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DE Deutschland, Alemania, Allemagne, Germania, Germany
Adelung - Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart
R

A

Adelung, Johann Christoph
Hochdeutsches Wörterbuch
Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart,
mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten,
besonders aber der Oberdeutschen [Adelung]

(E?)(L?) http://www.bastisoft.de/misc/adelung/

Zu den Daten

Hier finden Sie den vollständigen Text des "Grammatisch-kritischen Wörterbuchs der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen" von Johann Christoph Adelung. Er entspricht der Ausgabe von 1811, die vom Münchener Digitalisierungszentrum der Bayerischen Staatsbibliothek eingescannt und mit einem Texterkennungsprogramm in Textform überführt wurde. Text und Bilder hat die sogenannte Digitale Bibliothek auf Ihrem Web-Server verfügbar gemacht, jedoch nicht als fortlaufenden Text. Das ist die Lücke, die diese Datei füllen soll.

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Sebastian Koppehel


Erstellt: 2010-02

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D

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Q

R

R (W3) [Adelung]


R, der achtzehnte Buchstab des Deutschen Alphabetes und der vierzehnte unter den Consonanten, welcher mit einer zitternden Bewegung der Zungenspitze an dem Gaumen ausgesprochen wird, daher er auch zu den Zungenbuchstaben gehöret. Man rechnet ihn zugleich zu den flüssigen Mitlautern, weil er so wohl vor als hinter den meisten andern Mitlautern sehr leicht auszusprechen seyn soll. Dieses leidet indessen seine Ausnahmen. Dann da das r der schwerste Buchstab in der Sprache ist, so nimmt diese Schwierigkeit in der Aussprache noch zu, wenn ein b, p, oder w vorher gehet, obgleich das d und t nicht so viele Schwierigkeiten haben. Der Einwohner von Otaheite in der Südsee konnte das pr, br u. s. f. niemahls aussprechen lernen, ob er gleich das r, wenn es zwischen zwey Vocalen stand, sehr leicht aussprach. Die Ursache der schweren Aussprache der r liegt in der zitternden Bewegung der Zunge, welche eine mehrere Anstrengung erfordert, als die übrigen Buchstaben, daher auch die Kinder dasselbe am letzten und schwersten, und wenn die Zunge zu sehr mit dem untern Gaumen verwachsen ist, oft gar nicht aussprechen lernen. Ja es gibt ganze Rationen, in deren Sprache dieser Buchstab nicht befindlich ist, und denen daher auch die Aussprache desselben unmöglich fällt. Aber auch da, wo man ihn hat und ausspricht, veranlasset der mangelhafte Bau der Sprachwerkzeuge oder Nachlässigkeit in der Erziehung einen doppelten Fehler in der Aussprache dieses Buchstabens, nähmlich das Lallen und das Schnarren. Das erste bestehet darin, wenn man statt des r ein l hören läßt, und der zweyte, welchen man in Baiern rätschen nennet, wenn zwar das r gehöret, dasselbe aber zu tief in dem Gaumen, oder durch die Nase ausgesprochen wird. Den hauchenden Sprachen und Mundarten, zu welchen auch die Alemannische und noch zum Theil die heutige Oberdeutsche gehöret, ist es sehr gewöhnlich, diesen schon an sich schweren Buchstaben noch durch einen Hauchlaut zu verstärken; hraube, rauben, hrizzan, reißen. Andere lassen den Hauch nachschleichen, Rhein, Rhenus. Im Hochdeutschen kennet man beyde Arten nicht; denn ob man gleich in fremden Wörtern das Rh beybehält, so schreibt man doch in ursprünglich Deutschen, z. B. Reede oder Rehde lieber ein bloßes r. Der einzige Rheinstrom macht hier eine Ausnahme, obgleich sein Nahme von den veralteten reinen, fließen, abstammet, wovon rinnen und rennen Intensiva sind; indem man hier noch das h zum Andenken der Griechischen und Römischen Schriftsteller, die seinen Nahmen zuerst geschrieben haben, beybehält. Ältere Deutsche schrieben auch Hrein. Das r ahmet vermöge seiner Natur eine jede zitternde Bewegung nach, worauf es denn figürlich auch gebraucht wird, eine kreisförmige, ja eine jede heftige und plötzliche Bewegung, eine schnelle Wiederhohlung, eine Intension, heftige Gemüthsbewegung u. s. f. auszudrucken. Beyspiele sind tremere, rasch, irren, die intensive und frequentative Endung -ern, Kreis, drehen, Ira, und tausend andere. Die zitternde Bewegung der Zunge, mit welcher dieser Buchstab ausgesprochen wird, macht, daß seine Stelle in Ansehung des Vocals, von welchem er begleitet wird, nicht allemahl bestimmt genug ist, indem dieser, oft in einer und eben derselben Sprache, bald vorn bald hinten steht. Für Brunn sagt man auch Born, für brennen, bernen, Engl. to burn, daher Bernstein. Für das alte Byrn, ein Berg, findet man auch Brynn. Für pressen sagen die Niedersachsen perssen, für Rechen Harke. Harm und Gram sind vermuthlich Eines Ursprunges, so wie Dorf und Trupp, dreist und das alte dürsten, begierig seyn, drehen und tornare. Auch die Lateiner sagen acer und acris, cerno und crevi, Discrimen, burere und Pruna, germen und Gramen, Cranium, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - u. s. f. Sehr gewöhnlich ist, nicht allein in der Deutschen, sondern fast in allen Sprachen, die Verwechselung des r mit s, und noch mehr mit dem verwandten l. Beyspiele von der ersten Art sind Beere, und das Nieders. Besing, bey dem Ulphilas Basi; verlieren, ehedem verliesen und Verlust; köhren und kiesen; Hase, Schwed. und Engl. Hare; befahren, fürchten, Schwed. fasa; frieren, ehedem friesen, Frost und Friesel; ich war, Nieders. was, gewesen, so wie die Lateiner für ero ehedem eso sagten; wer und quis; Rohr, bey dem Ulphilas Raus, Franz. Roseau; Aes und Aeris; Arena, bey den ältern Latainern Aseoa; Ara, ehedem Asa u. s. f. Von der zweyten Art, Maronke und Malonke, Pilgrim und Peregrinus, das Schweizerische Kilche für Kirche, Blocksberg und Brocksberg, Pflaume und Prunum, Herberge und das mittlere Lat. Alberga, und bey den Lateinern Furca, ehedem Fulca, anderer zu geschweigen, S. auch die Endung -El und -Er, "-Eln" und -Ern. Seltener ist die Verwandelung des d und t in r, ob sie gleich den Meklenburgern sehr geläufig ist. Denn dort sagt man Varer für Vater, Maurer für Mutter, Jure für Jude, Lüre für Lüde, Leute, myn Lere für mein Lebetage.


Raa (W3) [Adelung]


Die Raa, die Segelstange, S. Rahe.


Rabatt (W3) [Adelung]


Der Rabatt, des -es, plur. inus. aus dem Ital. Rabbatto, Franz. Rabat, und diese von rabattere und rabattre, bey den Kaufleuten, der Nachlaß an dem bestimmten Preise einer Waare. Jemanden drey Procent Rabatt geben.


Rabatte (W3) [Adelung]


Die Rabatte, plur. die -n, gleichfalls aus dem Franz. Rabat. 1) Ein Umschlag, umgeschlagener Saum oder Theil eines Kleidungsstückes; besonders der Auf- und Umschlag am Halse und an den Ärmeln. Ein hellgrüner Rock mit rothen Rabatten. 2) Figürlich werden daher bey den Gärtner die mit Buchsbaum oder andern Gartengewächsen eingefaßten Gartenbeete, so fern sie wiederum zur Einfassung eines mit Küchengewächsen besetzten Quartieres dienen, gleichfalls Rabatten genannt. Wachter leitet es hier sehr unwahrscheinlich von dem Böhmischen hrabati, graben, ab, welches wiederum von hrabe, ein Karst, ein Grabscheit, abstammet.


Rabe (W3) [Adelung]


Der Rabe, des -n, plur. die -n, eine Art Vögel mit drey nackten Vorderzehen, Eines Hinterzehe, und einem langen konischen Schnabel; Corvus L. In weiterer Bedeutung pflegt man auch die nahe verwandten Krähen mit zu den Raben zu rechnen, und in manchen Gegenden hat man für beyde nur den Nahmen Rabe. Im engsten Verstande sind die Raben eine große und völlig schwarze Art Krähen, dagegen bey den eigentlichen Krähen der Rücken in das Blaue fällt. So schwarz wie ein Rabe. Er stiehlt wie ein Rabe, weil alle Thiere dieses Geschlechtes einen natürlichen Trieb haben, glänzende Körper wegzutragen.

Anm. In der härtern Oberdeutschen Mundart ohne e euphonicum, Rab, Rapp, bey dem Willeram Raban, bey dem Notker mit einem andern aber verwandten Endlaute Rammo, noch in einigen Oberdeutschen Gegenden Rahm, im Nieders. Rave, im Angels. Raefn und Hremm, im Engl. Raven, im Schwed. Rafn und Ramn, selbst im Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, Oreb, und im Arab. Gourabon. Diese große Übereinstimmung beweiset schon, daß der Vogel seinen Nahmen von einer sehr in die Sinne fallenden Eigenschaft haben müsse. Wachter fiel auf das alte Rhao, Aas, weil sich der Rabe unter andern auch davon nähret; Junius und andere auf das Rauben; Frisch auf die schwarze Farbe, weil Rahm auch Ruß bedeutet, und ein schwarzes Pferd und ein Rappe genannt wird, ( S. dieses Wort.) Allein es gibt auch, obgleich seltener, weiße Raben, und der Indianische Rabe oder Wasserrabe ist oben gelb. Es ist daher weit wahrscheinlicher, daß dieser Vogel den Nahmen von seinem lauten widerwärtigen Geschreye hat, welchem auch die nahe verwandten Krähen ihren Nahmen zu danken haben. In der Schweiz druckt man das Geschrey der Raben wirklich durch grappen aus. Das provinzielle rahmen, Angels. hreman, das Finnländ. raawun, bedeuten insgesammt schreyen, und sind mit unserm rufen, Nieders. ropen, verwandt. Die morgenländischen Oreb und Gourabon, welche bloß einen Hauch- und Gaumenlaut voran schicken, machen es wahrscheinlich, daß auch das Lat. Corvus mit hierher gehöret; so wie Corax mit der Krähe und ihrem Krächzen verwandt ist. Der dunkelgrüne Wald- oder Steinrabe, der Nachtrabe, der See- oder Wasserrabe, welche alle Vögel verschiedener Geschlechter sind, haben mit unsern Raben nichts als das laute widerwärtige Geschrey gemein, obgleich auch einige darunter zufälliger Weise schwarz sind, die meisten aber andere Farben haben. S. 1 Racker.


Rabenaas (W3) [Adelung]


+ Das Rabenaas, des -es, plur. die -äser, ein nur in den niedrigen Sprecharten übliches Schimpfwort, einer höchst strafbaren oder lasterhaften Person, welche gleichsam verdienet, den Raben zur Speise zu werden.


Rabenart (W3) [Adelung]


Die Rabenart, plur. car. eine den Raben natürliche Art. Besonders gebraucht man dieses Wort in sehr hartem Verstande von dem unnatürlich harten Betragen mancher Ältern gegen ihre Kinder, ob sich gleich dieser Ausdruck auf die in den neuern Zeiten als ein Mährchen befundene Erzählung gründet, daß die Raben ihre Jungen verlassen sollen. Solche gegen ihre Kinder auf eine unnatürliche Art harte und grausame Ältern pflegt man auch Rabenältern, Rabenväter und Rabenmütter zu nennen.


Rabenbatzen (W3) [Adelung]


Der Rabenbatzen, des -s, plur. ut nom. sing. S. Rabenhaller.


Raben-Ducaten (W3) [Adelung]


Der Raben-Ducaten, des -s, plur. ut nom. sing. eine Art Ungarischer Ducaten, welche König Matthias Hunniades zum Andenken eines von ihm im Fluge geschossenen Raben, der ihm einen Ring entwandt hatte, schlagen lassen. Man siehet darauf einen Raben, der einen Ring im Schnabel führet. Die seltensten sind die von 1499, wo der Rabe in dem Schilde siehet. Ungelehrte Münzliebhaber pflegen auch oft die Arabischen Ducaten, verderbt Raben-Ducaten zu nennen.


Rabenfuß (W3) [Adelung]


Der Rabenfuß, des -es, plur. die -füße, eigentlich der Fuß von einem Raben. Figürlich, wegen einiger Ähnlichkeit in der Gestalt der Blätter, auch ein Nahme des Strand- oder Wasserwegerichs, Plantago maritima L. welchen andere Krähenfuß nennen.


Rabenhäller (W3) [Adelung]


Der Rabenhäller, des -s, plur. ut nom. sing. eine Art Schweizerischer Häller, mit einem darauf geprägten Rabenkopfe. Vielleicht aus dem Canton Freyburg, der einen Raben im Wapen führet. Man hat auch dergleichen Rabenpfennige, Rabenvierer, und Rabenhatzen mit eben dem Gepräge.


Rabenhütte (W3) [Adelung]


Die Rabenhütte, plur. die -n, bey den Jägern, eine Hütte im freyen Felde, die Raben und Krähen aus derselben zu schießen; die Krähenhütte.


Rabenkiel (W3) [Adelung]


Der Rabenkiel, des -es, plur. die -e, ein Kiel aus dem Schwungfedern der Raben; Rabenfeder, Rabenspule, Nieders. Rabenpose.


Rabenkrähe (W3) [Adelung]


Die Rabenkrähe, plur. die -n, eine Art ganz schwarzer Krähen, welche den Raben sehr ähnlich sehen, aber nicht so groß und stark sind; Cornix nigra Klein.


Rabenmutter (W3) [Adelung]


Die Rabenmutter, plur. die -mütter, S. Rabenart.


Rabenpfennig (W3) [Adelung]


Der Rabenpfennig, des -es, plur. die -e, S. Rabenhäller.


Rabenschnabel (W3) [Adelung]


Der Rabenschnabel, des -s, plur. die -schnäbel, eigentlich der Schnabel eines Raben. Bey den Wundärzten ist es eine Zange mit einer langen gekrümmten Spitze, die Splitter aus den Wunden damit zu ziehen.


Rabenschwarz (W3) [Adelung]


Rabenschwarz, adj. et adv. so schwarz wie ein Rabe, sehr schwarz, kohlschwarz.


Rabenspule (W3) [Adelung]


Die Rabenspule, plur. die -n, S. Rabenkiel.


Rabenstein (W3) [Adelung]


Der Rabenstein, des -es, plur. die -e. 1) * En Steinhaufe, auf welchen sich die Raben gemeiniglich zu setzen pflegen; eine im Hochdeutschen ungewöhnliche Bedeutung, in welcher es Sprichw. 26, 8 vorkommt: Wer einem Narren Ehre anlegt, das ist, als wenn einer einen Edelstein auf den Rabenstein würfe. 2) Ein erhabener gemauerter Platz, auf welchem man die Missethäter zu enthaupten pflegt, vermuthlich auch, so fern sich die Raben gern daselbst versammeln, zumahl da ein solcher Richtplatz gemeiniglich nicht weit von dem Galgen zu seyn pflegt; oder vielleicht noch besser von dem alten Hrew, eine Leiche, Angels. Hräw, ein Aas, todter Körper. Im Nieders. heißt er Koppelbarg, in einigen Schweizerischen Gegenden die Blatte, in andern Oberdeutschen Gegenden die Hauptstadt. 3) In einigen Gegenden wird der schwarze Belemnit, wegen seiner schwarzen, dem Raben ähnlichen Farbe, Rabenstein genannt.


Rabenvater (W3) [Adelung]


Der Rabenvater, des -s, plur. die -väter, S. Rabenart.


Rabenvlerer (W3) [Adelung]


Der Rabenvlerer, des -s, plur. ut nom. sing. S. Rabenhäller.


Rabulist (W3) [Adelung]


Der Rabulist, des -en, plur. die -en, ein geschwätziger und dabey ränkvoller Sachwalter, welcher den Sinn des Gesetzes nach seinem Vortheile zu drehen weiß; ein Zungendrescher. Daher die Rabulisterey, ränkvolle Geschwätzigkeit. Es ist aus dem mittlern Lat. rabulare, viel leeres Geschrey vor Gericht machen, welches wieder von dem Lat. Rabula, ein Zungendrescher, Rabulist, abstammet. Vossius bemerkte schon, daß dieser Lateinische Ausdruck mit dem Nieders. rabbeln, Holländ. rabbelen, geschwinde und unverständlich reden, verwandt sey. Im mittlern Lateine wird ein Rabulist auch Legicrepa genannt.


Rabzahn (W3) [Adelung]


Der Rabzahn, S. Raffzahn.


Rache (W3) [Adelung]


Die Rache, plur. car. 1) In engerer Bedeutung, die Begierde, das uns angethane Unrecht an dem Beleidiger zu ahnden oder geahndet zu sehen, dessen Zufügung und das Übel selbst, welches ihm auf solche Art zugefüget wird. Vor Rache glühen. Auf Rache bedacht seyn, auf eine Gegenbeleidigung für ein empfangenes Unrecht. Auf Rache denken oder sinnen. Rache an jemanden nehmen, sich an ihm rächen. Die gleichbedeutende R. A. Rache an jemanden üben, kommt wenig mehr vor, so wie die biblische R. A. einem Rache geben, ihn rächen, ungewöhnlich ist. Etwas aus Rache thun. So lange loderte der Rache schwarzes Feuer In keines Gottes Brust, Raml. In der engsten Bedeutung ist es die Begierde, eine Beleidigung eigenmächtig zu ahnden, und diese Ahndung oder Gegenbeleidigung selbst; so wie es 2) im weitesten Verstande auch von einer Ahndung des Gesetzgebers, d. i. von der Strafe, und dem Verlangen zu strafen, gebraucht wird, in welchem Verstande es in der Deutschen Bibel sehr häufig, selbst von Gott vorkommt. Die Rache ist mein, ich will vergelten, 5 Mos. 32, 25. Außer derselben wird es in diesem Verstande nur noch zuweilen in der höhern Schreibart gefunden. Anm. Bey dem Kero Richti, bey dem Ottfried Ruh, Riche, bey dem Notker mit vorgesetztem Gaumenlaute oder Präfixo Ge-, Geriche, Kerichi, Kricchi, im Niederdeutschen mit vorgesetztem Blaselaute Wrake, bey dem Ulphilas Wraka; im Angels. Wrace, Wraec, im Engl. Wreak. ( S. das folgende.) Ehedem war auch Rachsal für Rache üblich.


Rachel (W3) [Adelung]


* Die Rachel, plur. die -n, ein besonders in Meißen übliches Wort, eine Furche, oder einen Riß in dem Acker zu bezeichnen. Das Wasser hat viele Racheln in dem Boden gemacht.


Rächen (W3) [Adelung]


Rächen, verb. reg. et irreg. act. welches im letztern Falle, im Mittelw. gerochen, im Imperat. aber räche hat, ein begangenes Unrecht an dem der es begangen hat, ahnden; mit der vierten Endung der Sache. 1) Im weitesten Verstande, da es auch von der Ahndung des Gesetzgebers, für strafen, gebraucht wird; welche Bedeutung doch außer der Deutschen Bibel und der höhern Schreibart nicht üblich ist. Die Person, an welcher er das Unrecht geahndet wird, bekommt hier, so wie in der folgenden Bedeutung, das Vorwort an. Denn ich will des Menschen Leben rächen an einem jeglichen Menschen, 1 Mos. 9, 5, d. i. den Mord bestrafen. Denke nicht, wer will mirs wehren? Denn der Herr, der oberste Rächer, wirds rächen, Sir. 5, 3. 2) In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, mit Ausschließung der Strafe, so daß es bloß die mit einer Art der Vergnügens verbundenen Gegenbeleidigung ausdruckt. Es ist nicht Verdruß, nicht niedrige Begierde, meinen Schimpf an dir zu rächen, was mich so kühn macht, Dusch. Nun bin ich gerochen, nun ist das mir zugefügte Unrecht dem Beleidiger vergolten. Sich an jemanden rächen. Gott wird mich rächen an allen meinen Feinden. Wer rächt die Feldherrn, die nach Ehre dürften, An diesem wunderbaren Fürsten, Der seine Schlachten selbst gewinnt? Raml. Die zweyte Endung der Sache, anstatt der vierten, kommt nur im Oberdeutschen vor. - Der verretterey er rach (roch) Dermaß, das mancher sein leyd sach, Theuerd. Kap. 91. Die wollte durch das Schwert sich rächen ihrer Nöthen, Opitz. Im engsten Verstande schließt es auch hier den Begriff der unerlaubten Eigenmächtigkeit mit in sich. Das Hauptwort die Rächung ist nicht üblich, weil Rache dessen Stelle vertritt.

Anm. Schon in dem alten Lobgedichte auf den König Ludwig aus dem 9ten Jahrh. rahhan, für strafen, bey dem Ottfried rechan, im Nieders. räken, noch häufiger aber wräken, und im Osnabrück. gar frecken, bey dem Ulphilas vrikan, im Angels. wraecan, im Engl. to wreak, im Schwed. wraeka, im Isländ. raekia. Wenn man bedenket, daß die Wörter zu einer Zeit entstanden sind, da die Menschen noch in dem rohen Stande der sich selbst überlassenen Natur lebten, so wird es sehr wahrscheinlich, daß dieses Wort eigentlich das ungestüme Betragen eines aufgebrachten beleidigten Menschen ausdruckt. Bey dem Ulphilas bedeutet wrikan, und im Isländ. reka, wirklich verfolgen, bey dem Ottfried ist rahhan tadeln, schelten, im Nieders. wraken, streiten, zanken, racken schimpfen, im Holländ. Wrok Groll, und im Persischen rachg zornig. ( S. auch Richter, Rügen und Verrucht.) Bey unsern ältern Schriftstellern kommt es immer irregulär vor. Vngerochen, Notker. Ich hoff hewt Werden gerochen an dem Mann, Theuerd. Kap. 88. Ja bey dem Ottfried lautet es im Imperativ garrih, und bey andern Oberdeutschen Schriftstellern im Imperf. rach. Erst in den neuern Zeiten hat man angefangen, es regulär zu gebrauchen, um die Zweydeutigkeit mit den Zeitworte riechen, welches gleichfalls roch, gerochen, hat, zu vermeiden. Wie grausam war ich an ihnen gerächet! Raben. In Luthers Deutschen Bibel kommt beydes vor. Cain soll siebenmahl gerochen werden, 1 Mos. 4, 24. Bis sich das Volk an seinen Feinden rächete, Jos. 20, 13; wo aber die letztere Form von neuern Correctoren herzurühren scheinet. Ich roch, für rächete, ist ganz veraltet, indem nur noch das einzige gerochen für gerächet, gebraucht wird.


Rachen (W3) [Adelung]


Der Rachen, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Eigentlich, der untere Theil des geöffneten Schlundes bey dem Anfange der Luft- und Speiseröhre, und in weiterer Bedeutung der Schlund selbst; doch gemeiniglich nur von dem geöffneten Schlunde der größern Thiere, besonders so fern sie den Menschen gefährlich sind. Der Rachen der Löwen. Den Rachen aufsperren. Das Lamm dem Wolfe aus dem Rachen reißen. Einem Pferde den Rachen stechen, ihm die in der dritten und vierten Furche des Gaumens liegende Ader öffnen. Rachen hat in allen diesen Fällen den Nebenbegriff, theils der großen, theils aber der fürchterlichen, schädlichen Öffnung des Maules, daher man es in noch weiterer Bedeutung für den Mund überhaupt nie anders als in harter und verächtlicher Bedeutung gebraucht. Den Rachen aufsperren, den Mund. Jemanden den Rachen füllen, ihn sättigen. Einem alles in den Rachen stecken, alles an ihn wenden. Indessen muß es doch in einigen Gegenden in anständiger und unschuldiger Bedeutung üblich seyn, sonst würde Opitz wohl nicht gesungen haben: Was Anmuth hat mir deine Red erregt! Wie lieblich ist sie doch in meinen Rachen! Ps. 119, Und im 137sten Psalme: So müsse mir die Zung am Rachen kleben. 2) Figürlich, ein fürchterlicher, schrecklicher Abgrund, mit dem Beysatze des Dinges, dem er zugehöret. Der Rachen der Hölle, in der Deutschen Bibel. Dem Tode im Rachen stecken, in augenscheinlicher Lebensgefahr seyn. Wenn dann vielleicht der Wellen schwarzer Rachen Den Frachten droht und Mast und Kiel ereilt, Haged.

Anm. Schon bey dem Raban Maurus Hracho, im Angels. Raca, im Holländ. Raaken, und selbst im Arab. Harakon oder Harrachon, Frisch läßt es von dem Lat. Rictus abstammen, welches wieder von ringere, ehedem rigere, ohne Zweifel eigentlich den Rachen aufsperren, herkommt. Wachter fällt auf das Hebr. Rakia, der Himmel, weil die Griechen den Himmel und Gaumen - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - nannten, und der heil. Augustin sagt, quod hiatus noster, cum os aperimus mundo similis esse videatur; eine sonderbare Ähnlichkeit, die wohl nur dem heil. Augustin einfallen konnte. Sollen diese Ableitungen erträglich seyn, so muß man in Rachen und dem Hebr. Rakia einen dritten Stammbegriff annehmen, welcher die große weite Höhlung oder Öffnung seyn würde, und da könnte es leicht seyn, daß Rachen, das Stammwort wäre, weil es den Laut sehr genau nachahmet, welcher mit der Aufsperrung des Rachens großer zorniger Thiere verbunden zu seyn pflegt.


Rächer (W3) [Adelung]


Der Rächer, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Rächerinn, eine Person, welche das begangene Unrecht zu ahnden sucht; besonders in der weitern Bedeutung und höhern Schreibart, wo es denn vornehmlich von einer das Unrecht bestrafenden Person gebraucht wird, und in der Bibel mehrmahls von Gott vorkommt, der daselbst der oberste Rächer, so wie die Obrigkeit die Rächerinn zur Strafe über den der Böses thut, heißt. Bey dem Notker Rechare. In der gewöhnlichsten Bedeutung der Wörter Rache und rächen ist es in dem zusammen gesetzten Bluträcher am üblichsten.


Rachgier (W3) [Adelung]


Die Rachgier, plur. car. die Gier, oder heftige ungeordnete Begierde, sich zu rächen, d. i. eine empfangene Beleidigung durch Gegenbeleidigung zu vergelten.


Rachgierig (W3) [Adelung]


Rachgierig, -er, -ste, adj. et adv. Rachgier habend, an den Tag legend, und in derselben gegründet. Ein rachgieriger Mensch. Ein rachgieriges Betragen. Ehedem auch rachselig.


Rachgierigkeit (W3) [Adelung]


Die Rachgierigkeit, plur. car. die Fertigkeit sich der Gegenbeleidigung zu befleißigen, eine zur Fertigkeit gewordene Nachgier.


Rachgrimm (W3) [Adelung]


Der Rachgrimm, des -es, plur. car. eine mit Grimm verbundene Rachgier. Daher rachgrimmig, Rachgrimm empfindend, darin gegründet.


Rachschwert (W3) [Adelung]


Das Rachschwert, des -es, plur. die -er, eine zur Rache. d. i. zur Bestrafung des Verbrechens, bestimmtes Schwert. Figürlich werden in der Deutschen Bibel alle Strafgerichte Gottes sein Rachschwert genannt.


Rachsucht (W3) [Adelung]


Die Rachsucht, plur. car. die Sucht, d. i. eine lange anhaltende heftige Begierde, sich zu rächen, die Rachgier, als eine anhaltende Leidenschaft betrachtet. Daher rachsüchtig, Rachsucht habend, und darin gegründet.


Rack (W3) [Adelung]


Der Rack, des -es, plur. die -e, S. das folgende.


Racker (W3) [Adelung]


1. Der Racker, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Gegenden, ein Nahme der Mandelkrähe, oder Goldkrähe, welche in andern Blaue Rake, Galgenrekel, Galskregl genannt wird. In andern Gegenden wird die Dohle Rayke und Ruchert genannt. In Oberdeutschland heißt der blaue Holzhäher Ruch, in andern Gegenden Rak, in Niederdeutschland Racker. Am häufigsten bezeichnen die Nahmen Racker, Ruch, Rook, Karechel, Rückenrabe, Engl. Rook, eine Art ganz schwarzer Krähen, mit einem weißen horniger Wesen an der Wurzel des Schnabels, welche sich von dem Getreide nähren, und auch Grindraben genannt werden. Cornix nigra, frugilega Klein. Im Reineke Fuchs heißt die Krähe Karak, und im Nieders. sind Rook und Röke oft Nahmen der Raben. In allen diesen Fällen ist es eine Nachahmung des Geschreyes dieser Vögel, welches sehr deutlich rak, rak lautet.


Racker (W3) [Adelung]


2. + Der Racker, des -s, plur. ut nom. sing. in den niedrigen Sprecharten, ein Hund im verächtlichen Verstande. Entweder als Ein Wort mit den folgenden, da es denn eigentlich einen Hund, der dem abgedeckten Viehe nachgehet, bedeuten würde, oder auch von dem alten Angels. Raec, Schottländ. Rache, Normand. Racchez, ein Jagdhund. Im mittlern Lat. ist Racha, und im Schwed. noch jetzt Racka, eine Petze, Hündinn. Alle von dem noch im Schwed. üblichen racka, laufen. Mit vorgesetztem B ist daraus vermuthlich Brack, Bracken, in der Bedeutung eines Hundes mit herab hängenden Ohren geworden. S. 1 Brack.


Racker (W3) [Adelung]


3. + Der Racker, des -s, plur. ut nom. sing. 1) In den niedrigen Sprecharten, besonders Nieder-Deutschlandes, der Abdecker oder Schinder, und in weiterer Bedeutung auch der Henker oder Henkersknecht, ingleichen der Cloak-Räumer; beydes im verächtlichen Verstande. 2) In eben diesen niedrigen Sprecharten ist es oft ein Schimpfwort auf eine im höchsten Grade verächtliche oder hassenswürdige Person, da es denn zugleich ungeändert von beyden Geschlechtern gebraucht wird. Es stammet hier wohl nicht, wie einige wollen, von dem Recken auf der Folterbank her, sondern mit mehrerer Wahrscheinlichkeit von dem noch im Nieder-Deutschen sehr gangbaren racken, unfläthige Arbeit verrichten, rackerig, unfläthig, Rackerije, Unfläthigkeit, welche so wohl mit dem Isländ. Rhae, Aas, reka wegwerfen, als mit dem Schwed. Vrak, Auswurf, Ausschuß, und vielleicht auch mit Brack und Wrack verwandt sind, ( S. diese Wörter.) Das Isländ. Ragr, Schwed. Raggen, Litthauisch Raggina, Lettisch Raggana, der Kobold, Teufel, gehöret nicht hierher, sondern vermuthlich mit dem alten Recken, ein Riese, zu einem andern Stamme.


Rackerig (W3) [Adelung]


+ Rackerig, adj. et adv. auch nur in den niedrigen Sprecharten, für zornig, böse, mürrisch. Vermuthlich von 2. Racker.


Racket (W3) [Adelung]


Das Racket, des -es, plur. die -e, richtiger die Rackete, plur. die -n, aus dem Ital. Rachetta, und franz. Raquette, bey dem Ballspielen, ein kleines Netz zwischen einem runden Bügel mit einem Handgriffe, den Ball damit zu schlagen; das Schlagenetz. Vermuthlich von dem Lat. Rete, gleichsam Retiquette.


Rackete (W3) [Adelung]


Die Rackete, plur. die -n, in der Feuerwerkskunst, ein Theil eines Luftfeuerwerkes, welches aus einem mit Pulversatze gefüllten Cylinder bestehet, der, wenn er angezündet wird, in die Höhe steiget, und daselbst mit einem starken Knalle erlischt. Man hat auch Wasser-Racketen, welche auf dem Wasser schwimmen und brennen. Man schreibt es gemeiniglich Raquete, als wenn es aus dem Französischen herstammete, ungeachtet die Französische Sprache, wenigstens die heutige, dieses Wort nicht kennet. Im Ital. heißt eine Rackete Raggio, Raggetto von Radius, ein Strahl, weil sie wirklich ein Strahlfeuer vorstellet, und daraus ist unser Deutsches Wort gebildet.


Racketen-Satz (W3) [Adelung]


Der Racketen-Satz, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten oder Quantitäten, die -Sätze, dasjenige Pulver, womit die Rackete gefüllt wird.


Racketen-Stab (W3) [Adelung]


Der Racketen-Stab, des -es, plur. die -Stäbe, der lange Stab oder Stock, woran die Rackete befestiget wird, damit sie gleichförmig steige; der Racketen-Stock.


Racketen-Stock (W3) [Adelung]


Der Racketen-Stock, des -es, plur. die -Stöcke. 1) S. das vorige. 2) Der Stock oder die hölzerne Form, worin die Rackete gebildet wird.


Rad (W3) [Adelung]


Das Rad, des -es, plur. die Räder, Diminut. das Rädchen, (Plur. Räderchen,) Oberd. Rädlein, ein überaus altes Wort, welches theils einen Kreis, theils einen un einen Mittelpunct beweglichen körperlichen Kreis, oder Zirkel bedeutet. 1. In der weitesten Bedeutung eines Kreises, oder einer durch die Bewegung eines andern Körpers beschreibenden Zirkellinie, ist es nur noch in einigen Fällen üblich. So sagt man noch im Tanzen, ein Rädchen, und im Oberdeutschen, ein Rädlein machen, wenn mehrere in einem Kreise herum tanzen, ( S. Rädelsführer.) Auf ähnliche Art macht man mit einem Schlitten oder mit einem Wagen ein Rädchen, wenn man mit denselben im Kreise herum fähret. Ein Rad schlagen, eine bey Knaben und Gauklern übliche Bewegung, da man den Körper vermittelst der Hände und Füße schnell fortbeweget, so daß bald die Hände, bald aber auch die Füße oben kommen. Er (Cotill) ging, und schlug im Gehen oft ein Rad, O, schrie man, seht den jungen Lassen, Den den Verstand verloren hat, Gell. Der Pfau schlägt ein Rad, wenn er die Schwanzfedern in die Höhe richtet, so daß die in demselben befindlichen Augen einen Kreis vorstellen. Hochmüthig schlug ein Pfau sein Rad, Schleg. 2) In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, ist es ein beweglicher körperlicher Kreis, d. i. ein um seine Achse beweglicher Zirkel. 1) Eigentlich, wo es eine Menge von Rädern gibt, welche ihren Nahmen gemeiniglich von ihrer Bestimmung bekommen; das Wagenrad, Brunnenrad, Wasserrad, welches von dem Wasser umgetrieben wird, Mühlrad, Pflugrad, Spinnrad, Spulrad, Uhrrad, Schwungrad u. s. f. Oft auch von ihrer Gestalt, wie Kammrad, Stirnrad u. s. f. In vielen Fällen bekommt das Rad andere Nahmen, wie denn die Rollen, Scheiben u. s. f. oft im Grunde wahre Räder sind, so wie die zirkelförmigen Schleifsteine, Mühlsteine u. s. f. obgleich diese niemahls den Nahmen der Räder führen. Im gemeinen Leben verstehet man unter Rad schlechthin am häufigsten ein Wagenrad, welches aus der Nabe, den Speichen und den Felgen bestehet. Die Räder schmieren, eigentlich die Achse, um die kreisförmige Bewegung der Räder zu erleichtern. Unter das Rad kommen. Sprichw. Das schlimmste Rad knarrt am meisten. Er ist wie das fünfte Rad am Wagen, d. i. völlig überflüssig. 2) Figürlich ist das Rad eine der schmerzhaftesten Lebensstrafen, da dem Verbrecher vermittelst eines einem Wagenrade ähnlichen Rades alle Gebeine oder Glieder zerschlagen werden, ( S. Rädern.) Zum Rade verurtheilet werden. Mit dem Rade vom Leben zum Tode bringen, d. i. rädern. Ein Verbrechen, auf welches Galgen und Rad stehet. Ein gutes Rad spielen, das Rad gut zu führen wissen, in der Kunstsprache der Henker, geschickt zu rädern wissen. Einen Verbrechen auf das Rad fechten, auf das Rad legen, nachdem er gerädert, oder enthauptet worden.

Anm. Schon bey den ältesten Galliern Rat, bey dem Ottfried und Notker Rad, im Nieders. gleichfalls Rad, im Bretagnischen Rat, im Wallis. Rhot, im Irländ. Rit, im Latein. Rota, im Ital. Ruota, und im Franz. mit der auch in Niederdeutschen üblichen Ausstoßung des d und t, Roue. Es ist ein sehr altes Stammwort, welches eigentlich die schnelle schnurrende Bewegung eines sich im Kreise bewegenden Körpers ausdruckt, welcher Ausdruck zunächst in dem r liegt. Mit andern Endlauten gehören auch Reif, Schraube, rund, Krone, Kranz, kraus, Kreis, Rolle, drehen u. a. m. zu diesem Geschlechte. Im Oberdeutschen bedeutete raid ehedem wirklich kraus, ( S. diese Wort.) Da die kreisförmige Bewegung, besonders so fern sie durch das Wort Rad bezeichnet wird, sehr schnell ist, so wird dieses Wort auch gebraucht, eine jede schnelle Bewegung und einen sich schnell bewegenden Körper zu bezeichnen, wie in dem Nieders. rad, drad, schnell, dem Latein. Rheda, ein Wagen u. s. f. ( S. Reiten, wo von dieser Bedeutung mehr vorkommen wird.) Wenn Rad in den Zusammensetzungen voran stehet, so pflegen viele gemeine, besonders Niederdeutsche Mundarten gern ein e euphonicum anzuhängen, welches aber keinen triftigen Grund für sich hat. So sagt man gemeiniglich, eine Radebärge, Radebrechen, Radehaue, Radespeiche, Radesperre u. s. f. Radbärge, radbrechen, Radspeiche, Radsperre. in vielen ist es freylich der alte Plural Rade, für Räder, der aber im Hochdeutschen nie gangbar gewesen ist, daher man in solchen Zusammensetzungen billig Räder - sagt. In manchen, aber im Hochdeutschen nur wenigen Fällen, ist Rade - nicht von dem Hauptworte Rad, sondern von dem Niederdeutschen Zeitworte raden, reuten, ausrotten, wie in Radehaue, welches alsdann aber im Hochdeutschen billig Reuthaue oder Reuthacke heißt.


Radarm (W3) [Adelung]


Der Radarm, des -es, plur. die -e, in den gemeinen Sprecharten Radearm, der Arm an einem Rade, besonders an einem Mühl-, Kunst- und Wasserrade, d. i. das gerade Holz, welches den Mittelpunct des Rades mit dem Umkreise verbindet. An dem Fuhr- und Wagenrädern werden diese Arme die Speichen genannt.


Radachse (W3) [Adelung]


Die Radachse, plur. die -n, die Achse eines Rades, welche an Kunst- und Heberädern unter dem Nahmen der Welle bekannt ist.


Radbärge (W3) [Adelung]


Die Radbärge, plur. die -n, im gemeinen Leben vieler Gegenden, eine Bärge, d. i. Trage mit einem Rade, welche ein Mann vorn fähret, hinten aber schiebet und trägt; ein Schiebekarren oder Schubkarren. In den gemeinen Sprecharten lautet dieses Wort bald Radeberge, bald Radbern, Radeber, Radbäre, Radwern, Radewerge, Radewelle u. s. f. Die letzte Hälfte des Wortes ist in den meisten Fällen das noch Nieders. Bärge, oder Hochdeutsche Bahre, eine Trage, welches von bären, tragen, abstammet, daher das ä dem e vorzuziehen ist. Gemeiniglich versteht man unter einer Radbärge einen Schubkarren in der eigentlichsten Bedeutung, d. i. einen Kasten mit einem Rade, welcher hinten getragen wird; zum Unterschiede von einem Schiebebocke, den man wohl nicht leicht eine Radebärge nennen wird. In einigen Gegenden ist dafür auch der Nahme Kastenkarrn üblich.


Radbohrer (W3) [Adelung]


Der Radbohrer, im gemeinen Leben Radebohrer, des -s, plur. ut nom. sing. ein Bohrer, womit die Raben der Wagenräder ausgebohret werden.


Radbrunnen (W3) [Adelung]


Der Radbrunnen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Brunnen, wo das Wasser vermittelst eines Schöpfrades aus der Tiefe gezogen wird.


Raddistel (W3) [Adelung]


Die Raddistel, S. Krausdistel.


Radehaue (W3) [Adelung]


Die Radehaue, plur. die -n, in einigen Gegenden, eine Haue oder Hacke zum Raden, d. i. Reuten oder Ausrotten, daher sie im Hochdeutschen richtiger Reuthaue heißt; ein Karst, Radehacke. S. Radhaue, welche noch davon verschieden ist.


Radel (W3) [Adelung]


Das Radel, S. Raden.


Rädel (W3) [Adelung]


1. Das Rädel, des -s, plur. ut nom. sing. das in den gemeinen Sprecharten, besonders Niederdeutschlandes, übliche Diminutivum von Rad, für Rädlein.


Rädel (W3) [Adelung]


2. Der Rädel, des -s, plur. ut nom. sing. ein Sieb, siehe Rüder.


Rädel (W3) [Adelung]


3. Der Rädel, des -s, plur. ut nom. sing. im Hüttenbaue, ein starker viereckter Baum, welcher etwa sechs Ellen lang und Eine Elle ins Gevierte stark ist, an welchen der Pochstämpel, wenn er von der Welle des Rades in die Höhe gehoben wird, prallet, damit er desto stärker auf die Pochschale zurück falle. Vermuthlich wegen eben dieser mitgetheilten stärkern Bewegung, mit Räder, ein Sieb, und rütteln aus Einer Quelle; oder auch von Reitel, ein kurzer, starker Stock, ( S. dasselbe.) Daher die Rädelsäule, eine starke Säule, mit einem viereckten Loche, durch welche der Rädel geschoben und mit dem andern Ende in der Dramsäule befestiget wird.


Rädelkreuzer (W3) [Adelung]


Der Rädelkreuzer, des -s, plur. ut nom. sing. im Oberdeutschen, ein Nahme von Ferdinand I geschlagenen Kreuzer, auf welchen zwey über einander liegende Kreuze gepräget sind, deren acht Enden eine kreisförmige Rundung, wie ein Rad, machen. S. 1 Rädel.


Rädeln (W3) [Adelung]


Rädeln, verb. reg. act. welches nur in einigen Gegenden üblich ist, im Kreise herum drehen. Sich in der Luft wie ein Geyer rädeln. Ital rotolare. ( S. Rad 1 und Anm.) In andern Gegenden wird es für sieben gebraucht, S. 2 Rädern.


Rädelpfennig (W3) [Adelung]


Der Rädelpfennig, des -es, plur. die -e, ein Nahme der Mainzischen mit dem Rade, als dem Wapen des Stiftes, bezeichneten Pfennige, welche auch wohl Räderpfennige genannt werden. Ehedem gab es auch dergleichen Rädel- oder Räderschillinge, Rädelgroschen u. s. f.


Rädelsäule (W3) [Adelung]


Die Rädelsäule, plur. die -n, S. 3 Rädel.


Rädelsführer (W3) [Adelung]


Der Rädelsführer, des -s, plur. ut nom. sing. eigentlich der Anführer eines aufrührischen Haufens, und in weiterer Bedeutung, der Urheber oder Anstifter eines jeden bösen Sache im gehässigen Verstande. Im Osnabrück. Retförder, im Schwed. Rodefader, von Rod, ein Kreuz, wo es eigentlich den Kreuzträger bey Prozessionen in der Römischen Kirche bedeuten würde. Die eigentliche Abstammung des Deutschen Wortes ist noch ungewiß, weil mehrere Begriffe mit gleichem Rechte darauf Anspruch machen können. Viele leiten es aus dem Bauernkriege her, wo die aufrührischen Bauern einiger Gegenden statt der Fahne ein Pflugrad vor sich her tragen; eine Ableitung, welche allen Beyfall verdienen würde, zumahl da ein Rädelsführer im Nieders. auch ein Fahnkeförer, Fahnenträger, genannt wird, wenn nicht erweislich wäre, daß das Wort weit älter ist. Haltaus läßt es von Reitel, Oberd. Raitel, ein kurzer dicker Stock abstammen, da es denn zunächst den Dorfrichter bedeuten würde, der noch jetzt auf einigen Dörfern die Gemeine mit einem solchen Stabe zusammen beruft. Das Schwedische Rodefader könnte auch die Abstammung von dem auch Angels. Rode, Rad, ein Kreuz, welches Wort Kreuz selbst daher stammet, wahrscheinlich machen. Allein es scheint noch immer, daß Frischens Ableitung die wahrscheinlichste ist, der es von dem Rade, d. i. Kreise, im Tanzen ableitet, da denn Rädelsführer eigentlich den Vortänzer in einem Reihentanze, der bey unsern Vorfahren üblicher war als jetzt, bedeuten würde. Ein solcher Reihen heißt auch im Ital. Ridda, und von einem solchen Vortänzer sagt man noch jetzt auf dem Lande, daß er das Rädlein führe. Indessen verdient das schon gedachte Osnabrückische Retförder eine besondere Aufmerksamkeit.


Rademacher (W3) [Adelung]


Der Rademacher, des -s, plur. ut nom. sing. ein Handwerker, welcher die Rade, d. i. die Räder zu den Wagen verfertiget; in einigen Gegenden Rädker, der Stellmacher, Wagner, so fern er gemeiniglich auch das Gestell und die übrigen Theile eines Wagens verfertiget.


Raden (W3) [Adelung]


Raden, ein Nieders. Zeitwort, S. Reuten und Retten.


Raden (W3) [Adelung]


Der Raden, des -s, plur. car. eine Pflanze, welche weiße, fleischfarbene, auch wohl purpurrothe Blumen, und einen runden, schwarzen, bittern Gaumen trägt, und als ein Unkraut in großer Menge unter dem Getreide, besonders unter dem Rocken und Weitzen wächst; Agrostema Githago L. Radenkorn, Kornraden, im Oberd. Ratte, Ratten, wo es auch oft Unkraut überhaupt bedeutet, in einigen Gegenden Radel, Radels, im Meißen Räthsel, im Nieders. Rade, Rae, Ralen, Roel, u. s. f. In andern Gegenden kennet man dieses Unkraut unter dem Nahmen der Trespe, des Lolches, des Twalches, der Kernrose, der Kornnägelein u. s. f. ( S. diese Wörter.) Woher der Nahme Raden stamme, ist ungewiß. Etwa von räden, rädeln, rädern, aussieben, weil es vermittelst des Siebes von dem Getreide abgesondert werden muß? Oder von raden, reuten, weil man es als ein Unkraut auszurotten pflegt?


Räden (W3) [Adelung]


Räden, sieben, S. 2 Rädern.


Radensieb (W3) [Adelung]


Das Radensieb, des -es, plur. die -e, in der Landwirthschaft, ein großes Sieb, den Raden von dem ausgedroschenen Getreide abzusondern.


Räder (W3) [Adelung]


Der Räder, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Ein Sieb; ein nur in einigen Gegenden übliches Wort. So werden die Siebe, womit man das Getreide siebet, die Siebe im Bergbaue für die gepochten Erze u. s. f. Räder genannt. 2) Eine Person, welche siebet, Fämin. die Räderinn; auch nur in einigen Gegenden.

Anm. In manchen Sprecharten lautet dieses Wort Rädel, Räding, im Oberd. Raidel, Raider, Raiter. Es ist vermittelst der Endsylbe -er, von dem noch nicht ganz veralteten räden, sieben, gebildet. S. 2 Rädern.


Räder-Albus (W3) [Adelung]


Der Räder-Albus, plur. ut nom. sing. ein Nahme, welchen im Cölnischen die Kaisergroschen führen, welche 3 Kreuzer, oder 2 2/3 gewöhnliche Albus gelten; vielleicht von dem darauf geprägten Rade, dem Wapen des Erzstiftes Mainz. S. Rädelpfennig.


Räderbock (W3) [Adelung]


Der Räderbock, des -es, plur. die -böcke, im Bergbaue, ein Bock oder Gestell, worauf der Räder, d. i. das Erzsieb, stehet, wenn man das Erz aussiebet.


Räderfeile (W3) [Adelung]


Die Räderfeile, plur. die -n, zarte Feilen der Uhrmacher, die Uhrräder damit auszufeilen.


Rädergulden (W3) [Adelung]


Der Rädergulden, des -s, plur. ut nom. sing. eine am Nieder-Rheine übliche Art Gulden, deren einer 24 Groschen oder Räder-Albus, 64 Albus, 72 Kreuzer und 768 Häller hält. 1 1/4 Rädergulden machen einen Thaler Species.


Rädermacher (W3) [Adelung]


Der Rädermacher, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Gegenden, ein Nahme solcher Drechsler, welche vornehmlich Spinnräder verfertigen, und zuweilen auch Rädker genannt werden.


Räderstein (W3) [Adelung]


Der Räderstein, des -es, plur. die -e, im gemeinen Leben, ein Nahme der Trochiten, welche so wie die Sternsteine, Theile von Enkriniten sind, und kleinen Rädern gleichen; Rädelstein.


Räderwerk (W3) [Adelung]


Das Räderwerk, des -es, plur. die -e, ein mit mehrern Rädern versehenes Werk. Besonders ein Hebezeug dieser Art.


Räderzange (W3) [Adelung]


Die Räderzange, plur. die -n, bey den Hufschmieden, eine Zange mit zwey langen Armen und einem Gegenzapfen, die heißen Schienen damit auf die Wagenräder zu legen.


Radfelge (W3) [Adelung]


Die Radfelge, im gemeinen Leben die Rädefelge, plur. die -n, die Felge an einem Rade, besonders an einem Wagenrade. S. Felge.


Radgarn (W3) [Adelung]


Das Radgarn, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten und Quantitäten, die -e, bey den Tuchmachern einiger Gegenden, ein grobes wollenes Gespinst, welches auf einem großen Rade gesponnen worden, und woraus z. B. das Futtertuch gemacht wird; Radegarn, Radegespinst. Ein daraus bereitetes Tuch wird alsdann ein Radefunfziger genannt.


Radier-Eisen (W3) [Adelung]


Das Radier-Eisen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Werkzeug der Wundärzte, die Stelle der Hirnschale vor dem Trepanieren damit zu radieren, d. i. die zarte Haut davon abzuschaben.


Radieren (W3) [Adelung]


Radieren, verb. reg. act. aus dem Latein. radere. 1) Schaben, in welchem Falle es besonders in einigen Fällen üblich ist. Wenn in einer Schrift radieret worden, d. i. etwas mit dem Messer ausgeschabet, oder ausgekratzet worden. ( S. das vorige, ingleichen Ausradieren.) 2) Ätzen, in welchem Falle es vornehmlich bey den Kupferstechern üblich ist, eine Art des Kupferstechens zu bezeichnen, da man die Platte mit einem dünnen Überzuge von Wachs u. s. f. bekleidet, in diesen Überzug die Figuren mit der Nadel zeichnet, die Platte hierauf mit Scheidewasser bedecket und von demselben die gezeichneten Figuren in das Kupfer einätzen läßt. Ein Porträt radieren. Ein radierter Kupferstich, im Gegensatze des eigentlich gestochenen.


Radier-Firniß (W3) [Adelung]


Der Radier-Firniß, des -sses, plur. doch nur von mehrern Arten, die -sse, eine aus Mastix, Judenpech und Wachs bereitete Masse, womit die Kupferstecher eine Platte, welche radiert werden soll überziehen; der Radier-Grund.


Radier-Kunst (W3) [Adelung]


Die Radier-Kunst, plur. car. die Kunst, geschickt zu radieren, d. i. gewisse Figuren in Kupfer zu ätzen.


Radier-Messer (W3) [Adelung]


Das Radier-Messer, des -s, plur. ut nom. sing. ein besonderes Messer mit einer runden Klinge, falsch geschriebene Worte oder Züge damit auszuradieren.


Radier-Nadel (W3) [Adelung]


Die Radier-Nadel, plur. die -n, eine spitzige Nadel an einem Hefte, womit die Kupferstecher die Figuren in den Radier-Firniß zeichnen, und welche auch nur die Nadel schlechthin genannt wird.


