige Gemeinschaft mit einer Person haben; und die Gemeinsamung für Hurerey.


Gemeinschaft (W3) [Adelung]


Die Gemeinschaft, plur. inus. der Zustand, da man etwas mit einem andern gemein hat, oder sich mit ihm gemein macht. Besonders die gegenseitige Theilnehmung an den Umständen und an dem Eigenthume des andern; da denn dieser Ausdruck so viele nähere Bestimmungen leidet, als es Arten von Umständen gibt, an welchen man Theil nimmt. Die Gemeinschaft der Güter, wenn mehrern das Eigenthum an denselben zustehet. Etwas in Gemeinschaft haben oder besitzen. Die Gemeinschaft zwischen Seele und Leib, Harmonia animae cum corpore, diejenige Verbindung beyder Theile, vermöge welcher einer in den andern wirken kann. Die Gemeinschaft Gottes, oder die Gemeinschaft der Gläubigen mit Gott, in der Gottesgelehrsamkeit. Laß mich eine traurige Gemeinschaft an deinem ganzen Kummer haben, Dusch. Gemeinschaft mit einem machen. Zuweilen auch in weiterer Bedeutung für vertrauter Umgang, und in noch weiterer Bedeutung für einen jeden Umgang. Mit jemanden Gemeinschaft haben, mit ihm umgehen. Eines Gemeinschaft fliehen. Die unvorsichtige Gemeinschaft des verwandtschaftlichen Umganges erstickt oft die gegenseitige Hochachtung, Gell.


Gemeinschaftlich (W3) [Adelung]


Gemeinschaftlich, adj. et adv. in Gemeinschaft, d. i. in gegenseitiger Theilnehmung an des andern Umständen oder Eigenthum, darin gegründet, derselben gemäß. Gemeinschaftlich speisen, in Gesellschaft. Sie haben alle ein gemeinschaftliches Zimmer. Ein Gut, eine Gerichtbarkeit gemeinschaftlich besitzen, mit andern in Gemeinschaft. Die Theile einer Rede müssen sich auf einen gemeinschaftlichen Hauptsatz beziehen. Gemeinschaftlich an etwas arbeiten, mit vereinigten Kräften.


Gemeinschaftsdorf (W3) [Adelung]


Das Gemeinschaftsdorf, des -es, plur. die -dörfer, ein Dorf, in welchem mehrere Herren die Gerichtbarkeit gemeinschaftlich besitzen.


Gemeinschenke (W3) [Adelung]


Die Gemeinschenke, plur. die -n, an einigen Orten, eine Schenke auf einem Dorfe, welche der ganzen Gemeinde gehöret; zum Unterschiede von einer Erbschenke.


Gemeinschießen (W3) [Adelung]


Das Gemeinschießen, oder Gemeindeschießen, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Städten, ein Schießen, welches die Gemeinde, d. i. die eigentlichen Bürger, halten; zum Unterschiede von dem Land- und Gesellenschießen.


Gemeinschreiber (W3) [Adelung]


Der Gemeinschreiber, des -s, plur. ut nom. sing. an einigen Orten, besonders Oberdeutschlandes, ein Schreiber bey einer Gemeinde, ein Stadtschreiber, Pflegeschreiber, Notarius publicus.


Gemeinsmann (W3) [Adelung]


Der Gemeinsmann, des -es, plur. die Gemeinsleute, ein Glied einer Gemeinde, S. Gemeinder und Gemeinheit.


Gemeintrift (W3) [Adelung]


Die Gemeintrift, plur. die -en. 1) Eine gemeine Trift, d. i. derjenige Ort wo eine ganze Gemeinde ihr Vieh gemeinschaftlich auf die Weide treiben darf. 2) Das Recht einer ganzen Gemeinde, ihr Vieh auf des andern Acker zur Weide zu treiben, ohne Plural; die Koppelhuth, im Osnabrück. Die Jahrweide.


Gemeinzeche (W3) [Adelung]


Die Gemeinzeche, plur. die -n, im Bergbaue, eine Zeche, welche von einer ganzen Stadtgemeinde gebauet wird.


Gemenge (W3) [Adelung]


Das Gemenge, des -s, plur. doch nur von mehrern Arten oder Quantitäten, ut nom. sing. 1) Mehrere mit einander vermengte Körper; das Gemengsel. So führet im Hüttenbaue das unter einander gemengte Erz, und in den Glashütten die geschmolzene Glasmasse den Nahmen des Gemenges. 2) Die Handlung des Mengens; S. Handgemenge. In der Landwirthschaft bey der Schafzucht ist das Gemenge eine Art des Vertrages der Herrschaft mit dem Schäfer, nach welchem dieser eine gewisse Anzahl Schafe zur ganzen Herde gibt, und statt des Lohnes nach dem Verhältnisse dieser Anzahl auch an dem Gewinne und Verluste Theil nimmt; welcher Vertrag in einigen Gegenden auch die Unmenge genannt wird. Auf das Gemenge dienen, eine Herde Schafe auf diese Art übernehmen. S. Mengen.


Gemengebüchlein (W3) [Adelung]


Das Gemengebüchlein, des -s, plur. ut nom. sing. im Bergbaue, dasjenige Buch, worein das Gemenge, oder die Beschickung verzeichnet wird.


Gemengefäßchen (W3) [Adelung]


Das Gemengefäßchen, oder Gemengefäßlein, des -s, plur. ut nom. sing. im Hüttenbaue, ein Fäßchen, worin das Gemenge, oder das vermengte Erz von den Ofen getragen wird.


Gemengekasten (W3) [Adelung]


Der Gemengekasten, des -s, plur. ut nom. sing. in den Blaufarbenwerken, ein Kasten, worin die verschiedenen Arten der blauen Farbe unter einander gemenget werden, welches vermittelst der Gemengekrücke von dem Gemengemacher geschiehet.


Gemengsel (W3) [Adelung]


Das Gemengsel, des -s, plur. inus. außer von mehrern Arten und Quantitäten, ein Wort, welches statt des Wortes Gemenge im gesellschaftlichen Leben üblich ist, mehrere vermengte Dinge zu bezeichnen. Ein Gemengsel von vielen falschen und wenig wahren Sätzen. S. Mengsel.


Gemerk (W3) [Adelung]


Das Gemerk, des -es, plur. die -e. 1) Ein Merkmahl, Kennzeichen, in verschiedenen Fällen des gemeinen Lebens. Ein Gemerk aus etwas nehmen, daraus erkennen, im Oberdeutschen. Aus gewissen Gemerken urtheilen. Bey den Jägern wird das vergossene Blut eines jeden angeschossenen Thieres das Gemerk genannt, weil der Jäger daraus den Weg erkennt, den es aus seiner Flucht genommen hat. Der Hirsch gibt Gemerk, wenn er schweißet. Im Bergbaue ist das Gemerk das Zeichen, welches der Bergmeister, der Markscheider, oder der Geschworne in das Gestein hauet, und auch die Stufe genannt wird. Das Gemerk schlagen, ein solches Zeichen in das Gestein hauen. An manchen Orten wird auch die Gränze oder Mark das Gemerk genannt, bey dem Notker Gemerch, und an andern führen diesen Nahmen die Merkzeichen, welche man unter die Mark- oder Gränzsteine zu legen pfleget. 2) Die Kraft zu merken oder zu behalten, das Gedächtniß; doch nur im gemeinen Leben. Ein schlechtes, ein gutes Gemerk haben. Daß der Sinn es redlich meine, haben wir nur ein Gemerke, Logau. 3) Bey den Meisterfängern zu Nürnberg ist es ein mit Vorhängen verhängtes Pult, an welchem die Merker oder Vorsteher der Zunft sitzen. S. Merken.


Gemessen (W3) [Adelung]


Gemessen, S. Messen.


Gemetzel (W3) [Adelung]


Das Gemetzel, des -s, plur. inus. ein wiederhohltes, mehrmaliges Metzeln. S. dieses Verbum.


Gemind (W3) [Adelung]


* Das Gemind, des -es, plur. die -e, ein in dem Tirolischen Bergbaue übliches Längenmaß, welches die Länge einer Faust mit über sich gestrecktem Daumen ist. Vier derselben machen eine Wiener Elle.


Gemisch (W3) [Adelung]


Das Gemisch, des -es, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, die -e, eine Masse mehrerer mit einander vermischter Dinge. Ein Gemisch von Öhl, Wasser und Weingeist. Was für ein Gemisch von Verstellung, Heucheley und Unsinn! Er ist ein bewundernswürdiges Gemisch von Geschicklichkeit und Einfalt. Sie schienen mit einem Gemische von Verwunderung und Andacht zuzuhören. Gelb und purpurn standen die Bäume im schönsten Gemische, Geßn. Ein röthliches Gemisch zieht von dem Berge sich ins Thal, von immer grünen Tannen und Fichten gefleckt, ebend. Bey dem Tatian Gimisg. Gemisch läßt sich so wohl in gutem als nachtheiligen Verstande gebrauchen, Mischmasch aber nur in dem letztern.


Gems (W3) [Adelung]


Der Gems, des -en, plur. inus. im Bergbaue, eine Art festen Gesteines, S. Kamm 2.


Gemsbock (W3) [Adelung]


Der Gemsbock, des -es, plur. die -böcke, S. das folgende.


Gemse (W3) [Adelung]


Die Gemse, plur. die -n. 1) Eigentlich, eine Art kleiner und wilder Felsenziegen, mit einem sehr krummen Haken an den Hörnern, von dunkelbrauner oder röthlicher Farbe, welche sich auf den felsigen Gebirgen besonders der Schweiz aufhält; Capra cornubus erectis uncinatis L. Rupicapra Klein. In der Schweiz kennet man zwey Arten derselben, wovon die eine die höchsten und unersteiglichsten Felsen bewohnet, und das Gratthier genannt wird, die andere aber an dem Fuße der Berge und in den Wäldern ihre Nahrung sucht, und das Waldthier heißt. S. diese Wörter. Saul suchte den David auf den Felsen der Gemsen, 1 Sam. 24, 2. Die Gemsen gebären auf den Felsen, Hiob 39, 1. Hier fliehet, dem gescheuchten Rehe, Der aufgejagten Gemse gleich, Die königliche Tochter Cadmus, Raml. Gemse begreift beyde Geschlechter in sich. Will man sie genauer unterscheiden, so heißt das männliche dor Gemsbock und das weibliche die Gemsziege oder das Gemsthier. 2) Im Bergbaue, ein hohler Haken an einem Stiele mit zwey krummen Zacken, die Glätte damit von dem Herde zu ziehen; wegen der Ähnlichkeit der Zacken mit einem Gemsenhorne. Anm. Der Nahme dieses Thieres lautet im Oberdeutschen Gams, Gäms, im Theuerdanke Jembß, in einer zu Berlin befindlichen alten handschriftlichen Bibel Gemais, im Ital. Camozza und Camuccia, im Franz. Chamois, im Böhm. Kamsik, in Pohln. Giemza. Popowitsch leitet diesen Nahmen mit vieler Wahrscheinlichkeit von dem alten Worte kam, krumm, her, wegen der besondern Krümme der Hörner dieses Thieres. S. Kamehl. Im Griech. bedeutet - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - einen Hirsch, und im Schwed. Gumse einen Widder, Gymmer aber ein Schaf. Das e am Ende ist im Hochdeutschen um der gelinden Aussprache des s willen nothwendig. Die Oberdeutschen Mundarten sprechen dieses s härter aus, Gäms. In eben denselben ist es an manchen Orten männlichen, und an noch mehrern ungewissen Geschlechtes. Da setzt ein schüchtern Gemß u. s. f. Hall. Da die meisten verwandten Sprachen in diesem Worte ein a haben, welches die Oberdeutsche Mundart gleichfalls sehr deutlich hören lässet, so ist die Schreibart Gämse der Abstammung gemäß, ungeachtet sich auch das e im Hochdeutschen vertheidigen lässet, weil ä und e in derselben in tausend andern Fällen mit einander abwechseln.


Gemsenballen (W3) [Adelung]


Der Gemsenballen, oder Gemsballen, des -s, plur. ut nom. sing. S. Gemsenkugel.


Gemsenfuß (W3) [Adelung]


Der Gemsenfuß, oder Gemsfuß, des -es, plur. die -füße, bey den Mundärzten, ein Werkzeug, die Zähne damit auszuziehen, welches auch ein Greifschnabel genannt wird; Gryphus.


Gemsengeyer (W3) [Adelung]


Der Gemsengeyer, oder Gemsgeyer, des -s, plur. ut nom. sing. der größte Raubvogel im südlichen Deutschlande, welcher sich in den dasigen Gebirgen aufhält, und Gemsen raubt.


Gemsenhorn (W3) [Adelung]


Das Gemsenhorn, oder Gemshorn, des -es, plur. die -hörner, ein Horn von einer Gemse. In den Orgeln verstehet man darunter eine Art oben enger und unten weiter Pfeifen, deren Stimme dem Klange der Viola di Gamba nahe kommt.


Gemsenjagd (W3) [Adelung]


Die Gemsenjagd, plur. inus. die Jagd der Gemsen, die Jagd auf Gemsen; die Gemsjagd.


Gemsenjäger (W3) [Adelung]


Der Gemsenjäger, des -s, plur. ut nom. sing. ein Jäger, der sich vorzüglich auf die Gemsenjagd legt, und in der Schweiz ein Gemsensteiger genannt wird.


Gemsenkraut (W3) [Adelung]


Das Gemsenkraut, des -es, plur. inus. S. Gemsenwurz.


Gemsenkugel (W3) [Adelung]


Die Gemsenkugel, oder Gemskugel, plur. die -n, eine mit verhärtetem Schleime überzogene Kugel von zusammen gebackenen Haaren, welche zuweilen in dem Magen der Gemsen gefunden wird, und aus den Haaren entstehet, welche die Gemsen verschlucken; wenn sie einander lecken; der Gemsenballen. Man legte diesen Kugeln ehedem allerley und oft sehr abergläubische Wirkungen bey.


Gemsensteiger (W3) [Adelung]


Der Gemsensteiger, des -s, plur. ut nom. sing. S. Gemsenjäger.


Gemsenwurz (W3) [Adelung]


Die Gemsenwurz, oder Gemswurz, plur. inus. eine Pflanze, welche auf den höchsten Felsen, dem Wohnsitze der Gemsen, angetroffen wird; Doronicum L, Gemsenkraut. Wegen der Wirkung der Wurzel dieser Pflanze wider den Schwindel wird sie auch Schwindelkraut genannt.


Gemsthier (W3) [Adelung]


Das Gemsthier, des -es, plur. die -e, S. Gemse.


Gemsziege (W3) [Adelung]


Die Gemsziege, plur. die -n, S. ebendas.


Gemüll (W3) [Adelung]


Das Gemüll, des -es, plur. inus. außer von mehrern Arten und Quantitäten, die -e, im gemeinen Leben, der Schutt, oder unnütze Abgang im Bauen von Steinen, dem Kalke, Lehme u. s. f. welcher im Oberdeutschen auch Kummer genannt wird. S. Mull und Kummer.


Gemünd (W3) [Adelung]


Gemünd, ein eigenthümlicher Nahme mehrerer Örter, welche an der Mündung eines Flusses liegen. Schwäbisch Gemünd, eine Reichsstadt in Schwaben, bey welcher sich mehrere Bäche in die Rheims ergießen, und von welcher auch eine Art eines sehr geringhaltigen mit vielem Kupfer versetzten Silbers Schwäbisch Gemünd genannt wird, weil es daselbst sehr häufig verarbeitet wird.


Gemurmel (W3) [Adelung]


Das Gemurmel, des -s, plur. inus. ein anhaltendes oder wiederhohltes Murmeln; bey dem Ottfried Murmulunga, in der Deutschen Bibel das Gemürmel, Joh. 7, 12. S. Murmeln.


Gemurre (W3) [Adelung]


Das Gemurre, des -s, plur. inus. ein wiederhohltes oder anhaltendes Murren. Mein eheliches Gemurre, im Scherze, meine Gattinn. Aber wenn Burggraf Albrecht von Kirchberg in einer Urkunde von 1417 in Aremanns Gesch. dieser Burggr. Beyl. S. 97. seine Gemahlinn in allem Ernste seine eheliche Gemore nennt, so gehört es gewiß zu einem andern Stamme.


Gemüse (W3) [Adelung]


Das Gemüse, des -s, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, ut nom. sing. alles was von Feld- und Gartenfrüchten zur Speise gebraucht wird, als Erbsen, Bohnen, Grütze, Rüben, Kohl u. s. f. und so fern es zu dem Fleische gegessen wird, auch Zugemüse heißt. Grünes Gemüse, im Gegensatze des trockenen oder Hülsengemüses.

Anm. In der Deutschen Bibel, wo dieses Wort mehrmahls vorkommt, lautet es nach Art der Oberdeutschen Gemüs. Im Hochdeutschen ist das e am Ende um des gelinden Lautes des s willen nothwendig. Im Oberdeutschen ist dafür auch Muß und Mußwerk, in Niedersachsen aber Moos, Reelkost und Reuung üblich. S. Muß.


Gemüßiget (W3) [Adelung]


Gemüßiget, S. Müßigen.


Gemüth (W3) [Adelung]


Das Gemüth, des -es, plur. die -er, die Seele, in Ansehung der Begierden und des Willens, so wie sie in Ansehung des Verstandes und der Vernunft oft der Geist genannt wird. Sein ganzes Gemüth auf etwas richten, sein ganzes Begehrungsvermögen. Ein weibisches, ein feiges, ein hohes, ein niederträchtiges, ein knechtisches Gemüth. Ein gutes Gemüth, in Ansehung seiner Gesinnung gegen andere, S. Gut. Ein böses oder böshaftiges Gemüth. Sein Gemüth gegen jemanden ändern, seine Gesinnung. Sein Gemüth erquicken, aufmuntern. Ein niedergeschlagenes Gemüth aufrichten. Sein Gemüth zerstreuen. Furchtsam von Gemüth seyn, ein furchtsames Gemüth haben. Eine Wahrheit seinem Gemüthe einprägen, so daß sie zugleich einen Einfluß auf den Willen habe. Die Gegenwart des Gemüthes, die Gegenwart des Geistes, so fern sie nicht durch Begierden und Leidenschaften gehindert wird. Einem etwas zu Gemüthe führen, durch Vorstellung einer Sache sein Begehrungsvermögen zu rühren, seinen Willen zu lenken suchen. Sich etwas zu Gemüthe ziehen, anhaltenden Kummer darüber empfinden. Wer sich alles zu Gemüthe ziehet, wird vor der Zeit grau, Gell. Der Plural wird nur in so fern gebraucht, als dieses Vermögen in mehrern Menschen angetroffen wird, da es denn oft für den ganzen Menschen steht. Der Stolz schleicht sich in die besten und edelsten Gemüther ein, Gell. Die R. A. sich ein Stück Brot, eine Bouteille Wein zu Gemüthe führen, für, sie zu sich nehmen, ist ein niedriger Scherz; wenn sie nicht von dem Nieders. Gemöte, Begegnung, und möten, entgegen kommen, herstammet.

Anm. Dieses Wort lautet in Oberschwaben Gemüat, in Schlesien Gemütte, in Niedersachsen Gemöth, im Dän. Gemyt, im Angels. Gemynd, im Engl. Mind, bey dem Kero und Ottfried noch thaz Muat, in welchem letztern Gimuato Gnade, und gimuati gnädig, leutselig, angenehm, bedeutet. S. Muth und Herz.


Gemüthlich (W3) [Adelung]


Gemüthlich, adv. welches nur im gemeinen Leben üblich ist, und von einer Neigung oder Munterkeit des Gemüthes gebraucht wird, deren Bewegungsgrund man nicht deutlich einsiehet. Es ist mir heute nicht gemüthlich, spazieren zu gehen, ich habe keine Neigung dazu. Die Munterkeit des Gemüthes, oder wie es einige ausdrucken, daß es ihnen so gemüthlich sey, ist ein Zeichen der Rechtmäßigkeit einer Handlung, Baumg.

Anm. Es stammet wohl zunächst von dem veralteten gemeit, froh, angenehm, her, welches bey den Schwäbischen Dichtern sehr häufig ist. Der bluomen gemeit sin, sich über die Blumen freuen. Des wart der böse hunt gemeit, darüber ward der böse Hund froh, muthig. S. Gemüth, Anm.


Gemüthlichkeit (W3) [Adelung]


Die Gemüthlichkeit, plur. die -en, der Zustand, da einem eine Sache gemüthlich ist; ohne Plural. Ingleichen dergleichen Gefühle oder dunkele Neigungen selbst.


Gemüthsart (W3) [Adelung]


Die Gemüthsart, plur. die -en, die Art, d. i. die natürliche Beschaffenheit, des Gemüthes, oder des ganzen Begehrungsvermögens; die Gemüthsfassung. Eine mürrische, lebhafte, muntere Gemüthsart haben. Er hat viel Hämisches in seiner Gemüthsart. Man erwartet von der Natur zu viel, wenn man glaubt, daß sie die Gemüthsarten der Verwandten gleichsam durch das Blut übereinstimmig machen soll, Gell.


Gemüthsbesserung (W3) [Adelung]


Die Gemüthsbesserung, plur. inus. die Besserung des Gemüthes, oder des Vermögens zu begehren und zu verabscheuen.


Gemüthsbewegung (W3) [Adelung]


Die Gemüthsbewegung, plur. die -en, eine jede merkliche Bewegung oder Richtung des Gemüthes, welche die übrigen Begierden und Vorstellungen überwieget. Es ist so wie Gemüthsneigung, Gemüthsäußerung und Gemüthsregung, theils ein allgemeiner Ausdruck, welcher die Affecten und Leidenschaften unter sich begreift, welche von einigen in engerer Bedeutung gleichfalls Gemüthsbewegungen genannt werden; theils eine Benennung der schwächsten Arten der Gemüthsbewegungen, welche auch Gemüthsneigungen und Gemüthsregungen in engerm Verstande heißen.


Gemüthsfassung (W3) [Adelung]


Die Gemüthsfassung, plur. die -en, die Fassung des Gemüthes, d. i. derjenige Zustand des Gemüthes, welcher aus der genauen Verbindung der Seele mit dem Leibe herrühret, besonders in einzelnen Fällen; eigentlich die Gemüthsverfassung. Eine mürrische, liebreiche, menschenfreundliche, zerstreuete, ruhige Gemüthsfassung. Die rechtmäßige Gemüthsfassung gegen Gott.


Gemüthsfreund (W3) [Adelung]


Der Gemüthsfreund, des -es, plur. die -e, Fämin. die Gemüthsfreundinn, plur. die -en, ein Freund, mit welchem wir durch die Übereinstimmung des Gemüthes verbunden sind; zum Unterschiede von einem Blutsfreunde.


Gemüthsfreundschaft (W3) [Adelung]


Die Gemüthsfreundschaft, plur. die -en, die Freundschaft eines Gemüthsfreundes, oder gegen denselben; zum Unterschiede von der Blutsfreundschaft.


Gemüthsgaben (W3) [Adelung]


Die Gemüthsgaben, sing. inus. die natürlichen Fähigkeiten des Gemüthes, und in weiterer Bedeutung der ganzen Seele; zum Unterschiede von den Leibesgaben.


Gemüthskraft (W3) [Adelung]


Die Gemüthskraft, plur. die -kräfte, eine jede Kraft des Gemüthes; zum Unterschiede von der Geisteskraft. In weiterer Bedeutung auch wohl die Kräfte der ganzen Seel; zum Unterschiede von den Leibeskräften.


Gemüthskrankheit (W3) [Adelung]


Die Gemüthskrankheit, plur. die -en, eigentlich eine jede Krankheit, d. i. unvollkommner Zustand, des Gemüthes; in welcher weitern Bedeutung es aber nicht üblich ist. Man gebraucht es nur in engerm Verstande von einem lange anhaltenden Grame und Kummer. Ihre Gemüthskrankheit stieg bis zu der Zerrüttung des Körpers. In welchem Falle man auch das Beywort gemüthskrank gebrauchen kann. Eine gemüthskranke Person.


Gemüthsneigung (W3) [Adelung]


Die Gemüthsneigung, plur. die -en, die Neigung des Gemüthes zu oder von einem Gegenstande, S. Gemüthsbewegung.


Gemüthsregung (W3) [Adelung]


Die Gemüthsregung, plur. die -en, S. Gemüthsbewegung.


Gemüthsruhe (W3) [Adelung]


Die Gemüthsruhe, plur. car. die Ruhe des Gemüthes, d. i. die Abwesenheit herrschender Unlust und unangenehmer Gemüthsbewegungen, welche aus der Zufriedenheit und Vergnügsamkeit entstehet.


Gemüthszustand (W3) [Adelung]


Der Gemüthszustand, des -es, plur. inus. der Zustand, d. i. die Einrichtung des Veränderlichen, in dem Gemüthe, oder dem Begehrungsvermögen, so wohl überhaupt, als auch in einzelnen Fällen, in welchem letztern Falle man auch den Plural die Gemüthszustände brauchen könnte, ob er gleich nicht üblich ist; der Gemüthsstand, die Gemüthsstellung.


-gen (W3) [Adelung]


-gen, eine unrichtige Schreibart der verkleinernden Endung chen, S. - Chen.


Gen (W3) [Adelung]


Gen, das zusammen gezogene Vorwort gegen, welches im Oberdeutschen in allen Bedeutungen dieses Vorwortes sehr häufig ist, und daselbst so wie dieses mit der dritten Endung verbunden wird. Nun mag ein iud das recht wol suchen gen einem cristen, Buch Belial 1472. Er sah das groß Swein lauffen gen im, Theuerd. Als es nun gieng gen dem morgen, ebend. Der (deren) Trew gen mir war fast wie Stahel, Hans Sachs. Weil der König gen Tyro kommen war, 2 Macc. 4, 44. In andern Stellen gebraucht Luther es von der Richtung nach einem Orte mit der vierten Endung. Gen Antiochiam kommen, senden, Apost. Gesch. 15, 22, 30. Gen Mitylenen, Kap. 20, 14. Gen Nicopolin, Tit. 3, 12. Im Hochdeutschen ist dieses zusammen gezogene Vorwort größten Theils veraltet. Man gebraucht es zwar noch zuweilen vor einigen eigenthümlichen Nahmen der Örter, gen Leipzig, gen Frankfurt reisen, für nach; allein das gehöret in die gemeine Sprechart, und ist auch hier noch ein Überbleibsel des Oberdeutschen. Wohl aber gebraucht man es noch, selbst in der edlen Schreibart, vor dem Worte Himmel, ohne Artikel. Gen Himmel fahren. Sein Herz, seine Augen gen Himmel richten. Seine Hände gen Himmel ausbreiten. Ingleichen in der Seefahrt, die Richtung des Windes zu bezeichnen. Der Wind ist Nord gen Ost.

Anm. Es findet sich diese Zusammenziehung auch in einigen andern Sprachen. Dahin gehören das Schwed. gen oder igen, das Isländ. gen, und das Angels. gean. In den Wörtern Jener, Jenseit, ist das g in ein i übergegangen.


Genage (W3) [Adelung]


Das Genage, des -s, plur. car. ein mehrmaliges oder anhaltendes Nagen.


Genähe (W3) [Adelung]


Das Genähe, des -s, plur. car. das Nähen, besonders in Rücksicht auf die Art und Weise. Das zierliche Genähe.


Genäschig (W3) [Adelung]


Genäschig, S. Näschig.


Genau (W3) [Adelung]


Genau, -er, -este, adj. et adv. 1. Eigentlich, nahe, nahe anliegend, enge; eine noch im Oberdeutschen übliche Bedeutung. Genaue Schuhe, enge, knappe Schuhe. Auch im Nieders. sagt man ein genaues Zimmer, für ein enges Zimmer. Im Hochdeutschen gebraucht man es in derselben nur als ein Nebenwort. Das Kleid liegt sehr genau an. Der Stöpsel paßt sehr genau. Die Thür schließt nicht genau genug an. 2. Figürlich. 1) Nahe, enge, im sittlichen Verstande. Eine genaue Freundschaft, ein angelegentliches Bestreben einer starken gegenseitigen Liebe. Eheleute sind auf das genaueste mit einander verbunden. Er ist mein sehr genauer Freund. Die Ehe ist das genaueste Band der Menschen, Gell. Eine Person, die mich durch Gegenliebe auf das genaueste fesselt, ebend. Die nähere und genauere Vereinigung mit Gott, zum Unterschiede von der allgemeinen. 2) Allen einzelnen Theilen, allen Umständen nach, accurat. Wenn du dein Land einerndest, solt du - nicht alles genau auflesen, 3 Mos. 19, 9. Auch solt du deinen Weinberg nicht genau lesen, V. 10. Ich kenne ihn sehr genau. Etwas sehr genau untersuchen. Eine genaue Nachfrage, Untersuchung anstellen. Ich weiß nicht genau, was er im Schilde führet. Es riecht genau wie Schwefel. Er siehet genau so aus, wie sein Bruder. Er wußte alle Umstände auf das genaueste. Die Sache ist mir ganz genau bekannt. Auf sein Thun und Lassen genau Acht geben. Genaue Rechenschaft von etwas fordern. Einem Befehle auf das genaueste nachkommen. Ein genaues Gewissen, welches alle Umstände der Handlungen so stückweise, als möglich, beurtheilet, im Gegensatze des übereilten Gewissens. Man muß nicht alles so genau nehmen, nicht alles stückweise untersuchen und ahnden. In der Reinlichkeit pfleget er es so genau nicht zu nehmen. 3) In engerer Bedeutung, mit einer Sache und allen ihren Theilen und Umständen überein kommend, nicht mehr enthaltend, als wesentlich an derselben befindlich ist. Ich achte das Herz meiner Verwandten hoch, aber ich fühle im genauen Verstande nicht den Reiz der Liebe, Gell. Genau davon zu reden. Er verrhut genau so viel, als er einnimmt. Es gehen genau drey Maß hinein. Mit genauer Noth, kaum. Er ist mit genauer Noth entkommen, er hatte gerade so viele Zeit und bequeme Umstände, und nicht mehr, als zu seinem Entkommen äußerst nothwendig war. Der genaueste Preis einer Waare, der nächste, unter welchem sie nicht gelassen werden kann. 4) So sparsam, daß man auch den kleinsten Theil zu erhalten oder zu ersparen sucht. Sehr genau handeln, dingen. Sich sehr genau behelfen, mit Sparsamkeit auch in den kleinsten Umständen. Er ist sehr genau, sagt man von jemanden, der die Sparsamkeit auch auf die geringsten Umstände erstrecket; ein geringerer Grad der Kargheit. Du bist meine liebe Frau, wenn du nur etwas genauer seyn wolltest, Gell. Siehe Knauser.

Anm. Das einfache nau, aus welchem unser genau nur durch Vorsetzung des Oberdeutschen ge gebildet worden, ist im Nieders. noch völlig gangbar. Im Holländ. lautet es nauw, im Dän. noye, im Schwed. noga. Andere Mundarten haben es gleichfalls mit dem vorgesetzten Hauchlaute, wie das Angels. hneaw. Bey dem Ottfried kommt dafür genoto, und bey dem Notker gnoto und knoto vor. Im Nieders. ist statt dessen auch nipp und knapp üblich, welche gleichfalls von nau und genau abstammen, S. Knapp. Aller Wahrscheinlichkeit nach kommt es von nahe her, daher es in allen verwandten Sprachen auch eigentlich enge bedeutet.


Genauigkeit (W3) [Adelung]


Die Genauigkeit, plur. inus. der Zustand, da ein Ding genau ist, doch nur in den letzten figürlichen Bedeutungen. Etwas mit vieler Genauigkeit betrachten, beschreiben, untersuchen. Franz. Accuratesse. Die Genauigkeit im Vortrage, wenn alle einzelne Theile gründlich behandelt werden, Gründlichkeit in Ansehung aller einzelnen Theile. Eines Befehl mit der größten Genauigkeit vollziehen. Auch von der Fertigkeit, die Sparsamkeit bis auf die geringsten Theile seines Vermögens auszudehnen, welches ein geringerer Grad der Kargheit ist, und im Nieders. gleichfalls Nauigkeit heißt.


Genecke (W3) [Adelung]


Das Genecke, des -s, plur. inus. ein anhaltendes oder wiederhohltes Necken. Das kommt aus dem Genecke.


Genehm (W3) [Adelung]


Genehm, adj. et adv. von dem Zeitworte nehmen. 1. * Eigentlich, was man gern nimmt; in welcher jetzt veralteten Bedeutung dieses Wort ehedem im Oberdeutschen von dem Gelde gebraucht wurde. Genehmes Geld, welches gäng und gebe ist. 2. Figürlich. 1) * Was man mit Wohlgefallen empfindet; eine gleichfalls veraltete Bedeutung, wofür angenehm eingeführet worden. Do ducht sies so geneme, Stryk. Ein so genemer hort, Winsbeck. Ein frouwe geneme, Dietmar von Ast. Im Hochdeutschen gebraucht man es, 2) nur noch als ein Nebenwort, mit dem Zeitworte halten. Es genehm halten, es für vortheilhaft erkennen, und daher bewilligen. Einen Vorschlag, eine Bitte genehm halten. In weiterer Bedeutung, es für vortheilhaft erkennen, und daher zum Bewegungsgrunde seiner Handlungen machen. Den göttlichen Willen, die Vorschrift der Heilsordnung genehm halten, sie erfüllen. Das Vorwort für dem Nebenworte vorzusetzen, für genehm halten, ist unnöthig. S. Genehmigen.


Genehmhaltung (W3) [Adelung]


Die Genehmhaltung, plur. die -en, welches aus der vorigen Redensart zusammen gesetzet ist, die Handlung, da man etwas genehm hält. Mit Genehmhaltung seiner Obern verreisen, mit ihrer Bewilligung. Es ist mit meiner Genehmhaltung geschehen. Die Genehmhaltung der göttlichen Vorschrift, deren Befolgung. Die Genehmhaltung eines Glaubens-Bekenntnisses.


Genehmigen (W3) [Adelung]


Genehmigen, verb. reg. act. genehm halten. Einen Vorschlag, eines Ansuchen genehmigen. Im Oberdeutschen begenehmigen. Daher die Genehmigung, die Genehmhaltung.


Geneige (W3) [Adelung]


Das Geneige, des -s, plur. car. ein mehrmahliges oder wiederhohltes Neigen, im gemeinen Leben.


Geneigt (W3) [Adelung]


Geneigt, -er, -este, adj. et adv. welches eigentlich das Mittelwort des Zeitwortes neigen ist, aber doch in einigen figürlichen Bedeutungen als ein besonderes Wort gebraucht wird. 1) Fertigkeit zu Begierden, und in weiterm Verstande zu Veränderungen gewisser Art habend. Der Mensch ist von Natur zum Bösen geneigt. Zum Frieden geneigt seyn. Zum Zorne, zum Trunke, zum Spielen geneigt. Ich bin geneigt, auch euch zu Rom das Evangelium zu predigen, Röm. 1, 15. Zu Krankheiten, zu Kopfschmerzen, zu Flüssen geneigt seyn. 2) In engerer Bedeutung, Fertigkeit besitzend, des andern Glück gerne zu sehen. Einem geneigt seyn. Sich geneigt gegen jemand erzeigen. Ich erkenne deinen geneigten Willen, dein geneigtes Gemüth. Sich zu geneigtem Andenken empfehlen. Im Schwed. benaegen. Siehe Neigen.


Geneigtheit (W3) [Adelung]


Die Geneigtheit, plur. inus. der Zustand, da man zu etwas geneigt ist, oder einer Person geneigt ist, in beyden Bedeutungen des Beywortes. 1) Die Fertigkeit zu einer Art von Begierden oder Veränderungen. Die Geneigtheit des menschlichen Willens zum Unwillen gegen Gott, der menschlichen Natur zum Bösen. S. Neigung. 2) Die Fertigkeit, des andern Glück gern zu sehen. Geneigtheit gegen jemanden haben, empfinden.


Geneis (W3) [Adelung]


Geneis, S. Gneis.


General (W3) [Adelung]


General, ein unabänderliches Beywort, welches aus dem Latein. generalis, allgemein, entlehnet ist, und im gemeinen Leben nur in der Zusammensetzung mit verschiedenen Hauptwörtern vorkommt, deren allgemeine, oder über alle Dinge einer bestimmten Art sich erstreckende Wirkung oder Gewalt zu bezeichnen. S. die folgenden Zusammensetzungen.


General (W3) [Adelung]


Der General, des -es, plur. die -e, aus dem mittlern Lat. Generalis, eine Person zu bezeichnen, welche unter mehrern ihrer Art, die höchste Würde hat; doch nur in einigen bereits eingeführten Fällen. So heißt bey verschiedenen Mönchsorden in der Römischen Kirche das Oberhaupt des ganzen Ordens der General, zum Unterschiede von den Provinzialen, welches die ihm untergeordneten Häupter in den Provinzen sind. In dem Kriegswesen Deutschlandes und der meisten nordischen Staaten ist der General ein vornehmer Befehlshaber, dessen Würde unmittelbar auf die Würde des Feldmarschalles folget, und oft durch allerley Beysätze näher bestimmet wird. Dessen Gattin die Generalinn, plur. die -en. Ein wirklicher General von der Infanterie, heißt bey der kaiserlichen Armee General-Feldzeugmeister, und der von der Reiterey, General von der Cavallerie. Oft bezeichnet man mit dem Worte General nur überhaupt einen Feldherren, den Anführer eines ganzen Kriegsheeres oder doch eines ansehnlichen Theiles desselben, ohne dessen besondere Würde näher zu bestimmen. Z. B. wenn man sagt, ein General müsse einen abgehärteten Körper, einen lebhaften Geist u. s. f. haben. Unter die Generale in engerer Bedeutung, oder zur hohen Generalität, rechnet man nur die General-Lieutenants, die General-Feldmarschälle, die Generale von der Cavallerie, die General-Feldzeugmeister, die General-Feldmarschall-Lieutenants, und die General-Feldwachtmeister oder General-Majors, dagegen die General-Adjutanten, General-Kriegs-Commissarii u. s. f. nicht dahin gerechnet werden. Im Oberdeutschen wurde ein General ehedem auch Oberst-Hauptmann genannt, dagegen Fronsberg noch den commandirenden General, den General en chef, den obersten General nennet. Unter den vielen mit diesem Worte zusammen gesetzten Ausdrücken mögen folgende zur Probe dienen.


General-Accise (W3) [Adelung]


Die General-Accise, plur. inus. außer von mehrern Auflagen dieser Art, die -n, in einigen Ländern, z. B. in Sachsen, eine allgemeine Accise, zu welcher alle Einwohner und alle Waaren verpflichtet sind. S. Accise.


General-Adjutant (W3) [Adelung]


Der General-Adjutant, des -en, plur. die -en, bey dem Kriegswesen, ein Officier, welcher dem General zugeordnet ist, dessen Befehle zu überbringen und auszurichten, zum Unterschiede von den bey den Regimentern u. s. f. befindlichen Adjutanten; Franz. Aide de Camp.