Radier-Wasser (W3) [Adelung]


Das Radier-Wasser, des -s, plur. doch nur von mehrern Arten, ut nom. sing. eben daselbst, das mit Wasser geschwächte Scheidewasser, womit die Kupferplatte nach der Zeichnung übergossen wird.


Radieß (W3) [Adelung]


Der Radieß, des -es, plur. die -e, noch häufiger im Diminut. das Radießchen, ein Nahme der kleinsten süßen Rettige mit einer zarten Schale, einem zarten Fleische und angenehmen Geschmacke, welche eine Abänderung des Raphanus sativus L. sind. In einigen Gegenden nennet man sie auch süße Rettige. Im Nieders. Reddies, Radies, im Schwed. Radisa, welches aber Rettig überhaupt bezeichnet. Es ist aus dem Ital. Radice, S. Rettig.


Radker (W3) [Adelung]


Der Radker, des -s, plur. ut nom. sing. im gemeinen Leben einiger Gegenden, ein Nahme, so wohl des Rademachers als des Rädermachers, S. diese Wörter.


Radlitz (W3) [Adelung]


Der Radlitz, des -es, plur. die -e, in einigen Gegenden, z. B. in Meißen, der Nahme eines Hakenpfluges oder Rührhakens, womit der gebrachte Acker nach der Quere überfahren wird. Die Endung -litz zeiget schon, daß dieses Wort aus dem Wendischen, der ehemahligen Landessprache im Meißen, herstammet. Indessen scheinet es doch auch hier zu dem Geschlechte der Wörter reuten, reißen, Nieders. riten, zu gehören, deren Verwandte in mehrern Sprachen angetroffen werden.


Radnagel (W3) [Adelung]


Der Radnagel, im gemeinen Leben Radenagel, des -s, plur. die -nägel, Nägel mit großen starken Kuppen, womit die eisernen Schienen auf den Wagenrädern befestiget werden; Radekuppen.


Radscheibe (W3) [Adelung]


Die Radscheibe, plur. die -n, auf den Schiffen, ein Rad in Gestalt einer Scheibe, welches in dem Blocke eingefasset ist, vermittelst des darüber gehenden Seiles Lasten auf- und niederzulassen.


Radschiene (W3) [Adelung]


Die Radschiene, im gemeinen Leben Radeschiene, plur. die -n, eiserne Schienen, welche um die äußere Fläche der Felgen an den Wagenrädern befestiget werden; Nieders. Rood, Rode, Roe, Roon, Ruthe.


Radspeiche (W3) [Adelung]


Die Radspeiche, im gemeinen Leben Radespeiche, plur. die -n, die Speichen in einem Rade, besonders in einem Wagenrade.


Radsperre (W3) [Adelung]


Die Radsperre, plur. die -n, eine Kette mit einem Haken, das Umlaufen eines Wagenrades an jähen Orten damit zu hindern; die Wagensperre, Hemmkette.


Radspur (W3) [Adelung]


Die Radspur, plur. die -en, in einigen Gegenden, das Geleis eines Rades auf der Erde, S. Geleis.


Radstock (W3) [Adelung]


Der Radstock, im gemeinen Leben Radestock, des -es, plur. die -stöcke, bey den Wagnern, ein ausgetäfeltes Loch in der Erde mit zwey gekrümmten Hölzern, das Rad, dessen Nabe ausgebohret werden soll, darin zu befestigen.


Radstößer (W3) [Adelung]


Der Radstößer, im gemeinen Leben Radestößer, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Nach dem Frisch, eine Art Bohrer, vielleicht für die Wagner, die Naben der Räder damit auszubohren. 2) Auch die an die Ecken der Mauern und Wände gesetzten Steine, die Wagenräder von diesen Ecken abzuhalten, werden im gemeinen Leben Radstößer genannt.


Radstube (W3) [Adelung]


Die Radstube, plur. die -n, die Stube, d. i. der Raum, der Ort, worin ein Kunst- oder Wasserrad hängt, besonders im Bergbaue.


Radtheer (W3) [Adelung]


Der Radtheer, des -es, plur. car. derjenige Theer, welcher zum Schmieren der Wagenräder gebraucht wird und körnig ist; zum Unterschiede so wohl von dem flüssigern, welcher einem Öhle gleicht, als auch von dem dicken Schifftheere.


Radwelle (W3) [Adelung]


Die Radwelle, plur. die -n. 1) ( S. Radbärge.) 2) Die Welle an einem Rade, die lange Achse desselben.


Radzapfen (W3) [Adelung]


Der Radzapfen, des -s, plur. ut nom. sing. der in dem Mittelpuncte eines Rades befestigte Zapfen, um welchen sich dasselbe beweget.


Raff (W3) [Adelung]


Der Raff, des -es, plur. inus. in den Seestädten und in der Handlung, die aus dem Rücken mit dem Fette tief ausgeschnittenen, eingesalzenen und getrockneten Floßfedern der Hillbutten, Hippoglossus L. Der Rekel bestehet aus den aus der Haut und dem Fette des Fisches vom Schwanze nach dem Rücken zu ausgeschnittenen Streifen von eben diesem Fische. Raff und Rekel ist der ganze auf diese Weise in Streifen zerschnittene Fisch, doch so, daß die Stücken noch zusammen hangen. Raff ist ein altes noch nicht ganz veraltetes Wort, welches einen Streifen, einen Balken, ja einen jeden langen und schmalen Körper bezeichnet, und mit Rippe, Reif und andern Eines Geschlechtes ist. In den Monseeischen Glossen ist Ravo ein Sparren, Balken, und aus dem Frisch erhellet, daß Raff, Rafe, Rafen, noch in verschiedenen Gegenden einen Sparren bedeuten, so wie im Schwed. Räf, im Isländ. Raefr, im Angels. Rhof und im Engl. Roof, in eben dieser Bedeutung üblich sind. Das Lat. Trabs unterscheidet sich bloß durch das Präfixum. S. auch Reff und Rippe.


Räff (W3) [Adelung]


Das Räff, S. Reff.


Raffel (W3) [Adelung]


Die Raffel, plur. die -n, ein Werkzeug zum Raffen. 1) Die große hölzernen Kämme, womit die Samenknospen des Flachses von den Stängeln abgeraffet oder abgerissen werden, sind in vielen Gegenden unter dem Nahmen der Raffeln bekannt. 2) Bey den Fischern ist es eine Art runder Fischgarne, welche alles mit fort raffen, worauf sie nur fallen; Franz. Raffle, Rafle. 3) Nach dem Frisch führet der obere Kinnbacken der Hirsche, der vorn statt des Zahnfleisches ein hartes Gewächs hat, gleichfalls den Nahmen der Raffel, S. Raffzahn.


Raffen (W3) [Adelung]


Raffen, verb. reg. act. eilfertig und folglich ohne Ordnung mit den Fingern zu sich reißen. Alles auf einen Haufen zusammen raffen. Seine Sachen zusammen raffen, eilfertig und ohne Ordnung. Alles zu sich oder an sich raffen, auch figürlich, sich dessen eilfertig und mit einer Art von Gewaltthätigkeit bemächtigen. Zusammen geraffte Beweisstellen, ohne Wahl und Ordnung zusammen getragene. Der Tod raffet zu sich alle Heiden, Habac. 3, 5. ( S. auch Aufraffen, Einraffen, Wegraffen u. s. f.) Für reißen überhaupt gebraucht man es nur in einigen Gegenden, wo man auch Gras raffet, d. i. abraufet. Daher das Raffen, statt des ungewöhnlichen Raffung.

Anm. Schon im Galischen Gesetze ist raban raffen, rauben. Im Nieders. lautet dieses Wort rapen und rappen, im Engl. to reap und to raff, bey dem Ulphilas raupjan, im Schwed. rappa, räpla, rifva, im Ital. arraffare, und selbst im Arab. rafaa. Er druckt den Schall aus, welcher mit dem Raffen verbunden ist, und ist ein sehr naher Verwandter von greifen, grapsen, rauben, raufen, rupfen, riffeln, Rappuse, dem Nieders. schrapen, dem Latein. rapere, corripere, Rapina, und hundert andern, welche sich nur durch Nebenbegriffe unterscheiden. Da der Begriff der Geschwindigkeit davon unzertrennlich ist, so ist rep im Nieders. auch schnell, rapidus, raptim, Schwed. rapp, und sich reppen, sich schnell fort bewegen, sowie im Schwed. rapa schnell zu Boden fallen ist. S. Repphuhn.


Raffgut (W3) [Adelung]


* Das Raffgut, des -es, plur. die -güter, ein im Hochdeutschen wenig gebräuchliches Wort für geraubtes Gut.


Raffholz (W3) [Adelung]


Das Raffholz, des -es, plur. car. Holz, welches im Walde auf- oder zusammen geraffet wird, d. i. abgefallene dürre Zweige der Bäume und dergleichen; Lagerholz, Leseholz.


Raffinade (W3) [Adelung]


Die Raffinade, plur. doch nur von mehrern Arten, die -n, in den Zuckersiedereyen und in der Handlung, eine Art Zucker, welche durch ein nochmahliges Sieben aus dem Melis-Zucker erhalten wird, und aus welchem man durch neues Sieben den feinen Zucker, und aus diesem wiederum den Canarien-Zucker erhält. S. das folgende.


Raffinieren (W3) [Adelung]


Raffinieren, verb. reg. aus dem Franz. raffiner. 1) Als ein Activum, feiner machen, in verschiedenen Fällen des gemeinen Lebens. So wird der Zucker raffinieret, wenn er durch Sieben geläutert oder gereiniget wird. 2) Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben, im gemeinen Leben. Auf etwas raffinieren, nachsinnen, es auszuklügeln suchen. Raffinieret seyn, verschlagen, geschickt, Mittel und Wege ausfündig zu machen.


Raffzahn (W3) [Adelung]


Der Raffzahn, des -es, plur. die -zähne, ein Nahme, welchen im gemeinen Leben die vordern Schneidezähne der Thiere, besonders aber der Pferde führen, die deren sechs oben und eben so viele unten haben; die Schneidezähne. In weiterer Bedeutung Pflegt man auch wohl lange hervor ragende Zähne bey Menschen Raffzähne zu nennen. Daher raffzähnig, solche Zähne habend.

Anm. Die Unstätigkeit des Aussprache und Unwissenheit der Abstammung machen, daß dieses Wort bald Rabzahn, bald Rabenzahn, bald Rappzahn geschrieben wird. Allein es stammt unstreitig von raffen her, entweder weil die Thiere mit diesen vordern Zähnen das Futter zu sich raffen, oder auch so fern raffen ehedem schneiden bedeutet hat, in welcher Bedeutung rifva im Schwed. riufa im Isländ. und to rip im Engl. noch üblich sind In der Bedeutung eines hervor ragenden Zahnes kann es auch zu Raff, ein Balken, gehören, S. dieses Wort.


Ragen (W3) [Adelung]


Ragen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und nur noch mit den Nebenwörtern heraus und hervor gebraucht wird, ohne doch Zusammensetzungen mit denselben zu machen. Aus etwas heraus ragen, oder nur heraus ragen, schlechthin, aus demselben heraus stehen, außer der Fläche sichtbar seyn. So auch hervor ragen. Eine hervor ragende Ecke. Die Balkenköpfe ragen einen halben Fuß hervor. Der Flügelmann raget vor dem ganzen Regimente vor oder hervor. Luther gebraucht es auf eine ungewöhnliche Art auch ohne Nebenwort: Esra raget über alles Volk; Nehem. 8, 5. So auch die Herausragung und Hervorragung. Im Oberdeutschen scheint es auch figürlich herstammen, herkommen, zu bezeichnen. Wenigstens sagt Opitz, wenn er von der Verklärung der Leiber spricht: Der Leib Soll führen solches Licht, als aus dem Himmel rage. Nach einer andern Figur bedeutete es im Oberdeutschen auch hart und steif seyn, Lat. rigere, in welcher Bedeutung geragen bey dem Kaisersberg, und bey andern das Nebenwort rag, für starr, steif, rigidas, vorkommt. ( S. Frischens Wörterb. und im folgenden Rehe, das Beywort.)

Anm. Die Niederdeutschen und verwandten Sprecharten kennen dieses Wort allem Ansehen nach nicht, welches im Oberdeutschen einheimisch zu seyn scheinet, daher es auch im Hochdeutschen nur von einem so eingeschränkten Gebrauche ist. Indessen werden doch dessen Verwandte überall angetroffen. Die nächsten sind unser Kragstein, das Zeitwort reichen, Ottfrieds irrechen, aufstehen machen, das folgende Rahe, und andere mehr. S. die beyden ersten.


Ragout (W3) [Adelung]


Das Ragout, (sprich Ragu,) plur. die Ragouts, (sprich Ragus,) aus dem Franz. Ragout, welches eigentlich ein jedes schmackhaftes Gericht bedeutet, in den Küchen, klein geschnittenes Fleisch mit einer schmackhaften und kräftigen Brühe; im Nieders. Peperpanne, Pfefferpfanne.


Rahe (W3) [Adelung]


Die Rahe, plur. die -n, auf den Schiffen, die lange runde Stange, auf welche das Segel gespannet wird, und welche an dem Maste hanget; die Segelstange. Die Rahen bekommen den Nahmen von dem Segel, welches daran befestiget ist; die große Rahe oder Hauptrahe, die Fockerahe, die Besanrahe, Bramrahe u. s. f. Im engsten Verstande wird die Stange des großen Hauptsegels die Rahe schlechthin genannt.

Anm. Das Wort ist nur im Niederdeutschen und den damit verwandten Sprecharten üblich. Haltaus wollte es bey dem Worte Rahrecht von einem alten Sächsischen Worte Ra oder Räh herleiten, welches ausgespannt bedeutet haben sollte; allein alsdann würde Rahe eigentlich das Segel bedeuten müssen. Ra ist ein altes Stammwort, welches im Schwed. Ra lautet, und eine jede körperliche Ausdehnung in die Länge ohne beträchtliche Breite und Dicke lautet, und wozu auch Reihe, und mit andern Endlauten ragen, reichen, Ruthe, Radius, Raff, und hundert andere mehr gehören. Das Schwed. Ra bedeutet so wohl einen Pfaht, als auch ein Gränzzeichen, und das Finnische Raja ist die Gränze. Die Rahe bedeutet also eigentlich eine jede Stange. Gemeiniglich schreibt man dieses Wort Raa; allein die Verdoppelung des Selbstlautes ist in den meisten Fällen, wo nicht triftige Gründe ein anderes wollen, verdächtig. Schon Chyträus schreibt es Rah.


Rahband (W3) [Adelung]


Das Rahband, des -es, plur. die -bänder, eben daselbst, Seile, mit welchen die Segel an die Rahen befestiget werden.


Rähe (W3) [Adelung]


Rähe, von den Pferden, steif, S. Rehe.


Rahm (W3) [Adelung]


1. Der Rahm, des -es, plur. die -e, S. der Rahmen.


Rahm (W3) [Adelung]


2. Der Rahm, des -es, plur. car. ein Wort, welches besonders in einer doppelten Bedeutung gebraucht wird. 1) Der fetteste Theil der Milch, welcher sich oben auf setzet, und woraus die Butter bereitet wird, heißt in vielen Gegenden Deutschlandes der Rahm, Milchrahm. In der Schweiz heißt er Niedel, in Böhmen Schmetten, von dem Slavon. Smetana, in Schlesien Saum, in Niedersachsen Flott, in Liefland und andern Gegenden Schmante, in Meißen Sahne, worunter man doch gemeiniglich nur den süßen frischen Rahm verstehet, der in Nürnberg Kern heißt, zum Unterschiede von dem Milchrahm, worunter man in Nürnberg allemahl sauren Milch verstehet. Den Rahm von der Milch nehmen, ihn abrahmen, die Milch rahmen. In weiterer Bedeutung ist es zuweilen eine jede dickliche Substanz, welche sich von einem flüssigen Körper scheidet, und sich auf dessen Oberfläche sammelt; Weinsteinrahm, Cremor Tartari, Kalkrahm u. s. f. 2) Der Kuß, eine besonders in Niedersachsen übliche Bedeutung, wo auch der Rauchfang, welchen man in den Bauerhäusern anstatt des Schornsteines hat, Rahm genannt wird. In Franz. ist Ramoneur ein Schornsteinfeger. Indessen ist diese Bedeutung auch im Oberdeutschen nicht unbekannt, wo Rahm in weiterer Bedeutung auch Schmutz, Unsauberkeit bedeutet, in welchem Verstande es schon im Hornegk vorkommt. Daher ist daselbst rahmig rußig, und in weiterer Bedeutung, beschmutzt, ramlicht im Österr. unsauber, berahmen mit Ruß schwärzen, und in weiterer Bedeutung beschmutzen u. s. f.

Anm. In der ersten Bedeutung lautet es in Niedersachsen Room, in Franken Raum, im Angels. Ream, im Isländ. Riome, und mit vorgesetztem Gaumenlaute im Engl. Cream, im Franz. Creme, im Ital. Crema, und im Lat. Cremor, welches seine Verwandtschaft mit dem Deutschen gewiß nicht verläugnen kann. Zur zweyten Bedeutung scheinen auch der Wolfrahm und Eisenrahm der Bergleute zu gehören, welches schwarze Bergarten sind, entweder wegen ihrer Schwärze, als eine Figur von Rahm, Ruß, oder, welches noch wahrscheinlicher ist, wegen ihrer lockern, blätterigen Gestalt, daher der Wolfrahm auch Lat. Spumalupi genannt wird. Man hat daselbst auch einen Goldrahm, welcher aus kleinen Blättchen gediegenen Goldes bestehet, aber sehr selten ist. In diesem Falle, wenn Rahm eigentlich ein Blättchen bedeutete, würde es zu Rahmen, Riemen u. s. f. gehören. Beyde Bedeutungen, so wohl der Sahne, als des Rußes, ließen sich figürlich von Rahmen, die Einfassung, der Rand, ableiten, zumahl, da der Milchrahm in Schlesien wirklich der Saum genannt wird. Allein es ist wahrscheinlicher, daß der Begriff der Höhe der herrschende ist. Rahm oder Ram ist ein sehr altes Wort, welches hoch und Höhe bedeutet, und mit dem Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, rum hoch seyn, und Rama, die Höhe, einerley ist. Daher bedeutete Rahm ehedem auch ein Kreuz, und hramjan ist bey dem Ulphilas kreuzigen, bey dem Ottfried hohan, d. i. erhöhen. Im Nieders. ist sich rähmen sich bäumen, d. i. auf den Hinterfüßen in die Höhe heben, von Thieren. Der Milchrahm schwimmet oben auf der Milch, und der Ruß steigt wegen seiner leichten Beschaffenheit gleichfalls in die Höhe. Verwandte dieser Bedeutung sind, das Schwed. ram, stark, das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, Stärke, unser Raum, Ausdehnung, das Nieders. Rahm, Ziel, rahmen, zielen, bey dem Ottfried raman, und andere mehr. Das im Hochdeutschen veraltete rahmen, schießen, bey dem Ottfr. ramman, Hebr. ramah, scheinet mehr den Begriff der Bewegung zu haben, und zu Rammeln zu gehören. In Pommern gibt es ein altes adeliges Geschlecht, Nahmens Ramin, welches daher einen Schützen bedeuten kann, so wie Ramin im Arabischen gleichfalls einen Schützen bedeutet. Eine Figur von rahmen, sich bewegen, ist das Niedersächsische rahmen, narahmen, nachsinnen, auf etwas denken oder sinnen, Rahm, ein Gedanke, Wahn, Muthmaßung, Unrahm, Argwohn, Irrthum, Verrückung u. s. f. Mehrere gleichlautende, der Abstammung nach oder verschiedene Wörter werden gelegentlich im folgenden vorkommen.


Rahmapfel (W3) [Adelung]


Der Rahmapfel, des -s, plur. die -äpfel, eine Art der Annona, welche in dem mittägigen Amerika einheimisch ist, und deren eyrunde, netzförmig gegitterte, einem Apfel ähnliche Frucht, rob gegessen wird; Annona reticulata L.


Rahmbaum (W3) [Adelung]


Der Rahmbaum, des -es, plur. die -bäume, in einigen Gegenden, besonders Niedersachsens, Bäume, d. i. starke runde Hölzer, welche quer durch die Feuermauern gehen, das Fleisch, welches man räuchern will, daran zu hängen. Von 2 Rahm 2, Ruß. In andern Gegenden wird ein solcher Baum der Wiemen genannt.


Rahmbeere (W3) [Adelung]


Die Rahmbeere, plur. die -n, in einigen Gegenden, z. B. in Schlesien, ein Nahme der Brombeeren, Rubus fruticolus L. entweder wegen ihrer Schwärze, von Rahm, Ruß, oder welches noch wahrscheinlicher ist, als ein gleichbedeutendes Wort mit Brombeere, welches nur das B vor sich genommen hat, die Stacheln, womit dieses Gewächs besetzt ist, zu bezeichnen, S. Brombeere.


Rahmeisen (W3) [Adelung]


Das Rahmeisen, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Buchdruckern, ein eiserner Nahmen, die gesetzten Buchstaben beysammen zu halten.


Rähmel (W3) [Adelung]


1. Der Rähmel, des -s, plur. ut nom. sing. 1) In den gemeinen Sprecharten, besonders Oberdeutschlandes, dasjenige, was sich von Speisen in den Kochgeschirren ansetzet; Ital. Romma, Gromma. Von Rahmen, der Rand, weil es die Geschirre als ein Rand umgibt. 2) In andern Gegenden ein schmaler Strich Landes in einem Gehölze.


Rähmel (W3) [Adelung]


2. Der Rähmel, des -s, plur. ut nom. sing. ein nur im Nieders. übliches Wort, wo es ein Bündel Flachs von 20 Pfund bezeichnet. Entweder von dem veralteten Rähme, ein Riemen, Band, womit es gebunden wird, oder auch von dem gleichfalls veralteten rahmen, vereinigen, verbinden, ( S. Rammeln.) In andern Gegenden ist der Rähmel ein dickes unförmliches Stück Brennholz, im Oberd: ein Trumm, im Nieders. ein Drömel.


Rahmen (W3) [Adelung]


Der Rahmen, des -s, plur. ut nom. sing. Diminut. das Rähmchen, Oberd. Rähmlein. 1 Eine jede körperliche Ausdehnung in die Länge ohne beträchtliche Breite und Dicke; in welchem Verstande es doch nur in einigen wenigen Fällen üblich ist. Ein Bret bekommt zuweilen, noch den Nahmen eines Rahmes oder vielmehr Rahmens. Daher sind im Nieders. Rähmen die Seitenbreter eines Schiffes. Eben daselbst ist der Rahm oder Rähmen ein aufgehangenes Bret in den Kellern und Speisekammern, allerley Eßwaaren darauf zu stellen. Ein Bücherbret wird auch noch in manchen Gegenden ein Bücherrahm genannt. Am Rheinstrome werden die geschwefelten Streifen Leinwand, welche man als einen Einschlag in den Wein hängt, Rähmchen genannt. In einigen Niedersächsischen Gegenden ist die Rahme ein Gürtel. ( S. Riemen,) welches genau damit verwandt ist, und unter andern auch ein Ruder bedeutet. 2) Ein aus solchen Rahmen bestehendes Werk, ein Gestell, doch auch noch in einigen Gegenden und Fällen. An einigen Orten nennet man ein jedes Gestell ein Gerähmels oder Gerähms. Des Bücherrahms ist schon gedacht worden. In einigen Gegenden nennen auch die Schuster ihr aus ähnliche Theilen bestehendes Maß einen Rahm oder Rahmen. 3) In der engsten Bedeutung, die aus Rahmen in der ersten Bedeutung bestehende Einfassung eines Dinges. Daher der Spiegelrahmen, Fensterrahmen, Bilderrahmen, Nachrahmen, Stickrahmen, Tuchrahmen, Scherrahmen u. s. f. Etwas mit einem Rahmen einfassen. Das Rähmchen der Buchdrucker ist ein eiserner mit Papier übergezogener Rahmen, den Bogen in dem Deckel fest zu halten; Franz. la Frisqueste. Bey den Schustern sind die Rahmen Streifen von Rindsleder, welche um die Brandsohle und den Absatz, und auf beyden Seiten bis an das Oberleder gehen. Bey den Tischlern sind die Rahmen die perpendiculären Einfassungen der Füllungen, die Rahmstücke oder die horizontalen. Der Rahmen an den Stühlen der Seidenweber stehet oben an der Decke des Zimmers als eine Art einer Kette aus, die aus lauter Bindfäden bestehet, welche über zwey Rahmstöcke angeschleifet sind.

Anm. Im Nieders. gleichfalls Rahm, im Angels. Rima, im Engl. Rim, und mit vorgesetztem Blaselaut Frame, im Pohln. Rama, von welchem auch einige Rand überhaupt bedeuten. ( S. Bräme, Krämpe, Rand, Rain, Gränze u. s. f. welche insgesammt damit verwandt sind. In Ansehung der ersten eigentlichen Bedeutungen scheinet es zu Rahm, hoch, Höhe, zu gehören, indem der Begriff der Ausdehnung in die Länge in mehrern Fällen eine Figur von dem Begriffe der Höhe ist. ( S. Riemen.) Allem Ansehen nach gehöret hierher auch das im Hochdeutschen veraltete Rahm, ein Zweig, im Schwed. Ram, welches mit dem Lat. Ramus genau überein kommt, ohne eben aus dem selben entlehnet zu seyn. Im Wend. ist Ramen der Arm. Bey den Winzern einiger Gegenden werden die Reben auch Rähmen genannt. Daher ist das Rähmen-Lesen eben dieselbe Arbeit in dem Weinberge, welche auch das Reben-Lesen genannt wird. In dem Geschlechte und der Declination dieses Wortes sind die Mundarten nicht einig. In einigen Gegenden ist es weiblichen Geschlechtes, die Rahme oder Rähme, und alsdann nimmt es im Plural ein bloßes n an, die Rahmen oder Rähmen. Andere decliniren es der Rahm, des -es, plur. die -e. Im Hochdeutschen ist die oben angezeigte Form, der Rahmen, die üblichste.


Rahmen (W3) [Adelung]


1. Rahmen, verb. reg. act. et neutr. welches im letztern Falle das Hülfswort haben erfordert, zielen; in welcher Bedeutung es aber nur in einigen Sprecharten, besonders Nieder-Deutschlandes, üblich ist. Nach etwas rahmen, zielen. Es kommt auch bey unsern alten Oberdeutschen Schriftstellern vor, die es auch mit der zweyten Endung verbinden. Einez Vogels ramen, im Schwabenspiegel. In der Rothwälschen Diebessprache bedeutet rahmen sehen, welches auch die erste Bedeutung von jener seyn kann. Von der Bedeutung in Anberahmen, ( S. dieses Wort,) ingleichen 2 Rahm Anm.


Rahmen (W3) [Adelung]


2. Rahmen, verb. reg. von Rahm, Milchrahm oder Sahne. Man gebraucht es so wohl als ein Neutrum mit dem Hülfsworte haben, die Milch rahmet, setzt Rahm an; als auch als ein Activum, die Milch rahmen, den Rahm von der Milch abnehmen, sie abrahmen. Nieders. roomen. S. 2 Rahm 1.


Rahmen (W3) [Adelung]


3. Rahmen, verb. reg. act. welches bey den Jägern am üblichsten ist. Die Hunde rahmen einen Hasen, wenn sie ihn einhohlen, und ihn dadurch nöthigen, eine Wendung oder einen Absprung zu machen, damit die Hunde bey ihm vorbey schießen. Zuweilen wird es auch für fangen gebraucht, und da wird der Hase gerahmet, wenn er von den Hunden gefangen wird. Vielleicht als ein Verwandter von Krumm. Krämpe, rümpfen u. s. f. so fern der Begriff des Wendens der herrschende ist, oder auch von rahm, hoch, lang u. s. f. so fern der Begriff des Einhohlens vorsticht.


Rahmenschuh (W3) [Adelung]


Der Rahmenschuh, des -es, plur. die -e, ein Schuh, an welchem die Sohle um einen Rahmen genähet wird; im Gegensatze eines umgewandten, oder drey Mahl genähten Schuhes.


Rahmenstück (W3) [Adelung]


Das Rahmenstück, des -es, plur. die -stücke. 1) Bey den Fleischern, der Nahme eines Stückes Fleisch von dem untern Buge eines Rindes. 2) Bey den Schlössern, die oberste und unterste Querstange an einem eisernen Geländer, welche gleichsam den Rahmen desselben ausmacht. In beyden Fällen muß es mit einem Rahmstücke nicht verwechselt werden.


Rahmhobel (W3) [Adelung]


Der Rahmhobel, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Tischlern ein Hobel, zierliche Rahmen damit zu verfertigen.


Rahmholz (W3) [Adelung]


Das Rahmholz, des -es, plur. inus. in Niedersachsen, Nutzholz zu allerley Tischlerarbeit, weil die Bauer es über dem Rahme, d. i. dem Rauchfange, zu trocknen pflegen, ( S. 2 Rahm 2.) In einem andern Verstande ist nach dem Frisch das Rähmholz, im Holzlaufe und bey den Zimmerleuten, Querbalken in den äußern untern Theilen eines Gebäudes; da es denn zu dem Hauptworte Rahmen gehören würde.


Rahmlöffel (W3) [Adelung]


Der Rahmlöffel, des -s, plur. ut nom. sing. in der Haushaltung, ein großer eiserner verzinnter Löffel, den Rahm oder die Sahne damit von der Milch abzunehmen.


Rahmnähterey (W3) [Adelung]


Die Rahmnähterey, plur. die -en, bey den Nähterinnen. 1) Die Art und Weise, das in einen Rahmen gespannte Zeug auszunähen; ohne Plural. 2) Auf solche Art genähete oder ausgenähete Sachen.


Rahmsack (W3) [Adelung]


Der Rahmsack, des -es, plur. die -säcke, in der Haushaltung, ein dreyeckiger Sack von dünner Leinwand, in welcher der gesammelte Milchrahm geschüttet, und durch denselben in das Butterfaß gezwänget wird, damit alle Unreinigkeit zurück bleibe.


Rahmschnur (W3) [Adelung]


Die Rahmschnur, plur. die -schnüre, bey den Seidenwebern, Schnüre an dem Rahmen, welche über Schichten und Rollen senkrecht herab steigen und eine Elle von dem Register der Rollen Arcaden genannt werden. An den Stühlen der Sammtweber werden sie auch Schwanzschnüre genannt.


Rahmstatt (W3) [Adelung]


Die Rahmstatt, plur. die -stätte, bey den Tuchmachern, der Ort, wo sich ihre Tuchrahmen befinden.


Rahmstock (W3) [Adelung]


Der Rahmstock, des -es, plur. die -stöcke, eben daselbst, gewisse Stöcke oder Hölzer an dem Rahmen, welche an Stricken an der Wand fest hangen, und die Rahmschnüre in einem gewissen Grade von Spannung erhalten.


Rahmstück (W3) [Adelung]


Das Rahmstück, des -es, plur. die -stücke, ein Stück oder Theil eines Rahmens. Im Bergbaue sind es die Querhölzer oder Balken, worauf in der Radstube die Welle mit dem Rade lieget. Bey den Tischlern sind die Rahmstücke, (von Rähmen, für Rahmen,) die Querstücke an der Einfassung der Thürflügel, S. Rahmen 3.


Rahn (W3) [Adelung]


Rahn, adj. et adv. S. Rahnig.


Rahne (W3) [Adelung]


Die Rahne, plur. die -n, ein im Forstwesen einiger Gegenden übliches Wort, wo es mit Windbruch gleichbedeutend ist, und einen von dem Winde ausgerissenen oder zerbrochenen Baum bedeutet. Der Begriff der gewaltsamen Bewegung scheinet hier der herrschende zu seyn, da es denn ein Verwandter von dem Intensivo rennen, ringen, trennen, welches nur das Präfixum angenommen hat, dem alten Rund, eine Wunde, und andern mehr seyn würde. In einem andern Verstande, und zwar von rahn, rahnig, ist im Oberdeutschen die Rahne, ohne Plural, die schlanke Beschaffenheit eines Körpers. S. das folgende.


Rahnig (W3) [Adelung]


* Rahnig, -er, -ste, adj. et adv. welches nur im Oberdeutschen für schlank, d. i. lang, dünn und biegsam, üblich ist, und ohne Endsylbe auch rahn lautet. Ein rahner oder rahniger Leib, ein schlanker. Rahn oder rahnig seyn, schlank. Daher die Rahne oder Rahnigkeit, eben daselbst die schlanke Beschaffenheit. Im Holländ. ist ran, rank, und im Engl. rank, dünne, schlank, im Nieders. rank, oder rang, schlank, und Range, ein langer dünner Mensch, und im Ästhnischen ram, schwach. Es ist das Stammwort von ring in dem heutigen geringe und von Ranken, S. diese Wörter.


Rahsegel (W3) [Adelung]


Das Rahsegel, des -s, plur. ut nom. sing. in der Schifffahrt, ein viereckt geschnittenes und an einer Rahe befestigtes Segel; zum Unterschiede von andern Arten der Segel. In engerer Bedeutung wird das große viereckige Hauptsegel an dem Mastbaume das Rahsegel genannt. S. die Rahe.


Raiger (W3) [Adelung]


Der Raiger, S. Reiher.


Raigras (W3) [Adelung]


Das Raigras, S. Reihgras.


Rain (W3) [Adelung]


Der Rain, des -es, plur. die -e, Diminut. das Rainchen, ein noch auf dem Lande vieler Gegenden, besonders Obersachsens, übliches Wort, welches in verschiedenen Bedeutungen vorkommt. 1) Ein Hügel, wovon Frisch einige Beyspiele anführet, auf welchen diese Bedeutung aber noch nicht erweislich ist, indem entweder der Begriff der mit Gras bewachsenen grünen Fläche, oder auch der Gränze darin der herrschende zu seyn scheinet. 2) Ein mit Gras bewachsener grüner Platz; ein Anger. So ist der Gemeinderain ein solcher Platz, welcher zur Weide dienet. Der Schießrain, ein grüner Platz, worauf sich die Bürgerschaft im Schießen zu üben pflegt. Da aber auch in diesen Fällen der Begriff der Länge und geringen Breite Statt findet, so scheinet es auch hier zu der folgenden Bedeutungen zu gehören. 3) Am häufigsten ist in der Landwirthschaft der Rain ein schmaler Strich Landes, welcher zwischen zwey Äckern ungepflügt liegen bleibet, und mit Gras bewachsen ist, da er denn diesen Äckern so wohl zur Gränze dienet, als auch als eine Weide und zur Gräserey genutzt wird; des Rasenrain, Gränzrain, Feldrain, Schiedrain. Den Rain abpflügen, oder, wie man in einigen Gegenden sagt, absacken, etwas davon zu seinem Acker pflügen. In weiterer Bedeutung wird auch die Gränze einer Dorfflur, so fern sie aus einem ungepflügten mit Gras bewachsenen Lande bestehet, ein Rain genannt, welches Wort denn auch wohl in noch weiterer Bedeutung von einer jeden Gränze überhaupt gebraucht wird.

Anm. Im Nieders. Reen. Wer den Begriff der grünen mit Gras bewachsenen Beschaffenheit für den herrschenden in diesem Worte hält, wird es ohne großen Zwang von grün ableiten können, welches nur den Gaumenlaut vor sich genommen hat. Allein es scheinet der Hauptbegriff in der langen schmalen Beschaffenheit der Feldraine der dritten Bedeutung zu liegen, so daß Rain eigentlich einen langen schmalen Körper, und in weiterer Bedeutung, das äußerste dieser Art an einem Körper bedeuten würde. Rain ist also ein naher Verwandter von rahn, rahnig, Rand, Ranft, Rinde, wovon mit allerley Vor- und Nachlauten auch Brink, Franse Braune in Augenbraune, Gränze, Strand u. s. f. abstammen. Im Schwed. ist Ren so wohl ein Pfahl, als die Gränze. Ottfrieds rinan, berühren, und figürlich gränzen, gehöret auch dahin. ( S. Rainen.) Da die meisten Verwandten dieses Wortes ein a haben, so schreibt man es auch gemeiniglich mit einem ai, so fremd und widrig dieser Oberdeutsche Doppellaut den Hochdeutschen auch klingt. Indessen schreiben und sprechen die Niederdeutschen und alle ihre Sprachverwandten Reen; und wer wollte es den Hochdeutschen verargen, wenn sie Rein schrieben, da sie wirklich so sprechen? Eine Zweydeutigkeit mit rein, purus, ist nicht zu befürchten, da der Fall wohl nicht leicht vorkommen dürfte. Das Oberdeutsche Rain, ein Tiegel, gehöret zu einem eigenen Stamme.


Rainbalken (W3) [Adelung]


Der Rainbalken, des -s, plur. ut nom. sing. im Feldbaue, fehlerhafte Streifen oder Raine, welche man im Pflügen des Ackers aus Ungeschicklichkeit liegen läßt.


Rainbaum (W3) [Adelung]


Der Rainbaum, des -es, plur. die -bäume, ein auf einem Raine stehender Baum. Ingleichen ein Baum, so fern er die Gränze eines Feldes oder einer Flur macht.


Reinbeere (W3) [Adelung]


Die Reinbeere, plur. die -n, in einigen Gegenden, ein Nahme der Beeren des Kreuz- oder Wegedornes, und dieses Getränk selbst, Rhamnus catharticus L. ohne Zweifel, weil er gern in den Hecken auf den Feldrainen wächst.


Rainblume (W3) [Adelung]


Die Rainblume, plur. die -n, Diminut. das Rainblümchen, Oberd. Rainblümlein. 1) Eine Art der Ruhrpflanze, welche einem kleinen Strauche gleicht, graue wollige Stängel, aschfarbene Blätter, und goldgelbe wohlriechende Blumen hat, die ihre Farbe und ihren Glanz viele Jahre behalten; Gnaphalium Stoechas L. Streichblume. Sie wächst auf den sandigen Hügeln und dürren Rainen, daher sie vermuthlich auch den Nahmen hat, und alsdann irrig Rheinblume geschrieben wird. 2) In einigen Gegenden wird auch das Angerblümchen oder Maßlieben, Bellis minor L. Rainblümchen genannt, weil es gleichfalls auf den Rainen einheimisch ist.


Rainen (W3) [Adelung]


Rainen, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches nur noch in der Landwirthschaft einiger Gegenden für gränzen üblich ist, wo es doch nur von Feldern und andern Grundstücken gebraucht wird. Der Acker rainet an das Holz. So auch in den Zusammensetzungen anrainen, angränzen, abrainen, mit Gränzen absondern, verrainen, mit Gränzen bezeichnen u. s. f. In weiterer Bedeutung kommt rinen bey dem Ottfried und seinen Zeitgenossen für berühren häufig vor, wo es von reichen sich nur im Endlaute unterscheidet, oder auch zunächst den Begriff der Ausdehnung in die Länge hat. S. Rain.


Rainherr (W3) [Adelung]


Der Rainherr, des -es, plur. die -en, in einigen Städten, Rathsherren, welche die Aufsicht über die Raine, d. i. Gränzen, der in der Stadtflur gelegenen Äcker führen, und mit den Rheinheeren in andern am Rheine gelegenen Städten nicht zu verwechseln sind.


Rainkohl (W3) [Adelung]


Der Rainkohl, des -es, plur. inus. eine Pflanze, welche in den Gartenländern und auf den Rainen einheimisch ist; Lapsana L. bey den ältern Schriftstellern des Pflanzenreiches Olus silvestris.


Rainschwalbe (W3) [Adelung]


Die Rainschwalbe, S. Rheinschwalbe.


Rainschwamm (W3) [Adelung]


Der Rainschwamm, des -es, plur. die -schwämme, eine Art kleiner blätteriger, hellbrauner, eßbarer Schwämme, welche nach einem Regen auf den Rainen und Viehweiden in Menge aufschießen; an manchen Orten Kreslinge, Kreislinge, Kuhlecken.


Rainstein (W3) [Adelung]


Der Rainstein, des -es, plur. die -e, auf dem Lande einiger Gegenden, ein Gränzstein, besonders so fern er den Rain, d. i. die Gränze eines Ackers oder einer Flur, bezeichnet.


Rainweide (W3) [Adelung]


Die Rainweide, plur. die -n, ein Strauch, welcher schwarze, bitterlich süße Beeren trägt, welche im gemeinen Leben Hundsbeeren genannt werden; Ligustrum vulgare L. Hartriegel wegen seines harten Holzes, daher er auch Beinholz und verderbt Beinhülsen, und Eisenbeerbaum, in andern Gegenden aber Mundholz, Kehlholz heißt, weil es wider die Mundfäule gebraucht wird. In noch andern Gegenden hat er den Nahmen Geisthülsen, grüner Faulbaum und Grießholz, vermuthlich wegen seiner aschfarbenen Rinde. Er wächst auf grob sandigen Hügeln, in den Hecken und an den Rainen, d. i. Gränzen, der Felder, welchem Umstande er vermuthlich die erste Hälfte, so wie der zähen biegsamen Beschaffenheit seines Holzes die letzte Hälfte seines Nahmens zu danken hat. Im Französischen heißt er Troene, welches gleichfalls damit verwandt seyn scheinet. Die Rheinweide gehöret nicht hierher, S. dieses Wort.


Raitel (W3) [Adelung]


Der Raitel, S. Reitel.


Raiten (W3) [Adelung]


1. Raiten, verb. reg. act. welches nur im Oberdeutschen üblich ist, wo es rechnen bedeutet, S. Reiten.


Raiten (W3) [Adelung]


2. Raiten, verb. reg. act. sieben, S. 2 Rädern.


Raiter (W3) [Adelung]


1. Der Raiter, Rechnungsführer, Schaffer, Aufseher u. s. f. S. Reiter.


Raiter (W3) [Adelung]


2. Der Raiter, ein Sieb, S. Räder.


Raitern (W3) [Adelung]


Raitern, sieben, S. 2 Rädern.


Raitkammer (W3) [Adelung]


Die Raitkammer, der Rait-Officier, u. s. f. S. Reiten, rechnen.


Rak (W3) [Adelung]


Der Rak, des -es, plur. die -e, auf den Schiffen, ein Kranz, welcher aus kugelförmigen auf ein Tau gereiheten Stücken Holz bestehet, den Mast und die Mitte der Rahe umgibt, und sie beyde zusammen hält. Daher das Racktau, dasjenige Tau, worauf diese Kugeln, welche man Stängel heißt, gereihet sind. Allem Aufsehen nach mit Reihe, Ring, Krauen, Kragstein u. s. f. aus Einer Quelle, welche beyden letztern sich nur durch den vorgesetzten Gaumenlaute unterscheiden.


Rake (W3) [Adelung]


Die Rake, eine Art Krähe oder Raben, S. Racker.


Räkel (W3) [Adelung]


Der Räkel, S. Rekel.


Raket (W3) [Adelung]


Das Raket, die Rakete, S. Racket, Rackete.


Raktau (W3) [Adelung]


Das Raktau, des -es, plur. die -e, S. Rak.


Ralle (W3) [Adelung]


Die Ralle, plur. die -n, in einigen Gegenden, ein Nahme des Gras- oder Wiesenläufers, Rallus Kl. welcher einem Wasserhuhne sehr ähnlich ist, und von vielen auch dahin gerechnet wird. Im Lat. Rallus, Grallus, im Engl. Rail, in manchen Gegenden auch Wachtelkönig, Schecke und Schricke. Der Nahme Ralle, welcher bey einigen auch im männlichen Geschlechte der Rall lautet, hat seinen Grund entweder in dem diesem Worte ähnlichen Geschreye dieses Vogels oder auch in seinen weiten, schnellen Schritten, welche er macht. Um der letzten Ursache willen ist vermuthlich auch eine Art großer Felsmäuse unter dem Nahmen der Ralle oder Rallmaus bekannt, Holl. Rellmuys. Im Schwed. sind Raller Lügen, albernes Geschwätz, im Holl. rallen, rellen, plaudern, scherzen, wohin auch das Engl. to rally und Franz. railler gehören.


Ramm (W3) [Adelung]


Der Ramm, des -es, plur. die -e, der Schafbock, S. Rammbock.


Rammblock (W3) [Adelung]


Der Rammblock, des -es, plur. die -blöcke, eigentlich der große Block oder Kloß in einer Ramme, welcher eigentlich das Rammen verrichtet, und auch der Rammklotz, der Rammel, die Rammel, der Knecht, der Bär, und in einigen Gegenden, z. B. in der Lausitz, auch das Handwerk genannt wird. Man hat auch kleinere Rammblöcke, welche mit der bloßen Hand regieret werden, und Handrammen, bey den Pflas=terern und Steinsetzern aber Jungfern genannt wird. S. Ramme und Rammeln.


Rammbock (W3) [Adelung]


Der Rammbock, des -es, plur. die -böcke, in vielen Gegenden, ein Nahme des Widders oder Schafbockes, der im Nieders. Engl. und Holländ. nur der Ramm, in andern Gegenden aber der Rammer oder Rammel heißt. Im Osnabrückischen wird auch der Kater der Ramm genannt. S. Rammeln und Rammler.


Ramme (W3) [Adelung]


Die Ramme, plur. die -n, ein Werkzeug, welches gemeiniglich aus einem schweren Klotze in Gestalt eines abgeschnittenen Kegels bestehet, Pfähle damit in die Erde zu rammen, Steine, Erde u. s. f. damit fest zu stoßen; dieser Klotz werde nun mit der bloßen Hand geführet, da er auch Handramme, Rammklotz, Jungfer u. s. f. heißt, oder befinde sich in und an einem besondern Gerüste, wo er mit Stricken in die Höhe gezogen, und alsdann seiner eigenen Schwere überlassen wird. Da denn bald dieses ganze Werkzeug, bald auch nur der Rammblock oder Rammklotz allein diesen Nahmen führet. Bey dem Golius führet die Ramme den Nahmen des Lastschlägels Stockblockes, bey andern den Nahmen des Bären oder Bätzes, von baren, pären, beiten, peitschen, schlagen, stoßen, der Hoje, Heye. Engl. Rammer. S. Rammen.


Rammel (W3) [Adelung]


1. Der Rammel, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Der Schafbock, ( S. Rammbock.) 2) Im Bergbaue wird eine Art Zwitter oder Zinnstein Rammel genannt, welches doch zunächst den Ort bedeutet, wo diese Zwittergänge zusammen kommen, oder in der Bergsprache, sich rammeln, S. dasselbe.


Rammel (W3) [Adelung]


2. Die Rammel, plur. die -n, S. Rammblock.


Rammeln (W3) [Adelung]


Rammeln, verb. reg. welches in doppelter Gestalt üblich ist. I. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben. 1. * Eigentlich, ein lautes Geräusch, ein Getöse machen, lärmen; Schwed. ramla, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . Es ist im Hochdeutschen in dieser Bedeutung veraltet. 2. in weiterer Bedeutung, solche ungestüme Bewegungen machen, welche in vielen Fällen mit diesem Getöse verbunden sind. 1) So gebraucht man im gemeinen Leben das Wort rammeln sehr oft von allerley unordentlichen und heftigen Bewegungen mit Händen und Füßen. Auf dem Strohe herum rammeln. Wo es auch active üblich ist. Das Kind hat das Bett zu Schanden gerammelt. In den niedrigen Sprecharten sind dafür auch die Wörter rankern und ranzen üblich. 2) Sich begatten, sich belaufen; wo man es doch nur von den Hasen, Kaninchen, Katzen und Böcken gebraucht. In der Lausitz und andern Gegenden sagt man es auch von dem Rindviehe, da denn der Zuchtochs auch der Rammelochs genannt wird. Zunächst wird es nur von dem männlichen Geschlechte der Thiere gesagt, der Bock rammelt; in weiterer Bedeutung aber gebraucht man es auch von beyden Geschlechtern. Die Hasen rammeln, wenn sie sich begatten. Viele andere gleichbedeutende Wörter, welche aber von andern Thieren gebraucht werden, z. B. brunsten, rauschen, ranzen, balzen, rollen u. s. f. sind gleichfalls von dem Geräusche hergenommen, welches manche Thiere dabey zu manchen pflegen. ( S. Rammbock und Rammler.) Nieders. gleichfalls rammeln. In Boxhorns Glossen ist Rammalond schon Coitus. II. Als ein Activum. 1) Mehrmahls stoßen; auch als eine Anspielung auf das damit verbundene Geräusch. Pfähle in die Erde rammeln. in der anständigen Sprechart ist dafür rammen üblich, S. dasselbe. 2) Versammeln; eine gleichfalls von dem Getöse mehrerer sich versammelnder Dinge hergenommene Figur. In diesem Verstande ist es nur noch im Bergbaue als ein Reciprocum üblich, wo sich die Gänge rammeln, wenn sie so zusammen kommen, daß sie sich völlig mit einander vermischen, so daß man ihr Streichen und ihr Salband nicht mehr erkennen kann; worin es von dem sich scharen der Gänge verschieden ist. Im Wend. ist Rema die Versammlung, und im Nieders. Ramp, Rammel, die Menge, Franz. Ramas. Daher das Rammeln.

Anm. Rammeln ist das Intensivum oder Frequentativum von rammen, oder, da auch dieses wegen des doppelten m ein Intensivum zu seyn scheinet, von dem veralteten ramen, welches schreyen, lärmen u. s. f. bedeutet haben mag, und wovon Ruhm, rumoren, rummeln, brummen, Trommel, fremere, u. a. m. abstammen. im Hebräischen ist - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - der Donner, im Schwed. rama brüllen, Angels. hreaman, im Isländ. rymia. Rähmsken bedeutet im Hannöv. wiehern. S. Rühmen und Rammen.


Rammelzeit (W3) [Adelung]


Die Rammelzeit, plur. die -en, diejenige Zeit, da sich die Thiere zu begatten pflegen; doch nur von denjenigen Thieren, von welchen das Zeitwort rammeln üblich ist. Die Rammelzeit der Hasen, Kaninchen, Katzen u. s. f.


Rammen (W3) [Adelung]


Rammen, verb. reg. act. welches eigentlich stoßen bedeutet, aber nur noch von dem senkrechten Stoßen oder Schlagen vermittelst eines schweren Klotzes gebraucht wird. Pfähle in die Erde rammen. Die Erde fest rammen, stoßen oder schlagen. Daher das Rammen. S. auch Einrammen und Verrammen.

Anm. Im Nieders. gleichfalls rammen, im engl. to ram, im gemeinen Leben auch rammeln. Das Holländ. rammen wird auch für rammeln, begatte, gebraucht. Es druckt zunächst das mit dem Stoßen verbundene Getöse aus. Wegen dieser stößigen Eigenschaft heißt der Mann der Ziegen und Schafe so wohl Bock, (siehe Pochen,) als Ramm und Rammbock, obgleich auch damit auf den wollüstigen Trieb dieses Thieres zur Begartung gesehen werden kann, von rammeln, begatten. Das Lat. Aries leidet eine ähnliche Ableitung, indem es mit unserm alten hirten, stoßen, arietare, ( S. Hirsch,) von einem gemeinschaftlichen Stamme herkommt. Da nun eine horizontale Ramme oder ein Mauerbrecher um eben dieses Stoßens willen, wozu er bestimmt war, bey den Römern gleichfalls Aries hieß, so ist daraus die Fabel entstanden, daß die Arietes, oder Mauerbrecher, vorn mit eisernen Widderköpfen versehen gewesen. Gerade als wenn unsere Rammen deßwegen, weil sie Rammen heißen, die Figur eines Ramms- oder Widderkopfes haben müßten.


Rammklotz (W3) [Adelung]


Der Rammklotz, des -es, plur. die -klötze, S. Rammblock.


Rammler (W3) [Adelung]


Der Rammler, des -s, plur. ut nom. sing. das männliche Individuum derjenigen Thiere, von welchen das Zeitwort rammeln gebraucht wird. Besonders führet der männliche Hase den Nahmen des Rammlers, zum Unterschiede von der Häsinn oder dem Satz- oder Mutterhasen. In einigen Gegenden wird auch der Widder, Stähr oder Schafbock, Rammler genannt, S. Rammbock.


Rampe (W3) [Adelung]


Die Rampe, plur. die -n, aus dem Franz. Rampe, im Festungsbaue, ein gelinde abschüssiger Weg nach und vor einem Walle; der Walllauf, mit einem andern Französischen Worte die Apparelle. Davon heißt eine Gasse in Dresden die Rampische (vulg. Rammische). Gasse.


Ramsel (W3) [Adelung]


Der Ramsel, des -s, plur. inus. 1) eine Art wilden Knoblauches, welcher in den feuchten finstern Wäldern wächst, und einen sehr widerwärtigen Geruch hat; Allium ursinum L. Waldknoblauch, Ramsenwurz. 2) In einigen Gegenden wird auch das Knoblauchskraut, Erysimum Alliaria L. Ramschenwurz, Ramsenwurz und Ramsel genannt.

Anm. Der Nahme lautet in den gemeinen Sprecharten bald Ramsel, bald Rampen, bald Germsel. Im Lauensteinischen lautet er Remse, im Schweizerischen und Wendischen Ramseren, im Norweg. Rams. Gederams. Es ist sehr wahrscheinlich, daß beyde Gewächse den Nahmen von ihrem widerwärtigen Geruche haben. Rähmeln bedeutet in einigen Oberdeutschen Mundarten ranzig riechen und schmecken.


Rammskopf (W3) [Adelung]


Der Rammskopf, des -es, plur. die -köpfe, eigentlich ein Widderkopf, der Kopf eines Schafbockes; von Ramm, ein Widder. Figürlich auch ein einem Widderkopfe ähnlicher Kopf, besonders an den Zugpferden, an welchen man die Rammsköpfe liebt, welche von den Schafsköpfen noch verschieden sind.


Ran (W3) [Adelung]


Ran, Ranig, schlank, S. Rahnig.


Rand (W3) [Adelung]


Der Rand, des -es, plur. die Ränder, Diminut. das Rändchen, Oberd. Rändlein, die äußerste Fläche eines Dinges, diejenige schmale Fläche, welche den äußersten Umfang eines Körpers ausmacht. 1) Eigentlich. Der Rand eines Grabes, eines Brunnens, einer Grube. Am Rande des Brunnens stehen. Der Rand eines Flusses; indessen ist von Flüssen und andern großen Wassern das Wort Ufer üblicher. Der Rand des Schiffes, wofür doch das Nieders. Bort eingeführet ist. Die Wiesenränder vermiethen. Der Rand eines Glases, Bechers, Topfes, Gefäßes u. s. f. der Rand des Tisches. Der Rand eines Buches, die leer gelassene, lange und schmale Fläche an der äußersten Seite der Blätter. Ein Buch mit einem breiten Rande. Einen Rand brechen, einen Bug in das Papier machen, die Gränzen des Randes zu bezeichnen. Etwas auf den Rand schreiben. Das versteht sich am Rande, das Verstehet sich von selbst, ist außer allem Zweifel, eine vermuthlich von den ehemaligen Randglossen entlehnte Figur. Am Rande des Abgrundes stehen, figürlich, in der äußersten Gefahr des Lebens und des Unterganges seyn. 2) Figürlich, das Ende eines Dinges oder einer Sache; doch nur noch in einigen R. A. wo das Wort nur in Singular allein üblich ist. Mit einer Sache zu Rande kommen, sie zur Ende bringen, ingleichen sich darein zu finden wissen. Mit jemanden zu Rande kommen, mit ihm aus einander kommen, mit ihm einig werden, wofür man in einigen Fällen auch sagt, mit ihm aufs Reine kommen. Eine Sache zu Rande bringen, oder auch, sie ins Reine bringen, sie in Ordnung bringen, ihr das rechte Geschick geben. Sie müssen mit ihrem Gewissen schon vortrefflich zu Rande seyn, daß es ihnen nicht gleich beyfällt. Less. Man könnte glauben, daß Rind in diesen Fällen aus rein entstanden sey, welches eben in diesem Verstande gebraucht wird. Allein es ist wahrscheinlicher, daß es eine aus der Schifffahrt entlehnte Figur ist, und daß zu Rande kommen, eigentlich, das Ufer erreichen, bedeutet. Opitz gebraucht diese R. A. mehrmahls im eigentlichen Verstande: Ich walle wie ein Schiff, das durch das wilde Meer Von Wellen umgejagt, nicht kann zu Rande finden. Und an einem andern Orte: Ein stiller Port der Noth, An dem der Kummer ruht und gibet sich zu Rande.

Anm. Bey dem Stryker und seinen Zeitgenossen Rant, im Nieders. Schwed. und Engl. gleichfalls Rand, im Isländ. Raund und Rond. Rand, Rain, Ranft, Rahm, Reif, Braun in Augenbraunen, und allen Ansehen nach noch auch Strand u. s. f. sind alle Wörter Eines Geschlechtes, welche eigentlich überhaupt eine jede Ausdehnung in die Länge ohne beträchtliche Breite und Dicke, und in engerer Bedeutung die äußerste Fläche eines Körpers von dieser Art bezeichnen, ob sie gleich durch den Gebrauch auf verschiedener Weise eingeschränket worden. Diese erste Bedeutung erhellet noch aus dem Schwedischen, wo Rand auch eine Linie bedeutet. Im Nieders. bedeutet daher noch anranden, eigentlich, an eine Sache reichen, und figürlich, sich an etwas machen, es angreifen, jemanden anfallen, ihn anreden, anrufen u. s. f. welches an Ottfrieds reinen, berühren, erinnert. ( S. Rain und Ranft.) Einige Sprachlehrer behaupten, der Plural laute Rande, und Ränder sey eine Meißnische Privinzial-Form. Allein der letzte Plural ist doch wenigstens im Hochdeutschen allgemein, und Rände scheint vielmehr nur einigen Provinzen eigen zu seyn.


Randboden (W3) [Adelung]


Der Randboden, des -s, plur. die -böden, in der Landwirthschaft, ein Werkzeug mit einem Rande, vermittelst desselben die Bienen in den Korb zu fassen.


Randdorf (W3) [Adelung]


Das Randdorf, des -es, plur. die -dörfer, eine in der Mittelmark Brandenburg übliche Benennung derjenigen Dörfer, welche am Rande der dasigen Moräste liegen, und wiederum entweder Bruchdörfer oder Land- und Ackerdörfer sind.


Rändern (W3) [Adelung]


Rändern, verb. reg. act. mit einem Rande versehen. Eine Pastete rändern. Geränderte Ducaten, welche mit einem besonders bezeichneten Rande versehen sind, zum Unterschiede von den ungeränderten. Im gemeinen Leben auch wohl randen und rändeln. Daher das Rändern.


Randfach (W3) [Adelung]


Das Randfach, des -es, plur. die -e, bey den Hutmachern, diejenigen Fache, d. i. Stücke des gefachten Überzuges, woraus der Rand des Hutes verfertiget wird; zum Unterschiede von dem Kopffachen.


Rand-Glosse (W3) [Adelung]


Die Rand-Glosse, plur. die -n, eine auf den Rand eines Buches oder einer Schrift geschriebene Glosse oder Anmerkung; Nieders. Randholz, Randzeichen.


Randholz (W3) [Adelung]


Das Randholz, des -es, plur. die -hölzer, im Schiffsbaue, zwey krumme Hölzer, welche mit ihren untern Enden an den Hinterstefen, und oben an zwey Ständer stoßen, und den Grund zu der Rundung des Hintertheiles des Schiffes legen.


Rändig (W3) [Adelung]


Rändig, adj. et adv. einen Rand haben, welches aber nur in einigen Zusammensetzungen, hochrändig, breiträndig u. s. f. üblich ist.


Randmotte (W3) [Adelung]


Die Randmotte, plur. die -n, bey den neuern Schriftstellern des Insecten-Reiches, eine Art Nachtmotten, welche sich auf den Eichbäumen aufhält; Phalaena noctua complana L.


Randmuster (W3) [Adelung]


Das Randmuster, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Schustern, ein Stückchen Leder, etwas eines Zolles breit, welches zwischen die Brandsohle und die andere Sohle am Rande herum gelegt wird, damit die Stiche desto besser halten; der Rahmen.


Randscheibe (W3) [Adelung]


Die Randscheibe, plur. die -n, in den Goslarischen Kupferbergwerken, untaugliche Scheiben ausgeschmelzten Kupfers, welche keine Kaufmannswaare sind; zum Unterschiede von den bessern Wägescheiben. Vermuthlich weil sie als Ausschuß auf den Rand geworfen oder gesetzt werden.


Randschrift (W3) [Adelung]


Die Randschrift, plur. die -en, eine auf dem Rande eines Dinges befindliche Schrift. Besonders die Umschrift auf dem äußern Rande einer Münze.


Randschüssel (W3) [Adelung]


Die Randschüssel, plur. die -n, eine Schüssel mit einem gerade in die Höhe stehenden Rande; eine Potagen-Schüssel.


Randstreifen (W3) [Adelung]


Der Randstreifen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Streifen, welcher den Rand eines Dinges ausmacht, demselben zum Rande dienet. Auf den Schiffen führet der oberste Barkhalter, oder das oberste Barkholz, diesen Nahmen.


Randstück (W3) [Adelung]


Das Randstück, des -es, plur. die -e, ein Stück von dem Rande eines Dinges, ein Stück, welches den Rand an einem Dinge ausmacht oder ausmachen hilft. Dergleichen Randstücke sind z. B. die Theile der Einfassung eines aus Steinen gehauenen Brunnenbeckens.


Ranft (W3) [Adelung]


Der Ranft, des -es, plur. die Ränfte, Dimin. das Ränftchen, Oberd. das Ränftlein, zusammen gezogen Ränftle, der Rand eines Dinges, und in weiterer Bedeutung, das Äußerste eines Dinges; ein nur im Oberdeutschen übliches Wort, wo es oft von einem jeden Rande gebraucht wird. Der Ranft an einer Pastete, an einem Glase u. s. f. Besonders gebraucht man es von der Rinde des Brotes, und im engsten und gewöhnlichsten Verstande, von einem größten Theils aus Rinde bestehenden Stücke Brot, dergleichen z. B. dasjenige ist, welches zuerst von einem ganzen Brote abgeschnitten wird, und welches in Baiern auch der Scherzel, in Niederdeutschland aber der Knust genannt wird. In diesem engsten Verstande ist es auch im Hochdeutschen, wenigstens in Obersachsen, gangbar. Eben daselbst ist es auch in der Landwirthschaft üblich, wo der Acker einen Ranft bekommt, wenn er durch anhaltendes Regenwetter oben eine feste Rinde bekommt.

Anm. Ranft, Rand und Rinde sind Eines Geschlechtes, ob sie gleich durch den Gebrauch auf verschiedene Art eingeschränkt sind. In den Monseeischen Glossen wird Ramft vel Prort durch Labra erkläret; wo für Prort vielleicht Bord oder Port zu lesen ist.


Rang (W3) [Adelung]


1. Der Rang, eine Krankheit der Schweine, S. Rankkorn.


Rang (W3) [Adelung]


2. Der Rang, des -es, plur. die -e. 1. Eigentlich, eine Reihe, d. i. mehrere in einer Linie neben einander befindliche Dinge Einer Art, und die Linie, welche daraus entstehet; in welcher Bedeutung es doch nur in einigen Fällen gebraucht wird. So sind die Range oder Reihen bey den Perrückenmachern diejenigen Tressen, welche nach der Reihe über einander genähet werden; Franz. les Rangs. In den Schauspielhäusern sind gemeiniglich drey Range Logen über einander. Im ersten Range, im zweyten Range. In weiterer Bedeutung bedeutet daher Rang den Grad der Größe der Kriegsschiffe, weil sie in einem Seetreffen nach ihrer Größe gestellet werden. Die Franzosen haben unter ihren Kriegsschiffen fünf Range, die Holländer sieben, die Engländer sechs. Ein Schiff vom ersten Range ist in Frankreich 170 bis 180 Fuß lang, und führet bis 120 Kanonen; ein Schiff vom zweyten Range ist 150 bis 155 Fuß lang, und trägt 80 bis 90 Kanonen; ein Schiff vom dritten Range ist 135 bis 145 Fuß lang, und hat 60 bis 70 Kanonen; eins vom vierten Range hat 100 Fuß Kiel und führet 30 bis 40 Kanonen; der fünfte und letzte Rang endlich enthält Schiffe von 80 Fuß Kiel und 5 bis 20 Kanonen. Die sechs Range der Engländer bestehen aus Schiffen von 100, 90, 80 bis 70, 60 bis 50, 40 bis 30 und 20 Kanonen. 2. Figürlich, der Grad der Würde, welche jemand in der bürgerlichen Gesellschaft bekleidet, welcher auch wohl der Stand genannt wird; in welcher Bedeutung der Plural ungewöhnlich ist. 1) Überhaupt. Ein Mann von hohem Range. Seine Verdienste geben dir ein gegründetes Recht auf einen höhern Rang. Den ersten Rang haben. In welchem Range auch der Mensch geboren wird, so richtet sich die öffentliche Achtung doch allemahl nach den Diensten, welche er dem Vaterlande leistet. 2) In engerm Verstande. a) Ein vorzüglicher Rang von dieser Art. Ein Mädchen ohne Vermögen und ohne Rang, Less. b) Die obere Stelle im gesellschaftlichen Leben, als ein Beweis dieses vorzüglichen Ranges in der bürgerlichen Gesellschaft. Jemanden den Rang geben, die obere Stelle, ihn sich zur rechten Hand gehen lassen. Jemanden den Rang ablaufen, figürlich, einen Vortheil über ihn gewinnen; welche R. A. aber auch zu dem folgenden Rank gehören kann, da es denn mit einem k geschrieben werden müßte.

Anm. Im Engl. Range und Rank, im Holländ. Rang. Beyde sind so wie das Deutsche erst in den spätern Zeiten aus dem Franz. Rang entlehnet worden, welches wiederum mit Ranken, Rain, Rand, Reihe u. s. f. Eines Geschlechtes ist, und eigentlich eine Ausdehnung in die Länge bezeichnet. Was aus dem Wahltage 1658 von dem Chur-Brandenburgischen Gesandten wegen dieses ausländischen Wortes erinnert worden, ist schon bey dem Worte Posten angeführet worden. Der Plural, welcher doch nicht oft vorkommt, macht Vielen Schwierigkeit. Die meisten machen ihn wie im Franz. Rangs, Rangs. Allein, da man im Singular das Wort schon völlig decliniret, des Ranges, dem Range, so kann auch der Plural die Range kein Bedenken machen.


Range (W3) [Adelung]


Der Range, des -n, plur. die -n, ein lang aufgeschossener junger Mensch, in verächtlichen Verstande, und besonders in Niedersachsen. Ein Gassenrange, ein großer Gassenbube. Ingleichen, ein muthwilliger und bösartiger Bube, doch auch mit dem Nebenbegriffe der Länge. Ein gottloser Range, ein böser Bube. Ins Zuchthaus mit solchen ungerathenen Rangen, Gell.

Anm. Im Niedersächsischen, wo dieses Wort eigentlich einheimisch ist, gleichfalls Range. Eben daselbst ist Rengel gleichfalls ein muthwilliger Bube. So fern der Begriff der Länge der herrschende ist, gehöret es zu rang, schlang, Oberd. rahnig, Ranken und andern dieses Geschlechtes, ( S. diese Wörter.) So fern aber der Begriff des Muthwillens hervorsticht, ist es ein Verwandter von dem Nieders. rangen, lärmen, toben, ( S. Ringen) dem Engl. to range, laufen, und rank, muthwillig, böse, S. auch 2 der Rank.


Range (W3) [Adelung]


1. Die Range, plur. die -n, ein nur in einigen Provinzen, z. B. in Schlesien übliches wort, eine Sau, ein Schwein weiblichen Geschlechtes zu bezeichnen; wo es allem Ansehen nach der natürliche Stimme dieser Thiere nachahmet, und davon entlehnet ist. S. Ranze und Grunzen.


Range (W3) [Adelung]


2. Die Range, plur. die -n, auch nur in einigen Gegenden, für Rain oder Gränze. Das Rain- und Rangenrecht, das Recht, die Feld- und Flurgränzen zu bestimmen. Es ist ein naher Verwandter von der Range, Rank, besonders aber von Rain, und der daraus gebildeten Gränze, weil auch hier der Begriff der Länge, und besonders der äußersten Länge hervorsticht.


Range (W3) [Adelung]


3. Die Range, plur. -n, eine Art Mangold, welche eine Bastardart von dem gemeinen Mangold und dem rothen Mangold, oder der Beere ist, und auch Ranrübe, Mangoldrübe genannt wird. Sie scheinet die Beta rubra radice rapae Bouh. zu seyn. Der Nahme Range wird in den gemeinen Sprecharten in Rangers, Raunschen, Rohne, Rande, Runkelrübe u. s. f. verderbt. Ja in einigen Oberdeutschen Gegenden wird die Beere, oder der rothe Mangold, Rahne, Rohne und Rande genannt. Eine nähere Kenntniß der Wurzel dieses Gewächses muß entscheiden, ob sie nicht etwa wegen ihrer ranken, rahnigen, d. i. langen und dünnen Gestalt, den Nahmen habe. In andern Gegenden ist das Flachskraut, Cuscula L. unter dem Nahmen der Range bekannt. S. das Beywort Rank.


Rangen (W3) [Adelung]


1. Der Rangen, des -s, plur. car. S. Rankkorn.


Rangen (W3) [Adelung]


2. Der Rangen, des -s, plur. ut nom. sing. nur in einigen Gegenden, ein abhängiger Berg, der nicht jähe ist, sondern sanft an- und abgehet, und welcher in andern Gegenden eine Leite genannt wird. Vielleicht auch wegen des sanftern und folglich tängern Abhanges, von rank, lang, und der Range.


Rangordnung (W3) [Adelung]


Die Rangordnung, plur. die -en, die Verordnung eines Höhern in Ansehung des Ranges anderer.


Rangstreit (W3) [Adelung]


Der Rangstreit, des -es, plur. inus. oder die Rangstreitigkeit, plur. die -en, der Streit über den Rang, oder den äußern Vorzug.


Rangsucht (W3) [Adelung]


Die Rangsucht, plur. car. die Sucht, d. i. anhaltende ungeordnete Begierde, nach Rang, oder äußern Vorzug in der bürgerlichen Gesellschaft. Daher rangsüchtig, mit der Rangsucht behaftet, und in derselben gegründet; die Rangsüchtigkeit, die zur Fertigkeit gewordene Rangsucht.


Rank (W3) [Adelung]


Rank, -er, -este, adj. et adv. ein nur im gemeinen Leben der Obersachsen übliches und eigentlich in Niederdeutschland einheimisches Wort, welches geschlank, d. i. lang und dünne, bedeutet, wofür im Oberdeutschen rahn und rahnig üblich ist. Ein ranker Mensch. Eine ranke Ruthe. Im Holländ. ran, rene und rank, im Engl. und Schwed. gleichfalls rank. Es hat so wohl den Begriff der Länge, als der Biegsamkeit. S. Geringe, Rahnig, und die folgenden Wörter.


Rank (W3) [Adelung]


1. Der Rank, des -es, plur. car. eine Krankheit der Schweine, S. Rankkorn.


Rank (W3) [Adelung]


2. Der Rank, des -es, plur. die Ränke. 1. * Eigentlich, die Krümmung; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, welche aber noch in einigen Oberdeutschen Gegenden üblich zu seyn scheinet. Bey dem Pictorius ist der Rank einer Gasse ihre Krümmung, und Stumpf, ein Schweizer, gebraucht Rank von der Krümmung eines Flusses. 2. Figürlich. 1) * Ausflucht, Ausflüchte, verschlagene, aber ungegründete Entschuldigungen, in welchem Verstande man auch sagt, sich drehen und winden, welchen Begriff das Wort Rank gleichfalls gewähret. Es ist auch in dieser Bedeutung im Hochdeutschen veraltet. Sie wollten ihr Thun mit langen Ränken schmücken, Faust in der Lübeckischen Chronik bey dem Frisch. 2) * Ein jeder Kunstgriff, in der weitesten und folglich auch guten Bedeutung, eine andern unbekannte und auf Fertigkeit gegründete Art seine Absicht zu erreichen; wo zunächst gleichfalls auf die Geschwindigkeit, oder geschlanke, geschmeidige Bewegung gesehen wird. Auch hier ist es im Hochdeutschen veraltet. Ein kluger Rank. Ich wil euch lern ein sondern Rank, Theuerd. Kap. 68. Sprichw. Rank überwindet den Klang, d. i. Verschlagenheit, oder auch Geschicklichkeit, überwindet die Beradsamkeit. 3) Im engsten Verstande, ein solcher Kunstgriff, zur Erreichung einer unerlaubten Absicht, oder zum Nachtheil anderer. Jemanden einen Rank spielen. Jemanden den Rank ablaufen, ihn überlisten, seinen Kunstgriffen zuvor kommen, selbige vereiteln; wo viele das Wort Rang schreiben. ( S. dasselbe.) Allein es ist wahrscheinlicher, daß es das gegenwärtige Wort ist. Ihr lebhafter Witz verleitete sie oft, ihre Geschwister zu necken, und ihnen kleine Ränke abzulaufen, Weiße. Welcher Plural nicht Statt fände, wenn es das Wort Rang wäre. Im Oberdeutschen ist die einfache Zahl in dieser Bedeutung völlig gangbar; allein im Hochdeutschen ist nur allein der Plural üblich, weil man daselbst die einfache Zahl aus einer bloßen Unterlassungssünde hat veralten lassen. Mit Ränken umgehen. Ränke brauchen, spielen. Voller Ränke seyn. Jemandes Ränke entdecken. Die Bösen sind verschlagen, und haben geschwinde Ränke, Ps. 64, 7.

Anm. In der letzten figürlichen Bedeutung im Holländ. Ranken, im Schwed. im Plural Ränker, im Isländ. mit dem vorgesetzten Hauchlaute und ohne Nasenlaut Hreckior, im Angels. mit vorgesetzten Blaselaute Vrenc, Vrenca, im Engl. Wrenches. Selbst im Türkischen und Persischen ist Renk der Betrug. Der erste und ursprüngliche Begriff in diesem Worte ist der Begriff der schnellen Bewegung, und in engerer Bedeutung, der schwankenden oder schlängelnden Bewegung. Noch im Schwed. ist ranka schwanken, und in der Schwäbischen Mundart ranken den Leib hin und her bewegen, so wie in den gemeinen Sprecharten einiger Gegenden rankern ungestüme Bewegungen machen ist. Der Begriff der Länge ist mit diesem Begriffe der Bewegung genau verbunden, so daß man sich über die Verwandtschaft der Wörter rennen, rinnen, Ring, ringen, Rang, Range, rank, Ranken u. s. f. nicht verwundern darf. Von den Ränken in der letzten figürlichen Bedeutung hat auch der Nahme Reineke, welchen den Fuchs bey den Dichtern führet, seinen Ursprung, S. dieses Wort.


Ranken (W3) [Adelung]


Der Ranken, des -s, plur. ut nom. sing. bey einigen auch die Ranke, plur. die -n. 1) Schnurförmige Bänder an manchen Pflanzen, welche sich gemeiniglich in Schraubengängen winden, und sich um andere Körper schlingen. Dergleichen Ranken finden sich an dem Weinstocke, dem Hopfen, den Bohnen, Erbsen, dem Epheu u. s. f. Auch die ähnlichen schnurförmigen, langen und dünnen Stängel mancher Gewächse, z. B. des Hopfens, der Erbsen, der Bohnen u. s. f. bekommen um dieser Ursache willen den Nahmen der Ranken. Hopfenranken, Erbsenranken u. s. f. 2) Ein langer, dünner, junger Zweig; eine nur in einigen Fällen übliche Bedeutung. 2 Kön. 4, 39 werden die Reben auf eine im Hochdeutschen ungewöhnliche Art Ranken genannt; und fand wilde Ranken, und las davon Colochynten, wilde Weinreben. Doch pflegt man in dem Weinbaue einiger Gegenden noch die im vorigen Jahre verkürzten Reben an dem Weinflocke Ranken zu nennen; in andern Gegenden heißen sie Knoten, Schenkel und Stürzel. Anm. Im Nieders. gleichfalls Ranke. In der ersten Bedeutung ist der Begriff der schlängelnden Bewegung, in der zweyten aber der Länge und Dünne der herrschende. Das Engl. Branch und Franz. Branche, ein Zweig, stammen gleichfalls daher, und haben nur den Blaselaut angenommen. Siehe das vorige und folgende.


Ranken (W3) [Adelung]


Ranken, verb. reg. act. welches im Hochdeutschen nur als ein Reciprocum in eingeschränkter Bedeutung üblich ist, wo es von langen, dünnen, schwanken Körpern, besonders aber von den Ranken in der vorigen ersten Bedeutung, gebraucht wird, wenn sie sich in schraubenförmigen oder schlängelnder Richtung fortbewegen. Die Bohnen ranken sich an der Stange in die Höhe. Zuweilen, obgleich seltener, kommt es auch als ein Neutrum vor. Die Gurken ranken auf der Erde fort.

Anm. In weiterer, aber im Hochdeutschen ungewöhnlicher Bedeutung ist ranken in einigen Oberdeutschen Gegenden, den Leib hin und her bewegen, und das Intensivum rankern, wofür man in andern Gegenden ranzen und rammeln sagt, heftige, ungezogene Bewegungen der Glieder machen. S. 2 der Rank.


Rankenbaum (W3) [Adelung]


Der Rankenbaum, des -es, plur. die -bäume, bey den Gärtnern, ein Nahme derjenigen Bäume, welche an Spalieren und Geländern gezogen werden, an welchen sie sich gleichsam in die Höhe ranken, und welche am häufigsten Spalierbäume, genannt werden. Im Schwedischen ist Rank eine lange, dünne Stange.


Rankern (W3) [Adelung]


Rankern, verb. reg. act. et neutr. S. Ranken, Anm.


Rankett (W3) [Adelung]


Das Rankett, des -es, plur. die -e, in den Orgeln, eine Art eines angenehmen, geduckten Schnarrwerkes, dessen Pfeifen klein sind, und in sich andere Pfeifen, wie die Surdinen haben. Das Wort ist, allem Ansehen nach, aus einer fremden, vermuthlich aus der Französischen Sprache entlehnet.


Rankkorn (W3) [Adelung]


Das Rankkorn, des -es, plur. die -körner. 1) Ein Gewächs, in Gestalt einer weißen Erbse oder runden Blätter, welches die Schweine zuweilen in großer Hitze oben am Gaumen in der dritten Staffel bekommen, und wobei sie taumelnd und matt werden, und endlich gar sterben; ohne Plural. Einem Schweine das Rankkorn nehmen, ihm dieses Gewächs ausschneiden. Synanche Parasynanche, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . In einigen Gegenden der Rang, der Rank, der Rangen, der Klamm, die Klämme, das Gerstenkorn. Bey dem Rindviehe heißt diese Krankheit die Blatter, oder Blarre. 2) In einigen Gegenden wird auch das Mutterkorn Rankkorn genannt.

Anm. In der ersten Bedeutung scheinet es von dem Nieders. rank, Oberd. rahnig dünn, geschlang, mager abzustammen, weil die Auszehrung mit dieser ansteckenden Krankheit verbunden ist. Andere leiten es von dem Wendischen Ranza, eine Sau, und horiu, krank seyn, ab. In der zweyten Bedeutung findet eben diese Ableitung Statt, weil dergleichen Körner länger als gewöhnlich zu seyn pflegen, obgleich auch die Bedeutung des Geringern oder Schlechtern in Betrachtung gezogen werden kann, S. Ring in Geringe und Krank.


Ränkvoll (W3) [Adelung]


Ränkvoll, -er, -este, adj. et adv. voll Ränke. Ein ränkvoller Mann. S. 2. der Rank 3).


Ranne (W3) [Adelung]


Die Ranne, plur. die -n, eine Art Mangold S. 3 Range.


Ranrübe (W3) [Adelung]


Die Ranrübe, S. eben daselbst.


Rantrieren (W3) [Adelung]


Rantrieren, S. Rentrieren.


Ranze (W3) [Adelung]


Die Ranze, plur. die -n, nur in einigen Gegenden, z. B. in Schlesien, eine Sau, ein Schwein weiblichen Geschlechtes. Die Ranze läuft der Magd mit ihren Ferklein nach, Opitz. Im Wendischen gleichfalls Ranza; ohne Zweifel mit dem an andern Orten, üblichen, gleichbedeutenden Range aus Einer Quelle, nähmlich als Nachahmung des eigenthümlichen Lautes dieser Thiere, welchen man mit vorgesetztem Gaumenlaute auch durch grunzen, und in einigen Fällen durch brähnen ausdruckt, S. Ranzen, das Zeitwort. Im Schwed. ist daher Rone der Eber.


Ränzel (W3) [Adelung]


Der Ränzel, des -s, plur. ut nom. sing. S. das folgende.


Ranzen (W3) [Adelung]


Der Ranzen, des -s, plur. ut nom. sing. Dimin. das Ränzchen, Oberd. Ränzlein, und zusammen gezogen Ränzel, ein Wort, welches überhaupt den Begriff der Versammlung, der Masse hat, aber nur noch in zwey Fällen üblich ist. 1) Der Reisebündel eines Wanderers zu Fuße, der Sack, worin derselbe enthalten ist, er sey nun von Fellen, wie ihn die Soldaten haben, oder aus einer andern Materie; der Reisebündel, der Reisesack. In diesem Verstande ist im Hochdeutschen so wohl Ranzen als auch, und zwar noch häu- figer, Ränzel üblich, doch hat dieses meisten Theils den Begriff eines kleinen Ranzen. Seinen Ränzel auf den Buckel nehmen. Ein großer mit einem Schlosse verwahrter Ränzel, welchen man auch zu Pferde und Wagen gebraucht, ist unter dem Nahmen eines Felleisens bekannt. ( S. auch Schnappsack.) 2) Der Leib, der Körper eines Menschen oder Thieres; doch nur im niedrigen und verächtlichen Verstande, und mit dem Nebenbegriffe der Größe und Ungestaltheit, da denn im Hochdeutschen Ränzen, im Niederd. aber Ränzel am üblichsten ist. Es war ihm ungelegen, daß er seinen Ranzen aus dem Bette heben sollte. In manchen Fällen versteht man darunter in engerer Bedeutung den Bauch. Seinen Ranzen füllen. In andern aber den Rücken. Jemanden etwas auf den Ranzen oder Ränzel geben, auf den Buckel.

Anm. In der ersten Bedeutung im Nieders. Rentsel, Renzel, im Holländ. Rentser, im Schwed. Ränsel, im Wend. Ronz, und selbst im Chaldäischen Rawzel, und im Arabischen Razamon. In Ränzel ist die Endsylbe -el nicht allemahl ein Zeichen eines Diminutivi, sondern mit -en, und -er oft gleichbedeutend, ein Subject, ein Ding zu bezeichnen. Das Wort hat überhaupt den Begriff der Verbindung, der Masse, welcher Begriff eine Figur von der schnellen Bewegung ist. ( S. Rennen, Rinnen und das folgende). Wachter leitet es von dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, ein Fell ab; allein ein Ränzel darf nicht eben immer aus Fellen bestehen. In vielen Gegenden ist Ranne, Rone noch ein Stamm, Truncus, welches Wort selbst zu der Verwandtschaft gehöret und mit dem Deutschen gleichfalls den Begriff der Masse, der Verbindung hat. In den Monseeischen Glossen ist Grant ein geronnener Körper. Das Nieders. Ranzel, Randsel, ein Kothsaum an den Kleidern, gehöret nicht hierher, sondern zu Rand.


Ranzen (W3) [Adelung]


Ranzen, verb. reg. act. et neutr. welches im letztern Falle das Hülfswort haben bekommt. Es ist nur in den gemeinen Sprecharten üblich, wo es in dreyfacher Bedeutung vorkommt. 1) Lärmen, viele ungeordnete mit einem lauten Getöse verbundene Bewegung machen; als ein Neutrum. Den ganzen Tag im Hofe herum ranzen, d. i. laufen, springen, lärmen. Im Bette herum ranzen, heftige und unnütze Bewegungen machen. Ingleichen als ein Activum, das Bett zu Schanden ranzen, es durch solche Bewegungen aus seiner Lage bringen, verderben. ( S. auch Verranzen.) 2) Sich ranzen, sich auf eine ungeschickte, dem Wohlstande zuwider laufende Art dehnen, sich recken; eine besonders im Oberdeutschen übliche Bedeutung, wo dieses Wort auch stranzen lautet. 3) Von vielen Thieren, wen sie sich begatten, oder ungestümm nach der Begattung verlangen, sagt man, daß sie ranzen. Die Jäger gebrauchen dieses Wort so wohl von den Hunden, als von allen vierfüßigen Raubthieren. Auch hier sticht der Begriff des Geräusches und besonders des Geschreyes merklich hervor, wie denn auch die gleichbedeutenden, aber von andern Thieren üblichen rammeln, rollen, brauschen, brunften u. s. f. eben darauf abzielen. Wenn die Schweine läufisch sind, so sagt man, daß sie brähnen, siehe dieses Wort.

Anm. Schon die Endsylbe -zen zeiget, daß dieses Wort ein Intensivum ist, welches von einem veralteten rahnen abstammet, welches überhaupt ein lautes Getöse oder Geschrey machen bedeutet hat, und dieses Getöse selbst nachahmet. Noch im Arabischen ist rana tönen, und im Isländ. kreina, Schwed. vrena, wiehern. ( S. auch Dröhnen, Grunzen, Krahnich, Brähnen u. s. f.) welche insgesammt dahin gehören, und sich nur durch die Vorlaute unterscheiden. Von dem Begriffe des Getöses ist der Begriff der heftigen Bewegung eine sehr natürliche Figur. Für ranzen in der ersten Bedeutung ist in manchen Fällen auch rasen, und in den gemeinen Sprecharten auch rammeln, ranken, ranten üblich, welche sich nur durch die Endlaute unterscheiden. Im Holländischen ist ran- den und ranten mit einem Getöse herum rennen, und in Franken und Schlesien, dem Frisch zu Folge, der Rant ein Lärm, Getöse. In der Rothwälschen Diebessprache ist der Ranzen eine Katze.


Ranzig (W3) [Adelung]


Ranzig, -er, -ste, adj. et adv. welches nur von dem Fette und fetten Dingen gebraucht wird, wenn sie verderben, und einen widerwärtigen und ekelhaften Geruch und Geschmack bekommen. Ranziger Speck. die Butter, das Öhl ist ranzig. Im Niederd. bask, von dem Specke galstrig.

Anm. Im Holländ. ranst, ranstigh, im Franz. rance, im Lat. rancidus, im Schwed. mit vorgesetztem Blaselaute frän, im Wallis. braen.


Ranzion (W3) [Adelung]


Die Ranzion, plur. doch nur von mehrern Arten, die -en, dasjenige Geld, wodurch man sich von einem Übel los kauft oder befreyet, in welcher weitern Bedeutung es ehedem auch von der Brandschatzung und demjenigen Gelde, womit die Plünderung abgekauft wird, gebraucht wurde. In engerer Bedeutung, in welcher es im Hochdeutschen am üblichsten ist, wird es von demjenigen Gelde gebraucht, vermittelst dessen man sich oder andere von der Kriegsgefangenschaft und Sclaverey los kauft; das Lösegeld. Ranzion fordern. die Ranzion bezahlen. Im Nieders. Ranzuun, im Schwed. Ranson, im Engl. Ransom; alle aus dem Franz. Rancon aus welcher Sprache es mit mehrern zum Kriegswesen gehörigen Wörtern in die nördlichen Gegenden gekommen. Das Französische soll nach dem Wachter aus dem alten Ran, Raub, und Sühne, Loskaufung, zusammen gesetzt, nach andern aber aus dem Lat. Redemtio verderbt seyn.


Ranzionieren (W3) [Adelung]


Ranzionieren, verb. reg. act. aus dem Franz. ranconner, durch ein Äquivalent an Gelde von einem Übel, und im engsten und gewöhnlichsten Verstande, von der Sclaverey und Kriegsgefangenschaft los kaufen. Sich ranzionieren. Die Kriegsgefangenen ranzionieren. Ehedem sagte man auch jemanden ranzionieren. d. i. ihn zwingen, Ranzion zu erlegen. Im Nieders. ranzuunen, im Oberd. nur ranzen, im Engl. to ransom.


Ranzzeit (W3) [Adelung]


Die Ranzzeit, plur. die -en, diejenige Zeit im Jahre, da die Hunde und vierfüßigen Raubthiere zu ranzen, d. i. sich zu begatten, pflegen. S. Ranzen.


Rapier (W3) [Adelung]


Rapier, S. Rappier.


Rapp (W3) [Adelung]


* Rapp, adv. welches nur im Niederdeutschen üblich ist, wo es schnell, geschwinde bedeutet. Rapp auf den Füßen seyn, schnell zu Fuße. Im Schwed. rapp., im Holländ. rap. Es ist ein altes Stammwort, welches eigentlich eine Interjection ist, den Laut der geschwinden Bewegung in vielen Fällen nachahmet, und der Stammvater eines zahlreichen Geschlechtes ist, wohin die Lat. rapidus, raptim, rapere, die Deutschen raffen, rappen, traben, reiben und hundert andere gehören. ( S. auch einige der folgenden.) Ripps rapps ist eine im Nieders. übliche Interjection, eine schnelle Eile, besonders im Raffen und Greifen, nachzuahmen. Eben daselbst ist reppen sich schnell bewegen, sich hurtig fortmachen, ( S. Repphuhn,) Repp, Bewegung, Geschäftigkeit, repplik, beweglich u. s. f.


Rapp (W3) [Adelung]


1. Der Rapp, des -es, plur. inus. Beerwein, S. Räpps.


Rapp (W3) [Adelung]


2. * Der Rapp, des -en, plur. die -en, ein nur im Oberdeutschen übliches Wort, die Stiele an den Weinbeeren zu bezeichnen, welche man am häufigsten Kämme zu nennen pflegt. Im mittlern Lat. mit vorgesetzten Gaumenlaute Grappus, im Franz. Grappe und Rafle. Vermuthlich wegen der Ähnlichkeit in der Gestalt einer Raffel, Riffel oder Rappe, d. i. Reibeisen, ( S. die Rappe;) so wie sie wegen einer andern Ähnlichkeit auch Kämme heißen.


Rappe (W3) [Adelung]


1. Der Rappe, des -n, plur. die -n, eine Art Randfische, welche sich in süßen Wassern aufhält, oft über eine Elle lang wird, stark und fleischig ist, breite, dichte und durchsichtige Schuppen und lange Zähne hat. Er ist auf dem Rücken dunkelblau, an den übrigen Theilen seines Leibes aber silberfarben, und hat ein gräthiges, übrigens aber schmackhaftes Fleisch. Cyprinus rapax L. Rappfisch, Rapen Rapfen. Daß dieser Fisch nicht von der schwärzlichen Farbe seines Rückens den Nahmen habe, sondern von seiner Raubgier, erhellet unter andern auch daraus, weil er in einigen Oberdeutschen Gegenden ausdrücklich Raubaland, Raubalet heißt. Im Nieders. ist Rebbes und Ribbes der Raub, ( S. Rappuse.) An andern Orten wird dieser Fisch auch Schiedt und Zope genannt.


Rappe (W3) [Adelung]


2. Der Rappe, des -n, plur. die -n, in einigen Oberdeutschen Gegenden, ein Nahme einer Münze, worauf ein Rabenkopf gepräget ist, von dem Oberd. Rapp, ein Rabe, ( S. Rabenpfennig.) In Basel ist eine Scheidemünze dieser Art gangbar, welche zwey Pfennige gilt. Sechs Rappen machen daselbst einen Blaffert oder Schilling.


Rappe (W3) [Adelung]


3. Der Rappe, des -n, plur. die -n, ein schwarzes Pferd. Einen Rappen reiten. Ohne Zweifel auch von dem Oberdeutschen Rapp, ein Rabe, wegen der Ähnlichkeit in der Farbe, so wie ein Pferd von einer röthlichen Farbe ein Fuchs genannt wird; wenn es nicht vielmehr das Schwed. Rapp, schwärzlich gelb, ist, welches mit dem Lat. ravus übereinkommt, und wovon Ihre auch das Schwed. Räf, Pers. Roubab, Finnländ. Repo, Repon, Isländ. Refr, ein Fuchs, ableitet.


Rappe (W3) [Adelung]


1. Die Rappe, plur. die -n, in den Tobaksfabriken, ein Werkzeug, welches aus dreyßig Sägeblättern bestehet, die Tobaks-Karotten drauf zu rappieren, d. i. zu Schnupftobak zu reiben; Franz. Rape. Es ist das Niederd. Rappe, welches eine jede Reibe bedeutet. S. Rappeh und 2 Rappieren.


Rappe (W3) [Adelung]


2. Die Rappe, plur. inus. eine Krankheit der Pferde, da von einer Stockung der Säfte die Knie, besonders an den Hinterfüßen, anschwellen, die Haut hart und feucht, und oft grindig wird, und zuweilen gar Risse bekommt, wobey zugleich die Haare steif und aufgebürstet stehen. Franz. la Rape, la Solandre, Ital. Rappa. Mit oder von der Rappe befallen oder angegriffen werden. Die Rappe haben. In einigen Gegenden auch die Raspe, Räspe, Raupe. Ohne Zweifel mit dem vorigen aus Einer Quelle, die äußere harte und einer Rappe oder Reibe nicht ungleiche Beschaffenheit der Haut an den von dieser Krankheit befallenen Theilen zu bezeichnen. Im gemeinen Leben ist der Ruf, Holländ. Roof, Roef, die harte rauhe Haut über einer Wunde, der Grind, Nieders. der Schorf. Das Ital. Rappa bedeutet theils eine jede Runzel, theils die natürliche rauhen Warzen an den Knien der Pferde. S. Reiben.


Rappeh (W3) [Adelung]


Der Rappeh, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, eigentlich, ein jeder auf der Rappe oder Reibe aus den Tobaks-Karotten gröblich geriebener Schnupftobak. Vermuthlich aus dem Franz. Rape, von raper, reiben. Die gewöhnliche Schreibart Rappee hat mehrere Unbequemlichkeiten, besonders in Ansehung der Declination.


Rappelköppisch (W3) [Adelung]


Rappelköppisch, adj. et adv. welches nur in den gemeinen Sprecharten, besonders Ober- und Niedersachsens, üblich ist, aufgebracht, ungestüm, zornig, wo es in Obersachsen auch wohl rappelköpfisch lautet. Er ist auf einmahl rappelköpfisch geworden, Weiße. Eben daselbst bedeutet es auch unsinnig, und ein rappelköpfisches Pferd ist ein Pferd, welches den Koller hat. ( S. das folgende.) Die letzte Hälfte ist von Kopf, Niedersächsisch Kopp.


Rappeln (W3) [Adelung]


Rappeln, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben. 1) Eigentlich, klappern oder rasseln, von harten lockern Körpern, wenn sie mit einem Worte rappeln gemäßen Schalle heftig beweget werden; in welchem Verstande es doch im Oberdeutschen am üblichsten ist. Mit dem Gelde rappeln. Sprichw. Eine Nuß allein rappelt nicht im Sacke. Ital. rappolare. 2) Figürlich sagt man in den gemeinen Sprecharten, daß jemand rappele, oder daß es ihm in dem Kopfe rappele, wenn er nicht bey gesundem Verstande ist, wofür eben daselbst auch einen Rapps haben, üblich ist. Anm. Es ist das Intensivum von dem noch Nieders. reppen, rühren, schnell bewegen, welches so wie rapp, schnell, gleichfalls auf eine Onomatopöie gegründet ist. Verwandt sind damit das Diethmars. rabbeln, sich emsig bemühen, und das Lübeck. rabandeln und Bremische rabakken, lärmen, ein klapperndes oder rappelndes Getöse machen.


Rappen (W3) [Adelung]


Rappen, verb. reg. act. welches eigentlich das Zeitwort raffen nach Niederdeutscher Mundart ist, aber auch zuweilen im gemeinen Leben der Hochdeutschen vorkommt. In Meißen wird der in der Ernte gehauene Weitzen gerappet, gebunden und gemandelt, d. i. zusammen geraffet. Die Mäurer berappen eine Wand, wenn sie selbige mit Kalk bewerfen, womit zunächst auf das Ab- oder Gleichraffen des angeworfenen Kalkes gesehen wird. Es müßte denn von 2 die Rappe, die Rinde, abstammen. Die Schweden sagen in eben diesem Verstande rappa, und die Franzosen mit vorgesetztem Gaumenlaute crepir. S. Rappsen und Rappuse.


Rapper (W3) [Adelung]


Der Rapper, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Rapperinn, eine Person, welche rafft; eigentlich im Niedersächsischen, doch aber auch in einigen Fällen des gemeinen Lebens der Hochdeutschen. So ist in der Landwirthschaft Obersachsens der Rapper derjenige, welcher in der Ernte hinter dem Mähder her gehet und das abgeschnittene Getreide zusammen raffet. In den Mahlmühlen einiger Gegenden wird auch der vereidigte Metzner, welcher die gesetzte Mahlmetze von dem gemahlnen Getreide für den Landesherren einnimmt, der Rapper genannt.


Rappfink (W3) [Adelung]


Der Rappfink, des -en, plur. die -en, in einigen Gegenden, ein Nahme des Grünfinken; vermuthlich als eine Nachahmung seiner Stimme, wodurch er sich von andern Finken unterscheidet. S. Grünfink und Rabe.


Rappfisch (W3) [Adelung]


Der Rappfisch, des -es, plur. die -e, S. 1 der Rappe.


Rappier (W3) [Adelung]


Das Rappier, des -es, plur. die -e, ein Degen ohne Spitze, und statt derselben gemeiniglich mit einem ledernen Ballen versehen, zum Fechten; ein Fechtdegen, bey einigen auch ein Fleuret, (sprich Flörett,) aus dem Franz. Fleuret. Rappier stammet gleichfalls zunächst aus dem Franz. Rapiere her, welches gleichfalls einen Fechtdegen zur Übung, aber auch einen schlechten Raufdegen zum Ernste bedeutet, und im Grunde ein sehr altes nordisches Wort ist. Im Schwed. ist Raper oder Rapper ein Kriegs- oder Ritterschwert, und schon im Griech. und Lat. war mit eingeschaltetem m, welches sich auch in andern Fällen so gern an das p anhängt, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, Rhomphaea, ein Schwert. Im mittlern Lateine ist Rapperia, und vielleicht auch Rapum, ein Degen, Rapium aber eine Nadel, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . In der Hochdeutschen veralteten Bedeutung eines Schwertes kommt es noch bey dem Opitz vor: So manches Blutrapier, so mancher stolzer Muth, Der brennend durstig ist auf seines Nachbars Gut. Da im Deutschen das p sehr deutlich doppelt gehöret wird, so schreibt man es auch hier richtiger mit einem doppelten als einfachen p, zumahl da dieses Wort am Ende doch zu rappen, raffen, in der weitesten Bedeutung des Stechens, Erstechens u. s. f. gehöret, wovon auch das Holländ. grieven, stechen, bohren, und unser Griffel, graben, treffen u. s. f. abstammen.


Rappieren (W3) [Adelung]


1. Rappieren, verb. reg. reciproc. sich rappieren, mit Rappieren fechten, für fechten.


Rappieren (W3) [Adelung]


2. Rappieren, verb. reg. act. welches aus dem Franz, raper, reiben, entlehnet ist, und nur noch von dem Reiben der Tobaks-Karotten auf der Rappe, dem Rappier- oder Reibeisen, gebraucht wird. S. Rappeh.


Rapps (W3) [Adelung]


Der Rapps, des -es, plur. inus. 1) Bey den Müllern, dasjenige Getreide, welches um und zwischen den Mühlsteinen sitzen bleibt, und von ihnen ungebührlich abgeraffet wird; der Abraft. ( S. Abraffen.) 2) In den gemeinen Mundarten, üble Laune. Den Rapps haben.


Räpps (W3) [Adelung]


Der Räpps, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, ein nur in einigen Gegenden, besonders am Ober-Rheine, übliches Wort, einen Beerwein zu bezeichnen, d. i. einen solchen Wein, der zur Verstärkung auf frische Trauben gegossen worden, und mit denselben nochmahls gegohren hat. In einigen Gegenden Rapp. Rappes, Rappis, im Franz. Raspe, Rape, im Ital. Raspato, Graspea, Graspante, Graspato, im mittlern Lat. Raspetum, mit welchen man es gemeiniglich von den Rappen, d. i. den Kämmen an den Trauben, ableitet, Franz. Grappes. Indessen bedeutet doch dieses, so wie das Ital. Raspo, und mittlere Lat. Raspa, auch die Traube selbst, von welcher Bedeutung Räpps am wahrscheinlichsten abstammet. Übrigens wird ein solcher Wein im mittl. Lateine auch vinum recentatum genannt.


Rappsen (W3) [Adelung]


Rappsen, verb. reg. act. welches das Intensivum von rappen, raffen, ist, und für raffsen auch im Hochdeutschen gebraucht wird, in ungestümer Eile an sich raffen. Rippsrapps, ist eine in den niedrigen Sprecharten übliche Interjection, ein solches gewaltsames Raffen zu bezeichnen, Ital. ruffa raffa. Es gehet alles rippsrapps in seinen Sack. S. das folgende.


Rappuse (W3) [Adelung]


Die Rappuse, plur. car. ein nur noch in den gemeinen Sprecharten übliches Wort für Raub, d. i. die gewaltsame und eilfertige Bemächtigung fremden Gutes, in welcher Bedeutung es noch einige Mahl in der Deutschen Bibel vorkommt. Ich will zuvor euer Gut und Schätze in die Rappuse geben, Jer. 15, 13. Ich will deine Höhen - sammt deiner Habe - in die Rappuse geben, Kap. 17, 3. Führe einen großen Haufen über sie herauf und gib sie in die Rappuse und Raub, Ezech. 23, 46. In welchen Stellen es für Preis geben, zum Raube geben, stehet. Noch jetzt sagt man, in die Rappuse kommen, oder gerathen, in eine gewaltsame ungestüme Verwirrung, wo ein jeder nach einer Sache greifet oder raffet; etwas in die Rappuse geben, es Preis geben, so daß jeder darnach rappsen kann. Im Schwed. Rabbus. Es stammet durch Verlängerung von dem Nieders. Rappse, Rebbes, Ribbes, her, welches wieder von rappsen, rappen, herkommt, und Raub, Rapina, Raptus, bedeutet. Schon im mittlern Lat. kommt Rapus und Rappus für Raptus vor. Im Franz. ist Grabuge und im Ital. Grabuglio Streit, Uneinigkeit, vielleicht zunächst ein solcher, der über dem Rappsen nach einer Sache entstehet. Das Nieders. Rebbes, Ribbes, bedeutet über dieß auch einen unerlaubten Profit, welchen jemand in der Geschwindigkeit macht. S. übrigens Rapp, Rappen und Raub.


Raps (W3) [Adelung]


Der Raps, und Räps, S. Rapps und Räpps.


Rapzahn (W3) [Adelung]


Der Rapzahn, S. Raffzahn.


Rapunzel (W3) [Adelung]


Der Rapunzel, des -s, plur. inus. auch im Diminut. das Rapünzchen, Oberd. Rapünzlein, aus dem Lat. Rapunculus, ein Nahme verschiedener Pflanzen, deren Blätter und Wurzeln gemeiniglich als ein Salat gegessen werden. 1) Einer Art der Glockenblume mit wellenförmigen am Rande gebogenen Blättern, welche in der Schweiz, England und Frankreich einheimisch ist; und deren weiße längliche Wurzel als ein Salat gegessen wird, Campanula Ranunculus L. Er wird zum Unterschiede von den folgenden Arten auch Rübenrapunzel genannt. Der kleine wilde Rapunzel, Campanula patula L. und der wilde Rapunzel mit großen Blumen, Campanula persicifolia L. sind Arten davon. 2) Einer Pflanze, welche auch bey uns wild wächst, und daher auch Feld- und Winterrapunzel heißt, aber doch auch in den Gärten gezogen wird; Phyteuma L. Kreuzwurz, Feldsalat, Mäuseöhrchen. Sie wird gemeiniglich nur schlechthin Rapunzel genannt, besonders in den Küchen, wo ihr Kraut als ein Salat zugerichtet wird. 3) Des Lämmersalates oder Ackersalates; Valeriana Locusta L.

Anm. In vielen Gegenden gebraucht man es als ein weibliches Wort, die Rapunzel.