General-Admiral (W3) [Adelung]


Der General-Admiral, des -es, plur. die -räle, in den vereinigten Niederlanden, der oberste Admiral, welcher das Haupt aller Admiralitäts-Collegien ist.


Generalat (W3) [Adelung]


Das Generalat, des -es, plur. die -e, das Amt und die Würde eines Generals. In Ungarn führen auch gewisse Gouvernements den Nahmen der Generalate.


General-Auditeur (W3) [Adelung]


Der General-Auditeur, des -s, plur. die -e, bey dem Deutschen und nordischen Kriegswesen, der vornehmste Auditeur oder die vornehmste Gerichtsperson bey einer Armee, dessen Gehülfe und Stellvertreter General-Auditeur-Lieutenant genannt wird.


General-Baß (W3) [Adelung]


Der General-Baß, des -sses, plur. die -Bässe, in der Musik, derjenige Baß, welcher die ganze Harmonie des Stückes in sich begreift; Ital. Basso continuo.


General-Befahrung (W3) [Adelung]


Die General-Befahrung, plur. die -en, im Bergbaue, die Hauptuntersuchung der Berggebäude, welche jährlich von dem Bergamte geschiehet.


General-Capitel (W3) [Adelung]


Das General-Capitel, des -s, plur. ut nom. sing. das allgemeine Capitel oder die Versammlung aller Glieder einer Gesellschaft, oder ihrer Abgeordneten, deren Versammlung ein Capitel genannt wird. Das General-Capitel eines Mönchsordens. Auch die Tuchscherer haben General-Capitel, welche bey ihren Kreisladen zu Wien, Breslau und Posen gehalten werden. S. Capitel 3.


General-Feldmarschall (W3) [Adelung]


Der General-Feldmarschall, des -es, plur. die -schälle, bey den Kriegsheeren, der oberste Feldmarschall. In weiterer Bedeutung führet in Deutschland ein jeder Feldmarschall diesen Nahmen. S. Feldmarschall.


General-Feldwachtmeister (W3) [Adelung]


Der General-Feldwachtmeister, des -s, plur. ut nom. sing. bey dem Deutschen und nordischen Kriegswesen, ein Befehlshaber, welcher auf den General-Lieutenant folget, alle Obersten und Brigadiers commandiret, und auch General-Major genannt wird; Franz. Marechal de Camp. In Pohlen und Litthauen ist der General-Feldwachtmeister ein vornehmer Reichsbeamter. S. Feldwachtmeister.


General-Feldzeugmeister (W3) [Adelung]


Der General-Feldzeugmeister, des -s, plur. ut nom. sing. eine Generals-Person bey dem Kriegswesen, welche die oberste Aufsicht über die gesammte Artillerie hat; der oberste Feldzeugmeister, Franz. Grand-Maitre de l'Artillerie. S. der General, ingleichen Feldzeugmeister.


General-Fiscal (W3) [Adelung]


Der General-Fiscal, des -es, plur. die -äle, in einigen Staaten, der oberste und vornehmste Fiscal. S. Fiscal.


General-Gewaltiger (W3) [Adelung]


Der General-Gewaltiger, des -s, plur. ut nom. sing. bey einigen Kriegsheeren, der oberste Criminal-Richter, welcher im Felde für die Aufrechterhaltung der Polizey sorget, und die Verbrecher auf der Stelle bestrafen lässet; Franz. Grand-Prevot. d'Armee. S. Gewaltiger.


Generalität (W3) [Adelung]


Die Generalität, plur. inus. die sämmtlichen Generals-Personen eines Kriegsheeres. Von dem mittlern Lat. Generalitas. S. der General.


General-Kriegs-Commissarius (W3) [Adelung]


Der General-Kriegs-Commissarius, des -rii, plur. die -rii, der oberste Kriegs-Commissarius bey einer Armee, welcher die Aufsicht über das ganze Commissariat hat; Franz. Commissaire General des Armees.


General-Landtag (W3) [Adelung]


Der General-Landtag, des -es, plur. die -e, ein allgemeiner Landtag, der in einer großen Provinz gehalten wird. Dergleichen sind die General-Landtage in Groß- und Klein-Pohlen, welche nach den vorher gegangenen kleinern oder besondern Landtagen in den Woiwodschaften und Bezirken, gehalten werden.


General-Lieutenant (W3) [Adelung]


Der General-Lieutenant, des -s, plur. die -s, bey dem Kriegswesen, ein vornehmer Befehlshaber, welcher auf den wirklichen General folget, und dem General-Major vorgehet; Franz. Lieutenant-General.


General-Major (W3) [Adelung]


Der General-Major, des -s, plur. die -s, S. General-Feldwachtmeister.


General-Marsch (W3) [Adelung]


Der General-Marsch, des -es, plur. die Märsche, bey den Armeen, ein Marsch, welcher alsdann geschlagen wird, wenn die ganze Infanterie oder auch ein ganzes Corps aufbrechen, oder sich zum Treffen fertig machen soll.


General-Quartiermeister (W3) [Adelung]


Der General-Quartiermeister, des -s, plur. ut nom. sing. ein vornehmer Befehlshaber bey einem Kriegsheere, welcher den Marsch und das Lager anordnet, und für dessen Sicherheit sorget. Franz. Marechal General des Logis de l'Armee. Unter ihm stehen der General-Quartiermeister-Lieutenant, welcher seine Stelle vertritt, und der General-Stabs-Quartiermeister.


General-Schmelzung (W3) [Adelung]


Die General-Schmelzung, plur. die -en, in dem Chursächsischen Erzgebirge, eine Veranstaltung, wo die geringhaltigen Erze der Gewerken zu Marienberg und Schneeberg geschmelzet und zu Gute gemacht werden.


Generals-Person (W3) [Adelung]


Die Generals-Person, plur. die -en, eine jede mit der Würde eines Generals begabte Person; besonders in dem Kriegswesen. S. der General.


General-Staaten (W3) [Adelung]


Die General-Staaten, sing. inus. nach dem Franz. les Etats Generaux, in den vereinigten Provinzen der Niederlande, die Häupter der sämmtlichen vereinigten Provinzen, deren Versammlungsort im Haag ist; zum Unterschiede von den Staaten oder Ständen in jeder Provinz.


General-Stab (W3) [Adelung]


Der General-Stab, des -es, plur. inus. in dem Kriegswesen, die Generalität, die sämmtlichen Generals-Personen eines Kriegsheeres. S. Stab.


General-Starost (W3) [Adelung]


Der General-Starost, des -en, plur. die -en, in Pohlen, eine Benennung des Starosten von Posen, oder Groß-Pohlen, weil alle übrige Starosten dieser Provinz unter ihm stehen; daher er auch Ober-Starost genannt wird.


General-Sturm (W3) [Adelung]


Der General-Sturm, des -es, plur. die -Stürme, im Kriegswesen, ein Sturm, der von dem ganzen belagernden Corps auf einen Ort unternommen wird; der Hauptsturm.


General-Superintendent (W3) [Adelung]


Der General-Superintendent, des -en, plur. die -en, in der Evangelisch-Lutherischen Kirchenverfassung, der oberste unter den Superintendenten einer Provinz oder eines Landes.


General-Wagenmeister (W3) [Adelung]


Der General-Wagenmeister, des -s, plur. ut nom. sing. der vornehmste Wagenmeister bey einem Kriegsheere, welcher den Marsch des Gepäckes anordnet, und die Aufsicht über alle dazu gehörigen Personen hat.


Genesen (W3) [Adelung]


Genesen, verb. irreg. ich genese, du genesest, er geneset; Imperf. ich genas; Mittelw. genesen; Imperat. genese; welches dem weitesten Umfange seiner ehemaligen Bedeutungen nach in doppelter Gestalt üblich ist. I. Als ein Activum. 1. * Überhaupt erretten, aus einer Noth, von einer Gefahr, Verlegenheit befreyen; eine veraltete Bedeutung, in welcher schon ganisan und nasgan bey dem Ulphilas vorkommt. Andere teta er genesen, sih ne mag er selber generieren, Notk. er hat andern geholfen, er helfe sich nun auch selbst. Das letztere generieren ist bloß durch die gewöhnliche Verwechselung des r und s aus genesen, oder dieses aus jenem entstanden. Genere mih, errette mich, Notk. In eben diesem Verstande gebraucht Ottfried das einfache neran. Das Angels. nerian und Schwed. naera bedeutet nicht nur nähren, sondern überhaupt erhalten, erretten, und Nerigend im Angels. und Nerrendh im Isidor, einen Heiland. Der Gegensatz ist das veraltete verneißen, bey dem Notker ferniuzzen, verderben. S. Nähren und Genießen. 2. * Besonders, von einer Krankheit befreyen, heilen; bey dem Notker keneran, bey dem Königshofen erneren, bey dem Ulphilas ganasjan. In diesem Verstande ist es noch in einigen Oberdeutschen Gegenden und im Holländischen üblich, wo auch Genesmeister, Holl. Geneesmester, einen Arzt, die Geneskunst die Arzeneykunde, und Geneslohn den Arztlohn bedeutet. II. Als ein Neutrum, welches das Hülfswort seyn erfordert. 1. * Erhalten, errettet, aus einer Gefahr, aus einer Verlegenheit befreyet werden, am Leben bleiben; eine im Hochdeutschen gleichfalls veraltete Bedeutung. Thiu mag genesan vore themo haveko, die kann von dem Habichte befreyet werden, Willer. Dadurch der pawr vor dem todt genaß, bewahret wurde, Theuerd. Kap. 69. Ich bin fro das wir sein genesen, glücklich davon gekommen, Kap. 71. Wer seine Augen niederschlägt, der wird genesen, Hiob 22, 29; dem mit niedergeschlagenen Augen hilft er, Michael. Der Fromme wird genesen, Sprichw. 28, 18. Stärke mich, daß ich genese, Pf. 119, 117. Auch in dieser Bedeutung kommt generen in ältern Oberdeutschen Schriften mehrmahls vor. Bey dem Notker ist Geniste das Heil, die Wohlfahrt, im Theuerdanke Genieß das Glück. 2. Besonders. 1) Von einer Krankheit befreyet werden, gesund werden; in welcher Bedeutung es noch in der anständigen Schreibart der Hochdeutschen üblich ist. Der Kranke ist genesen, wird bald genesen. Von einer Krankheit genesen. Im Oberdeutschen auch mit der zweyten Endung. Auch Luna kann noch nicht der Liebesbrunst genesen, Opitz. In eben diesem Verstande kommt gineran bey dem Ottfried und ginesan in der Monseeischen Glosse vor. 2) Eines Kindes genesen, von demselben entbunden werden; nur noch zuweilen in der höhern Schreibart der Hochdeutschen. Eines Knaben genesen, Es. 66, 7. Geniset si des kindes, im Schwabensp. Du, dessen unverweibt die Mutter ist genesen, Opitz.


Genesung (W3) [Adelung]


Die Genesung, plur. inus. der Zustand, da man die verlorne Gesundheit wieder erlanget. Es lässet sich mit dem Kranken zur Genesung an. Das Genesungsmittel, die Arzeney.


Genick (W3) [Adelung]


Das Genick, des -es, plur. die -e, die Höhlung oder das Gelenk des Nackens zwischen dem ersten und zweyten Wirbelbeine; Lat. Fossa. Einem Thiere das Genick brechen, worauf augenblicklich der Tod erfolget. Sich im Fallen das Genick abstoßen. Einem zum Strange verurtheilten Missethäter das Genick abstoßen; Nieders. dahlmücken. In weiterer Bedeutung auch wohl der ganze Nacken, oder der hintere Theil des Halses; Lat. Cervix.

Anm. Im Nieders. Nick, Gnick, Knick, im mittlern Lat. Genuculum, im Franz. la Nuque, im Ital. Nocco, Nuca. Es kommt von nicken, dem Frequentativo von neigen, her. S. Nacken.


Genicke (W3) [Adelung]


Das Genicke, des -s, plur. inus. ein mehrmaliges oder wiederhohltes Nicken.


Genicken (W3) [Adelung]


Genicken, verb. reg. act. im gemeinen Leben und bey den Jägern, das Genick brechen, einschlagen. Einen Hafen genicken, ihm mit der flachen Hand das Genick abschlagen, bey den Jägern. S. auch Knicken.


Genickfang (W3) [Adelung]


Der Genickfang, des -es, plur. die -fänge, bey den Jägern, ein Fang, d. i. Stich, welchen man einem Hirsche, Thiere, oder Rehbocke in das Genick gibt, um es dadurch zu tödten. Einem Thiere den Genickfang geben.


Genickfänger (W3) [Adelung]


Der Genickfänger, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Jägern, ein spitziges, schmales, auf beyden Seiten scharfes Messer, den Genickfang damit zu geben.


Genie (W3) [Adelung]


Das Genie, (sprich Schenie, zweysylbig) des -s, (sprich Schenies, dreysylbig) plur. die -s, (sprich Schenies, zweysylbig,) das in den neuern Zeiten im Deutschen aufgenommene Franz. Wort Genie, welches nicht von dem Lat. Genius, sondern von Ingenium abstammet, wofür in den mittlern Zeiten auch nur Genium üblich war. 1. Die natürliche Art eines Dinges, die angeborne Art eines Menschen in Ansehung der Kräfte seines Geistes. Das Genie der Sprache, die eigenthümliche Art derselben, ihre Natur. Das eigenthümliche Genie eines Zeitalters. Ein Mensch von einem langsamen, trägen, schläferigen, muntern Genie, von einem langsamen u. s. f. Kopfe. In dieser Bedeutung kann man es im Deutschen füglich entbehren. 2. In engerer und gewöhnlicher Bedeutung. 1) Eigentlich, die natürliche Geschicklichkeit, gewisse Dinge leichter und besser zu vollbringen, als andern möglich ist; welche Geschicklichkeit die Folge eines bestimmten Verhältnisses aller Erkenntnißvermögen, oder eines hohen Grades aller Geisteskräfte ist. Ein Mensch von vielem Genie. Ein großes, ein vortreffliches, ein außerordentliches Genie. Das Genie bestehet hauptsächlich in dem Vermögen, sich aller intellectuellen Fähigkeiten der Seele mit Geschicklichkeit und Leichtigkeit zu bedienen, Sulz. in der Entwickel. des Begriffs vom Genie. Ein philosophisches, ein poetisches, ein moralisches, ein historisches Genie haben. Viel Genie zur Poesie oder für die Poesie, zur Musik oder für die Musik haben. Werke des Genies. Man stehet aus dem oben gegebenen Begriffe, daß die statt dessen von einigen versuchten Deutschen Ausdrücke denselben bey weiten nicht erschöpfen, ob sie gleich in manchen einzelnen Fällen dafür gebraucht werden können. Logau gebraucht dafür das Wort Sinn, andere nennen es den innern Sinn, ein völlig unbequemer ja unrichtiger Ausdruck, nach andern die Anlage, die Gemüthsfähigkeit, die Geisteskraft, das Geschick, den geist u. s. f. welche unter andern auch um deßwillen untauglich sind, weil keines derselben den hohen Grad aller Geistes- kräfte ausdruckt; welcher eigentlich das Genie macht. Kopf wäre vielleicht noch das einzige Deutsche Wort, welches das Französische mit der Zeit verdrängen könnte, wenn ihm nur nicht etwas Niedriges anklebte, und wenn es nicht zunächst die obern Kräfte der Seele bezeichnete, dagegen Genie sich auch, und zwar vorzüglich, über die unteren Kräfte erstreckt. Man sehe mein Buch über den Deutschen Styl, Th. 2, S. 361; wo zugleich bewiesen worden, daß es von Ingenium, keines Weges aber, wie gemeiniglich behauptet wird, von Genius abstammet. Man sagt bereits, er hat Kopf, d. i. er hat Genie. Er ist ein Mann von vielem Kopfe, von vielem Genie. 2) In noch engerer Bedeutung verstehet man unter diesem Ausdrucke zuweilen, besonders in den schönen Künsten, die zum Erfinden nöthige scharfe und schnelle Beurtheilungskraft, schnellen Witz und unerschrockenen Muth. Das Genie erschafft, das Talent setzt nur ins Werk. Der wegen der Wildheit seines Genies so verschrieene Ariost. Genie geht nach der Ordnung der Natur vor dem Geschmacke her. 3) Figürlich. Eine mit Genie begabte Person, in beyden Bedeutungen. Locke, Newton, Leibnitz waren große Genies. Das Jahrhundert Leo des Zehnten brachte viele Genies hervor. Unter rohen wilden Völkern stehen nur selten vorzügliche Genies auf.


Genieß (W3) [Adelung]


* Der Genieß, des -es, plur. inus. ein im Hochdeutschen veraltetes Hauptwort von dem Zeitworte genießen. 1) Der Genuß einer Sache, bey den Jägern. Den Hunden den Genieß geben, ihnen von dem gefällten Wildbrete das Eingeweide und den mit Brot vermischten Schweiz zu fressen geben, welches Fressen selbst auch der Genieß, ingleichen das Gepfneisch genannt wird. Andere nennen es den Genuß, S. dieses Wort. 2) Der Nutzen, Gewinn. Um Genießes willen in Irrthum des Balnams fallen, Br. Jud. v. 11. Dem Herren viel Genieß zu tragen, Ap. Gesch. 16, 16, 19. Was vor Zeiten schelmisch hieß, Heißet ehrlich, bringt Genieß, Logau. In dieser Bedeutung wird das Genießchen, auch an einigen Orten im Scherze von einem kleinen Nutzen, von einem Profitchen gebraucht. S. Genießlich. 3) Gemeinschaft, Umgang. Was hat die Gerechtigkeit für Genieß mit der Ungerechtigkeit? 2 Cor. 6, 14.


Genießbar (W3) [Adelung]


Genießbar, -er, -ste, adj. et adv. was sich genießen lässet; im Oberdeutschen genießlich. Die Gaben des Glücks verlieren ihren Werth, wenn die Freude sich uns nicht genießbar macht. Daher die Genießbarkeit, plur. inus.


Genießbrauch (W3) [Adelung]


Der Genießbrauch, des -es, plur. inus. der Gebrauch des Genießes, d. i. des Ertrages einer Sache; Vsus fructus, der Nießbrauch, die Fruchtnießung, Fruchtnutzung. S. Genieß 2.


Genießen (W3) [Adelung]


Genießen, verb. irreg. act. ich genieße, du genießest, im Oberd. geneußest, er genießet oder genießt, im Oberd. geneußt; Imperf. ich genoß; Mittelw. Genossen; Imperat. genieße oder genieß, Oberd. geneuß. An den Wirkungen eines Gutes Theil nehmen, Nutzen davon haben. 1. Überhaupt, mit der vierten Endung der Sache. 1) Mit Anmuth empfinden, besonders von Dingen, die man selbst hat oder besitzet. Die Ruhe genießen. Seine Glückseligkeit genießen. Die Freuden des Lebens genießen. Der süße Frieden, welchen man in dem Schooße seiner Familie genießt. Gott genießen, eine auschauende Erkenntniß des Guten in ihm haben. Im Oberdeutschen mit der zweyten Endung der Sache. Arbeiten und deß nicht genießen, Hiob 20, 18. Land, Stadt, Mensch, Vieh und Feld geneußt der füßen Ruh, Opitz. Welches auch in der edlen und höhern Schreibart der Hochdeutschen häufig nachgeahmet wird. Der Freuden des Lebens genießen, Gell. Gott hat die Menschen so gebildet, daß sie der Gaben seiner Gnade mit Ergetzung genießen können, ebend. Geh, meine gute Laura, laß mich dieses Glücks genießen, Weiße. Geneuß, geneuß der Ruh, die dir entzogen, Seit ich dieß Feuer angefacht, Raml. Woraus zugleich die Unrichtigkeit der von Frisch gegebenen Regel erhellet, daß genießen die vierte Endung erfordere, wenn man eine Sache ganz, und die zweyte, wenn man nur einen theil derselben genieße; indem im Oberdeutschen mehrere Zeitwörter ohne alle Einschränkung die zweyte Endung erfordern. Wenn dieses Zeitwort absolute siehet, so bedeutet es oft überhaupt, angenehme Empfindungen aller Art haben. Der Wollüstling will nur genießen, niemahls denken. Wie kluge zu genießen wissen, Verbleibt dem Pöbel unbewußt, Haged. Einen solchen Menschen der nur immer genießen, d. i. sinnliche angenehme Empfindungen haben will, nennet Luther in der Erklärung des Magnificat sehr richtig und treffend einen Nießling. 2) In weiterer Bedeutung, Nutzen von etwas haben, an den guten Wirkungen und Folgen einer Sache Theil nehmen. Selig ist, die da unschuldig ist - dieselbe wirds genießen, zur Zeit, wenn man die Seelen richten wird, Weish. 3, 13. Du hast das erst künftig zu genießen, wirst erst künftig die guten Folgen davon empfinden. Ich wills die Armen schon genießen lassen, Gell. Im Oberdeutschen und der edlen Schreibart der Hochdeutschen, gleichfalls mit der zweyten Endung. Der Frucht des Windes geneust man, Sprichw. 13, 2. Der Gerechte wird sein ja genießen, Pf. 58, 2. 3) In der weitesten Bedeutung, der Gegenstand einer vortheilhaften Begegnung seyn, ohne eben den Begriff der damit verbundenen angenehmen Empfindung auszudrucken; gleichfalls zuweilen mit der zweyten Endung. Er hat in seiner Jugend den besten Unterricht genossen. Glückselig sind wir, die wir einer guten Erziehung genossen haben, Gell. Wir haben viel Gutes, viel Ehre, viel Höflichkeit bey ihnen genossen. Ich danke für genossene Ehre, für genossene Höflichkeit. Viele Wohlthaten von jemanden genießen. 2. Besonders, in einigen einzelnen Fällen. 1) Durch die Sinne empfinden. In diesem Verstande gebraucht man dieses Wort nur in der anständigen Sprechart des Jagdwesens für riechen. Der Hund genießt die Fährte, wenn er sie durch den Geruch empfindet. 2) Als Speise und Trank zu sich nehmen. Das heilige Abendmahl genießen. Die Speise ist so gesalzen, daß man sie nicht genießen kann. Ich habe heute den ganzen Tag noch nichts genossen. Wollen sie nicht etwas davon genießen? zu sich nehmen. Bey den Jägern sagt man, den Hund genossen machen, wenn man ihm einen gewissen Theil von dem erlegten Wilde zu fressen gibt, welches auch, den Genieß, oder den Genuß geben, ingleichen pfneischen genannt wird. 3) Sonderbar ist die im gemeinen Leben übliche R. A. einem etwas für genossen hingehen lassen, es ihm ungeahndet, ungerächet lassen. Ich kann es zufrieden seyn, daß man ihm auch jenes nicht für genossen ausgehen lässet, Less. Wie aber geht es dem für so genossen aus? Can. Allein, es hat allen Anschein, daß dieses Mittelwort nicht zu genießen, sondern zu genesen gehöret, welches ursprünglich mit genießen, verwandt zu seyn scheinet, und in irgend einer Gegend mit demselben auf einerley Art mag seyn abgewandelt worden. Genossen kommt bey den ältern Schriftstellern mehrmahls für unbe- schädigt, glücklich, unverletzt, vor. Thaz sie genozen iht entrinnen, damit sie nicht glücklich davon kommen, Fragm. de bello Caroli bey dem Schilter v. 3226. Swer genozen hine vare, wer glücklich davon kommt, v. 3334. Varent sie also genozen hinnen, v. 3454. Vnd schol genossen hin khomen, Stryk. Kap. 14. Sect. 3. So auch die Genießung, wenigstens in einigen Fällen, da in den meisten auch der Genuß üblich ist. S. dasselbe.

Anm. Dieses Zeitwort lautet in den meisten der jetzt angeführten Bedeutungen bey dem Ottfried so wohl geniazan, ginuzzen, als niazan, niezan, und mit der gewöhnlichen Verwechselung des Zischlautes mit dem t, nieton, im Schwabensp. niezzen, im Garten der Gesundheit von 1490 genutzen und nutzen, wo es auch Arzeney einnehmen bedeutet, in Schwaben noch jetzt niazan, im Nieders. neten, geneten, im Angels. notian, nyttian, im Dän. nyde, im Schwed. njuta, bey dem Ulphilas niutan und ganiutan. Da das n in manchen, besonders nordischen Sprachen, ein bloßer müßiger Vorsatz ist, so glaubt Ihre, daß unser nießen und nieten mit dem Latein. uti genau verwandt sey. Ist dieses, so könnte es von essen, Nieders. eten, abstammen, da denn die zweyte besondere Bedeutung als die erste eigenthümliche angesehen werden müßte. S. Nutz, Nutzen, Niedlich. Ottfried gebraucht es so wohl mit der zweyten, als vierten Endung. Die Oberdeutsche Conjugation geneußest u. s. f. welche eine Überbleibsel einer rauhern Mundart ist, wo dieses Zeitwort geneußen lautet, ist auch in der höhern Schreibart der Hochdeutschen nicht ungewöhnlich, weil sie den Mund mehr füllet, folglich für erhabener gehalten wird, als das ründere genießest. Ehedem hatte man auch das Activum genießen oder genieten, genießen machen, welches noch bey dem Notker vorkommt. Langero tago genieton ih im, mit langen oder vielen Tagen will ich ihn erfüllen.


Genießjagen (W3) [Adelung]


Das Genießjagen, des -s, plur. inus. im Jagdwesen, das erste Jagen, oder die erste Jagd im Jahre, welche zur Zeit der Hirschfeiste oder Schweinhatz gehalten wird, weil man alsdann den Jagdhunden mit besondern Feyerlichkeiten den Genieß zu geben pfleget; das Genußjagen.


Genießlich (W3) [Adelung]


* Genießlich, adj. et adv. welches nur im Oberdeutschen üblich, im Hochdeutschen aber fremd ist. 1) Was sich genießen, d. i. als Speise oder Trank zu sich nehmen lässet; genießbar. 2) Zur Ungebühr auf seinen Genieß, d. i. Nutzen, Vortheil, bedacht, eigennützig, vortheilhaft, interessirt. Der Krämer nützer Schwur und ihr genießlich Lügen, Logau. S. Genieß 2. 3) Nutzen bringend, nützlich, einträglich. Wer im Geringen bübelt, wo man nicht viel gewinnt, Wird mehr in Sachen vortheln, die mehr genießlich sind, ebend.


Genist (W3) [Adelung]


Das Genist, des -es, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, die -e, im gemeinen Leben, allerley aus kurzen Strohhälmen, Ähren, kleinem Reisig u. s. f. bestehender Abgang; vielleicht weil die Vogelnester aus ähnlichen Dingen gebauet zu werden pflegen. S. Nest.


Geniste (W3) [Adelung]


Die Geniste, plur. inus. 1) Eine Pflanze oder vielmehr Staude, welche eine Menge langer dünner Stängel wie Ruthen treibet, daher sie von einigen auch Pfriemenkraut genannt wird; Genista L. Der Nahme wird im gemeinen Leben sehr verunstaltet, indem er bald der Ginster, Genster, Ginst, Genst, bald Gälster, Gelster, Gester, Gast, Gäst, Gaister, Gemst, Galstern, Gurst u. s. f. lautet. Die wilde Geniste, Genista sagittalis L. wächset in den unfruchtbaren sandigen Gegenden Deutschlandes. Die Färbergeniste, Genista tinctoria L. mit deren Kraute man gelb färbt, führet an einigen Orten eben dieselben Nahmen, so wie auch die Genista germanica und pilosa L. wird aber an andern auch Färberpfrieme genannt. 2) Ein Staudengewächs aus eben derselben Classe, Spartium L. welches um der ähnlichen Beschaffenheit seiner Äste und Zweige willen, gleichfalls Pfriemenkraut genannt wird, ist im Deutschen auch unter dem Nahmen Geniste, Ginster, Genster u. s. f. bekannt; besonders das bey uns wild wachsende Spartium scoparium, welches an andern Orten wegen der hochgrünen Farbe seiner Ruthen Grünitz, Grinitsch, Grinz, Grünling, Grünspan, an noch andern Schachkraut, Frauenschub, Pfriemenholz, Hafenheide, Wildholz, Kühschoten, weil es Schoten trägt, Pfingstblume, und in Niedersachsen Brahme, Brahmen, Brahmkraut, Angels. Brome, Engl. Broom ( S. 1 Brame,) genannt wird.

Anm. Im mittlern Lateine heißen diese Pflanzen, wenigstens eine derselben, Ginestus, im Ital. Ginestra, im Franz. Genet. Es scheinet, daß die vielen kleinen Ruthen, woraus die Äste und Zweige beyder Gewächse bestehen, zu ihrer Benennung Gelegenheit gegeben haben. S. das Genist.


Genitiv (W3) [Adelung]


Der Genitiv, des -es, plur. die -e, ein aus dem Lat. entlehntes grammatisches Kunstwort, die zweyte Endung der Nennwörter zu bezeichnen. Ein vor Schotteln lebender Sprachlehrer nannte diese Endung den Geschlechter, Schottel die Geschlechtendung, Bodmer den Zeugefall, andere den Zeuger, die Zeugendung, den zeugenden Fall, Aichinger den Fall des Besitzenden, Gottsched die zweyte Endung, und Klopstock die Verkürzung.


Genoß (W3) [Adelung]


Der Genoß, des -ssen, plur. die -ssen, Fämin. die Genossinn, plur. die -en, der mit dem andern etwas in Gemeinschaft genießet, einerley Beschaffenheit oder Umstände mit ihm gemein hat. 1) In weiterer Bedeutung, von einer jeden ähnlichen oder gleichen Beschaffenheit; in welcher im Hochdeutschen veralteten Bedeutung es ehedem für gleich gebraucht wurde. Enkeiner sin genos, keiner seines gleichen, Fabeln der Schwäb. Dichter. So stark ist nieman noch so gros Er vindet etzuua sin genos, Fab. 83. An triuwe ist nieman sin genos, Fab. 93. Denn der sey euch genoß am adel, Theuerd. Besonders gebrauchte man es ehedem von Personen gleicher Geburt oder gleichen Standes; in welcher Bedeutung es noch zuweilen jetzt vorkommt. Ehedem mußte jeder von seinen Genossen gerichtet werden, von Personen seines Standes, die ihm ebenbürtig waren. 2) In engerer und noch gewöhnlicher Bedeutung ist Genoß jemand, der einige zufällige oder willkührliche Umstände mit dem andern gemein hat. Am häufigsten gebraucht man es in Zusammensetzungen, deren erste Hälfte diesen Umstand näher bestimmet. Z. B. ein Amtsgenoß, Bundesgenoß, Berggenoß, Diebsgenoß, Dienstgenoß, Ehegenoß, Eidgenoß, Glaubensgenoß, Handelsgenoß, Hausgenoß, Tischgenoß, Bettgenoß, Zunftgenoß u. s. f. Aber es kommt auch für sich allein vor. Alle ihre Genossen werden zu Schanden, Es. 44, 11. Die ersten Genossen des Abendmahls, die ersten, welche Theil daran hatten, welche es zuerst genossen. Der Dieb hat seine Genossen angegeben. Wo man denn die Gemeinschaft durch das Wort mit oft noch näher zu bestimmen pflegt, ein Mitgenoß.

Anm. Kero übersetzte das Lat. consors noch sehr buchstäblich Ebanlozzo, und der Übersetzer Isidors Chuothzsso; Ottfried aber und Notker gebrauchen schon Ginoz und Genoz, theils für gleich, theils für einen Genossen. Im Nieders. lautet es Ge- nate, Genoth, im Schwed. Note, im Isländ. Naute. Es kommt von genießen her, vielleicht so ferne solches auch speisen bedeutet, da es denn zunächst Tischgenossen mag bezeichnet haben. Genoß wird zuweilen auch von beyden Geschlechtern gebraucht, der Ehegenoß für die Ehegenossin; richtiger aber werden beyde Geschlechter unterschieden.


Genossam (W3) [Adelung]


* Der Genossam, des -es, plur. die -e, ein nur in einigen Oberdeutschen Gegenden, z. B. in der Schweiz, übliches Wort, einen Genossen, besonders den Einwohner einer Genossame zu bezeichnen.


Genossame (W3) [Adelung]


* Die Genossame, plur. die -n, eben daselbst, für Genossenschaft. Der Canton Uri ist noch jetzt in gewisse Genossamen oder kleinere Bezirke getheilet, deren Einwohner Genossame genannt werden.


Genossenschaft (W3) [Adelung]


Die Genossenschaft, plur. die -en, 1) Der Zustand, da zwey oder mehrere einerley Umstände mit einander gemeinen haben; ohne Plural. Besonders wurde es ehedem von der Gleichheit des Standes gebraucht. 2) Die Genossen selbst, als ein Ganzes betrachtet, in welcher Bedeutung es an einigen Orten für Zunft, Innung, Gesellschaft üblich ist. Im Hochdeutschen wird es in beyden Bedeutungen wenig gebraucht. Bey dem Kero Kinozsceffi, bey dem Notker Gnozscaft, im Nieders. Nothschaft, Genothschaft.


Genster (W3) [Adelung]


Der Genster, des -s, plur. inus. S. Geniste 2.


Genug (W3) [Adelung]


Genug, adj. et adv. welches in doppelter Gestalt üblich ist. 1) Als ein eigentliches Adverbium oder Umstandswort, diejenige Beschaffenheit einer Sache oder Handlung zu bezeichnen, da sie zu einem Bedürfnisse, zu einer Kraft, oder zu einer Absicht hinreichend ist, zunächst wohl von der Menge, dann aber auch von einer jeden Beschaffenheit. Ich habe genug gegessen, genug geschlafen, genug gearbeitet, genug gegangen, genug gesehen u. s. f. so viel als ich bedurfte, als nöthig war. Sie haben genug zu essen, zu trinken, zu thun, zu arbeiten. Das ist nicht genug. Er wird doch einmahl genug bekommen. Der Geitzige bekommt nie genug. Bald ist es genug. Ich habe genug mit mir selbst zu thun. Eine einzige feyerliche Züchtigung würde bey dem Anfange genug gewesen seyn, hinlänglich, Gell. Ich habe genug erfahren. Der natürliche Trieb der geselligen Eigenschaft, den man nie genug ausbilden kann. Es wäre an Einer genug. Für mich ist es genug; oder mit der dritten Endung, mir ist es genug. Laß dir das genug seyn, laß dich daran begnügen, sey damit zufrieden. Sich genug essen, schlafen u. s. f. im Oberdeutschen, so viel als man verlangte. Sich selbst genug seyn, so viel Kräfte haben, als man zu Erreichung einer Absicht bedarf, oder doch so viel zu haben glauben. Viele glauben, daß sie sich selbst zur Tugend genug sind. Der Weise ist sich selbst genug, ist mit seinem Zustande zufrieden. Wer das thut, was er soll, er thut sich selbst genug, Weiße, der empfindet die angenehme Überzeugung, daß er seine Pflicht erfüllet habe. Einem genug thun, ihm das leisten, wozu man ihm verpflichtet ist. Dem Gesetze genug thun, es wirklich erfüllen, entweder durch Gehorsam, oder durch Erduldung der Strafe; Nieders. vulldoon. Dem Kläger genug thun. S. Genugthuung. Ingleichen eines Verlangen, eines Willen erfüllen. Pilatus gedachte dem Volke genug zu thun, Marc. 15, 15. Zuweilen hat es den Begriff der Menge, oder eines ziemlich hohen Grades bey sich, in welchem Falle es auch hinter dem Zeitworte stehen kann. Sie habens ja getrieben genug; und ihr habt euch ja gesperret genug, Weiße. Sehr oft wird es auch andern Nebenwörtern nachgesetzet, eben diesen Begriff der Hinlänglichkeit auszudrucken. Es ist breit, tief, groß, weit genug. Er ist alt genug dazu. Du wirst noch früh genug kommen. Für ihn ist sie artig genug. Er ist mir oder für mich nicht klug genug. Es ist süß genug. Er ist übrig genug, im gemeinen Leben, es ist überflüssig, mehr als hinreichend. Wo es zuweilen, besonders in der vertraulichen Sprechart, den Nebenbegriff der Vielheit, oder eines ziemlich hohen Grades der durch das andere Nebenwort ausgedruckten Beschaffenheit hat. Ich habe ihn oft genug gesehen, schon sehr oft. Ich habe sie oft genug mit der Ruthe aus dem Bette gehohlet, Weiße. Ich habe es theuer genug bezahlen müssen. Schlimm genug, daß man den Neid an so vielen Menschen, gewahr werden muß! Es ist leider gewiß genug! Oft aber auch den Nebenbegriff der Mittelmäßigkeit, für ziemlich. Die Witterung war uns noch günstig genug. Nun, nun, sie mag artig genug seyn, Weiße. Gut genug, wenn man das recht gute dagegen stellt, ist nicht viel mehr als ziemlich schlecht, Less. 2) Als ein unabänderliches Adjectiv, welches Hauptwörtern beygesellet wird, eben diese Hinlänglichkeit zu bezeichnen, da es denn am liebsten hinter dem Hauptworte stehet. Er gibt den Müden Kraft, und Stärke genug den Unvermögenden, Es. 40, 29. So wird der Herr euch Regen genug geben, Zachar. 10, 1. Ich habe Zeit genug dazu. Ist eine gute Erziehung nicht Erbtheil genug? Gell. Ich bin nicht Kenner genug, um davon urtheilen zu können. Ein Liebhaber, den du verstießest, weil er nicht Weltmensch genug war, Dusch. Wenn ich artiger bin, alsdann ist es Zeit genug, Gell. In einigen Fällen auch vor dem Hauptworte. Ich bin nicht genug Kenner, um darüber urtheilen zu können. Er hat freylich selber genug Vermögen, Gell. Genug Mahl, im gemeinen Leben, besser oft genug. Zuweilen, besonders im Oberdeutschen, wird es auch mit der zweyten Endung des Hauptwortes verbunden. Brots genug, Ps. 132, 15. Zorns genug, Esth. 1, 18. Wassers genug, Ezech. 31, 5. Unglücks genug, 4 Esr. 12, 43. Das ist doch wohl Einwurfs gegen meine Deutung genug? Less. Verdienen sie wohl, daß ich noch Freunds genug bin, mit ihnen ohne Verstellung zu reden? ebend. Ist er nicht Freunds genug, mir ungefragt zu sagen? ebend. Oft hat es in der vertraulichen Sprechart auch hier den Nebenbegriff der Menge oder eines ziemlich hohen Grades. Es gibt überall armer Leute, oder arme Leute genug. Es ist Glück genug für ihn, wenn er noch so davon kommt. Ehedem wurde es in dieser Gestalt eines Beywortes ordentlich abgeändert. Mit reinidon genuagen, mit genugsamer Reinigkeit, Ottfr. Genuege leute, Leute genug, Stryk. S. Genugsam.

Anm. Dieses Wort lautet bey dem Ottfried ginuag, ginuht, nug, bey dem Notker genuoge, im Schwabensp. genuk, bey dem Ulphilas ganoh, im Angels. genog, genoch, im Nieders. noog, im Dän. nok, im Schwed. nog, im Engl. enough, im Lettischen gannu. Das ge ist die bloße hauchende Verlängerung. Genung für genug ist ein bloßer Mißbrauch nieselnder Mundarten, welche vor den Hauchlauten so gern ein n vorher schleichen lassen.