Rapunzelwurzel (W3) [Adelung]


Die Rapunzelwurzel, plur. die -n, ein Nahme, welchen einige auch der zweyjährigen Nachtkerze, Oenanthera biennis, beylegen, welche andere Rapunzel-Selleri nennen; ohne Zweifel wegen der Ähnlichkeit ihrer eßbaren Wurzel mit dem Rapunzel und Selleri. Sie ist in Virginien einheimisch.


Raquete (W3) [Adelung]


Die Raquete, S. Rackete.


Rar (W3) [Adelung]


Rar, -er, -este, adj. et adv. 1) * Weit aus einander stehend; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, in welcher es nur noch zuweilen in dem folgenden rarsäulig vorkommt. 2) Selten, besonders im gemeinen Leben. Ein raras Buch, ein seltenes. Das Geld ist hier zu Lande sehr rar. Das ist etwas Rares, etwas Seltenes. 3) Schön, artig, vorzüglich, in den gemeinen Sprecharten, besonders Niedersachsens. Das siehet rar aus, schön, artig. Sich rar kleiden, kostbar. Das ist etwas Rares, etwas vorzüglich schönes. Das ist nichts Rares, nichts Vorzügliches. Anm. Im Nieders. raar, im Franz. und Engl. rare, im Lat. rarus. Es scheinet erst in den spätern Zeiten aus dem Französischen entlehnet zu seyn; wenigstens kommt es in unsern alten Schriftstellern nicht vor. Die Veränderung des Vocales in der Comparation, rärer, rärste, ist nur einigen gemeinen Sprecharten eigen.


Rarität (W3) [Adelung]


Die Rarität, plur. die -en, aus dem Latein. Raritas, oder Franz. Rarite. 1) Die Seltenheit, d. i. Eigenschaft eines Dinges, da es nur selten als gegenwärtig empfunden wird; ohne Plural und im gesellschaftlichen Umgange. Die Rarität eines Buches, die Seltenheit. 2) Ein seltenes Ding, im gemeinen Leben.


Rarsäulig (W3) [Adelung]


Rarsäulig, adj. et adv. diejenige Eigenschaft eines Gebäudes zu bezeichnen, da die Säulen weiter als gewöhnlich, d. i. zehen Medel, von einander entfernet werden, fernsäulig; im Gegensatze des feinsäulig, nahesäulig oder schönsäulig. S. Rar. 1.


Rasch (W3) [Adelung]


Rasch, -er, -este, adj. et adv. 1) Eigentlich, schnell, von der Bewegung. Sy ist resch, möcht euch entrinnen, Theuerd. Kap. 61; von einer wilden Sau. Eile risch und stehe nicht still, 1 Sam. 20, 38; wofür in der Hallischen Ausgabe das Wort frisch gesetzt worden. Rasch mit dem Munde seyn, schnell in Antworten. ein rascher Sinn, der sich schnell zu etwas entschließt, ingleichen, der schnell aufgebracht wird. Ein rasches Pferd, ein schnelles, flüchtiges. 2) Figürlich, mit dem Nebenbegriffe der inneren Stärke und des darauf gegründeten Muthes, welcher Nebenbegriff auch in der vorigen Bedeutung, obgleich nicht so merklich, verbunden ist. Er ist so flink und rasch als ich, Weiße. Ein rasches Pferd, ein muthiges, hitziges. Die Hunde sind rasch, wenn sie das Wild so wohl schnell als auch muthig verfolgen. Da es denn in manchen Fällen auch nach einer noch weitern Figur von einem gewissen Grade der innern Stärke, so bald derselbe nur einer Bewegung verbunden ist, gebraucht wird. Ein rascher Wind, der schnell und stark bläst, aber noch nicht den Nahmen eines heftigen Windes verdient. Ein rasches Feuer anmachen, welches schnell und helle brennet.

Anm. Bey dem Notker rosche, in den Monseeischen Glossen rasco, in der Parän. Tirol risch, noch jetzt in den gemeinen Oberdeutschen Mundarten, rösch, resch, risch, raas, im Nieders. rask und risk, im Schwed. rask, im Engl. rash, im Pohln. raczy und rzeski, bey den Krainerischen Wenden rozhne; allein in der Bedeutung des schnell, eilend. Selbst im Arab. ist raaschan schnell einher gehen. Es ist eine Nachahmung des mit der Geschwindigkeit in so vielen Fällen verbundenen eigenthümlichen Schalles, welchen man im gemeinen Leben oft noch jetzt mit rr! hurr! ritsch! ratsch! u. s. f. ausdruckt, ( S. auch Hurtig, Roß, Rasen, das Zeitwort, Kreis, Frisch von der Bewegung, Rauschen u. s. f. welche von eben diesem Begriffe herstammen. Das Franz. Risque und risquer gehören gleichfalls hierher. Da keine Buchstaben leichter in einander übergehen als s und t, so können auch Rad, reiten, das Nieders. drad, hurtig, geschwinde, bey dem Ottfried thrato, das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - das Ital. ratto und presto, hurtig, das Engl. rather, und hundert andere mehr nicht von dieser Verwandtschaft ausgeschlossen werden. In einigen Gegenden ist Raschel eine vorschnelle Person, welche in ihren Handlungen eilfertig und unbesonnen ist, raschlich und ruschlich auf solche Art zur Unzeit eilfertig. Luthers risch ist im Hochdeutschen veraltet, nicht aber im Niederdeutschen.


Rasch (W3) [Adelung]


Rasch, -er, -este, adj. et adv. welches im Oberdeutschen am üblichsten ist, wo es in doppeltem Verstande vorkommt. 1) Von harten Körpern, welche einen solchen Grad der Härte haben, daß sie im Zerbrechen oder Zermalmen rauschen oder knirrschen, sagt man, daß sie räsch seyn. Das Brot ist räsch, oder ist räsch gebacken, wenn die Rinde unter den Zähnen knirrschet. Ein Braten ist rasch gebraten, wenn die äußere Haut hart ist. Räsches Papier, im Gegensatze des weichern. In einigen Oberdeutschen Gegenden pflegt man daher auch das Colophonium räsches Harz zu nennen, weil es räscher, d. i. härter ist, als die weichern oder zähern Arten des Harzes. Es ist auch hier von dem Schalle hergekommen, welchen solche Körper im Zerbrechen verursachen, ( S. Harsch und Hart, welche sich auf eben denselben Schall gründen) 2) Von Dingen, welche einen scharfen Geschmack haben, sagt man im Oberdeutschen gleichfalls, daß sie räsch seyn oder räsch schmecken, wo es auch wohl räß, ressig lautet; bey dem Hornegk raz. Ein räscher oder rässer Wein, welcher auf der Zunge gleichsam reißet oder kratzet. Räsches oder rässes Obst, herbes, scharfes Obst. Rässe Kräuter, dergleichen das Löffelkraut und die Kresse sind, welche letztere vermuthlich auch daher ihren Nahmen hat, ( S. dasselbe.) Im Ital. druckt man dieses rasch oder räß durch raspante und frizzante aus. Rässen, scharf schmecken. Ital. raspare, frizzare, und räßlicht, räschlicht, ein wenig scharf, sind auch nur im Oberdeutschen gangbar. Unser frisch, von der Kälte, scheinet auch daher zu stammen. Übrigens ist es in dieser Bedeutung, eine von dem Gehöre oder Gefühle auf den Geschmack überragende Figur.


Raschen (W3) [Adelung]


* Raschen, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches von dem Bey- und Nebenworte rasch abstammet, und eigentlich eilen bedeutet hat, wie das Schwed. raska. Es ist für sich allein veraltet, und nur noch in dem zusammen gesetzten überraschen üblich. S. dasselbe.


Raschheit (W3) [Adelung]


Die Raschheit, plur. car. die Eigenschaft eines Dinges, da es rasch ist; Ital. Rattezza.


Raschmacher (W3) [Adelung]


Der Raschmacher, des -s, plur. ut nom. sing. an einigen Orten, z. B. zu Erfurt, eine Art Zeugmacher, welche vornehmlich allerley Arten von Rasch verfertigen.


Rasen (W3) [Adelung]


Der Rasen, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Dichtes, kurzhalmiges Gras; als ein Collectivum, und ohne Plural. Ein mit Rasen bewachsener Platz. sich auf den Rasen setzen. ( S. auch Rasenrain.) 2) Ein mit solchem Grase bewachsener Platz, ein Anger; in welcher Bedeutung es doch seltener ist. Am häufigsten gebraucht man es, 3) von einzelnen Stücken solches mit der Erde ausgestochenen Grases, so wie man sie im Gartenbaue, bey den Dämmen und Deichen u. s. f. gebraucht. Rasen stechen, solche Stücken mit Gras bewachsener erde ausgraben. Mit Rasen düngen, mit solchen getrockneten Rasen.

Anm. Im Nieders. mit vorgesetzten Gaumen- und Blaselauten Wrosen und Gruse. Es ist mit unserm Gras Eines Geschlechtes und Einer Bedeutung, ob es gleich nur auf das kurzhalmige Gras durch den Gebrauch eingeschränket worden, ( S. dasselbe.) Mit Gras bewachsen werden, wird noch sehr häufig durch berasen ausgedruckt. So wie Rasen und Gras von dem veralteten riesen, wachsen, ( S. Riese,) abstammet, so ist im Hoch- und Oberdeutschen für Rasen auch Wasen üblich, allem Ansehen nach gleichfalls von wachsen Nieders. wassen. Im Nieders. heißt ein Rasen in der dritten Bedeutung auch Sode, Sotte, Sutte, Engl. Sod, und ein platter Rasen Plagge. Übrigens ist dieses Wort in einigen Sprecharten weiblichen Geschlechtes, die Rase, welche Form aber den Hochdeutschen fremd ist.


Rasen (W3) [Adelung]


Rasen, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben. 1) Einen lauten ungestümen Lärm machen. Im Hause herum rasen. Auf der Gasse rasen und schreyen. Mein Gott! wie rasen nicht die Dichter! Canitz. Der rasende Pöbel. Der Wind raset um die Dächer. 1) In engerer und figürlicher Bedeutung. (a) In einer heftigen Leidenschaft seyn, und selbige durch äußere ungestüme Handlungen verrathen. Vor Zorn rasen. Ja dinget nur die halbe Welt zusammen Und raset wider einen Mann, Ramml. (b) Sich brausenden Ausschweifungen überlassen. So sagt man von jungen Leuten, welche sich den gewöhnlichen Ausschweifungen der Jugend auf eine ungestüme Art überlassen, daß sie rasen. Jeder Mensch muß in seinem Leben Ein Mahl rasen; ein sehr irriger Grundsatz. (c) Auf eine grobe Art wider die Vernunft handeln, im harten Verstande, in welchem man auch das Mittelwort rasend gebraucht. Ein rasender Mensch, der im höchsten Grade wider die Vernunft handelt. Selbst in passivem Verstande, doch nur im gemeinen Leben. Glauben sie solch rasendes Zeug nicht, solch unsinniges Zeug. Ein rasender (im höchsten Grade vernunftwidriger) Einfall. Rasend gehöret alsdann zu denjenigen Wörtern, welche der Form nach Activa, der Bedeutung nach aber Passiva sind, und deren Zahl im Deutschen und in andern Sprachen nicht klein ist. ( S. Bedienter.) (b) Der Vernunft völlig beraubt seyn, doch nur so fern dieser Zustand mit ungestümen äußern Handlungen verbunden ist; für toll, unsinnig. Man gebraucht es so wohl von diesem vorüber gehenden Zustande in hitzigen Krankheiten, doch um des harten Nebenbegriffes willen nur im gemeinen Leben, so wie auch das Mittelwort rasend nicht von einem solchen Kranken gebraucht wird. Der Kranke raset. Als auch von einer beständigen Beraubung des Bewußtseyns und den damit verbundenen ungestümen Handlungen. Ein rasender Mensch. Ein rasender Hund. Rasend seyn, rasend werden. Ein toller Mensch raset. Daher das Rasen. Das Mittelwort rasend wird, weil ihm die ganze Härte des Zeitwortes anklebet, nur im härtesten Verstande gebraucht. Anm. Rasen ist ein natürlicher Ausdruck des brausenden Getöses, welches diejenige Sache erreget, welche raset, und womit der Begriff so wohl der Geschwindigkeit, als auch der Heftigkeit, des Ungestümes genau verbunden ist, wie aus den nahe verwandten reisen, reißen, rasseln, rasch u. s. f. erhellet. ( S. diese Wörter.) Daher wird rasen in andern Sprachen auch von andern ähnlichen heftigen Bewegungen gebraucht. Das Schwedische rasa bedeutet theils schnell laufen, theils niederstürzen, plötzlich fallen, theils sich verirren, theils unsinnig seyn, theils endlich auch lärmen und schwärmen. Im Hebr. ist - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, gleichfalls laufen, und im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, mit dem verwandten t, cum impetu ferri, ( S. Rad und Reiten.) das Schottländische rese kommt mit dem Deutschen rasen in der Bedeutung überein. Eben daselbst ist Rees Wuth, Raserey, welche Bedeutung auch sogar das Syrische Rasa hat. Mit andern Endlauten gehören auch das Franz. Rage und das Lat. Rables hierher, welches letztere mit dem Nieders. reven, in einer hitzigen Krankheit rasen, Franz. rever, Reverije, Raserey, Franz. Reverie, Engl. Raving, riba gaan, ausschweifen, schwärmen u. s. f. sehr genau überein kommt.


Rasenbank (W3) [Adelung]


Die Rasenbank, plur. die -bänke, in den Gärten und andern freven Plätzen, ein mit Rasen belegter Sitz, so wohl mit ars ohne Rückenlehre; die Grasbank.


Raseneiche (W3) [Adelung]


Die Raseneiche, plur. die -n. 1) Ein Nahme derjenigen Eichen, welche einzeln auf dem Felde und auf Rasenplätzen wachsen, Raumeichen; im Gegensatze der Waldeichen. 2) In andern Gegenden sind die Raseneichen den Steineichen entgegen gesetzt.


Rasenhacke (W3) [Adelung]


Die Rasenhacke, plur. die -n, in der Landwirthschaft, eine unten breite Hacke, die Rasen damit zu hauen.


Rasenhaupt (W3) [Adelung]


Das Rasenhaupt, des -es, plur. die -häupter, die erste und unterste aus Rasen bestehende Schicht an einem Deiche oder Erddamme.


Rasenkux (W3) [Adelung]


Der Rasenkux, des -es, plur. die -e, im Bergbaue, ein Kux, d. i. Antheil, an einem noch ungebaueten Bergwerke, dessen Oberfläche noch mit Rasen bewachsen ist.


Rasenmeister (W3) [Adelung]


Der Rasenmeister, des -s, plur. ut nom. sing. eine anständige Benennung des Abdeckers oder Schinders, weil er seine Arbeit auf den Angern und Rasen verrichtet; im Oberdeutschen Wasenmeister.


Rasenrain (W3) [Adelung]


Der Rasenrain, des -es, plur. die -e, ein mit Rasen, d. i. Gras, bewachsener Rain, oder Rand an und zwischen den Feldern, welcher auch nur der Rain schlechthin genannt wird.


Rasensemse (W3) [Adelung]


Die Rasensemse, plur. die -n, eine Art Semsen, welche auf Rasenplätzen und Torfmooren wächset; Scirpus cespitosus L. Torfsemse.


Rasenstecher (W3) [Adelung]


Der Rasenstecher, des -s, plur. ut nom. sing. derjenige, welcher Rasen sticht, d. i. sie aus der Oberfläche der Erde gräbt.


Rasenstein (W3) [Adelung]


Der Rasenstein, des -es, plur. die -e, im Bergbaue, Eisensteine, d. i. Eisenerz in Gestalt rundlicher Steine, welche sich oft unter dem Rasen auf Wiesen und in andern feuchten Gegenden als ein Geschiebe befinden; Eisenklöße, Wiesensteine, Lesesteine, weil sie ohne eigentlichen bergmännischen Bau nur aufgelesen werden dürfen. Wenn Wasser darüber stehet, werden sie Moraststeine oder Sumpferz genannt.


Rasenstück (W3) [Adelung]


Das Rasenstück, des -es, plur. die -stücke, in den Gärten, ein Luststück, welches aus verschiedenen Figuren von zierlich ausgeschnittenen grünen Rasen bestehet; das Rasen-Parterre, Grasstück. Auch ganze mit Rasen belegte ebene Flächen in den Gärten führen diesen Nahmen. S. Luststück.


Rasentorf (W3) [Adelung]


Der Rasentorf, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, eine Art Torfes, welche gleich unter dem Rasen angetroffen wird, und aus einem Gemenge von Wurzeln, Stängeln, Blättern u. s. f. bestehet, welche mit einem Erdharze durchdrungen sind; zum Unterschiede von dem Pech- und Sumpftorfe.


Rasentreppe (W3) [Adelung]


Die Rasentreppe, plur. die -n, eben daselbst, eine Treppe, deren Stufen aus Rasen bestehen, oder doch mit Rasen bekleidet sind.


Rasenwälzer (W3) [Adelung]


Der Rasenwälzer, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Bergleuten, ein Faullenzer, welcher, anstatt pflichtmäßig zu arbeiten, sich gleichsam auf dem Rasen wälzet.


Rasenweg (W3) [Adelung]


Der Rasenweg, des -es, plur. die -e, ein aus Rasen bestehender, mit kurzem dichten Grase bewachsener Weg.


Raserey (W3) [Adelung]


Die Raserey, plur. die -en von dem Zeitworte rasen, doch nur in dessen härtestem Verstande. 1) Der Zustand, da man raset, ohne Plural; so wohl von der mit ungestümen Handlungen begleiteten völligen Abwesenheit der Vernunft, als auch von dem mit ähnlichen Handlungen begleiteten unterlassenen Gebrauch derselben. In Raserey gerathen. Etwas aus Raserey, in der Raserey thun. 2) Solche Handlungen selbst; mit dem Plural.


Raspe (W3) [Adelung]


1. Die Raspe, eine Krankheit der Pferde, S. 2 die Rappe.


Raspe (W3) [Adelung]


2. Die Raspe, an den Getreideähren, S. Räspe.


Räß (W3) [Adelung]


Räß, vom Geschmacke, S. Räsch 2.


Rassel (W3) [Adelung]


Die Rassel, plur. die -n, ein Werkzeug damit zu rasseln. So werden an einigen Orten die Werkzeuge der Nacht- und Feldwächter, womit sie ein rasselndes oder schnarrendes Getöse machen, Rasseln, und die Wächter selbst Rasselwächter genannt. An einigen Orten, besonders Niederdeutschlandes, nennet man ein solches Werkzeug eine Rattel, und an noch andren eine Schnarre, Schnurre.


Rasseln (W3) [Adelung]


Rasseln, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, eine Art eines fortdauernden heftigen Schalles zu bezeichnen, welcher durch eine schnelle und zitternde Bewegung harter klingender Massen verursacht wird, diesen Schall von sich geben und hervor bringen. Ich höre es rasseln. Eiserne Ketten rasseln, wenn sie geschüttelt werden. Die beschlagenen Wagenräder rasseln auf dem Steinpflas=ter, wenn schnell gefahren wird. Vor dem Rasseln ihrer Wagen, Jer. 47, 3. Da wird man hören die Räder rasseln, Nahum. 3, 2. Ich hörte schon das Rad Jxions rasseln, Ramml. Die Knochen eines bewegten Knochengerippes; rasseln oder verursachen ein Rasseln. Mit dem Gelde rasseln, wenn man vieles Geld schnell bewegt; von wenigem Gelde sagt man klimpern. Da rasselten der Pferde Füße vor dem Zagen ihrer mächtigen Reuter. Richt. 5, 22; wo doch dieses Zeitwort nicht an dem rechten Orte stehet. An einigen Orten haben die Wächter eine Rassel, mit welcher sie ein rasselndes Getöse machen. In verschiedenen Gegenden ist es auch für rasseln und rütteln als ein Activum üblich, in welcher Gestalt es doch den Hochdeutschen fremd ist. S. Verrasseln. Daher das Rasseln.

Anm. Im Schwed. rassla, im Angels. hristlan, im Engl. to rusile und rattle, im Nieders. mit dem verwandten t, ratteln, räteln, rateln, in einigen Gegenden auch rastern. Es ist eine unmittelbare Nachahmung des Schalles, welchen es bezeichnet, und ein Verwandter von rasen, rauschen, prasseln, rütteln u. s. f. Der Form nach ist es ein Intensivum oder Frequentativum von einem veralteten Zeitworte rassen, welches mit reißen und rasen verwandt ist, und sich noch in dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - collidi, und in dem Chald. und Pers. razaz, stoßen, befindet. Rieseln und rüsseln bezeichnen kleinere und schwächere Arten des Rasselns.


Rast (W3) [Adelung]


1. Der Rast, des -es, plur. inus. ein nur in dem Kriegswesen in einigen Gegenden übliches Wort, wo es den Aufbruch des Kriegsheeres, oder vielmehr das vorletzte Zeichen zum Aufbruche mit der Trommel bedeutet. Den Rast schlagen, worauf sich alles zum Aufbruche aus dem Lager fertig macht; Franz. battre le dernier oder la sortie. Wenn es hier nicht aus Rest verderbt worden, welches der erste Französische Ausdruck vermuthen läßt, so gehöret es unstreitig zu Reise, so fern dieses ehedem auch den Marsch der Truppen bedeutete, S. dasselbe.


Rast (W3) [Adelung]


2. Die Rast, plur. die -en. 1) Die Ruhe, so wohl überhaupt, als auch, und zwar am häufigsten, die Ruhe nach einer vorher gegangenen Bewegung; ohne Plural. Es kommt in dieser Bedeutung in dem gemeinen Sprachgebrauche der Hochdeutschen nur selten vor, und auch hier nur mit verneinenden Beysätzen, wo man es denn gemeiniglich mit dem Worte Ruhe zu verbinden pflegt. Weder Rast noch Ruhe haben. Jemanden keine Rast und Ruhe lassen. Desto häufiger gebraucht man es in der höhern und dichterischen Schreibart. Unter eines Kirschbaums Schatten Hielten zwey Kaninchen Rast, Lichtw. Was schlummerst du? Die träge Rast Schickt sich für Helden nicht, Gleim. Die Sonne geht zu Rast, war eine ehedem sehr übliche R. A. für, die Sonne gehet unter. Indem woll die liechte Sun Gehn zu Rast mit irem Wagen, Theuerd. Kap. 17. Wofür noch jetzt in einigen Provinzen zu Rüste gehen üblich ist. Muß doch zu Rüste gehen, So oft es Abend wird, der schöne Himmels Schild, Opitz. 2) * Eine bestimmte Arbeit, nach welcher man der Ruhe gemeßen kann, ein Pensum; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, mit welcher das Wort Reise in einigen Fällen noch etwas ähnliches hat, ( S. dasselbe.) Besonders wurde es ehedem sehr häufig von einem Maße der Längen und Entfernungen gebraucht, da es denn eigentlich so vielen Raum in die Länge bezeichnete, as ein Kriegsmann zurück leget, ehe er Ein Mahl ausruhet. In diesem Verstande war es ehedem durch ganz Deutschland für das heutige Meile üblich, und lautete alsdann gemeiniglich die Raste. Unaquaeque gens certa viarum spatia suis appellat nominibus; nam Latini mille passus vocant, et Galli Leucas, et Persae Parasangas, et Rastas universa Germania, ist die bekannte, schon von mehrern angeführte Stelle des heil. Hieronymus. Auch Ulphilas gebraucht Matth. 5, 41 das Wort Rasta, wo Luther Meile setzet. Die eigentliche Größe dieses Maßes war, weil es auf einem so unbestimmten Grunde beruhete, sich ehedem eben so wenig gleich, als es noch jetzt in den meisten Gegenden die Meilen sind. In einer Urkunde des Königs Ludwig des Frommen heißt es: Inter campum et sylvam Leugae duae, id est Rasta una; welche Leuga, ob sie gleich auch verschieden war, gemeiniglich 2000 Schritt enthielt. Der Vetus Agrimensor bey dem Du Fresne bestimmt beyde so: Milliarius et dimidius apud Gallos Leuccam facit, habentem passus mille quingentos. Duae Leuccae sive Milliarii tres apud Germanos unam Rastam efficiunt. ( S. des Du Fresne Gloss.) Es scheinet in dieser Bedeutung noch jetzt in einigen Gegenden nicht ganz veraltet zu seyn, ob es gleich in öffentlichen Messungen durch die Römische Meile verdränget worden. Wenigstens hat noch ein altes Vocabularium von 1482 bey dem Frisch: Eine Rast Wegs oder zwo Mei! Wegs. Stirnhielm, Wachter und Frisch leiten das Russische Werste, obgleich dasselbe ein weit kleineres Maß ist, daher, indem es durch Versetzung des r und Vorsetzung des Blaselautes daraus entstanden seyn soll, Werste für Wreste. Die ältern Schweden gebrauchen Rast und Rost gleichfalls von der Entfernung der Örter. 3) Ein Werkzeug oder Theil eines Werkzeuges, woran ein anderer Theil rastet oder ruhet, d. i. wodurch er in seiner Bewegung aufgehalten wird. In diesem Verstande ist es besonders noch bey den Büchsenmachern üblich, welche an der Ruß eines Gewehrschlosses drey Rasten haben, die Vorderrast, Mittelrast und Hinterrast, welche bey andern die drey Ruhen heißen. Die Vorderrast ist ein Arm an der Ruß, worauf die Spitze der Schlagfeder ruhet. Die beyden übrigen Rasten sind zwey Einschnitte in der Ruß, in welcher die Stangenfeder ruhet.

Anm. In der ersten Bedeutung der Ruhe kommt dieses Wort bey unsern ältesten Schriftstellern häufig genug vor. Bey dem Ottfried lautet es Resto, bey andern aber Rast, Rasta, im Nieders. Rust, wo auch Unrust Unruhe ist, im Fries. Rost, im Angels. und Engl. Rest, im Schwed. Rast. Das Nieders. Ruus, Weile, Zwischenzeit, das ist eine artige Ruus, das ist eine geraume Zeit her, ist eben dasselbe Wort. Rast ist hier von Ruhe bloß zu dem Endlaute unterschieden, und in einer alten Übersetzung der Sprüche Salomonis von 1400 kommt ausdrücklich rawsen für ruhen vor. Auch die dem Anscheine nach von der Deutschen ganz entfernten Sprachen haben ähnliche Wörter, welche sich auf diesem Begriff gründen; dahin gehören das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, Ruhe des Gemüthes - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, müßig seyn, das Ungar. relt, faul, das Alban. reflt, zaubern, das Arab. rasaa, fest, dauerhaft seyn, das Franz. Arret, rester, Rest, und andere mehr. Selbst in unsern Deutschen Frist, Friede, Trost, Entrüsten u. s. f. scheint der Begriff der Rast oder Ruhe der erste und herrschende zu seyn. In der zweyten Bedeutung eines Maßes der Entfernung kann auch der der Ruhe entgegen gesetzte Begriff der Reise der erste und herrschende seyn, zumahl da auch Pictorius das Wort Rast, für Meile, durch Reisete erkläret; obgleich auch der Begriff der Ruhe nach der bestimmten Reise dieser Bedeutung völlig angemessen ist.


Rasten (W3) [Adelung]


Rasten, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches mit ruhen gleichbedeutend ist, aber so wie das Hauptwort im Hochdeutschen in der dichterischen und höhern Schreibart am üblichsten ist. Ha! ihr rastet, ihr Grausame, vom Raub Eurydicens? Ramml. So auch das Rasten. Anm. Schon im Isidor mit der Vorsylbe ge- chirestin, bey dem Kero, der es so wohl für pausiren als für ruhen gebraucht, kirestan, im Nieders. rüsten, im Engl. to rest, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . Im Nieders. hat man auch die Beywörter rustig und gerustig für ruhig, und unrustig für unruhig. S. das vorige.


Rastlos (W3) [Adelung]


Rastlos, -er, -este, adj. et adv. ohne Rast ohne Ruhe, der Ruhe beraubt; gleichfalls nur in der edlern und höhern Schreibart. Matt und rastlos von den Zerstreuungen des Tages. Ein rastloses Geist und unternehmender Mann. Rastlose Seufzer preßt seiner Söhne Zwist aus seinem Herzen, Schleg. So auch die Rastlosigkeit.


Rastrum (W3) [Adelung]


Der Rastrum, plur. car. der eigenthümliche Nahme des gemeinen Stadtbieres zu Leipzig. Da fast an jedem Orte das daselbst einheimische Bier seinen eigenthümlichen Nahmen hat, und dieser oft auf einen Scherz gegründet ist, so glaubt Frisch, daß ein solcher auch hier zum Grunde liege. Rastrum bedeutet im Latein. einen Karst oder Rechen; vielleicht glaubt Frisch, daß der Nahme des Bieres eine Anspielung auf dessen schlechte, im Halse kratzende Eigenschaft sey, welche doch nicht hat, ob es gleich übrigens ein dickes und schweres Bier ist. Allein es hat seinen Nahmen allem Ansehen nach einer ernsthaftern Figur zu danken. Das Zeichen solcher Häuser, wo Rastrum oder Stadtbier geschenkt wird, war vor Alters ein eiserner Rechen (Rastrum) mit einem darauf gesetzten langen Glase oder Topfe, daher der alte Deutsche Übersetzer des Pantagruels von Rabelais schon des Leipzigischen Rechenbieres gedenket. Noch jetzt hat das Kreuzholz, welches solchen Häusern zum Zeichen dienet, einige Ähnlichkeit einem Rechen, obgleich das darauf stehende Glas oder die Kanne die Gestalt eines Kegels bekommen hat. Übrigens kommt Burgerastrum, Borgerastre, Borgerasa, Borgeralfrum, Orgerafro, Burgacea u. s. f. bey dem Du Fresne und Carpentier häufig von einer Art eines bey den Mönchen in den mittlern Zeiten üblichen sehr süßen Getränkes vor, welches noch von dem Pigmentum verschieden war, aber mit unserm Rastrum nicht die geringste Verwandtschaft hat, man müßte denn erweisen können, daß Rastrum ehedem ein allgemeiner Nahme eines süßlichen Getränkes gewesen, welchen man hernach dem süßlichen Stadtbiere gegeben, und aus Unkunde der Bedeutung es von einem Rechen erkläret, der denn aus dieser falschen Etymologie das Zeichen eines solchen Bieres geworden.


Rasttag (W3) [Adelung]


Der Rasttag, des -es, plur. die -e, ein zur Rast, d. i. zur Ruhe, bestimmter Tag; ein Ruhetag. Es ist besonders an den Höfen und bey den Kriegsheeren üblich. An den erstern wird bey großen, mehrere Tage dauernden Feyerlichkeiten ein dazwischen befindlicher Ruhetag, wo keine Lustbarkeiten sind, noch zuweilen der Rasttag genannt; und bey den letztern ist es ein Tag, da ein Kriegsheer auf seinem Zuge stille lieget, und ausruhet. Den Soldaten einen Rasttag geben.


Ratasia (W3) [Adelung]


Der Ratasia, plur. car. aus dem Ital. und Franz. Ratasia, eine Art eines mit allerhand Früchten, Gewürzen u. s. f. abgezogenen Branntweines.


Ratel (W3) [Adelung]


Die Ratel, S. Rattel.


Rath (W3) [Adelung]


1. Der Rath, des -es, plur. die Räthe, ein für sich allein großen Theils veraltetes Wort, welches 1) * ehedem die Versammlung, Menge, und figürlich den Reichthum, ingleichen die Macht, den Vorzug bedeutete. In der Bedeutung der Menge scheinet es noch in unserm Vorrath zum Grunde zu liegen, wofür Hornegk noch das einfache Rat gebraucht. Auch 3 Rath, so fern es von einer Versammlung mehrerer in allgemeinen Angelegenheiten gebraucht wird, könnte hierher gerechnet werden, wenn nicht die Bedeutung des Überlegens und Rathgebens natürlicher wäre. Das Schwed. Rad und Isländ. Rad bedeutet noch jetzt so wohl Menge, als auch Vermögen, Macht, und eben daselbst ist rada vorstehen, regieren. Unser reich, vielleicht auch richten, in der allgemeinen Bedeutung des Regierens, Vorstehens, scheinen nur im Endlaute deren unterschieden zu seyn, so wie Rotte, Rudel und andere unstreitig zu dessen Verwandtschaft gehören. Der erste Begriff, von welchem alle diese Bedeutungen nur Figuren sind, ist ohne Zweifel der Begriff des Geräusches, ( S. Rad) welcher mit der Versammlung mehrerer unzertrennlich verbunden ist, und wovon Menge, Größe, Macht, sehr natürliche Figuren sind. 2) Vermuthlich gehöret hierher auch die noch im gemeinen Leben und in der vertraulichen Sprechart völlig gangbare R. A. etwas zu Rathe halten, sparsam, wirtschaftlich damit umgehen, eigentlich wohl, es beysammen zu erhalten suchen, so daß Rath hier den Begriff der Menge hat. Das Seinige zu Rathe halten, spar- sam damit umgehen, Nieders. to Rade, oder to Rar, hegen, von hägen, sparen. Sein Geld übel oder schlecht zu Rathe halten, es unnütz ausgeben, nicht klüglich damit umgehen. Wer ein geringes nicht zu Rathe hält, der nimmt für und für ab, Sir. 19, 1. Wer ihr vorwirft, daß sie das Ihrige nicht zu Rathe hält, der kann diese Verleumdung in Ewigkeit nicht rerbethen, Gell. Außer dieser einzigen Redensart ist das Hauptwort in diesem Verstande nicht mehr üblich, daher die Stelle Sir. 36, 26, wer eine Hausfrau hat, der bringet ein Gut in Rath, der erhält und vermehret sein Vermögen, nicht nachzuahmen ist. Frisch leitet es in diesem Verstande von reit, bereit, paratus, her; allein, der Begriff der Menge, der aus der ersten Bedeutung erweislich ist, ist natürlicher und wahrscheinlicher, S. Rathsam, Räthlich und Vorrath.


Rath (W3) [Adelung]


2. Der Rath, des -es, plur. die Räthe, ein auch nur noch in einigen Fällen übliches Wort. 1. * Ein körperliches Werkzeug, ein anderes Ding damit zu bereiten oder zu verfertigen; in welchem Verstande es für sich allein im Hochdeutschen veraltet ist, aber noch, obgleich in weiterm Verstande, in unserm Geräth, Gerade, Hausrath und Unrath zum Grunde liegt, wovon die ersten körperliche Hülfsmittel der Bequemlichkeit, das letztere aber deren Gegensatz bezeichnen. Im Schwed. bedeutet Rede noch ein Werkzeug, und das Nieders. Collectivum Reedschup, Reeschup, bedeutet so wohl Werkzeuge als Geräth. 2. In weiterer und figürlicher Bedeutung, die Art und Weise, ingleichen ein Mittel, eine Absicht zu erreichen. 1) Im weitesten Verstande, wo es nur im Singular allein, und auch hier nur ohne Artikel üblich ist. Kommt Zeit, kommt Rath, mit der Zeit wird man schon ein Mittel finden. Ich will schon Rath schaffen, ein Mittel ausfündig machen, die Absicht zu erreichen, oder das Übel wegzuschaffen. Es kann Rath werden, oder dazu kann Rath werden, es wird sich ein Mittel ausfündig machen lassen, es kann möglich gemacht werden. Ich sehe keinen andern Rath, als das Haus zu verkaufen, kein anderes Mittel. Ich weiß mir keinen Rath mehr, weiß kein Mittel mehr. Wo nun Rats? wo finde ich nun ein Mittel? Ich habe alle Möglichkeiten mir zu helfen durchgedacht und verworfen; ich muß Rath haben. Selten kommt es mit dem Artikel vor, wo es aber auch ein Beywort vor sich haben muß. Der ausgelaßne Sohn ward also ein Soldat, Und dieß war auch der beste Rath, Gell. Wo es aber auch das folgende Rath, Consilium, in 3 Rath seyn kann. 2) Im engern Verstande. (a) Ein Gegenmittel zur Wegschaffung eines Übels; gleichfalls adverbialiter und ohne Artikel, besonders mit den Zeitwörtern seyn und werden. Es wäre wohl noch Rath, wenn du nur folgen wolltest, es wäre dir noch zu helfen. Dafür ist noch Rath. Hüthe dich vor der That, der Lügen ist oder wird wohl Rath, hüthe dich vor der That, den Lügen ist schon abzuhelfen. Mins eines wurde liechte rat, Reinmar der Alte. Min wurde rat wolle si mir kuinden liebin mere, ebend. d. i. mir wurde geholfen. Wie sol froideloser tage Mir und sender iaren iemer werden rat. Heinrich von Morunge, Sit min an dem zwivel stat Das mien lieder niemer kan werden rat, Ulrich von Guotenburg. Wo es denn nach weitern Figuren ehedem auch theils die Wohlfahrt selbst bedeutete, welche Bedeutung auch das Isländ. Heilraedi hat, theils den Nutzen, in welchem letztern Verstande man noch jetzt zuweilen sagt, es ist nicht Rath das zu thun, es ist nicht nützlich, nicht rathsam. Adverbialiter sagt schon Ottfried, so imo rat thunkit, wenn es ihm rathsam, nützlich scheinet. (b) Ein von einem andern uns vorgeschlagenes Mittel; in welcher Bedeutung es aber mehr zu dem folgenden Worte zu gehören scheinet, S. dasselbe.

Anm. In der Bedeutung eines körperlichen Werkzeuges lieget allem Ansehen nach wiederum der Begriff des Geräusches zum Grunde, so wie in reiten, bereiten, welches hernach figürlich auf verschiedene Arten solcher mit einem ähnlichen Geräusche verbundener Handlungen eingeschränket worden. In der weitern Bedeutung eines jeden zur Nothwendigkeit und Bequemlichkeit gehörigen körperlichen Dinges scheinet auch das Lat. Res hierher zu gehören, welches mit rauschen, rasen, rasseln, allem Ansehen nach Eines Geschlechtes ist.


Rath (W3) [Adelung]


3. Der Rath, des -es, plur. die Räthe, ein Wort, welches ursprünglich von reden abstammet und die Rede bedeutet hat, so wie in der Monseeischen Glosse Rath wirklich durch Sermo erkläret wird. Es ist in dieser allgemeinen Bedeutung veraltet, indem es nur noch in einigen engern und figürlichen Bedeutungen üblich ist. 1. Von verschiedenen Wirkungen des Geistes, so fern sich dieselben durch die Rede äußern und an den Tag legen, ohne doch die letztere ausdrücklich nothwendig zu machen. 1) Die Überlegung, die Überdenkung der Gründe und Mittel einer künftigen Handlung, eigentlich, so fern es vermittelst der Rede unter mehrern geschiehet, figürlich aber auch, so fern es in der Stille durch bloßes Erwägen bey sich selbst geschiehet; die Rathschlagung, Berathschlagung. Im Nieders. Raad. Es wird hier nur im Singular, und ohne Artikel gebraucht. Mit jemanden zu Rathe gehen, eine Sache mit ihm überlegen. Bey sich selbst oder mit sich selbst zu Rathe gehen, bey sich selbst überlegen, ob eine Sache zu thun sey, oder wie zu thun sey. Rath halten, mit andern überlegen; Rath schlagen, in eben diesem Verstande, ( S. Rathschlagen.) Jemanden zu Rath ziehen, zur Überlegung, die Sache mit ihm überlegen. Alles mit Rath, nach gepflogener Überlegung. Rats pflegen, überlegen; eine im Hochdeutschen größten Theils veraltete Redensart. 2) * Das Vermögen, die Gründe und Gegengründe gehörig einzusehen, ingleichen die besten Mittel zur Erreichung einer Absicht anzugeben, Klugheit, Vernunft, das Vermögen zu rathen; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, in welcher dieses Wort ehedem nur im Singular allein üblich war. Es kommt darin mit dem Lat. Ratio überein. Auch im Isländ. ist Redha die Vernunft, und Notker gebraucht Redeafty in eben diesem Verstande. In der Deutschen Bibel kommt diese veraltete Bedeutung noch mehrmahl vor. Der Geist des Raths, Es. 11, 2. Denn es ist ein Volk, da kein Rath in ist, 5 Mos. 33, 28; sie sind ein Volk, das sich durch seine Anschläge selbst in Unglück bringt, Michael. Es wird weder Gesetz bey den Priestern, noch Rath bey den Alten mehr seyn, Ezech. 7, 26. Groß von Rath, Jer. 32, 19. 3) * Die Folge der Überlegung, der Entschluß, auch ohne Plural; eine im Hochdeutschen gleichfalls veraltete Bedeutung. Im Oberdeutschen sagt man noch, Raths werden, einen Entschluß fassen; andern Rath werden, seinen Entschluß ändern; einen Rath fassen, einen Entschluß. In der Deutschen Bibel ist auch diese Bedeutung noch sehr häufig. Gott stürzet der Verkehrten Rath, Hiob. 5, 13. Beschließet einen Rath und werde nichts daraus, Es. 8, 19. Der Herr macht zu nicht der Heiden Rath, Ps. 33, 8. Nehem. 4, 15. Besonders von Gott, in mehrern Stellen, nach deren Vorgange man es auch noch in der Theologie gebraucht, wo der Rath Gottes von der Menschen Seligkeit, dessen Entschluß ist, in gewisser Ordnung jedermann selig zu machen. Den Rath Gottes verkündigen. ( S. Rathschluß.) Auch im Nieders. sagt man, ich bin deß zu Rathe worden, habe es bey mir beschlossen, wo Vorraad auch der Vorsatz ist. 4) * Der Wille; eine im Hochdeutschen gleichfalls veraltete Bedeutung. Seines eigenen Rats leben, nach seinem eigenen Willen, im Oberdeutschen. Du leitest mich nach deinem Rath. Ps. 73, 24. Und so in andern Stellen mehr. 5) Die Meinung, d. i. das Urtheil, über eine Sache aus wahrscheinlichen Gründen; doch nur noch in engerer Bedeutung, so fern man einem andern seine Meinung über dessen Absichten und Mittel bloß bekannt gemacht, ohne ihn zu verbinden, diese Meinung zu befolgen, eine bloß als nützlich ertheilte Regel des Verhaltens. Jemanden einen Rath geben, ertheilen, ihm seine Meinung bekannt machen, ob und wie er eine Sache thun müsse. Das ist mein Rath in dieser Sache, meine Meinung, von einer Sache, welche erst noch geschehen soll. Jemanden mit Rath und That beystehen, ihm mit Rath und That an die Hand gehen. Rath bey jemanden suchen. Eines Rath folgen, befolgen, ihn annehmen. Allen guten Rath verachten, in den Wind schlagen. Hier ist guter Rath theuer. Jemanden um Rath fragen, ( S. Rathfragen.) Sich bey jemanden Rats erhohlen, ihn um seinen Rath fragen, ingleichen in weiterer Bedeutung, Belehrung bey ihm suchen. Jemanden zu Rathe ziehen, ihm um seinen Rath, um seine Meinung fragen. Nichts ohne Rath anfangen. Ich habe es auf deinen Rath gethan. In dieser Bedeutung lautet es schon im Isidor Chirati, bey dem Ottfried Girat und Rath, im Nieders. Raad, im Angels. Raed, im Schwed. Rad, im Isländ. Rade, im Slavon. Red, im Russ. Rade. Ob sich gleich diese Bedeutung auch sehr füglich von 2 Rath, Mittel, herleiten ließe, so scheinet doch die Bedeutung der Rede und der Meinung näher damit verwandt zu seyn. Zu der letzten gehöret auch das Latein. reor, ratus sum, reri, dafür halten, dessen Mittelwort ratus auch beschlossen bedeutet, und alsdann die vorige dritte Bedeutung des Entschlusses hat. Da indessen fast alle Wörter, welche eine Fähigkeit oder Wirkung des Geistes bezeichnen, Figuren der Bewegung sind, so leidet, auch Rath in allen obigen fünf Bedeutungen eben dieselbe Ableitung, wo es denn ein naher Verwandter von Rad, Rota, reiten, im weitesten Verstande, u. s. f. seyn würde. In allen vorigen Bedeutungen hat dieses Wort keinen Plural, ungeachtet die dritte, des Entschlusses, desselben gar wohl fähig wäre. Die gegenwärtige leidet ihn, der Sache nach, eben so willig, und doch klingt er im Hochdeutschen fremd und ungewohnt, so oft er von einigen gebraucht wird. Dem Alterthume scheinet er geläufiger gewesen zu seyn. Bey dem Notker heißt er die Rata, bey dem Winsbeck die Rete, und im Heldenbuch die Räte: Hiltebrant der alte Mann, Der da viel weiser Räte kann. Mehr ist es, daß der Plural oft mit den folgenden Bedeutungen, in welchen er ohne Schwierigkeit gebraucht wird, eine Zweydeutigkeit verursachen kann; aber diese Zweydeutigkeit findet auch im Singular Statt. Vielleicht vertreibet das Beyspiel derer, welche ohne Bedenken Räthe schreiben, mit der Zeit das Fremde, welches dem Plural in dieser Bedeutung anklebt; wem aber dasselbe unerträglich ist, der kann dafür, wie von den meisten geschiehet, Rathschläge gebrauchen. 6) * Einwilligung, Vorwissen, Beystimmung; eine im Hochdeutschen gleichfalls veraltete Bedeutung, in welcher es ehedem im Nieders. sehr gangbar war. S. das Bremisch-Nieders. Wörterbuch. 2. Eine Versammlung mehrerer, eine Sache zu überlegen und zu beschließen, und ein Collegium dazu verordneter Personen. 1) Im weitesten Verstande eine Versammlung mehrerer, gemeinschaftliche Angelegenheiten zu überlegen und zu beschließen, ohne Plural; in welchem Verstande es nur noch in einigen Fällen gebraucht wird. Rath halten. Einen Blutrath halten, eine Versammlung, einen oder mehrere zum Tode zu verurtheilen; am häufigsten von einer unbefugten Versammlung dieser Art. Zu Rathe gehen, in eine solche Versammlung; eine im Hochdeutschen sehr wenig mehr gebräuchliche R. A. Meine Seele komme nicht in ihren Rath, 1 Mos. 49, 6. Wohl dem, der nicht wandelt im Rathe der Gottlosen, Ps. 1, 1. Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen im Rath der Frommen, Ps. 11, 1. Welche und andere biblische Stellen, in deren einigen es auch eine jede Versammlung bedeutet, doch nicht nachzuahmen sind. Schon bey dem Kero ist Kerate eine Versammlung. 2) In engerer Bedeutung, ein Collegium solcher Personen, welche dazu verordnet sind, öffentliche Angelegenheiten zu überlegen und zu entscheiden. Ehedem wurde es von allen Collegiis dieser Art gebraucht, wovon unter andern auch in der Deutschen Bibel häufige Beyspiele vorkommen. Jetzt, da dergleichen Collegia sehr vervielfältiget worden, haben sie theils eigene Nahmen bekommen, theils ist der allgemeine Nahme Rath durch allerley Beysätze näher bestimmet worden. Der geheime Rath, das höchste Collegium der zur Besorgung der öffentlichen Angelegenheiten verordneten Personen, welches doch in manchen Staaten noch dem Cabinetts-Rathe nachgeordnet ist. Der Staatsrath, Kriegsrath, Kirchenrath, Gesundheits- oder Sanitäts-Rath u. s. f. Den geheimen Rath versammeln, die dazu gehörigen Personen. Da es denn auch oft von der Versammlung der Glieder eines solchen Collegii gebraucht wird. In den geheimen Rath, in den Staatsrath, in den Kirchenrath gehen. In Schleswig werden die Land- und Kirchspielsgerichte zuweilen Räthe genannt, da denn die Beysitzer in denselben auch den Nahmen der Rathleute führen. Die Rota, das päpstliche Kammergericht zu Rom, hat gewiß auch daher seinen Nahmen; obgleich Ferrarius und andere denselben von Rota, ein Rad, herleiten, weil die Glieder dieses Rathes in einem Kreise sitzen sollen, welches doch ungegründet ist. Es ist daher auch unrichtig, wenn einige dieses Collegium im Deutschen das Radgericht nennen; richtiger könnte man es den Kammerrath oder das Kammergericht nennen. 3) In der engsten Bedeutung ist der Rath, oder zum Unterschiede von der vorigen Bedeutung, der Stadtrath, ein Collegium solcher Personen, dem in Reichs- und freyen Städten die höchste Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten der Stadt und ihres Zugehöres, in Municipal-Städten aber gemeiniglich nur die Handhabung der Polizey zustehet. Den Rath zusammen rufen, versammeln. In den Rath kommen, Sitz und Stimme in diesem Collegio erhalten. Eine Sache bey dem Rathe anbringen. Jemanden bey dem Rathe verklagen. Bey dem Rath um etwas anhalten. Einer aus dem Rathe, ein Rathsherr, Rathsglied, in der feyerlichen Sprechart ein Vornehmer des Raths. Der Rath sitzt, wenn sich derselbe versammelt. Im sitzenden Rathe, im versammelten. Oft bedeutet es auch die Versammlung dieses Collegii. Rath halten, sich versammeln. Vor Rath erscheinen. Eine Sache im Rathe vortragen. Der Plural findet, wie in der vorigen Bedeutung, nicht nur von mehrern Collegiis mehrerer Städte ohne Bedenken Statt, obgleich Frisch das Gegentheil behauptet, sondern auch in den Fällen, wo in einer und eben derselben Stadt das Collegium der sämmtlichen Rathsglieder in mehrere Theile abgeordnet ist; z. B. wo der gesammte Rath in drey Räthe getheilet ist, welche alle Jahre in der Regierung abwechseln, oder auch, wo der innere, kleinere oder engere Rath, von dem äußern, größern oder weitern Rathe unterschieden wird. 3. Eine Person, welche andern guten Rath entheilet, d. i. nützliche Regeln des Verhaltens bekannt macht. 1) Im weitesten Verstande, von einem jeden, der andern einen Rath ertheilet, ist es nicht gewöhnlich, weil dafür Rathgeber eingeführet ist. 2) Im engern Verstande, derjenige, der dazu verordnet ist, der Landesobrigkeit in öffentlichen Angelegenheiten guten Rath zu ertheilen, oder die öffentlichen Angelegenheiten mit derselben zu überlegen und zu entscheiden. In diesem Verstande pflegte man ehedem alle höhere Bediente des gemeinen Wesens, welche berechtigt und verbunden sind, dem Landesherrn ihre Meinung in öffentlichen Angelegenheiten zu sagen, nur schlechthin Räthe zu nennen, in welchem Verstande es noch jetzt zuweilen vorkommt. 2 Sam. 15, 12 heißt Ahitophel Davids Rath. Und die Herren, Fürsten, Vögte und Räthe des Königs kamen zusammen, Dan. 3, 27. Nebucadnezar forderte alle seine Räthe, Fürsten und Hauptleute, Judith 2, 2. 3) Da nach der Vervielfältigung solcher Personen und genauerer Vertheilung der öffentlichen Angelegenheiten sich die Anzahl dieser Räthe gar sehr vermehrete, so bekamen selbige theils andere Nahmen, theils behielten sie den Nahmen der Räthe, welcher alsdann aber mit allerley Beysätzen näher bestimmt wurde, und oft auch nur ein bloßer Titel ist, der zu keinen weitern Obliegenheiten verbindet. Und so entstanden geheime Räthe, (nicht Geheimeräthe, weil es alsdann Geheimräthe heißen müßte, ( S. Geheim,) ehedem, wie noch in der Deutschen Bibel, heimliche Räthe, Cabinetts-Räthe, Staatsräthe, Hofräthe, Kriegsräthe, Justiz-Räthe, Finanz-Räthe, Commerzien-Räthe, Kammerräthe, Jagdräthe, Bergräthe u. s. f. Ein Rath schlechthin, ohne allen Beysatz, ist alsdann die erste und niedrigste Würde dieser Art, welche an den meisten Höfen ein bloßer Titel ist. Ein kurzweiliger oder lustiger Rath, eine scherzhafte Benennung eines Hofnarren.