Genüge (W3) [Adelung]


Die Genüge, plur. car. das Abstractum des vorigen Wortes. 1) Der Zustand, da man genug hat, d. i. so viel als man bedarf, oder zu Erreichung einer Absicht nöthig hat. Jacob soll wieder kommen, in Friede leben und Genüge haben, Jer. 30, 10. Ich bin kommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben, Joh. 10, 10. Dieser stirbt frisch und gesund im Reichthum und voller Genüge, Hiob. 21, 23. Im Hochdeutschen am häufigsten mit dem Vorworte zu. Zur Genüge haben, genug haben, genug gegessen haben. Es ist zur Genüge, es ist genug. Ich habe für heute zur Genüge gearbeitet, geschlafen u. s. f. Er hat Geld zur Genüge. Dieses erhellet zur Genüge daraus, hinlänglich. 2) Besonders die Leistung einer schuldigen Pflicht, ohne Artikel, und mit dem Zeitworte thun oder leisten. Dem Beleidigten Genüge thun, ihm genug thun. Dem Gesetze Genüge thun. Ich habe nunmehr meinem Hauptzwecke Genüge gethan. Oft auch mit dem Nebenbegriffe der Zufriedenheit, oder einer damit verbundenen angenehmen Empfindung. Dieser Beweis thut mir keine Genüge, überzeuget, befriediget mich nicht. Seiner Neugierde eine Genüge thun; sie befriedigen. Ich spielte so, daß ich mir beynahe selbst Genüge leistete, mit mir selbst zufrieden war. Ich habe mir damit noch keine Genüge gethan. An dem allen habe ich kein Genüge, so lange u. s. f. Esth. 5, 12, ich bin nicht damit zufrieden.

Anm. In ältern Oberdeutschen Schriften lautet dieses Wort Genucht, im Nieders. Nöge, Genöge, Genögte, Benöge. Bey dem Ottfried ist Ginuchti Sättigkeit, Überfluß, Hinlänglichkeit, und bey den Schwäbischen Dichtern wird es auch theils für Genügsamkeit, theils aber auch für Vergnügen gebraucht. S. das folgende. Im gemeinen Leben ziehet man dieses Wort oft in Gnüge zusammen, welche Zusammenziehung auch in begnügen, Vergnügen allgemein geworden ist; oft aber gebraucht man es auch als ein Neutrum, das Genüge, ungeachtet solches wider die Natur der Abstractorum auf e ist.


Genügen (W3) [Adelung]


Das Genügen, des -s, plur. car. welches der Infinitiv des folgenden Zeitwortes, und besonders in der zweyten Bedeutung des vorigen Wortes üblich ist. Einem ein vollkommenes Genügen, oder vollkommenes, völliges Genügen thun. Das thut mir noch kein Genügen. Davon hab ich noch kein Genügen. Zuweilen auch in dessen erster Bedeutung. Wer lobt dich nach Genügen, O du gewünschte Nacht! Opitz. Im Oberdeutschen wurde es auch für Vergnügen, der nächsten Wirkung der Genüge oder des Genügens gebraucht, welche Bedeutung aber im Hochdeutschen veraltet ist. Dieweil der Bösen Maul in Lügen, Der Schalk in Schmähen sucht Genügen, Opitz. Pf. 109.


Genügen (W3) [Adelung]


Genügen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, genug hinlänglich seyn, als ein unpersönliches Zeitwort, mit der dritten Endung der Person. Es ist noch so viel in dem Glase, als mir genüget. Meinem Herzen will das noch nicht genügen. Was der Natur genügte, der Mensch mit Dank genoß, Dusch. Besonders, unserer Einsicht und Überzeugung nach, mit dem zufrieden seyn, was man hat; S. Genügsam. Zeug uns den Vater, so genüget uns, Joh. 14, 8. Mir genüget wie Gott es füget. Daran genüget ihm noch nicht, Wiel. Am häufigsten mit dem Zeitworte lassen. Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist, und läßt ihm (sich) genügen, 1 Tim 6, 6. Leß dir an meiner Gnade genügen, 2 Cor. 12, 9. Sich nimmer genügen lassen, Sir. 14, 9.

Anm. Schon bey dem Kero kanuagen. Im gemeinen Leben auch oft zusammen gezogen gnügen. S. Begnügen und Vergnügen.


Genüglich (W3) [Adelung]


Genüglich, adj. et adv. 1) Zur Genüge, genügsam, hinlänglich. Die Sache ist durch Zeugen genüglich erwiesen worden. Der noch in gutem Land in seinem Schatten saß Und sein genüglich Brot mit süßem Frieden aß, Logau. 2) * Angenehm, Vergnügen erweckend, im Oberdeutschen. Ein genügliches Wetter, ein genüglicher Ort. Genüglich wohnen, leben. Das Nieders. genöglik wird eben so gebraucht. Daher im Oberdeutschen die Genüglichkeit, die Annehmlichkeit, das Vergnügen.


Genugsam (W3) [Adelung]


Genugsam, adj. et adv. so viel als genug ist, als erfordert wird, auf eine hinlängliche Art, so wohl der Menge, als dem innern Grade der Stärke noch; da es denn am häufigsten für das Wort genug gebraucht wird, wenn es als ein Beywort stehen sollte. Genugsames Vermögen, genugsame Kräfte haben, Vermögen, Kräfte genug. Eine genugsame Versicherung, Bürgschaft. Sein genugsames Auskommen haben. Eine genugsame Zubereitung machen. Genugsamen Grund vor sich haben. Es fehlet an einer genugsamen Deutlichkeit. Ingleichen, hinlängliche Kräfte, hinlängliche Eigenschaften zu etwas besitzend. Der sich und allen zufälligen Dingen genugsame Gott; wo, von Gott gebraucht, auch allgenugsam üblich ist. Im Oberdeutschen, wo man die Wörter nie lang genug bekommen kann, gebraucht man es auch für das Nebenwort genug. Genugsam arbeiten, essen, schlafen. Er ist genugsam alt dazu, für alt genug. Wo man es aber im Hochdeutschen gar wohl entbehren kann, außer wenn es, auf eine hinlängliche Art, bedeutet. Ich habe es genugsam bewiesen, daß u. s. f. Ich sehe den Unterschied genugsam ein. Der Anstoß ist dabey nicht genugsam vermieden worden. Wo es sich durch die Ableitungssylbe -sam hinlänglich von genug unterscheidet.

Anm. Die Niedersachsen haben dafür nögehaftig. Bey dem Kero bedeutet Kenuhtsamo, als ein Hauptwort, die Genugthuung, und kenuhtsamen genug thun.


Genügsam (W3) [Adelung]


Genügsam, -er, -ste, adj. et adv. geneigt, sich genügen zu lassen, d. i. aus erkannter Hinlänglichkeit einer Sache zu unserer Wohlfahrt, mit derselben zufrieden zu seyn. Ein genügsames Herz haben. Genügsam seyn. Ein redlich Herz, genügsam in Begehren, Kästn.


Genugsamkeit (W3) [Adelung]


Die Genugsamkeit, plur. inus. die Beschaffenheit einer Sache, da sie zu einem Bedürfnisse oder zu einer Absicht genug oder hinlänglich ist. Die Genugsamkeit oder Allgenugsamkeit Gottes, dessen hinreichendes Vermögen zu allen Dingen. S. Genugsam.


Genügsamkeit (W3) [Adelung]


Die Genügsamkeit, plur. inus. die Fertigkeit, genügsam zu seyn, oder sich genügen zu lassen. Genügsamkeit ist reich bey Brot und Wasser, Dusch. S. Genügsam.


Genugthuung (W3) [Adelung]


Die Genugthuung, plur. die -en, welches aus der R. A. einem genug thun, zusammen gezogen ist, die Erfüllung einer Pflicht; Satisfactio. Einem Genugthuung leisten, ihm genug thun, Genüge thun. Die Genugthuung Christi, da er Gott und dessen Gesetzen genug gethan, so wohl durch die Erfüllung der letztern, als auch durch Erduldung der den Übertretern angekündigten Strafe. Einem Beleidigten Genugthuung geben, verschaffen, seine Verbindlichkeit gegen ihn durch Tilgung der Beleidigung oder deren Ersatz erfüllen.


Genuß (W3) [Adelung]


Der Genuß, des -sses, plur. inus. von dem Zeitworte genießen, der Zustand, da man eine Sache genießet. 1. Überhaupt. 1) Der Zustand, da man eine Sache mit Anmuth empfindet. Der Genuß der Freude, der Ruhe, der Glückseligkeit seines Zustandes. Die Seligkeit des Menschen bestehet in dem Genusse Gottes und seiner Vollkommenheiten, in der anschauenden Erkenntniß des Guten in Gott. Das Angenehme hört immer durch den allzu langen Genuß auf, angenehm zu seyn. 2) In weiterer Bedeutung, der Zustand, da man an den guten Folgen einer Sache Theil nimmt. Den Genuß der Zinsen eines Capitales haben. Ich habe von dem Gute weiter nichts als den Genuß, das Recht, den jährlichen Ertrag zu genießen. Der Genuß einer Wohlthat. 2. Besonders. 1) Der Geruch; doch nur bey den Jägern. Der Genuß der Fährte. 2) Der Genuß einer Speise, eines Trankes, wenn man sie zu sich nimmt. Der Genuß des heiligen Abendmahles. Den Hunden den Genuß geben, bey den Jägern, S. Genieß, wo auch wohl der Antheil von dem Wilde selbst diesen Nahmen führet. In einer andern Bedeutung ist bey den Jägern der Genuß der Magen des Wildbretes, welcher auch Panzer, Panz, Wanst und Weidsack genannt wird; weil er das Behältniß der genossenen Speise ist. S. Genieß und Genießen.


Genußjagen (W3) [Adelung]


Das Genußjagen, des -s, plur. inus. S. Genießjagen.


Geograph (W3) [Adelung]


Der Geograph, des -es, plur. die -en, der der Geographie kundig ist, dieselbe verstehet, oder lehret, der Erdbeschreiber; aus dem Griech. und Lat. Geographus.


Geographie (W3) [Adelung]


Die Geographie, (viersylbig,) plur. die -n, (fünfsylbig,) aus dem Griech. und Lat. Geographia. 1) Die Wissenschaft von der Eintheilung des Raumes dem Erdboden, ohne Plural; die Erdbeschreibung. Die mathematische, politische, physische, kirchliche Geographie. 2) Ein Buch, worin diese Wissenschaft gelehret oder vorgetragen wird.


Geographisch (W3) [Adelung]


Geographisch, adj. et adv. zur Geographie gehörig, derselben gemäß, in derselben gegründet; Lat. geographicus.


Geometer (W3) [Adelung]


Der Geometer, des -s, plur. ut nom. sing. aus dem Griech. und Lat. Geometra, der der Geometrie kundig ist; ein Meßkundiger, Meßkünstler, in den gemeinen Sprecharten, ein Erdmesser, Feldmesser.


Geometrie (W3) [Adelung]


Die Geometrie, (viersylbig,) plur. die -n, (fünfsylbig,) aus dem Griech. und Lat. Geometria, die Wissenschaft von der Ausmessung der Erde, die Feldmeßkunst, und in weiterer und jetzt gewöhnlichster Bedeutung, die Wissenschaft von den Eigenschaften und der Ausmessung der stetigen Größen; die Erdmeßkunst, Meßkunst, Meßkunde, bey dem Dapper die Maßkunst oder Gewißkunst; ohne Plural. Ingleichen eine Schrift, worin diese Wissenschaft gelehret wird.


Geometrisch (W3) [Adelung]


Geometrisch, adj. et adv. zur Geometrie gehörig, in derselben gegründet, derselben gemäß; geometricus.


Georg (W3) [Adelung]


Georg, genit. Georgs, dat. Georgen, ein Mannsnahme, welcher aus dem Griechischen entlehnet ist, und einen Ackermann bedeutet. Im gemeinen Leben wird er häufig in Jürgen, Jürken, Jörgel, Görge, Görgla, bey den Wenden in Juri, Jureck und bey den Slavoniern in Jurcko verwandelt.


St. (W3) [Adelung]


Das St. Georgen-Kraut, des es, plur. inus. eine Benennung des Baldrians in einigen Gegenden; Valeriana L. In andern führet das Zahnkraut, Dentaria L. diesen Nahmen, welches auch St. Georgen-Wurz genannt wird.


Gepäck (W3) [Adelung]


Das Gepäck, des -es, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, die -e, ein Collectivum, mehrere Packe, oder zusammen gepackte Dinge zu bezeichnen, besonders zusammen gepackte Bedürfnisse auf der Reise; Franz. Bagage. Das schwere Gepäck der Armee. S. Pack.


Gepel (W3) [Adelung]


Der Gepel, S. Göpel.


Gepfneisch (W3) [Adelung]


Das Gepfneisch, des -es, plur. inus. bey den Jägern, der Antheil, welchen man den Jagdhunden von dem gefälleten Wilde gibt. S. Pfneischen.


Geplapper (W3) [Adelung]


Das Geplapper, des -s, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Plappern.


Geplärr (W3) [Adelung]


Das Geplärr, des -es, plur. car. ein anhaltendes, oder wiederhohltes Plärren. Nieders. Geflär, Geblarr. Thue weg von mir das Geplerr deiner Lieder, Amos 5, 23.


Geplatze (W3) [Adelung]


Das Geplatze, des -s, plur. car. das Platzen. Ich hörete ein entsetzliches Geplatze auf dem Boden. Ingleichen ein anhaltendes und wiederhohltes Platzen.


Geplauder (W3) [Adelung]


Das Geplauder, des -s, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Plaudern. Mit deinem verzweifelten Geplauder verderbst du mir immer die klügsten Einfälle, Weiße.


Gepolter (W3) [Adelung]


Das Gepolter, des -s, plur. car. das Poltern, besonders ein anhaltendes oder wiederhohltes Poltern. Ein Gepolter hören, verursachen, machen. Nieders. Gepulter.


Gepräge (W3) [Adelung]


Das Gepräge, des -s, plur. ut nom. sing. das auf eine Münze geprägte Bild oder Zeichen. Ein schönes Gepräge. Münzen von einerley Gepräge. Auch figürlich, ein deutliches Kennzeichen, Unterscheidungsmerkmahl. Alle seine Handlungen haben das Gepräge des Eigennutzes. Jeder Charakter Homers hat sein besonders und eigenes Gepräge.

Anm. Im Schwabensp. Gebraech, bey dem Hornegk Gepreke, im Nieders. Slag, Geflechte. S. Prägen.


Geprahle (W3) [Adelung]


Das Geprahle, des -s, plur. car. das Prahlen; besonders ein anhaltendes oder wiederhohltes Prahlen.


Gepränge (W3) [Adelung]


Das Gepränge, des -s, plur. inus. Prunk oder Pracht im Äußern, besonders in Rücksicht auf ein zahlreiches Gefolge. Mit großem Gepränge kommen, Apostg. 25, 23. Und tragt es (den Schmuck) nicht außer dem Gepränge, St. Esth. 3, 11. Eine Leiche mit großem Gepränge begraben. Seine Freunde mit großem Gepränge bewirthen, mit vielem Gepränge empfangen. Auch figürlich, Schwulst, prangende Weitläuftigkeit in Worten und Ausdrücken. Das Wortgepränge. Ein Philosoph, oder wie ich mich lieber ohne alles Gepränge ausdrücke, ein Freund der Wahrheit und der Tugend, Zimmerm.


Geprassel (W3) [Adelung]


Das Geprassel, des -s, plur. car. das Prasseln, besonders ein anhaltendes oder wiederhohltes Prasseln. Bey dem Jeroschin Gebraste, im Nieders. Gekneter.


Gequake (W3) [Adelung]


Das Gequake, des -s, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Quaken. Das Gequake der Frösche.


Gerade (W3) [Adelung]


1. Die Gerade, plur. inus. in den Rechten, alles dasjenige Haus- und Kastengeräth, welches nach Sächsischem Rechte, nach des Mannes Tode, der Frau oder auch einer nahen Verwandten von mütterlicher Seite zum voraus gebühret. Die volle Gerade, welche der Witwe gehöret, im Gegensatze der halben Gerade oder Niftelgerade, welche die nächste Niftel oder Blutsfreundinn mütterlicher Seite von ihrer verstorbenen Verwandten erbet. Im Nieders. wo dieses Wort eigentlich zu Hause gehöret, lautet es Rade, Gerade, Wiefrad, Radeleve, Frowenrade u. s. f. Wachter leitet es von dem alten raten, setzen, her, wovon bey dem Ulphilas Geraid für den bestimmten Theil vorkommt. Allein man hält es wahrscheinlicher für die Niedersächsische Aussprache des Hochdeutschen Geräth, wie es auch schon der Glossator des Sächsischen Landrechtes erkläret; indem es lauter Stücke des Hausgeräthes begreift, wodurch es von dem Heergewette unterschieden wird. Frisch lässet es von bereit abstammen, weil es der bereiteste Theil der Erbschaft sey, daher es in einigen Statuten auch Redegut genannt werde.


Gerade (W3) [Adelung]


2. Die Gerade, plur. car. das Hauptwort des folgenden Bey- und Nebenwortes, die gerade Beschaffenheit eines Dinges zu bezeichnen, welches aber nur im gemeinen Leben ist. Das Stabeisen in die Gerade bringen, auf den Stabhämmern, es gerade richten. S. Geradheit.


Gerade (W3) [Adelung]


Gerade, -r, -ste, adj. et adv. welches in doppelter Gestalt gebraucht wird. 1. Als ein Bey- und Nebenwort; den kürzesten Weg zwischen zwey Puncten zu bezeichnen, im Gegensatze dessen, was krumm ist. 1) Eigentlich. Eine gerade Linie, deren Theile insgesammt nach Einer Richtung liegen. Gerade gehen, stehen, sitzen. Einen geraden Leib, gerade Füße haben. Den Kopf gerade halten. Sich gerade aufrichten. Jemanden den geradesten Weg führen O, du immer gerader Weg der Tugend, warum verließ ich dich! Mit geraden Füßen aus dem Bette fahren, schnell, hurtig. Gerades Weges, gerades Fußes zu jemand gehen, unmittelbar darauf, mit Vermeidung aller Umwege, alles Zeitverlustes, sogleich. In gerader Linie von jemanden abstammen, in absteigender Linie, im Gegensatze der Seitenlinien. Zuweilen auch im Gegensatze dessen was schief ist. Eine Säule stehet nicht gerade, wenn sie nicht senkrecht stehet, ob sie gleich an sich gerade ist. 2) Figürlich, von den Zahlen. Eine gerade Zahl, in der Rechenkunst, welche sich in zwey gleich große ganze Zahlen eintheilen lässet, im Gegensatze einer ungeraden. So ist 4 eine gerade, 5 aber eine ungerade Zahl. Fünf gerade seyn lassen, es nicht so genau nehmen, Nachsicht üben. Gerade oder ungerade spielen, ein gewöhnliches Spiel im gemeinen Leben, da man verschiedene Individua in die Hand nimmt, und den andern rathen lässet, ob ihre Zahl gerade oder ungerade ist. 2. Als ein Nebenwort allein, in einigen figürlichen Bedeutungen. 1) In gerader Richtung. Einem gerade gegen über sitzen, wohnen u. s. f. Einem gerade zu entgegen denken und empfinden, Zimmerm. 2) Ohne Umschweif. (a) Überhaupt. Gerade zu gehen, keine Umschweife nehmen, so wohl eigentlich als figürlich. Ein ehrlicher Mann gehet in seinen Handlungen allemahl gerade zu. Hätten sie gerade zu gesagt, ich liebe sie. Sagen sie es nur gerade heraus. Sie würde mich gerade weg einen Ruchlosen gescholten haben. Ich konnte ihm nicht so gerade hin antworten. (b) Besonders, ohne die durch den Wohlstand eingeführten Umschweife. Gerade zu gehen, ohne sich melden zu lassen. Gerade zu mit jemanden umgehen, ohne Complimente. 3) Genau, mit pünctlicher Übereinstimmung mit dem Objecte. (a) Dem Orte nach. Der Schuß traf gerade das Herz. Gerade in die Mitte treffen. (b) Der Zeit nach. Gerade zur selbigen Zeit. Er kam gerade in dem Augenblick, als u. s. f. Imo tho thas theakentemo, girado truthines Engil araugta, gerade indem er dieses dachte u. s. f. heißt es schon im Tatian K. 5, 8. (c) Der Zahl, der Beschaffenheit nach. Es wägt gerade drey Zentner. Es traf gerade zu. Das war gerade der Trost, worauf sich sein Muth gründete. Das ist gerade die streitige Sache. So wie es mir geht, gerade so geht es auch ihm. Er stellt sich gerade so, als wenn ich es nicht schon wüßte; welcher Fall auch elliptisch ausgedruckt wird: gerade, als wenn ich es nicht schon wüßte, gerade, als wenn er nicht gehöret hätte u. s. f. 4) Nach gerade, im gemeinen Leben, besonders Niedersachsens, für nach und nach; wo es aber vielmehr das Nieders. Graad, ein Grad, zu seyn scheinet, da es denn eigentlich nach Grade heißen müßte.

Anm. Im gemeinen Leben nur grade, im Dän. gerade Wirft man die Vorsylbe ge weg, so bleibt rade oder rad übrig, welches mit dem Ital. retto, dem Schwed. rät und rad, dem Isländ. rettur und hradur, und nach Einschaltung des Hauches mit dem Lat. rectus, dem Goth. raihts und Deutschen recht überein kommt, wohin auch das Nieders. strak, das Schwed. rak und das bey dem Notker befindliche grihti, für gerade, gehöret. S. Gerecht, Gerichts, Recht und Richtig. Das e am Ende ist das Hochdeutsche e euphonicum, welches um des gelinden Lautes des d willen nothwendig ist, in den Zusammensetzungen aber auch wegfallen kann.


Geradheit (W3) [Adelung]


Die Geradheit, plur. car. der Zustand, da eine Sache gerade ist in der ersten Hauptbedeutung, für die im gemeinen Leben üblichen die Gerade, (in der Schweiz Geräde,) und Geradigkeit.


Geradläufig (W3) [Adelung]


Geradläufig, adj. et adv. einen geraden Lauf habend; besonders in der Sternkunde von den Planeten, wenn sie wie andere Sterne von Morgen gegen Abend gehen; directus.


Geradlinig (W3) [Adelung]


Geradlinig, adj. et adv. gerade Linien habend, aus geraden Linien bestehend, in der Geometrie. Eine geradlinige Figur, im Gegensatze einer krummlinigen. Ein geradliniger Triangel. Geradlinicht würde nur heißen, einer geraden Linie ähnlich.


Geraid (W3) [Adelung]


Das Geraid, des -es, plur. die -e, S. Gereut.


Gerase (W3) [Adelung]


Das Gerase, des -s, plur. car. das Rasen, besonders ein anhaltendes oder wiederhohltes Rasen.


Gerassel (W3) [Adelung]


Das Gerassel, des -s, plur. car. das Rasseln, ein anhaltendes oder wiederhohltes Rasseln. Die Gassen ertönen von dem Gerassel der Kutschen. Ein Gerassel von Ketten.


Geräth (W3) [Adelung]


Das Geräth, des -es, plur. inus. oder die Geräthe, sing. inus. alles was zur Zubereitung anderer Dinge dienet, besonders allerley Werkzeug, oder was dessen Stelle vertritt, als ein Collectivum. Hausgeräth oder Hausrath, was zur Bequemlichkeit der Geschäfte im Hause nöthig ist, Tischgeräth, was zur Bekleidung des Tisches und zur Bequemlichkeit des Essens erfordert wird, Küchengeräth, Baugeräth, Altargeräth, Opfergeräth, Kriegsgeräth, Schiffsgeräth, u. s. f. Stehet es allein, so muß die Art desselben aus dem Zusammenhange ersehen werden. Die Kinder Israel hatten von den Egyptiern gefordert filbern und gülden Geräth, 2. Mos. 12, 35. Mache Aschentöpfe, Schaufeln, Becken - Alle seine (des Altars) Geräthe sollt du von Erz machen, Kap. 27, 3. Auch alle Geräthe der Wohnung zu allerley Amt, V. 19. Der Tisch mit all seinem Geräth, den Leuchter mit seinem Geräth, Kap. 30, 27. Leinen Geräth oder weißes Geräth, Wäsche, leinen Zeug; ja ehedem rechnete man auch die Kleider mit unter das Geräth, wie an einigen Orten noch geschiehet. Des Mannes Geräth soll ein Weib nicht tragen, 5 Mos. 22, 5.

Anm. Im Nieders. Rade, im Schwed. Gerad, im Isländ. Redi, Reidi, im Ital. Corredo und Arredo, bey den Krainetischen Wenden Rodje. Das einfache Rad bedeutet im Schwed. Menge, Reichtum, Macht, S. Vorrath. Es stammet von dem alten Zeitworte reiten, fertig, geschickt machen, ab, wofür jetzt bereiten üblich ist; S. dasselbe, ingleichen Rath und Geräthschaft.


Gerathen (W3) [Adelung]


Gerathen, adj. et adv. vortheilhaft, nützlich, S. Rathen.


Gerathen (W3) [Adelung]


Gerathen, verb. irreg. neutr. welches das Hülfswort seyn erfordert. Präs. ich gerathe, du geräthst, er geräth; Imperf. ich gerieth; Mittelw. gerathen; Imperat. gerathe. Es ist das mit der Vorsylbe ge verlängerte Zeitwort rathen, welches in seiner weitläuftigsten und vielleicht ältesten Bedeutung eine Bewegung nach einer gewissen Richtung bezeichnet hat, hier aber nur noch in folgenden eingeschränkten Fällen üblich ist. 1. Für kommen, an einem Orte gegenwärtig werden, doch nur so fern solches von ungefähr und ohne Vorsatz geschiehet, mit ausdrücklicher Meldung des Ortes. 1) Eigentlich. Daß du nicht gerathest auf den Weg der Bösen, noch unter die verkehrten Schwätzer, Sprichw. 2, 12. Unter die Mörder gerathen. Laß mich nicht unter die Lästerer gerathen, Sir. 23, 1. Er ist böse Hände, in böse Gesellschaft gerathen. Auf einen falschen Weg gerathen. Oft auch mit allerley Nebenbegriffen. Einem andern über sein Geld gerathen, ihm etwas davon zu entwenden. Wie ist er denn an sie gerathen? mit ihr in Gemeinschaft, in Bekanntschaft gekommen. Daß dein Herz nicht an sie gerathe, Sir. 9, 13. An einander gerathen, handgemein werden. Ehedem wurde es für kommen in dessen eigentlichen Bedeutung gebraucht, in welchem Verstande auch das Schwed. rada üblich war, und es zum Theil noch ist. Ihre führt davon folgende Stelle aus der romanhaften Geschichte Alexanders an: I Darii land mon han tha rada, da kam er in Darii Land. Ja auch in der Deutschen Bibel kommen Spuren davon vor, wenn Richt. 14, 6, 9. Kap. 15, 24; 1 Sam. 10, 6, 10. und an andern Orten gesagt wird, der Geist des Herrn sey über Simson, über Saul gerathen, wo keine Unvorsetzlichkeit, kein Ungefähr angenommen werden kann. 2) Figürlich. (a) Auf eine Meinung gerathen, dieselbe gleichsam von ungefähr annehmen. Auf einen Einfall, auf einen Gedanken gerathen, denselben bekommen. Auf einen Irrthum gerathen. Wie bist du darauf gerathen? wie ist dir das eingefallen? Auf einen Discurs gerathen, unvermerkt darauf kommen. (b) Einen Zustand, eine Veränderung des Zufälligen überkommen, immer noch mit dem Nebenbegriffe des Unvorsetzlichen, des Unvermerkten. In einen Streit gerathen. Die Sache ist längst in Vergessenheit gerathen. Er gerieth darüber in eine außerordentliche Freude. In Verwirrung gerathen. Die Sache ist längst in das Stecken gerathen. In Zorn gerathen. Über das unschuldigste Wort geräth er so gleich in den Harnisch. Vom grünen Esel hört man singen, Und so geräth das Kind in Schlaf, Gell. Besonders von einem nachtheiligen, unangenehmen Zustande. Das Haus ist in Brand gerathen. In Armuth, in Gefahr, in Noth, in Elend, in Angst, in Verlegenheit, in das Verderben gerathen. In Schaden, in Schande, in Spott, in Schulden, in Unglück gerathen. Den Leuten in die Mäuler, oder in der Leute Mäuler gerathen, von ihnen beredet, verleumdet werden. In schwere Sünden gerathen, 3 Esr. 4, 27. Hierher gehört auch (c) der ehemahlige Gebrauch dieses Zeitwortes, da es wie das Griechische - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - pleonastisch mit dem Infinitiv eines andern Zeitwortes gebraucht wurde, wovon in den Schriften der Schwäbischen Dichter noch häufige Beweise vorkommen. Die drei gerieten schrien, die drey schrien, oder fingen an zu schreyen. Er geriet hin zuo den phawen gan, ging zu dem Pfau. Wenn ir geraten singen, wenn ihr singet. Das ros geriet in schelten, schalt ihn. Die luit gerieten alle sagen, sagten. Sine kind ruemen er geriet, er rühmete seine Kinder. 2. Von den Folgen einer Handlung, besonders von nachtheiligen Folgen, so fern sie als unvorsetzlich, ungefähr betrachtet werden; da sie denn das Vorwort zu bekommen. Wo du ihren Göttern dienest, wird dirs zum Ärgerniß gerathen, 2 Mos. 22, 33. Ich will sie ihm geben, daß sie ihm zum Fall gerathe, 1 Sam. 18, 21. Es soll dir dieß nicht zur Missethat gerathen, als eine Missethat zugerechnet werden. Kap. 28, 10. Es gerathe zum Tode oder zum Leben, 2 Sam. 15, 21. Und das gerieth zur Sünde. 1 Kön. 12, 30. Sehet zu, daß diese eure Freyheit nicht gerathe zum Anstoß der Schwachen, 1 Cor. 8, 9. Das wird dir zum Verderben, zum Unglück gerathen. In dieser Bedeutung kommt es mit gereichen überein, ja es scheinet ursprünglich mit demselben einerley zu seyn. S. Rathen und Reichen. 3. In engerer Bedeutung; von dem Erfolge eines Dinges oder Werkes, so fern es mit der dabey gehabten Absicht überein stimmet oder nicht, und so fern viel dabey auf ein Ungefähr ankommt; oder doch so angesehen wird. Dem Bildhauer ist die Bildsäule, dem Mahler das Gemählde vortrefflich gerathen. Das Gebräude ist dieß Mahl schlecht gerathen. Die Viehzucht ist dieß Jahr nicht gut gerathen. Der Wein, das Obst, das Getreide ist schlecht gerathen. Wohl gerathene Kinder, übel gerathene Kinder haben, die in der Erziehung wohl oder übel gerathen sind. Das Schwedische rada bedeutet auch active erziehen. Was er macht, das geräth wohl, Ps. 1, 3. In noch engerer Bedeutung wird es absolute sehr häufig für wohl oder gut gerathen gebraucht; im Gegensatze des Mißrathens. Einem Lässigen geräth sein Handel nicht, Sprichw. 12, 27. Du weißt nicht, ob dies oder das gerathen wird, Pred. 11, 6. Durch seine Klugheit wird ihm der Betrug gerathen, Dan. 8, 25. Gott lasse dein Fürnehmen gerathen, Judith 10, 9. Es gerathen nicht alle Anschläge. Der Wein, das Getreide, das Obst sind gerathen. Gerathene Kinder, im Gegensatze der ungerathenen. Wenn unter hohen jubelvollen Zungen Ein süßer Ton auch mir gerieth, Raml.

Anm. In allen diesen Fällen liegt der Begriff der Bewegung, besonders der unvorsetzlichen Bewegung, nach einer gewissen Richtung zum Grunde. S. Rathen, Reichen, Gerade, Reiten, Reisen u. s. f. welche insgesammt zu der Familie dieses Wortes gehören. Im Oberdeutschen verbindet man es häufig mit dem Hülfsworte haben, wenigstens in der zweyten und dritten Bedeutung. Die Arbeit hat mir gerathen. Außer den hier bemerkten Arten des Gebrauches kommt es im Oberdeutschen noch in einer doppelter Bedeutung vor. 1) Für entrathen. Dein aber kann man geraten, Hans Sachs. 2) Für rathen, Rath geben, consulere, wovon bey den Schwäbischen Dichtern häufige Beweise befindlich sind.


Gerathewohl (W3) [Adelung]


Das Gerathewohl, ein unabänderliches Hauptwort, welches aus der R. A. wohl gerathen zusammen gesetzet ist, und mit dem Vorworte auf nur in adverbischer Gestalt gebraucht wird. Etwas auf ein Gerathewohl unternehmen, auf gut Glück, in nicht genug gegründeter Hoffnung, daß es gerathen werde. Ein Gewehr aufs Gerathewohl los schießen, ohne gehörig zu zielen.


Geräthholz (W3) [Adelung]


Das Geräthholz, des -es, plur. inus. im Forstwesen, Holz, welches zu allerley Geräth tauglich ist, Geschirrholz, Nutzholz; im Gegensatze des Brenn- und Bauholzes.


Geräthschaft (W3) [Adelung]


Die Geräthschaft, plur. inus. oder die Geräthschaften, sing. inus. welches zuweilen für das einfache Geräth, von beweglichen Sachen gebraucht wird, welche zum Betriebe eines gewissen Geschäfts in oder außer der Wohnung bestimmt sind. Nieders. Reedschup, Reeschop.


Geräuch (W3) [Adelung]


* Das Geräuch, des -es, plur. inus. ein im Hochdeutschen unbekanntes Oberdeutsches Wort, für Räuchwerk, welches noch einige Mahl in der Deutschen Bibel vorkommt; z. B. 2 Mos. 30, 8, 9. Hohel. 3, 6.


Geraum (W3) [Adelung]


Geraum, -er, -ste, adj. et adv. vielen, beträchtlichen Raum enthaltend, für das veraltete raum. 1) Eigentlich. Ein sehr geraumes Zimmer. Die geraume, weite, See. Geraum sitzen, wohnen. Wo für doch im Hochdeutschen geräumig üblicher ist. 2) Figürlich, von der Zeit. Es ist eine geraume, ziemlich lange, Zeit her. Vor geraumen Jahren. Ich habe ihn in geraumer Zeit nicht gesehen. In dieser Bedeutung kommt es als ein Adverbium nicht vor.

Anm. Im Nieders. ruum, im Engl. roum, im Holländ. ruym, im Schwed. rum, bey dem Ulphilas rums. S. Raum. Im Niedersächsischen bedeutet es auch leer, ledig; ein raumes, leeres, Faß.


Geräumig (W3) [Adelung]


Geräumig, -er, -ste, adj. et adv. welches für geraum, in dessen ersten eigentlichen Bedeutung im Hochdeutschen üblich ist, Raum habend, enthaltend. Ein geräumiger Ort. Ein geräu- miges Haus, Zimmer. Sehr geräumig wohnen, sitzen. Ein geräumiger Hafen. Im Oberdeutschen geräumig. Von einigen wird auch geräumlich in eben diesem Verstande gebraucht, ungeachtet die Ableitungssylben ig und lich in ihrer eigentlichen Bedeutung sehr verschieden sind. Daher die Hauptwörter, die Geräumigkeit, Oberd. Geraumigkeit, und die Geräumlichkeit, die geräumige Beschaffenheit eines Ortes zu bezeichnen. S. Räumig und Räumlich, welche im gemeinen Leben gleichfalls gebraucht werden.


Geräumte (W3) [Adelung]


Das Geräumte, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Im Forst- und Landwesen einiger Gegenden, ein geräumtes, d. i. durch Wegräumung des Holzes zu Acker gemachtes Stück Waldung, welches an andern Orten Rodeland, Stockraum, Gereut, Neuland, Neubruch heißt. S. Gereut. 2) Im Jagdwesen, auch ein zum Behuf der Jagd in den Wald gehauener Weg; ein Stellweg, Lauf, Abjagungsflügel, Durchhieb, Richtweg u. s. f.


Geräusch (W3) [Adelung]


1. Das Geräusch, des -es, plur. von mehrern Arten, die -e, von dem Zeitworte rauschen, das Rauschen, eine unverständliche durch das Gehör empfundene Bewegung der Luft. Ein Geräusch machen. Das Geräusch des Windes, der Wellen, des Wassers, des Laubes auf den Bäumen, der Blätter. Unter dem Geräusche der Waffen erzogen seyn. Auch figürlich. Das Geräusch der Welt fliehen, sich demselben entziehen, die unruhigen Beschäftigungen der Welt. Geräusch in der Welt machen, Aufsehen, von sich reden machen. Man spricht oft mit so vielem Geräusche von der Tugend, mit schallenden leeren Worten. Gellerts Andenken bedarf keines eitlen Geräusches schwärmerischer Lobeserhebungen, Cram. Im Nieders. Ruse, Ruste, Gedruus, im Angels. Hristlung, Engl. Rustling, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . S. Rauschen. Notker nennet das Geräusch der Welt, Chlaffot dirro uuerelte.


Geräusch (W3) [Adelung]


2. Das Geräusch, des -es, plur. die -e, bey den Jägern und in den Küchen, Herz, Lunge und Leber eines geschlachteten größern Thieres, besonders des edlen Wildbretes, zusammen genommen, welches auch das Gehänge, das Geschlinge, die Lunge u. s. f. genannt wird. In weiterer Bedeutung pflegen die Jäger auch den Banzen und Wanst mit dazu zu rechen, welcher aber eigentlich der Aufbruch genannt wird. Es ist eben nicht sehr wahrscheinlich, daß dieses Wort von dem Zeitworte rauschen herkommen sollte, von welchem es sich nicht anders als auf eine sehr gezwungene Art würde ableiten lassen. Im Nieders. bedeutet Kuschen, im Angels. Resc, Risc, und im Engl. Rusn, Binsen; im Latein. ist Ruscus der wilde Myrthenbaum, im Schwed, Ruska ein Bündel Reisholz, und im Ital. Brusca, Franz. Brossaille, Strauchwerk, eine Hecke. Doch auch diese scheinen nicht hierher zu gehören, wenn sie nicht in dem Hauptbegriffe mehrerer in einander geschlungener, mit einander verbundener Dinge übereinkommen.


Gerben (W3) [Adelung]


Gerben, Gerber, u. s. f. S. Garben.