Anm. In dieser letzten Bedeutung ist schon im Isidor Chirado eine zum Rathgeben verpflichtete Person. Es gibt theils in den Zusammensetzungen, theils in den gemeinen Sprecharten noch mehrere gleichlautende, aber in der Bedeutung verschiedene Wörter, welche theils Figuren von rad, rath, sind, so fern es ein Ausdruck eines Schalles und dessen Ursache, der Bewegung, ist, theils aber auch zu andern Stämmen gehören können. Eines derselben ist das Oberdeutsche Nebenwort rath, geraubt; etwas rath seyn, es entbehren, wovon unser entrathen abzustammen scheinet, wofür im Oberdeutschen gerathen üblich ist. Ferner das rath seyn, welches Hornegk theils für geschehen, theils aber auch für selig werden gebraucht. ( S. auch die folgenden Zeitwörter.) In den folgenden Zusammensetzungen lautet dieses Wort allemahl Rats-, so oft ein Raths-Collegium darunter verstanden wird. In den andern Bedeutungen pflegt es das s nur selten anzunehmen.


Rathen (W3) [Adelung]


Rathen, verb. irreg. act. ich rath, du räthst, er räth; Imperf. ich rieth; Mittelw. gerathen; Imperat. rathe; ein Zeitwort, welches außer der Zusammensetzung noch in einer doppelten Hauptbedeutung üblich ist. 1. Ohne Grund, durchs bloße Ungefähr urtheilen, aber zu urtheilen sich bemühen. 1) Eigentlich, wo es als ein Neutrum am üblichsten ist, welches aber doch das Hülfswort haben erfordert. Rathen sie einmahl, wie viel es gekostet hat. Rate, was ist das? Man wußte den Thäter nicht gewiß, alle aber riethen auf Cajum, hielten Cajum aufs bloße Ungefähr für den Thäter. Ich rathe hin und her, und kann es nicht errathen. Man muß eine Sache wissen, und nicht bloß rathen. Oft schließt dieses Wort alle auch bloß wahrscheinliche Gründe aus; oft aber räth man auch, wenn man einige wahrscheinliche Gründe vor sich hat, und alsdann nähert er sich in seiner Bedeutung dem Worte muthmaßen. Es scheint eigentlich das Hin- und Herschweifen der Gedanken bey dem Rathen zu bezeichnen, da es denn eine unmittelbare Figur von der ursprünglichen Bedeutung dieses Wortes seyn würde, nach welcher es den Begriff der Bewegung hat. Ehedem bedeutete Rath auch die Muthmaßung. Das Nieders. raden, raen, das Angels. araedan, und Holländ. raaden, kommen mit unserm rathen überein. Bey dem Ulphilas ist so wohl rathjan als rahnan, schätzen, zählen, woraus zugleich die Verwandtschaft mit rechnen erhellet. ( S. 3 Rath 1 5) und Räthsel.) 2) In engerer Bedeutung, vermittelst solches Rathens die Wahrheit erreichen, recht rathen, für errathen. Du hast gerathen. Das kann ich nicht rathen. 2. Einen Rath geben, d. i. eine nützliche Regel des Verhaltens ertheilen, mit der dritten Endung der Person und der vierten der Sache. 1) Eigentlich. Einem etwas rathen, es ihm als eine nützliche Regel des Verhaltens bekannt machen, es ihm als nützlich oder heilsam empfehlen. Einem Gutes rathen. Einem Kranken ein Arzeneymittel rathen. Einer räth dieß, der andere jenes. Was rathen sie mir? Er läßt sich nicht rathen, nimmt keinen Rath an. Wem nicht zu rathen ist, dem ist auch nicht zu helfen. Ich rieth ihm, daß er nicht hingehen sollte. Rathen sie mir, daß ich es thun soll? Ich rathe dir, daß du Geld kaufest, Offenb. 3, 15. Oft auch mit dem Vorworte zu. Dazu kann ich ihnen nicht rathen. Zum Frieden rathen. Zuweilen druckt es ein Verboth oder einen Befehl aus. Das wollte ich dir nicht rathen. Ich rathe dir, daß du folgest. 2) Figürlich. (a) Helfen, besonders im gemeinen Leben und den vertraulichen Sprecharten. Er wollte dem Lande in dieser Sache rathen und helfen, 2 Macc. 14, 9. Er weiß sich nicht zu rathen. Damit ist mir nicht gerathen, nicht geholfen. Geschehenen Dingen ist nicht zu rathen, Less. ihnen ist nicht abzuhelfen, sie sind nicht zu ändern. Schon Ottfried gebraucht riaten, für helfen und Girati für Hülfe. Auch unser Rath hat noch zuweilen diese Bedeutung. ( S. 2 Rath 2) und Berathen.) (b) Nützlich seyn, in welchem Verstande doch nur das Mittelwort gerathen als ein Nebenwort für nützlich und heilsam gebraucht wird. Thaz thunkit mih girati, sagt schon Ottfried. Ich halte es für gerathen, daß du hingehest. Dieß scheinet mir in diesem Falle das gerathenste zu seyn. Ich finde es gerathener, daß du es nicht thuest. Im Oberdeutschen ist es in diesem Verstande am üblichsten. Das Hauptwort die Rathung ist in keiner der vorigen Bedeutungen üblich, ob es gleich in den Zusammensetzungen gangbar ist. Man gebraucht dafür das Rathen.

Anm. In der zweyten Hauptbedeutung lautet es im Nieders. raden, raen, im Angels. raed, im Alt-Engl. to read, im Schwed. rada, im Isländ. rada, und selbst im Syrischen rata. Ottfried gebraucht ratan auch für rathschlagen, in welchem Verstande es aber veraltet ist. Rathen ist ursprünglich eine Nachahmung des Schalles, so wohl der Rede und des Redenden, als auch einer schnellen, besonders kreisförmigen, Bewegung. Daher rühret es denn, daß es ehedem, und zum Theil noch jetzt in den verwandten Sprachen, in so vielen Bedeutungen vorkommt, welche sehr verschieden zu seyn scheinen, aber am Ende doch insgesammt Figuren einer von beyden Arten des Schalles sind. Figuren von dem Schalle der Rede, welches Wort selbst hierher gehöret, sind 1) rathen, consulere; 2) rathen, divinare; 3) des Ulphilas rathjan, schätzen, rechnen, und das Oberdeutsche raiten, reiten, rechnen; 4) das Engl. to read, lesen; 5) das riaten, in der Monseeischen Glosse, für trösten, und dieses trösten selbst; 6) das Schwed. rada, prodere, wofür wir verrathen sagen; 7) das Schwed. rada, befehlen, herrschen, im Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, ( S. 3 Rath 3;) wovon die im Deutschen veraltete Bedeutung des Könnens, Vermögens, eine Figur ist, welche aber auch zu rathen, reichen, gehören kann; 8) das Schwed. rada, schelten, strafen, züchtigen; 9) das gleichfalls Schwed. rada, erklären, auslegen, und andere mehr. Figuren von dem durch eine schnelle Bewegung verursachten Schalle und von dieser Bewegung selbst, sind: 1) das Isländische rata, hin und wieder gehen, das Schwed. rada, kommen, und unser gerathen, von ungefähr kommen; 2) unser reiten, equitare; 3) das veraltete ratuon, wofür wir jetzt intensive reitzen sagen; 4) das veraltete raten, ziehen, reißen, Nieders. riten, wovon Kero untratan für entziehen gebracht, und wovon vielleicht unser entrathen und das Oberd. rath seyn, mangeln, entbehren, abstammen; 5) das gleichfalls veraltete rathen, reichen, womit unser recht und gerade verwandt sind; ( S. Gerade und Gerecht, Gerathen und Gereichen;) 6) das ehemahlige rathen, geben, welches eine Figur der vorigen Bedeutung ist, Schwed. rada, Lat. mit vorgesetztem t, tradere, wovon noch unser berathen in einigen Bedeutungen abstammet; 7) das veraltete rathen, aufschließen, in die Höhe wachsen, welches mit Riefe, Reis und andern verwandt ist, und welches in gerathen und mißrathen noch figürlich üblich ist, wohin auch das Schwed. rada, erziehen, aufziehen, gehöret; 8) das Schwed. rada, tödten, umbringen, und andere mehr. Aus allem erhellet zugleich die Verwandtschaft mit Rad, Rede, Rasen u. s. f.


Rathfragen (W3) [Adelung]


Rathfragen, verb. reg. act. welches aus der R. A. um Rath fragen zusammen gezogen ist. Und er rathfragete den Herrn, 1 Sam. 28, 6. Daß wir den Herrn durch ihn rathfragen, 2 Kön. 3, 11. Und der König Rehabeam rathfragete die Ältesten, 2 Chron. 10, 6. Im Hochdeutschen ist es veraltet, außer daß es im Infinitiv noch zuweilen im gemeinen Leben vorkommt. Bey dem Willeram ratfragen, Schwed. radfraga, Pohln. radza.


Rathgeber (W3) [Adelung]


Der Rathgeber, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Rathgeberinn, von der R. A. Rath geben, eine Person, welche andern guten Rath gibt, d. i. nützliche Regeln des Verhaltens bekannt macht. Wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Rathgeber gewesen? Röm. 11, 34. Wo viel Rathgeber sind, da bestehen die Anschläge, Sprich. 15, 22. Bey dem Stryker nur Ratgebe, in dem alten Fragmente von Carln dem Großen bey dem Schilter Ratgeve, im weiblichen Geschlechte Ratgebin, im Oberdeutschen noch jetzt Rathgeb, im Angels. Raedgyfa, im Schwed. Radgifvare. In dem alten Augsburgischen Stadtrechte aus dem 13ten Jahrhunderte bedeutet es einen Rathsherren.


Rathhaus (W3) [Adelung]


Das Rathhaus, des -es, plur. die -häuser, ein öffentliches Gebäude in den Städten, in welchem sich die Rathsherren versammeln, die allgemeinen Angelegenheiten der Stadt daselbst in Überlegung zu ziehen; das Stadthaus. Es gibt dergleichen Rathhäuser auch in einigen Dörfern, da es denn zur Versammlung der Schöppen, Ältesten oder Rathleute dienet. Auf das Rathhaus gehen. Etwas auf dem Rathhause anzubringen haben. Von dem Rathhause kommen. Da Rath ehedem auch Rede bedeutete, so scheinet Rathhaus eigentlich ein solches Gebäude zu bezeichnen, wo man sich über allgemeine Angelegenheiten unterredet. Ottfried und die Monseeische Glosse nennen daher das Rathhaus ein Sprachhaus und im Nieders. bedeutet Sprache noch jetzt eine jede Versammlung in allgemeinen Angelegenheiten. Übrigens hieß ein Rathhaus ehedem auch das Bürgerhaus, so fern sich die Bürger in allgemeinen Angelegenheiten daselbst versammeln, in Elsaß heißt es die Pfalz, von Palatium, im Franz. le Palais, in Schwaben an einigen Orten die Gurt, von dem mittlern Lat. Curtis, in Niedersachsen ehedem das Weichhaus oder Wichhaus, ( S. Weichbild,) im Hennebergischen das Schnoidhaus, Rathhaus und Rathshaus müssen nicht verwechselt werden.


Räthig (W3) [Adelung]


Räthig, adj. et adv. welches nur in einigen Zusammensetzungen, z. B. beyräthig, üblich ist, ( S. dasselbe) Von dem veralteten Rath, Entschluß, ist räthig werden im Oberd. beschließen.


Rathkammer (W3) [Adelung]


Die Rathkammer, plur. die -n, auf den großen Kriegsschiffen, eine geräumliche Kammer, worin sich die Officiers zum Kriegsrathe versammeln.


Rathleute (W3) [Adelung]


Die Rathleute, sing. car. an einigen Orten, ein Nahme der Beysitzer der Dorfgerichte oder Ältesten auf den Dörfern, welche in allgemeinen Angelegenheiten des Dorfes ihren Rath zu ertheilen verbunden und berechtigt sind. In einigen Städten werden auch die Rathsherren Rathleute genannt. In der einfachen Zahl lautet es gemeiniglich Rathmann. S. Rathsleute.


Räthlich (W3) [Adelung]


Räthlich, -er, -ste, adj. et adv. 1) Von 1 Rath, in der R. A. das Seine zu Rathe halten, sparsam, und in der Sparsamkeit gegründet; doch nur im gemeinen Leben. Ein räthlicher Mann, der das Seine zu Rathe hält, mit Klugheit sparsam ist. Räthlich mit einer Sache umgehen. Räthlich von etwas essen. Die Speisen räthlich vorlegen. Daher die Räthlichkeit, welches doch nicht so üblich ist. ( S. auch Rathsam.) 2) Von Rath, Consilium, was anzurathen ist, und in weiterer Bedeutung für nützlich, ist es nur in einigen Sprecharten üblich. S. Rathsam, welches in dieser Bedeutung gangbarer ist.


Rathlos (W3) [Adelung]


Rathlos, -er, -este, adj. et adv. des Rathes, d. i. so wohl der nützlichen Regeln des Verhaltens von Seiten anderer, als auch der Mittel, sich zu helfen, beraubt, und darin gegründet; hülflos. Ein rathloser Mensch. Der rathloseste Zustand. Daher die Rathlosigkeit.


Rathmann (W3) [Adelung]


Der Rathmann, des -es, plur. die Rathmänner, und in einigen Fällen Rathleute. 1) Ein Rathgeber, welcher uns guten Rath ertheilet; eine veraltete Bedeutung. ( S. Rathsleute.) Im Schwed. ist Radmann ein Rath, Consiliarius. 2) Ein Rathsherr; eine noch in einigen Niedersächsischen Städten gangbare Bedeutung, da der Plural Rathmänner, und nach der alten Mundart auch wohl noch Rathmanne lautet. 3) Auf einigen Dörfern, selbst in Obersachsen, ist Rathmann der Beysitzer eines Land- oder Dorfgerichtes, der Älteste, Schöppe u. s. f. da es denn im Plural gemeiniglich Rathleute hat. S. 3 Rath 3. 3)


Rathsam (W3) [Adelung]


Rathsam, -er, -ste, adj. et adv. 1) Von 1 Rath, bemühet, eine Sache zu Rathe zu halten, d. i. so lange als möglich zum künftigen Gebrauch beysammen zu halten, und darin gegründet. Ingleichen in weiterer Bedeutung für sparsam. Ein rathsamer Mensch. Rathsam mit einer Sache umgehen. Bey Tische rathsam vorlegen. Das Licht brennt rathsam. Im gemeinen Leben auch räthlich. 2) Von 3 Rath 1 1) 2). Überlegung, Klugheit, kommt es in einigen Gegenden für bedächtlich, weislich vor. - Wer gedenkt die Heirath auszuschlagen, Die ihm von Helena wird rathsam angetragen? Opitz. In welcher Bedeutung es aber im Hochdeutschen völlig unbekannt ist. 3) Von 3 Rath 1 5), was anzurathen ist, als eine nützliche Sache angerathen zu werden verdienet; und in weiterer Bedeutung für heilsam, nützlich. Ein rathsames Mittel. Es ist nicht rathsam, daß wir hingehen. Es wäre rathsamer, wir blieben zu Hause. Das rathsamste wird seyn, daß wir thun, als sähen wir es nicht. Im gemeinen Leben einiger Gegenden auch räthlich, im Oberdeutschen gerathen, S. dieses Wort in Rathen 2.


Rathsamkeit (W3) [Adelung]


Die Rathsamkeit, plur. car. die Eigenschaft eines Dinges nach welcher es rathsam ist, im Hochdeutschen nur in der ersten und letzten Bedeutung des vorigen Wortes.


Rathsbedürftig (W3) [Adelung]


Rathsbedürftig, -er, -ste, adj. et adv. des guten Rathes anderer bedürftig, von 3 Rath 1 5). So auch die Ratsbedürftigkeit.


Rathsbothe (W3) [Adelung]


Der Rathsbothe, des -n, plur. die -n, ein Bothe, welcher den Willen oder die Briefe eines Raths-Collegii, noch häufiger aber eines Stadtrathes, überbringet, der in eines Stadtrathes Eid und Pflichten stehet. S. 3 Rath 3. 2) 3).


Rathsbuch (W3) [Adelung]


Das Rathsbuch, des -es, plur. die -bücher, ein einem Raths-Collegio, ingleichen einem Stadtrathe gehöriges Buch. In engerer Bedeutung, ein Buch, in welches die Angelegenheiten und Verhandlungen eines Raths-Collegii, und besonders eines Stadtrathes, verzeichnet werden.


Rathschlag (W3) [Adelung]


Der Rathschlag, des -es, plur. die -schläge, eigentlich, ein nach gepflogener Überlegung so wohl mit andern, als mit sich selbst gefundener Rath, und in weiterer Bedeutung, ein jeder Rath, d. i. eine jede als nützlich empfohlene Regel des Verhaltens. Herr, mache den Rathschlag Ahitophels zur Narrheit, 2 Sam. 15, 31, 34. Daß die Syrer wider dich einen bösen Rathschlag gemacht haben, Es. 7, 5. So höret nun den Rathschlag des Herrn, den er über Edom hat, Jer. 49, 20. Wo es auch den nach Überlegung gefaßten Entschluß, den Anschlag, bedeutet. (Siehe 3 Rath 1 3). Am häufigsten wird es von vielen im Plural gebraucht, den ungewöhnlichen Plural Räthe zu vermeiden. Jemanden allerley nützliche Rathschläge ertheilen. Jemandes Rathschlägen folgen. S. das folgende.


Rathschlagen (W3) [Adelung]


Rathschlagen, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, überlegen, ob und wie eine Sache zu thun sey, nützliche Regeln des Verhaltens durch Erwägung der Gründe und Gegengründe ausfündig zu machen suchen. Mit jemanden rathschlagen. Über etwas rathschlagen. Er verließ den Rath, der Ältesten und rathschlug (besser rathschlagte) mit den Jungen, 2 Sam. 10, 8. So komm nun und laß uns mit einander rathschlagen, Nehem. 6, 7. Die Herren rathschlagen mit einander wider den Herrn, Ps. 2, 2. Von dem Tage an rathschlagten sie, wie sie ihn tödteten, Joh. 11, 53. In der höhern Schreibart wird es auch zuweilen als ein Activum mit Auslassung des Vorwortes über gebraucht. Und Raufbold und sein Herr rathschlagt indeß Verbrechen, Zach. Auf ähnliche Art heißt es im Theuerdanke: Meine fraw die wil Die Sache nach notturfft rathschlagen, d. i. überlegen; in welcher Bedeutung es doch jetzt seltener ist. So auch die Rathschlagung.

Anm. Im Schwed. radsla, im Isländ. ardslaga, ( S. Schlagen.) Obgleich dieses Zeitwort für sich allein irregulär gehet, so wird es doch in dieser Zusammensetzung regulär abgewandelt, welches es mit mehrern dieser Art gemein hat. ( S. Radbrechen.) Das Augmentum tritt auch hier vor das ganze Wort; gerathschlaget, nicht rathgeschlaget, wie von vielen, aber unrichtig, geschrieben und gesprochen wird.


Rathschluß (W3) [Adelung]


Der Rathschluß, des -sses, plur. die -schlüsse, ein nach gepflogenem Rathe oder Überlegung gefaßter Entschluß; in welchem Verstande es doch nur noch zuweilen in der höhern Schreibart von den Entschlüssen regierender Herren gebraucht wird. Am üblichsten ist es in figürlichem Verstande in der Theologie, wo die Rath- schlüsse Gottes, die göttlichen Entschließungen über die Wirklichkeit und Veränderungen der Dinge, die Bestimmungen der göttlichen Entschließungen sind. Die willige Ergebung in die Rathschlüsse Gottes ohne geheime Ausnahmen. Alle besondere Absichten der Rathschlüsse und Verhängnisse Gottes einsehen wollen, ist unsinnige Begehrlichkeit, Gell. Der Rathschluß Gottes von unserer Seligkeit, dessen Entschluß in einer gewissen Ordnung jedermann selig zu machen, S. 3 Rath 1 3).


Raths-Collegium (W3) [Adelung]


Das Raths-Collegium, des -gii, plur. die -gia, ein Collegium solcher Personen, welche verpflichtet sind, öffentliche Angelegenheiten zu überlegen und zu beschließen, und welches auch nur der Rath schlechthin genannt wird. ( S. 3 Rath 2. 2).) In engerer Bedeutung werden auch die sämmtlichen Rathsherren einer Stadt und deren Versammlung das Raths-Collegium genannt.


Rathsdiener (W3) [Adelung]


Der Rathsdiener, des -s, plur. ut nom. sing. ein geringer Bedienter, welcher dazu bestellt ist, die Befehle eines Raths-Collegii. und in engerer Bedeutung, eines Stadtrathes, auszurichten.


Räthsel (W3) [Adelung]


1. Das Räthsel, des -s, plur. ut nom. sing. Diminut. das Räthselchen, Oberd. Räthselein. 1) Ein Mährchen, eine Fabel, eine erdichtete Erzählung; eine im Hochdeutschen veraltete noch im gemeinen Leben Oberdeutschlandes übliche Bedeutung. Jemanden ein Räthsel erzählen, ein Mährchen. Auf ähnliche Art wird im Tarlan ein Gleichniß Ratissa genannt. 2) Eine Aufgabe, welche nur durch Rathen aufgelöset werden, oder errathen werden kann, und auf solche Art aufgelöset werden soll. Jemanden ein Räthsel vorlegen, aufgeben. Ein Räthsel auflösen, errathen. Die Königin aus Arabien versuchte den Salomo mit Räthseln, 1 Kön. 10, 1. Ich will euch ein Räthsel aufgeben; wenn ihr mir das Räthsel errathet und treffet u. s. f. Richt. 14, 12. 3) Figürlich, eine dunkele, unbegreifliche Sache. Das ist mir ein Räthsel. Ich hoffe, daß sich das Räthsel in wenig Tagen aufklären wird. Die Räthsel des menschlichen Herzens entfalten.

Anm. In der ersten Bedeutung scheinet es vermittelst des Endlautes -sal oder -sel aus Rede gebildet zu seyn. In der zweyten Bedeutung lautet es im Angels. Raedels, im Engl. Riddle, von to rid, erklären, im Nieders. Afraels, für Afradels, und in einigen Oberdeutschen Gegenden Retdelsen. Mit dem seltnern und großen Theils veralteten Endlaute "-iß", "-isch", ist im Notker, in der Monseeischen Glosse u. s. f. Ratisca Ratissa, Ratussa, theils eine jede Aufgabe, theils ein Gleichniß, theils ein Satz, theils endlich auch eine Muthmaßung. In der spätern Zeiten wurde es in der heutigen Bedeutung bald in Retsche, bald in Redersch und Rättersche, bald aber auch in Rätherle verderbt. Es stammet ohne allen Zweifel von rathen, divinare, ab, welches ehedem auch auslegen, erklären bedeutete, wovon es vermittelst des Endlautes -sal oder -sel gebildet worden; daher die Schreibart Rätzel auch aus diesem Grunde fehlerhaft ist.


Räthsel (W3) [Adelung]


2. Der Räthsel, in einigen Gegenden, der Raden, siehe dieses Wort.


Räthselhaft (W3) [Adelung]


Räthselhaft, -er, -este, adj. et adv. einem Räthsel ähnlich, unerklärbar, unbegreiflich. Eine räthselhafte Sache. Ingleichen bedenklich, eine unbekannte geheime Bedeutung habend. Der Großen Gunst und Haß Und rätselhafter Blick macht auch Vertraute blaß, Hag.


Rathsenge (W3) [Adelung]


Die Rathsenge, plur. die -n, in einigen Städten, z. B. in Leipzig, der engere Ausschuß des Stadtrathes, der engere Rath.


Rathsflagge (W3) [Adelung]


Die Rathsflagge, plur. die -n, auf den Flotten, diejenige Flagge, vermittelst deren die Schiffs-Capitäne zum Schiffrathe auf das Admiral-Schiffberufen werden, und welche bald weiß, bald blau ist.


Rathsfreund (W3) [Adelung]


Der Rathsfreund, des -es, plur. die -e. 1) Ein Freund des Stadtrathes; im Gegensatze eines Rathsfeindes. 2) An einigen Orten werden auch die Rathsglieder, oder die Glieder des Stadtrathes Rathsfreunde genannt, so wie auf ähnliche Art auch Rathsverwandte heißen. S. dieses Wort.


Rathsglied (W3) [Adelung]


Das Rathsglied, des -es, plur. die -er, ein Mitglied eines Raths-Collegii. In engerer Bedeutung, ein Mitglied des Stadtrathes.


Rathshaus (W3) [Adelung]


Das Rathshaus, des -es, plur. die -häuser, an dem Stadtrathe gehöriges, oder auch nur dessen Gerichtbarkeit unterworfenes Haus; welches mit einem Rathhause nicht verwechselt werden darf.


Rathsherr (W3) [Adelung]


Der Rathsherr, des -en, plur. die -en. 1. Ein Herr, d. i. vornehmes Mitglied, eines Raths-Collegii; ein in dieser weitern Bedeutung im Hochdeutschen ungewöhnliches Wort, welches indessen doch mehrmahls in der Deutschen Bibel vorkommt. Und hat zu mir Barmherzigkeit geneiget vor dem Könige und seinem Rathsherren, Esr. 7, 28, seinen Ministern. Vom Könige und den sieben Rathsherren gesandt, V. 14. Zwey hundert und fünfzig vornehmsten in der Gemeine, Rathsherren und ehrliche Leute, 4 Mos. 16, 2. Und so in andern Stellen mehr. 2. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, ein Mitglied des Stadtrathes. 1) Eigentlich. Ein Rathsherr seyn, werden. In der feyerlichen Sprechart, ein Herr des Raths, ein Vornehmer des Raths. In dem Augsburgischen Stadtrechte aus dem 13ten Jahrhunderte Rathgeb, in einigen Städten Rathmann, Rathsfreund, Rathsverwandter, in dem alten Gedichte auf den heil. Anno Altherr, nach dem Lat. Senator, und dem Frisch zu Folge wird ein Rathsherr zu Nördlingen noch jetzt Altherr genannt. a) Figürlich hat eine Art patschfüßiger Wasservögel, weicht sich um Spitzbergen herum aufhält, drey Vorderzehen und keine Hinterzehe hat, am ganzen Leibe weiß, an den Augen und Füßen aber schwarz, und kleiner als der Bürgermeister ist, von den Holländischen Matrosen den Nahmen des Rathsherren bekommen; Plautus Senator Kl.


Rathskeller (W3) [Adelung]


Der Rathskeller, des -s, plur. ut nom. sing. ein dem Stadtrathe eines Ortes eigenthümlich gehöriger Wein- oder Bierkeller.


Rathsküssen (W3) [Adelung]


Das Rathsküssen, des -s, plur. ut nom. sing. an einigen Orten, diejenigen Küssen, worauf die Rathsherren in der Rathsstube sitzen; daher die R. A. jemanden das Rathsküssen nach Hause schicken, alsdann so viel ist, als ihn aus dem Rathe ausschließen.


Rathsleute (W3) [Adelung]


Die Rathsleute, sing. car. ein im Hochdeutschen veraltetes Wort, welches nur noch in der Deutschen Bibel vorkommt, wo es Rathgeber bedeutet. Deine Zeugnisse sind meine Rathsleute, Ps. 119, 24. Ehedem wurden, wie aus dem Frisch erhellet, auch gemeine Räthe, Minister und Gesandte mit diesem Nahmen belegt. S. auch Rathleute.


Rathsmeister (W3) [Adelung]


Der Rathsmeister, des -s, plur. ut nom. sing. dessen Gattinn, die Rathsmeisterinn, in einigen Städten, z. B. zu Erfurt, der erste und vornehmste unter den Gliedern des Stadtrathes, welcher noch den Bürgermeistern vorgesetzet ist, und mit dem Städtemeister in einigen Oberrheinischen Städten einerley Würde und Obliegenheit zu haben scheinet.


Rathsperson (W3) [Adelung]


Die Rathsperson, plur. die -en, eine Person, so fern sie ein Mitglied eines Stadtrathes ist, ein Rathsglied.


Raths-Präsentcher (W3) [Adelung]


Der Raths-Präsentcher, des -s, plur. ut nom. sing. der Nahme einer Silbermünze in Aachen, welche 32 Mark hält; ohne Zweifel, weil der dasige Stadtrath sie als Präsente oder Geschenke auszutheilen pflegt.


Rathsschluß (W3) [Adelung]


Der Rathsschluß, des -sses, plur. die -schlüsse, der Schluß, Beschluß, oder feyerliche, förmlich entworfene Entschluß eines Raths-Collegii, oder eines Stadtrathes, Senatus Consultum, an einigen Orten der Rathsverlaß; welcher mit einem Rathschlusse nicht verwechselt werden darf.


Rathsschreiber (W3) [Adelung]


Der Rathsschreiber, des -s, plur. ut nom. sing. dessen Gattinn, die Rathsschreiberinn, der Schreiber in einem Raths-Collegio, besonders bey einem Stadtrathe.


Rathsstelle (W3) [Adelung]


Die Rathsstelle, plur. die -n. 1) Eine Stelle, welche einem Raths-Collegio, und besonders einem Stadtrathe, gehöret oder zuständig ist. 2) Diejenige Stelle, welche jemand in einem Raths-Collegio, und besonders in dem Stadtrathe, bekleidet. Die Stelle im Rathe.


Rathsstube (W3) [Adelung]


Die Rathsstube, plur. die -n, diejenige Stube, worin sich ein Raths-Collegium, ingleichen der Stadtrath, versammelt; das Rathszimmer.


Rathsstuhl (W3) [Adelung]


Der Rathsstuhl, des -es, plur. die -stühle, Stühle, welche für die Glieder eines Raths-Collegii, ingleichen des Stadtrathes, bestimmt sind; z. B. in den Kirchen.


Rathstag (W3) [Adelung]


Der Rathstag, des -es, plur. die -e, derjenige Tag, an welchem sich ein Raths-Collegium öffentlich versammelt, welches man auch zu Rathe gehen nennet. So führen diesen Nahmen zu Regensburg diejenigen Tage in der Woche, an welchen sich die Reichstagsgesandten öffentlich zu versammeln pflegen. Auch ein Tag, an welchem die Glieder des Stadtrathes gewöhnlich auf dem Rathhause zusammen kommen.


Rathsversammlung (W3) [Adelung]


Die Rathsversammlung, plur. die -en, die Versammlung eines Raths-Collegii, oder eines Stadtrathes. Ingleichen die auf solche Art versammelten Rathsglieder selbst.


Rathsverwandte (W3) [Adelung]


Der Rathsverwandte, des -n, plur. die -n, ein Mitglied eines Stadtrathes, welches man an einigen Orten einen Rathsfreund zu nennen pflegt. In engerm Verstande führen nur die Glieder des äußern oder weitern Rathes, so fern dazu an einigen Orten auch Handwerker genommen werden, diese beyden Nahmen da denn Glieder des innern oder engern Rathes vozüglich Rathsherren, heißen.


Rathswage (W3) [Adelung]


Die Rathswage, plur. die -n, eine dem Stadtrathe gehörige, dessen Gerichtbarkeit unterworfene öffentliche Wage; die Stadtwage.


Rathswahl (W3) [Adelung]


Die Rathswahl, plur. die -n, die feyerliche Wahl der neuen Mitglieder eines Raths-Collegii, und besonders des Stadtrathes.


Rathszimmer (W3) [Adelung]


Das Rathszimmer, des -s, plur. ut nom. sing. wie Rathsstube, doch in der anständigen Sprechart. Auf dem Reichstage zu Regensburg führet auch dasjenige Zimmer, in welchem die fürstlichen Gesandten öffentlich zu Rathe gehen, d. i. sich versammeln, diesen Nahmen, da es denn von der Nebenstube unterschieden wird, worin sich die Gesandten insgeheim ohne Secretarien versammeln.


Ration (W3) [Adelung]


Die Ration, plur. die -en, aus dem Franz. Ration und mittlern Lat. Ratio. 1) Auf den Schiffen ist es das Maß und Gewicht an Speise, welches dem Schiffsvolke täglich ausgetheilet wird, und welches bey den Landtruppen die Portion heißt. 2) Bey den Landtruppen hingegen führet nur das Maß an Futter, welches zum Behuf der Pferde ausgetheilet wird, den Nahmen der Ration; zum Unterschiede von der Portion.


Rätschänte (W3) [Adelung]


Die Rätschänte, plur. die -n, ein Nahme, welcher im gemeinen Leben einiger Gegenden den gemeinen wilden Änten beygeleget wird, wegen ihrer heisern rätschenden Stimme. An andern Orten, z. B. um Danzig, heißen auch die zahmen Änten um eben dieser Ursachen willen Rätschen, und an noch andern Harschen.


Ratsche (W3) [Adelung]


Die Ratsche, plur. die -n, im gemeinen Leben einiger Gegenden, ein Werkzeug zum Ratschen; ein Werkzeug, welches ratschet. So wie die Schnarre, welche die Nacht- und Feldwächter an einigen Orten führen, die Ratsche; an andern aber mir verwandten Nahmen die Rassel und Rattel genannt. In den katholischen Provinzen Oberdeutschlandes führet diejenige Klapper, womit in der Charwoche anstatt der Glocken zur Kirche gerufen wird, den Nahmen der Ratsche, ungeachtet ihr der Nahme der Klapper mit mehrerm Rechte gebührete. Bey dem Pictorius heißt auch die Hanf- oder Flachsbreche die Rätsche. S. auch das vorige.


Ratschen (W3) [Adelung]


Ratschen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, aber nur im gemeinen Leben üblich ist, einen heisern, schnarrenden, widerwärtigen Ton von sich geben. So sagt man von den Änten, daß sie ratschen. In Österreich ratschet man auch, wenn man im Reden schnarret. Des Ratschens der Feld- und Nachtwächter in einigen Gegenden ist schon im vorigen Artikel gedacht worden. Pictorius nennt auch das Klatschen plauderhaften Weiber ein Rätschen. Es ist eine genaue Nachahmung des Schalles, und mit Rasseln, Ratteln, dem Lat. raucus und Graculus, dem mittlern Lat. Gracilis u. s. f. verwandt.


Ratte (W3) [Adelung]


1. Die Ratte, die -n, ein Nahme, welchen an einigen Orten derjenige Fisch führet, welcher unter dem Nahmen des Rochen am bekanntesten ist, S. dieses Wort.


Ratte (W3) [Adelung]


2. Die Ratte, plur. die -n, S. Ratze.


Rattel (W3) [Adelung]


Die Rattel, plur. die -n. 1) S. Ratsche. 2) S. Reitel.


Ratteln (W3) [Adelung]


Ratteln, verb. reg. act. et neutr. welches in den gemeinen Sprecharten theils für ratschen, theils für rädern oder sieben, theils endlich für reiteln üblich ist, S. diese Wörter.


Rattelscheit (W3) [Adelung]


Das Rattelscheit, des -es, plur. die -e, S. Reitel.


Rattern (W3) [Adelung]


Rattern, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches nur in den niedrigen Sprecharten üblich ist, und den heftigen, zitternden und erschütternden Schall nachahmet, welchen feste Körper zuweilen auf einander machen. Wenn ein beschlagener Wagen schnell über ein Steinpflas=ter dahin rollt, so sagt man, das es rattere. Eben so gebraucht man es von einem ähnlichen zitternden Schalle des Donners. Es ist das von der Natur selbst gebildete Intensivum und Frequentativum von ratten, raten, welches in so vielen Wörtern als ein Ausdruck eines gewissen Schalles zum Grunde liegt.


Ratz (W3) [Adelung]


Der Ratz, des -es, plur. die -e, ein Nahme, welcher in den gemeinen Sprecharten verschiedenen Nagethieren beygeleget wird. 1) Dem Murmelthiere, welches in einigen Gegenden der Bergratz, Alpenratz genannt wird, und bey einigen auch im weiblichen Geschlechte die Ratze heißt. 2) Der Haselmaus, besonders der eßbaren Art derselben, welche im Oberdeutschen die Bilchmaus genannt wird, und bey den ältern Römern Glis hieß. Von diesem Thiere, welches seines langen Winterschlafes wegen eben so bekannt, als das Murmelthier, und daher bey einigen auch der Siebenschläfer heißt, stammet unstreitig die im gemeinen Leben übliche R. A. her, wie ein Ratz schlafen, d. i. sehr viel und fest schlafen, daher man auch einen solchen Menschen einen Schlafratz zu nennen pflegt, so wie die Römer Glire somnolentiorem nannten. In der Monseeischen Glosse wird Glis durch Crioz übersetzt, welches auch dieses Ratz mit vorgesetztem Gaumenlaute ist. 3) Dem Iltisse, welcher besonders in Meißen und Obersachsen unter dem Nahmen des Ratzes bekannt ist. 4) Einer großen Art Hausmäuse, im Oberdeutschen, S. das folgende.


Ratze (W3) [Adelung]


1. Die Ratze, plur. die -n, das vorige Wort, welches im Hochdeutschen nur im weiblichen Geschlechte üblich ist, 2) eine große Art Mäuse zu bezeichnen, welche einen sehr langen Schwanz und auf den innern Zehen oder Daumen der Vorderfüße einen kleinen Nagel haben, welcher den Mäusen fehlet, Mus Ratus L. Nach- dem sie sich in den Häusern, oder im Wasser, oder auf dem Felde aufhalten, werden sie Hausratzen, Wasserratzen und Feldratzen genannt. Die Beutelratze, die graue Norwegische Ratze, die Waldratze, die Buschratze, und andere mehr sind Arten davon. In weiterer Bedeutung pflegen einige auch wohl die Mäuse mit unter dem Nahmen der Ratzen zu begreifen. 2) Bey einigen Hochdeutschen Schriftstellern werden auch die in dem vorigen Artikel angeführten Nagethiere Ratzen genannt. Dahin gehöret z. B. eine Art Wiesel, welche in Ägypten angetroffen und die Ägyptische Ratze, ingleichen die Pharaons-Ratze, die Pharaons-Maus, das Spurwiefelchen genannt, und für den Ichnevmon der Alten gehalten wird; Ichnevmon Mus Pharaonis L.

Anm. Im Oberdeutschen auch in der Bedeutung der größern Art Mäuse im männlichen Geschlechte, der Ratz, in den gemeinen Sprecharten der Hochdeutschen die Ratte, im Niederdeutschen und Dänischen die Rotte, im Angels. Raet, im Holländ. Ratte, im Schwed. Ratta, im Ital. Ratto, im Franz. und Engl. Rat, im Span. Raton, im Bretagnischen Ras, im mittlern Lat. Ratus, Raturus. Da alle Thiere, welche man Ratze und Ratzen zu nennen pflegt, wegen ihrer nagenden Eigenschaft bekannt sind, daher auch einige Schriftsteller der Naturreiches alle Nagethiere unter dem allgemeinen Nahmen der Ratzen begreifen so ist sehr wahrscheinlich, daß sie davon auch ihren Nahmen haben, der alsdann mit dem Lat. rodere und radere, mit dem Deutschen ratten, rotten, Nieders. raden, mit Grütze, kratzen, schroten, u. s. f. Eines Geschlechtes seyn würde. Rathsaa bedeutet im Hebräischen durchbohren, und im Arabischen zermahlen, und in der ersten Sprache ist Rezinta ein Kornwurm. So fern auch der Iltiß Ratz heißt, so kann damit auch zunächst auf seine reißende Eigenschaft gesehen werden, welche ihn dem Federviehe so furchtbar macht.


Ratze (W3) [Adelung]


2. Die Ratze, plur. die -n, ein vielleicht nur im Hennebergischen bekanntes Wort, wo es eine Art Kannen mit Handhaben bezeichnet.


Rätzel (W3) [Adelung]


Das Rätzel, S. Räthsel.


Rätzen (W3) [Adelung]


Rätzen, verb. reg. act. et neutr. welches im letztern Falle das Hülfswort haben erfordert, und nur bey den Jägern üblich ist, wo es von dem natürlichen Geschreye des Hasen gebraucht wird, dessen Schall es zugleich nachahmet. Der Hase rätzet. Einen Hasen rätzen, ihn durch Nachahmung seiner Stimme locken.


Ratzen-Confect (W3) [Adelung]


Das Ratzen-Confect, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, in den Apotheken, die -e, eine Art Ratzengiftes, welches zwar den Ratzen und Mäusen tödtlich, aber andern Thieren und den Menschen unschädlich ist.


Ratzenfalle (W3) [Adelung]


Die Ratzenfalle, plur. die -n, eine Falle, die Ratzen darin zu fangen, welche sich von einer Mäusefalle nur durch ihre mehrere Größe unterscheidet.


Ratzenfänger (W3) [Adelung]


Der Ratzenfänger, des -s, plur. ut. nom. sing. ein Mensch, welcher ein Geschäft daraus macht, die Mäuse und Ratzen aus den Häusern wegzufangen, oder sie doch durch gelegtes Gift zu vertreiben, und welcher auch ein Kammerjäger genannt wird.


Ratzengift (W3) [Adelung]


Das Ratzengift, des -es, plur. doch nur von mehreren Arten, die -e, ein Gift, so fern dasselbe, besonders zur Ausrottung der Ratzen und Mäuse gebraucht wird, und welches, wenn es gepülvert ist; Ratzenpulver, Ratzenkraut genannt wird. In engerer Bedeutung pflegt man den Arsenik im gemeinen Leben nur schlechthin Ratzengift zu nennen.


Ratzenkönig (W3) [Adelung]


Der Ratzenkönig, des -es, plur. die -e, in der Naturgeschichte des großen Haufens, ein Monstrum, welches aus mehrern mit den Schwänzen verwachsenen oder doch verschlungenen Ratzen bestehen soll, welches an einem abgesonderten Orte von den andern Ratzen unterhalten wird.


Ratzenkraut (W3) [Adelung]


Das Ratzenkraut, des -es, plur. inus. ( S. Ratzengift.) Die letzte Hälfte ist das alte Kraut, Pulver.


Ratzenkuchen (W3) [Adelung]


Der Ratzenkuchen, des -s, plur. ut nom. sing. kleine mit Gift vermengte Kuchen, welche man den Ratzen leget, sie dadurch zu vertreiben.


Ratzenpfeffer (W3) [Adelung]


Der Ratzenpfeffer, des -s, plur. inus. im gemeinen Leben, ein Nahme des Speichelkrautes oder Bienensauges, Stachys sylvatica L. welches eine Art der Roßpoley ist, und einen übeln widerwärtigen Geruch hat. Es wird auch Mäusepfeffer und Läusekraut genannt.


Ratzenpulver (W3) [Adelung]


Das Ratzenpulver, des -s, plur. doch nur von mehrern Arten, ut nom. sing. gepülvertes Ratzengift, und in engerer Bedeutung auch im gemeinen Leben, gepülverter Arsenik, weil man denselben gemeiniglich zur Vertreibung der Mäuse und Ratzen zu gebrauchen pflegt.


Ratzenschwanz (W3) [Adelung]


Der Ratzenschwanz, des -es, plur. die -schwänze. 1. Eigentlich, der Schwanz einer Ratze. 2. Figürlich. 1) Ein demselben ähnlicher Schwanz, ein langer, dünner Schwanz. So pflegt man denjenigen unvollkommenen Schweif an einem Pferde, der nicht die gehörige Menge Haare hat, einen Ratzenschwanz oder Ratzenschweif zu nennen, da denn auch ein mit einem solchen Schweife begabtes Pferd selbst diesen Nahmen zu bekommen pflegt. Auch eine Krankheit des Pferdeschweifes, da aus demselben eine scharfe Feuchtigkeit hervor bringt, welche die Haare ausfallen macht, wird im gemeinen Leben der Ratzenschwanz genannt, Franz. Queue de Rat, welchen Nahmen in weiterer Bedeutung auch wohl die Gräthe bekommt, welche in einem ähnlichen flachen Geschwüre an den Hinterfüßen bestehet. 2) Die Tuchfrisirer pflegen die fehlerhaften Falten oder Runzeln, welche das Tuch zuweilen im Frisiren bekommt, gleichfalls Ratzenschwänze zu nennen. 3) Im gemeinen Leben einiger Gegenden führet auch das Zweyblatt oder Vogelnest, Ophrys L. den Nahmen des Ratzenschwanzes, vielleicht wegen der ähnlichen Zasern an der Zwiebel.


Raub (W3) [Adelung]


Der Raub, des -es, plur. car. 1. Eigentlich und zunächst, eine schnelle Geschwindigkeit; eine Bedeutung, welche nur noch in der im gemeinen Leben auf den Raub üblichen R. A gangbar ist, d. i. in aller Eile, in aller Geschwindigkeit. Etwas nur auf den Raub thun, sehr eilfertig. Auf den Raub essen, eilfertig. Ich komme nur auf den Raub zu ihnen, eilfertig und auf sehr kurze Zeit. Auf den Raub bauen, im Bergbaue, sehr eilfertig, und folglich leicht und obenhin bauen, welches man auch räuberisch bauen nennet. 2. In figürlicher und engerer Bedeutung druckt es so wohl die Handlung aus, da man eine Sache in der Geschwindigkeit und folglich mit Gewalt an sich reißet, als auch die auf solche Art an sich gerissene Sache. 1) Von der Handlung und als ein Abstractum; wo es nur noch zuweilen von der gewaltsamen Bemächtigung des Eigenthumes anderer gebraucht wird, ohne die Rechtmäßigkeit zu bestimmen, da es denn auch in solchen Fällen gebraucht wird, wo diese Bemächtigung für rechtmäßig gehalten wird. Ihr habt mit meinen Banden Mitleiden gehabt und den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, Ebr. 10, 34. In den Raub geben, Esr. 9, 7. 3 Esr. 8, 78; für welche veraltete R. A. man jetzt, doch nur im gemeinen Leben sagt, in die Rapuse geben. Besonders gehören hierher die Fälle, wo man von Fleisch fressenden Thieren sagt, daß sie von Raube leben, weil dieses die ihnen von der Natur bestimmte Nahrung ist, so daß mit diesem Worte bloß auf die schnelle und gewaltsame Bemächtigung gesehen wird. Ein zum Raube gerüsteter oder geschickter Löwe, in der Wapenkunst, ein Löwe mit aufgehabenem Vorderleibe und aus dem Rachen geschlagener Zunge. Und so müssen auch die Zusammensetzungen Raubfisch, Raubthier, Raubvogel u. s. f. erkläret werden. 2) Von der auf solche Art an sich gerissenen Sache, als ein Concretum, doch ohne Plural. So wird es in der Deutschen Bibel noch sehr oft für Beute gebraucht, so rechtmäßig dieser Raub auch nach den Gesetzen des Krieges, besonders nach den ehemahligen, ist. Das Vieh und den Raub der Stadt theilete Israel aus unter sich, Jos. 8, 28. Viel Raubes wegführen, 2. Sam. 12, 20; und so in vielen andern Stellen mehr. Um des sich gemeiniglich mit einmischenden harten Nebenbegriffes der folgenden Bedeutung willen gebraucht man es in diesem Verstande der Beute nicht leicht mehr, außer wenn man zugleich die Unrechtmäßigkeit derselben andeuten will. Wohl aber gebraucht man es noch zuweilen figürlich von einer jeden mit Gewalt an sich gerissenen Sache. Ein Raub des Todes seyn oder werden. Unsterblich, doch des Todes Raub, Sind wir halb Engel und halb Staub, Cron. Ein Raub der Sünde werden, sich den Lastern zum Raube geben, sich von ihnen ohne Widerstand beherrschen lassen. Er ward ein Raub der äußersten Unruhe, die äußerste Unruhe bemächtigte sich seiner. Besonders auch von solchen Thieren, deren sich andere Thiere als der ihnen von der Natur angewiesenen Nahrung bemächtigen. Auf den Raub lauern. Der Löwe brüllet nach Raub. Den Raub fressen. 3. Im engsten Verstande bezeichnet es das Verbrechen, da man sich des Eigenthumes eines andern öffentlich und mit widerrechtlicher Gewalt bemächtiget, und die Sache, deren man sich auf solche Art bemächtiget. 1) Von dem Verbrechen, als ein Abstractum. Auf den Raub ausgehen. Einen Raub begehen. Sich eines Raubes schuldig machen. Von dem Raub leben. Der Kirchenraub, Straßenraub, Menschenraub, Viehraub u. s. f. Das Öffentliche und Gewaltsame, welches mit dem Raube verbunden ist, unterscheidet denselben hinlänglich von einem Diebstahle. 2) Die auf solche Art geraubte Sache, als ein Concretum; aber gleichfalls ohne Plural. Den Räubern den Raub wieder abjagen. Den Raub theilen. Eine Sache als einen Raub dahin nehmen.

Anm. Bey den Ottfried als ein Concretum Giroubi, bey dem Notker Geroube, Roub, im Nieders, Roof, im Angels. Reaf, Reof, im Engl. Ravin, Rapine, im Lat. Rapina, im Pohln. Rabiez, bey den Krainerischen Wenden Rop. Es gehöret mit rauben zu raffen, rapere, und bedeutet zunächst die eilfertige und gewaltthätige an sich Raffung eines Dinges, und da dieses wiederum eine Nachahmung des Schalles schnell sich bewegender Dinge ist, wohin auch das Nieders. reppen, schnell fortgehen, unser reiben u. a. m. gehören, ( S. Rapp,) so erhellet daraus, wie dieses Wort in der ersten Bedeutung auch von der Geschwindigkeit gebraucht werden könne. ( S. Rappuse und Rauben.) Das im Hochdeutschen veraltete Rob, ein Kleid, in den alten Baierischen Gesetzen Raupa, im Angels. Reaf, im Franz. Robe, im Ital. Roba, im mittlern Lat. Raupa, und selbst im Arab. Raffon, ein welches, seidenes Kleid, gehört nicht hierher, sondern zu einem andern Stamme, wenigstens zu einer andern Hauptbedeutung des ersten ursprünglichen Stammwortes, welche der Begriff der Bedeckung ist. Im Nieders. ist Roof die Bogendecke über dem Hintertheile eines großen Schiffes, und im Angels. Hrof, im Engl. Roof, und im Holländ. Roef, ein Dach.


Raubalant,Raubalet (W3) [Adelung]


Der Raubalant, oder Raubalet, ein Fisch, S. 1 der Rappe.


Raubbegierde (W3) [Adelung]


Die Raubbegierde, plur. inus. die Begierde zu rauben, d. i. sich des Eigenthumes anderer auf eine gewaltsame und widerrechtliche Art zu bemächtigen; in noch härterm Verstande, die Raubbegier. S. Raub 2.


Raubbegierig (W3) [Adelung]


Raubbegierig, -er, -ste, adj. et adv. Raubbegierde habend und darin gegründet; im gehässigsten Verstande, raubgierig.


Raubbiene (W3) [Adelung]


Die Raubbiene, plur. die -n, Bienen, welche, anstatt ihr Honig von den Gewächsen einzutragen, dasselbe mit Gewalt aus andern Bienenstöcken rauben; Heerbienen.


Rauben (W3) [Adelung]


Rauben, verb. reg. act. mit Eilfertigkeit und Gewalt an sich reißen und ziehen. 1. Im weitesten Verstande. 1) Eigentlich, wo es nur noch von den so genannten Raubthieren üblich ist, wenn sie sich anderer zu ihrer Nahrung bestimmter Thiere mit Geschwindigkeit und Gewalt bemächtigen; in welchem Verstande es besonders bey den Jägern üblich ist. Der Adler, der Falke, der Fuchs u. s. f. rauben, wenn sie andere Thiere zu ihrer Nahrung fangen. 2) Figürlich. a) Entziehen überhaupt, so daß die Begriffe so wohl der Geschwindigkeit als auch der Gewalt größten Theils verschwinden. Einem das Herz rauben, dessen Gunst auf eine unwiderstehliche Art an sich ziehen. Laß diesen Gedanken nie deine Ruhe rauben. Wenn Schneegestöber die ganze Aussicht rauben, Geßn. Wie viel Anmuth des Lebens rauben sich diejenigen, die sich aus Eigensinn zu einem ehelosen Stande verdammen! Gell. Gott seine Ehre rauben. b) Die Bergleute sagen von gewissen schädlichen Bergarten, daß sie rauben, wenn sie die edlern Metalle im Schmelzen verzehren, d. i. mit sich in die Luft nehmen. ( S. Räuberisch.) 2. In der engsten und härtesten Bedeutung ist rauben ein fremdes Gut mit öffentlicher Gewalt nehmen und sich zueignen. Auf den Landstraßen, auf öffentlicher See rauben. Geraubtes Gut. Den Schatz aus der Kirche rauben. Menschen rauben, Vieh rauben. Daher das Rauben.