Gerecht (W3) [Adelung]


Gerecht, -er, -este, adj. et adv. welches das mit der Vorsylbe ge verlängerte Wort recht ist, und wie dieses eigentlich gerade bedeutet, in welchem Verstande es auch noch zuweilen im Forstwesen vorkommt, wo ein gerechter Baum, ein gerade gewachsener Baum ist, zumahl, wenn er sich zugleich gerade spalten lässet; S. Gerade

Anm. Allein am häufigsten kommt es im Hochdeutschen, doch in folgenden figürlichen Bedeutungen vor. 1. Dem Objecte, dem Gegenstande gemäß. 1) Dem Maße nach, wofür auch recht üblich ist. Das Kleid ist mit gerecht. Die Schuhe sind mir nicht gerecht. Einem ein Kleid gerecht machen, in Baiern, es gerechten oder gerechteln. Der Stöpsel ist gerecht, passet auf die Flasche. In aller Sättel gerecht seyn, figürlich, sich in alles zu schicken wissen. 2) Den Einsichten, der Erfahrung nach; am häufigsten im Jagdwesen, wo ein Jäger holzgerecht, forstgerecht, gewehrgerecht, hirschgerecht, hundegerecht u. s. f. heißt, wenn er die gehörigen Kenntnisse von allen diesen Gegenständen hat. 3) * Den nöthigen Umständen und Fähigkeiten nach, für bereit; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Sich zur Reise gerecht machen, im Theuerd. Im Hochdeutschen sagt man dafür sich zurecht machen. 2. Der Neigung, dem Willen gemäß; doch vielleicht nur allein bey den Jägern, wo die Fährte dem Hunde gerecht ist, wenn er sie begierig annimmt. Im gemeinen Leben der Hochdeutschen ist dafür das einfache recht üblicher. 3. Der Vollkommenheit gemäß. 1) Gerechte Waare, echte, im Gegensatze der unechten oder falschen. 2) Im sittlichen und höchsten Verstande heißt Gott gerecht, so fern sein Wille die vollkommenste Richtung hat; in welchem Verstande er auch heilig genannt wird. S. Gerechtigkeit. Der Herr ist gerecht, ich aber und mein Volk sind Gottlose, 2 Mos. 9, 27. Auch verhältnißmäßig von Menschen, in der Deutschen Bibel, die Möglichste sittliche Vollkommenheit habend. Willt du denn ein gerecht Volk erwürgen? 1 Mos. 20, 4. Was gerecht ist, dem denket nach, Phil 4, 8. Wie mag ein Mensch gerecht seyn vor Gott? Hiob 25, 4. Wo auch das Hauptwort ein Gerechter von einem solchem sittlich vollkommenen Menschen vorkommt. S. die folgende 5te Bedeutung. 4. Dem Rechte, der Befugnis gemäß; rechtmäßig. Gerechte Klage über etwas führen, wozu man Grund und Recht hat. Meine Klagen sind gerecht. gerechte Ansprüche auf etwas haben. Eine gerechte Sache haben. Ich fühle darüber den gerechtesten Verdruß. Eine gerechte Belohnung. Neue Hindernisse setzen sich unsern gerechten Wünschen entgegen, Gell. Die gerechten Gerichte Gottes. 5. Den Pflichten, den Obliegenheiten gemäß. 1) Den Regeln der Kunst gemäß; doch in einigen einzelnen Fällen, besonders in Zusammensetzungen. S. Schulgerecht. Nach mehr und am häufigsten, 2) im sittlichen Verstande, im Gegensatze dessen, was ungerecht ist; wo dieses Wort wieder in einem verschiedenen Umfange der Bedeutung gebraucht wird. (a) In der weitesten Bedeutung, so wohl objective, allen Obliegenheiten, zu welchen man verpflichtet ist, gemäß, als subjective, die Fertigkeit besitzend, sein ganzes Verhalten rechtmäßig einzurichten, oder alle seine Pflichten zu erfüllen. Gerecht gegen Gott, gegen sich selbst seyn. In diesem Verstande wird es sehr häufig in der Deutschen Bibel gebraucht, wo auch solche Personen, welche sich der Beobachtung aller ihrer sittlichen Pflichten auf das möglichste befleißigen, Gerechte genannt werden. (b) In einer etwas engern Bedeutung heißt in der Deutschen Bibel und dem theologischen Lehrbegriffe, gerecht werden, in dem göttlichen Gerichte für gerecht in der vorigen Bedeutung erkläret, d. i. von der Schuld und Strafe der Sünde befreyet werden. Gerecht werden durch den Glauben. Daher, ein Gerechter, der auf solche Art für gerecht erkläret worden. S. Rechtfertigen. (c) In noch engerer Bedeutung, den Pflichten gegen andere gemäß, mit Einschließung der Billigkeit, oder unvollkommenen Pflichten; und subjective, die Fertigkeit besitzend, diese Pflichten zu erfüllen. (b) In der engsten Bedeutung, dem strengen Rechte gegen andere, den durch ein Gesetz ausdrücklich bestimmten Pflichten gemäß, und die Fertigkeit besitzend, diesen Pflichten gemäß zu handeln. (1) Unter gleichen Personen, da denn alles gerecht ist, wodurch einem jeden das Seien gelassen und versichert wird. (2) Unter ungleichen Personen, wo besonders Höhere gerecht heißen, wenn sie ihr Mißfallen an dem unrechtmäßigen und ihr Wohlgefallen an dem rechtmäßigen Verhalten den ihnen unterworfenen Personen auf eine thätige Art, ohne alle Nebenabsichten an den Tag legen. Ein gerechter Richter, ein gerechtes Urtheil. Im höchsten Verstande ist auch Gott gerecht.

Anm. Noch bey dem Ottfried heißen die Gerechten Rehtono, aber schon Notker gebraucht greht für rectus. S. Recht.


Gerechtigkeit (W3) [Adelung]


Die Gerechtigkeit, plur. die -en, das Abstractum des vorigen Bey- und Nebenwortes, es Zustand, da eine Person oder Sache gerecht ist; nur in einigen Bedeutungen dieses Wortes. 1. Der Zustand der sittlichen Vollkommenheit, ohne Plural; in welchem Verstande es zuweilen von Gott gebraucht wird, so wohl im weitern Verstande, die innere sittliche Vollkommenheit desselben zu bezeichnen, da sie mit der Heiligkeit einerley ist, als auch im engern, von der genauen Beobachtung des Besten in der Einrichtung aller seiner Werke, da sie auch die Weisheit mit unter sich begreift. Auch von Menschen kommt es in der Deutschen Bibel häufig vor, die möglichste sittliche Vollkommenheit derselben zu bezeichnen, wo es aber füglicher zur folgenden Bedeutung gerechnet wird. S. Gerecht 3. 2. Der Zustand, da eine Sache dem Rechte, einer Befugniß gemäß ist. 1) Eigentlich; gleichfalls ohne Plural. Die Gerechtigkeit einer Klage, eines Anspruches. Es ist besser wenig mit Gerechtigkeit, denn viel Einkommens mit Unrecht, Sprichw. 16, 8. Noch mehr, 2) das Recht oder die Befugniß selbst, und ein Ding, welches jemanden vermöge eines Rechtes zukommt; welches der einzige Fall ist, wo dieses Wort einen Plural leidet. Eine Stadt hat viele Gerechtigkeiten, wenn sie viele Rechte, Vorrechte oder Gerechtsamen hat. Eines Gerechtigkeit schmälern. Mußtheil, Gerade und andere weibliche Gerechtigkeiten. Die Gerechtigkeit haben etwas zu thun. Stadtgerechtigkeit, das Recht eine Stadt vorzustellen; Meßgerechtigkeit, die Befugniß eine Messe zu halten; Mühlgerechtigkeit, das Recht eine Mühle zu halten u. s. f. Siehe Gerecht 4. 3. Der Zustand, da eine Person oder Sache dem Gesetze und den daraus erwachsenden Pflichten gemäß ist; wo es in eben so vielen Einschränkungen gebrauchen wird, als das Bey- und Nebenwort gerecht, und gleichfalls keinen Plural leidet. 1) Im weitesten Verstande, das ganze rechtmäßige Verhalten des Menschen, oder die gesammte Beobachtung aller seiner Pflichten; in welchem es in der Deutscher Bibel sehr häufig ist, außer der biblischen Schreibart aber nicht gebraucht wird. In Gerechtigkeit wandeln, 2 Kön. 3, 6. Gerechtigkeit war mein Kleid, Hiob. 29, 14; und so in andern Stellen mehr. Bey dem Ottfried Girihti im Isidor Rehtunga. 2) In engerm Verstande, das ganze rechtmäßige Verhalten Christi, auch so fern es in der Rechtfertigung dem Menschen angerechnet und zugeeignet wird; gleichfalls nur in der Deutschen Bibel, und der biblischen Sprechart. Durch eines Menschen Gerechtigkeit ist die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen kommen, Röm. 5, 18. Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, 2 Cor. 5, 21. 3) In noch engerer Bedeutung, die Beobachtung der Pflichten gegen andere, auch mit Einschließung der unvollkommenen Pflichten, und die Fertigkeit solcher Beobachtung. Ingleichen objective, die Eigenschaft einer Sache, vermöge welcher sie den Rechten des andern gemäß ist. Sich der Gerechtigkeit gegen jedermann befleißigen. Sie lassen mir keine Gerechtigkeit widerfahren, wenn sie glauben, ich habe bey meinem Dienste auf eine Belohnung gesehen. Die Gerechtigkeit der Gnadenwahl. 4) In der engsten Bedeutung, die Beobachtung der durch ein Gesetz bestimmten Pflichten, die Erfüllung des strengen Rechtes gegen andere, die Fertigkeit dieser Erfüllung, und zuweilen auch dieses Recht selbst. (a) Unter gleichen Personen, welche von einigen die Justitia aequatoria genannt wird. (b) Unter ungleichen Personen, besonders Höherer gegen Geringere, Justitia rectoria, das rechtmäßige Verhalten gegen Geringere, welches überhaupt in der thätigen Beweisung des Mißfallens an ihren unrechtmäßigen und des Wohlgefallens an ihren rechtmäßigen Handlungen bestehet, und im höchsten Verstande auch Gott zukommt. In etwas engerm Verstande bestehet diese Gerechtigkeit in dem Schutze eines jeden bey dem Seinigen, und in der Verbindlichkeit dazu; da sie denn in den schönen Künsten unter dem Bilde einer Person weiblichen Geschlechtes mit verbundenen Augen vorgestellet wird, welche in der einen Hand eine Wagschale, und in der andern ein bloßes Schwert hält. Die Gerechtigkeit lieben, handhaben. Diener der Gerechtigkeit, die dazu verordneten Personen. Einem Gerechtigkeit widerfahren lassen. Über die Gerechtigkeit halten. Der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen. Das ist wider alle Gerechtigkeit. Figürlich werden zuweilen auch die zu diesem Schutze verordneten Personen die Gerechtigkeit genannt. Die Gerechtigkeit um Schutz, um Hülfe anflehen. Vor der Gerechtigkeit erscheinen. Jemanden der Gerechtigkeit überliefern. Nieders. Rechtigheit, im Schwabensp. Rechtikait, Schwed. Rättighet.


Gerechtsame (W3) [Adelung]


Die Gerechtsame, plur. die -n, die in einem Rechte oder Gesetze gegründete Befugniß. Eines Gerechtsamen kränken. Eine Stadt, welche viele Gerechtsamen hat. Anm. Im Oberdeutschen nur Rechtsame. In eben dieser Mundart hat man auch das Bey- und Nebenwort gerechtsam für rechtmäßig, und Gerechtsamkeit für die Gerechtsame. Es ist ungegründet, wenn einige behaupten; Gerechtsamen habe keinen Singular. Indessen kommt der Plural freylich häufiger vor.


Gerede (W3) [Adelung]


Das Gerede, des -es, plur. inus. das Reden, doch nur im eingeschränkten und gemeiniglich nachtheiligen Verstande, ein Gerücht, ein mehrmaliges Reden des großen Haufens von einer Sache. Es gehet das Gerede. Dem Gerede der Leute zu entgehen suchen. Sich zum Gerede der Stadt machen, zum Gegenstande des Geredes.


Gereden (W3) [Adelung]


Gereden, verb. reg. act. welches das mit der emphatischen Vorsylbe ge verlängerte Zeitwort reden ist, und im Oberdeutschen und einigen Hochdeutschen Kanzelleyen für zusagen, versprechen, gebraucht wird, außer dem aber veraltet ist. Viel gereden und nicht halten, Sprichw. 25, 14. Mit einem Eide gereden, 2 Macc. 7, 24. Ihr sollt gereden und geloben, heißt es oft in Eidesformeln. Nieders. gleichfalls gereden.


Gereichen (W3) [Adelung]


Gereichen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und das mit der Vorsylbe ge verlängerte Zeitwort reichen ist, aber in einigen Bedeutungen desselben vorkommt. 1) * Eigentlich, für reichen, in der Ausdehnung der Länge nach berühren, gelangen; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Herr laß mein Recht vor dich gereichen, Opitz Ps. 43. Im thätigen Verstande wird es noch in der Jägerey gebraucht, wo gereichen so viel ist, als den Habicht nachfliegen lassen. 2) Figürlich, die Ursache einer Folge, das Mittel einer Wirkung werden, welche letztere mit dem Vorworte zu ausgedruckt wird. Das wird dir zum Vortheil, zur Ehre, zur Schande, zum Schaden gereichen. Übel in einzelnen Theilen kann zur Vollkommenheit des Ganzen gereichen. Das gereicht seinem Herzen zur Ehre. Die Strafe wird zu deinem Besten gereichen. Umstände, welche zur Verkürzung des Lebens gereichen. Anstalten, welche zum gemeinen Besten gereichen.

Anm. Im Oberdeutschen kommt in dieser letzter Bedeutung auch das einfache reichen vor. Das wirt warlich gar zu klainen Eren reichen meiner Frawen, Theuerd. Kap. 77. Im Schwed. ist raecka hinreichen, genug seyn. Siehe Gerathen 2.


Gereiß (W3) [Adelung]


Das Gereiß, des -es, plur. car. im gemeinen Leben, das Reißen; doch nur im figürlichen Verstande. Es ist vieles Gereiß um diese Waare, man reißet sich beynahe um sie, sie gehet reißend ab.


Geren (W3) [Adelung]


Der Geren, S. Gehren.


Gerenne (W3) [Adelung]


Das Gerenne, S. Gerönne.


Gerent (W3) [Adelung]


Das Gerent, des -es, plur. inus. oder die Gerente, sing. inus. in dem Salzwerke zu Halle, eine Rente, d. i. gewisse Einkünfte an Sohle, welche zum Unterhalt der Gebäude, zur Besoldung der Bedienten, zum Besten der Armen u. s. f. versotten, und in das stäte Gerent und Tagegerent getheilet wird. Jenes ist stät oder beständig, und wird wöchentlich gegeben, es mag viel oder wenig gesotten werden; dieses aber richtet sich nach der Menge der versottenen Sohle. S. Rente.


Gereuen (W3) [Adelung]


Gereuen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und nur als ein unpersönliches Zeitwort mit der ersten Endung der Sache, und der vierten Endung der Person gebraucht wird, Reue, oder nachfolgendes Mißfallen an einer vorher gegangenen Handlung empfinden. Mich gerou noch nie, das ich u. s. f. Reinmar der Alte. Thue nichts ohne Rath, so gereuet dichs nicht nach der That, Sir. 32, 24. So wird den Herrn auch gereuen das Übel u. s. f. Jer. 26, 13. Gott können seine Wohlthaten nie gereuen. Laß dich diese Ausgabe nicht gereuen. Es wird dich gereuen. Es gereuet mich, daß ich ihm so viel vertrauet habe. Im Oberdeutschen auch mit der zweyten Endung der Sache. Es gereuet ihn der That. Si sol sich lan geruwen Wol der ungetat, König Conrad. Anm. Im gemeinen Leben auch häufig nur reuen, Nieders. rouen, rijen, bey dem Notker geriuuwen, in dem alten Gedichte auf den heil. Anno ciruwin, im Angels. hreowan, im Engl. to rue. S. Reue.


Gereut (W3) [Adelung]


Das Gereut, des -es, plur. die -e, in einigen Gegenden Oberdeutschlandes, ein ausgereutetes Stück Waldes, ein Neubruch, Geräumte, Rodeland u. s. f. An andern Orten, z. B. in Elsaß, ist Gereut der Geraid, eine gemeine Waldung, besonders so fern sie zur Ausreutung gebraucht werden kann, und der einem jeden zuständige Theil darin, welcher an andern Orten eine Holzmark, Holzerbschaft, Waldmarkung u. s. f. heißt. Dergleichen ist das Landauer Gereut, welches sechzehen Meilen im Umfange begreift, auch das Heimgeraid genannt, und in das vordere und hintere Gereut getheilet wird. Die Forstgerichtbarkeit darüber heißt das Oberheimgeraid, ein Theilhaber daran ein Geraid- oder Gereutgenoß, oder Geraider, Gereuter, das Forstgericht der Gereutstuhl oder Geraidenstuhl, indem dieses Wort daselbst auch im weiblichen Geschlechte die Geraid gebraucht wird, die Forstordnung die Gereutordnung, der Einnehmer der Gefälle, der Gereuteinnehmer, die Schlüsse des Forstgerichts die Gereutschlüsse u. s. f.


Gereutherd (W3) [Adelung]


Der Gereutherd, des -es, plur. die -e, im Hüttenbaue einiger Gegenden, der Vorherd an dem Zinnofen, in welchem sich das geschmelzte Zinn sammelt.


Gereutlerche (W3) [Adelung]


Die Gereutlerche, plur. die -n, eine Art Bachstelzen, welche mit einer Lerche nichts, als die Farbe gemein hat, und sich gern auf Gereuten, d. i. ausgereuteten Stücken Waldes, aufzuhalten pflegt. Sie wird im gemeinen Leben auch Krautlerche, Krautvogel genannt, welcher Nahme in Ansehung der ersten Hälfte aus Gereut verderbt ist.


Gerfalk (W3) [Adelung]


Der Gerfalk, des -en, plur. die -en, eine Art Falken mit einem himmelblauen, kurzen, starken, und sehr spitzig gekrümmten Schnabel, weiten und schwarzen Augäpfeln, himmelblauen nackten Füßen, und weißgrauen schwarz gefleckten Rücken und Flügeln; Falco rapax Klein. Er gehört zu den edelsten und gierigsten Arten von Falken, daher er schon vor Alters her diesen Nahmen von dem alten ger, gierig, bekommen hat, und auch Gierfalk, im mittlern Lat. Gerfalco, Gerfalchus, Grifalco, Giffardus, Gyrfalco genannt wurde. Im Engl. heißt er Gerfalcon und Jerkin, im Ital. Girifalco, im Franz. Gerfaut und Grifaut. Die das Wort Geyer gleichfalls von ger, gierig, ableiten, nennen ihn auch Geyerfalk, welche Benennung aber nicht so richtig zu seyn scheinet, indem man ihn von den ältesten Zeiten her viel zu hoch geschätzet, als daß man ihn mit dem verworfenen Geyer in eine Classe sollte gesetzt haben.


Gergel (W3) [Adelung]


Der Gergel, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Böttchern, die Rinne in den Dauben der Fässer und hölzernen Gefäße, in welche der Boden befestiget wird; ingleichen dasjenige Werkzeug, vermittelst dessen diese Rinne gemacht wird, welches eine Art von Zirkel ist, und auch der Bodenzieher oder Zargzieher heißt. Daher gergeln, diese Rinne machen. Ein Faß gergeln. Das Wort, welches bey einigen auch das Gürgel lautet, gehöret ohne Zweifel zu dem Lat. gyrare, umdrehen, gyrgillus, ein Haspel. Im mittlern Lat. ist Girgillus nicht nur ein Rad, sondern auch ein Werkzeug zum Spinnen.


Gerhab (W3) [Adelung]


Der Gerhab, S. Vormund.


Gerhard (W3) [Adelung]


Gerhard, ein eigenthümlicher Vornahme für Personen männlichen Geschlechtes, welcher Deutschen Ursprunges ist, von dem Zeitworte gehren, begehren, abstammet, und eine liebenswürdige Person bezeichnet; daher Erasmus von Rotterdam, welcher eigentlich Gerhard van Gerart hieß, sich nach der Gewohnheit der damahligen Zeiten Desiderium Erasmum nannte. Im gemeinen Leben, besonders Niedersachsens, lautet dieser Nahme nur Gerd. Die Endung hard ist, wie schon Frisch beweiset, kein eigenes Wort, sondern aus der männlichen Endung er entstanden, welche in manchen Mundarten ein t anzunehmen pfleget; Tauchert, Tauchart, für Taucher. Eben derselbe führet im Worte Ger die Veränderungen an, durch welche dieser Nahme in den mittlern Zeiten gegangen ist.


Gericht (W3) [Adelung]


1. Das Gericht, des -es, plur. die -e, von dem Zeitworte richten, so fern es ehedem auch anrichten, oder zurichten bedeutet. 1) Eine Speise Einer Art, so fern sie in einer besondern Schüssel angerichtet wird; Diminut. das Gerichtchen, Oberd. Gerichtlein. Ein Gericht Fische, Fleisch, Gemüse, Erbsen, Bohnen u. s. f. Eine Mahlzeit von sechs Gerichten. In engerer Bedeutung pflegt man Suppe, Braten, Obst und Gebackenes nicht mit unter die Gerichte zu rechnen. Im Nieders. und Oberdeutschen nur Richt, im Schwabensp. Rith, im Schwed. Rätt. 2) Bey den Jägern, die Dohnen, Bügel und Schlingen, welche man den Vögeln, oder auf die Vögel richtet, um sie darein zu fangen, und welche auch das Geschneide genannt werden. S. Bodengericht. In dem ehemahligen Kriegswesen wurde auch ein bedeckter Gang, unter welchem die Sturmböcke gegen die Mauern spielten, das Gericht genannt.


Gericht (W3) [Adelung]


2. Das Gericht, des -es, plur. die -e, von dem Zeitworte richten, das sittliche Verhalten anderer beurtheilen. 1. Die Handlung des Richtens, die wirkliche Sprechung es Rechtes oder Beurtheilung des sittlichen Verhaltens anderer nach dem Gesetze, und deren Vollziehung, so fern dasselbe von öffent- lichen dazu verordneten Personen geschiehet; ohne Plural. Gericht halten. Über jemanden Gericht halten. Ein scharfes Gericht über jemanden ergehen lassen. Die biblischen Ausdrücke, Gericht üben, hören, handhaben, zu Gericht sitzen u. s. f. sind im Hochdeutschen veraltet. Das jüngste Gericht, das allgemeine Weltgericht, oder das Gericht schlechthin, in der Theologie, die Beurtheilung des sittlichen Verhaltens der Menschen nach der Auferstehung und Entscheidung ihres künftigen Zustandes; bey dem Notker das iungeste Ding. 2. Die Befugniß, dieses Recht zu sprechen, oder das sittliche Verhalten anderer zu beurtheilen und das Urtheil zu vollziehen; ohne Plural. 1) Eigentlich, die Gerichtbarkeit, Jurisdiction, und die damit verknüpften Nutzungen und Beschwerden. Ihnen ward gegeben das Gericht, Offenb. 20, 4. Jemanden mit dem Gerichte belehnen. Das Gericht verkaufen. In welcher Bedeutung es auch oft im Plural ohne Singular gebraucht wird. Bey einem Gute die Gerichte mit in Anschlag bringen. Die Gerichte verpachten, an sich bringen. 2) In den mittlern Zeiten drückte dieses Wort in weiterer Bedeutung oft die ganze oberherrliche Gewalt aus, von welcher die Sprechung des Rechtes eine der vornehmsten Befugnisse ist; daher in dem Sachsenspiegel und andern Schriften dieser Zeit Richter oft einen Landesherren bedeutet. 3. * Das Recht, die Gerechtigkeit, besonders so fern sie eine Pflicht Höherer gegen ihre Unterthanen ist, die Fertigkeit sie zu erfüllen und deren wirkliche Erfüllung; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Er liebet Gerechtigkeit und Gericht; Ps. 33, 5. Gott gib dein Gericht dem Könige, Ps. 72, 1. Gerechtigkeit und Gericht ist deines Stuhls Festung, Ps. 89, 15. Es wird mit Gericht strafen die Elenden im Lande, Es. 11, 4. Er hat Zion voll Gerichts und Gerechtigkeit gemacht, Kap. 53, 5; und so in andern Stellen mehr. Der Gegensatz ist das gleichfalls veraltete Ungericht, Unrecht, Gewaltthätigkeit, Verbrechen, welches in den mittlern Zeiten mehrmahls vorkommt. 4. Die auf eine böse Handlung im Gericht erkannte Strafe, wo dieses Wort nur im theologischen Verstande von den Strafen Gottes gebraucht wird. So werden alle Arten der Verhärtungen der Menschen geistliche Gerichte Gottes, das Gericht der Verstockung u. s. f. genannt, ungeachtet sie oft natürliche Folgen des vorher gehenden Zustandes sind. Denn wahrhaftig und gerecht sind seine Gerichte, Offenb. 19, 2. Schrecklich sind deine Gerichte, weil wir dein Gebot nicht gehalten haben, Tab. 3, 5,. Welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht, 1 Cor. 11, 29. Unerbittliche Gerichte drohen dir jenseit des Grabes. Besonders, die göttliche Veranstaltung des nachfolgenden Übels der Sünde, in welchem Verstande Landplagen und andere Übel göttliche Gerichte, oder Strafgerichte Gottes genannt werden. 5. Die zur Sprechung des Rechtes und Vollziehung des Urtheils verordneten Personen, deren Versammlung; zum Unterschiede von den Facultäten, Schöppenstühlen und andern Rechtsstühlen, welche zwar die Handlungen nach dem Gesetze beurtheilen, aber die Urtheile nicht vollziehen. 1) Überhaupt, da es an einigen Orten auch das Gerichtsamt, die Gerichtsbank, der Gerichtsstuhl, Gerichtshof, Gerichtskammer genannt wird. Jemanden vor Gericht fordern, laden. Vor Gericht kommen, erscheinen. Vor Gericht bringen. Im Gerichte sitzen. Jemanden vor Gericht verklagen. Das Gericht hat ihn los gesprochen, verurtheilet u. s. f. Das Gericht sitzt heute nicht. Daher das Hofgericht, Landgericht, Handelsgericht, Stadtgericht, Kammergericht, Cri- minal-Gericht u. s. f. Im gemeinen Leben wird es in dieser Bedeutung oft im Plural gebraucht, ohne Singular. Ich will zu den Gerichten eilen und mich angeben. Die Gerichte haben auf die Hülfe erkannt, haben die Hülfe vollstreckt. Der todte Körper wurde von den Gerichten aufgehoben. Wo oft nur einige von einem Gerichte dazu abgeordnete Personen verstanden werden. 2) In engerer Bedeutung heißt bey dem Kammergericht zu Wetzlar ein Gericht, eine aus dem Richter und den Anwalten beyder Parteyen bestehende Versammlung; dagegen wenn einer dieser drey Theile fehlet, solches kein Gericht genannt wird. S. Gerichtlich. 6. Der Ort, 1) wo sich diese Personen versammeln und das Recht sprechen. In das Gericht gehen. Die Sache wurde im offenen, im verschlossenen Gerichte verhandelt. 2) Zuweilen auch der Ort, wo die peinlichen Strafen vollzogen werden, wo besonders der Galgen oft das Gericht oder das Hochgericht genannt zu werden pfleget. 7. Der Gerichtsbezirk, der District, über welchen sich die Gewalt eines Gerichtes erstrecket, der Gerichtssprengel, und in weiterer Bedeutung, besonders in den mittlern Zeiten, ein jedes Gebiet; auf welche Art auch das mittlere Lat. Jurisdictio üblich war. In diesem Verstande wird es oft als ein Plurale tantum gebraucht. Einen Missethäter durch ein fremdes Gericht, oder durch fremde Gerichte führen. Aus einem Gerichte, oder aus den Gerichten ziehen. Einen Verbrecher aus dem Gerichte, oder aus den Gerichten verweisen.

Anm. Bey dem Notker in der 5ten Bedeutung Gerih, ungeachtet er einem andern Orte auch Vberteilidon dafür gebraucht, im Nieders. Recht und Richt. S. Richten. Ehedem wurden Ding, Bann, Thäding oder Theiding und andere Wörter in diesem Verstande gebraucht. Kero gebraucht dafür Suanu.


Gerichtamt (W3) [Adelung]


Das Gerichtamt, des -es, plur. inus. ein im Hochdeutschen ungewöhnliches Wort für Richtamt, oder Richteramt, welches 5 Mos. 1, 17 vorkommt: Das Gerichtamt ist Gottes.


Gerichtbarkeit (W3) [Adelung]


Die Gerichtbarkeit, plur. die -en. 1) Das Recht, oder die Befugniß in vorkommenden Fällen, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben, und das ausgesprochene Urtheil zu vollziehen, die Jurisdiction, der Gerichtszwang, die Gerichtsherrschaft, ehedem die Richtgewalt; ohne Plural. unter eines Gerichtbarkeit wohnen, stehen. Eines Gerichtbarkeit anerkennen, läugnen. Eine wirkliche Gerichtbarkeit über etwas haben. In weiterer Bedeutung auch die Oberherrschaft, von welcher die Gerichtbarkeit ein so wichtiger Theil. ist. Gottes höchste Gerichtbarkeit über alle Geschöpfte. 2) Der District, über welchen sich diese Gewalt erstrecket, das Gebieth.

Anm. Die erste Hälfte dieses Wortes ist nicht das vorige Hauptwort Gericht, sondern das Zeitwort richten; die Richtbarkeit, die Befugniß zu richten, woraus durch Vorsetzung des Oberdeutschen ge, Gerichtsbarkeit geworden, so wie das vorige Gerichtamt für Richtamt stehet. Auf ähnliche Art sagt man tragbar, haltbar u. s. f. S. 1 Bar 5. woraus zugleich erhellet, daß dieses Wort irrig Gerichtsbarkeit geschrieben und gesprochen wird. Das veraltete Bey und Nebenwort gerichtbar kommt noch bey dem Haltaus vor.


Gerichtlich (W3) [Adelung]


Gerichtlich, adj. et adv. im Gerichte, vor Gerichte, zum Gerichte gehörig, demselben gemäß, darin gegründet. Das gerichtliche Verfahren, das Verfahren des Gerichtes und in demselben. Jemanden gerichtlich belangen, verklagen, vor Gericht. Ein gerichtlicher Ausspruch, Bescheid. Gerichtlich zieht er bald des Weibes Ehmann ein, Gell. In engerer Bedeutung heißt bey dem Kammergerichte zu Wetzlar gerichtlich, was in Gegenwart des vollen Gerichtes, d. i. des Richters und beyder Theile geschiehet; im Gegensatze des außergerichtlichen, wo eine von diesen drey Personen fehlet. Ein gerichtlicher Senat, ein gerichtlicher Vortrag u. s. f. S. 2 Gericht 5.


Gerichts (W3) [Adelung]


* Gerichts, ein im Hochdeutschen veraltetes Nebenwort, welches für gerade, von der Richtung, noch in einigen Oberdeutschen Gegenden üblich ist. Gerichts für euch, gerade vor euch, Opitz. Nehmt Hauen, geht gerichts den hohen Ort hinein, ebend. S. Gerade

Anm. und Richten.


Gerichts-Acten (W3) [Adelung]


Die Gerichts-Acten, sing. inus. gerichtliche Acten, die vor Gericht verhandelten Schriften.


Gerichtsamt (W3) [Adelung]


Das Gerichtsamt, des -es, plur. die -ämter, in einigen Gegenden, z. B. in Schlesien, ein Gericht, in der 5ten Bedeutung dieses Wortes.


Gerichtsbank (W3) [Adelung]


Die Gerichtsbank, plur. die -bänke, in eben dieser Bedeutung, in welchem Verstande ehedem auch Dingebank und Urtheilbank üblich waren. S. Bank.


Gerichtsbarkeit (W3) [Adelung]


Die Gerichtsbarkeit, S. Gerichtbarkeit.


Gerichtsbeamte (W3) [Adelung]


Der Gerichtsbeamte, des -n, plur. die -n, ein gerichtlicher Beamter, eine bey einem Gerichte angestellte Person.


Gerichtsbothe (W3) [Adelung]


Der Gerichtsbothe, des -n, plur. die -n, ein Bothe, der in Diensten eines Gerichtes stehet, die Parteyen vorzuladen, u. s. f. der Gerichtsdiener, und wenn er von geringer Art ist, der Gerichtsknecht.


Gerichtsbrauch (W3) [Adelung]


Der Gerichtsbrauch, oder Gerichtsgebrauch, des -es, plur. die -bräuche, ein gerichtlicher, oder bey einem oder mehrern Gerichten üblicher Gebrauch.


Gerichtsbuch (W3) [Adelung]


Das Gerichtsbuch, des -es, plur. die -bücher, ein Buch, in welches die vor einem Gerichte verhandelten Sachen eingetragen werden.


Gerichtsdiener (W3) [Adelung]


Der Gerichtsdiener, des -s, plur. ut nom. sing. ein Bedienter, welcher dem Gerichte aufzuwarten verpflichtet ist, und wenn er zugleich zu Verschickungen gebraucht wird, auch Gerichtsbothe heißt; im Oberdeutschen Gerichtsweibel, in Bremen Waltknecht, Waldbode, d. i. Gewaltbothe.


Gerichts-Director (W3) [Adelung]


Der Gerichts-Director, des -s, plur. die -Directoren, ein Nahme, welchen in einigen ansehnlichen Gerichten der Gerichtshalter oder Gerichtsverwalter führet, der das Recht im Nahmen des Gerichtsherren spricht.


Gerichtsdorf (W3) [Adelung]


Das Gerichtsdorf, des -es, plur. die -dörfer, ein Nahme, welchen an einigen Orten die adeligen Dörfer führen, welche auch Junkerdörfer genannt werden, zum Unterschiede von den Amtsdörfern.


Gerichts-Ferien (W3) [Adelung]


Die Gerichts-Ferien, sing. inus. die Ferien in einem Gerichte, derjenigen Tage, an welchen die gewöhnlichen gerichtlichen Geschäfte ausgesetzet werden.


Gerichtsfolge (W3) [Adelung]


Die Gerichtsfolge, plur. inus. die Verbindlichkeit der Unterthanen eines Gerichtes, demselben in nöthigen Fällen hülfliche Hand zu leisten. S. Folge.


Gerichtsfrau (W3) [Adelung]


Die Gerichtsfrau, plur. die -en, eine verheirathete Person weiblichen Geschlechtes, so fern ihr die Gerichtsbarkeit oder das Gericht an einem Orte zustehet.


Gerichtsfrohn (W3) [Adelung]


Der Gerichtsfrohn, S. der Frohn und Frohnbothe.


Gerichtsgebühren (W3) [Adelung]


Die Gerichtsgebühren, sing. inus. diejenigen Gebühren, welche gerichtlichen Personen für gerichtliche Handlungen von den Parteyen bezahlet werden; die Sporteln, ehedem auch der Klagschatz.


Gerichtsgefälle (W3) [Adelung]


Die Gerichtsgefälle, sing. inus. die Gefälle, d. i. Ertrag eines Gerichtes in Ansehung des Gerichtsherren.


Gerichtshalter (W3) [Adelung]


Der Gerichtshalter, des -s, plur. ut nom. sing. der die Stelle eines Richters vertritt, besonders in kleinen Gerichtsbezirken, auf Dörfern u. s. f. Justitiarius, Gerichtsverwalter.


Gerichtshandel (W3) [Adelung]


Der Gerichtshandel, des -s, plur. die -händel, ein gerichtlicher Handel, eine jede Sache, welche vor Gericht gebracht und daselbst abgethan wird, und in engerer Bedeutung, eine Streitsache, ein Prozeß.


Gerichtshaus (W3) [Adelung]


Das Gerichtshaus, des -es, plur. die -häuser, ein Haus, welches zur Handhabung des Rechtes und zur Versammlung des Gerichtes bestimmt ist; eine Benennung, welche indessen wenig gebraucht wird, weil Rathhaus, Amthaus, u. s. f. üblicher sind. S. Richthaus. Im Tatian Thinchus, Dingehaus.


Gerichtsherr (W3) [Adelung]


Der Gerichtsherr, des -en, plur. die -en, derjenige, welchem die Gerichtbarkeit eines Ortes, oder die Befugniß Recht zu sprechen, eigenthümlich zustehet; die Gerichtsherrschaft, Gerichtsobrigkeit. Die Gerichtsfrau, eine solche verheirathete Person weiblichen Geschlechtes. S. Erbherr.


Gerichtsherrschaft (W3) [Adelung]


Die Gerichtsherrschaft, plur. die -en, 1) Die Herrschaft oder die Befugiß des Gerichtsherren, das Recht Gericht zu halten, ohne Plural; die Gerichtsbarkeit. 2) Diejenige Person, welche dieses Recht besitzet; der Gerichtsherr oder die Gerichtsfrau.


Gerichtshof (W3) [Adelung]


Der Gerichtshof, des -es, plur. die -höfe, ein ansehnliches Gericht, welches einen weiten Gerichtssprengel hat, und der Ort, wo sich dasselbe versammelt; ein Wort, welches indessen mehr von den Gerichten auswärtiger Staaten, als von Deutschen üblich ist.


Gerichtskammer (W3) [Adelung]


Die Gerichtskammer, plur. die -n, an einigen Orten, ein Gericht, in der 5ten Bedeutung dieses Wortes.


Gerichtskanzelley (W3) [Adelung]


Die Gerichtskanzelley, plur. die -en, die zu einem Gerichte gehörige Kanzelley, d. i. der Ort, wo die gerichtlichen Schriften ausgefertiget und verwahret werden.


Gerichtsknecht (W3) [Adelung]


Der Gerichtsknecht, des -es, plur. die -e, S. Gerichtsbothe.


Gerichtskosten (W3) [Adelung]


Die Gerichtskosten, sing. inus. die Unkosten, welche durch gerichtliches Verfahren den Parteyen, oder einer derselben verursacht werden.


Gerichtskreuz (W3) [Adelung]


Das Gerichtskreuz, des -es, plur. die -e, ein Kreuz, so fern es die Gränze eines Gerichtssprengels bezeichnet.


Gerichtslehen (W3) [Adelung]


Das Gerichtslehen, des -s, plur. ut nom. sing. das Gericht, oder die Befugniß Recht zu sprechen, so fern sie ein Lehen ist.


Gerichtsleute (W3) [Adelung]


Die Gerichtsleute, sing. inus. im gemeinen Leben, diejenigen Leute, welche unter oder in ein Gericht gehören; Gerichtssassen, Gerichtsunterthanen.


Gerichtsobrigkeit (W3) [Adelung]


Die Gerichtsobrigkeit, plur. die -en, derjenige, welcher das Gericht in einem Orte besitzet, als eine Obrigkeit betrachtet; die Gerichtsherrschaft.


Gerichtsperson (W3) [Adelung]


Die Gerichtsperson, plur. die -en, eine jede Person, welche bey einem Gerichte angestellet ist.


Gerichtsplatz (W3) [Adelung]


Der Gerichtsplatz, des -es, plur. die -plätze, der Platz oder Ort, wo Gericht gehalten wird; im Oberd. die Gerichtschranne. Auch der Ort, wo die peinlichen Urtheile vollzogen werden; der Richtplatz, S. dieses Wort.


Gerichtssaß (W3) [Adelung]


Der Gerichtssaß, des -ssen, plur. die -ssen, der unter einem Gerichte sitzet, d. i. demselben unterworfen ist; ein Gerichtsunterthan. S. Saß.