Anm. Bey dem Ulphilas rauban, bey dem Ottfried und Notker roubon, im Nieders. rofen, im Angels. reafan, im Engl. to rob und to reave, im Franz. roher in derober, und ravir, im Ital. robbare, im Schwed. röfva, im Isländ. rifa, bey den Krainerischen Wenden rop, im Pohln. rabowac, im Lat. ehedem rivare, wie aus privare erhellet, ingleichen rapere, im Griech. mit versetztem r, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, und selbst im Arab. rabaa, und im Persischen rubaden. ( S. Raub und Raffen.) Ehedem wurde es auch für berauben gebraucht. Si roubet mich der Sinne min, Ditmar von Ast.


Räuber (W3) [Adelung]


Der Räuber, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Räuberinn, eine Person, welche raubet, in allen Bedeutungen des Hauptwortes. Der Räuber deiner Ruhe. In der zweyten weitern Bedeutung ist der Räuber an einem Lichte, den man auch wohl einen Dieb nennen pflegt, ein Stück herab hangenden Dochtes, welches den Talg an dem Lichte schmelzt und herab rinnen macht. Auch ein überflüssiges und unnützes Reis an den Bäumen, welches an dem Stamme und den Ästen ausschlägt, und den nützlichern Ästen den Saft entziehet, wird häufig ein Räuber genannt. Er liest den Räuber weg, der bey der Wurzel sitzt, Günth. Im engsten und härtesten Verstande ist der Räuber eine Person, welche dem andern sein Eigenthum mit öffentlicher Gewalt entziehet und sich zueignet. Ein Seeräuber, Kirchenräuber, Straßenräuber u. s. f.

Anm. Bey dem Notker Raubar, im Nieders. Röver, im Angels. Reafere, im Schwed. Rofvare, im Pers. Rüba. Das Fämin. die Räuberinn wird besonders gebraucht, wenn die Bezeichnung des Geschlechtes unentbehrlich ist. Außer diesem Falle sagt man der Räuber gemeiniglich von beyden Geschlechtern.


Räuberey (W3) [Adelung]


Die Räuberey, plur. die -en, eine räuberische Handlung, ein Verbrechen, welches in einem Raube bestehen, in der engsten und härtesten Bedeutung der Wörter Raub und Rauben; am häufigsten im gemeinen Leben, und im Plural, wo das Wort Raub nicht gebraucht werden kann. Räubereyen begehen. Wehe der mörderischen Stadt, die voll Räuberey ist! Nahum 3, 1. Wo es, wie in andern Fällen, doch ohne Plural, auch von der Fertigkeit und Gewohnheit zu rauben gebraucht wird. Da dieses Wort zunächst von Rauber abstammet, so ist Räuberey richtiger, obgleich manche Mundarten ohne Bedenken Rauberey sagen. So auch Seeräuberey, Straßenräuberey u. s. f.


Räuberisch (W3) [Adelung]


Räuberisch, adj. et adv. 1) Einem Räuber in dem härtesten Verstande gemäß, einem Raube ähnlich und in demselben gegründet; ein Wort, welches nur noch dann und wann im gemeinen Leben vorkommt. Eine räuberische Handlung. Räuberische Brandopfer, Es. 61, 8, d. i. welche aus einem Raube bestehen, ist ungewöhnlich. 2) Räuberische Bergarten, im Bergbaue, solche, welche im Schmelzen die guten Erze rauben, d. i. sie verzehren, mit sich in die Luft führen, dergleichen die Blenden, Kobalte u. s. f. sind. 3) Räuberisch bauen, auch nur im Bergbaue, eilfertig, leicht und obenhin bauen, von Raub, Eilfertigkeit, auf den Raub bauen.


Raubfisch (W3) [Adelung]


Der Raubfisch, des -es, plur. die -e, ein Fisch, welcher andere Fische zu seiner Nahrung gebraucht; zum Unterschiede von den Weide- oder Futterfischen und Schlammfischen. S. Raub.


Raubfliege (W3) [Adelung]


Die Raubfliege, plur. die -n, eine Art Fliegen, mit einem geraden hornigen Rüssel, welche sich gemeiniglich in der Erde aufhält, und sich von Fliegen und andern Insecten nähret; Asilus L.


Raubgebäude (W3) [Adelung]


Das Raubgebäude, des -s, plur. ut nom. sing. in Bergbaue, ein Berggebäude, welches nicht mit nöthiger Schonung gebauet wird, sondern wo man nur so viel Erz, als möglich, ohne Rücksicht auf die Nachkommen zu gewinnen sucht.


Raubgeflügel (W3) [Adelung]


Das Raubgeflügel, des -s, plur. inus. oder die Raubgeflügel, sing. inus. ein Collectivum, alle Raubvögel, oder von andern Vögeln und Thieren lebende Vögel zu bezeichnen. S. Raub.


Raubgier (W3) [Adelung]


Die Raubgier, plur. car. eine heftige Begierde, zu rauben, d. i. fremdes Eigenthum mit Gewalt an sich zu reißen und sich zuzueignen. S. Raubbegierde.


Raubgierig (W3) [Adelung]


Raubgierig, -er, -ste, adj. et adv. Raubgier besitzend, in derselben gegründet.


Raubgierigkeit (W3) [Adelung]


Die Raubgierigkeit, plur. car. die zur Fertigkeit gewordene Raubgier.


Raubhöhle (W3) [Adelung]


Die Raubhöhle, plur. die -n, eine Höhle, so fern sie zur Verbergung des Raubes dienet; die Räuberhöhle, so fern sie Räubern zum Aufenthalte dienet.


Raubkäfer (W3) [Adelung]


Der Raubkäfer, des -s, plur. ut nom. sing. eine Art Käfer mit zwey Bläschen auf dem Schwanze und großen starken Freßzangen, welche einen Weingeruch haben, von sehr verschiedener Größe sind, und sich von Insecten nähren; Staphilinus L. S. Raub.


Raubkobalt (W3) [Adelung]


Der Raubkobalt, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, S. Kobaltnapf.


Raubkrähe (W3) [Adelung]


Die Raubkrähe, plur. die -n, eine in Meißen übliche Benennung einer ganz schwarzen Art Krähen mit völlig schwarzen Schnabel.


Raubnest (W3) [Adelung]


Das Raubnest, des -es, plur. die -er, Dimin. das Raubnestchen, ein Nest, d. i. fester Aufenthalt der Räuber, im verächtlichen Verstande; dergleichen ehedem so viele Schlösser in Deutschland waren. S. Raubschloß.


Raubpfahl (W3) [Adelung]


Der Raubpfahl, des -es, plur. die -pfähle, ein Nahme, welcher der Grundpfahl bey denjenigen Schiffmüllern führet, welche mit ihrer Schiffmühle auf dem Flüsse auf und niederrücken; vermuthlich von Raub 1, weil er nur auf den Raub, d. i. in Eile und auf kurze Zeit eingeschlagen wird.


Raubschiff (W3) [Adelung]


Das Raubschiff, des -es, plur. die -e, das Schiff eines Seeräubers, ein Schiff, welches zum Seeraube gebraucht wird, ohne alles Recht und Befugniß auf der See raubet, von einem Kaper noch verschieden ist, und auch ein Seeschäumer genannt wird.


Raubschloß (W3) [Adelung]


Das Raubschloß, des -sses, plur. die -schlösser, ein Schloß, welches zur Beraubung der Straßen und Nachbarn gemißbraucht wird, dessen Besitzer sich des Raubes im härtesten Verstande schuldig machen; von welcher Art viele adelige Schlösser in den mittlern Zeiten waren.


Raubschütz (W3) [Adelung]


Der Raubschütz, des -en, plur. die -en, ein Schütz, welcher fremdes Wildbret ohne Befugniß schießt; ein Wilddieb.


Raubsegel (W3) [Adelung]


Das Raubsegel, des -s, plur. ut nom. sing. auf den Elbschiffen, dasjenige Segel, welches quer von dem Mastbaume aufgezogen wird; zum Unterschiede von dem Schwengsegel. Daher die Raubstange, woran es befestiget wird.


Raubstollen (W3) [Adelung]


Der Raubstollen, des -s, plur. ut nom. sing. im Bergbaue, ein Stollen, welcher darauf abzielet, andern ohne Befugniß die Anbrüche zu entziehen.


Raubsucht (W3) [Adelung]


Die Raubsucht, plur. car. eine anhaltende, zur Sucht gewordene Raubgier. Ein Löwe, dessen Grimm und Raubsucht nichts verschonte, Haged.


Raubthier (W3) [Adelung]


Das Raubthier, des -es, plur. die -e, ein Thier, welches andere Thiere zu seiner von der Natur ihm bestimmten Nahrung gebraucht, ein Fleisch fressendes Thier; in der weitern Bedeutung des Wortes rauben, mit schneller Gewalt fangen. S. Raub.


Raubvogel (W3) [Adelung]


Der Raubvogel, des -s, plur. die -vögel, ein solcher Vogel, ein Individuum des Raubgeflügels; zum Unterschiede von den Waldvögeln, Wasservögeln, Sumpfvögeln, Hühnern, und Gesangvögeln. Die Stoßvögel sind eine Art derselben.


Rauch (W3) [Adelung]


Rauch, -er, -este, adj. et adv. mit Wolle, Federn oder Haaren bewachsen, im Gegensatze des glatt. Ein raucher Bart. Ein raucher Muff, ein raucher Pelz. Esau war ganz rauch, wie ein Fell, 1 Mos. 25, 25. Seine Hände waren rauch wie Esaus Hände, 27, 23. Das Rauche heraus kehren, figürlich, Ernst gebrauchen, Ernst zeigen; eine vermuthlich von der ehemahligen ältesten Art, sich in Felle zu kleiden, hergenommene Figur; wenn es hier nicht vielmehr das Wort rauh ist. Rauches Futter, in der Landwirthschaft, besser rauhes, ( S. Rauh). Im Forstwesen pflegt man auch figürlich alles stehende, mit seinem Laube und Blättern noch versehene Holz, rauches Holz, oder Rauchholz zu nennen. Anm. Bey dem Willeram roich, bey dem Kero ruh, bey dem Ulphilas rih, im Angels. rih und ruh, im Nieders. und Dän. rug. Im Wallis. ist daher Rhwg die Wolle, und im Isländ. Ruu das Haupthaar. Rauh und rauch sind freylich ein und eben dasselbe Wort, und nur in der stärkern oder gelindern Aussprache des Hauches verschieden; indessen unterscheidet man sie im Hochdeutschen doch sehr genau, und gebraucht rauh im allgemeinen Verstande, rauch aber nur von dem, was haarig oder wollig ist. In den Mundarten werden hingegen beyde sehr häufig verwechselt. Die Baiern sprechen für rauh beständig rauch, und einige Niedersächsische Gegenden ruug. Andere Oberdeutsche Provinzen haben nur allein das rauh, und im Osnabrückischen und andern Niederdeutschen Gegenden gebraucht man ruw so wohl für rauch als auch für rauh. S. auch Rauh.


Rauch (W3) [Adelung]


Der Rauch, des -es, plur. inus. die vierte figürliche Bedeutung ausgenommen, in welcher er Rauche lautet; der trockne Dampf, welcher von brennenden Körpern, ohne entzündet zu werden, in die Höhe steigt, und gemeiniglich aus den durch das Feuer los gerissenen wässerigen und schwefeligen Theilen besteht. 1. Eigentlich. Einen Rauch geben, von sich geben. Es gehet ein Rauch auf, der Rauch steigt in die Höhe. Fleisch in den Rauch hängen. Zu Rauch werden. Im Rauche aufgehen, verbrennen, besonders von Gebäuden und andern großen Massen, Nach Rauch schmecken, räucherig; im Oberd. rauchenzen. Sprichw. Wer das Feuer genießen will, muß auch den Rauch vertragen können. Aus dem Rauche in das Feuer kommen. Kein Rauch ist ohne Feuer, kein Feuer ohne Rauch. Ein kleiner Rauch beißt nicht. 2. Figürlich. 1) * Ein wohlriechender Rauch; eine nur im Oberdeutschen übliche Bedeutung. Einen Rauch machen, räuchern. 2) * Was einen wohlriechenden Rauch im Verbrennen gibt, Rauchwerk; ein gleichfalls nur Oberdeutscher Gebrauch. Doch gebracht man es in diesem Verstande auch in den Zusammensetzungen Flußrauch und Weihrauch. 3) Was sich von dem Rauche in der Feuermauer und in dem Rauchfange ansetzet, Ruß; nur in den Zusammensetzungen Hüttenrauch und Zechenrauch. 4) Eine Feuerstätte, ein Wohnhaus; eine nur in einigen Gegenden übliche Bedeutung, in welcher auch der Plural Rauche üblich ist. Seinen eigenen Rauch haben, sein eigenes Wohnhaus. Rauch und Brot haben, ein eigenes Haus und Nahrung. In engerer Bedeutung ist Rauch in einigen Gegenden der Rauchfang, die Feuermauer. So werden in der Lausitz die Abgaben nach Rauchen, d. i. nach den Feuermauern, bestimmet. Ein Edelmann bezahlt vier Rauche, ein Anspanner zwey, und ein Kothsasse Einen. Ein Rauch Land hält in der Herrschaft Muskau 18 Scheffel Korn Aussaat. Zur Stadt Muskau gehören 52 1/2 Rauche Land. In welchen beyden Fällen es auch ein bestimmtes Feldmaß zu seyn scheinet.

Anm. Bey dem Willeram und Notker Ruch, im Nieders. Rook, im Fries. Reek, im Dän. Rog, im Angels. Rec, im Engl. Reek, im Isländ. Reyk. Es scheinet, daß sie langsame, wallende Bewegung des Rauches zu dessen Benennung Anlaß gegeben, wenn nicht vielmehr die Reitzung der Geruchsnerven der Grund der Benennung ist, da es denn zunächst zu rauh, rauch, scharf, gehören würde. Allein, da die der Sache nach verwandten Faum, Lat. Fumus, Dampf, Schmauch, Dunst insgesammt von der Bewegung hergenommen sind, so scheinet die erste Ableitung den Vorzug zu verdienen, zumahl da Spuren vorhanden sind, daß Rauch ehedem einen jeden auch noch so feinen Dunst bedeutet hat. (Siehe Rauchen, Verrauchen und Geruch.) Wenigstens bedeutet rakak in allen morgenländischen Sprachen, einen flüchtigen Körper verdünnen. Am Ende kommt es auch mit diesem Worte auf eine Nachahmung des mit einer solchen Bewegung verbundenen Lautes hinaus, da denn Rauch, rauch, reichen, recken, kriechen u. a. m. Verwandte sind. Zu dem letzten Worte kann auch die letzte Hälfte des Nahmens Erdrauch gerechnet werden, ein niedriges, kriechendes Gewächs zu bezeichnen. Wenn in einigen Gegenden die Krähe Rauch, Rak, Racke u. s. f. heißt, so ist dieß eine Nachahmung ihres Geschreyes. ( S. Haferricke und Racker.) Übrigens sind Rauch und Riechen sehr nahe verwandt. S. das letztere.


Rauchaltar (W3) [Adelung]


Der Rauchaltar, des -es, plur. die -altäre, ein Altar, darauf zu räuchern, oder Rauchwerk darauf anzuzünden, besonders in dem Gottesdienste der ehemahligen Juden.


Rauchapfel (W3) [Adelung]


Der Rauchapfel, des -s, plur. die -äpfel, ein Nahme, welchen an einigen Orten der Stechapfel oder die Stachelnuß, Datura L. führet; ohne Zweifel, wegen der rauhen oder rauchen, d. i. mit Stacheln besetzten, Samen-Kapseln.


Rauchbad (W3) [Adelung]


Das Rauchbad, des -es, plur. die -bäder, bey den Ärzten, eine uneigentliche Art eines Bades, da man den Rauch von verbrannten Heilmitteln an einen Theil des Leibes gehen läßt.


Rauchbeere,Rauhbeere (W3) [Adelung]


Die Rauchbeere, oder Rauhbeere, plur. die -n, eine Art raucher Stachelbeeren, deren äußere Fläche mit kleinen steifen Haaren oder Borsten besetzt ist, zum Unterschiede von den glatten Stachelbeeren im engsten Verstande; Ribes grossularia L.


Rauchbüche (W3) [Adelung]


Die Rauchbüche, plur. die -n, besser die Rauchbüche, in einigen Gegenden, ein Nahme der Hagebüche, oder wenigsten der- jenigen zufälligen Abänderung, welche eine rauhe Rinde hat. Siehe Hagebüche.


Rauchen (W3) [Adelung]


1. Rauchen, verb. reg. act. von dem Bey- und Nebenworte rauch, rauch machen. S. Rauhen.


Rauchen (W3) [Adelung]


2. Rauchen, verb. reg. von dem Hauptworte Rauch; welches in doppelter Gestalt üblich ist. 1. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben. 1) In Gestalt eines Dunstes aufwärts steigen; eine nur noch in dem zusammen gesetzten verrauchen übliche Bedeutung. (Siehe dasselbe, ingleichen Riechen und Geruch.) 2) In engerer Bedeutung, einen warmen Dunst von sich geben; doch nur noch in einigen Fällen. So sagt man, warme Speisen rauchen, wenn sie einen Dampf aufsteigen lassen. Frisches Brot raucht, wenn es angeschnitten wird. Dahin gehöret auch die im gemeinen Leben übliche R. A. lernen, studieren, arbeiten u. s. f. daß der Kopf raucht, d. i. daß der Schweiß in Gestalt eines Dunstes in die Höhe steigt. Es lernte Jost ohn Unterlaß, Daß ihm der Kopf fast rauchte, Haged. In einem andern Verstande sagt man in Niedersachsen, seht, wie ihm der Kopf raucht, d. i. er macht Wind, redet Unwahrheiten. 3) In noch engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, Rauch von sich geben. Brennendes Holz raucht. Die Feuermauer raucht. Die Lichtputze raucht. Ein rauchender Brand. Der ganze Berg Sinai rauchte. Ingleichen unpersönlich, es raucht, es ist Rauch vorhanden. Es raucht in der Stube. In der engsten Bedeutung bedeutet rauchen, den Rauch an einen unbequemen Ort gehen lassen. So raucht der Ofen, wenn er den Rauch in die Stube läßt. Eine Küche raucht, wenn sich der Rauch in der Küche verbreitet. Da raucht es im Hause, bedeutet im gemeinen Leben figürlich, der Mann hat eine böse Frau. Die Geschichte, welche zu dieser Figur Anlaß gegeben haben soll, erzählt Stosch in den kleinen Beyträgen, Th. 3, S. 118. 2. Als ein Activum. 1) In Dunst oder zarte Dämpfe verwandeln; eine nur noch in dem zusammen gesetzten abrauchen übliche Bedeutung. 2) In engerer Bedeutung, den Rauch von einem brennenden Körper in den Mund ziehen und wieder von sich blasen. Tobak rauchen. Knaster, Suizent u. s. f. rauchen. Eine Pfeife rauchen. In ausrauchen und berauchen ist es gleichfalls in thätiger Gestalt üblich. S. diese Wörter. Daher das Rauchen, anstatt des ungewöhnlichen Rauchung.

Anm. Bey dem Notker rouchen, im Nieders. röken, im Friesischen reeken, im Angels. recan, im Engl. to reek, im Schwed. ryka, im Isländ. riuka, im Lettischen rukinti. Ehedem bedeutete es auch räuchern, wofür noch im Tatian riohhen stehet, und welche Bedeutung noch in ausrauchen und berauchen übrig ist. S. der Rauch Anm. und Riechen.


Raucher (W3) [Adelung]


Der Raucher, des -s, plur. ut nom. sing. der da raucht, in der zweyten thätigen Bedeutung des Zeitwortes; ein nur in dem zusammen gesetzten Tobaksraucher übliches Wort, ein Mensch, welcher Tobak zu rauchen gewohnt ist.


Räucherer (W3) [Adelung]


* Der Räucherer, des -s, plur. ut nom. sing. eine Person männlichen Geschlechtes, welche räuchert; ein ungewöhnliches Wort, welches nur 2 Kön. 23, 5 und 2 Chron. 29, 11 vorkommt, wo der Räucherer Baals und der Räucherer des Herrn gedacht wird.


Räucherig (W3) [Adelung]


Räucherig, -er, -ste, adj. et adv. Rauch, und in engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, unangenehmen, widerwärtigen Rauch verrathend. Die Speisen schmecken und riechen räucherig, wenn der Holzrauch ihnen einen unangenehmen Geschmack oder Geruch mitgetheilet hat. Im Oberdeutschen hat man dafür das Zeitwort rauchenzen, welches im Hochdeutschen ungewöhnlich ist. Es siehet in einem Hause, in einem Zimmer räucherig aus, wenn die Wände und das Hausgeräth von dem Rauche verdorben worden. Nieders. rökerig.


Räucherkammer (W3) [Adelung]


Die Räucherkammer, plur. die -n, eine Kammer, in welche man den Rauch aus der Feuermauer leiten kann, Fleisch und andere Speisen darin zu räuchern; die Rauchkammer.


Räucherkerze (W3) [Adelung]


Die Räucherkerze, plur. die -n, noch häufiger im Dimin. das Räucherkerzchen, Oberd. Räucherkerzlein, kleine, aus Weihrauch, Storax, Benzoe, Ladanum, Kaskarille und Holzkohlen mit Tragant verfertigte Kerzen in Gestalt kleiner Kegel, selbige anzuzünden und damit zu räuchern, d. i. einen angenehmen Geruch zu verursachen; Nieders. Rüklecht, im Oberd. Rauchkerze.


Räuchern (W3) [Adelung]


Räuchern, verb. reg. act. neutr. welches im letzten Falle das Hülfswort haben erfordert, den Rauch an etwas gehen lassen. 1. Überhaupt. In einem Zimmer räuchern, einen Rauch in demselben machen; als ein Neutrum. Mit Wachholderbeeren räuchern. In Pestzeiten werden die Briefe und Waaren geräuchert. Ein krankes Glied des Leibes räuchern. Sich räuchern. 2. In engerer Bedeutung. 1) Einen wohlriechenden Rauch machen, so wohl absolute, räuchern, als auch mit Beysätzen, in einem Zimmer räuchern; mit Mastix, mit Bernstein räuchern. So fern das Räuchern ehedem ein Stück der gesellschaftlichen Höflichkeit so wohl, als der gottesdienstlichen Verehrung war, und noch ist, wird es auch mit der dritten Endung der Person verbunden. Einem räuchern. Dem Herrn räuchern, 2 Chron. 26, 18. Den Göttern, 1 Kön. 11, 8. Aber statt der vierten Endung der Sache, gutes Räuchwerk räuchern, 2 Chron. 2, 4, gebraucht man lieber das Vorwort mit. 2) Vermittelst des Holzrauches, oder im Holzrauche trocknen. Fleisch, Würste, Fische räuchern. Geräuchertes Fleisch, geräucherte Schinken. Im Nieders. rökern. In Baiern ist dafür selchen, in der Oberpfalz dörren, und in andern Oberdeutschen Gegenden schwelchen üblich, von welk, eigentlich welken. So auch das Räuchern, statt des ungewöhnlichern Räucherung. Anm. Räuchern ist das Intensivum oder Frequentativum des im Hochdeutschen veralteten Zeitwortes räuchen, welches das Activum von dem Neutro rauchen ist, und eigentlich einen Rauch machen bedeutet. Es kommt noch bey dem Hans Sachs vor: Mit edlem reuchwerk wohl durchreucht. Auch Ottfried hat rouhen in dieser Bedeutung, und im Schwed. ist röka räuchern, und ryka dampfen.


Räucherpulver (W3) [Adelung]


Das Räucherpulver, des -s, plur. doch nur von mehrern Arten, ut nom. sing. ein Pulver, damit zu räuchern, und besonders, einem angenehmen Rauch damit zu machen, gepülvertes Rauchwerk; Räuchpulver, Rauchpulver.


Rauchfang (W3) [Adelung]


Der Rauchfang, des -es, plur. die -fänge, ein Canal, den Rauch aufzufangen und wegzuführen; da denn alle Canäle dieser Art diesen Nahmen führen können, ob man gleich die gemauerten gemeiniglich Feuermauern Kamine, Feueressen, Schlote, Schorsteine u. s. f. zu nennen pflegt. In Baiern und andern Oberdeutschen Gegenden ist indessen auch hier der Nahme Rauchfang üblich, daher der Schorsteinfeger daselbst auch der Raufenkehrer, eigentlich Rauchfangkehrer, genannt wird. In den Bauerhäusern Niedersachsens, wo man statt der Schorsteine hölzerne Rauchfänge hat, wird ein solcher Bosom, Busen, und Rahm genannt, welches letztere unser Nahmen, Einfassung ist.


Rauchfanggeld (W3) [Adelung]


Das Rauchfanggeld, des -es, plur. doch nur von mehrern Summen, die -er, in denjenigen Gegenden, wo die Feuermauer unter dem Nahmen des Rauchfanges bekannt ist, theils dasjenige Geld, welches man dem Schorsteinfeger für die Reinigung des Schorsteines bezahlet, theils aber auch eine obrigkeitliche Abgabe, welche man der Obrigkeit nach der Zahl der Rauchfänge entrichtet; die Rauchfangsteuer, ingleichen das Rauchgeld, der Rauchpfen- nig, die Rauchsteuer, von rauch, der Rauchfang, im mittlern Lateine Foagium, Focagium. S. Herdgeld.


Rauchfärber (W3) [Adelung]


Der Rauchfärber, des -s, plur. ut nom. sing. von dem Bey- und Nebenworte rauch, eine Art Kürschner, welche sich besonders auf das Färben des Rauch- oder Pelzwerkes legen, und auch Zobelfärber genannt werden.


Räuchfaß,Rauchfaß (W3) [Adelung]


Das Räuchfaß, oder Rauchfaß, des -sses, plur. die -fässer ein Gefäß, Räuchwerk damit anzuzünden und zu verbrennen. Von dem veralteten räuchen, für räuchern, in welcher Betrachtung die Schreibart Räucherfaß die richtige ist. So fern es aber von dem Oberd. Rauch, wohlriechender Rauch, oder auch von dem dieser Mundart gleichfalls eigenen rauchen für räuchern abstammet, findet auch die letzte Schreibart, welche auch in der Deutschen Bibel beobachtet wird, Statt. Eben dieß gilt von Rauchpulver und Räuchpulver, Rauchwerk und Räuchwerk u. s. f.


Rauchfeuer (W3) [Adelung]


Das Rauchfeuer, des -s, plur. ut nom. sing. ein Feuer, welches noch raucht; im Gegensatze des Kohlenfeuers. Ingleichen, ein Feuer, welches nur um des Rauches willen, oder einen dicken Rauch zu machen, angezündet wird.


Rauchflügel (W3) [Adelung]


Der Rauchflügel, des -s, plur. ut nom. sing. bey den neuern Schriftstellern des Insecten-Reiches, eine Art Nachtvögel mit rauchen Flügeln; Phalaena hirtaria L.


Rauchfrost (W3) [Adelung]


Der Rauchfrost, des -es, plur. die -fröste, S. Rauhreif.


Rauchfuß (W3) [Adelung]


Der Rauchfuß des -es, plur. die -füße, in einigen Gegenden, ein Nahme der Wald- Holz- oder Schneehühner, wegen ihrer rauchen Füße; Lagopus Klein.


Rauchfüßig (W3) [Adelung]


Rauchfüßig, adj. et adv. rauche, d. i. mit Haare, Wolle oder kurzen Federn bewachsene, Füße habend.


Rauchfutter (W3) [Adelung]


Das Rauchfutter, S. Rauhfutter.


Rauchgar (W3) [Adelung]


Rauchgar, adj. et adv. von dem Bey- und Nebenworte rauch, Rauchgare Felle, welche gar gemacht, oder zubereitet worden, ohne die Haare zu verlieren, welche in der Gare ihre Haare oder Wolle behalten, auf welche Art alles Rauch- und Pelzwerk bereitet wird. In einem andern Verstande ist rauchgares Leder, welches durch den Rauch gar gemacht oder geräuchert wird, auf welche Art die Tartarn ihr Leder zu bereiten pflegen.


Rauchgelb (W3) [Adelung]


Rauchgelb, adj. et adv. ein schwärzliches Gelb, dergleichen der Holzrauch an den Körpern hervor bringet.


Rauchgeld (W3) [Adelung]


Das Rauchgeld, S. Rauchfanggeld.


Rauchgewölbe (W3) [Adelung]


Das Rauchgewölbe, des -s, plur. ut nom. sing. in den Zinnhütten, ein Gewölbe über dem Schmelzofen, den Rauch darin aufzufangen.


Rauchgrau (W3) [Adelung]


Rauchgrau, adj. et adv. ein dunkles, mit etwas Blau und sehr wenigem Braun gemischtes Grau, welche Farbe der Holzrauch gemeiniglich zu haben pflegt.


Rauchhafer (W3) [Adelung]


Der Rauchhafer, des -s, plur. inus. in der Landwirthschaft, eine Art rauchen Hafers, welcher auch Barthafer, Sandhafer, in Nieders. Purrhafer genannt wird, und eine Abänderung des glatten grauen Hafens ist.


Rauchhändler (W3) [Adelung]


Der Rauchhändler, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Rauchhändlerinn, eine Person, welche mit Rauchwerk oder Fellen handelt.


Rauchholz (W3) [Adelung]


Das Rauchholz, des -es, plur. die -hölzer, im Forstwesen, von dem Bey- und Nebenworte rauch. 1) Noch mit seinem Laube und Blättern versehenes, auf dem Stamme stehendes Holz; wo der Plural nur von mehrern Arten gebraucht wird. 2) Eine mit solchem Holze bewachsene Gegend, im Gegensatze eines abgetriebenen Holzes. S. Rauch.


Rauchhonig (W3) [Adelung]


Das Rauchhonig, S. Rauhhonig.


Rauchhuhn (W3) [Adelung]


Das Rauchhuhn, des es, plur. die -hühner, in vielen Gegenden so wohl Ober- als Niederdeutschlandes, eine Benennung eines Zinshuhnes, welches die Unterthanen theils zur Erkenntniß des Eigenthumrechtes an den Grundheeren, theils aber auch als eine Abgabe an die Pfarrer und Schuldiener zu gewisser Zeit im Jahre entrichten müssen. Die Wortforscher so wohl als die Rechtslehrer haben sich mit der buchstäblichen Bedeutung dieses Wortes viel zu schaffen gemacht, und einige ihrer Ableitungen sind lächerlich genug, um hier übertragen zu werden. Ich will daher nur die zwey wahrscheinlichsten anführen. 1) Einige leiten dieses Wort von dem Hauptworte Rauch ab, so fern dasselbe in vielen Gegenden noch einen Rauchfang, oder eine Feuermauer, und in weiterer Bedeutung eine Feuerstätte bedeutet, ( S. der Rauch 25). Und diesen kommt das zu Statten, daß die Rauchhühner wirklich in vielen Gegenden von den Feuerstätten gegeben werden, ja wohl überall ein Zins sind, der allein auf der Feuerstätte, d. i. auf dem Wohnhause, haftet. So muß zu Oberstadt im Hennebergischen jedes Haus dem Pfarrer jährlich ein Rauchhuhn zinsen, und zu dieser Abgabe ist auch derjenige verpflichtet, welcher ein neues Haus auf einer vorher wüsten Stelle bauet; indem er von der Zeit an, da der erste Rauch von seinem Herde in die Höhe steiget, das Rauchhuhn geben muß. Und in so fern scheinet das Hauptwort Rauch, für Feuerstätte, hier allerdings zum Grunde zu liegen; zumahl da es auch in einer Urkunde von 1360 in Gerckens Diplomat. Th. 1, S. 338 durch pullus domesticus übersetzt wird. 2) Andere leiten es von rauch, besiedert, ab, und behaupten, daß es eigentlich ein lebendiges, noch ungeschlachtetes und ungerupftes Huhn bedeute, und einem geschlachteten entgegen gesetzt werde. Auch diese Ableitung hat ihre Wahrscheinlichkeit, indem die Rauchhühner wirklich in lebendigen Hühnern bestehen, und daher auch in den Lateinischen Urkunden der mittlern Zeiten Gallinae plumosae, plumeae, oder in plumis, zum Unterschiede von den Gallinis nudis, heißen. Auf den letzten Beweis darf man indessen nicht zu viel bauen, indem er eigentlich nur die etymologischen Kenntnisse des Concipienten der Urkunde beweiset, weil man eben so viele Beyspiele anführen kann, da diese Hühner Gallinae fumosae genannt werden. Es ist indessen möglich, daß nach Maßgebung der verschiedenen Gegenden und Umstände, welche dabey in Betrachtung gezogen werden müssen, beyde Ableitungen Statt finden können. Nieders. Rookhohn und verderbt Rokum, ( S. auch Rauchpfennig.) Übrigens werden diese Zinshühner nach Beschaffenheit der Zeit, zu welcher sie entrichtet werden müssen, auch Herbsthühner, Pfingsthühner, Sommerhühner und Fastnachtshühner genannt. So fern sie zur Erkenntniß des Obereigenthumsrechtes gegeben werden, heißen sie an einigen Orten auch Haupthühner und Leibhühner, und verderbt Laubhühner.


Rauchig (W3) [Adelung]


Rauchig, -er, -ste, adj. et adv. unangenehmen, widerwärtigen Rauch enthaltend. Eine rauchige Küche, in welcher es raucht. Ingleichen für räucherig. Ein rauchiges Zimmer.


Rauchkammer (W3) [Adelung]


Die Rauchkammer, S. Räucherkammer.


Rauchkerze (W3) [Adelung]


Die Rauchkerze, S. Räucherkerze, Räuchfaß.


Rauchknecht (W3) [Adelung]


Der Rauchknecht, des -es, plur. die -e, S. Rauchmeister.


Rauchkohle (W3) [Adelung]


Die Rauchkohle, plur. die -n, unausgebrannte Kohle, welche noch rauchen; Bränder.


Rauchkopf (W3) [Adelung]


Der Rauchkopf, des -es, plur. die -köpfe. 1) Im gemeinen Leben, von dem Bey- und Nebenworte rauch, eine runde hölzerne, mit Borsten besetzte Kugel an einem langen Stiele, den Staub und die Spinneweben damit von den Wänden abzunehmen, ein Borstwisch in Gestalt einer Kugel. 2) Eine Art Königsfischer mit einem großen rauchen Kopfe und kurzen Schwanze; Ispida Klein. 3) Auch eine Art goldgelber Falken mit einem rauchen Kopfe; Falco aureus, capite plumbeo rotundo Klein.


Rauchkugel (W3) [Adelung]


Die Rauchkugel, plur. die -n, in der Feuerwerkskunst, Kugeln, welche mit einen Satze gefüllet werden, der einen starken Rauch macht, und daher auch Dampf- und Dunstkugel, und weil sie dem Feinde die Aussicht zu benehmen dienen, auch Blendkugel heißen.


Rauchleder (W3) [Adelung]


Das Rauchleder, des -s, plur. doch nur von mehrern Arten, ut nom. sing. eine Art Corduanes, welcher auf der Fleischseite rauch gemacht und geschwärzet worden; das Rauchschwarz, zum Unterschiede von dem glatten Glanz-Corduan, Nieders, Rugswart. Daher das Beywort rauchledern, aus solchem Leder bereitet; rauchschwarz. Rauchlederne Schuhe, rauchschwarze.


Rauchlinde (W3) [Adelung]


Die Rauchlinde, plur. die -n, ein Nahme, welchen in einigen Gegenden eine noch nicht genug bestimmte Art des Ulmbaumes führet; vermuthlich wegen der rauchen Gestalt der Blätter.


Rauchloch (W3) [Adelung]


Das Rauchloch, des -es, plur. die -löcher, ein Loch, welches dazu bestimmt ist, den Rauch aus einem Orte auszulassen. Das Rauchloch an einem Ofen. Figürlich und im verächtlichen Verstande, ein Zimmer, ein Ort, welcher rauchet. Nieders. Rookloch, Fries. Reekholl.


Rauchmeister (W3) [Adelung]


Der Rauchmeister, des -s, plur. ut nom. sing. an den Höfen, ein Bediener des Proviant-Amtes, welcher die Aufsicht über das Räuchern des Fleisches und über die geräucherten Lebensmittel hat. Dessen Gattin die Rauchmeisterinn. Die ihm untergeordneten geringern Bedienten werden Rauchknechte genannt.


Rauchpfanne,Räuchpfanne (W3) [Adelung]


Die Rauchpfanne, oder Räuchpfanne, plur. die -n, ein an einigen Orten für Rauchfaß übliches Wort. S. dasselbe.


Rauchpfennig (W3) [Adelung]


Der Rauchpfennig, des -es, plur. die -e, S. Rauchgeld. An einigen Orten wird auch dasjenige Geld, welches anstatt der Rauchhühner gegeben wird, der Rauchpfennig, Nieders. Rokumsgeld, eigentlich Rokhohnsgeld genannt.


Rauchpost (W3) [Adelung]


Die Rauchpost, plur. die -en, eine Art der Post, da vermittelst eines gemachten Rauches entlegenen Orten bey Tage von etwas Nachricht gegeben wird. Geschiehet solches zur Nachtzeit vermittelst eines angezündete Feuer, so heißt es eine Feuerpost.


Rauchpulver,Räuchpulver (W3) [Adelung]


Das Rauchpulver, oder Räuchpulver, S. Räucherpulver und Rauchfaß.


Rauchschatz (W3) [Adelung]


Der Rauchschatz, des -es, plur. doch nur von mehrern Summen, die -schätze, ein an vielen Orten für Rauchgeld übliches Wort. S. dasselbe.


Rauchschwalbe (W3) [Adelung]


Die Rauchschwalbe, plur. die -n, eine Art Schwalben, mit schwarzen Kopfe, weißen Bauche, rother Kehle und rothen Flecken an den Nasenlöchern, welche auf dem Lande in den Küchen und an den Rauchfängen der Bauernhäuser zu nisten pflegt; Hirundo rustica Klein. Bauernschwalbe, Küchenschwalbe, zum Unterschiede von der Hausschwalbe, Erdschwalbe, Mauerschwalbe und so ferner.


Rauchschwarz (W3) [Adelung]


Das Rauchschwarz, des -en, plur. car. S. Rauchleder.


Rauchsteuer (W3) [Adelung]


Die Rauchsteuer, plur. die -n, S. Rauchgeld.


Rauchtobak (W3) [Adelung]


Der Rauchtobak, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, Tobak, welcher geraucht wird. zum Unterschiede von dem Schnupftobake.


Rauchtopas (W3) [Adelung]


Der Rauchtopas, des -es, plur. die -e, ein rauchgelber oder schwarzgelber Topas, welcher in Böhmen gefunden wird, und eigentlich ein schwärzlicher Krystall ist; Morion, Nurum quarzosum nigrum L. Aftertopas, Franztopas.


Rauchtopf (W3) [Adelung]


* Der Rauchtopf, des -es, plur. die -töpfe, ein ungewöhnliches Wort, eine Rauchpfanne zu bezeichnen, welches nur Jer. 52, 19 vorkommt.


Rauchwerk (W3) [Adelung]


1. Das Rauchwerk, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, von dem Bey- und Nebenworte rauch, ein Collectivum. 1) Bey den Jägern werden die vierfüßigen mit Haaren bewachsenen Raubthiere mit einer allgemeinen Benennung Rauchwerk genannt. Es gibt in diesem Reviere vieles Rauchwerk. 2) Mit Haare versehend und gar gemachte Felle; Pelzwerk. Ein Muff von Rauchwerk. Ein Kleid mit Rauchwerk füttern. Nieders. Rugwark. 3) S. auch Rauchwerken.


Rauchwerk (W3) [Adelung]


2. Das Rauchwerk, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, von dem Zeitworte rauchen, für räuchern, Dinge, welche einen wohlriechenden Rauch geben; Rauchwerk, so fern für rauchen auch räuchern üblich war, S. Rauchfaß; in einigen Gegenden auch Räucherwerk. Spezerey zum Räuchwerk, 4 Mos. 4, 16.


Rauchwerken (W3) [Adelung]


* Rauchwerken, verb. reg. act. welches nur im Forstwesen einiger Gegenden üblich ist. Einen gefällten Baum rauchwerken, d. i. alle Zweige und Äste von demselben abschlagen lassen. Ein gerauchwerkter Stamm, der seiner Zweige und Äste beraubt worden. Es scheinet, daß daselbst auch Rauchwerk von eben diesem aus abgehauenen Zweigen und Ästen bestehenden Abfalle üblich sey. Es stammet von dem Beyworte rauch ab, so fern dasselbe auch mit Laub und Zweigen versehen bedeutet, S. Rauch, adj. 1 und Rauchholz.


Rauchwurz (W3) [Adelung]


Die Rauchwurz, plur. car. in einigen Gegenden, ein Nahme der Braunwurz, S. dasselbe.


Rauchzehente (W3) [Adelung]


Der Rauchzehente, des -n, plur. die -n, auf dem Lande einiger Gegenden, der im rauchen, d. i. behaartem, Viehe bestehende Zehente, der Zehente von vierfüßigen Thieren. S. Rauhzehente.


Raude (W3) [Adelung]


Die Raude, plur. die -n, die rauhe Haut, besonders über einer eiternden oder nässenden Wunde; die harte rauhe Rinde auf einer solchen Wunde; im gemeinen Leben auch der Schorf, Schurf. Die Wunde bekommt eine Raude. In den gemeinen Sprecharten mit verändertem Ableitungslaute, der Ruf, im Nieders. Roof, Rave, Robe, im Holländ. Rappe. Es druckt die rauche Beschaffenheit der Haut aus, und ist so wohl mit diesem Worte, als auch mit Rinde, Rost, Kruste, Grind u. s. f. genau verwandt, welche insgesammt nur im Endlaute verschieden sind. S. das folgende.


Räude (W3) [Adelung]


Die Räude, plur. doch nur von mehrern Arten, die -n, eine Krankheit der Haut, da sie von den scharfen darunter verborgenen Feuchtigkeiten durchfressen und rauch wird, und auf den durchfressenen Stellen eine Raude oder rauhe Rinde bekommt; die Krätze, in einigen Fällen auch der Grind, in den gemeinen Sprecharten die Schäbe oder Schabe, Lat. Scabies. Die Räude haben. Man gebraucht es von dieser Krankheit so wohl bey Menschen als Thieren. Aber auch die Bäume bekommen die Räude, wenn die Rinde rauh wird und abspringt, und der ganze Baum erstirbt. Bey den Blumenfreunden ist die Raude oder Räude auch eine Krankheit an den Nelken, welche in einem um sich fressenden Flecken an den Blumenblättern bestehet, und von dem Roste noch unterschieden wird. Anm. In Oberschwaben der Rauden. Es ist ein und eben dasselbe Wort mit dem vorigen, und wird von vielen auch Raude geschrieben und gesprochen, obgleich im Hochdeutschen Räude üblich ist. Es druckt entweder auch die Raude oder raude Rinde aus, welche aus dieser Krankheit entstehet, daher sie in einigen Fällen auch der Grind genannt wird, oder auch das damit verbundene Rauhen oder Reiben, daher sie auch die Krätze und Schäbe heißt. Um eben deßwillen wird diese Krankheit auch im Holländ. die Rappe, im Angels, Hreosia, genannt. Im Tatian ist Ruf der Aussatz, und bey dem Notker Ruda ein Geschwür.


Räudig (W3) [Adelung]


Räudig, -er, -ste, adj. et adv. mit der Räude behaftet; kratzig in den niedrigen Sprecharten schäbig. Ein räudiger Hund. Ein räudiges Schaf steckt einen ganzen Stall an. Bey dem Notker rudig, in Schwaben rufig, im Osnabrückischen röggisch.


Räudigkeit (W3) [Adelung]


Die Räudigkeit, plur. car. Der Zustand, da ein Ding räudig ist mit der Räude behaftet ist.


Raufbold (W3) [Adelung]


Der Raufbold, des -es, plur. die -e, ein Mensch, der sich durch seine herrschende Neigung, sich mit andern zu raufen und zu schlagen, auszeichnet. S. Bold.


Raufbuße (W3) [Adelung]


Die Raufbuße, S. Raufhandel.


Raufdegen (W3) [Adelung]


Der Raufdegen, des -s, plur. ut nom. sing. ein großer langer Degen mit einem großen Stichblatte, sich damit zu raufen, d. i. im Ernste zu fechten; ein Raufer, Schläger.


Raufe (W3) [Adelung]


Die Raufe, plur. die -n. 1) Ein Werkzeug zum Raufen, besonders in der Landwirthschaft, ein großer fest stehender Kamm, die Samenkapseln von dem Flachse vermittelst desselben abzuraufen; in einigen Gegenden die Riffel, Raufel, Reffel, Nieders. Rege, Reppe, Repel, im Holländ. Repe. Im Schwed. ist Räffa ein Rechen. 2) In der Viehzucht ist die Raufe eine nach einem spitzigen Winkel horizontal befestigte Leiter, hinter welche Heu, Stroh und anderes rauhes Futter gesteckt wird, damit es das Vieh mit dem Maule zwischen den Sprossen heraus raufen könne. Nieders. Repe, Röpe. Ingleichen die Zeit, wenn den Gänsen die Feder ausgeraufet werden; die Raufzeit. S. Raufen.


Raufel (W3) [Adelung]


Die Raufel, plur. die -n, ein in einigen Gegenden für Raufe 1 übliches Wort, welches in andern Riffel lautet.


Räufeln (W3) [Adelung]


Räufeln, verb. reg. act. welches gleichfalls nur in einigen Gegenden von dem Abraufen der Samenkapsel des Flachses vermittelst der Raufe oder der Raufel üblich ist, wofür man in andern Gegenden riffeln sagt. Den Flachs räufeln. S. das folgende, dessen Iterativum es ist.


Raufen (W3) [Adelung]


Raufen, verb. reg. act. welches eigentlich ziehen bedeutet, aber nur von derjenigen Art gebraucht wird, da man mehrere dünne oder faserige Körper ziehet oder ausziehet. Jemanden Haare aus dem Kopfe, aus dem Barte raufen. Jemanden bey den Haaren raufen. Sich vor Verzweifelung die Haare aus dem Kopfe raufen. Da stund Hiob auf, und zerriß sein Kleid, und raufte sein Haupt, Hiob 1, 20; welche Wortfügung doch ungewöhnlich ist. Ein Kamm rauft, wenn er auf eine empfindliche Art mehrere einzelne Haare ziehet oder ausziehet. Den Flachs raufen, so wohl, wenn man die Flachsstängel aus der Erde ziehet, Nieders. repen; Franz. raffer; als auch, wenn man die Samenkapseln vermittelst der Raufe abstreifet, welche Arbeit auch mit dem Iterativo räufeln und riffeln genannt wird, Nieders. reppen, repeln, schräpen. Einem Schafe die Wolle ausraufen. Der Gans, dem Huhne die Federn ausraufen; eine Gans, ein Huhn raufen, im Oberdeutschen, wofür man in Hochdeutschen lieber rupfen sagt. Gras raufen, es ausreißen, oder abreißen, Ähren raufen oder ausraufen. Figürlich ist, sich mit jemanden raufen, sich mit ihm balgen, und in weiterer Bedeutung, auch sich mit ihm im Ernste schlagen, ( S. Raufdegen und Raufer;) zunächst wohl, sich ein einer ernsthaften Balgerey bey den Haaren raufen oder ziehen. Wenn sich die Heeren raufen, müssen die Unterthanen die Haare lassen; welches Sprichwort diese Erklärung bestätiget. Indessen ist schon im Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - so wohl fechten, streiten, als zanken; und im Ital. ist Baruffa ein Gerauf, eine Schlägerey. Ich hielt meine Wangen dar, denen die mich rauften, Es. 50, 6. Ich schlug etliche Männer und raufte sie, Nehem. 13, 25; wo es aber in der im Hochdeutschen veralteten Bedeutung für schlagen überhaupt stehet. So auch das Raufen.

Anm. Schon bey dem Ottfried roufan, und im Schwabensp. wo es bey den Haaren ziehen bedeutet, rauffen, bey dem Ulphillas raupgan, welches aber unserm rupfen näher kommt, im Nieders. repen, im Angels. ripan, im Schwed. repa. Es ist mit raffen, rauben, u. s. f. genau verwandt. Das Frequenta- tivum davon ist räufeln, riffeln, rüffeln, und das Intensivum rupfen.


Raufer (W3) [Adelung]


Der Raufer, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Ein Werkzeug zum Raufen, d. i. zum Schlagen oder Fechten, in welchem Verstande man einen zu Schlägereyen bestimmten großen Degen, einen Raufdegen, einen Raufer zu nennen pflegt. Er springt vom Lager auf, steckt seinen Raufer an, Zach. 2) Ein Mensch, welcher sich gern mit andern rauft und schlägt.


Raufhandel (W3) [Adelung]


Der Raufhandel, des -s, plur. die -händel, eine Balgerey, Schlägerey, besonders wenn sie klagbar angebracht wird. Ehedem pflegt man auch die darauf gesetzte Geldstrafe die Raufbuße zu nennen.


Raufholz (W3) [Adelung]


Das Raufholz, des -es, plur. die -hölzer, bey den Weißgärbern, ein Werkzeug von Holz, die Haare damit von den Fellen zu raufen.


Raufwolle (W3) [Adelung]


Die Raufwolle, plur. car. 1) Diejenige Wolle, welche die Weißgärber nach der abgeschornen Wolle oder Schurwolle noch aus den Fellen raufen. 3) In den Schäfereyen und der Handlung auch diejenige Wolle, welche den Schafen lebendig ausgerauft wird, oder welche ihnen von selbst entgeht, und flockenweiße entfällt; auch in Gegensatze der Schurwolle.


Raufzange (W3) [Adelung]


Die Raufzange, plur. die -n, auf den Eisenhämmern, eine starke Zange, oben mit gegen einander gekehrten Zacken, womit das Eisen eingezängelt und damit von den Hammer getragen wird; in einigen Gegenden auch die Roffzange.


Raufzeit (W3) [Adelung]


Die Raufzeit, plur. die -en, S. Raufe.


Raugraf (W3) [Adelung]


Der Raugraf, des -en, plur. die -en, Fämin. die Raugräfinn, eine ehemahlige Benennung eines längst ausgestorbenen gräflichen Geschlechtes an dem Ober-Rheine, wo besonders die eine Linie der ältern Wild- und Rheingrafen, welche aber längst ausgestorben ist, den Nahmen der Raugrafen führete. Erst im vorigen Jahrhunderte erhob Churfürst Carl Ludwig von der Pfalz die von Degenfeld mit ihren Kindern zu Raugrafen; allein auch hier ist der Nahme mit der Familie selbst wieder abgestorben. In der Lateinischen Schreibart der mittlern Zeiten werden sie aus Unwissenheit der wahren Abstammung auf eine seltsame Art oft Comites pilosi oder hirsuti genannt, welches denn nachmahls zu eben so seltsamen Ableitung Anlaß gegeben hat. Allein da die diesen Grafen gehörige Grafschaft in den waldigen Gebirge an dem Ober-Rheine lag, daher sie auch Wild- und Rheingrafen genannt werden, so haben andere mit mehrerm Rechte dafür gehalten, daß mit ihrer Benennung auf die rauhe und wilde Beschaffenheit der Bezirke gesehen worden, welchen sie vorgesetzet wurden, als welche aus gebirgigen und waldigen Wildnissen bestanden, die unter ihrer Aufsicht ausgereutet und urbar gemacht werden sollten. Sie heißen daher im Latein. der mittlern Zeiten auch Comites silvestres, Comites silvae, Comites novelletorum et emphyteuseos, in welcher Rücksicht auch das Wort reuten mit in Betrachtung kommen kann. Hätte diese Ableitung um der gleichbedeutenden Benennung Wildgraf ( S. dieses Wort) nicht eine überwiegende Wahrscheinlichkeit, so könnte man in Versuchung gerathen, die erste Hälfte dieses Wortes, wie wirklich von einigen geschehen, von dem Worte rügen herzuleiten, und es von einem Rügegrafen, d. i. obersten kaiserlichen Richter eines gewissen Bezirkes, zu erklären.