Gerichtssache (W3) [Adelung]


Die Gerichtssache, plur. die -n, eine gerichtliche Sache, welche entweder für das Gericht gehöret, oder daselbst anhängig ist.


Gerichtsschöppe (W3) [Adelung]


Der Gerichtsschöppe, des -n, plur. die -n, der Schöppe oder Beysitzer eines Gerichtes. Auf einigen Dörfern wird auch der Richter unter den Bauern, welcher in geringen Dingen Recht spricht, Gerichtsschöppe genannt.


Gerichtsschreiber (W3) [Adelung]


Der Gerichtsschreiber, des -s, plur. ut nom. sing. der Schreiber in einem Gerichte, welcher am häufigsten Actuarius genannt wird. In großen Gerichten hat man beyde, da denn der Gerichtsschreiber dem Actuario untergeordnet ist.


Gerichtsschuldheiß (W3) [Adelung]


Der Gerichtsschuldheiß, des -en, plur. die -n, der Schuldheiß, welcher im Nahmen des Landesfürsten das Richteramt verwaltet, und an andern Orten Richter, Präsident, Stadtvogt, Gerichtsvogt u. s. f. genannt wird. Auch auf den Dörfern gibt es zuweilen Gerichtsschuldheißen, welche zusammen gezogen Gerichtsschulzen genannt werden, und in geringfügigen Sachen Recht zu sprechen haben. An andern Orten heißen sie Gerichtsschöppen, Bauermeister, Rügemeister, Richter u. s. f. S. Schuldheiß.


Gerichtssprengel (W3) [Adelung]


Der Gerichtssprengel, des -s, plur. ut nom. sing. der Sprengel, d. i. Bezirk, über welchen sich die Gerichtbarkeit eines Gerichts erstrecket.


Gerichtsstab (W3) [Adelung]


Der Gerichtsstab, des -es, plur. die -stäbe, ein Stab, so fern er ein symbolisches Kennzeichen richterlichen Gewalt ist. Ein solcher Stab ist z. B. derjenige, welchen der Richter noch jetzt über einen zum Tode verurtheilten Missethäter zerbricht. S. Stab.


Gerichtsstand (W3) [Adelung]


Der Gerichtsstand, des -es, plur. die -stände. 1) Die Verbindlichkeit vor einem Gerichte zu stehen, d. i. von demselben Recht zu nehmen, ohne Plural. Jemanden von dem Gerichtsstande des Stadtgerichtes befreyen. 2) Dasjenige Gericht selbst, welchem man zu Recht zu stehen, oder sein Recht von demselben zu nehmen verbunden ist, Judex competens; im Oberdeutschen die Behörde. Sich an seinen gehörigen Gerichtsstand wenden. Der erste Gerichtsstand, die erste Instanz, das Untergericht. Der höchste Gerichtsstand, die höchste Instanz.


Gerichtsstatt (W3) [Adelung]


Die Gerichtsstatt, plur. die -stätte, oder die Gerichtsstätte, plur. die -n, die Statt oder Stätte, wo Gericht gehalten wird. Ingleichen die Stätte, wo die peinlichen Urtheile vollzogen werden; der Gerichtsplatz, die Richtstatt, Fehmstätte.


Gerichtsstein (W3) [Adelung]


Der Gerichtsstein, des -es, plur. die -e, ein Stein, so fern er die Gränze eines Gerichtssprengels bezeichnet.


Gerichtsstelle (W3) [Adelung]


Die Gerichtsstelle, plur. die -n, die Stelle, wo Gericht gehalten wird. Sich bey früher Tageszeit an oder in der gewöhnlichen Gerichtsstelle einzufinden, eine gewöhnliche Formel in den Ladungen. Ingleichen, die Stelle, wo die peinlichen Urtheile vollzogen werden. S. Gerichtsstatt.


Gerichtsstube (W3) [Adelung]


Die Gerichtsstube, plur. die -n, Stube, in welcher sich das Gericht versammelt.


Gerichtsstuhl (W3) [Adelung]


Der Gerichtsstuhl, des -es, plur. die -stühle, der Ort, wo sich ein Gericht versammelt, und die dazu gehörigen Personen; ein Gericht, Tribunal. Ingleichen der einem Gerichte unterworfene Bezirk, dessen Gebieth. Niedersächs. Richtstool. S. Stuhl.


Gerichtstag (W3) [Adelung]


Der Gerichtstag, des -es, plur. die -tage, der Tag, an welchem Gericht gehalten wird; Nieders. Richtedag.


Gerichtsunterthan (W3) [Adelung]


Der Gerichtsunterthan, des -en, plur. die -en, Fämin. die Gerichtsunterthaninn, plur. die -en, der oder die einem Gerichte unterworfen ist. S. Gerichtsleute.


Gerichtsverwalter (W3) [Adelung]


Der Gerichtsverwalter, des -s, plur. ut nom. sing. der das Gericht, d. i. die Befugniß Recht zu sprechen, im Nahmen des Gerichtsherren verwaltet; doch nur in kleinen Gerichten, besonders auf dem Lande; der Gerichtshalter, Gerichtsverweser, Justitiarius.


Gerichtsverwaltung (W3) [Adelung]


Die Gerichtsverwaltung, plur. die -en, das Amt und die Obliegenheit eines Gerichtsverwalters, und in weiterer Bedeu- tung auch wohl überhaupt die Ausübung der Befugniß Recht zu sprechen.


Gerichtsverweser (W3) [Adelung]


Der Gerichtsverweser, des -s, plur. ut nom. sing. S. Gerichtsverwalter.


Gerichtsvogt (W3) [Adelung]


Das Gerichtsvogt, des -es, plur. die -vögte, an einigen Orten der Vogt oder Vorgesetzte eines Gerichtes, der Richter, es sey ein großes oder kleines Gericht; Nieders. Richtevaagd. So hieß ehedem der Stadtvogt in Bremen Gerichtsvogt.


Gerichtsvogtey (W3) [Adelung]


Die Gerichtsvogtey, plur. die -en, die Gewalt und das Amt eines Gerichtsvogtes, ingleichen, der seiner Gerichtbarkeit unterworfene Bezirk.


Gerichtszwang (W3) [Adelung]


Der Gerichtszwang, des -es, plur. die -zwänge. 1) Das Befugniß, vermöge dessen jemand andere zwingen kann, Recht von ihm zu nehmen, die Gewalt andern Recht zu sprechen, die Gerichtbarkeit, Gerichtsherrschaft, Jurisdiction, Nieders. Richtewald; ohne Plural. Den Gerichtszwang an einem Orte haben. In dem 1514 gedruckten Deutschen Livio Gerichtzwang. 2) Der Bezirk, über welche sich diese Gewalt erstrecket; der Gerichtssprengel. In eines Gerichtszwange wohnen.


Gerichtszwängig (W3) [Adelung]


Gerichtszwängig, adj. et adv. welches nur im Oberdeutschen üblich ist, dem Gerichtszwange unterworfen. Weil diese Gemeinde dahin gerichtszwängig ist.


Geringe (W3) [Adelung]


Geringe, -r, -ste, adj. et adv. welches, 1. Eigentlich, einen kleinen körperlichen Umfang in de Dicke bedeutet zu haben scheinet, da es denn so viel ist als dünn, und dem was dick ist entgegen stehet. In dieser im Hochdeutschen größten Theils veralteten Bedeutung sagt man noch im Oberdeutschen ring oder gering von Leibe, von Person, für schlank oder geschlank. Ein geringer oder schmaler Hirsch ist eben daher bey den Jägern ein magerer Hirsch. 2. In weiterer Bedeutung, wird dieses Wort oft von einem jeden so wohl körperlichen als unkörperlichen kleinen Umfange genommen, und stehet alsdann entgegen, was man groß zu nennen pfleget. Nach dir wird ein ander Königreich kommen, geringer denn deines, Dan. 2, 39. Es ist besser geringe Klugheit mit Gottesfurcht, denn große Klugheit mit Gottes Verachtung, Sir. 19, 21. Ein geringer Vorrath. Ein geringer Umfang von Wahrheiten. Größern oder geringern Antheil an etwas nehmen. Sich zu der geringsten Fähigkeit des großen Haufens herab lassen. Eine geringe Kenntniß von etwas haben. Eine geringe Bewegung. Das machte keinen geringen Eindruck auf ihn. Einem die Gefahr sehr geringe machen. Nicht die geringste Zeit haben. In einem sehr geringen Zeitraume. Nicht der geringsten Abwechselung unterworfen seyn. Das ist meine geringste Sorge. Der Geringere am Geiste fühlet in dem Umgange mit der Demuth seine Schwäche nicht, Gell. 3. Besonders. 1) Der Schwere nach, für leicht; zuweilen noch im gemeinen Leben, besonders Oberdeutschlandes. Es ist um ein Loth zu geringe. Ring oder gering vom Gewichte. Dem Held war sein Herz ganz gering, d. i. leicht, Theuerd. Kap. 85. 2) Dem Werthe, der Würde, der Achtung nach. (a) Der innern Güte nach, für schlecht. Geringes Erz, im Bergbaue; welches wenig Gehalt hat. Geringer Wein, geringes Bier. Jedermann gibt zum ersten guten Wein, und wenn sie trunken worden sind, alsdann den geringern. Joh. 2, 10. Eine geringe Waare. Ein geringes Tuch. Geringe Leinwand. In einem geringen Sommerkleide gehen. Geringe Speisen. (b) Dem Werthe nach. Ein geringes Amt. Ein geringes Einkommen haben. Ein geringer, niedriger, Preis. Ein geringes Geschenk. Es wird ein Geringes kosten. Ich kann es nicht geringer (wohlfeiler) geben. Ich konnte es für ein Geringes haben. Etwas geringe schätzen, achten, halten. Eine sehr geringe Meinung von etwas haben, es sehr geringe schätzen. (c) Der Wichtigkeit nach, für unerheblich. Geringe Vorfälle unsers Lebens. Eine geringe Beleidigung. Ein geringer Gewinn. Nicht geringen Nutzen von etwas haben. Ein geringer Diebstahl, der eine Kleinigkeit betrifft. Eine geringe Ursache. Der Schluß vom Kleinern auf das Größere, vom Geringen auf das Erhebliche. Ein geringes Dorf, ein geringer Ort, eine geringe Stadt. Laß mich die geringste deiner Sorgen empfinden, Dusch. Er bildet sich nichts Geringes ein, hält sich für eine wichtige Person. Dahin auch die Art der verstärkten Verneinung gehöret im geringsten, oder im geringsten nicht. Sind sie nicht erschrocken? Antw. im geringsten nicht, keinesweges. Ohne im geringsten (auf keine Weise) an ihn zu denken. (b) Der Achtung nach, der Würde nach. Alles Gold ist gegen sie wie geringer Sand, Weish. 7, 9. Die Weisheit regierete den Gerechten durch ein gering Holz, Kap. 10, 4. Auch seiner eigenen Achtung nach, für unwürdig. Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, 1 Mos. 32, 10. Ich bin hierzu zu geringe. Besonders (e) der bürgerlichen Achtung, den Stande, der Würde nach, da es dem vornehm entgegen gesetzet ist. Ihr sollt nicht vorziehen den Geringen, noch den Großen ehren, 3 Mos. 19, 15. Priester von (aus) den geringsten im Volk, 1 Kön. 12, 31. Ich bin ein armer geringer Mann, 1 Sam. 18, 23. Es sind bloß geringe Leute. Ein geringer Mensch. Leute von geringem Stande. Ein Mädchen von geringem Herkommen.

Anm. In den gemeinen Mundarten oft nur ring. Bey dem Kero bedeutet ring leicht, in eigentlichen Verstande, und bey dem Ottfried giringo leicht, im figürlichen. Bey eben demselben sind Worto ungiringo harte Worte. Das Nieders. ring bedeutet so wohl leicht, als klein. Im Franz. ist rien nichts, und im Wallis. cryn mittelmäßig. Im Schwed. bedeutet ring gleichfalls schlecht, unerheblich. Frisch hat den wunderlichen Einfall, es stamme von dem Hauptworte Ring, annulus, ab, welches ehedem auch wohl eine Null bedeutet haben könne. Allein es scheinet vielmehr zu dem noch in Baiern üblichen rahn, rahnig, schlank, geschlank, zu gehören, welches wiederum mit Rand verwandt zu seyn scheinet. S. auch Rank. In den gemeinen Sprecharten hat man auch die Hauptwörter die Geringheit und Geringigkeit, wofür aber im Hochdeutschen Gerinfügigkeit üblicher ist. Da das g am Ende, wenn ein n vorher gehet, wie ein gelindes k lautet, Schwung, jung, Ding, Ring; so behält es in diesem Worte seinen ursprünglichen noch gelinden Laut, daher man, selbigen zu bezeichnen, billig das e euphonicum anhängen sollte, geringe, ungeachtet solches nicht alle Mahl geschiehet.


Geringfügig (W3) [Adelung]


Geringfügig, -er, -ste, adj. et adv. welches in einigen Bedeutungen des vorigen Wortes gebraucht wird, geringe, so wohl dem Umfange, als auch dem Nutzen, dem Werthe, der Wichtigkeit nach. Die Einbildungskraft gibt oft den geringfügigsten Dingen einen großen Werth. Ein geringfügiges Einkommen. Geringfügige, unerhebliche, Ursachen. Im Oberdeutschen auch kleinfügig. Es scheinet, daß Fug in dieser Zusammensetzung eigentlich Nutzen bedeute, welche ehemahlige Bedeutung unter andern auch aus dem Neutro fugen, für nutzen, erweislich ist.


Geringfügigkeit (W3) [Adelung]


Die Geringfügigkeit, plur. inus. der Zustand, da eine Sache geringfügig ist, die Unerheblichkeit, Unwichtigkeit. In der Schweiz die Kleinfüge.


Geringhaltig (W3) [Adelung]


Geringhaltig, -er, -ste, adj. et adv. einen geringen Gehalt, wenig Gehalt, einen kleinen Gehalt habend. Geringhaltiges Erz, Geld u. s. f. Die Münze ist sehr geringhaltig. Im gemeinen Leben nur ringhaltig.


Geringhaltigkeit (W3) [Adelung]


Die Geringhaltigkeit, plur. inus. der Zustand einer Sache, da sie geringhaltig ist.


Geringhaltung (W3) [Adelung]


Die Geringhaltung, plur. inus. welches aus der R. A. geringe halten gebildet, aber nicht so üblich ist als Geringschätzung.


Geringschätzig (W3) [Adelung]


Geringschätzig, -er, -ste, adj. et adv. 1) Im thätigen Verstande, etwas geringe schätzend. Ein geringschätziges Urtheil von etwas fällen. Sehr geringschätzig von jemanden denken oder sprechen. 2) Im leidentlichen, aber nicht dem besten, Verstande, was geringe geschätzet wird. Die geringschätzigsten Geschöpfte.


Geringschätzigkeit (W3) [Adelung]


Die Geringschätzigkeit, plur. inus. der Zustand, da eine Person oder Sache geringschätzig ist. 1) Im thätigen Verstande. Einem mit vieler Geringschätzigkeit begegnen. Stolz und Geringschätzigkeit tödten die Liebe, Gell. 2) In leidentlicher Bedeutung. Die Geringschätzigkeit, der geringe Werth, mancher Geschöpfe.


Geringschätzung (W3) [Adelung]


Die Geringschätzung, plur. inus. welches aus der R. A. geringe schätzen gebildet ist, die Handlung, da man etwas geringe schätzet. Der Stolz erscheinet mit Selbstliebe und Geringschätzung anderer auf dem Schauplatze, Gell.


Gerinne (W3) [Adelung]


Das Gerinne, des -s, plur. ut nom. sing. Diminut. das Gerinnchen, Oberd. Gerinnlein, ein durch die Kunst verfertigter Canal, in welchem das Wasser in einen engern Raum gebracht wird, und daher stärker fließet. Das Gerinne an der Mühle, oder das Mühlgerinne, worin die Mühlräder hängen und von dem Wasser umgetrieben werden. Das wüste Gerinne, das überflüssige Wasser aus dem Mahlgerinne abzuleiten. Ingleichen in weiterer Bedeutung, ein jeder kleiner Canal oder Graben, worin das Wasser rinnet, dergleichen die Gerinne in dem Berg- und Hüttenbaue, in den Salzwerken, im Behuf der Sohle u. s. f. sind. S. Rinne und Rinnen. Das Ital. Gronda ist die Dachrinne.


Gerinnen (W3) [Adelung]


Gerinnen, verb. irreg. neutr. ( S. Rinnen,) welche das Hülfswort seyn erfordert, und von flüssigen Körpern gebraucht wird, wenn sie den größten Theil ihrer Flüssigkeit verlieren und einen zusammen hangenden Körper bilden. Das Blut ist geronnen, Geronnenes Blut. Geronnene Milch, wo sich die Käsetheile von den Molken abgesondert haben; im Oberd. Schlocken. Das Baumöhl gerinnet in der Kälte.

Anm. Schon bey dem Notker kerinnan, Schwed. ränna. Statt dieses Wortes gebraucht man auch im Hochdeutschen das einfache rinnen, ingleichen geliefern, liefern, gestehen, sich schütten, sich hacken, besonders von der Milch, und im Nieders. schichten, stollen, stallen, risen, schreuen, käsen, kellern u. s. f.


Gerinnhaue (W3) [Adelung]


Die Gerinnhaue, plur. die -n, im Bergbaue, eine eiserne Haue, die Gerinne zu den Pochwerken damit auszuhauen.


Gerinnsenkel (W3) [Adelung]


Der Gerinnsenkel, des -s, plur. ut nom. sing. eben daselbst, Senkel oder kleine Haspen, womit die Gerinne zusammen geschlagen werden.


Gerinnstein (W3) [Adelung]


Der Gerinnstein, des -es, plur. von mehrern Arten oder Quantitäten, die -e, eben daselbst, die beste Art des Zinnsteines, weil er sich im Pochen an das Gerinne ansetzet; zum Unterschiede von dem Fasenwerke oder Pochmehle, und Sumpfwerke oder Schlamme.


Gerippe (W3) [Adelung]


Das Gerippe, des -es, plur. ut nom. sing. die sämmtlichen zusammen hangenden Knochen eines thierischen Körpers, ohne Fleisch und Adern; nach einem Griech. und Lat. Worte ein Skelett. Das Gerippe eines Menschen, eines Thieres. Figürlich, von einer magern Person, an welcher man nichts wie Haut und Knochen gewahr wird. Ingleichen von leblosen Maschinen, die zusammen gefügten Haupttheile ohne äußere Bekleidung. Das Gerippe eines Schiffes, welches gemeiniglich der Sarter genannt wird, S. dieses Wort. Nach einer noch weitern Figur, die Haupttheile einer Rede, eines Vortrages, einer Schrift u. s. f. ohne Schmuck und Annehmlichkeit.

Anm. Von Ribbe, Rippe. Im Nieders. heißt ein Gerippe Riff, Reff, im Holländ. Rif. S. Skelett.


Gerippt (W3) [Adelung]


Gerippt, adj. et adv. mit Rippen und ihnen ähnlichen Erhöhungen versehen.


Germ (W3) [Adelung]


Der Germ, des -es, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, die -e, ein nur im Oberdeutschen übliches Wort, die Hefen auszudrucken, wo auch germen gähren, und germig Hefen habend bezeichnet. S. Gähren, von welchem Zeitworte es abstammet. Im Nieders. ist dafür Bärme üblich, siehe dasselbe.


Germanien (W3) [Adelung]


Germanien, genit. -s, plur. car. aus dem Lateinischen. 1) Deutschland, in welcher Bedeutung man es aber außer der dichterischen und höhern Schreibart entrathen kann. 2) In weiterer Bedeutung, als ein Collectivum, alle diejenigen Länder zu bezeichnen, welche von Deutschen und den mit ihnen verwandten Völkern bewohnet werden, besonders wenn von ältern Zeiten die Rede ist; so daß auch ganz Scandinavien und die Schweiz mit dahin gerechnet wird. Daher der German, des -s, plur. die -en, oder der Germanier, des -s, plur. ut nom. sing. einer aus diesem Lande; Germanisch, aus diesem Lande gebürtig, daselbst einheimisch, in demselben gegründet. Das Germanische Recht, welches das Salische, Longobardische u. s. f. in sich begreift, und wovon das Deutsche nur eine Art ist.


Gern (W3) [Adelung]


Gern, adv. mit überwiegender oder herrschender Luft, mit Vergnügen. 1. Eigentlich. Jemanden gern sehen. Ein Gericht gern essen. Sich gern loben hören. Etwas gern haben, es mit Lust empfinden. Nicht gern arbeiten. Den Armen gern geben. Das wird er gern geschehen lassen. Herzlich gern, von Herzen gern. Er schiebt für sein Leben gern Kegel. Er wäre gar zu gern hier. Ich bleibe gar zu gern in meiner Gelassenheit, Orgon beym Gellert. Ich will gern sehen, wie es ablaufen wird, ich bin begierig, es zu sehen, Gell. Ich möchte gern, daß sie ein Paar würden ebend. Nicht gar gern. 2. Figürlich. 1) Von leblosen Dingen. Es wollte gern regnen, aber es kann nicht. Das Holz wird gern wurmig. Dieses Gewächs hat gern trockne Erde, wächst gern im feuchten Boden. 2) Für willig, ohne eben den Begriff der herrschenden Luft auszudrucken. Ich glaube gern, daß es nur 50 Thaler kostet. Wenn ich wüßte, daß sie schlummerte, wollte ich sie gern nicht stören. Das Pferd läßt nicht gern aufsitzen. Ja Phillis, daß du schöner bist, Gesteh' ich dir gar gerne zu, Weiße. Nach einer noch weitern Figur zuweilen auch von leblosen Dingen, für leicht; im Gegensatze des gedränge. Joab hatte ein Schwert, das ging gern aus und ein, 2 Sam. 20, 8. 3) Für gewöhnlich, gemeiniglich. Junge Leute werden gern betrogen. Er pflegt alles gern zu tadeln. Stille Wasser sind gern tief. Ich pflege gern um acht Uhr zu Bette zu gehen. Die besten Schwimmer ertrinken gern. 4) Mit Fleiß, mit Vorsatz. Ich habe es nicht gern gethan. Bey dem Kero und in der Monseeischen Glosse kommt auch das Hauptwort Kerni für Fleiß vor.

Anm. Dieses Wort lautet bey dem Kero cernlihho, im 9ten Jahrhund. gerno, bey dem Ottfried und Willeram gerno, im Theuerdanke geren, im Dän. glären, im Angels. corn, im Schwed. gerna, im Isländ. girnt. Im Tatian bedeutet gerniliho, und im Schwabensp. gern auch sorgfältig. Es stammet von gehren, begehren, ab, welches im Ulphilas gairnan und im Angels. geornan lautet; S. Begehren. Ehedem hatte man im Oberdeutschen auch den Comparat. gerner, und Superlat. am gernsten. Ich sehe sie iemer gerner an, Herrman von der Vogelweide. Gernoste, Notk. Im gemeinen Leben sind sie noch nicht ganz veraltet, ob man gleich im Hochdeutschen lieber und am liebsten dafür angenommen hat. Für sehr gern sagt man im Nieders. auch blootgeern, blootsken geern. Da e am Ende, gerne, hat keinen Grund für sich. Im gemeinen Leben und der vertraulichen Sprechart macht man mit diesem Worte allerley Zusammensetzungen, eine überwiegende Neigung zu etwas anzudeuten, da es denn bald hinten, bald aber auch vorn gesetzet wird. Ein Tadelgern, Trinkgern, Habegern, Zankgern, Spielgern u. s. f. der gern tadelt, trinkt u. s. f. Ingleichen ein Gerngroß, Gernwitz, Gernklug, Gerngelehrt u. s. f. der gern für groß, witzig, klug, gelehrt gehalten werden möchte; welche Wörter aber insgesammt keine Declinationen leiden. Christen, welche ihren Zweifeln in der Religion nach Herzenslust nachhängen, nennt Klopstock Gerntäuscher. Diese Zusammensetzungen sind schon alt. Lobogerni ist im Notker und Lofgern im Angels. einer, der sich gerne loben höret; Maingiarn, in der Herwarar Saga, der gern betriegt; Hohgerner, bey dem Petz, der nach hohen Dingen trachtet u. s. f.


Gerolf (W3) [Adelung]


Der Gerolf, des -es, plur. die -e, S. Kirschvogel.


Geröne (W3) [Adelung]


Das Geröne, des -s, plur. inus. bey den Winzern, besonders in Franken, der ganze Umfang der Wurzeln des Weinstockes, besonders die obersten Seitenwurzeln, welche auch die Röhne oder Rönne genannt werden. Frisch schreibt dieses Wort Geröhne, und glaubt, daß es so viel als Rinne oder Gerinne sey, erkläret es aber unrichtig von der untersten dicken Wurzel. Vielleicht stammt es von rennen ab, weil man von den Seitenwurzeln auch zu sagen pfleget, daß sie laufen oder auslaufen; da denn dieses Wort richtiger das Gerenne geschrieben werden müßte.


Gersch (W3) [Adelung]


Der Gersch, des -es, plur. inus. in einigen Gegenden, eine Pflanze, welche an den Zäunen und in den Obstgarten wild wächset, und im Frühlinge als ein Gemüse gegessen wird; Aegopodium L. Im gemeinen Leben auch Giersch. im Nieders. Geerseln, welches aber auch eine Art kleiner Fische bedeutet, im Dithmars. Heers, im Hollstein. Jörs, im Brem. Giesseln, in andern Gegenden auch Strensel und Geißfuß. Einige Kräuterkenner nennen sie im Lat. Herba S. Gerhardi, woraus der Deutsche Nahme verunstaltet zu seyn scheinet. Im Angels. ist Gaers, und im Holländ. Gaars, Gras.


Gerschwalbe (W3) [Adelung]


Die Gerschwalbe, S. Mauerschwalbe.


Gerstammer (W3) [Adelung]


Die Gerstammer, plur. die -n, ein Nahme der Goldammer, weil sie sich von der Gerste zu nähren pfleget, S. Goldammer.


Gerste (W3) [Adelung]


Die Gerste, plur. car. eine Art Getreide, welche einen blaßgelben eckigen Samen bringet; Hordeum L. Ihr eigentliches Vaterland ist unbekannt; vermuthlich ist es Ägypten. Die vierzeilige oder gemeine Gerste, Hordeum vulgare L. eine Sommergerste mit langen schmalen Ähren und kleinen Körnern. Sie wird vorzüglich in bergigen Gegenden gebauet, und ist eigentlich sechszeilig. Die zweyzeilige Gerste, Hordeum distichum L. hat eine lange Ähre mit zwey Reihen großer Körner, daher sie auch die große Gerste genannt wird. Bartgerste, Blattgerste, Davidskorn, Sommergerste, Wintergerste. Der Same oder die Frucht dieses Gewächses heißt gleichfalls Gerste, im gemeinen Leben aber auch häufig Gersten, doch ohne Artikel, Gersten säen; welche Form, wo das Wort eigentlich männlichen Geschlechtes ist, auch in den meisten Zusammensetzungen beybehalten wird. Im Oberdeutschen werden Gerstengraupen nur schlechthin Gerste genannt.

Anm. Im Nieders. Garste, Gaste, im Holländ. Gheerste, im Angels. Gerst, im Böhm. Gecmen; womit auch das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, ingleichen der Nahme der Ceres, und vielleicht auch das Deutsche Gras überein kommt, welches im Angels. so wohl Graes als Gaers, und im Holländ. Gaars lautet.


Gersten (W3) [Adelung]


Der Gersten, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Gegenden, ein Gericht von Mehl, Eyern und Milch, welches in der Pfanne gebacken wird, und wozu arme Leute nur Gerstenmehl zu nehmen pflegen, woher es den Nahmen zu haben scheinet. Es wird auch Gersting, in der Lausitz und Meißen Getzen, und im Wendischen Jezcmen genannt.


Gersten (W3) [Adelung]


* Gersten, adj. et adv. von der Gerste, ein nur im Oberdeutschen übliches Wort. Gerstenes Mehl, Gerstenmehl. Gerstene Kleye, Gerstenkleye.


Gerstenacker (W3) [Adelung]


Der Gerstenacker, des -s, plur. die -äcker, ein Acker, auf welchem Gerste gebauet wird, oder gebauet werden soll.


Gerstenbier (W3) [Adelung]


Das Gerstenbier, des -es, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, die -e, ein aus Gerstenmalze bereitetes Bier, zum Unterschiede von dem Weitzenbiere.


Gerstenbrot (W3) [Adelung]


Das Gerstenbrot, des -es, plur. von mehrern geformten Broten, die -e, Brot, welches aus Gerstenmehl gebacken worden; bey dem Ottfried gerstinu Brot.


Gerstendieb (W3) [Adelung]


Der Gerstendieb, des -es, plur. die -e, im gemeinen Leben eine Benennung des Baum- oder Waldsperlinges, Passer arboreus L. weil er der Gerste nachstellet, daher er auch Felddieb genannt wird.


Gerstengraupe (W3) [Adelung]


Die Gerstengraupe, plur. die -n, aus der Gerste gestampfte Graupen, zum Unterschiede von den Weitzengraupen.


Gerstengrütze (W3) [Adelung]


Die Gerstengrütze, plur. inus. Grütze, welche aus der Gerste bereitet worden, zum Unterschiede von der Hafergrütze u. s. f.


Gerstenkorn (W3) [Adelung]


Das Gerstenkorn, des -es, plur. die -körner. 1) Eigentlich, ein Samenkorn von der Gerste, welches im gemeinen Leben auch häufig zur Bezeichnung eines der kleinsten Längenmaße so wohl als Gewichte gebraucht wird. Im ersten Fall ist es der zehnte oder zwölfte Theil eines Zolles, welcher am häufigsten eine Linie heißt; im letztern aber der zwanzigste Theil eines Scrupels, welcher unter dem Nahmen eines Granes am bekanntesten ist. 2) Figürlich, wegen einiger Ähnlichkeit in der Gestalt, eine kleine Geschwulst an dem Augenliede, welches aus einer Verdickung Stockung des in den Drüsen des Augenliedes abzusondernden Saftes entstehet; Crithe, im mittlern Lateine Hordeolus. Ist es größer, so heißt es ein Hagelkorn. Bey den Schweinen ist es eine weiße Blatter in der Größe einer Erbse, welche ihnen im Maule wächset, oft tödtlich ist, und auch das Rankkorn genannt wird.


Gerstenkrieche (W3) [Adelung]


Die Gerstenkrieche, oder Gerstenpflaume, plur. die -n, eine Art Kriechen oder Pflaumen, welche um die Gerstenernte reif werden.


Gerstenkuchen (W3) [Adelung]


Der Gerstenkuchen, des -s, plur. ut nom. sing. ein aus Gerstenmehle gebackener Kuchen. Gerstenkuchen sollt du essen, Ezech. 4, 12.


Gerstenmehl (W3) [Adelung]


Das Gerstenmehl, des -es, plur. inus. aus der Gerste gemahlnes Mehl.


Gerstenmutter (W3) [Adelung]


Die Gerstenmutter, plur. die -mütter, im gemeinen Leben ausgeartete Gerstenkörner, welche man bey dem Rocken Mutterkörner zu nennen pflegt. S. Mutterkorn.


Gerstenpflaume (W3) [Adelung]


Die Gerstenpflaume, S. Gerstenkrieche.


Gerstensaft (W3) [Adelung]


Der Gerstensaft, des -es, plur. car. in der dichterischen Schreibart, eine Benennung des Bieres.


Gerstenschleim (W3) [Adelung]


Der Gerstenschleim, des -es, plur. inus. die dicke schleimige Brühe, welche von gekochter Gerste oder Gerstenkraupen erhalten, und kranken Personen verordnet wird. Ist die dünner, so wird sie Gerstentrank, oder auch Gerstenwasser genannt; siehe Ptisane.


Gerstenstroh (W3) [Adelung]


Das Gerstenstroh, des -es, plur. car. das Stroh von der ausgedroschenen Gerste.


Gerstentrank (W3) [Adelung]


Der Gerstentrank, des -es, plur. inus. das Gerstenwasser des -s, plur. inus. S. Gerstenschleim.


Gerstenwurm (W3) [Adelung]


Der Gerstenwurm, des -es, plur. die -würmer. 1) Eine Benennung der Erdgrille, weil sie den Gerstenäckern schädlich zu seyn pfleget. S. Engerling und Erdgrille. 2) Der Ährenwurm, wenn er sich in der Gerste aufhält. S. Ährenwurm.


Gerstenzucker (W3) [Adelung]


Der Gerstenzucker, des -s, plur. inus. in den Apotheken, geläuterter Zucker, welcher mit Gerstenwasser so lange gesotten wird, bis er zähe und dick wird, worauf er in den Händen zu Stangen gedrehet, und wider den Husten gebraucht wird; Alphanicum.


Gersting (W3) [Adelung]


Der Gersting, S. der Gersten.


Gerte (W3) [Adelung]


Die Gerte, plur. die -n, Diminut das Gertchen, Oberd. Gertlein, ein schwanker dünner Zweig, so wie man sich dessen statt einer Peitsche bedienet. 1) Eigentlich, in welchem Verstande es im Oberdeutschen am üblichsten ist, im Hochdeutschen aber nur zuweilen in der Büchersprache gebraucht wird. Doch nennt man auch hier eine Spießgerte, diejenige Ruthe, deren sich die Reiter bedienen, und welche im Kriegswesen zur Züchtigung strafbarer Soldaten eine Spießruthe heißt. Auch ein Bündel zartes Birkenreisigs zur Züchtigung der Kinder, eine Ruthe, führet im Oberdeutschen den Nahmen einer Gerte. 2) Figürlich, in der Landwirthschaft einiger Gegenden, z. B. in Thüringen und Meißen, ein Längenmaß, welches so viel als eine Ruthe ist. Eine Dreygerte ist in Thüringen ein Acker von unbestimmter Länge, welcher drey Gerten oder Ruthen breit ist; im Gegensatze eines Strichels und Sottels. Dahin gehöret auch das. Meklenburgische Jahrte, einen Acker von unbestimmter Länge zu bezeichnen, welcher vier starke Schwad breit ist.

Anm. In der ersten Bedeutung lautet dieses Wort bey dem Kero und Notker Kerta, in den Baierischen Gesetzen Chartea, bey dem Ottfried Gertu, Garde, Gurda, im Isidor Gardea, bey dem Willeram Gerta, im Angels. Gerd, Gyrd, im Holländ. Garde, im Engl. Yard. Im Oberdeutschen bedeutet es auch theils eine Stange, theils einen Stachel, und ist alsdann in einigen Gegenden männlichen Geschlechtes, der Gart. Vuider garte spornonne, wider den Stachel lecken, Notker. Bruder Eberhard von Sax, ein Dichter des Schwäbischen Zeitalters, nennet den Zepter des Königs Ahasverus eine Gerte; bey dem Ottfried sind Palmono gertun Palmzweige, und Notker gebraucht gerten für züchtigen. Die nähere Abstammung dieses Wortes ist bey dessen hohem Alter ungewiß; indessen scheinet es zu Garten, Gurt, Gehr und Gehren, ein Spieß, Keil, u. s. f. zu gehören. Schon im Griech. bedeutete - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - einen Pfahl, im Mittlern Lat. Carratium, Franz. Eschara, und Eschalas, und im Dän. ist Giärde ein Zaun, und geärde, zäunen. Einige schreiben es Garte, welches sich mit einigen alten Schreibarten und verwandten Worten rechtfertigen lässet; allein das e hat eben so viele Beyspiele und über dieß noch den beständigen Hochdeutschen Gebrauch für sich.


Gertraud (W3) [Adelung]


Gertraud, ein eigenthümlicher Nahme des weiblichen Geschlechtes, welcher aus ger, gern, begierig, und traut zusammen gesetzet ist, und im gemeinen Leben in Traut, Trautchen, Nieders. Gedruud, Druutje, Drudke, in der Ober-Pfalz Göya, verkürzet wird. S. Traut.


Gertrautsvogel (W3) [Adelung]


Der Gertrautsvogel, des -s, plur. die -vögel, S. Unglücksvogel.


Geruch (W3) [Adelung]


Der Geruch, des -es, plur. die Geruche, von dem Zeitworte riechen. 1. Subjective, das sinnliche Vermögen zu riechen, und die dadurch verursachte Empfindung; ohne Plural. Reinen Geruch haben. Einen scharfen Geruch haben. Die Werkzeuge des Geruches. 2. Objective, die Ausdünstungen aus den Körpern, so fern sie durch die Werkzeuge des Geruches empfunden werden. 1) Eigentlich. Einen angenehmen Geruch haben, von sich geben. Im gemeinen Leben hat es auch in dieser Bedeutung keinen Plural, der aber in der edlen und dichterischen Schreibart sehr häufig gebraucht wird. Wie wenn der Lenz Gerüche aus Rosenbüschen haucht, Schleg. Hier kühl' ich meine Flügel im Rosenthau und sammle liebliche Gerüche, Geßn. Dann werden sie unter lieblichen Gerüchen erwachen, ebend. Alle Liebesgötter verbreiten von den Blumen alle süße Gerüche über unsere Häupter, Weiße. S. Wohlgeruch. 2) Figürlich, doch nur in der Deutschen Bibel; theils von einer starken Empfindung, wie 2 Cor. 2, 15, 16; theils aber auch von dem Rufe oder Gerüchte, wie 2 Mos. 5, 21: Ihr habt unsern guten Geruch stinkend gemacht. So auch Philipp. 4, 18, und Ephes. 5, 2. Im Geruche der Heiligkeit sterben, im Rufe; in der Römischen Kirche.

Anm. Im Nieders. Rök, Röke, im Holländ. Reuk, bey dem Notker Ruoche, bey dem Opitz, Hans Sachs, Günther und andern auch nur Ruch, im Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . Bey andern Oberdeutschen ist dafür Schmack und Geschmack, im Nieders. auch Snöfe und Versnuf, und bey den Jägern auch Witterung üblich.


Geruchlos (W3) [Adelung]


Geruchlos, -er, -este, adj. et adv. keinen Geruch habend. 1) Kein Vermögen zu riechen habend. Eine geruchlose Nase. Noch mehr aber, 2) keine solche Ausflüsse von sich gebend, welche durch den Geruch empfunden werden könnten. Geruchlose Blumen, Geßn.


Geruchsnerve (W3) [Adelung]


Der Geruchsnerve, des -n, plur. die -n, Nerven, welche aus dem Gehirne durch die Löcher des siebförmigen Beines gehen und sich in den Häuten der Nasenlöcher endigen, wo sie die Empfindung des Geruches verursachen; Nervi olfactorii.


Gerücht (W3) [Adelung]


Das Gerücht, des -es, plur. die -e. 1) Eine entfernte Nachricht von einer Neuigkeit, besonders wenn sie unter vielen mündlich fortgepflanzt wird. Es gehet ein Gerücht, daß das Türkische Heer geschlagen worden. Ein Gerücht ausbreiten, verbreiten, unter die Leute bringen. Das sind ungegründete Gerüchte. Gemurmel, Gerede, Gerücht und Geschrey sind bloß in der innern Stärke der fortgepflanzten mündlichen Nachricht verschieden. 2) Figürlich, das mündliche Urtheil anderer von den Vorzügen eines Menschen; ohne Plural. Ein gutes Gerücht haben, einen guten Nahmen, in einem guten Rufe stehen. Ein böses Gerücht haben. Jemanden in ein böses Gerücht bringen.

Anm. Im Nieders. Ruchte, im Holländ. Rucht, im Schwed. Rykte. Ihre leitet es von rügen, mündlich fortpflanzen, her; allein, es ist wohl unläugbar, daß es, Wachters Ableitung zu Folge, von Ruf und rufen abstammet, weil die Verwechselung der Blase- und Hauchlaute etwas sehr gewöhnliches ist, man auch in den mittlern Zeiten ohne Unterschied Gerüft und Gerücht findet. In den Bremischen Statuten bedeutet Rucht ein Geräusch, Geruchte aber so wohl ein Feuergeschrey, als auch das Zetergeschrey, welches im Oberdeutschen das Gerüft genannt wurde. Sonst war für Fama, Gerücht, im Oberdeutschen auch die Gech, von jahen, sagen, die Mähre, bey dem Ottfried Maru, ingleichen Murmelung, gleichsam Gemurmel, üblich. S. Ruchtbar und Ruf.


Gerufe (W3) [Adelung]


Das Gerufe, des -s, plur. car. ein mehrmahliges ober anhaltendes Rufen.


Geruhen (W3) [Adelung]


Geruhen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und eigentlich besorgen, die Sorge einer Sache über sich nehmen, bedeutet, aber jetzt nur noch von sehr vornehmen, besonders fürstlichen Personen gebraucht wird, für gnädigst belieben, sich gnädigst gefallen lassen. Ew. Königliche Majestät geruhen, sich unterthänigst vortragen zu lassen, u. s. f. Se. Fürstl. Durchlaucht haben diese Stelle noch nicht wieder zu besetzen geruhet.

Anm. Im Oberdeutschen hatte dieses Wort ehedem den härtern Hauchlaut ch, geruchen, und ohne Vorsylbe ruchen. Si ne ruochet mih niht ane sehen, Hermann von der Vogelweide. Ob ir der pfaffen ere iht geruochet, ob ihr dadurch für die Ehre der Pfaffen sorget, ein anderer der Schwäbischen Dichter. Daß es ehedem auch wollen bedeutet haben müsse, erhellet aus dem Gegensatze neruokan, welches bey dem Notker für nicht wollen vorkommt. Im Schwed. und Isländ. ist reka, und im Angels. reccan, gleichfalls besorgen. Das Stammwort ist das alte Ruacha, Sorge. S. Ruchlos und Verrucht. Ein anderes Wort ist das nur im Oberd. übliche geruhen, quiescere, welches das mit dem ge verlängerte Zeitwort ruhen ist.


Geruhig (W3) [Adelung]


Geruhig, -er, -ste, adj. et adv. welches das mit der hier sehr unnöthigen Vorsylbe ge verlängerte Wort ruhig ist, und auch im Hochdeutschen nicht selten gebraucht wird. Geruhig schlafen, für ruhig. Sollte mein geruhiges Auge ihre Verzweifelung ansehen können? Ein geruhiges Leben, 1 Tim. 2, 2. Nieders. gerustig. S. Ruhig.


Geruhsam (W3) [Adelung]


Geruhsam, -er, -ste, adj. et adv. der Ruhe gemäß, auf eine ruhige Art, welches nur zuweilen im gemeinen Leben gehöret wird, besonders bey der Anwünschung einer geruhsamen Nacht, wo es aber einmahl am rechten Orte stehet, indem es eigentlich eine geruhige oder ruhige Nacht heißen sollte. Nieders. rausam, gerausam.


Gerülle (W3) [Adelung]


Das Gerülle, des -s, plur. inus. überhaupt ein Haufen lockerer Dinge, welche theils als ein Abgang von andern Dingen abrollen, theils diesen einiger Maßen gleichen. So wird der Abgang von den Garben in den Scheuern in Meißen das Gerülle genannt. In den Eislebischen Fundgruben führet diesen Nahmen ein lockeres Gebirge, welches immer nachfällt, und in dem Meißnischen Erzgebirge gerölliges Gestein, ingleichen Kollert genannt wird. In einem figürlichen Verstande macht das Erz im Bergbaue ein Gerülle, wenn viele Gänge zusammen und unter einander fallen, so daß man ihr Streichen und ihre Sahlbänder nicht von einander unterscheiden kann; welches aus der dem gemeinen Manne so natürlichen Neigung zu reimen, auch wohl ein Gerülle und Gebrülle genannt wird. Eine Menge unnützen Hausgeräthes heißt zuweilen auch Gerülle. S. Gerümpel. Das Stammwort ist Rollen.


Gerumpel (W3) [Adelung]


Das Gerumpel, des -s, plur. inus. ein anhaltendes oder wiederhohltes Rumpeln. S. dasselbe.


Gerümpel (W3) [Adelung]


Das Gerümpel, des -s, plur. inus. schlechtes und verdorbenes. Haus- oder anderes Geräth, als ein Collectivum. Im Oberd. Grempel, Grümpelwerk, Rümpel, im Nieders. Rummel. Daher die Gerümpelkammer, Oberd. Grempelkammer, und der Gerümpelkasten, Oberd. Grempelkasten, wo man solches Gerümpel verwahrt; der Grempelmarkt, im Oberd. wo altes Geräth verkauft wird; der Grempelmann, das Grempelweib, welche damit handeln. Von rumpeln, eine Nachahmung des Lautes, welchen dergleichen Geräth verursacht, wenn es bewegt wird. Im mittlern Lat. ist Rumbula ein Trödelweib.


Gerüst (W3) [Adelung]


Gerüst, adj. et adv. S. Rüsten.


Gerüst (W3) [Adelung]


Das Gerüst, des -es, plur. die -e, Diminut. das Gerüstchen, ein auf eine Zeit lang aufgeführtes Bauwerk von Holz, allerley Arbeiten auf demselben vorzunehmen. Dergleichen sind die Gerüste der Mäurer, Gebäude aufzuführen oder auszubessern, der Mahler, die Decke in Kirchen und Pallästen zu mahlen, die Gerüste, welche man zum Behuf der Zuschauer bey feyerlichen Vorfällen bauet u. s. f. Daher das Leichengerüst, Castrum doloris, das Blutgerüst, Franz. Echaffaud, und andere mehr. Von dem Zeitworte rüsten, S. dasselbe. Bey dem Willeram bedeutet Gerüste Werkzeug, Waffen, bey dem Ottfried aber ist Sterrono girusti die Stellung der Sterne.


Gesacken (W3) [Adelung]


Gesacken, S. Sacken.


Gesage (W3) [Adelung]


Das Gesage, des -s, plur. car. ein mehrmahliges oder wiederholtes Sagen, im gemeinen Leben. Über das Gesage geht mehr Zeit hin, als wir verschlafen. Ingleichen, aber auch nur im gemeinen Leben, für Gerede, Gerücht. Es gehet das Gesage, daß u. s. f. Im Oberdeutschen auch für Befehl, Commando, Gewalt. Das höchste oder oberste Gesage, die höchste Gewalt. S. Sagen.


Gesäge (W3) [Adelung]


Das Gesäge, des -es, plur. car. das Sägen, besonders ein anhaltendes oder wiederhohltes Sägen.


Gesäme (W3) [Adelung]


Das Gesäme, des -s, plur. inus. oder die Gesäme, sing. inus. mehrere Arten von Samen, als ein Collectivum, Sämerey. Mit Gesäme oder Gesämen handeln.


Gesammt (W3) [Adelung]


Gesammt, adj. alle Theile eines Ganzen, alle Dinge einer Art zusammen genommen. 1) Eigentlich. Mit gesämmter Macht, mit der ganzen Macht. Mit gesammter Hand, mit vereinigten Kräften. Der gesammte Rath. Die gesammten Einwohner. Der gesammte Gott, das göttliche Wesen mit allen seinen Vollkommenheiten. Seine Pflichten nach ihrem gesammten Umfange erfüllen. Sein gesammtes Verhalten nach der Vorschrift des Gesetzes einrichten. Die gesammten Leben, welche die Unterthanen an einigen Orten der Gerichtsobrigkeit in Sterbefällen entrichten, daher sie auch die Sterbelehen heißen; im Gegensatze der sonderbaren oder Erblehen, und der Kauflehen oder Annehmelehen. Ingleichen als ein Nebenwort, doch nur mit dem Vorworte in. Sie alle ins gesammt. Die Einwohner wurden ins gesammt straffällig gefunden; welches einige als Ein Wort insgesammt schreiben. 2) Zu einer gewissen Absicht vereinigt, gemeinschaftlich; doch nur in einigen Fällen. Die gesammte Hand, im Lebenswesen, der Zustand, die Eigenschaft, da mehrere zugleich mit einem und eben demselben Leben belehnet werden; die Mitbelehnschaft; da denn dergleichen Mitbelehnten auch wohl die Gesammthänder genannt werden. So auch in den meisten der folgenden Zusammensetzungen. Anm. Dieses Wort ist eigentlich das Mittelwort des veralteten Zeitwortes gesammen, zusammen nehmen, versammeln, welches bey dem Ottfried vorkommt, wo es gisammanon lautet. Eben derselbe gebraucht gisamane und gisemotin für gesammt. S. Allesammt, Sammt, Sämmtlich und Sammeln.


Gesammtamt (W3) [Adelung]


Das Gesammtamt, oder Sammtamt, des -es, plur. die -ämter, ein Amt, welches mehrere gemeinschaftlich besitzen, ein gemeinschaftliches Amt.


Gesammtbelehnung (W3) [Adelung]


Die Gesammtbelehnung, oder Sammtbelehnung, plur. die -en, diejenige Belehnung, wo mehrere mit einem und eben demselben Dinge gemeinschaftlich belehnet werden; die Mitbelehnung.


Gesammtgebrauch (W3) [Adelung]


Der Gesammtgebrauch, oder Sammtgebrauch, des -es, plur. inus. in einigen Gegenden, der gemeinschaftliche Gebrauch; Usus simultaneus.


Gesammtgeleit (W3) [Adelung]


Das Gesammtgeleit, oder Sammtgeleit, des -es, plur. die -e, ein Geleit, welches mehrere gemeinschaftlich besitzen.


Gesammtgut (W3) [Adelung]


Das Gesammtgut, oder Sammtgut, des -es, plur. die -güter, ein Gut, welches mehrern, besonders von Einem Geschlechte, gemeinschaftlich gehöret.


Gesammthänder (W3) [Adelung]


Der Gesammthänder, oder Sammthänder, des -s, plur. ut nom. sing. S. Gesammt 2.


Gesammtkauf (W3) [Adelung]


Der Gesammtkauf, oder Sammtkauf, des -es, plur. die -käufe. 1) Ein Kauf, wo mehrere eine Sache gemeinschaftlich kaufen. 2) Ein Kauf, wo man eine Waare überhaupt, oder im Ganzen kaufet; der Sammtkauf, welchen Frisch ohne Roth von dem Sammtkaufe unterscheidet.


Gesammtlehen (W3) [Adelung]


Das Gesammtlehen, oder Sammtlehen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Leben, welches mehrern, oder einem ganzen Geschlechte gemeinschaftlich gehöret.


Gesammtrath (W3) [Adelung]


Der Gesammtrath, oder Sammtrath, des -es, plur. die -räthe, ein Raths-Collegium, welches von mehrern gemeinschaftlich ernannt wird; ingleichen ein einzelnes Mitglied eines solchen Collegii.


Gesammtregierung (W3) [Adelung]


Die Gesammtregierung, oder Sammtregierung, plur. inus. eine Regierung, welche von mehrern gemeinschaftlich geführet wird.


Gesammtschaft (W3) [Adelung]


Die Gesammtschaft, oder Sammtschaft, plur. die -en, in einigen Gegenden, besonders Oberdeutschlandes, alle Dinge Einer Art zusammen genommen. Die Gesammtschaft der Bürger, die gesammten oder sämmtlichen Bürger. Ingleichen eine Gesellschaft, Zunft, Innung.


Gesammtschaftlich (W3) [Adelung]


Gesammtschaftlich, adj. et adv. welches in einigen Oberdeutschen Gegenden für gemeinschaftlich üblich ist.


Gesammtschrift (W3) [Adelung]


Die Gesammtschrift, oder Sammtschrift, plur. die -en, eine Schrift, welche im Nahmen mehrerer abgefasset wird.


Gesammtstimme (W3) [Adelung]


Die Gesammtstimme, oder Sammtstimme, plur. die -n, in dem Deutschen Staatsrechte, eine Stimme auf den Reichs- und Kreistagen, woran mehrere gemeinschaftlichen Antheil haben; Votum curiatum. So hatten auf dem Reichstage zu Regensburg die gefürsteten Prälaten nach ihren zwey Classen oder Bänken zwey, die vier Grafen-Collegia aber vier Gesammtstimmen.


Gesandte (W3) [Adelung]


Der Gesandte, des -n, plur. die -n, welches eigentlich das Mittelwort des Zeitwortes senden ist, und überhaupt eine von jemanden an einen andern gesandte Person bedeutet. So heißen Luc. 7, 10 die Ältesten der Juden, welche der Hauptmann von Capernaum an Jesum schickte, Gesandte, und die Propheten und Apostel werden noch mehrmahls Gesandte Gottes genannt. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung führet diesen Nahmen nur eine Person, welche von einem Staate oder Fürsten in öffentlichen Angelegenheiten an einen andern geschickt wird; und in noch engerer Bedeutung, welche zugleich die gewöhnlichste ist, ist solches zugleich eine bestimmte Würde, welche eine solche gesandte Person von einem Ambassadeur, der mehr ist, und von einem bloßen Geschäftsträger und andern ähnlichen Personen unterscheidet; Franz. Envoye. S. Abgesandte. Ein ordentlicher Gesandter, welcher beständig an einem Hofe residiret, im Gegensatze eines außerordentlichen, welcher in einem besondern Geschäfte geschickt wird. Die Gemahlinn eines Gesandten heißt die Gesandtinn, eine solche gesandte Person weiblichen Geschlechtes aber würde eine Gesandte heißen müssen. S. Abgesandter.


Gesandtschaft (W3) [Adelung]


Die Gesandtschaft, plur. die -en. 1) Die Würde und die Pflicht eines Gesandten. Eine Gesandtschaft übernehmen. Einem eine Gesandtschaft übertragen, auftragen. Er hat drey Gesandtschaft mit vielem Ruhme verrichtet. 2) Der Gesandte selbst. Die Thur-Brandenburgische Gesandtschaft zu Regensburg. Einige Gesandtschaften äußerten hierauf u. s. f.


Gesang (W3) [Adelung]


Der Gesang, des -es, plur. die Gesänge, von dem Zeitworte singen. 1. Die Handlung des Singens, das Singen selbst; ohne Plural. 1) Eigentlich. Ich habe des Gesangs ein Ende gemacht, Es. 16, 10. Gott mit Gesange loben, 1 Macc. 4, 24. Den Gesang in der Kirche abschaffen. In dieser Bedeutung ist es im Oberdeutschen ungewissen Geschlechtes, das Gesang. 2) In engerer Bedeutung, die Kunst zu Singen. Sich auf den Gesang legen, auf die Singekunst. Den Gesang studieren. Ingleichen die Art und Weise zu singen. Der Kirchengesang, im Gegensatze des weltlichen Gesanges. Der Choral-Gesang, die Melodien der Psalmen und alten Kirchenlieder, im Gegensatze des figural-Gesanges. 3) Figürlich. Der Gesang der Vögel. Der kleinen vogelin sussen Sang, König Wenzel. Man hört es am Gesange, was für ein Vogel es ist. Luther gebraucht in dieser Bedeutung Hiob 35, 10 das ungewöhnliches das Gesänge. Nach einer noch weitern Figur in der dichterischen Schreibart auch für Klang. Ihr solls dünken, sie höre den Gesang sanfter Flöten, Getzn. Ingleichen, 4) das Dichten, die Verfertigung eines Gedichtes. Mit Sange wande ich mine Sorge krenken, Graf Rudolph von Niuwenburg. In welchem Verstande es noch zuweilen in der poetischen Schreibart gebraucht wird, S. Singen. 2. Was gesungen wird. 1) Eigentlich, ein Gedicht, welches nach einer gewissen Melodie gesungen wird, ein Lied; wo es doch nur in engerm Verstande von einem geistlichen Liede gebraucht wird; Nieders. Salm. Ein Kirchengesang, Trauergesang u. s. f. wo doch auch das Wort Lied im gemeinen Leben häufiger ist. In der engsten Bedeutung ist der Gesang, oder die Hymne, eine geistliche Ode an Gott, da sie noch von andern geistlichen Liedern unterschieden wird. 2) Ein Theil eines größern Gedichtes, anstatt des Wortes Buch oder Abschnitt. So theilen Klopfstock, Milton, Voltaire und andere ihre großen zusammen hangenden Gedichte in Gesänge ab; ein Gebrauch, welchen die Italiänischen Dichter zuerst aufgebracht haben. 3. Ein Vogel, der da singet; in welcher Bedeutung doch nur die Vogelsteller den Sang- oder Lockvogel den Gesang zu nennen pflegen. Anm. Bey dem Ottfried Sang und Gizengi, im Angels. Dän. und Nieders. Sang, im Engl. und Fries. Song, im Schwed. Sang. S. Singen.


Gesangbuch (W3) [Adelung]


Das Gesangbuch, des -es, plur. die -bücher, ein Buch, welches geistliche Kirchengesänge enthält; Nieders. Salmbook.


Gesangschwalbe (W3) [Adelung]


Die Gesangschwalbe, oder Sangschwalbe, plur. die -n, eine in Martinique befindliche Art Schwalben, welche an Größe unseren Bauerschwalben, am Gesange aber einer Lerche gleich; Hirundo cantu alaudam referens Klein.


Gesangvogel (W3) [Adelung]


Der Gesangvogel, oder Sangvogel, des -s, plur. die -vögel, eine allgemeine Benennung aller derjenigen Vögel, welche sich durch ihren Gesang von andern Vögeln unterscheiden, und insgesamt einen kegelförmigen zugespitzten Schnabel haben, und welche man auch Singvögel, im Latein. ber Passeres in der weitesten Bedeutung, zu nennen pfleget.


Gesangweise (W3) [Adelung]


Die Gesangweise, plur. die -n, die Weise, d. i. die Melodie eines Gesanges, im Oberdeutschen und gemeinen Leben. S. Weise.


Gesangsweise (W3) [Adelung]


Gesangsweise, adv. nach Art eines Gesanges.


Gefäß (W3) [Adelung]


Das Gefäß, des -es, plur. die -e, von dem Zeitwort sitzen, der Ort, auf welchem man sitzet. 1) Derjenige Theil des menschlichen Körpers, worauf man sitzet, in der anständigen Sprechart; welcher sonst auch der Hintere, der Arsch, genannt wird. Figürlich führet auch der unterste Theil der Gränzsteine, worauf der Stein ruhet, diesen Nahmen. 2) Derjenige Theil eines Stuhles oder einer Bank, auf welchem man sitzet. Lehen um das Gesäß, 1 Kön. 10, 19; 2 Chron. 9, 18. 3) * Eine Wohnung, ein Sitz, und in weiterer Bedeutung auch wohl eigenthümliche Güter; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, welche indessen in den Schriften der vorigen Jahrhunderte mehrmahls vorkommt. Der ihr dazu gemeß An der gepurt und dem geseß, Theuerd. Kap. 2. Mehr Beyspiele führt Frisch v. Gäß an. 4) In der Bienenzucht einiger Gegenden, die Höhlung mitten in dem Gewirke, wo sich die Bienen am häufigsten aufhalten.


Gesäßbein (W3) [Adelung]


Das Gesäßbein, des -es, plur. die -e, in der Anatomie, das mittlere Bein, der Größe nach, unter den ungenannten Beinen, welches unter dem Hüftbeine lieget; Os ischium, mit welchem Lat. Nahmen auch das Hüftbein selbst beleget wird.


Gesäßfistel (W3) [Adelung]


Die Gesäßfistel, plur. die -n, eine Fistel, oder ein tiefes mit verschiedenen Höhlen versehenes Geschwür am Gesäße.


Gesaufe (W3) [Adelung]


Das Gesaufe, des -s, plur. inus. ein anhaltendes oder wiederhohltes Saufen.


Gesauge (W3) [Adelung]


Das Gesauge, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Jägern und in der anständigen Sprechart, das Euter der Thiere, woran die Jungen saugen.


Gesause (W3) [Adelung]


Das Gesause, des -s, plur. inus. ein anhaltendes oder wiederhohltes Sausen.


Gesäusel (W3) [Adelung]


Das Gesäusel, des -s, plur. inus. das Säuseln, besonders ein anhaltendes oder wiederhohltes Säuseln. Das Gesäusel des Windes, eines Baches.


Geschabe (W3) [Adelung]


Das Geschabe, des -s, plur. inus. ein anhaltendes oder wiederhohltes Schaben. Zuweilen auch was abgeschabet wird, das Abschabsel, Schabsel.


Geschäft (W3) [Adelung]


Das Geschäft, des -es, plur. die -e. 1) * Von dem Oberdeutschen Zeitworte schaffen, befehlen, ein Befehl, Wille, und die befohlne Sache; in welchem Verstande es gleichfalls nur im Oberdeutschen üblich ist. Das ist unsere gänzliche Meinung, Heißen und Geschäft, in einer Urkunde von 1498. Eines Geschäft ausrichten, Befehl. In eben dieser Mundart heißt daher ein letztwilliges Geschäft auch der letzte Wille, oder ein Testament, in welchem Verstande es schon im Schwabenspiegel vorkommt. S. Schaffen. 2) Von dem Zeitworte schaffen, machen, hervor bringen, alles was man macht oder wirket, was man zu thun, zu verrichten oder zu wirken hat, eine jede thätige Veränderung eines freyen vernünftigen Wesens; besonders solche, zu welchen man seines Amtes oder Berufes wegen verpflichtet ist. Seine Geschäfte verrichten, besorgen. Seinen Geschäften nachgehen. Viele Geschäfte haben. Mit Geschäften überhaupt seyn. Amtsgeschäfte, Berufsgeschäfte. Der Kaufmann gehet seinen Geschäften nach. Einem ein Geschäft auftragen. In wichtigen Geschäften gebraucht werden. Ein Geschäft auf sich nehmen, ausrichten. Ein Mann von Geschäften, der viele Geschäfte hat. Kleine häusliche Geschäfte. Der Glaube ist ein Geschäft des heiligen Geistes, wird von dem heiligen Geiste gewirket, hervor gebracht.

Anm. Schon bey dem Ottfried bedeutet Giscefti so wohl opera als auch negotium. So fern schaffen in engerer Bedeutung creare ist, wird Geschäft im Oberd. auch für Geschöpf gebraucht, in welchem Verstande schon Ottfried Giscaft sagt. S. Geschöpf.


Geschäftig (W3) [Adelung]


Geschäftig, -er, ste, adj. et adv. 1) Geschäfte verrichtend, seine Kraft zu wirken durch äußere Handlungen an den Tag legend. Die Liebe ist allezeit geschäftig. Die Eigenliebe ist bey der Freundschaft oft sehr geschäftig. Ich fand ihn unter den Büchern geschäftigt. Gott ist bey der Bekehrung des Menschen unmittelbar geschäftig. Ein geschäftiges und frohes Leben. Der geschäftige Müßiggang, wenn die Beschäftigungen durch sinnliche Lust oder Unlust bestimmet werden. 2) Herrschende Neigung besitzend, seine Kraft zu wirken durch äußere Handlungen an den Tag zu legen. Eine geschäftige Martha.

Anm. In Preußen und einigen Niedersächsischen Gegenden schäftig, wo es auch in engerer Bedeutung für geschwätzig gebraucht wird. Der Ochse ist schäftig, Sprichw. 14, 4. In andern Niedersächsichen Gegenden ist dafür hilde üblich. So fern Geschäft im Oberd. einen Befehl, ingleichen ein Testament bedeutet, ist geschäftig eben daselbst auch herrschende Neigung zu befehlen habend, und ein Geschäftiger, ein Testator.


Geschäftigkeit (W3) [Adelung]


Die Geschäftigkeit, plur. inus. die Fertigkeit, oder herrschende Neigung, seine Kraft zu wirken durch äußere Handlungen an den Tag zu legen.


Geschäftslos (W3) [Adelung]


Geschäftslos, -er, -este, adj. et adv. keine Geschäfte habend, der Geschäfte beraubt. Daher die Geschäftslosigkeit.


Geschäftsträger (W3) [Adelung]


Der Geschäftsträger, des -s, plur. ut nom. sing. ein gutes, aber am meisten im Oberdeutschen bekanntes Wort, jemanden zu bezeichnen, der eines andern, besonders eines Fürsten oder Staates Geschäfte träget, d. i. verwaltet; Franz. Charge d'affaires, auch Geschäftsführer.


Geschehen (W3) [Adelung]


Geschehen, verb. irreg. neutr. ich geschehe, du geschiehest, (geschichst,) es geschiehet, (geschicht;) Imperf. ich geschahe; Mittelw. geschehen; Imperat. geschehe. Es erfordert das Hülfswort seyn, und wird nur in der dritten Person, und hier sehr oft unpersönlich gebraucht. 1. Sich zutragen, von Veränderungen, welche ohne unsere Mitwirkung wirklich werden. 1) Widerfahren, zugefüget werden; von Dingen, welche ohne unser Zuthun an uns von außen wirklich werden, mit der dritten Endung der Person, so wohl von guten, als bösen Dingen. Wenn ihnen viel Gewalt geschicht, Hiob 35, 9. Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, Sprichw. 12, 21. Es ist dir recht geschehen, wie du es verdienet hast. Damit geschiehet mir ein Gefallen. Es ist ihm Schaden, Abbruch, Unrecht geschehen. Es soll dir nichts geschehen, nichts Übels. Es ist uns viel Gutes bey ihm geschehen. Ich wußte nicht, wie mir geschahe, als u. s. f. Es ist ihm zu viel geschehen, Unrecht. Ach, wie ist mir geschehen? was ist mir widerfahren? 2) In weiterer Bedeutung, sich zutragen, von allen Veränderungen, welche ohne unser Zuthun wirklich werden; absolnte unpersönlich. Es geschahe, wie er gesagt hatte. Das wird in Ewigkeit nicht geschehen. So etwas geschieht nicht alle Tage. Daher geschahe es, daß u. s. f. Zuweilen auch mit bestimmter Meldung der Sache, welche geschehen ist, in Gestalt eines Hauptwortes. Es ist ein Unglück geschehen. Aber nicht, es ist ein Aufruhr geschehen, es geschahe ein Windwirbel, ein Erdbeben, ein Brausen u. s. f. ungeachtet diese und ähnliche Ausdrücke häufig in der Deutschen Bibel vorkommen. 2. In engerer Bedeutung, zur Wirklichkeit gebraucht, vollendet, gethan werden, von Handlungen und thätigen Veränderungen. Dein Wille geschehe. Was er spricht, das muß geschehen. Die Sache ist bereits geschehen, ist noch nicht geschehen. Wir wollen sehen, was geschehen wird. Es soll nicht mehr geschehen. Er ist den ganzen Tag geschäftig, und es geschiehet doch nichts, es wird nichts ausgerichtet, nichts zu Wirklichkeit gebraucht. Ich muß es geschehen lassen, kann es nicht hindern. Ich pflück ihr manchen Straus, dieß läßt sie auch geschehen, Gell. Die Arbeit ist geschehen. Es ist im Zorne, aus Versehen geschehen. Zu geschehenen Sachen muß man das Beste reden. Die Zeit der geschehenen Schöpfung der Welt. Die Zueignung der geschehenen Erlösung. Die Schöpfung der Welt ist durch Gottes Allmacht geschehen. Es geschahe ein Schutz. Von wem ist das geschehen? Die Ausfälle, welche von den Belagerten geschehen sind. Die Erhaltung des menschlichen Lebens geschiehet nicht unmittelbar. Alles was von unserer Seite dagegen geschehen kann. Wenn dieser Versuch geschehen ist. Indessen kommt es auch hier oft auf den Gebrauch an, ob geschehen in manchen Fällen üblich ist, oder nicht. So sagt man im Hochdeutschen nicht, die Stimme des Herrn, oder das Wort des Herrn geschah zu ihm; es geschahe eine Weißagung, u. s. f. welche Ausdrücke doch in der Deutschen Bibel nicht selten sind. 3. Figürlich. Es ist um ihn geschehen, er ist verloren, gestorben, unglücklich geworden u. s. f. actum est de illo; in welchem Verstande die Hebräer das Zeitwort $, er ist gewesen, in Niphal gebrauchen.

Anm. Bey dem Ottfried kiskehan, bey dem Notker gischehen, im Nieders. schüen, entschüeen, im Holländ. geschieden, im Schwed, ske, im Isländ. skedur, im Lappländ. skiaddet, im Oberd. auch beschehen. Wachters Muthmaßung, daß es mit dem Lat. cadere und accidere verwandt sey, ist sehr wahrscheinlich, und wird durch die Nordischen Mundarten, welche in diesem Worte gleichfalls ein d haben, bestättiget. Die Vorsetzung des Zischlautes ist in vielen Sprachen, besonders der Deutschen, etwas sehr gewöhnliches. S. Sch. Die Franzosen haben daraus ihr escheoir gebildet. Das mittelste e wird im Hochdeutschen wie das erste, das ist wie ein Franz. eferme, ausgesprochen; dagegen einige Mundarten, z. B. die Schlesische, es wie ein ä aussprechen. Im Oberdeutschen gehet dieses Wort in einigen Gegenden regulär; es geschehete für geschah. Das ch im Präsenti und Imperfecto, es geschicht, es geschach, gehöret gleichfalls den Mundarten zu, obgleich das erstere auch im Hochdeutschen nicht selten ist. S. Geschichte.


Gescheid (W3) [Adelung]


Das "Gescheid", des -es, plur. die -e, ein Maß trockener Dinge in einigen Oberdeutschen Gegenden. Vier Gescheide machen in der Pfalz und in Frankfurt am Main einen "Sechter", acht eine "Meiste" oder "Metze", sechzehen ein "Simmer", vier und sechzig aber ein "Malter". S. "Scheide".


Gescheide (W3) [Adelung]


Das Gescheide, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Jägern, das Gedärm des Wildbretes und aller wilden Thiere; vermuthlich wegen der hohlen, einer Scheide ähnlichen Beschaffenheit.


Gescheidt (W3) [Adelung]


Gescheidt, -er, -este, adj. et adv. mit hinlänglichem Grunde versehen, und subjective, der von seinen Handlungen Grund anzugeben weiß, nichts ohne Grund thut; in der vertraulichen Sprechart, für vernünftig. Das war doch ein gescheidter Einfall. Ich glaube, sie sind nicht gescheidt. Er ist ein sehr gescheidter Mensch. Ich bin mir in dieser Sache nicht gescheidet genug. Ich kann daraus nicht gescheidt werden, nicht klug werden, kann mich darein nicht finden.

Anm. Gemeiniglich schreibt und spricht man dieses Wort gescheut; als wenn es zu dem Zeitworte scheuen gehöret. Allein Frisch hat schon gezeiget, daß es von scheiden, unterscheiden, abstammet, von welchem es das sonst ungewöhnliche reguläre Participium ist, für gescheidet, woraus zugleich die Nothwendigkeit des dt erhellet. Es scheinet nach dem Lat. discretus gebildet zu seyn, und wurde im Oberdeutschen beständig gescheid geschrieben, ungeachtet es bey unsern ältesten Schriftstellern nicht angetroffen wird. Er hat doch mer gelückes vall Dann ich gescheidigkeit überal, Theuerd. Kap. 22. Im Angels. ist Scad, Gescead, und im Schwed. Besked, Grund, Ursache. S. Scheiden und Bescheiden.


Gescheidtheit (W3) [Adelung]


Die Gescheidtheit, plur. car. der Zustand, da eine Person oder Sache gescheidet ist; in der niedrigen Sprechart Gescheidigkeit.


Geschenk (W3) [Adelung]


Das Geschenk, des -es, plur. die -e, von dem Zeitworte schenken, eine jede Sache, welche geschenkt, d. i. deren Eigenthum dem andern umsonst übertragen wird. Einem ein Geschenk machen, ihm etwas schenken. Einem mit einem Hause, einem Buche u. s. f. ein Geschenk machen. Einem ein Haus, ein Pferd zum Geschenke geben. Ich habe es als ein Geschenk bekommen. Etwas zum Geschenke bringen. Geschenke nehmen, zur Beugung des Rechtes sich durch Geschenke bestechen lassen. Die Freundschaft ist das kostbarste Geschenk des gesellschaftlichen Lebens, Gell. Bey den Handwerkern ist das Geschenk eine festgesetzte Gabe, welche den wandernden Gesellen auf der Herberge gereicht wird, da denn diejenigen Handwerke, bey welchen solches üblich ist, oder welche das Geschenk halten, geschenkte Handwerke genannt werden. S. Schenken. Im Oberdeutschen sind dafür auch das Geschanknüß oder Schankniß üblich.


Gescheut (W3) [Adelung]


Gescheut, S. Gescheidt.


Geschichte (W3) [Adelung]


Die Geschichte, plur. ut nom. sing. von dem Zeitworte geschehen. 1) Was geschehen ist, eine geschehene Sache, so wohl in weiterer Bedeutung, eine jede, so wohl thätige als leidentliche Veränderung, welche einem Dinge widerfähret, als auch in engerer und gewöhnlicherer, von verschiedenen mit einander verbundenen Veränderungen, welche zusammen genommen ein gewisses Ganzes ausmachen; wo es auch das Diminutivum das Geschichtchen, Oberd. Geschichtlein, leidet. Eine wahre Geschichte, im Gegensatze der erdichteten. In engerer Bedeutung führet nur die erstere den Rahmen der Geschichte. Nach diesem Geschichten begab sichs u. s. f. 1 Mos. 15, 1. Daß du nicht vergessest der Geschichte, die deine Augen gesehen haben, 5 Mos 4, 9. Die Geschichte des Königs Davids - sind geschrieben unter den Geschichten Samuel, 1 Chron. 30, 29. Die Geschichte des Haltens und ihres Schreyens, Esth. 9. 31. 32. Der Aussätzige - machte die Geschichte ruchtbar, Marc. 1, 45. Eine Geschichte erzählen, beschreiben. Er weiß alle Geschichten der Nachbarschaft. Die Geschichte dieses Mannes ist sehr merkwürdig, d. i. alles was sich mit ihm zugetragen hat, seine Begebenheiten. In eben diesem Verstande stehet es oft collective und ohne Plural von mehreren geschehenen Begebenheiten Einer Art. Die alte Geschichte erlernen. Wo sie oft den ganzen Umfang aller, oder doch der wichtigsten Veränderungen in der Welt und ihrer Folgen in sich begreift. 2) Die Erzählung solcher Geschichte oder geschehenen Begebenheiten; die Historie. Gellerts Geschichte des Hutes. Besonders die Erzählung ähnlicher Begebenheiten von einem gewissen Umfange. Die plitische Geschichte, Kirchengeschichte, gelehrte Geschichte. Die Geschichte des Römischen Reiches, einer Stadt, einer merkwürdigen Person u. s. f. Wo in weiterer Bedeutung auch erdichtet Begebenheiten, in engerer aber nur wahre, mit dem Nahmen der Geschichte belegt werden. In sehr uneigentlichem Verstande wird es in dem Worte Naturgeschichte gebraucht, das Verzeichniß und die Beschreibung der zu dem Naturreiche gehörigen Körper zu bezeichnen. 3) Die Kenntniß der geschehenen Begebenheiten, die Geschichtkunde; ohne Plural. Die Geschichte ist die zuverlässigste Lehrmeisterinn der Moral. Sich auf sie Geschichte legen. Die Geschichte erhält das Andenken der vergangenen Begebenheiten in der Welt.

Anm. In omnibus mundi contingentibus heißt bey den Notker in allen uuerlt geschihten. Nach dem Beyspiele anderer weiblichen Wörter auf e sollte dieses Wort im Plural die Geschichten haben, und so wird es auch in ganz Oberdeutschland richtig decliniret. Die alten Geschichten lesen, Opitz. In der Geschichten Buch, Hofmannsw. Allein im Hochdeutschen hat man den Plural von dem veralteten Neutro das Geschicht beybehalten, welches ehedem für die Geschichte üblich war, und dieser ist nunmehr wohl zu sehr eingerissen, als daß die Versuche einiger neuern Sprachlehrer denselben werden verdrängen können. In den Schauspielen des 15ten Jahrhundertes wurde der Aufzug, nach dem Muster des Latein. Actus, häufig die Geschichte genannt. Noch in der Monseeischen Glosse wird Historia durch Katatrahha, Historicus durch Katatrahhar, und Historiographus durch Katatrahhascripo übersetzt. Im Nieders. ist für Geschichte noch das einfache Schicht üblich.


Geschichtbuch (W3) [Adelung]


Das Geschichtbuch, des -es, plur. die -bücher; ein Buch, worin geschehene Begebenheiten erzählet und beschrieben werden, und welches auch nur schlechthin die Geschichte heißt.


Geschichtgelehrte (W3) [Adelung]


Der Geschichtgelehrte, des -n, plur. die -n, der von der Geschichte, oder von geschehenen Begebenheiten eine wissenschaftliche Kenntniß hat, und sich dadurch von einem bloßen Geschichtkundigen unterscheidet.


Geschichtkunde (W3) [Adelung]


Die Geschichtkunde, plur. inus. die Kunde oder Kenntniß der Geschichte, d. i. geschehener Begebenheiten; die Historie.


Geschichtkundige (W3) [Adelung]


Der Geschichtkundige, des -n, plur. die -n, der der Geschichte kundig ist; Historicus.


Geschichtmahler (W3) [Adelung]


Der Geschichtmahler, des -s, plur. ut nom. sing. ein Mahler, welcher Begebenheiten aus der Geschichte mahlet, ein Historien-Mahler; zum Unterschied von einem Porträt-Mahler, Thier-Mahler, Landschafts-Mahler u. s. f. dergleichen historische Gemählde auch von einigen Geschichtgemählde oder Geschichtsgemählde, und die Kunst und Beschäftigung selbst die Geschichtmahlerey genannt werden.


Geschichtschreiber (W3) [Adelung]


Der Geschichtschreiber, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Geschichtschreiberinn, plur. die -en, der oder die eine Geschichte schreibet oder beschreibet; Historiographus.


Geschichtwissenschaft (W3) [Adelung]


Die Geschichtwissenschaft, oder Geschichtswissenschaft, plur. inus. die Geschichtkunde, so fern sie wissenschaftlich behandelt, oder als eine Wissenschaft betrachtet wird.