Rauh (W3) [Adelung]


Rauh, -er, -este, adj. et adv. welches in einer doppelten Hauptbedeutung üblich ist, welche beyde Nachahmungen eines dem Gehöre nach ähnlichen Lautes bezeichnen. 1. Wenn die Stimme von einen zufälligen Fehler der Luftröhre heiser ist, so sagt man, daß man eine rauhe Stimme, einen rauhen Hals habe. Kalte feuchte Luft macht den Hals rauh. Nieders. schrell. Die Latein. Wörter raucus und ravus sind sehr genau damit ver- wandt. 2. In einem andern Verstande ist ein Körper im weitesten Verstande rauh, wenn dessen Oberfläche aus sehr merklich erhabenen Theilen bestehet, in welcher Bedeutung man es in einigen Gegenden auch für rauch gebraucht, welches man im Hochdeutschen aber noch davon unterscheidet; und alsdann ist ein Körper rauh, wenn dessen Oberfläche aus verhältnißmäßig kleinen, bald scharfen, bald stumpfen Erhöhungen bestehet, im Gegensatze des glatt. 1) Eigentlich. Ein rauher Felsen. Ein rauher Stein. Ein rauher Weg. Pfadlos und rauh ist der Boden. Eine rauhe Haut haben. Ein rauhes Land, ein ungebautes, wüstes, dessen Oberfläche durch kleinen Anbau geebnet worden. ( S. Raugraf.) Rauhes Futter, in der Landwirthschaft, Heu, Gras und Stroh, im Gegensatze des glatten Getreides, so fern dasselbe auch als Futter betrachtet wird. 2) Figürlich. (a) * Von dem Geschmacke, für herbe; eine im Hochdeutschen ungewöhnliche Bedeutung, in welcher es doch im Oberdeutschen gangbar zu seyn scheinet. Ein rauher Wein. (b) Von dem Gefühle, schmerzhaft unangenehm; doch nur von der Luft und deren Wirkung. Ein rauher Wind. Kein rauhes Lüftchen vertragen können. Rauhe Witterung. Ein rauhes Land, welches eine rauhe Witterung hat. Island liegt unter einem rauhen Himmel. (c) Im moralischen Verstande, von sittlicher Verfeinerung und Ausbesserung entfernet; wo es oft ein gelinder Ausdruck für das härtere grob ist. Ein Mann von rauhen Sitten. Ein rauhes Gemüth. Ein rauher Mann. Rauh mit jemanden umgehen. Jemanden rauhe Worte geben. (d) Ein Feld aus rauher Wurzel, aus ausgereuteten Waldungen.

Anm. Bey den Schwäbischen Dichtern ruh, im Nieders. rug, ruwe, rowe, in der Schweiz rog, im Baiern roppet, im Holländ. raauw, ruig, im Angels. reoh, im Engl. rough. Selbst im Arabischen bedeutet Rahwon einen rauhen, steiniger Boden. Rauh, rauch, roh, schroff, Raude, Räude, Ruf, Rinde, Grob, das Nieders. struf, für rauh, Rost, die Latein. rudis, raucus, ravus, crudus, die Ital. roco, ravido, rude, rozzo, welche insgesammt rauh bedeuten, sind sehr genau damit verwandt, ob sie sich gleich in den Ableitungslauten unterscheiden, und durch den Gebrauch in Nebenbedeutungen abgeändert worden. Der Grund der Benennung ist ohne Zweifel in dem Laute zu suchen, welchen die Bewegung auf einem rauhen Körper hervor bringet. S. auch Schroff.


Rauhbank (W3) [Adelung]


Die Rauhbank, plur. die -bänke, bey den Tischlern, der Nahme eines langen Hobels.


Rauhbeere (W3) [Adelung]


Die Rauhbeere, plur. die -n, S. Rauchbeere.


Rauhe (W3) [Adelung]


Die Rauhe, plur. inus. 1) Bey einigen, das Hauptwort von dem Beyworte rauh, die rauhe Beschaffenheit eines Dinges zu bezeichnen; wofür andere die Rauhe, die meisten aber mit mehrerm Erfolg die Rauhigkeit sagen. 2) Bey den Vögeln nennet man denjenigen Zustand, da sie die alten Federn mit neuen vertauschen, und welcher am häufigsten die Mause heißt, in vielen Gegenden auch die Rauhe, und mit einem stärkern Hauche die Rauche, weil die Vögel alsdann ein rauches oder struppiges Ansehen bekommen. S. das folgende.


Rauhen (W3) [Adelung]


Rauhen, verb. reg. act. rauh machen, wo es auch in einigen Fällen für rauch machen üblich ist, anstatt des ungewöhnlichen rauchen. So hat das Rauchleder oder rauchschwarze Leder seinen Nahmen daher, weil es auf der Fleischseite gerauhet worden. Bey den Tuchbereitern wird das Tuch gerauhet, wenn die kurzen, in der Walke locker gemachten Haare vor dem Scheren heraus gekratzet werden, welches eigentlich aus den Haaren rauhen, genannt wird. Von den Vögeln sagt man in einigen Gegenden, daß sie sich rauhen, wenn sie in der Rauhe sind, oder sich mausen; wo es auch als ein Neutrum gebraucht wird, die Vögel rauhen, werden rauh oder rauch.


Rauhfrost (W3) [Adelung]


Der Rauhfrost, des -es, plur. die -fröste, S. Rauhreif.


Rauhfutter (W3) [Adelung]


Das Rauhfutter, des -s, plur. inus. in der Hauswirthschaft, rauhes Futter, d. i. Heu, Gras und Stroh, im Gegensatze des glatten, aus Körnern bestehenden Futter; bey einigen auch Rauchfutter.


Rauhhobel (W3) [Adelung]


Der Rauhhobel, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Tischlern, ein Hobel, das Gröbste oder Rauheste von dem Holze wegzubringen, der Schropphobel, Scharfhobel; zum Unterschiede von dem Schlichthobel, welcher das Holz völlig glatt und eben macht.


Rauhhonig (W3) [Adelung]


Das Rauhhonig, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten oder Quantitäten, die -e, im Honighandel, rauhes Honig, d. i. solches, welches so wie es aus den Stöcken gebrochen wird, mit den Wachsscheiben im Tonnen gestampfet, und daher auch Tonnenhonig genannt wird; zum Unterschied von dem Seimhonige. Gemeiniglich wird es, obgleich nicht so richtig, Rauchhonig geschrieben und gesprochen. Nach andern ist Rauchhonig dasjenige Honig, welches im obersten des Korbes angetroffen wird, das reinste ist, und zugleich eingetragenes Blumenmehl enthält.


Rauhigkeit (W3) [Adelung]


Die Rauhigkeit, plur. inus. die rauhe Beschaffenheit eines Dinges, in allen Bedeutungen des Beywortes. Die Rauhigkeit des Bodens, des Halses, der Sitten u. s. f. Die Eintracht treuer Herzen, die jede Rauhigkeit Der Pilgrimschaft des Lebens mit Blumen überstreut, Dusch.


Rauhreif (W3) [Adelung]


Der Rauhreif, des -es, plur. die -e, ein Reif, welcher sich bey dicker Luft und unbeständigem Frostwetter häufig ansetzet, und die Gegenstände rauh macht; in einigen Gegenden auch der Rauhfrost, Rauchfrost, Nieders. Rugeriep, Rueriep, Rohriep. Im gemeinen Leben kennet man auch das unpersönliche Zeitworte rauhreifen; er rauhreifet, es fällt ein Rauhreif.


Rauhschleifer (W3) [Adelung]


Der Rauhschleifer, des -s, plur. ut nom. sing. ein Schleifer, welcher nur grobe und große Sachen schleift, als Äxte, Beile, große Messer u. s. f. Schleifer dieser Art sitzen gemeiniglich über dem Steine.


Rauhwake (W3) [Adelung]


Die Rauhwake, plur. die -n, der so wohl im gemeinen Leben als in der Mineralogie üblich Nahmen eines kalkartigen, sehr porösen, folglich auch rauhen Steines, welcher gemeiniglich viele versteinerte Überbleibsel von Schalthieren, Wasserkräutern und zuweilen auch Knochen enthält. Er wird auch Toph oder Tof, und Tophstein, Tofstein genannt, und findet sich von verschiedener Farbe so wohl als Fertigkeit. S. Wake.


Rauhweitzen (W3) [Adelung]


Der Rauhweitzen, des -s, plur. inus. eine Art Weitzens, welcher an seinen Ähren eben solche Stacheln, als die Gerste hat.


Rauhzehente (W3) [Adelung]


Der Rauhzehente, des -s, plur. die -n, derjenige Zehente, welcher auf dem Felde in ungedroschenen Garben gegeben wird, der Garbenzehente; zum Unterschied von dem Sackzehenten. Er muß mit dem Rauchzehenten nicht verwechselt werden.


Rauhzeit (W3) [Adelung]


Die Rauhzeit, plur. die -en, die Zeit, wenn sich die Vögel rauhen oder mausen, wenn sie in der Rauhe sind; die Mausezeit.


Rauke (W3) [Adelung]


Die Rauke, plur. inus. der Nahme eines Schotengewächses, Sisymbrium L. von welchem es mehrere Arten gibt. Das Sisymbrium Nasturtium des Linnee ist bey uns unter dem Nahmen der Brunnkresse am bekanntesten. Die morgenländische Rauke, Sisymbrium orientale L. hat filzige Blätter und einen ebnen Stamm, und ist im Oriente einheimisch. Eine andere Art, deren Schoten senkrecht stehen, Sisymbrium strictissimum L. ist auf den rauhen Bergen der Schweiz und Italiens einheimisch. Die höchste Rauke, Sisymbrium altissimum L. wächst in Arme- nien und Sibirien. Eine niedrige Art, wenn sie zwischen den Fingern gerieben wird, wie Knoblauch stinket, deren Same scharf und beißend ist, und wie Senf schmeckt, Sisymbrium supinum L. wächst in Frankreich und Spanien. Die wilde Rauke, Sisymbrium sylvestre L. hat längliche, eyförmige Schoten, und ist auf den Rainen in der Schweiz, Deutschland und Frankreich zu Hause. Auch eine Art des Kohles, welche in der Schweiz einheimisch ist, deren Blätter unter andern Kräutern als ein Salat gegessen werden, Brassica Eruca L. ist unter dem Nahmen der wilden Rauke bekannt. S. auch Sumpfrauke, Landrauke, Mauerrauke, und Sandrauke. Im Franz. Roque, im Lat. Eruca; vielleicht von rauh, wegen des rauhen, scharfen Geschmackes so wohl des Samens als der Blätter der meisten Arten. In Niedersachsen wird die Kohlrübe, Napobrassica L. welche in einigen Gegenden Torsche heißt, mit vorgesetztem Blaselaute Wruke genannt, welcher Nahme gleichfalls hierher gehöret. In einigen Gegenden kennet man auch die Reseda unter dem Nahmen der Spanischen Rauke.


Raum (W3) [Adelung]


* Raum, -er, -ste, adj. et adv. einen beträchtlichen Raum enthaltend, so wohl in engerer Bedeutung, den zu gewissen körperlichen Veränderungen nöthigen Raum enthaltend, in der ersten Bedeutung des folgenden Hauptwortes. Ein raumes Zimmer. Das Haus ist mir nicht raum genug. Ein raumer Weg. Als auch überhaupt, einen großen Raum enthaltend. Die raume See, die weite. Im Hochdeutschen ist es veraltet, indem dafür geraum üblich ist. S. dasselbe, ingleichen Räumig.

Anm. Schon bey dem Ottfried rum, der es als ein Nebenwort für fern, weit, gebraucht, wohin auch das ehemahlige fram gehöret; bey dem Ulphilas rum, für geräumig, im Nieders. ruum, im Schwed. rum, welches auch für draußen gebraucht wird, im Holländ. ruim, im Engl. roomy. Das Nieders. ruum ist auch als ein Nebenwort für völlig, reichlich, üblich. Es ist raum ein Jahr, reichlich. Bey dem Kero ist fona rumana und bey dem Ottfried fon rumena von fern. S. das folgende.


Raum (W3) [Adelung]


Der Raum, des -es, plur. die Räume. 1. Im engsten und allem Ansehen nach eigentlichen Verstande, derjenige Theil des von sichtbaren Körpern leeren Luftkreises, welchen ein Ding zur Ausfüllung oder zu gewissen körperlichen Veränderungen bedarf, ohne Plural. Keinen Raum haben. Wir haben nicht Raum in dem Hause. Die Zuhörer hatten nicht alle Raum in der Kirche. Nicht Raum genug haben zu arbeiten. Raum machen. Raum zu etwas machen. Raum gewinnen, bekommen. Der Raum ist mir zu enge. Raum zu etwas lassen. Das Haus hat wenig Raum. Das nimmt zu viel Raum weg. Keinen großen Raum einnehmen. In eben diesem Verstande wird auch Platz gebraucht, obgleich bey demselben diese Bedeutung nur figürlich ist. In der Mechanik ist der Raum die gerade Linie, welche so wohl von der Last, als auch von der Kraft durchgangen wird. 2. In weiterer Bedeutung, ein jeder von Körpern leerer Ort des Luftkreises; da denn auch der Plural Statt findet. Die große Räume des Himmels. Ein luftleerer Raum. Der Raum zwischen zwey Säulen. Der Raum eines Fasses, einer Bouteille. In einigen Fällen wird dieses Wort ohne allen Beysatz von besondern Arten eines solchen Raumes gebraucht. Bey den Kohlenbrennern sie die Räume kleine Öffnungen, welche der Luft den Zugang in den Meiler verstatten. In den Schiffen ist der Raum, oder bestimmter der Schiffsraum, der Boden unter dem letzten Verdecke, wo die Waaren und Güter liegen. Das Engl. Room und Schwed. Rum bedeuten auch ein Zimmer. In dem Bergbaue sind die Räume solche Örter oder Plätze, welche zu Sturzplätzen, Wasserläufen, Pochwerken, Wäschen u. s. f. eingeräumet werden. Im strengsten metaphysischen Verstande ist der Raum das, worin die Substanzen sich unserer Vorstellung nach befinden, das Verhältnis der außer und neben einander sich befindlichen Dinge, und in diesem Verstande sagt man, daß kein Raum sey, wenn nicht Dinge vorhanden sind, die ihn ausfüllen. Der leere Raum, der von aller auch noch so feinen Materie leer ist. 3. Figürlich. 1) Einer Neigung Raum geben, ihr nachhängen. Eines Bitte Raum geben, sie erfüllen. Diese Entschuldigung wird nicht Raum finden, wird nicht angenommen werden. Dem Zorne Raum geben. Solchen Gedanken muß man nicht Raum geben. In welchem Verstande auch das Wort Platz gebraucht wird. 2) * Zeit und Gelegenheit; eine im Hochdeutschen größten Theils veraltete Bedeutung, welche indessen noch mehrmahls in der Deutschen Bibel vorkommt. Nicht Raum haben zu essen, Gelegenheit, Bequemlichkeit, Marc. 3, 20. Raum zur Buße lassen, Zeit, Weish. 12, 10. Raum empfahen, sich der Anklage zu verantworten, Apostelg. 25, 26. Dem Zorne Gottes Raum geben, Röm. 12, 19.

Anm. Bey dem Ulphilas Rum, bey dem Ottfried Rumo, im Nieders. Schwed. Isländ. Dän. und Pohln. Rum. Der erste und nächste Begriff ist wohl der Begriff der Bewegung, ( S. Räumen,) daher als ein naher Verwandter von rahmen, dessen Intensivis rammeln und rammen, strömen, ruminare, Remus, Deutsch Riemen, remigare, u. s. f. angesehen werden muß. Auf ähnliche Art ist das Lat. Spatium von spatiari gebildet, so wie ruman noch bey dem Notker hin- und herschweifen bedeutet. Aus diesem Begriffe folget ganz natürlich der Begriff der Ausdehnung, daher denn noch auch das Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, hoch seyn, das alte Rahm, ein Kreuz, Riemen und Strieme, Rahmen u. s. f. als Verwandte angesehen werden müssen. Das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - , der Zwischenraum, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - , die Gasse, das Lat. Rima u. a. m. gehören gleichfalls zu diesem Geschlechte. Übrigens ist Rümte im Nieders. ein leerer Platz. In dem zusammengesetzten Abraum bedeutet es auch den Körper, welcher weggeräumet wird, so wie im Böhm. Rum der Schutt ist. Man vergleiche, was bey den Wörtern Ort, Platz, Stelle u. s. f. gesagt worden, so wird der Unterschied zwischen ihnen und Raum sehr leicht bestimmt werden können.


Raumanker (W3) [Adelung]


Der Raumanker, des -s, plur. ut nom. sing. ein Nahme, welchen auf den Schiffen auch der Nothanker führet, weil er in dem Raume oder Schiffsraume aufbewahret wird. Bey einigen führet auch, aber allem Ansehen nach nicht so richtig, der Hauptanker diesen Nahmen.


Raumeiche (W3) [Adelung]


Die Raumeiche, plur. die -n, in einigen Gegenden, besonders Niedersachsens, hin und wieder im Walde oder auf dem Felde zerstreuete Eichen, welche beträchtliche Zwischenräume zwischen sich haben, kein an einander hängendes Gehölz ausmachen.


Räumeisen (W3) [Adelung]


Das Räumeisen, des -s, plur. ut nom. sing. ein eisernes Werkzeug, einen Ort oder eine Öffnung damit auszuräumen. So in das Räumeisen der Bergleute ein Eisen, die zugenasete Form damit aufzunasen und die Ofenbrüche damit zu lösen. S. auch Räumnadel und Räumer.


Räumen (W3) [Adelung]


Räumen, verb. reg. act. Raum machen, durch Wegschaffung solcher Körper, welche denselben verengen, wo es noch auf eine doppelte Art gebraucht wird. 1. Mit der vierten Endung derjenigen Sache, welche aus dem Wege geschaffet wird, mit ausdrücklicher Benennung des Ortes. Das Holz von dem Hofe, die Steine aus dem Wege räumen. Ingleichen in einigen figürlichen R. A. Alle Hindernisse, Zweifel, Anstöße, Bedenklichkeiten u. s. f. aus dem Wege räumen, sie fortschaffen. Einen Menschen aus dem Wege räumen, ihn mit List oder heimlicher Gewalt aus der Welt schaffen. 2. Mit der vierten Endung des Ortes, in welchem durch Wegschaffung der körperlichen Hindernisse der nöthige Raum geschaffen wird. 1) Eigentlich. Einen Platz von dem Schutte räumen. Eine Brandstelle räumen, den Schutt von derselben wegschaffen. Räumet den Weg, hebet die Anstöße aus dem Weg Es. 57, 14. Ich habe das Haus (für dich) geräumt und für die Kamele auch Platz gemacht, 1 Mos. 24, 31. Ingleichen absolute. Zu der Wurzel eines Baumes räumen, die Wurzel eines Baumes von der Erde entblößen. Zu den Flügeln räumen, im Jagdwesen, durch Fällung der Bäume Wege zu den Flügeln bauen. In dem Weinbaue ist das Räumen eine Arbeit, da man die Erde um die Wurzeln des Weinstockes auflockert, und zugleich die Wasserwurzeln abreißet. 2) In engerer Bedeutung räumet man einen Ort oder eine Sache, wenn man das Unreine oder Unnütze aus derselben wegschaffen. Einen Brunnen, einen Graben, einen Hafen, einen Teich räumen, durch Wegschaffung des Schlammes oder hinderlichen Sandes. Die Pfeife räumen. Das Zündloch eines Schießgewehres räumen u. s. f. 3) Figürlich bedeutet einen Ort räumen, denselben verlassen. Ihm die Burg zu räumen und einzugeben, 1 Macc. 11, 41. Sonst müsset ihr die Welträumen, 1 Cor. 5, 10. Einem das Zimmer räumen, es verlassen und dem andern eingeben. Am häufigsten gebraucht man noch von einer erzwungenen und zugleich schnellen Verlassung. Das Feld im Kriege räumen müssen. Das Land räumen, landflüchtig werden. Ein Haus räumen müssen, plötzlich ausziehen. Ehedem sagte man auch, den Sattel räumen, aus den Sattel gehoben werden, und einem räumen, ihm ausweichen. Daher die Räumung in der ersten, und das Räumen in allen Bedeutungen.

Anm. Bey dem Ottfried, Notker und andern ruman, wo es auch häufig für verlassen vorkommt, im Oberd. raumen, im Nieders. rümen, im Angels. rumian, rymian, im Schwed. rymma. Bey dem Notker kommt es auch als ein Neutrum für abwesend seyn vor, welche Bedeutung auch das Schwed. rymma noch hat. Ottfried hingegen gebraucht es auch theils für öffnen, theils für abwenden. Unser räumen scheinet zunächst von dem Hauptworte Raum abzustammen. Ehedem war es von weiterm Umfange, und bedeutete, eine viel umfangende, weit schweifende Bewegung machen. So gebraucht Notker ruman von den herum schweifenden Vögeln, S. auch Rahmen, die Zeitwörter; welche noch davon abstammen, besonders 3 Rahmen, ingleichen die Intensiva und Iterativa Rammen und Rammeln.


Räumer (W3) [Adelung]


Der Räumer, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Eine Person, welche einen Ort oder eine Sache räumet, d. i. von den Unreinigkeiten reiniget; gemeiniglich nur in den Zusammensetzungen Privet-Räumer, Hafenräumer, Grabenräumer u. s. f. 2) Ein Werkzeug, eine Sache damit von den Unreinigkeiten zu reinigen. So ist der Räumer ein Werkzeug, die Kanonen damit zu reinigen. Dahin auch die Zusammensetzungen Pfeifenräumer, Hafenräumer u. s. f. gehören.


Raumfeile (W3) [Adelung]


Die Raumfeile, plur. die -n, eine Art Feilen, deren sich die Schlösser bedienen.


Raumgast (W3) [Adelung]


Der Raumgast, des -es, plur. die -gäste, im Wallfischfange, Arbeiter, welche die im Schiffsraume nöthigen Arbeiten verrichten. S. Gast.


Räumig (W3) [Adelung]


Räumig, -er, -ste, adj. et adv. vielen oder beträchtlichen Raum enthaltend; nur im gemeinen Leben einiger Gegenden, für das gewöhnlichere geräumig. Ein räumiger Ort. Räumig wohnen oder sitzen. In Oberdeutschen raumig. S. auch Raum das Beywort. So auch die Räumigkeit.


Räumlich (W3) [Adelung]


Räumlich, -er, -ste, adj. et adv. 1) Wie das vorige; wofür doch auch geräumlich üblicher ist. So auch die Räumlichkeit. Die Räumlichkeit beobachten, bey den Mahlern, den Gegenständen ihren verhältnißmäßigen Platz nach der Perspective anweisen. 2) Einen Raum einnehmend und ausfüllend, in der philosophischen Schreibart, wo es im engsten Verstande, in einen Raum einschränkt, oder durch Ausdehnung in einen Raum eingeschlossen bedeutet, und alsdann noch von örtlich, so wie Raum von Ort, unterschieden wird. So behauptet man in der Theologie, daß die Engel zwar einen Ort haben, aber keinen Raum einnehmen, und daher schreibt man ihnen zwar eine örtliche aber keine räumliche Gegenwart zu, welche letztere das Daseyn anderer Körper ausschließt. So auch die Räumlichkeit, die Eigenschaft eines Dinges, da es einen Raum einnimmt oder ausfüllet.


Räumnadel (W3) [Adelung]


Die Räumnadel, plur. die -n, eine starke Nadel, oder langer spritziger Draht, die Schieß- und Zündlöcher damit auszuräumen.


Räumungsrecht (W3) [Adelung]


Das Räumungsrecht, des -es, plur. die -e, das Recht einen Graben oder Canal zu räumen, welches auch das Fegerecht, ingleichen der Schaufelschlag genannt wird.


Raunen (W3) [Adelung]


1. * Raunen, verb. reg. act. welches eigentlich schneiden bedeutet hat, aber im Hochdeutschen völlig veraltet ist. Es ist noch im Niederdeutschen üblich, wo es für verschneiden, castriren, gebraucht wird; Nieders. runen, rünken, Holländ. ruinen. Eben daselbst ist Rune, bey dem Apherdian Raum, ein Wallach. Es ist ohne Zweifel ein Geschlechtsverwandter von trennen. Allem Ansehen nach stammet hiervon das nordische Rune, Buchstab, her, obgleich die meisten es von dem folgenden Raum, Geheimniß, herleiten; indem auch schreiben, scribere, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, und andere hierher gehörigen Ausdrücke den Begriff des Grabens oder Schneidens haben. S. Rune.


Raunen (W3) [Adelung]


2. Raunen, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, hin und wieder laufen; ein Wort, welches nur bey den Jägern einiger Orten üblich ist, wo es von dem hin und wieder Laufen und Springen der Hasen gebraucht wird. Die Hasen machen durch vielfältiges Raumen die Hunde müde und verdrossen, Flemming bey dem Frisch. Es ist hier mit 3 Rahmen allem Ansehen nach ein und eben dasselbe Wort, indem beyde nur im Endlaute verschieden sind, und zu dem Geschlechte der Wörter rennen, rinnen u. s. f. gehören.


Raunen (W3) [Adelung]


3. Raunen, verb. reg. act. et neutr. welches im letztern Falle das Hülfswort haben hat. 1) Eigentlich, leise reden, und leise sagen, ins Ohr sagen, flistern. Es ist so wohl im Ober- als Niederdeutschen üblich, wird aber im Hochdeutschen am meisten in der höhern und edlern Schreibart gebraucht für das vertraulichere flistern. Mit einem raumen. Einem etwas in das Ohr raumen. Der Zischler Ältester, Bisbill, Lehrt heimlich, was er lehren will, Noch gestern hat er ganz erstaunt, Mir, unter uns, ins Ohr geraunt u. s. f. Haged. 2) * Figürlich, heimlich Ratschläge und Anschläge ertheilen und entwerfen, und im weiterer Bedeutung, rathschlagen und Rath geben überhaupt; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Das du mit runen midest mich, daß du mich durch geheime Erinnerungen abhaltest, die Winsbeckinn. Alle die mich hassen, raunen mit einander wider mich, Ps. 41, 8; machen heimliche Anschläge, dergleichen das Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - bedeutet. Bey dem Ulphilas ist daher Garuni ein Rathschlag, und im Angels. Geruna ein Rath, Consiliarius. Einraunen war ehedem für eingeben üblich. Daß ein Göttin im söllich groß meyßheit eynrunet, in dem 1514 gedruckten Livius, und Mathesius gebraucht das Einraunen des heil. Geistes von dessen Eingebung. So auch das Raunen.

Anm. In der ersten eigentlichen Bedeutung bey dem Notker runen, bey dem Hornegk rawnen, im Nieders. runen, im Schwed. runa, im Angels. runian, im Engl. to rowne. Im Nieders. ist ohrrunen ein Ohrenbläser seyn, und Ohrruner ein Ohrenbläser. Es ist so wie flistern und wispern eine unmittelbare Nachahmung des durch leise Reden verursachten Lautes. Verwandte davon sind Ottfrieds Grun, Klage, unser greinen, grunzen, ranzen u. s. f. das runczan in der Monserischen Glosse und bey dem Notker für murren, das Hebr. und Chald. ranaan, murmeln, Rinuum, das Gemurmel, und andere mehr, welche ähnliche Schälle nachahmen. Figürlich, aber längst veraltete Bedeutung von unserm raunen sind, das alte Chiruni und Giruni im Isidor und Tatian, ein Geheimniß, im Angels. Geryna, bey dem Ulphilas Run, und das Wallisische rhinian, zaubern, Isländ. Runa, Zauberey. S. Alraun und Rune.


Raunsche (W3) [Adelung]


Die Raunsche, plur. die -n, im gemeinen Leben einiger Gegenden, ein Nahme der Mangoldrüben, S. 3 die Range und Runkelrübe.


Raupe (W3) [Adelung]


1. Die Raupe, plur. die -n, in dem zusammen gesetzte Aalraupe, ein von Raub und rauben abstammendes Wort. S. Aalraupe und 1. Rappe.


Raupe (W3) [Adelung]


2. Die Raupe, plur. inus. eine Krankheit des Viehes, besonders des Rindviehes, welche in bösen Füßen bestehet, welche triefend werden und einen rauhen Grind ansetzen. Sie ist wohl mit der Raupe bey den Pferden einerley. ( S. 2 die Rappe), da denn in beyden die rauhe Beschaffenheit der Haare und der Haut der Grund der Benennung ist.


Raupe (W3) [Adelung]


3. Die Raupe, plur. die -n, Diminut. das Räupchen, Oberd. Räuplein, ein Insect, oder vielmehr die Larve eines Insectes, welche die Gestalt einer mit vielen Füßen versehenen Made hat, aber gemeiniglich rauch, saftig, weich, und unfähig ist, das Geschlecht fortzupflanzen. Ihrer vielen aber nur kurzen Füße ungeachtet hat sie einen sehr langsamen Gang und überhaupt eine träge Bewegung. Sie verwandelt sich in eine Puppe, und aus dieser wird endlich das vollständige Insect. ( S. Larve.) Die Raupen sind so verschieden als die Insecten, von welchen sie herkommen. Im gemeinen Leben kennet man besonders die Nestraupen, Stammraupen und Ringelraupen, weil sie den Gewächsen den meisten Schaden zufügen. Die Pfeifer sind auch eine Art kleiner Raupen in den Schoten der Rübesaat. ( S. diese Wörter.) In einigen Gegenden kennet man die Raupen unter den Nahmen der Kraut- und Graswürmer. Raupen im Kopfe haben, figürlich, Grillen, seltsame Einfälle; in einem andern Verstande sind Raupen im gemeinen Leben lustige Einfälle, Schwänke.

Anm. Im Niedersächsischen Rupe, im Holländischen Rups, Rupze, im Lotharingischen Roupe. Allem Ansehen nach liegt der Grund der Benennung in dem trägen kriechenden Gange dieser Thiere, da es denn ein naher Verwandter von dem Nieders. krupen, Lat. repere, ist, so wie der Lateinische Nahme Eruca, Ital. Ruca, zu kriechen gehöret. Im Nieders. nennet man daher ein kleines Kind, welches noch nicht gehen, sondern nur kriechen kann, eine Raupe von einem Kinde.


Raupeisen (W3) [Adelung]


Das Raupeisen, des -s, plur. ut nom. sing. eine eiserne Schere an einer langen Stange, die Raupennester damit von den Bäumen zu schneiden; die Raupenschere.


Raupen (W3) [Adelung]


Raupen, verb. reg. act. die Raupen von den Bäumen und Gewächsen absuchen. Daher das Raupen.


Raupenklee (W3) [Adelung]


Der Raupenklee, des -s, plur. inus. ein Nahme des Krebsblume oder des Scorpion-Krautes, Scorpiurus L. wegen seiner haarigen, gekrümmten Samenhülsen, welche den Raupen oder Scorpion-Schwänzen ähnlich sehen; Raupenkraut, Schneckenklee, gleichfalls um der Ähnlichkeit dieser Hülsen mit den Schnecken willen.


Raupennest (W3) [Adelung]


Das Raupennest, des -es, plur. die -er, ein Nest voller Raupen, mehrere beysammen befindliche Raupen.


Raupenschere (W3) [Adelung]


Die Raupenschere, plur. die -n, S. Raupeisen.


Raupenschmeißer (W3) [Adelung]


Der Raupenschmeißer, des -s, plur. ut nom. sing. im gemeinen Leben, ein Nahme der Schmetterlinge, weil aus ihren Eyern die Raupen entstehen; in den groben Sprecharten Raupenscheißer.


Raupenstand (W3) [Adelung]


Der Raupenstand, des -es, plur. inus. der unvollkommene Zustand eines Insectes, so lange es noch eine träge Raupe ist. Figürlich in der edlern Schreibart, der unvollkommenen Zustand des Menschen in diesem Leben, im Gegensatze des künftigen vollkommnern. Mach deinen Raupenstand und eine Hand voll Zeit, Den nicht zu deinem Zweck, die nicht zur Ewigkeit, Hall. Welche schöne Stelle, wie so viele andere, in dem berüchtigten theologischen Wörterbuche mit Unsinn beschüttet worden.


Raupentödter (W3) [Adelung]


Der Raupentödter, des -s, plur. ut nom. sing. ein der Wespe ähnliche Insect mit pergamentenen Flügeln, welches seine Eyer den Raupen der Schmetterlinge in den Leib sticht, da denn die daraus entstehenden Larven sich von ihnen nähren und sie verzehren, bis sie sich selbst in ihnen verpuppt haben, und als Insecten heraus kommen; Ichneumon L.


Rausch (W3) [Adelung]


1. Der Rausch, des -es, plur. inus. ein Nahme, welchen an einigen Orten die Stande der Preiselbeeren oder rothen Heidelbeeren führet, S. Preiselbeere.


Rausch (W3) [Adelung]


2. Der Rausch, des -es, plur. doch nur von mehrern Arte, die Räusche, im Bergbaue einiger Gegenden, z. B. in Tirol, das vollkommen klar gepochte und ausgesiebte Erz; ohne Zweifel als ein Geschlechtsverwandter von Graus, Gries, Grütze u. s. f. welche vermittelst des vorgesetzten Gaumenlautes davon herstammen.


Rausch (W3) [Adelung]


3. Der Rausch, des -es, plur. car. in einigen Gegenden, der Brand an den Gewächsen, besonders an den Blättern des Weinstockes, wo er auch der Laubrausch genannt wird. Vermuthlich aus Einer Quelle mit kraus, weil er die Blätter zusammen schrumpfet.


Rausch (W3) [Adelung]


4. Der Rausch, des -es, plur. die Räusche, Diminut. das Räuschchen, Oberd. Räuschlein, ein von dem folgenden Zeitworte rauschen abstammendes Hauptwort. 1. Eigentlich, ein Geräusch; eine ungewöhnliche Bedeutung, in welcher es nur von einigen neuern Dichtern versucht worden. Doch wenn im Rausch von Pflicht und Vaterlande Mein Bild sich noch in diener Seele mahlt, Götting. Musen-Alm. 1776. 2. Figürlich, verschieden Handlungen, Zustände oder Veränderungen, welche mit einem merklichen Geräusche verbunden sind. 1) Ein schnelles, hell brennendes Feuer, besonders in einem Ofen, heißt im gemeinen Leben, besonders Ober-Deutschlandes, ein Rausch oder Räuschchen Einen Rausch oder ein Räuschchen in den Ofen machen. 2) * Ein schneller Angriff oder Anfall; eine veraltete Bedeutung, wovon Frisch einige Beyspiele anführet. Im ersten Rausche, im ersten Angriffe, in der ersten Hitze. 3) Derjenige Zustand, in welchen man durch gewisse Nahrungsmittel, besonders aber durch starke Getränke versetzet wird, in welchem dieselben eine merkliche Wirkung auf das Gemüth und die Handlungen eines Menschen haben; ohne Bestimmung der Grade dieses Zustandes. Ein kleiner Rausch, ein halber Rausch, ein Räuschchen, ein Jesuiter-Rausch, welchen man im gemeinen Leben auch ein Spitzchen, einen Hieb u. s. f. nennet, zum Unterschiede von einem derben oder dichten Rausche. Der heil. Augustinus sagt in seinen Confess. c. 31, f. 47. sehr treuherzig zu Gott: Ebrietas quidem longe est a me, crapula autem nonnumquam subrepit servo tuo. Einen Rausch haben. Sich einen Rausch trinken. Jemanden einen Rausch zutrinken. Etwas im Rausche thun. Einen Rausch bekommen. Den Rausch ausschlafen. 4) In manchen Gegenden ist der Rausch der merkliche Fall des Wassers, ein Wasserfall. Einem Strome mehrere Räusche verschaffen, am Ober-Rheine.

Anm. Im Nieders. in der Bedeutung 2. 3) Ruusk, im Engl. Rouse, im Schwed. Rus, im Isländ. Russ. Wachter leitet es seltsam genug von dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . Schwere des Kopfes her, indem merklich genug ist, daß Grund der Benennung in dem rauschenden oder brausenden Betragen, vielleicht auch in einer ähnlichen Empfindung eines Berauschten liegt. Im Ungarischen ist reszeg trunken. Das Nieders. Ruse, Ruste, bedeutet theils Geräusch, Lärm, Getümmel, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, theils Zank, Streit und Handgemenge. S. Rauschen.


Rauschbeere (W3) [Adelung]


Die Rauschbeere, plur. die -n, ein Nahme der großen Heidelbeeren, Vaccinium uliginosum L. weil sie rauschen, oder den Kopf einnehmen. S. Heidelbeere 2.


Rauschen (W3) [Adelung]


Rauschen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben und in Einer Bedeutung seyn erfordert, und den Schall sehr natürlich nachahmet, welchen es ausdruckt und welcher sich schwerlich mit andern Worten ausdrucken läßt; diesen Schall von sich geben und hervorbringen. 1. Eigentlich. Das Laub der Bäume rauscht, wenn es von dem Winde heftig bewegt wird. Sich vor einem rauschenden Blatte fürchten. Daß sie soll ein rauschend Blatt jagen, 3 Mos. 26, 36. Wenn du hören wirst das Rauschen auf den Wipfeln der Maulbeerbäume, 2 Sam. 5, 24. Es rauschet als wollte es sehr regnen, 4 Kön. 18, 41. Die Flügel der Thiere rauschen, Ezech. 1, 24. Die Fluthen rauschen daher, Ps. 42, 8. Seidene Kleider, seidene Zeuge rauschen, wenn sie bewegt werden. Nahe Bäche lispelten durch das Gras oder rauschten in kleinen Fällen sanft in das Getöse, Geßn. Ihr Winde, wenn ihr mich kühlt, dann ists als rauschte eine Gottheit unsichtbar neben mir, ebend. Schon rauschet gesunkenes Laub unter des Wandeinden Füßen, ebend. Rausch sanft du rieselnde Quelle, ebend. 2. In engern und figürlichen Bedeutungen. 1) In einigen Gegenden gebraucht man dieses Wort für gähren, so wie dafür im Hochdeutschen das Wort brausen gebraucht wird. Der Most, das Bier rauschet, brauset. 2) Die Schweine rauschen, wenn sie brunsten, d. i. nach der Begattung verlangen. Besonders gebraucht man es von den Säuen. ( S. auch Berauschen.) 3) Bey den Goldplättern ist rauschen, den groben Draht nur Ein Mahl durch die locker gespannten Plättwalzen hindurch ziehen; eine Figur, welche gleichfalls von dem mit dieser Arbeit verbundenen Geräusche hergenommen ist. Es wird daselbst auch active gebraucht, den Draht rauschen. 4) Sich mit einem Geräusche schnell bewegen, mit sey. Ohne etwas zu sagen rauschte sie vor mir vorbey. Jetzt rauscht ein Würmchen schwarz bebarnischt auf glänzend rothen Flügeln vorbey, Geßn. Du Fluß, der du mit blendendem Silberglanze hinter jenen grauen Bergen hervor rauschest, ebend. Auf rosenfarbnen Fittig Rauschet die Morgenröthe vorbey, Zachar. 5) Ein Geräusch machen; am meisten in der edlern Schreibart. Selbst die feyerliche Schöne, die so mit ihrer Tugend rauscht, Wiel. Wenn rauschend Glück den Stolz erhebt, Haged. Im Nieders. ist rusken lärmen, toben, mit ungestümen Geräusche hin und wieder laufen. 6) Einen Rausch verursachen, von gewissen Nahrungsmitteln, besonders aber von starken Getränken. Das Opium rauscht. Wein, Branntwein rauscht. S. auch Berauschen. Daher das Rauschen.

Anm. Im Nieders. rüsken, im Angels. hristlan, im Engl. to rush und to rustle, im Schwed. rusa und ruska, im Ital. strosciare, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . Im Hebr. ist raasch, und im Arab. raascha, erzittern. Es ist eine unmittelbare Nachahmung des Lautes, und mit rasen, brausen, rieseln, rasseln, räuspern, und andern mehr genau verwandt, welche ähnliche Schälle bezeichnen. Das Nieders. drusen ist auch eine Art des Rauschens, so wie auch das Lat. stridere hierher gehöret im welchem die Veränderung des Zischlautes in d und das vorgesetzte st nichts Ungewöhnliches ist.


Rauschgelb (W3) [Adelung]


Das Rauschgelb, subst. indeclin. plur. car. ein Nahme, welchen der rothe Arsenik in der Handlung und bey den Mahlern führet, indem letztere ihn zum Mahlen gebrauchen, weil er eine hochrothe Zinnoberfarbe hat, und brüchig ist; rothes Operment, rother Arsenik, Bergroth, in einigen Sprecharten auch Roßgeld. Henkel vermuthet nicht unwahrscheinlich, daß die erste Hälfte dieses Wortes das Ital. rosso, roth, ist, so daß die letztere Sprechart Roßgeld eigentlich die richtigste seyn würde. Das Rauschgeld ist von dem gelben Arsenik nur in der hochrothen Farbe unterschieden. Da indessen einige dieses Wort auch Reißgeld schreiben und sprechen, so stehet es dahin, ob es nicht vielmehr von reißen, zeichnen, mahlen, abstammet, und den Gebrauch dieses Arsenik von den Mahlern bezeichnet; zumahl da die erste Zusammensetzung doch immer sehr ungewöhnlich ist, und in Rauschgrün eben diese Ableitung zum Grunde zu liegen scheinet.


Rauschgold (W3) [Adelung]


Das Rauschgold, des -es, plur. car. zu zarten dünnen Blättchen geschlagenes Messing, weil es rauscht, wenn es beweget wird; Flittergold, Nieders. Knistergold, Klatergold.


Rauschgrün (W3) [Adelung]


Das Rauschgrün, subst. indeclin. plur. car. eine aus den Beeren des Kreuzdornes, Rhamnus catharticus L. verfertige grüne Saftfarbe; Blasengrün, weil es in Blasen aufbehalten und verkauft wird, Saftgrün. In welchem Verstande es denn aus Reißgrün, verderbt zu seyn scheinet. ( S. Rauschgeld.) In einigen Gegenden wird auch die Moos- oder Sumpfbeerenstaude, Vaccinium oxycoccos L. Rauschgrün genannt, aber alsdann stammet dieses Wort mit Rausch, dem Nahmen der verwandten Preiselbeere, Vaccinium Vitis Idaea L. aus Einer Quelle her. S. 1. Rausch.


Rauschhaube (W3) [Adelung]


Die Rauschhaube, plur. die -n, bey den Falkenjägern, eine Haube, womit die wilden Falken, wenn sie erst gefangen worden, gehaubet werden.


Rauschpfeife (W3) [Adelung]


Die Rauschpfeife, plur. die -n, ein besonderes Register von Pfeifen in den Orgeln, da Quinta drey Fuß und Superoctava zwey Fuß zusammen gezogen werden, da denn ein solches Register von einigen auch die Rausch-Quinte genannt wird. Ohne Zweifel von dem rauschenden Klange.


Räuspern (W3) [Adelung]


Räuspern, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches nur von demjenigen Laute gebraucht wird, den man macht, wenn man einen rauhen Hals, oder Unreinigkeiten in dem Halse hat, und solche mit dem diesem Worte eigenthümlichen Schalle heraus zu bringen sucht. Das Räuspern ist ein geringerer Grad des Hustens. Man gebraucht es so wohl absolute, räuspern, als auch reciproce, sich räuspern. Wie das Räuspern des kommenden Rectors die müßigen Schulknaben zerstreuet. Im Nieders. ruspern. Die Endsylbe -ern bezeichnet ein Iterativum. Das Stammwort raspen oder rauspen ist im Hochdeutschen veraltet. Raspeln stammet gleichfalls daher. Übrigens ist für räuspern in den Nieders. Mundarten auch harken, racken und quarren üblich. Ähnliche Nachahmungen des Lautes sind das Lat. screare in exscreare, das Ital. raschiare und das Franz. cracher.


Raute (W3) [Adelung]


1. Die Raute, plur. die -n, Diminut. das Räutchen, ein nur bey den Tischlern und Werkleuten übliches Wort, den erhabenen Theil zwischen den Hohlkehlen zu bezeichnen, welcher sonst auch der Stab genannt wird. Es scheinet in diesem Verstande zu Ruthe zu gehören, welches auch in Meßruthe, Brunnenruthe u. s. f. einen starken aber langen und schwankenden Stab bedeutet. Im Nieders. heißt der Pflugstocher Rüde, und im Schwed. ist Ris, ein Balken. S. Ruthe.


Raute (W3) [Adelung]


2. Die Raute, plur. die -n, der Nahme einer Pflanze von welcher es mehrere Arten gibt; Ruta L. S. Bergraute Kreuzraute, Gartenraute u. s. f. Die stark riechende Raute, Ruta graveolens welche auch nur Raute schlechthin genannt wird, und wovon die Kreuzraute eine Abänderung ist, ist in den warmen Ländern einheimisch, und stärker durch ihre Bitterkeit den Magen, daher sie auch roh auf Butterbrot gegessen wird. Wegen der Ähnlichkeit in dem Stamme und Blättern führen noch mehrere Gewächse diesen Nahmen, S. Wiesenraute, Geißraute, Ackerraute, Beerraute, Hundsraute, Hofraute, Mauerraute u. s. f.

Anm. Im Nieders. Rue, Rude, im Angels. Rude, im Engl. und Franz. Rue, im Span. Ruda, im Böhm. Rauta, im Lat. Ruta, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . Wäre nur allein die stark riechende Raute unter diesem Nahmen bekannt, so könnte man vermuthen, daß sie wegen ihres rauhen und rässen Geschmackes so genannt worden. Allein da sich alle Gewächse, welche diesen Nahmen führen, durch ihre ruthenartigen Stängel und Zweige sehr merklich unterscheiden, so ist es mehr als wahrscheinlich, daß dieser Nahem mit Ruthe Eines Geschlechtes ist. Die Aber- oder Eberraute ist eben um deßwillen auch unter dem Nahmen der Stabwurz bekannt. Im Wallis. heißt die Raute mit einem andern Endlaute Rhyw, welches mit dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, eine Ruthe, überein kommt, und die Verwandtschaft mit Reif bestätiget.


Raute (W3) [Adelung]


3. Die Raute, plur. die -n, ein Nahme, welchen nur noch der Laubkranz oder nach andern die Krone in dem Wapen des Herzogthums Sachsen führet, außer welchem Falle es in dieser Bedeutung veraltet ist. Man hat über die Bedeutung und Abstammung dieses Wortes allerley seltsame Meinungen vorgetragen, welche ich hier nicht wiederhohlen will. Allein, es ist sehr erweislich, daß Raute ehedem einen Kranz oder Krone bedeutet habe, und mit Rad Eines Geschlechtes ist, so fern beyde Wörter in der allgemeinen Bedeutung eines runden Reifes mit einander überein kommen. Die Schlösser nennen noch jetzt den runden Ring, welcher den Griff der Schlüssel ausmacht, mit einer unerheblichen Veränderung die Räute, und der Räutenrichter ist bey ihnen ein Werkzeug, diesem Ringe seine gehörige Gestalt zu geben. Da t und s beständig in einander übergehen, und der Gaumenlaut ein unwesentlicher Vorschlag ist, so erhellet daraus auch die Verwandtschaft mit Kreis, Kreisel, kraus u. s. f. S. auch das folgende.


Raute (W3) [Adelung]


4. Die Raute, plur. die -n, Diminut. das Räutchen, ein Wort, welches ehedem, 1) überhaupt, eine jede viereckige Figur oder Fläche bedeutet hat; von welcher Bedeutung aber im Deutschen nur noch einige Überreste vorhanden sind. In den gemeinen Sprecharten, besonders Nieder-Deutschlandes, werden die Fensterscheiben noch Rauten genannt. Da indessen die ältesten Fensterscheiben gemeiniglich eine runde Gestalt haben, so scheinet es hier vielmehr zu dem vorige Raute, ein Kranz, und in weiterer Bedeutung eine runde Fläche, zu gehören. In der Deutschen Karte führen die auf der Spitze stehenden Quadrate, ohne eben Rauten in der folgenden Bedeutung zu seyn, den Nahmen der Raute; Franz. Carreau, eigentlich Quarreau. Daher der Rautenkönig, der Rautenober, das Rautendaus u. s. f. Auch die viereckigen Felder eines Bretspieles heißen noch im gemeinen Leben Rauten, daher rautenweise zuweilen auch noch für geschachtet, d. i. in solche Felder getheilt, gebraucht wird. Im Schwed. ist Ret und Ruta, im Isländ. Reitr, und im Finnländ. Ruutu, ein jedes Quadrat oder Viereck. 2) In engerer und gewöhnlicher Bedeutung ist die Raute ein gleichseitiges Viereck, welches lauter schiefe Winkel hat; ein geschobenes Viereck, die Rautenvierung, Lat. Rhombus. Eine längliche Raute, Rhomboides, ist eine solche Vierung, an welcher nur die gegen über stehenden Seiten einander gleich sind.

Anm. Raute scheinet ursprünglich, eins jede ebene Fläche, Scheibe, oder so etwas bedeutet zu haben, und mit dem Meißnischen Raite oder Reite in Hofraite, der Hofplatz bey einem Landgute, Eines Geschlechtes zu seyn, da es denn zu Ruthe, reiten, dem Angels. rietan, reichen, und allen Wörtern dieser Art, welche eine Ausdehnung bedeuten, gehören würde. Breit, Bret u. a. m. haben sich nur durch die Vorlaute unterschieden, so wie das Griech. und Lat. Rhombus nur in dem Endlaute unterschieden zu seyn scheinet.


Räute (W3) [Adelung]


Die Räute, plur. die -n, S. 3 Raute.


Rautenessig (W3) [Adelung]


Der Rautenessig, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, ein auf frisches Kraut von der stark riechenden Raute gegossener Weinessig, welcher der Fäulniß Geblütes widerstehet. S. 2 Raute.


Rautenkranz (W3) [Adelung]


Der Rautenkranz, des -es, plur. die -kränze, ein aus der stark riechenden Raute gewundener Kranz. Viele pflegen auch die Raute, d. i. den Kranz oder die Krone in dem Sächsischen Wapen, mit diesem Nahmen zu belegen, in der durch eine falsche Etymologie veranlaßten Meinung, daß dieser ein wirklich Rautenkranz sey. S. 3 Raute.


Räutenrichter (W3) [Adelung]


Der Räutenrichter, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Schlössern, ein eiserners Prisma mit vier gleichen Seiten, welches an den beyden Enden konisch ist, der Räute damit ihre längliche Gestalt zu geben. S. 3 Raute.


Rautenstich (W3) [Adelung]


Der Rautenstich, des -es, plur. die -e, eine Art der künstlichen Stiche bey den Nähterinnen.


Rautenvierung (W3) [Adelung]


Die Rautenvierung, plur. die -en, S. 4 Raute.


Räutern (W3) [Adelung]


Räutern, sieben. S. 2 Rädern und Reitern.


Rautzeule (W3) [Adelung]


Die Rautzeule, plur. die -n, im gemeinen Leben einiger Gegenden, ein Nahme der Kirsch- oder Schleyereule, Ulula Aluco Kl. Ohne Zweifel wegen ihres Geschreyes, so wie Aluco von locken abgeleitet wird.


Ravelin (W3) [Adelung]


Das Ravelin, des -es, plur. die -e, aus dem Franz. Ravelin, im Festungsbaue, ein Außenwerk, welches bloß aus zwey Faßen bestehet, und über den Graben vor die Cortine geleget wird.


Real (W3) [Adelung]


Der Real, des -en, plur. die -en, aus dem Spanischen Reale, und dieß von dem Lat. Regalis, der Nahme einer Spanischen Silbermünze, welche drey gute Groschen oder sechs Holländische Stüver gilt. In weiterm Verstande wurden ehedem oft alle in Spanien auf königliche Veranstaltung geprägte Gold- und Silbermünzen Realen genannt, da sich denn unter Carl V. auch goldene Reale finden, welche ungefähr einen halben Ducaten machten. Auch die Stücke von Achten, welche acht kleinere Realen zu 3 Gr. halten und auch Philipps-Thaler heißen, kommen noch jetzt zuweilen unter dem Nahmen der Reale vor. Wenn sich ein Zahlwort dabey befindet, so bleibt es im Plural, nach dem Muster so vieler andern Wörter dieser Art, oft unverändert. Sechs Real für sechs Realen.


Reale (W3) [Adelung]


Die Reale, plur. die -n, aus dem Ital. Reale, und dieß gleichfalls aus dem Lat. Regalis in den Italiänischen Staaten, der Nahme der vornehmsten Galeere eines unabhängigen Staates.


Real-Schule (W3) [Adelung]


Die Real-Schule, plur. die -n, eine Schule, in welcher nicht bloß Worte und Sprachen, sondern zum bürgerlichen Leben nöthige Künste und Wissenschaften gelehret werden. Von dem mittlern Lat. realis, Franz. reel, so fern es bloßen Worten entgegen gesetzt ist.