Geschick (W3) [Adelung]


Das Geschick, des -es, plur. die -e, von dem Zeitworte schicken, ordnen, fügen. 1. Der Zustand einer Sache, da sie zu einer gewissen Veränderung geschickt, d. i. fähig und tüchtig ist; ohne Plural. 1) Überhaupt, in welchem Verstande im Bergbaue, die zur Erzeugung der Erze tüchtige Beschaffenheit der Erd- und Steinarten ihr Geschick genannt wird. 2) Besonders, das Verhältniß der Theile einer Sache, so wie es der jedesmahligen Absicht gemäß ist, im gemeinen Leben und der vertrauten Sprechart. Es hat weder Art noch Geschick. Belise putzt ich den ganzen Tag, und doch hat ihr Anzug nicht das gesingste Geschick. Eine Sache in das Geschick bringen. Die Rede hat weder Geschick noch Gelenk. 2. Die natürliche Fähigkeit lebendiger Geschöpfe, nach welcher sie zu gewissen Veränderungen geschickt, d. i. fähig und tüchtig sind; ohne Plural. In engerer Bedeutung, das Vermögen, eine Sache mit Leichtigkeit zu vollbringen. Ein Mensch, der vieles Geschick hat. Er hat viel Geschick zur Musik, zur Dichtkunst u. s. f. Bav hat zu keiner Sache Geschick. Ein andrer hat zwar viel Geschicke. Doch weil die Miene nichts verspricht, u. s. f. Gell. S. Geschicklichkeit. 3. Die Anordnung der menschlichen Begebenheiten in der Welt, so fern sie von einem höhern Wesen herrühren, und nicht in unserm freyen Willen gegründet sind, das Schicksal, die Schickung; auch ohne Plural. Es ist ein Geschick Gottes. Mein Geschick will es so. Er kam, ich weiß nicht durch was für ein Geschick, gerade zu rechter Zeit. Ein Mensch hat ein außerordentliches Geschick, wenn ihm außerordentliche Begebenheiten zustoßen, besonders wenn er selbst nicht der nächste Grund derselben ist. 4. Eine geschickte d. i. zu einer gewissen Absicht fähige und tüchtige Sache selbst; in welchem Verstande es doch nur im Bergbaue üblich ist, wo alle zur Erzeugung der Erze tüchtige Erd- und Steinarten, Gänge, edle Klüften u. s. f. Geschicke genannt werden. Im Niedersächs. nur Schick. Im Schwed. ist Skik so wohl Ordnung, Anordnung, als auch guter Anstand im äußern Betragen, angenehme Sitten. S. Schicken und Schicklich.


Geschicke (W3) [Adelung]


Das Geschicke, des -s, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Schicken, im gemeinen Leben; von schicken, mittere.


Geschicklich (W3) [Adelung]


* Geschicklich, adj. et adv. welches aber im Hochdeutschen veraltet, weil geschickt und schicklich dafür üblicher geworden sind.


Geschicklichkeit (W3) [Adelung]


Die Geschicklichkeit, plur. die -en, der Zustand, da eine Sache zu einer gewissen Absicht geschickt oder tüchtig ist. Er besitzt alle zu diesem Amte nöthige Geschicklichkeit. In engerm Verstande, von dem Vermögen, gewisse Dinge mit Leichtigkeit zu vollbringen. Die Geschicklichkeit des Leibes, die Fähigkeit, nöthige Bewegungen mit Leichtigkeit zu vollbringen. Die natürliche Geschicklichkeit des Verstandes. Einen Entwurf mit vieler Geschicklichkeit ausführen. Bey den Schwäbischen Dichtern Geschikeit, in dem Theuerdanke Schicklichkeit.


Geschickt (W3) [Adelung]


Geschickt, -er, -este, adj. et adv. gleichfalls von schicken, ordnen, fügen, die zur Erreichung einer Absicht nöthige Eigenschaft habend. 1) Überhaupt. Dieses Holz ist zu meiner Absicht nicht geschickt. Wo, wenn von bloß körperlichen Eigenschaften die Rede ist, doch tauglich und bequem üblicher sind. So auch, sich zum Streit geschickt machen. 2 Chron. 26, 13. Noch mehr, 2) in engerer Bedeutung, von den zu einer Sache nöthigen Eigenschaften des Geistes. Ich bin zu dieser Arbeit nicht geschickt. Sich zum Dienste der Welt geschicktmachen. Ich bin nicht geschickt, dich zu trösten. Daß wir immer besser, und zu unsrer ewigen Bestimmung geschickter werden, Gell. Geschickt, die Wege des Herrn auf dem Erdboden zu entdecken, ebend. 3) Fähigkeit besitzend, eine Sache mit Leichtigkeit zu vollbringen. Ein geschickter Arzt, ein geschickter Mahler, ein geschickter Tänzer. In Sprachen, in der Musik, im Zeichnen geschickt seyn. Ein sehr geschickter Mensch. Ingleichen, was in dieser Fähigkeit gegründet ist, dieselbe an den Tag leget. Eine geschickte Antwort. Geschickt zu antworten wissen. Eine Sache sehr geschickt beschreiben. S. Schicken und Geschick.


Geschicktheit (W3) [Adelung]


Die Geschicktheit, plur. car. der Zustand, da eine Person oder Sache geschickt ist; wofür doch Geschicklichkeit üblicher ist.


Geschiebe (W3) [Adelung]


Das Geschiebe, des -s, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, ut nom. sing. im Bergbaue, eine jede Erd- oder Steinart, welche durch eine äußere Gewalt, z. B. durch Überschwemmungen, aus ihren Wohnstätten gerissen, und an andere Orte, besonders auf und unter der Dammerde, geschoben oder zusammen geführet worden. So kommt der Jaspiß oft auf den Feldern, der Agath in den Sandgruben als Geschiebe vor. S. Geschütte. Auch Flöße, welche eine beträchtliche Länge und Breite haben, werden zuweilen ein Geschiebe genannt.


Geschlampe (W3) [Adelung]


Das Geschlampe, des -s, plur. inus. von dem Zeitworte schlampen, in den niedrigen Sprecharten, das Schlampen; ingleichen die Suppe, welche den Jagdhunden von Wasser und Brot bereitet wird, und bey den Jägern auch die Schlampe heißt. S. Schlampen.


Geschlank (W3) [Adelung]


Geschlank, -er, -este, adj. et adv. lang, dünn und biegsam. Ein geschlanker Baum. Eine geschlanke Ruthe. Ein geschlanker junger Mensch. Einen geschlanken Hals, geschlanken Leib, geschlanken Wuchs haben.

Anm. Im gemeinen Leben lautet es ohne Vorsylbe gemeiniglich nur schlank, Holländ. slank, im Engl. lank; woraus erhellet, daß es mit Schlange und schlingen, vermittelst des Zischlautes von lenken, biegen, gebildet werden. Im Oberdeutschen ist dafür auch rahn, rahnig, gerahnig, Nieders. rank, Holländ. ran, rene und rank, Engl. rank, üblich, S. Ranke und Gering.


Geschlecht (W3) [Adelung]


Das Geschlecht, des -es, plur. die -er. 1. Überhaupt, die Ähnlichkeit der verchiedenen Gattungen und Arten der Dinge, so wohl in Abstracto, als auch, und zwar am häufigsten, in Concreto, diese Gattungen und Arten mit ihren Individuis selbst, als ein Ganzes betrachtet. So ist der Ausdruck Körper die Bezeichnung eines Geschlechtes, worunter alle sichtbare Dinge nach ihren Gattungen, Arten und einzelnen Dingen geordnet werden können. Das ganze Geschlecht der Thiere. Das Geschlecht der Hunde. Art, Gattung und Geschlecht werden oft mit einander verwechselt; doch wird das letztere am beständigsten von der Ähnlichkeit der Gattungen, Gattung von der Ähnlichkeit der Arten, Art aber von der Ähnlichkeit einzelner Dinge gebraucht. Ehedem gebrauchte man Schlacht und Geschlecht häufig für Art, von der Ähnlichkeit einzelner Dinge; aller slagt, für allerley, manniger schlachte erredom, allerley Arten von Irrthümern. Und so heißt es auch noch Apost. Gesch. 17, 29: so wir denn göttliches Geschlechtes sind, wegen der in der Schöpfung erhaltenen Ähnlichkeit mit Gott; weiche Bedeutung auch in den folgenden zum Grunde lieget. 2. In einigen besondern Fällen. 1) Die Ähnlichkeit der zur Fortpflanzung bestimmten Theile und alle einander hierin ähnlichen Individua, als ein Ganzes betrachtet. Das männliche Geschlecht. Das weibliche Geschlecht, welches bey Menschen auch schöne Geschlecht, das schwächere Geschlecht und das andere Geschlecht genannt wird. Einen Erben männlichen Geschlechtes bekommen. In den Morgenländern leben beyde Geschlechter sehr abgesondert von einander. Auch unter den Pflanzen hat man in den neuen Zeiten zweyerley Geschlechte entdecket, und in der Sprachkunst gibt es dreyerley Geschlechter der Nennwörter, indem einige männlichen, andere weiblichen und noch andere ungewissen Geschlechtes, oder geschlechtslos sind. 2) Die Gleichheit des Herkommens, so wohl im Abstract, als auch die von einem gemeinschaftlichen Stammvater entsprossenen Personen selbst, als ein Ganzes betrachtet, in Concreto; eine Familie. Das menschliche Geschlecht, alle Menschen, so fern sie von Adam, ihrem gemeinschaftlichen Stammvater, abstammen. Ein gräfliches, ein adeliges, ein bürgerliches Geschlecht. Eigentlich gehören zu einem Geschlecht nur diejenigen Personen, welche erweislich von einem gemeinschaftlichen Stammvater entsprungen sind, ob man gleich auch zuweilen die Verwandten weiblicher Seite mit dahin zu rechnen pfleget. Er ist von einem guter, aus einem berühmten Geschlechte. Das Geschlecht ist ausgestorben, abgegangen. Zu nahe in das Geschlecht heirathen, in die Verwandschaft. In engerem Verstande verstehet man in einigen Reichsstädten unter dem Worte Geschlecht nur ein rathsfähiges, ein patricisches Geschlecht; S. Geschlechter. Nach einer andern Einschränkung ist Geschlecht oft so viel als Generation, die Folge der einzelnen Glieder eines Geschlechtes auf einander in absteigender Linie, und die gewöhnliche Zeitdauer eines solchen Gliedes, ein Menschenalter, S. Geschlechtsalter.

Anm. Bey dem Ottfried und Notker Slahta, Slahto, Gislaht, so wohl in der weitern Bedeutung der Art, als auch in der engern einer Familie, im Niedersächsischen und Oberdeutschen Schlacht, Schlecht, im Schwed. Slag, Slagt. Im Nieders. ist Slag und im Hochdeutschen Schlag die Art, und im Wendischen Slahta Verwandschaft. S. die Neutra Schlagen und Schlachten. Der Plural lautet im Oberdeutschen häufig Geschlechte, in welcher Gestalt er mehrmahls in der Deutschen Bibel angetrofen wird. In der letzten Bedeutung des Wortes Geschlecht war ehedem auch Chunne, ( S. Kind,) und Hiuuiske üblich.


Geschlechter (W3) [Adelung]


Der Geschlechter, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Geschlechterinn, plur. die -en, in einigen Oberdeutschen Reichsstädten, eine Person, welche aus einem rathsfähigen, oder patricischen Geschlechte entsprossen ist. Ein Geschlechter von Nürnberg.


Geschlechtlos (W3) [Adelung]


Geschlechtlos, adj. et adv. kein Geschlecht habend. Klopstock nennet die Wörter ungewissen Geschlechtes, die Neutra in der Sprachkunst, geschlechtlose Wörter, im Gegensatze der geschlechtsfähigen, welches die Masculina und Fäminina sind. So auch die Geschlechtslosigkeit.


Geschlechtsalter (W3) [Adelung]


Das Geschlechtsalter, des -s, plur. ut nom. sing. das Alter, d. i. die gewöhnliche Zeitdauer eines Geschlechtes, d. i. einer Generation, eines einzelnen Gliedes eines Geschlechtes, wofür man gemeiniglich dreyßig oder drey und dreyßig Jahre annimmt; ein Menschenalter. Zuweilen auch die Dauer eines ganzen Geschlechtes. S. Geschlechtsfolge.


Geschlechtsart (W3) [Adelung]


Die Geschlechtsart, plur. die -en, die Art, d. i. die Ähnlichkeit eines Geschlechtes in der weitesten Bedeutung, dasjenige, worin alle Arten und Gattungen überein kommen.


Geschlechtsendung (W3) [Adelung]


Die Geschlechtsendung, plur. die -en, ein Ausdruck, mit welchem einige Sprachlehrer die zweyte Endung der Nennwörter belegen, das Lat. Genitivus auszudrucken, wofür andere Geschlechtsfall gewählet haben. S. Genitiv.


Geschlechtsfolge (W3) [Adelung]


Die Geschlechtsfolge, plur. die -n, die Folge eines Geschlechtes auf das andere. In engerer Bedeutung, die Folge einzelner Glieder eines Geschlechtes auf einander in absteigender Linie, die Abstammung, und die gewöhnliche Zeitdauer eines solchen Gliedes; das Geschlechtsalter, die Generation.


Geschlechtsgut (W3) [Adelung]


Das Geschlechtsgut, des -es, plur. die -güter, ein Gut, welches einem ganzen Geschlechte gemeinschaftlich gehöret; ein Gesammtgut, Fideicommiß.


Geschlechtsnahme (W3) [Adelung]


Der Geschlechtsnahme, des -ns, plur. die -n, der gemeinschaftliche Nahme eines ganzen Geschlechtes; bey Menschen auch der Zunahme, im Gegensatze des Vornahmens, der die einzelnen Personen bezeichnet.


Geschlechtsregister (W3) [Adelung]


Das Geschlechtsregister, des -s, plur. ut nom. sing. das Register oder Verzeichniß der einzelnen Glieder eines Geschlechtes und ihrer Folge auf einander; die Genealogie, Geschlechtstafel, der Stammbaum.


Geschlechtstag (W3) [Adelung]


Der Geschlechtstag, des -es, plur. die -e, ein Tag, an welchem sich die zu einem Geschlechte gehörigen Personen zu versammeln pflegen; dergleichen Geschlechtstage es z. B. in der Ernestinischen Linie des Hauses Sachsen gibt.


Geschlechtstrieb (W3) [Adelung]


Der Geschlechtstrieb, des -es, plur. die -e, der natürliche Trieb beyder Geschlechter gegen einander, der Trieb zur Fortpflanzung seines Geschlechtes; die Geschlechtslust.


Geschlechtswapen (W3) [Adelung]


Das Geschlechtswapen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Wapen, welches einem ganzen Geschlechte eigenthümlich ist, oder welches jemand vermöge seines Geschlechtes führet; im Gegensatze des Standeswapens, Gnadenwapens, Heirathswapens und so ferner.


Geschlechtswort (W3) [Adelung]


Das Geschlechtswort, des -es, plur. die -wörter, ein sehr unbequemer Ausdruck einiger Sprachlehrer, den Artikel zu bezeichnen. S. Der, im ersten Theile, S. 1456. In weiterer Bedeutung auch ein Wort, welches ein ganzes Geschlecht, in der weitesten Bedeutung bezeichnet. So ist Vogel in diesem Verstande ein Geschlechtswort, im Gegensatze der darunter begriffenen Gattungen und Arten.


Geschleif (W3) [Adelung]


Das Geschleif, des -es, plur. die -e, bey den Jägern, die Eingänge oder Löcher in einem Dachs- Fuchs- oder Biberbaue; von dem Zeitworte schliefen.


Geschlepp (W3) [Adelung]


Das Geschlepp, des -es, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, die -e, was geschleppet wird. 1) Im verächtlichen Verstande, ein Gefolge von Personen, die man zu seiner Bedienung oder zu seiner Begleitung bey sich hat. Ein großes Geschlepp bey sich haben. Nieders. Slepe, Getreck. 2) Bey den Jägern, diejenige Lockspeise, welche man an einer Schnur vor dem Holze herschleppet, Raubthiere, durch deren Witterung damit an einen bestimmten Ort zu locken. 3) Im Bergbaue, ein einfaches Feldgestänge, dessen an einander gefügte Stangen vermittelst einer Wasserkunst geschleppet, d. i. hin und her gezogen werden. S. Schleppen.


Geschleppe (W3) [Adelung]


Das Geschleppe, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Ein anhaltendes oder wiederhohltes Schleppen; ohne Plural. 2) Was geschleppet wird. Im Bergbaue wird ein einfaches Feldgestänge auch ein Geschleppe genannt, und im gemeinen Leben führet diesen Nahmen im verächtlichen Verstande ein zahlreiches Gefolge. Ein großes Geschleppe bey sich haben.


Geschliffen (W3) [Adelung]


Geschliffen, -er, -ste, adj. et adv. eigentlich das Participium von schleifen, in dessen veralteten figürlichen Bedeutung, verfeinerte Sitten habend und darin gegründet; in welcher Bedeutung doch der Gegensatz ungeschliffen üblicher ist. So auch die Geschliffenheit.


Geschlinge (W3) [Adelung]


Das Geschlinge, des -s, plur. ut nom. sing. in den Küchen und bey den Jägern, der Schlund eines geschlachteten Thieres nebst der daran befindlichen Lunge, Leber und Herzen; das Geschlinge, das Geräusch, im Oberd. das Päuschel, im Nieders. Lummel, Lummelse. S. Schlingen.


Geschlitz (W3) [Adelung]


Das Geschlitz, des -es, plur. die -e, im Bergbaue, ein Schlitz, d. i. Einschnitt, besonders an den Schwingen, worin die Kunststangen hangen.


Geschlotter (W3) [Adelung]


Das Geschlotter, des -s, plur. inus. in einigen Salzwerken, der Schlotter oder Schlamm, welcher sich von dem ausgehauenen und ausgesottenen Herde auf den Boden setzet. S. Schlotter.


Geschmack (W3) [Adelung]


Der Geschmack, des -es, plur. inus. von dem Zeitworte schmecken. 1. Objective, die Eigenschaft der Körper, vermittelst deren sie durch die Auflösung ihrer Theilchen eine gewisse Empfindung auf der Zunge verursachen. 1) Eigentlich. Das Manna hatte einen Geschmack wie ein Öhlkuchen, 4 Mos. 11, 8. Die Speise hat einen guten, einen angenehmen, einen bittern, einen widrigen Geschmack; sie ist bitter, süß, sauer, angenehm, widrig u. s. f. von Geschmack. Er aß und fand die Frucht vortrefflich von Geschmack, Gell. Den Geschmack verlieren, unschmackhaft werden. Im Oberdeutschen, wo schmecken auch riechen bedeutet, wird Geschmack auch häufig für Geruch gebraucht. Ein scheluren Geschmack, ein Aasgestank, S. Sachs. Die Kleider haben den Geschmack Den Libanus nicht geben mag, Opitz. 2) Figürlich. Die Eigenschaft einer Sache, nach welcher sie angenehme oder unangenehme Empfindungen erwecket. Ein Gemählde von gutem, von schlechtem Geschmacke. In engerer Bedeutung pflegt man den guten Geschmack an den Dingen nur schlechthin den Geschmack zu nennen, und alsdann bestehet er vornehmlich in der Übereinstimmung der Theile mit ihrem Ganzen. So sagt man von einem Gedichte, von einem Gemählde u. s. f. daß in demselben Geschmack sey, daß es Geschmack habe. Alles was er macht, hat keinen Geschmack. Einer Sache keinen Geschmack abgewinnen können, nichts Gutes und Schönes an ihr entdecken können. 2. Subjective, die Empfindung, welche die aufgelöseten Theile der Körper auf der Zunge verursachen, und das Vermögen, diese Veränderung zu empfinden. 1) Eigentlich, wo der Geschmack einer der fünf Sinne ist, dessen Werkzeuge die auf der Zunge vertheilten Nervenwärzchen sind. Keinen Geschmack haben. Den Geschmack verlieren. In engerer Bedeutung auch die Fertigkeit, das Angenehme und Unangenehme in den Speisen leicht und zuverlässig zu unterscheiden. Einen guten, feinen Geschmack haben. Ein Koch von einem schlechten Geschmacke. 2) Figürlich. (a) Die Empfindung des Guten und Schönen an einer Sache. Seinem Geschmacke folgen. Bey einer guten Erziehung muß vornehmlich darauf gesehen werden, daß junge Leute mit Geschmack und Empfindung lesen lernen, Gell. Im engern Verstande auch zuweilen die durch diese Empfindung gewirkte Neigung. Geschmack an etwas finden. Das ist nicht nach meinem Geschmacke, gefällt mir nicht. Einem Geschmack an etwas machen, beybringen. (b) Das Vermögen, und in engerer Bedeutung die Fertigkeit, das Gute und Schöne oder Häßliche an einer Sache leicht zu entdecken und zu empfinden. Einen guten, einen feinen, einen schlechten Geschmack in der Musik, in der Dichtkunst, in der Mahlerey haben. Einen richtigen, einen verderbten Geschmack haben. Der Geschmack ist es, welcher von den Kunstwerken richtig urtheilet. Der natürliche Geschmack, die uns angeborne Empfindung des Schönen, im Gegensatze des künstlichen. In engerer Bedeutung wird der gute oder richtige Geschmack oft nur schlechthin der Geschmack genannt. In seinem ganzen Hause herrscht Ordnung und Geschmack. Ein Mann von Geschmack, der einen guten Geschmack hat. (c) In weiterer Bedeutung ist der Geschmack die auf den Geschmack, oder die Empfindung des Schönen gegründete Art zu denken und zu handeln. In Youngs traurigem Geschmacke dichten. Ein Gemählde in Rubens Geschmack. In diesem Verstande leget man auch ganzen Zeitaltern und Nationen einen Geschmack bey, die Art zu empfinden und über seine Empfindungen zu urtheilen, zu bezeichnen. Eine Bildsäule in Griechischem Geschmacke. Der Italiänische Geschmack in der Mahlerey. Der Gothische Geschmack in der Baukunst. Der herrschende Geschmack.

Anm. In beyden Hauptbedeutungen, im gemeinen Leben, so wohl Ober- als Niederdeutschlandes nur Schmack, Smack, welches sich auch noch in Vorschmack und Nachschmack findet, ingleichen auch 2 Mos. 16, 31, Weish. 16, 20 vorkommt. Bey dem Notker Smach, Gesmag, in der Monseeischen Glosse Smacho, im Angels. Smaec, im Engl. Smack und Smatch, im Pohln. Smak, im Schwed. Smak, im Finnländ. Macu. S. Schmecken. Die Figur, den eigentlichen Geschmack auf die Empfindung des Schönen anzuwenden, ist schon bey den Hebräern, Griechen und Römern vorhanden. Unter den neuern Völkern haben die Spanier diese Metapher zuerst wieder angenommen, denen hierauf die Franzosen mit ihrem Gout, und bald nach dem Anfange des 18ten Jahrhunderts auch die Deutschen gefolget sind. Hans Sachs gab 1553 ein Gedicht heraus, welches er die neue Geschmäck des Ehstandes nannte, wo es schon Empfindungen überhaupt bedeutete.


Geschmack (W3) [Adelung]


Geschmack, adj. et adv. S. Schmackhaft.


Geschmacklos (W3) [Adelung]


Geschmacklos, -er, -este, adj. et adv. des Geschmackes beraubt, so wohl objective als subiective. Geschmacklose Gedanken. Geschmacklose Zeiten, in welchen kein guter Geschmack herrscht.


Geschmacklosigkeit (W3) [Adelung]


Die Geschmacklosigkeit, plur. inus. die Eigenschaft einer Sache, da sie ohne Geschmack ist, so wohl objective als subjective.


Geschmackvoll (W3) [Adelung]


Geschmackvoll, -er, -este, adj. et adv. einen richtigen und feinen Geschmack in einem hohen Maße besitzend und darin gegründet, so wohl objective als subjective. Ein geschmackvolles Gedicht. Geschmackvolle Personen.


Geschmause (W3) [Adelung]


Das Geschmause, des -s, plur. inus. ein anhaltendes oder wiederhohltes Schmausen.


Geschmeide (W3) [Adelung]


Das Geschmeide, des -s, plur. inus. oder die Geschmeide, sing. inus. von dem Zeitworte schmieden. 1) * Überhaupt, alles was geschmiedet wird, oder geschmiedet werden kann, d. i. Metall oder Erz; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Das Wasser nympt auch gar sehr seinen geschmack von dem geschmeyd (Erz) und von dem schwebel, der in dem erdtreich ist, Buch der Natur, Augsb. 1482. Das Feuer macht waich, als wir sehen an dem plei und an anderm geschmeid, ebend. Eben so ist Gesmithe bey dem Willeram Metall. 2) Aus Metall, besonders aus Eisen, geschmiedete Dinge, Schwed. Smide, in welcher Bedeutung Gesmeide, bey dem Stryker der Harnisch und allerley metallene Kleidungsstücke sind. In dieser gleichfalls veralteten Bedeutung werden an einigen Orten noch die Hand- und Fußschellen oder Fessel der Missethäter das Geschmeide genannt. In Wien sind Stahl- und Eisengeschmeide dergleichen Werkzeuge. 3) In engerer Bedeutung, allerley kleine Arbeiten aus Metall; in welcher Bedeutung es noch in Nürnberg üblich ist, wo die Geschmeidemacher ein eigenes gesperrtes Handwerk ausmachen, und allerley Geschmeide, d. i. Lichtputzen, messingene Uhrgehäuse, messingene Schreib- und Reißfedern, Vogelpfeifen, Haar- und Stricknadeln, Barbierzeug u. s. f. verfertigen. 4) In der engsten und im Hochdeutschen gewöhnlichsten Bedeutung wird es von allerley aus Gold, Silber, Perlen und Edelsteinen verfertigtem Putze gebraucht, für Schmuck oder Geschmück. Die Geschmeide an den Arm legen, Ezech. 16, 11. Wie eine Braut sich berdet (brüstet) in ihrem Geschmeide, Es. 61, 10. Bey dem Willeram Smithescirethe. An einigen Orten begreift es auch das Silbergeschirr mit in sich, wie solches in einem Responso der Juristen-Facultät zu Würzburg von 1622 in W. F. Pistorii Amoenitat, Th. 2. S. 522 behauptet wird.


Geschmeidehändler (W3) [Adelung]


Der Geschmeidehändler, des -s, plur. ut nom. sing. eine im Oberdeutschen übliche Benennung eines Juweliers.


Geschmeidekästchen (W3) [Adelung]


Das Geschmeidekästchen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Kästchen, worin das schöne Geschlecht das Geschmeide zu verwahren pfleget; das Schmuckkästchen.


Geschmeidemacher (W3) [Adelung]


Der Geschmeidemacher, des -s, plur. ut nom. sing. S. Geschmeide 3.


Geschmeidig (W3) [Adelung]


Geschmeidig, -er, -ste, adj. et adv. von dem Zeitworte schmieden. 1. Eigentlich, was sich leicht schmieden, und in weiterer Bedeutung, was sich leicht ausdehnen lässet; im Gegensatze dessen, was spröde ist. Geschmeidiges Eisen, im Gegen- satze des spröden. Geschmeidige Kohlen, im Hüttenbaue, figürlich, welche das Eisen geschmeidig machen sollen. 2. In weiterer und figürlicher Bedeutung. 1) Weich. Geschmeidiges Erz, im Bergbaue, welches sich leicht schmelzen lässet. Geschmeidiges Gestein, eben daselbst, welches leicht zu gewinnen ist. 2) Biegsam. Eine geschmeidige Ruthe. Einen geschmeidigen Leib haben. Sehr geschmeidig seyn. 3) Nachgebend. Er wurde so geschmeidig, daß man ihn um einen Finger hätte wickeln können, er ließ seinen Trotz, seine Halsstarrigkeit, seinen unbiegsamen Stolz fahren.

Anm. Im gemeinen Leben nur schmeidig, im Nieders. smitig, smödig, in Baiern geschmaißig, Schwed. smidig. Im Angels. ist smethe, und im Engl. smooth, weich und glatt. S. Schmieden.


Geschmeidigkeit (W3) [Adelung]


Die Geschmeidigkeit, plur. inus. die Eigenschaft eines Körpers, nach welcher er geschmeidig ist, in allen obigen Bedeutungen. Die Geschmeidigkeit des Geistes, vermöge welcher er sich in alles zu finden, alles zu überwinden weiß.


Geschmeiß (W3) [Adelung]


Das Geschmeiß, des -es, plur. inus. oder die Geschmeiße, sing. inus. von dem Zeitworte schmeißen, so fern es cacare bedeutet, was geschmissen oder durch den Hintern ausgeworfen wird. 1) Eigentlich, in welcher Bedeutung die Jäger den Koth der Raubvögel das Geschmeiß zu nennen pflegen. Im gemeinen Leben pflegt man auch die Eyer der Fliegen, Schmetterlinge und anderer fliegenden Insecten das Geschmeiß zu nennen, weil der große Haufe sie für den Koth dieser Thiere hält, daher denn, 2) figürlich auch die Insecten, besonders die von den mit Flügeln versehenen Arten derselben herkommen, diesen Nahmen führen. Geschmeiße, wißt ihr wer ich bin? sagt der Bär beym Hagedorn zur Raupe. Was die Raupen lassen, das fressen die Heuschrecken, und was die Heuschrecken lassen, das fressen die Kefer, und was die Kefer lassen, das frisset das Geschmeiß, Joel 1, 4; Kap. 2, 25. Nach einer noch weitern Figur, 3) schlechtes und liederliches Gesindel, im verächtlichen Verstande. Mit allerley Geschmeiße umgeben. Diebsgeschmeiß, Lumpengeschmeiß. S. Schmeißen.


Geschmiere (W3) [Adelung]


Das Geschmiere, des -s, plur. inus. von dem Zeitworte schmieren, ein anhaltendes und wiederhohltes Schmieren; auch figürlich, eine schlechte Art zu schreiben, so wohl in Ansehung der Züge, als auch der Sachen, im verächtlichen Verstande. Ingleichen eine schlecht geschriebene Schrift selbst. Ein elendes Geschmiere.


Geschmuck (W3) [Adelung]


Der Geschmuck, des -es, plur. inus. außer von mehrern Arten, die -e, S. Schmuck.


Geschnarch (W3) [Adelung]


Das Geschnarch, des -es, plur. inus. ein mehrmahliges oder anhaltendes Schnarchen.


Geschnatter (W3) [Adelung]


Das Geschnatter, des -s, plur. inus. ein anhaltendes oder wiederhohltes Schnattern. Nieders. Gesnater. S. Schnattern.


Geschneide (W3) [Adelung]


Das Geschneide, des -s, plur. von mehrern Arten, ut nom. sing. bey den Jägern, besonders Oberdeutschlandes, aufgestellte Bügel, Vögel darein zu fangen; das Gericht, die Schneißen oder Dohnen. S. Schneide und Schneiße.


Geschöpf (W3) [Adelung]


Das Geschöpf, des -es, plur. die -e, von dem Zeitworte schöpfen, welches ehedem für schaffen üblich war. 1) Ein jedes Werk, welches man schaffet, d. i. macht oder bildet; Nieders. Schipsel, Schöpsel. Mit was für fürchterlichen Geschöpfen der Einbildungskraft kämpfen sie? In welchem Verstande auch die in der Wiedergeburt hervor gebrachte neue Fertigkeit 2 Cor. 5, 17, Gal. 6, 15, ein neues Geschöpf genannt wird. 2) In weiterer Bedeutung, ein jedes zufälliges Wesen, so fern es von Gott geschaffen ist. Die Geschöpfe Gottes. Lebendige, leblose Geschöpfe. Die Geschöpfe mehr ehren, als den Schöp- fer. Oft auch im Scherze oder aus Verachtung von Personen, deren nähere Beschaffenheit man sich eben zunächst zu bezeichnen Willens ist; wo auch das Diminut. das Geschöpfchen gebraucht wird. Sie wissen ja, was die Mannsperson für stolze Geschöpfe sind, Weiße. Du bist ein sehr ungefälliges Geschöpf. Er sieht uns für Geschöpfchen an, die aus keiner andern Absicht da sind, als den Männern ein Vergnügen zu machen, Less. Anm. Bey dem Notker Geschephido. Andere gebrauchten Geschäft von schaffen dafür, die Gaskaft bey dem Ulphilas, Giscafat im Isidor, Giscaft bey dem Ottfried, Gesceafta im Angels. Ehedem bedeutete Geschöpf auch die Schöpfung, daher das erste Buch Mosis in den Deutschen Bibeln des 15ten Jahrhundertes noch immer das Buch der Geschöpf genannt wird.


Geschoß (W3) [Adelung]


Der Geschoß, des -sses, plur. von mehrern Arten und Quantitäten, die -sse, das ohne Noth mit dem Oberdeutschen müßigen ge verlängerte Wort Schoß, die Abgabe von Äckern und andern Grundstücken zu bezeichnen. Steuer und Geschoß geben. Daher geschoßbar, oder schoßbar, verpflichtet Geschoß zu geben, die Geschoßbarkeit oder Schoßbarkeit, das Geschoßregister u. s. f. S. Schoß.


Geschoß (W3) [Adelung]


1. Das Geschoß, des -sses, plur. die -sse, von dem Zeitworte schießen, jaculari. 1) Ein Körper, welcher geschossen oder abgeschossen wird, ein Pfeil, Wurfspieß u. s. f. Den Stahel fürt vor ewer prust Gespannet, darauf ein Geschos, Theuerd. Kap. 34, 44. Gott hat seinen Bogen gespannet, und darauf geleget tödtliche Geschoß, Ps. 7, 13, 14. Die Geschosse der Blitze, Weish. 5, 22. 2) Ein Werkzeug, womit man schießet, besonders, die ehemahlige Art derselben vor Erfindung des Pulvers. Doch nennet man auch im Oberdeutschen kleine Schießgewehre Geschosse. In dem Worte Selbstgeschoß ist es auch im Hochdeutschen üblich. Übrigens wird dieses Wort in beyden Bedeutungen nur noch in der höhern und poetischen Schreibart gebraucht. S. Geschütz.

Anm. In beyden Bedeutungen bey dem Notker Gescoz und Scoz, in den spätern Zeiten Schoß, im Engl. Shot und Holländ. Schot.


Geschoß (W3) [Adelung]


2. Das Geschoß, des -sses, plur. die -sse, was aufschießet; von dem Neutro schießen. 1) An verschiedenen Pflanzen, der zwischen zwey Absätzen befindliche Theil des Stängels, welcher noch häufiger ein Schuß genannt wird, S. dieses Wort. 2) Figürlich, das Stockwerk eines Hauses oder Gebäudes. Ein Haus von drey Geschossen.


Geschräge (W3) [Adelung]


Das Geschräge, des -s, plur. ut nom. sing. ein Wort, welches im Oberdeutschen am üblichsten ist, eine aus Stangen oder Latten bestehende Befriedigung um einen Ort zu bezeichnen. Ein Geschräge um die Felder. Ein Geschräge wegreißen. S. Schragen, von welchem Worte es abstammet.


Geschrey (W3) [Adelung]


Das Geschrey, des -es, plur. inus. das Schreyen, so wohl von der Handlung des Schreyens, als auch von dem dadurch verursachten Schalle. 1. Eigentlich. Ein Geschrey machen, erheben, anfangen. Viel Geschrey und wenig Wolle. Er erhob sich, es entstand ein Geschrey. Daher das Feldgeschrey, Jubelgeschrey, Kriegesgeschrey, Zetergeschrey u. s. f. 2. Figürlich. 1) Laute, nachdrückliche klagen. Das Geschrey des Volkes. 2) Vieles, lautes Geschwätz. Viel Geschrey von einer Sache machen, viel Aufhebens. Viel Geschreyes von sich machen. 3) Ein lautes, heftiges Gerücht von einer unangenehmen Sache. Es gehet ein Geschrey. Ein Geschrey ausbringen. Besonders 4) ein starkes Gerücht über jemandes guten Nahmen, im nachtheiligen Verstande. In das Geschrey kommen. Jemanden in das Geschrey bringen, ihn mit der Wahrheit in das Geschrey bringen.

Anm. Im gemeinen Leben im eigentlichen Verstande auch nur Schrey, ehedem Chrey, Krey, Chradem, bey dem Notker Screige, Screiot, im Schwed. Skri, Dän. Skrig, Engl. Cry und Shriek, Nieders. Schricht, Geschricht, Franz. Cri. S. Schreyen.


Geschröt (W3) [Adelung]


Das Geschröt, des -es, plur. die, der Hodensack an den größern Thieren männlichen Geschlechtes, besonders an den Pferden; das Gemächt. Ohne Zweifel von dem Lat. Scrotum. S. Schrot.


Geschübe (W3) [Adelung]


Das Geschübe, S. Geschiebe.


Geschühe (W3) [Adelung]


Das Geschühe, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Bey den Falkenieren, die Schuhe, oder Riemen, welche den Falken um die Füße geleget, und woran die Wurfriemen befestiget werden; das Gefäß, Geschütz. Im Oberdeutschen wird es auch für den Schuh, und dessen Theile gebraucht. Das Hintergeschühe ist daselbst das Hinterleder am Schuhe, das Obergeschühe das Oberleder. 2) Im gemeinen Leben zuweilen als ein Collectivum, Schuhe und was ihnen ähnlich ist. Wenn es kothig ist, gehet es sehr über das Geschühe.


Geschür (W3) [Adelung]


Das Geschür, des -es, plur. inus. im Hüttenbaue, ein schlackenartiges, mit Rohstein vermischtes zusammen gesintertes Wesen, welches sich in dem Schmelzofen anleget, und mit einem starken Eisen heraus gescharret, oder geschüret wird. S. Schüren und Scheuern.


Geschütte (W3) [Adelung]


Das Geschütte, des -s, plur. ut nom. sing. ein im Oberdeutschen übliches Wort, einen gleichsam zusammen geschütteter Dinge zu bezeichnen; eine Schütte. Im engern Verstande ist im Bergbaue ein Geschütte ein Haufen Mineralien, der lagenweise bey den Gängen bricht, und solche mächtiger macht; dagegen ein Geschiebe nur auf oder gleich unter der Dammerde angetroffen wird. S. Schütte.


Geschütz (W3) [Adelung]


1. Das Geschütz, des -es, plur. von mehrern Arten, die -e, bey den Falkenieren, diejenigen Riemen, welche den Falken um die Füße geleget werden. Es ist aus Geschühe verderbt, wofür im Oberdeutschen ehedem auch Geschude üblich war, wie aus dem Frisch v. Schuh erhellet.


Geschütz (W3) [Adelung]


2. Das Geschütz, des -es, plur. inus. von dem Zeitworte schießen, Werkzeuge zum Schießen, besonders dergleichen Werkzeuge größerer Art, als ein Collectivum. In diesem Verstande wurde es schon vor Erfindung des Schießpulvers gebraucht, indem Gescuzze und Gescutz schon in dem alten Fragmente eines Gedichtes auf den Feldzug Carls des Großen und im Schwabenspiegel vorkommt. Heutiges Tages gebraucht man dieses Wort nur noch von den größern Werkzeugen zum Schießen. Grobes Geschütz, schwere Kanonen und Mörser. Kleines Geschütz, kleinere Kanonen, Feldstücke u. s. f. Das Geschütz aufführen lassen, vernageln.


Geschützkunst (W3) [Adelung]


Die Geschützkunst, plur. inus. die Kunst mit dem Geschütze gehörig umzugehen; die Artillerie, welche ein Theil der Feuerwerkskunst ist, oft aber auch im weitern Verstande für diese gebraucht wird.


Geschützpforte (W3) [Adelung]


Die Geschützpforte, plur. die -n, auf den Schiffen, siehe Stückpforte.


Geschützprobe (W3) [Adelung]


Die Geschützprobe, plur. die -n, die Probe des Geschützes, wenn es von dem Stückgießer kommt.


Geschwader (W3) [Adelung]


Das Geschwader, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Im Kriegswesen, ein kleiner Haufen Reiterey von ungefähr hundert Mann, Franz. Escadron, im gemeinen Leben eine Schwadrone; in welchem Verstande es nur noch in der edlen Schreibart vorkommt, ehedem aber, besonders in Oberdeutschland, sehr üblich war, wo es auch wohl Schwieter, Geschwieter, Schwär u. s. f. lautete. Die Furcht stellt Wölfe groß als Stiere Geschwader groß wie Heere vor, Lichtw. Wenn Dusch an einem Orte auf Leichen von Geschwädern sagt, so hat ihn vermuthlich der Reim zu diesem ungewöhnlichen Plural verleitet. Im Oberdeutschen scheinet es in weiterm Verstande von einem jeden Haufen mehrerer Personen üblich zu seyn; ein Geschwader Reisender. Ein Geschwader böser Leute, Pict. 2) Im Seewesen, eine Anzahl mehrerer Schiffe, besonders eine Anzahl mehrerer von einer Flotte abgetheilter Schiffe, welche unter einem Vice-Admiral, oder Flaggen-Officier, Chef d'Escadre, stehen; Franz. Escadre. In einer zum Treffen gestellten Flotte sind der Vortrupp, das Mitteltreffen und der Nachtrupp so viele Geschwader.

Anm. In beyden Bedeutungen kommt dieses Wort, wie mehrere zum Kriegswesen gehörige Ausdrücke, aus dem Ital. Squadra, ein viereckiger, oder in ein Viereck gestellter Haufen, her, welches durch Vorsetzung des Zischlautes wieder aus dem Latein. quatuor gebildet worden. S. Schwadrone.


Geschwär (W3) [Adelung]


Das Geschwär, des -es, plur. die -e, S. Geschwür.


Geschwätz (W3) [Adelung]


Das Geschwätz, des -es, plur. die -e, eine jede unnütze, unbeträchtliche oder ungegründete Rede. Es hat keinen Grund, es ist nur ein Geschwätz. Es ist ein leeres, ein unnützes Geschwätz. Viel Geschwätz (viele unnütze Worte) machen. Jemanden in das Geschwätz bringen, machen, daß die Leute von ihm schwatzen. Der Plural ist im Hochdeutschen seltener, wo man es am liebsten als ein Collectivum gebraucht. Böse Geschwätze verderben gute Sitten, 1 Cor. 15, 33. Zuweilen wird es auch figürlich in der edlen Schreibart von leblosen Dingen gebraucht. Gelockt durch kühler Bäche rieselndes Geschwätz, Geßn. Im Oberdeutschen auch nur Schwatz. S. Schwatzen.


Geschwatze (W3) [Adelung]


Das Geschwatze, des -s, plur. inus. ein anhaltendes oder wiederhohltes Schwatzen.


Geschwätzig (W3) [Adelung]


Geschwätzig, -er, -ste, adj. et adv. der gerne schwatzet; am häufigsten in der nachtheiligen Bedeutung des Zeitwortes, der gern viele unnütze, unbedeutende Worte macht.


Geschwätzigkeit (W3) [Adelung]


Die Geschwätzigkeit, plur. car. die Fertigkeit zu schwatzen, und in engerer Bedeutung, unbedeutende, unnöthige Worte zu machen; die Schwatzhaftigkeit.


Geschway (W3) [Adelung]


Der Geschway, des -es, plur. die -e, Fämin. die Geschway, plur. die -en, S. Schwager.


Geschweigen (W3) [Adelung]


Geschweigen, verb. welches in doppelter Gestalt vorkommt. I. Als ein Neutrum, mit irregulärer Conjugation, (siehe Schweigen,) wo es das mit der Vorsylbe ge verlängerte Zeitwort schweigen ist. Im Hochdeutschen ist es in dieser Form ungewöhnlich, außer daß man es in der ersten Person des Präsentis und im Infinitive mit dem Wörtchen zu gebraucht, für, mit Stillschweigen übergehen, nicht erwähnen; da es denn die zweyte Endung der Sache erfordert. Brot und Fleisch ist dorten sehr theuer, ich geschweige, der andern Dinge, oder, der andern Dinge zu geschweigen. Dein Freund ist ein Spieler, ich geschweige seiner andern Laster, oder, seiner andern Laster zu geschweigen. Cajus hat seither viel Böses verübet, dessen zu geschweigen, was er in seiner Jugend begangen hat. Oft, besonders in der Sprache des täglichen Umganges, macht es eine Art von Gradation, da denn so wohl das Pronomen ich, als auch der Genitiv wegfällt. Ich habe ihn nicht gesehen, geschweige gesprochen, oder, geschweige, daß ich ihn sollte gesprochen haben; d. i. ich habe ihn nicht sprechen können, da ich ihn nicht einmahl gesehen habe. Man kann sich in den Gebäuden kaum der Kälte erwehren, geschweige, oder zu geschweigen auf der Gasse. Ich fürchte mich vor seiner Freundlichkeit, geschweige vor seinem Zorne. Man konnte ihn in der Jugend zu nichts bringen, geschweige, oder zu geschweigen im Alter. II. Als ein Activum, oder vielmehr Factitivum, mit regulärer Conjugation, zum Stillschweigen bringen, und figürlich, befriedigen; in welchem Verstaund es nur im gemeinen Leben gebraucht wird, wo auch das einfache schweigen in eben dieser Bedeutung üblich ist. Die Gottlosen müssen in der Hölle geschweiget werden, Ps. 31, 18. Mit Gaben geschweiget man die Kinder. So bedeutet kesueigen schon bey dem Notker schweigen machen, und Graf Conrad von Kirchberg sagt zum Winter, du geschweigest und diu vögellin.


Geschwelge (W3) [Adelung]


Das Geschwelge, des -s, plur. car. ein anhaltendes oder wiederhohltes Schwelgen.


Geschwellen (W3) [Adelung]


Geschwellen, verb. irreg. neutr. ( S. Schwellen,) welches das Hülfswort seyn erfordert, und für das einfache schwellen gebraucht wird. Der Kranke fängt an zu geschwellen. Das Zahnfleisch geschwillt ihm.


Geschweih (W3) [Adelung]


Der Geschweih, Fämin. die Geschweihe, S. Schwager.


Geschwinde (W3) [Adelung]


Geschwinde, -r, -ste, adj. et adv. eine beschleunigte Bewegung haben, mit einer beschleunigten Bewegung. 1. Eigentlich, so daß ein Ding in einer kurzen Zeit einen großen Raum zurück leget; im Gegensatze dessen, was langsam ist oder geschiehet. Geschwinde gehen, reiten, fahren. Ein geschwinder Bothe, welcher geschwinde gehet. Ein geschwinder Gang. Eine geschwinde Bewegung. 2. Figürlich. 1) Von solchen Fällen, in welchen in kurzer Zeit mehr verrichtet wird, als gewöhnlich ist. Sehr geschwinde reden, in einer gegebenen Zeit mehr Worte hervor bringen, als andere, als gewöhnlich ist. So auch geschwinde arbeiten, essen, lernen u. s. f. Ein geschwinder Kopf, der in kurzer Zeit etwas fasset. Er hat es geschwinde gefasset. Es gehet damit sehr geschwinde zu. 2) Sehr bald, ohne Aufschub, in sehr kurzer Zeit. Geschwinde mit der Antwort seyn. Eine geschwinde Antwort. Er kam geschwinde wieder. 3) In der Eile, als ein Nebenwort. Ich weiß nicht mehr, was ich da geschwinde zu fassen kriegte. 4) Plötzlich, was unvermuthet und in sehr kurzer Zeit geschiehet. Ein geschwinder Tod.

Anm. Im Nieders. nur swind, bey dem Stryker und andern ältern Oberdeutschen Schriftstellern gleichfalls nur schwind, swende. Es scheinet eine Nachahmung des Schalles zu seyn, welcher durch die geschwinde Bewegung eines Körpers hervor gebracht wird, so wie man im Niedersächsischen eine geschwinde Bewegung auch mit witz auszudrucken pfleget, welches mit dem Franz. vite überein kommt. Das Nieders. swind bedeutet sehr, und swidig groß, viel, so wie swinth bey dem Ulphilas stark bedeutet. Das n gehöret in vielen Wörtern mehr dem Nasenlaute als dem Stamme zu; S. N. Das e am Ende ist das e euphonicum, ohne welches das d wie ein t lauten würde. Im Nieders. hat man auch die Wörter drat, gau, risch, rap, (Lat. rapidus) fiks u. s. f. den Begriff des Wortes geschwinde auszudrucken, so wie man im Hochdeutschen in vielen Fällen auch schleunig, hurtig, schnell statt desselben gebrauchen kann.


Geschwinden (W3) [Adelung]


* Geschwinden, verb. irreg. neutr. ( S. Schwinden,) welches das Hülfswort seyn erfordert, und im Oberdeutschen statt des einfachen schwinden üblich ist. Da als ich wollte sicher gehn Und mein Verbrechen nicht gestehn Geschwand ich ganz an Mark und Bein, Opitz.


Geschwindigkeit (W3) [Adelung]


Die Geschwindigkeit, plur. die -en. 1) Die Eigenschaft einer Bewegung oder einer Sache, nach welcher sie geschwinde ist, oder in kurzer Zeit einen großen Raum zurück leget; ohne Plural. Die Geschwindigkeit eines Bothen, eines Pferdes, eines Ganges, des Windes. Er kam mir in der Geschwindigkeit zuvor. Geschwindigkeit gebrauchen, anwenden. Auch figürlich. Die Geschwindigkeit einer Antwort, eines Einfalles. In der Geschwindigkeit, in sehr kurzer Zeit, ohne allen Aufschub. Seine Sache ist nicht, in der Geschwindigkeit eine geschickte Antwort zu finden. 2) In weiterer Bedeutung, überhaupt, die Zeit, in welcher ein Körper einen gewissen bestimmten Raum zurück leget, oder vielmehr das Verhältniß der Zeit zu dem Raume, welchen ein Körper durchläuft. Die Geschwindigkeit zweyer Körper in ihrer Bewegung berechnen. Die Massen und Geschwindigkeiten sind auf beyden Seiten gleich. Im Oberdeutschen in der ersten Bedeutung nur die Geschwinde.


Geschwindschuß (W3) [Adelung]


Der Geschwindschuß, des -sses, plur. die -schüsse, ein Schuß, deren man in einer gegebenen Zeit mehrere aus einem Geschosse thut, als gewöhnlich ist; ingleichen, die dazu besonders zubereitete Patrone oder Ladung.


Geschwindstück (W3) [Adelung]


Das Geschwindstück, des -es, plur. die -e, eine Art Stücke oder Kanonen, aus welchen man in einer gegebenen Zeit mehr Schüsse thun kann, als aus den gewöhnlichen.


Geschwister (W3) [Adelung]


Die Geschwister, sing. inus. Personen, welche einerley Ältern, oder doch Einen Vater oder Eine Mutter haben, ohne Unterschied des Geschlechtes, als ein Collectivum. Sie sind Geschwister. Haben Sie noch Geschwister? d. i. noch Brüder oder Schwestern? Zuweilen auch von Individuis, doch nur im Plural. Seine beyden nachgelassenen Geschwister.

Anm. Im Oberdeutschen ist es als ein Collectivum auch im Singular üblich, das Geschwister. In eben dieser Mundart lautet es auch Geschwistrig und Geschwistert, im Schwabensp. Geschuuistergit. Eben daselbst kommt auch das Bey- und Nebenwort Geschwistrigt für verwandt vor. Bey dem Ottfried sind thio gisuester Schwestern. S. Schwester, von welchem es gebildet ist.


Geschwisterkind (W3) [Adelung]


Das Geschwisterkind, des -es, plur. die -er, Personen, welche Kinder zweyer oder mehrerer Geschwister sind, Consobrini und Consobrinae. Er oder sie ist mit mir Geschwisterkind. Sie sind Geschwisterkinder. Im Nieders. Böhlkenkinder, welches zu dem Worte Buhle gehöret, aber nur Personen bedeutet, welche von Geschwistern zweyerley Geschlechtes erzeuget worden, dagegen das Hochdeutsche auch von Personen gebraucht wird, welche von Geschwistern einerley Geschlechtes herstammen. Ander-Geschwisterkinder, deren Großältern Geschwister waren.


Geschworne (W3) [Adelung]


Der Geschworne, des -n, plur. die -n, S. Schwören.


Geschwül (W3) [Adelung]


Geschwül, S. Schwül.


Geschwulst (W3) [Adelung]


Die Geschwulst, plur. die -schwülste, eine jede widernatürliche Erhebung der fleischigen Theile des menschlichen oder thierischen Körpers, Tumor; von dem Zeitworte schwellen. Die Geschwulst kommt dazu. Die Geschwulst setzt sich. In einigen Gegenden ist es männlichen Geschlechtes, der Geschwulst, des -es, S. Schwulst.


Geschwulstkraut (W3) [Adelung]


Das Geschwulstkraut, des -es, plur. inus. S. Fette Henne.


Geschwür (W3) [Adelung]


Das Geschwür, des -es, plur. die -e, die eiterhafte Entzündung in den fleischigen Theilen des thierischen Körpers, Ulcus; im gemeinen Leben ein Schwären, im Oberd. ein Aiß. Es ziehet sich ein Geschwür zusammen. Ein Geschwür haben. Das Geschwür kann auch innerlich Statt finden, aber ein Schwären nur äußerlich. Von einigen auch, obgleich nicht so richtig, das Geschwär, ungeachtet es von schwären abstammet. S. dasselbe.


Gesechst (W3) [Adelung]


Gesechst, adj. welches aber wenig vorkommt, aus sechs Einheiten oder Theilen Einer Art bestehend. Etwas Gesechstes haben. Der gesechste Schein, in der Astrologie, ein Aspect, wo die Planeten sechzig Grade von einander abstehen; Sextilis.


Gesegnen (W3) [Adelung]


Gesegnen, verb. reg. act. welches das mit der müßigen Vorsylbe ge verlängerte Zeitwort segnen ist, und nur noch zuweilen im gemeinen Leben gehöret wird. Tobias gesegnete Vater und Mutter, Tob. 5, 24, für segnete, d. i. wünschete ihnen beym Abschiede Gutes. Gott gesegne es euch! lasse es euch wohl bekommen. Die Welt oder diese Zeitlichkeit gesegnen, ein veralteter Ausdruck für sterben, wofür Opitz nur gesegnen allein gebraucht: so bald die Seele gesegnet hat, d. i. abgeschieden ist. Im Theuerdank kommt es Kap. 106 für danken vor. S. Segnen.


Gesell (W3) [Adelung]


Der Gesell, des -en, plur. die -en, Fämin. die Gesellinn, plur. die -en. 1) * Eigentlich, eine Person, welche mit einer andern einerley Reise verrichtet; eine veraltete Bedeutung, wofür Gefährte üblicher ist. In den Schriften der vorigen Jahrhunderte kommt es in diesem Verstande häufig vor. Figürlich ehedem auch, was mit einem andern Dinge zugleich da ist, dasselbe gleichsam begleitet. Der Donner ist des Blitzes Gesell, Hiob 36, 33. 2) * In weiterer Bedeutung, der mit einem andern gleiches Standes und gleicher Würde ist, ein Genoß; eine ehedem sehr übliche, jetzt aber gleichfalls veraltete Bedeutung. In dem Schwabenspiegel werden die Mit-Churfürsten der andern Gesellen genannt. Auch in der Deutschen Bibel ist es in dieser Bedeutung nicht selten. 3) Ein Gehülfe; welche Bedeutung sich nur noch bey den Handwerkern erhalten hat, welche ihre Gehülfen Gesellen zu nennen, und dadurch solche Handwerksgenossen zu bezeichnen pflegen, welche die Lehrjahre überstanden haben, aber noch nicht Meister geworden sind. Einen Lehrling zum Gesellen machen. Gesell werden. Gesellen halten. Ein Schneidergesell, Tischlergesell u. s. f. Bey einigen Handwerkern, z. B. bey den Bäckern, Fleischern, Schmieden und Schustern werden die Gesellen Knechte, bey den Müllern und einmännischen Tuchmachern Knappen, bey den Tuchscherern aber Scherkinder genannt; S. diese Wörter. 4) Der mit einem andern in Verbindung stehet, und in noch weiterer Bedeutung, der einige Umstände mit ihm gemein hat, in Ansehung dieser Umstände; ein Compagnon. Auch in diesem Verstande ist es im Hochdeutschen veraltet, wo man es nur noch im Bergbaue gebraucht, wenn die Zahl der Theilhaber an einer Zeche unter acht ist, da sie denn nicht Gewerken, sondern Gesellen genannt werden. S. Gesellenbau und Gewerkschaft. Auch kommt es noch zuweilen im gemeinen Leben in den Zusammensetzungen Spielgesell, Schlafgesell, Stubengesell, Schulgesell, Tischgesell, Diebsgesell, u. s. f. vor. 5) Ein Mensch, in verächtlichem Verstande, und mit Vorwörtern. Ein fauler, ein liederlicher Gesell. Besonders wurde es ehedem von jungen Leuten männlichen Geschlechtes gebraucht, wovon noch das Wort Junggesell übrig ist.

Anm. Dieses Wort lautet bey dem Ottfried Gisello, bey dem Notker Kesello, bey dem Willeram Gessello, im Holländ. nur Selle, im Schwed. Saelle, Gesaell. Frisch leitet es sehr gezwungen von Seil, Wachter und Ihre aber von sellen, sich versammeln, her, welches sie wiederum von Sal, Haus, abstammen lassen, gleichsam, sich unter einem Dache versammeln. Es wurde ehedem sehr häufig von gemeinen Soldaten für Kamerad gebraucht, S. Spießgesell; und dieß hat, wie schon Frisch ver- muthet, Gelegenheit gegeben, daß das Wort in seinen meisten Bedeutungen so verächtlich geworden ist.


Gesellen (W3) [Adelung]


Gesellen, verb. reg. act. 1) Zum Gefährten, und in weiterer Bedeutung, zum Gesellschafter geben. Ich will meinen Bruder zu euch gesellen. Am häufigsten als ein Reciprocum. Sich zu einem gesellen, sich als ein Gefährte zu ihm versammeln. Es geselleten sich verschiedene Reisende zu uns auf dem Wege. Es hatten sich ehedem viele andere Völker zu den Huronen gesellt. 2) Zur freundschaftlichen Gesellschaft, zum Umgange vereinigen, so wohl active, als auch als ein Reciprocum. Gleich und gleich gesellt sich gern. Wir Menschen sollen uns gesellen, So lehrt uns täglich Syrbius. Gesellt uns nicht in tausend Fällen Des Freundes Wein der Freundinn Kuß? Haged. In Prosa ist so wohl bey dem Activo als bey dem Reciproco das Vorwort zu unentbehrlich. 3) In Verbindung mit einem treten, gemeine Sache mit ihm machen, als ein Reciprocum. Da wider ihn mehr Feinde sich gesellten, Als dir die Nachwelt glauben darf, Raml. 4) * Verbinden, zusammen fügen, von leblosen Körpern; eine im Hochdeutschen ungewöhnliche Bedeutung. Die Breter sollen sich zusammen gesellen, 2 Mos. 26, 24; Kap. 36, 29. S. Gesell. Das Hauptwort die Gesellung ist nicht üblich.


Gesellenbau (W3) [Adelung]


Der Gesellenbau, des -es, plur. die -e, im Bergbaue, eine Zeche, welcher nur von wenigen gemeinschaftlich gebauet wird. Sind ihrer viele, so werden sie Gewerken genannt. S. Gesell 4.


Gesellenbier (W3) [Adelung]


Das Gesellenbier, das -es, plur. von mehrern Quantitäten, die -e, auf dem Lande einiger Gegenden, Bier, welches von den Bauern eines Ortes in Gesellschaft, oder gemeinschaftlich vertrunken wird, und auch das Gemeinbier heißt.


Gesellenbraten (W3) [Adelung]


Der Gesellenbraten, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Handwerkern, ein Geschenk, welches ein Junge, der ein Jünger wird, aber noch nicht Gesell ist, den Gesellen geben muß.


Gesellenfischen (W3) [Adelung]


Das Gesellenfischen, des -s, plur. ut nom. sing. im gemeinen Leben, wenn mehrere in Gesellschaft oder gemeinschaftlich fischen.


Gesellenpfaffe (W3) [Adelung]


Der Gesellenpfaffe, des -n, plur. die -n, bey einigen Handwerkern, z. B. den Böttchern, ein Gesell, welcher bey der Lossprechung eines Lehrlinges die Deposition verrichtet, und auch der Schleifpfaffe genannt wird, weil das Schleifen einer der vornehmsten Gebräuche dabey ist. S. Pfaffe.


Gesellig (W3) [Adelung]


Gesellig, -er, -ste, adj. et adv. geneigt mit andern in Verbindung zu leben, zum Umgange, zur Gesellschaft geneigt. Ein Hund ist ein geselliges Thier, weil er sich gern zu den Menschen gesellet. Ingleichen, was diesem Triebe gemäß ist, in demselben gegründet ist. Eine gesellige Eigenschaft. Ein geselliges Betragen.

Anm. Sich einem gesellig machen, heißt in dem 1514 gedruckten Deutschen Livius so viel, als sich beliebt machen. Bey dem Hans Sachs bedeutet gesellisch im nachtheiligen Verstande, zur bösen Gesellschaft geneigt.


Geselligkeit (W3) [Adelung]


Die Geselligkeit, plur. car. 1) Die Neigung oder Fertigkeit gern mit andern umzugehen, sich gern freundschaftlich zu ihnen zugesellen. Die Pflichten der Geselligkeit ausüben. 2) Der Umgang selbst. Der Hang zur Geselligkeit.


Gesellmann (W3) [Adelung]


Gesellmann, ein bey den Jägern üblicher eigenthümlicher Nahme des Leithundes männlichen Geschlechtes, wofür auch wohl Sellmann und Waldgesell üblich ist. Die Hündinn dieser Art wird gemeiniglich Hela genannt.


Gesellschaft (W3) [Adelung]


Die Gesellschaft, plur. die -en. 1. Im Abstacto und ohne Plural. 1) Die persönliche Versammlung mehrerer zu einem gemeinschaftlichen Endzwecke. Einem in einer Sache Gesellschaft leisten, eben das verrichten, was er verrichtet. Mit einem in Gesellschaft essen. Christus wurde in Gesellschaft zweyer Missethäter hingerichtet. Besonders, die Versammlung zum freundschaftlichen Umgange. Gönnen sie uns die Ehre ihrer Gesellschaft. Die Gesellschaft lieben. Und der Umgang mit andern überhaupt. Seine Gesellschaft ist mir unerträglich. Eines Gesellschaft fliehen, meiden. Sich von der Gesellschaft der Menschen entfernen. Der Ton der guten Gesellschaft. 2) In weiterer Bedeutung, die Verbindung mehrerer zu einem gemeinschaftlichen Endzwecke. So wohl überhaupt. Die Menschen sind zur Gesellschaft geboren. Der natürliche Trieb der Creatur, mit ähnlichen Creaturen zu leben, hat die Bande der Gesellschaft geknüpft, Zimmerm. Kein Laster ist ohne die Gesellschaft eines andern. Die natürliche Gesellschaft, eine Verbindung, welche die allgemeine Beschaffenheit der Menschen erfordert, im Gegensatze der willkührlichen, welche aus freyer Wahl errichtet wird. Als auch von besondern Verbindungen dieser Art. Mit einem in Gesellschaft treten. Jemanden in die Gesellschaft aufnehmen, aus der Gesellschaft stoßen, wo es aber auch die auf solche Art verbundenen Personen bedeuten kann. Mit einem in Gesellschaft stehen. Sich in eines Gesellschaft begeben. Die Gesellschaft stören. 2. Als ein Concretum, die auf solche Art verbundenen Personen, als ein Ganzes betrachet. 1) Die zu einem gewissen Endzwecke persönlich versammelten Personen. In die gelehrte Gesellschaft gehen. Er gehöret nicht zu unserer Gesellschaft. Die Tischgesellschaft, Spielgesellschaft, Reisegesellschaft, Trinkgesellschaft, Brunnengesellschaft u. s. f. Besonders die zum freundschaftlichen Umgange versammelten Personen. In Gesellschaft gehen. Wir hatten gestern viele Gesellschaft, viele uns besuchende Personen. Er ist gern in Gesellschaft. Die Gesellschaft ging in das Nebenzimmer. Eben jetzt ist ihre Gesellschaft aus einander gegangen. Die Demuth will in Gesellschaft nicht mehr scheinen, als sie ist, Gell. 2) In weiterer Bedeutung, die zu Erreichung einer gemeinschaftlichen Absicht mit einander verbundenen Personen. Die menschliche Gesellschaft, alle Menschen überhaupt, als ein auf mancherley Art verbundenes Ganzes betrachtet, welche oft auch nur die Gesellschaft schlechthin genannt werden. Ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft seyn. Wo ist eine Privatthorheit, die nur in dem Bezirke unserer selbst bliebe und nicht auf irgend eine Weise sich der Gesellschaft mittheilte? Gell. d. i. den Personen, mit welchen wir in Verbindung stehen. Gesellschaften unter sich an- oder aufrichten. Eine Gesellschaft Schauspieler. Eine einfache Gesellschaft, einzelne zu Einem Zwecke verbundene Personen, im Gegensatze einer zusammen gesetzten, in welcher sich ganze einfache Gesellschaften als einzelne Personen und Glieder verhalten. Eine weltliche Gesellschaft, Personen, die sich zur gemeinschaftlichen Beförderung ihrer äußern Wohlfahrt verbunden haben, im Gegensatze der gottesdienstlichen. So auch die bürgerliche, häusliche, eheliche, herrschaftliche, väterliche, gelehrte Gesellschaft u. s. f. welche Ausdrücke auch insgesammt im Abstracto von der Verbindung selbst gebraucht werden können.

Anm. Bey dem Willeram Geselliscefte, im Nieders. Sellschup, im Schwed. Saellskap. Es ist ein sehr allgemeiner Ausdruck, welcher so wohl in gutem, als nachtheiligem Verstande gebraucht werden kann. In vielen Fällen haben besondere Arten von Gesellschaften auch eigene Nahmen, dergleichen Staat, Kirche, Gewerkschaft, Zunft, Innung und hundert andere mehr sind.


Gesellschafter (W3) [Adelung]


Der Gesellschafter, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Gesellschafterinn, plur. die -en. 1) Ein Glied einer Gesellschaft; in welcher Bedeutung es doch nur selten vorkommt. 2) Eine Person, in Ansehung des gesellschaftlichen Umganges, oder ihrer Fähigkeiten zum freundschaftlichen Umgange betrachtet. Adrast beleidigt die Wahrheit, um das Lob eines angenehmen Gesellschafters zu erbeuten, Gell. Der Stolze ist der beschwerlichste Gesellschafter, ebend.


Gesellschaftlich (W3) [Adelung]


Gesellschaftlich, -er, -ste, adj. et adv. 1) Der Gesellschaft gemäß, in derselben gegründet. Gesellschaftlich leben, in Verbindung mit andern, und wie es diese Verbindung erfordert. Die Demuth tritt mit Gefälligkeit und Leutseligkeit in das gesellschaftliche Leben ein, Gell. 2) Zur Gesellschaft, d. i. zum Umgange mit andern geneigt; wofür doch gesellig üblicher ist.


Gesellschaftlichkeit (W3) [Adelung]


Die Gesellschaftlichkeit, plur. car. die Fertigkeit zur möglichsten Beobachtung aller Pflichten der Gesellschaft, worin man sich befindet.


Gesellschaftsgemählde (W3) [Adelung]


Das Gesellschaftsgemählde, des -s, plur. ut nom. sing. in der Mahlerey, ein Gemählde, worin die Figuren herrschen, zum Unterschiede von einem bloßen Landschaftsgemählde u. s. f.


Gesellschaftsmahler (W3) [Adelung]


Der Gesellschaftsmahler, des -s, plur. ut nom. sing. ein Mahler, welcher sich vorzüglich auf Gesellschaftsgemählde leget.


Gesellschaftsrechnung (W3) [Adelung]


Die Gesellschaftsrechnung, plur. inus. in der Rechenkunst, eine Rechnungsart, welche einen gegebenen Gewinst unter die Glieder der Gesellschaft nach dem Verhältnisse ihrer Einlage theilen lehret; die Gesellschaftsregel, Regula Societatis.


Gesellschaftsstück (W3) [Adelung]


Das Gesellschaftsstück, des -es, plur. die -e, ein Stück oder Ding, welches sich zu einem andern schicket, mit demselben in genauer Verbindung stehet; Franz. ein Pendant. Niebuhrs Reise ist ein vortreffliches Gesellschaftsstück zu seiner Beschreibung von Arabien.


Gesellschaftstanz (W3) [Adelung]


Der Gesellschaftstanz, des -es, plur. die -tänze, ein Tanz, in welchem mehr als zwey in Gesellschaft tanzen; ein Compagnie-Tanz.


Gesen (W3) [Adelung]


Der Gesen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Fisch, S. Alant.


Gesenk (W3) [Adelung]


Das Gesenk, des -es, plur. die -e. 1. Von dem Zeitworte senken. 1) Dasjenige, was zur Versenkung eines andern Dinges dienet. So nennen die Fischer die Gewichte, womit ein Netz am Rande belastet wird, damit es auf den Grund sinke, das Gesenk. 2) Dasjenige, was geseuket wird. Die Winzer nennen im Weinbaue dasjenige Stück eines alten Weinstockes, worein sie einen Schnitt thun und solches hernach in die Erde senken, damit es Wurzel fasse, das Gesenk; im Salischen Gesetze Candosoccus, vermuthlich von Cando, Kante, Ende, und Soccus, Senker. 3) Dasjenige, worein ein anderer Körper gesenket wird. Dahin gehören die Gesenke der Schlösser, d. i. die stählernen Formen, dem glühenden Eisen darin eine jede beliebige Gestalt zu geben. Bey den Feilenhauern ist das Gesenk ein Werkzeug mit verschiedenen Rinnen, die Feilen, wenn man sie hauet, darein zu legen; das Haueisen. 2. Von dem Zeitworte sinken, welches im Bergbaue für senken üblich ist, eine jede Aushöhlung, in welcher Stein und Erz so wohl oben als unten gebrochen wird. In engerer Bedeutung ist es die unterste Tiefe einer Grube, von welcher immer weiter in die Tiefe fortgearbeitet oder abgesunken wird. S. Sinken, das Activum.


Gesetz (W3) [Adelung]


Das Gesetz, des -es, plur. die -e, Diminut. Gesetzchen, Oberd. Gesetzlein, von dem Zeitworte setzen. 1. So fern dasselbe für absetzen, einen Absatz machen, stehet, bezeichnete das Hauptwort ehedem einen, besonders kleinen, Absatz eines Gedichtes oder einer Schrift; in welcher Bedeutung es aber veraltet ist, außer daß bey dem gemeinen Manne einiger Gegenden eine Strophe eines Liedes, ein Vers oder auch ein Kapitel aus der Bibel noch ein Gesetz genannt wird; Nieders. Gesette. Auch bey den Meistersängern hat ein Bar oder Lied mehrere Gesetze, d. i. Absätze, ein Gesetz aber gemeiniglich zwey Stollen oder Strophen, welche gleiche Melodie haben. In der vertraulichen Sprechart wird es noch zuweilen figürlich für eine kurze Rede, oder einen Theil einer Rede gebraucht. Nicht wahr, sie lögen selber ein Gesetzchen, wenn sie so eine Dose verbienen könnten? Less. 2. So fern setzen verordnen, bestimmen bedeutet. 1) In der weitesten Bedeutung, eine jede Regel, ein jeder Satz, nach welchem etwas eingerichtet wird, oder nach welchem verschiedene Dinge mit einander verbunden werden. Die Welt wird nach unveränderlichen Gesetzen von Gott regieret. Die Gesetze der Bewegung, oder die Bewegungsgesetze, nach welchen die Bewegungen aller Körper erfolgen. Die Naturgesetze, nach welchen die Veränderungen der natürlichen Körper vor sich gehen. So auch die Vorstellungs-Empfindungs-Einbildungdgesetze u. s. f. 2) In engerer Bedeutung, eine jede verbindliche Vorschrift freyer Handlungen. Ich habe es mir zum Gesetze gemacht, nie wieder zu spielen. Die Gesellschaft hat verschiedene Gesetze unter sich gemacht. Die Gesetze der Dichtkunst übertreten. Die Gesetze der Liebe und Freundschaft verletzen. In ähnlichem aber sonst ungewöhnlichem Verstande heißt in der Deutschen Bibel zuweilen jede Lehre, oder jedes Lehrgebäude, d. i. ein Zusammenhang von Vorschriften und Regeln, ein Gesetz, wie Röm. 3, 27; Es. 2, 3; Ps. 119. Dahin auch das Gesetz der Sünde, Röm. 7, 23 gehöret, das natürliche Verderben zu bezeichnen. 3) In noch engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, eine mit Strafe verbundene allgemeine Vorschrift eines Obern, wodurch es von Befehl unterschieden ist, welcher nur auf einzelne Handlungen gehet. Ein Gesetz geben, bekannt machen. Ein Gesetz aufheben. Ein Gesetz beobachten, halten, brechen, übertreten, dawider handeln. Alt die Gesetze gebunden seyn, verpflichtet seyn, denselben zu geborchen. Weltliche Gesetze, im Gegensatze der göttlichen. Bürgerliche Gesetze, welche das äußerliche Verhalten, das zum gesellschaftlichen Leben gehöret, bestimmen. Kirchliche, gottesdienstliche Gesetze, welche den Gottesdienst bestimmen. Zuweilen heißt auch ein ganzer Inbegriff mehrerer Gesetze Einer Art nur schlechthin das Gesetz. Der Menschenfreund bestrebt sich nicht nur andern das zu leisten, was das Gesetz buchstäblich befiehler, Gell. Das Kirchegesetz, der ganze Inbegriff aller kirchlichen Gesetze. 4) In der engsten Bedeutung, die göttliche Vorschrift unsers freyer Verhaltens und der ganze Inbegriff dieser Vorschriften; in welcher Bedeutung dieses Wort wieder in verschiedenen Einschränkungen gebraucht wird, welche doch außer der Bibel und der biblischen Schreibart nicht üblich sind. (a) Eine jede verbindlich Lehre göttlichen Ursprunges, mit Einschließung so wohl des Naturgesetzes als auch des Evangelii, welches letztere Es. 2, 3 das Gesetz aus Zion, und Röm. 3, 27 das Gesetz des Glaubens genannt wird. (b) Die ganze heilige Schrift, oder einzelne Theile derselben. Von der ganzen heil. Schrift kommt es Ps. 1, 2 und 119 vor. Von einzelnen Theilen wird zuweilen das ganze alte Testament im Gegensatze des neuen das Gesetz genannt, wie Joh. 10, 34; Kap. 15, 25; zuweilen aber werden unter diesem Nahmen nur die fünf Bücher Mosis, im Gegensatze der Propheten und Psalmen begriffen. (c) Die göttlichen Vorschriften unsers Verhaltens in der nähern Offenbarung, und der ganze Umfang derselben, im Gegensatze des Evangelii; dahin denn wiederum das bürgerliche Gesetz der ehemahligen Juden, ihr Ceremonial- oder Kirchengesetz, und das Sittengesetz gehören, welches letztere in der engsten Bedeutung das Gesetz genannt wird.

Anm. Gesetz, bey dem Kero Kesezzida, im Schwabenspiegel nur Setz, kommt von setzen, verordnen, her, wie das Griech. $ von $, und das veraltete Nieders. Lage, Schwed. Laga, Angels. Lagu, Engl. Law, Lat. Lex, von legen abstammet.


Gesetzbuch (W3) [Adelung]


Das Gesetzbuch, des -es, plur. die -bücher, eine Sammlung mehrerer Gesetze Einer Art in ein Buch; Codex.


Gesetzfälscher (W3) [Adelung]


Der Gesetzfälscher, des -s, plur. ut nom. sing. der Verfälscher eines Gesetzes.


Gesetzgeber (W3) [Adelung]


Der Gesetzgeber, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Gesetzgeberinn, plur. die -en, der oder die Gesetze gibt; bey dem Ottfried Wizodspentar, und bey dem Notker Eoskefel, Eobringer, von den veralteten Wörtern Wizzod und Ee, Ehe, welche ehedem für Gesetz üblich waren.


Gesetzgebung (W3) [Adelung]


Die Gesetzgebung, plur. inus. die Gebung eines Gesetzes. Die feyerliche Gesetzgebung auf dem Berge Sinai.


Gesetzlich (W3) [Adelung]


Gesetzlich, adj. et adv. 1) Dem Gesetze gemäß, in demselben gegründet. Eine Liebe, so gesetzlich, daß unsere Vorgesetzten sie billigen, Dusch. Man muß in der Moral nicht mit gesetzlicher Ängstlichkeit auf Kleinigkeiten fallen. So mehrt er Stamm und Gut, ist achtsam und verschwiegen, Scharffinnig im Beruf, gesetzlich im Vergnügen, Haged. 2) Unter dem Gesetze, so wohl der Verbindlichkeit, als der Strafe des Gesetzes unterworfen; doch nur in der Deutschen Bibel. Die gesetzliche Haushaltung Gottes, unter dem Gesetze, im alten Testamente. Der gesetzliche Zustand, der Zustand der herrschenden Sünde, wo sich der Mensch unaufhörlich der im Gesetze gedroheten Starfe schuldig macht. 3) Nach dem Gesetze. Die gesetzliche Verunreinigung der Juden.


Gesetzlichkeit (W3) [Adelung]


Die Gesetzlichkeit, plur. inus. die Eigenschaft, nach welcher eine Sache gesetzlich, d. i. dem Gesetze gemäß ist.


Gesetzlos (W3) [Adelung]


Gesetzlos, -er, -este, adj. et adv. des Gesetzes beraubt, ohne Gesetz, so wohl im guten, als nachtheiligen Verstande. Gott ist gesetzlos, weil er keinen Oberherren hat. Durch den Sündenfall wollten die Menschen gesetzlos werden. Die höchste Gewalt im gemeinen Wesen ist gesetzlos, ist keinen menschlichen Gesetzen unterworfen.


Gesetzlosigkeit