Rebacker (W3) [Adelung]


Der Rebacker, des -s, plur. die -äcker, im Oberdeutschen ein mit Weinstöcken bepflanzter Acker; ein Weingarten, Weinberg. S. Rebe.


Rebasche (W3) [Adelung]


Die Rebasche, S. Rebenasche.


Rebauge (W3) [Adelung]


Das Rebauge, S. Rebenauge.


Rebben (W3) [Adelung]


* Rebben, verb. reg. act. et neutr. welches im letztern Falle das Hülfswort haben erfordert, aber nur in den gemeinen Sprecharten einiger Gegenden üblich ist, wo es für springen oder beyspringen, d. i. zur Fortpflanzung befruchten, von dem männlichen Geschlechte einiger größern Thiere, z. B. den Hengsten und Zuchtochsen, gebraucht wird. Der Hengst rebbet. Eben daselbst bedeutet es auch, nach der Fortpflanzung verlangen, brunsten. Nieders. repen, reppen. Im Wendischen ist Ryba das männliche Glied. Es ist so wie rammeln, ranzen und andere Wörter dieser Art, von der Bewegung hergenommen. S. Repphuhn.


Rebbes (W3) [Adelung]


Rebbes, S. Rappuse.


Rebbinde (W3) [Adelung]


Die Rebbinde, plur. die -n, in einigen, besonders Oberdeutschen Gegenden, ein Nahme der Waldrebe. S. dieses Wort.


Rebe (W3) [Adelung]


Die Rebe, plur. die -n, sehr häufig auch im männlichen Geschlechte, der Rebe, des -n, plur. die -n. 1. * Überhaupt, die Ranken und Ranken ähnlichen, d. i. langen, dünnen und schwanken Zweige an den Gewächsen. In dieser weitern Bedeutung ist es im Hochdeutschen veraltet, obgleich die Nahmen Gundelrebe und Waldrebe noch dieselbe aufbehalten haben. Im Schwed. ist Refva eine Hopfenvanke. 2. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung führen nur die langen schwanken Zweige des Weinstockes, die Weinreben, den Nahmen der Reben, dagegen bey andern Gewächsen das Wort Ranke üblicher ist. 1) Eigentlich. Die Reben anbinden. Volle Reben. Im engsten Verstande werden nur die jungen dießjährigen Sprossen an den Weinstöcken Reben genannt, welche entweder aus der Wurzel oder aus den im vorigen Jahre verkürzten Reben, welche man in den Weinländern Stürzel, Knoten, Schenkel oder Ranken heißt, aufwachsen. Junge Reben pflanzen. Die Reben lesen, in den Weinbergen, die jungen dießjährigen Reben aufsuchen und anbinden, welche Arbeit auch rähmen genannt wird. 2) Figürlich. a) Der Weinstock selbst; in welchem Verstande es in den Weinländern sehr häufig ist, und auch in vielen der folgenden Zusammensetzungen vorkommt. Im Oberdeutschen bedeutet es auch zuweilen den Weinberg. Arbeiter in den Reben schicken, Kaisersb. b) Die Nachkömmlinge einer Familie oder eines Geschlechtes, doch nur in der dichterischen Schreibart; in welcher Bedeutung es auch in der Deutschen Bibel mehrmahls vorkommt.

Anm. Bey dem Ottfried, Willeram und Notker Rebo, im Böhmischen Rywa. Es ist außer allem Zweifel, daß mit diesem Worte auf die lange, dünne, schlanke Beschaffenheit der Reben gesehen werde, daher es ein naher Verwandter von Reif, Rippe u. s. f. ist. ( S. diese Wörter.) Im Böhmischen bedeutet Raub einen jeden jungen Zweig oder Schößling, und im Arabischen werden die von den Bäumen herab hangenden Zweige Raefon genannt. In einigen Oberdeutschen Gegenden heißt ein Bindfaden Rebschnur, und im Nieders. wird auch eine Weinrebe Ranke genannt. So wohl im Hoch- als Oberdeutschen wird dieses Wort ohne allen Unterschied bald im männlichen, bald im weiblichen Geschlech- te gebraucht. Indessen scheinet das weibliche Geschlecht der Hochdeutschen Mundart angemessener zu seyn. In der Deutschen Bibel kommen gleichfalls beyde Geschlechter vor. In den Zusammensetzungen, wo es oft den Weinstock überhaupt bedeutet, verkürzet die Oberdeutsche Mundart es häufig in Reb -; z. B. Rebland, Rebasche, Rebmesser u. s. f. Die Hochdeutsche spricht, wenn sie dieser Wörter nicht entrathen kann, lieber vollständig Rebenland u. s. f. zumahl wenn auf das b ein Mitlauter folgt, da es ohne die Sylbe en den Laut eines p bekommen würde.


Rebell (W3) [Adelung]


Der Rebell, des -en, plur. die -en, Fämin. die Rebellinn, eine Person, welche sich ihrer ordentlichen und rechtmäßigen Obrigkeit mit öffentlicher Gewalt widersetzt; ein Aufrührer. Aus dem Lat. rebellis. Gemeiniglich gebraucht man der Rebell von beyden Geschlechtern; indessen findet sich auch Beyspiele von Rebellin. Ehe man dieses Wort aus dem Lateinischen annahm, suchte man sich durch buchstäbliche Übersetzungen desselben zu helfen. Daher heißt ein Rebell im Isidor Widarbruhtic, und im Kero Widarwigo.


Rebelle (W3) [Adelung]


Die Rebelle, plur. die -n, bey den Gärtnern, der aus dem Franz. Mirabelle, oder Lat. Mirabilis, verstümmelte Nahme der Wunderblume; Mirabilis dychotoma L.


Rebellion (W3) [Adelung]


Die Rebellion, plur. die -en, die gewaltsame Widersetzung mehrerer wider die rechtmäßige obrigkeitliche Gewalt; der Aufruhr. Eine Rebellion erregen. Aus dem Lat. Rebellio.


Rebelliren (W3) [Adelung]


Rebelliren, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, eine Rebellion anfangen, sich der rechtmäßigen Obrigkeit mit offenbarer Gewalt widersetzen. Aus dem Lat. rebellare.


Rebellisch (W3) [Adelung]


Rebellisch, -er, te, adj. et adv. sich der rechtmäßigen Obrigkeit mit öffentlicher Gewalt widersetzen, und darin gegründet. Rebellische Unterthanen. Ingleichen figürlich. Das rebellische Herz, welches sich den Lehren der Vernunft widersetzet. Eine kurze Zerstreuung wird diese rebellischen Vorurtheile bald zum Schweigen bringen, von Brawe.


Rebenasche (W3) [Adelung]


Die Rebenasche, plur. car. im gemeinen Leben, besonders Oberdeutschlandes die Rebasche, die aus Weinreben gebrannte Asche.


Rebenauge (W3) [Adelung]


* Das Rebenauge, im Oberd. Rebauge, plur. die -n, die Blüthknospe an den Weinreben oder Weinstöcken; von Rebe, der Weinstock.


Rebenblatt (W3) [Adelung]


Das Rebenblatt, Oberd. Rebblatt, des -es, plur. die -blätter, ein Blatt von dem Weinstocke; das Weinblatt.


Rebendolde (W3) [Adelung]


Die Rebendolde, plur. die -n, eine Pflanze, welche in den Wassergräben und Sümpfen Europens wächst; Oenanthe L.


Rebenhain (W3) [Adelung]


Der Rebenhain, des -es, plur. die -e, in der dichterischen Schreibart, ein aus Reben, d. i. Weinstöcken, bestehender Hain. Wenn die Mädchen und die Jünglinge im Rebenhain lachen, und die reifen Trauben sammeln, Geßn.


Rebenholz (W3) [Adelung]


Das Rebenholz, des -es, plur. car. das Holz der Weinreben, und in weiterer Bedeutung des Weinstockes überhaupt; im Oberd. Rebholz.


Rebenlaub (W3) [Adelung]


Das Rebenlaub, Oberd. Reblaub, des -es, plur. car. das Laub des Weinstockes; Weinlaub. Das Reblaub, das von sanften Morgenwinden bewegt am Fenster sich wölbte, Geßn.


Rebenmesser (W3) [Adelung]


Das Rebenmesser, Oberd. Rebmesser, des -s, plur. ut nom. sing. ein Messer, wie es die Winzer zum Beschneiden der Weinstöcke gebrauchen; das Weinmesser.


Rebenpfahl (W3) [Adelung]


Der Rebenpfahl, Oberd. Rebpfahl, des -es, plur. die -pfähle, ein Pfahl, so fern er den Reben, d. i. dem Weinstöcke, zur Stütze dienet; der Weinpfahl.


Rebenreich (W3) [Adelung]


Rebenreich, -er, -ste, adj. et adv. reich an Reben, d. i. Weinstöcken. Wo um den rebenreichen Rhein Sonst Bachus fröhlich ging, Opitz.


Rebensaft (W3) [Adelung]


Der Rebensaft, des -es, plur. doch nur mehrern Arten, die -säfte, der Wein, in der dichterischen Schreibart. Wie strahlt das Feuer schöner Augen! Wie blinkt der helle Rebensaft! Haged.


Rebenspitze (W3) [Adelung]


Die Rebenspitze, Oberd. Rebspitze, plur. die -n, die beym Beschneiden des Weines abgeschnittenen Spitzen der Reben; am Rheine Blindholz.


Rebenstecher (W3) [Adelung]


Der Rebenstecher, des -s, plur. ut nom. sing. ein kleiner Rüsselkäfer von grüner, brauner oder blauer Farbe, welcher die jungen Rebenschosse, und die Stiele der Blätter und Trauben abkneipt, daß sie verderben müssen; in einigen Gegenden Rebensticher, Weinsticher, in Österreich Pozenstecher.


Rebenstock (W3) [Adelung]


Der Rebenstock, Oberd. Rebstock, des -es, plur. die -stöcke, der Weinstock.


Rebenthräne (W3) [Adelung]


Die Rebenthräne, Oberd. Rebthräne, plur. die -n, die Tropfen, welche im Frühlinge aus den beschnittenen Weinreben in Gestalt der Thränen tröpfeln; die Weinthräne, das Rebenwasser, Oberd. Rebwasser.


Rebgewächs (W3) [Adelung]


Die Rebgewächs, des -es, plur. car. ein nur im Oberd. für Weinwachs übliches Wort. Ein Land hat gutes Rebgewächs, wenn es guten Weinwachs hat.


Rebhuhn (W3) [Adelung]


Das Rebhuhn, S. Repphuhn.


Rebland (W3) [Adelung]


* Das Rebland, des -es, plur. die -länder, im Oberdeutschen, zum Weinbaue bestimmtes, mit Weinstöcken bepflanztes, für den Weinbau bequemes Land. So werden Weinberge, Weingärten u. s. f. daselbst häufig Rebländer genannt.


Rebmann (W3) [Adelung]


* Der Rebmann, des -es, plur. die Rebleute, gleichfalls nur im Oberdeutschen, Leute, welche aus der Bearbeitung und Behandlung des Weinstockes ihr Hauptgeschäft machen, und welche man am häufigsten Winzer nennet.


Rebrecht (W3) [Adelung]


* Rebrecht, -er, -este, adj. et adv. auch nur im Oberdeutschen, für rebenrecht. Ein rebrechter Wein, ein unverfälschter, natürlicher Wein, so wie er von der Rebe, d. i. vom Weinstocke, kommt.


Rebschoß (W3) [Adelung]


* Der Rebschoß, des -sses, plur. die -sse, eben daselbst, junge Sprößlinge an der Rebe, d. i. dem Weinstockes, welche man auch im engsten Verstande Reben nennet.


Recept (W3) [Adelung]


Das Recept, des -es, plur. die -e, Diminut. das Receptchen, Oberd. das Receptlein, die schriftliche Vorschrift, was und wie viel man von gewissen Dingen nehmen müsse, um einen dritten künstlich vermischten Körper hervor zu bringen. Besonders eine Vorschrift des Arztes, wie der Apotheker eine Arzeney zusammen setzen und verfertigen soll; die Arzeney-Formel. Es ist aus dem Lateinischen Worte recipe gebildet, welches die Ärzte schon seit langen Zeiten zu Anfange ihrer Arzeney-Formeln zu schreiben pflegen.


Receß (W3) [Adelung]


Der Receß, des -sses, plur. die -sse, aus dem Lat. Recessus. 1) Ein schriftlicher Vergleich, worin sich zwey oder mehrere Personen über eine streitige Sache vergleichen; der Vergleich, Vertrag. Der Haupt-Receß, Neben-Receß, Erb-Receß, Gränz-Receß u. s. f. Daher recessiren, sich vermittelst eines Recesses vergleichen. 2) In den Gerichten einiger Gegenden wird der mündliche Vortrag eines Advocaten vor Gerichte der Receß genannt; welchen Nahmen denn auch ein kurzer, schriftlicher Aufsatz bekommt, welcher anstatt dieses mündlichen Vortrages bey Gerichte eingegeben wird, und seine vorgeschriebene Länge und Form hat. 3) Auch der Rückstand, d. i. die versäumte Zahlung einer schuldigen Summe, und diese Summe selbst wird zuweilen der Receß genannt. Im Recesse seyn, im Rückstande. Im Bergbaue bauet eine Zeche den Receß ab, wenn der ihrem Baue gethane Vorschuß von ihrem Ertrage bezahlet werden kann.


Receß-Buch (W3) [Adelung]


Das Receß-Buch, des -es, plur. die -Bücher, im Bergbaue, ein eigenes Buch, in welches die vierteljährigen Rechnungen über die Kosten, Vorräthe, Recesse, oder Schulden einer Zeche eingetragen worden.


Receß-Schreiber (W3) [Adelung]


Der Receß-Schreiber, des -s, plur. ut nom. sing. eben daselbst, derjenige, welcher alle Vierteljahre nach gehaltener Amtsrechnung die Rechnungen einer Zeche in das Receß-Buch trägt.


Receß-Schuld (W3) [Adelung]


Die Receß-Schuld, plur. die -en, eben daselbst, Schulden einer Zeche, über welche ordentliche Rechnung gehalten worden, vermuthlich von Receß, schriftliches Verfahren.


Rechen (W3) [Adelung]


Der Rechen, des -s, plur. ut nom. sing. 1. Eigentlich, ein Werkzeug der Gärtner und Landwirthe, welches aus einem mit Zähnen oder Zinken versehenen Holze an einem langen Stiele bestehet, die aufgegrabene Erde damit zu ebenen, abgehauenes Gras oder Getreide damit zusammen zu bringen u. s. f. Der Nahme ist besonders der Hoch- und Oberdeutschen Mundart eigen, dagegen die Niederdeutsche dieses Werkzeug eine Harke nennet. Ehedem wurde auch die Ege im Oberd. ein Rechen genannt. 2. Figürlich, wegen einiger Ähnlichkeit in der Gestalt. 1) An großen Teichen in der Rechen ein drey- oder viereckiges hölzernes Wassergebäude an einem Damme, welches aus vielen enge an einander stehenden und oben und unten in starke Balken eingezapften Sprossen bestehet, das Wasser dadurch abfließen zu lassen, die Fische aber zurück zu halten; der Teichrechen. Die Wassermühlen haben zuweilen einen ähnlichen Rechen vor den Rädern, zu verhindern, daß mit dem Wasser nichts Schädliches auf die Räder falle; der Mühlrechen, Holzrechen dergleichen Vorrichtung quer über einen Fluß, das auf demselben geflößte Holz zurück zu halten. 2) An den Schlageuhren ist der Rechen oder Uhrrechen ein Werkzeug an dem Vorlegewerke, welches dem Rechen der Gärtner gleicht, nur daß es einen bogigen Rand hat, und mit Sperrzähnen ausgeschnitten ist. Er dienet die zwölf Uhrschläge abzumessen, und wird auch der Steller genannt. Franz. Rateau. 3) Bey den Papiermachern ist der Rechen ein breterner Kasten, in welchen Wasser fallen kann, mit einer Rührstange, den in der Holländerey gemahlnen Zeug darin flüssiger zu machen. Er wird an einigen Orten das Buttloch genannt, weil er sich neben der großen Butte befindet. Den Nahmen eines Rechens führet er vermuthlich wegen seiner Ähnlichkeit mit einem Teichrechen. Anm. Im Angels. Race, im Engl. Rake, im Lotharingischen le Rechtel, lo Retia, und mit andern Endlauten im Franz. Rateau, im Lat. Rastrum, Rastellum, im Ital. Rastello. ( S. das folgende.) Das Nieders. Harke kann durch Versetzung des r, oder jenes aus diesem, entstanden seyn.


Rechen (W3) [Adelung]


Rechen, verb. reg. act. mit dem Rechen in der ersten eigentlichen Bedeutung bearbeiten. Das Heu auf den Wiesen rechen, oder zusammen rechen. Die Gänge in den Gärten rechen, mit dem Rechen ebenen. Die umgegrabenen Beete rechen. So auch das Rechen.

Anm. In den Niedersächsischen Mundarten ist dafür harken üblich. Beyde sind unmittelbare Nachahmungen des Schalles, welchen der Gebrauch dieses mit Zähnen versehenen Werkzeug verursacht, und da dieser Schall sich auch bey andern Arten von Bewegungen findet, so ist raken im Nieders. auch scharren, fegen u. s. f. In den meisten der folgenden Zusammensetzungen gehöret die erste Hälfte nicht hierher, sondern zu dem Zeitworte rechnen, oder vielmehr zu dessen alten Stammworte rechen, zählen.


Rechenbohrer (W3) [Adelung]


Der Rechenbohrer, des -s, plur. ut nom. sing. ein Bohrer, die Löcher zu den Zinken eines Feld- oder Gartenrechens damit zu bohren.


Rechenbret (W3) [Adelung]


Das Rechenbret, des -es, plur. die -er, ein Werkzeug, das Rechnen zu erleichtern, welches aus einem hölzernen Brete oder aus einer andern ebenen Fläche bestehet, die durch Linien, Fäden oder Rinnen, nach Maßgebung der Stellen der Ziffern, in gewisse Classen oder Fächer getheilet ist; die Rechentafel, und wenn es mit einem eigenen Fuße in Gestalt eines Tisches versehen ist, der Rechentisch, ehedem die Rechenbank.


Rechenbuch (W3) [Adelung]


Das Rechenbuch, des -es, plur. die -bücher. 1. Ein Buch, in welchem die Rechenkunst gelehret wird, welches rechnen lehret. Ingleichen ein Buch, in welchem man zur Übung rechnet. 2) Ein Buch, in welches Rechnungen, d. i. Verzeichnisse der Ausgabe und Einnahme, eingetragen werden; eine nur im Oberdeutschen übliche Bedeutung, wofür im Hochdeutschen Rechnungsbuch gangbar ist.


Recheney (W3) [Adelung]


Die Recheney, plur. die -en, in einigen, besonders Oberdeutschen Gegenden, eine Rechenkammer. So ist z. B. zu Frankfurt am Main ein Recheneyamt, ein aus Raths-Deputirten bestehendes Collegium, welches die Einkünfte der Stadt überhaupt verwaltet und berechnet.


Rechenfehler (W3) [Adelung]


Der Rechenfehler, des -s, plur. ut nom. sing. ein im Rechnen begangener Fehler, der von einem Rechnungsfehler noch verschieden ist.


Rechenhaut (W3) [Adelung]


Die Rechenhaut, plur. die -häute, eine im Hochdeutschen ungewöhnlich gewordene Benennung einer Art Pergamentes, auf welches man schreiben und rechnen, und das Geschriebene wieder wegwischen kann, dergleichen z. B. das Pergament in den Schreibtafeln ist.


Rechenherr (W3) [Adelung]


Der Rechenherr, des -en, plur. die -en, an einigen Orten, ein Nahme einer obrigkeitlichen Person, welche die Rechnungen anderer durchstehen, und zuweilen auch derjenigen, welche der Einnahmen und Ausgabe vorgesetzt ist.


Rechenkammer (W3) [Adelung]


Die Rechenkammer, plur. die -n, an einigen Orten, ein Collegium, welches die Rechnungen der untern Beamten nachrechnet. Zuweilen auch ein jedes Collegium, welches der Einnahme und Ausgabe vorgesetzet ist; in Frankfurt am Main die Recheney. S. Rechnungskammer.


Rechenknecht (W3) [Adelung]


Der Rechenknecht, des -es, plur. die -e, eine Erfindung, die Aufgaben der Rechenkunst mechanisch, ohne Nachdenken aufzulösen.


Rechenkunst (W3) [Adelung]


Die Rechenkunst, plur. car. die Kunst zu rechnen, die Fertigkeit, Wissenschaft, aus gegebenen Zahlen andere zu finden, ingleichen objective, der Inbegriff der dazu gehörigen Regeln; Arithmetica. S. Rechnungskunst.


Rechenmeister (W3) [Adelung]


Der Rechenmeister, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Derjenige, welcher andern die Rechenkunst lehret, im Rechnen Unterricht ertheilet. Zuweilen auch, 2) derjenige, welcher die Rechenkunst vollkommen verstehet, in derselben Meister ist. 3) In einigen Gegenden, z. B. zu Mainz, Cöln u. s. f. ist der Rechenmeister der Vorgesetzte eines Rechenamtes oder einer Rechenkammer.


Rechenpfennig (W3) [Adelung]


Der Rechenpfennig, des -es, plur. die -e, aus Messing oder andern Metallen in Gestalt der Pfennige, d. i. des Geldes, geschlagene Marken, vermittelst derselben auf dem Rechenbrete zu rechnen; der Zahlpfennig, in einigen Oberdeutschen Gegenden auch nur der Rechen, im Nieders. Sligte, von schlicht, glatt, vermuthlich, so fern sie ehedem glatt und ohne alles Gepräge waren. Daher der Rechenpfennigschläger, der solche schlägt, und so fern er auch Flittern oder Flintern verfertiget, auch Flitterschläger und Flinterschläger genannt wird.


Rechenschaft (W3) [Adelung]


Die Rechenschaft, plur. car. die pflichtmäßige Anzeige seines Verhaltens, und der Gründe desselben an einen Obern. Jemanden Rechenschaft geben, oder anlegen; ihm Rechenschaft von etwas geben. Jemanden zur Rechenschaft fordern, oder ziehen, oder Rechenschaft von ihm fordern, diese Anzeige von ihm fordern. Am Ende eines jeden Tages Rechenschaft von sich selbst fordern. Warum willst du mit ihm (Gott) zanken, daß er dir nicht Rechenschaft gibt alles seines Thuns, Hiob. 13, 13, besser von seinem Thun, oder seines Thuns. Die Menschen müssen Rechenschaft geben am jüngsten Gerichte von einem jeglichen unnützen Wort, Math. 12, 36. Mit andern als den jetzt angezeigten Zeitwörtern kommt es im Hochdeutschen nicht vor, daher die R. A. Rechenschaft mit feinen Knechten halten, Math. 25, 19, mit ihnen abrechnen, sie zur Rechenschaft fordern, nicht nachzuahmen ist.

Anm. Im Nieders. Rekenschup. Es hat alles Ansehen eines alten Wortes, ob es sich gleich bey unsern alten Schriftstellern noch nicht hat wollen finden lassen. Kero gebraucht dafür Reduin, Rede, vermuthlich auf Anleitung des Lat. Ratio. Es scheinet, daß rechen oder rechnen hier noch in seiner längst veralteten ersten Bedeutung, da es so viel als reden bedeutete, und der Grund von sprechen ist, gebraucht werde, so daß Rechenschaft hier eben das ist, was Rede in dem Ausdrucke ist, Rede und Antwort von etwas geben; man müßte denn erweisen können, daß Rechenschaft eigentlich und zunächst von Ablegung der Rechnungen gebraucht worden. S. Rechnen Anm.


Rechenschule (W3) [Adelung]


Die Rechenschule, plur. die -n, eine Schule, in welcher im Rechnen Unterricht ertheilet wird.


Rechenstab (W3) [Adelung]


Der Rechenstab, des -es, plur. die -stäbe, Dimin. das Rechenstäbchen, Oberd. Rechenstäblein, kleine viereckte Stäbchen, worauf entweder das Einmahl eins oder auch vier Stücke von dem Canone hexacontadon geschrieben sind, vermittelst derselben das Rechnen zu erleichtern. Die Neperischen Stäbchen und Sexagonal-Stäbchen sind von dieser Art.


Rechenstift (W3) [Adelung]


Der Rechenstift, des -es, plur. die -e, der Stift oder Griffel von Schiefer, womit man auf die Rechentafel schreibt.


Rechentafel (W3) [Adelung]


Die Rechentafel, plur. die -n, Dimin. das Rechentäfelchen, eine Tafel, darauf zu rechnen oder das Rechnen zu erleichtern. Besonders 1) das Rechenbret, welches bey einigen gleichfalls diesen Nahmen führet. ( S. dieser Wort.) 2) Eine Tafel von Schiefer, eine Schiefertafel, ist gleichfalls unter dem Nahmen der Rechentafel bekannt. 3) Auch das Einmahls eins wird von vielen mit diesem Nahmen belegt.


Rechentisch (W3) [Adelung]


Der Rechentisch, des -es, plur. die -e, Dimin. das Rechentischchen, Oberd. Rechentischlein. S. Rechenbret.


Rechling (W3) [Adelung]


Der Rechling, des -es, plur. die -e, in einigen Gegenden, derjenige Fisch, welcher im Hochdeutschen unter dem Nahmen des Börses am bekanntesten ist; Perca L. Ohne Zweifel wegen seiner Stacheln, wegen welcher er einem Rechen nicht unähnlich ist. Siehe Bars.


Rechnen (W3) [Adelung]


Rechnen, verb. reg. act. et neutr. welches im letztern Falle das Hülfswort haben erfordert. 1) * Im eigentlichsten und ursprünglichen Verstande, sagen, reden, sprechen, und besonders erzählen; eine im Hochdeutschen längst veraltete Bedeutung, welche indessen doch der Grund aller folgenden ist, daher sie hier eine Stelle verdienet. Bey dem Kero ist rahhon erzählen, bey dem Ottfried rechan gleichfalls erzählen, und irreken mit Worten ausdrucken, und bey dem Notker rachan erklären; von welchem rachen oder rechen unser rechnen das Intensivum ist 2) Zählen; eine nur noch in einigen Fällen übliche Bedeutung. Etwas an den Fingern herrechnen. Eines zum andern rechnen. Besonders der Zahl nach bestimmen. Die Zeit nach Jahren, nach Monathen rechnen. Wenn ich mich legete, sprach ich, wenn werde ich aufstehen? Und darnach rechnete ich, wenns Abend wollte werden, Hiob 7, 4. Nach dem Mond rechnet man die Feste, Sir. 43, 7. 3) Ein Ding unter eine allgemeine Eigenschaft, unter ein allgemeines Prädicat bringen; in welchem Verstande auch das Wort zählen gebraucht wird. Er rechnet sich unter die ehrlichen Leute. Ich rechne mich auch dazu. Menschen, die sich selbst zum Geschlechte der Thiere rechnen. Er ist unter die Übelthäter gerechnet, Marc. 15, 28. 4) Mit in Rechnung, mit in Anschlag, mit in das Verzeichniß einer Zahl oder Menge bringen. Die Unkosten will ich nicht einmahl rechnen. Den Wein nicht mit gerechnet. Seine Mühe wird gar nicht gerechnet. Das Silber war nicht gerechnet. 2 Chron. 9, 20. 5) Schätzen, d. i. die Zahl und den Werth eines Dinges muthmaßlich bestimmen. Sie wurden gerechnet ins Heer zum Streit an ihrer Zahl 26000 Männer, 1 Chron. 8, 40. Jetzt ist diese Wortfügung veraltet, und man gebraucht dafür, wenn von einer Zahl oder Menge die Rede ist, das Vorwort auf: sie wurden auf 26000 Mann gerechnet. Von dem Werthe ohne Zahlwort, fängtes an in Hochdeutschen zu veralten. Das Silber wurde wie Roth gerechnet, Weish. 7, 9. 6) In weiterer Bedeutung, ein muthmaßliches Urtheil über die Beschaffenheit einer Sache fällen. Ein Narr wird auch weise gerechnet, Sprichw. 17, 28, für weise gehalten. Eine veraltete Bedeutung, welche nur noch zuweilen mit dem Vorworte für vorkommt, ungeachtet sie auch hier zu veralten anfängt. Etwas für einen Fluch rechnen, d. i. halten, Sprichw. 17, 14. Ihr Abschied wird für eine Pein gerechnet, Weish 3, 2. Etwas für gemein rechnen, Röm. 14, 14. Um welches willen ich alles habe für Schaden gerechnet, Phil. 3, 8. Das rechnet er für nichts. 7) Auf etwas rechnen, etwas Gutes davon hoffen, sich darauf verlassen. Rechnen sie auf meine Freundschaft verlassen sie sich darauf. Wenn meine Zärtlichkeit auf Gegenliebe rechnen könnte. Ich rechne auf dich, verlasse mich auf dich. Darauf kann ich nicht rechnen. 8) Aus gegebenen Zahlen andere unbekannte finden; eine unmittelbare Figur von der zweyten Bedeutung des Zählens. Mit Rechenpfennigen rechnen. Rechnen lernen. Falsch rechnen. Zwey Summen zusammen rechnen. 9) Mit jemanden rechnen, mit ihm zusammen rechnen, mit ihm abrechnen; eine nur noch im gemeinen Leben übliche Bedeutung. Das Himmelreich ist gleich einem Könige, der mit seinen Knechten rechnen wollte, Matth. 18, 23. Daher das Rechnen. S. auch die Rechnung.

Anm. Schon bey dem Ulphilas rachnan, im Nieders. rekenen, im Schwed. räkna, im Isländ. reickna, im Dän. regna. Aus der Endsylbe -nen erhellet schon, daß es ein Intensivum ist. Das jetzt im Hochdeutschen veraltete Stammwort rechen, dessen schon bey der ersten Bedeutung gedacht worden, kommt noch im Theuerdanke für rechnen vor, und im Nieders. ist auch reken noch völlig gangbar, so wie das Engl. to reckon, das Angels. reccan, dasselbe auch noch haben. Im Pohln. ist rachowaty gleichfalls rechnen, und im Arab. Raekaem die Rechenkunst, und raekn schreiben, aufschreiben. Wachter leitet es von dem veralteten Racha, Ursache, her, weil doch das Rechnen ein Beweis einer Sache durch Zahlen sey; Junius und Ihre aber von dem Holländ. Reek, Nieders. Reege, die Reihe, welche durch die alte Art, vermittelst mehrerer auf Draht gereiheter Kügelchen zu rechnen, bestätiget wird. Indessen kann es auch seyn, daß der Begriff des Zählens und des Rechnens eine Figur von dem Begriffe der Rede ist, zumahl da fast alle gleichbedeutende Wörter im Deutschen und andern Sprachen ähnliche Figuren sind. Von dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, das Wort, kommt - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, rechnen; das Oberd. raiten, reiten, rechnen, Schwed. reda. zählen, gehöret zu reden; unser zählen ist das Angels. taellan, sagen, Holl. tellen, Engl. to tell, welches diese Bedeutung nach in erzählen hat, und andere mehr. ( S. 1 Reiten.) Dieses raiten und unser rechnen sind nur im Endlaute unterschieden, so wie Keros Ruaua, das Angels. Raev, das Finnische Riwi, und Wallis. Hriff, eine Zahl. Übrigens ist in den Zusammen- setzungen noch das veraltete einfache rechen für rechen üblich, wie Rechenbuch, Rechenkunst u. s. f.


Rechner (W3) [Adelung]


Der Rechner, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Eine Person, welche rechnet; eine ungewöhnliche Bedeutung. 2) Eine Person, welche die Rechenkunst verstehet; wo man es noch zuweilen gebraucht. Er ist ein guter Rechner. 3) In einigen Oberdeutschen Gegenden bedeutet es jemanden, welchem öffentliche Rechnungen, öffentliche Ausgaben und Einnahmen anvertrauet sind, und da hat man auch Oberrechner. Dessen Gattinn, die Rechnerinn.


Rechnung (W3) [Adelung]


Die Rechnung, plur. die -en, von dem Zeitwort rechnen. 1. * In der ersten veralteten Bedeutung des Zeitwortes wurde Rechnung ehedem für Rechenschaft gebraucht, in welchem Verstande es noch im Oberdeutschen, aber ohne Plural, vorkommt. Heiß aber mich auch nicht darneben Dir vor Gerichte Rechnung geben, Betage la nicht deinen Knecht, Opitz. Wo es aber auch eine Figur von der folgenden Bedeutung seyn kann. 2. So fern rechnen zählen, zusammen zählen, und figürlich, aus gegebenen Zahlen eine unbekannte finden bedeutet, ist Rechnung 1) die Art und Weise zu rechnen, d. i. aus bekannten Zahlen eine unbekannte zu finden. Die Rechnung mit Zahlen, mit Buchstaben, mit Rechenpfennigen u. s. f. Die Differential-Rechnung, Integral-Rechnung u. s. f. 2) Mehrere unter einander gesetzte Zahlen, aus welchen eine unbekannt gewesene Zahl gefunden worden; wo es doch nur in engerer Bedeutung von dem umständlichen Verzeichnisse der Ausgabe und Einnahme einer bestimmten Menge Geldes oder Waaren gebraucht wird. Die Rechnung führen, die Ausgabe und Einnahme aufzeichnen. Etwas in Rechnung bringen, in das Verzeichniß der Einnahme und Ausgabe. Eine Rechnung schließen. Buch und Rechnung halten, bey den Kaufleuten. Jemandes Rechnung durchsehen. Besonders das Verzeichniß der Ausgabe und Einnahme anvertrauten Geldes oder anvertrauten beweglicher Dinge. Rechnung ablegen, von etwas Rechnung ablegen, ein richtiges Verzeichniß darüber eingeben. Mit der Rechnung nicht bestehen. Rechnung von jemanden fordern. Jemanden die Rechnung abnehmen, ich solche ablegen lassen. Ingleichen das Verhältniß, da man von anvertrautem fremden Gute Rechnung zu führen und abzulegen verbunden ist; ohne Plural. Auf Rechnung sitzen. Ein Gut auf Rechnung verwalten lassen; im Gegensatze der Verpachtung. 3) In engerer Bedeutung ist die Rechnung das umständliche oder nach einzelnen Stücken eingerichtete Verzeichniß empfangener Güter oder Waaren und der dafür schuldigen Summe. Eine Rechnung bezahlen. Schicken sie mir die Rechnung. Einem die Rechnung machen. Etwas in Rechnung bringen, verzeichnen. Schreiben sie es auf meine Rechnung. Die Rechnung ohne den Wirth machen. Da es denn zuweilen auch, doch ohne Plural, für Credit gebraucht wird, und alsdann der baren Bezahlung entgegen gesetzt ist. Auf Rechnung kaufen, auf Credit, auf Borg. Jemanden Waaren auf Rechnung geben, sie ihm borgen. 3. In der sechsten Bedeutung des Zeitwortes, da es so viel als dafür halten bedeutet, ist die Rechnung, doch ohne Plural, die muthmaßliche Bestimmung einer Zahl, Zeit, Menge u. s. f. Nach meiner Rechnung muß er morgen kommen. Ihre Rechnung trifft nicht ein. Daher es denn figürlich und in der anständigen Sprechart in einigen Gegenden auch von der monathlichen Reinigung des andern Geschlechtes gebraucht wird, ohne Zweifel, so fern deren Zeit nur muthmaßlich bestimmt wird. Die Rechnung haben. 4. In der siebenten Bedeutung des Zeitwortes ist die Rechnung, gleichfalls ohne Plural, die wahrscheinliche Hoffnung, doch nur in der R. A. sich auf etwas Rechnung machen. Auf meine Freundschaft dürfen sie sich keine Rechnung mehr machen. Sich auf einen starken Gewinn Rechnung machen. Vermuthlich gehöret hierher auch die R. A. seine Rechnung bey etwas finden, Vortheil, Nutzen, Gewinn dabey haben, eigentlich wohl, seine Hoffnung dabey erfüllet finden. Anm. Im Nieders. Rekenung, im Engl. Reckoning. Es ist aus dem Zeitworte rechnen und der Endsylbe -ing oder -ung zusammen gesetzet, welche nicht allemahl eine Handlung, sondern auch sehr oft ein Ding, ein Subject bedeutet, dessen Prädicat in dem Zeitworte lieget. S. -Ing.


Rechnungsart (W3) [Adelung]


Die Rechnungsart, plur. die -en, die Art und Weise zu rechnen. Besonders werden in der Rechenkunst die Arten der Veränderung, welche mit den Zahlen vorgenommen werden können, Rechnungsarten, oder mit einem Lateinischen Kunstworte. Species genannt. Jetzt zählet man deren vier, das Addiren, Multipliciren, Subtrahiren und Dividiren. Ehedem begriff man auch das Numeriren oder Aussprechen der Zahlen darunter, nicht so fern rechnen Zahlen verändern oder aus bekannten Zahlen eine unbekannte finden, bedeutet, sondern so fern es auch für zählen und aussprechen überhaupt gebraucht wird.


Rechnungsbeamte (W3) [Adelung]


Der Rechnungsbeamte, des -n, plur. die -n, ein jeder Beamter, welcher einer Einnahme vorgesetzet ist, welche einem andern berechnet werden muß.


Rechnungsbuch (W3) [Adelung]


Das Rechnungsbuch, des -es, plur. die -bücher, ein Buch, in welches Rechnungen, d. i. umständliche Verzeichnisse der Einnahmen und Ausgaben, eingetragen werden, und welches von einem Rechenbuche noch verschieden ist.


Rechnungsfehler (W3) [Adelung]


Der Rechnungsfehler, des -s, plur. ut nom. sing. ein in einer Rechnung in dem vorigen Verstande begangener Fehler. Ein Rechenfehler würde der seyn, welcher im Rechnen begangen worden.


Rechnungsführer (W3) [Adelung]


Der Rechnungsführer, des -s, plur. ut nom. sing. derjenige, welcher eine Rechnung führet, d. i. die Einnahmen und Ausgaben aufzeichnet, und sie dem Eigenthümer berechnet.


Rechnungskammer (W3) [Adelung]


Die Rechnungskammer, die -n, eine Kammer, d. i. ein Collegium solcher Personen, welches über die Einnahmen und Ausgaben gewisser Art Rechnung führet, und auch die Rechenkammer, zuweilen auch nur die Kammer schlechthin genannt wird. Die kaiserlich-königliche Rechnungskammer zu Wien hat einen Präsidenten, verschiedene Hofräthe, Rechenkammerräthe u. s. f. Eben daselbst und in andern Oberdeutschen Gegenden führet sie auch den Nahmen der Raitkammer. S. 1 Reiten.


Rechnungskunst (W3) [Adelung]


Die Rechnungskunst, plur. car. die Kunst oder Geschicklichkeit, Rechnungen, d. i. umständliche und richtige Verzeichnisse der Einnahmen und Ausgaben, zu entwerfen, zu führen und zu beurtheilen, und welche mit der Rechenkunst nicht verwechselt werden muß.


Rechnungsmünze (W3) [Adelung]


Die Rechnungsmünze, plur. die -n, eine Münze, welche nicht wirklich geprägt vorhanden ist, sondern nur zur Erleichterung der Rechnungen angenommen worden; dergleichen z. B. die Pfunde find.


Rechnungswesen (W3) [Adelung]


Das Rechnungswesen, des -s, plur. car. alles, was zur Rechnung, d. i. zum umständlichen Verzeichnisse der Einnahmen und Ausgaben, gehöret.


Recht (W3) [Adelung]


Recht, ein Nebenwort, welches im Hochdeutschen nicht comparirt wird, und mit dem folgenden Beyworte eigentlich ein und eben dasselbe Wort ausmacht, hier aber, weil beyde mehrere eigene Bedeutungen haben, um der bessern Übersicht willen von demselben getrennet wird. Es bedeutet, 1. * Eigentlich, gerade, von der Richtung, so fern sie die kürzeste Linie zwischen zwey Puncten ist. Es ist im Hochdeutschen in dieser Bedeutung veraltet, aber in einigen Oberdeutschen Gegenden sagt man noch, recht stehen, gerade, aufrecht, ( S. dasselbe,) und im Forstwesen ist ein gerechter Baum, ein gerade gewachsener. ( S. Gerecht.) Im Dithmarsischen ist ein Recht, und im Plural Rechter, eine Latte, welches Wort allem Ansehen nach auch noch diese erste Bedeutung zum Grunde hat. Das alte Gothische raihts, Engl. right, und Schwed. rak, bedeuten gleichfalls gerade, und mit ausgelassenem Hauchlaute gehören auch das Schwed. rätt, das Isländ. rettur, gerade, eben, und unser rad in gerade selbst hierher, S. das letztere. 2. Figürlich, wo es von einem sehr weiten Umfange der Bedeutung ist, dem Subjecte, Objecte und Prädicate in verschiedenen Betrachtungen gemäß. 1) Der Richtung nach; vielleicht die erste und nächste Bedeutung, welche alle folgende figürlichen mit der vorigen eigentlichen verbindet. Man gebraucht es hier nur noch in den Zusammensetzungen senkrecht, scheitelrecht, wagerecht, wasserrecht, schnurrecht u. s. f. wo es zugleich als ein Beywort gebraucht wird. 2) Dem körperlichen Umfange gemäß, passend; wofür auch wohl gerecht gebraucht wird. Das Kleid ist mir recht, passet. Die Kugel ist recht, wenn sie in den Lauf passet. In alle Sättel recht, oder gerecht seyn, sich in alles zu schicken wissen. 3) Der Empfindung, dem Verlangen, der Absicht gemäß. So wohl den sinnlichen Empfindungen nach, wo man in der vertraulichen Sprechart sagt, mir ist nicht recht, so wohl wenn man unpaß ist, als auch, wenn man dunkele, unangenehme Empfindungen hat, deren Ursprung man sich nicht deutlich bewußt ist. Ich höre nunmehr wohl, daß dir nicht recht ist. Du sahst so sauer aus, als wäre dir nicht recht, Kost. Einen Kranken, einen Ohnmächtigen wieder zu recht bringen, im gemeinen Leben, ihm zu seiner Gesundheit verhelfen, ihn wieder zu sich selbst bringen. Im Schwedischen ist daher Räka, die Gesundheit. Als auch in weiterer Bedeutung, dem Wunsche, dem Verlangen, der Absicht gemäß; am häufigsten in der vertraulichen Sprechart. Mir ist alles recht, ich lasse mir alles gefallen. Und das war ihm schon recht, war seinen Wünschen gemäß. Sie kommen mir eben recht, eben zu gelegener Zeit. Du kommst mir eben recht, ich wollte so schon speisen, Haged. Komm' ich vielleicht nicht recht, und bin ich dir zuwider? Kost. Ist dir vielleicht meine Gegenwart beschwerlich? Es war mir nicht recht, daß er wegging, es war mir unangenehm. Man kann ihm nichts recht machen, nichts, damit er zufrieden wäre, nichts zu Danke. Der muß früh aufstehen, der es allen recht machen will. Das wäre mir recht! ironisch. Ingleichen als ein Zwischenwort, seinen Beyfall, seine Zufriedenheit an den Tag zu legen. Recht so! So recht, mein Sohn! 4) Mit der Sache selbst, mit dem Prädicate übereinstimmig. a) Mit der Sache selbst übereinstimmig; im Gegensatze des falsch und unrecht. Wo mir recht ist, wenn ich mich nicht irre. Berichten sie mich recht, sagen sie mir die Wahrheit. Recht urtheilen. Recht sehen, hören, lesen u. s. f. Ein Wort nicht recht aussprechen. Sie haben recht geurtheilet. Sagen sie mirs recht, im gemeinen Leben, für: sagen sie mir die Wahrheit. Recht rathen, recht zählen, recht rechnen u. s. f. Das haben sie nicht recht verstanden. Sagen wir nicht recht, daß du ein Samariter bist? Joh. 8, 48. ( S. auch Richtig.) b) In engerer Bedeutung, genau, pünctlich, mit dem Prädicate völlig überein stimmend, für genau, völlig u. s. f. Recht in die Mitte treffen. Dieser Anschlag kommt recht aus dem Innersten ihres Herzens, Gell. Ich warte recht mit Ungeduld. Weil ich kein Vergnügen recht schmecke, welches ich nicht mit dir theile. Recht, wie sichs gehöret. Ich habe es ihm verziehen; aber nicht recht, nicht völlig. Ich weiß es selbst nicht recht. Ich weiß mich nicht recht in sie zu finden. Sie sind nicht recht einig. Du kommst ja recht in die Hitze. Das Befehlen kleidet dich doch nicht recht. Und von den Schäferinnen gefiel mir keine recht, Kost. Nicht recht bey Sinnen seyn, nicht völlig. Recht, als ob es der Himmel so hätte haben wollen. Da es denn c) nach einer noch weitern Figur auch zu einer intensiven Partikel wird, welche auch andern Bey- und Nebenwörtern vorgesetzet werden kann; für sehr. Ich habe recht viele Ursachen dazu. Er hatte mir recht viel zu sagen. Ich will mich mit ihnen heute recht vergnügen, Gell. Er ist ein recht feiner Mensch. Wir haben recht gelacht. Das kommt uns recht gut zu Statten. Machen sie ihn nur recht schamroth, Gell. Ich bin ihm recht herzlich gut, ebend. Recht sehr schön. Ich habe sie ja recht lange nicht gesehn. Das ist mir ja recht lieb. Das ist ja recht gut. Recht gern. Es ist recht kalt, recht sehr kalt. Ihr seyd gelehrt, recht sehr gelehrt in allen Sachen, Gell. Die Schweden gebrauchen ihr rätt auf eben diese Art; die Engländer gebrauchen dafür very. Wenn dieses Nebenwort als eine Intension einem Beyworte vorgesetzet wird, so pflegen verschiedene Hochdeutsche Schriftsteller dasselbe gern als ein Beywort zu behandeln, welches aber ein Fehler ist. Er wird ein rechter großer Herr werden. Du bist eines rechten frommen Mannes Sohn, Tob. 7, 7. Er hatte rechte feine Mienen, Gell. Ich bin ein rechter glücklicher Vater, abend. 5) Dem Endzwecke, der Bestimmung gemäß, auch den Graden nach; für gehörig. Wenn ich es recht bedenke. Das haben sie nicht recht überlegt. Das ist recht. Komm' ich hier nicht recht? im gemeinen Leben, komm ich hier an den Ort, an welchen ich wollte? Ew. Schreiben ist uns zu recht worden, im Oberd. ist uns richtig eingehändiget worden. S. auch Zurecht. 6) Dem Gesetze, dem Rechte und der Billigkeit gemäß; im Gegensatze des unrecht. Thue recht, scheue niemand. Du hast recht gethan. Von ihm ists doch auch nicht recht, Weiße. Etwas recht sprechen, für recht erklären, welches von Recht sprechen noch unterschieden ist. ( S. das Hauptwort Recht.) In einen andern Verstande kommt es Es. 50, 8 vor: er ist nahe, der mich recht spricht, wo es das veraltete Beywort recht für gerecht ist, der mich für gerecht erkläret. Ergehen lassen, was recht ist. Fordern, geben, was recht ist. Wie es recht und billig ist. Es ist nicht recht, daß u. s. f. Etwas für recht erkennen. Ists recht, daß man dem Kaiser Zinse gebe? Matth. 22, 17. Ingleichen mit dem Zeitworte geschehen. Es geschiehet ihm recht, wie er es durch sein Vergehen verdienet hat. Es geschiehet dir gar recht. Dir, Flattergeist, ist recht geschehen, Gell.

Anm. In den R. A. Recht haben, einem Recht geben, Recht behalten, einem Recht lassen u. s. f. ist es das Hauptwort, (siehe dasselbe.) Der Comparativ und Superlativ sind im Hochdeutschen ungewöhnlich, obgleich die meisten Bedeutungen dieselben wohl verstatteten, auch gerecht die Comparation leidet. Einige Oberdeutsche Mundarten compariren es indessen ohne Bedenken. Rechter zu sagen, Lohenstein, für besser, richtiger. In Ansehung der Etymologie, S. das Hauptwort Recht in der Anm.


Recht (W3) [Adelung]


Recht, adj. welches so wie das vorige Nebenwort gleichfalls nicht compariret wird, und in einer doppelten Hauptbedeutung üblich ist. 1. Die rechte Hand, diejenige, welche gemeiniglich am stärksten, zu den Verrichtungen am geschicktesten ist, und daher auch zu den Handarbeiten am meisten gebraucht wird; im Gegensatze der linken Hand. Daher auch alles, was sich an dieser Seite des menschlichen Leibes, und figürlich auch an den thierischen Körpern befindet mit diesem Beyworte bezeichnet wird. Die rechte Seite, das rechte Auge, der rechte Fuß. Ingleichen was sich auch außer dem menschlichen Körper auf dieser Seite befindet. Der rechte Flügel einer Armee, im Gegensatze des linken. Rechter Hand, d. i. zur rechten Hand, auf die Seite, nach der Richtung der rechten Hand. Sich rechter Hand wenden. Das Dorf liegt rechter Hand. Einen Weg rechter Hand liegen lassen. Jemanden die rechte Hand lassen, ihn oben an, zur rechten Hand gehen lassen. Jemandes rechte Hand seyn, figürlich, ihm mit Rath und That unentbehrliche Dienste leisten. Die rechte Hand, oder Rechte Gottes, in der Deutschen Bibel, dessen unmittelbare Macht. Auch in der höhern Schreibart wird das Beywort in Gestalt eines Hauptwortes gebraucht, die Rechte für die rechte Hand. So bald der Speer der schrecklichen Minerva seine Rechte füllte, Ramml. Im Oberdeutschen ist auch dafür gerecht üblich. Und trat gleich darein mit dem gerechten Fueßlein sein, Theuerd. Kap. 63. Das Nebenwort von recht in dieser Bedeutung lautet rechts, S. dasselbe. Es hat alles Ansehen, daß recht in dieser Bedeutung nicht unmittelbar von der folgenden Bedeutung des gerade, der Richtung nach, oder einer ihrer Figuren abstammet, sondern zu rechen, reichen, in der weitesten Bedeutung der Bewegung, oder auch des Darreichens, an sich Nehmens u. s. f. gehöret, weil die rechte Hand zu diesen und andern ähnlichen Handlungen am häufigsten gebraucht wird. Das Lat. dexter leidet eine ähnliche Ableitung von - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, zeigen, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, das Zeichen, der Beweis, und unserm Intensivo zeichnen, Nieders. tekenen, Angels. taecan, bey dem Ulphilas taiknan. In unsern alten Oberd. Schriftstellern kommt für recht in dieser Bedeutung beständig zesun, zeso, zeswa, zeseswa, zeschwa u. s. f. vor, und es scheint in dieser Bedeutung in einigen Oberdeutschen Gegenden noch üblich zu seyn. So viel ich weiß, hat noch niemand dessen Ableitung versucht; allein, wenn man erwäget, daß dieses Wort bey dem Ulphilas taihswo lautet, und daß s und t in den Mundarten beständig in einander übergehen, wie auch hier aus dem Hochd. zeichnen und Niederd. tekenen erhellet, so siehet man bald, daß es mit diesen Wörtern gleichfalls zu dexter, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, u. s. f. gehöret. In den gemeinen Sprecharten sagt man für rechter Hand oder zur rechten Hand, von der Hand, von sich, im Gegensatze des zu der Hand, zu sich, d. i. linker Hand. S. auch Link. 2. Gerade, so wie das Nebenwort recht, Lat. rectus, Ital. retto und mit vorgesetztem d dritto, Franz. droit. Im Hochdeutschen ist es im eigentlichen Verstande auch hier veraltet; aber in einigen Oberdeutschen Gegenden sagt man noch eine rechte Linie, für eine gerade. Indessen stammen von dieser eigentlichen Bedeutung noch verschiedene figürlich ab, von welchen einige auch zu der vorigen ersten Bedeutung gehören können. Überhaupt scheinen sich alle diese figürlichen Bedeutungen, so wie bey dem Nebenworte, auf den Begriff der Gemäßheit, der Übereinstimmung, zu gründen, und nur in Ansehung des Gegenstandes derselben verschieden zu seyn. Merkwürdig ist indessen, daß das Bey- und Nebenwort hier nicht allemahl in einerley Fällen gebraucht werden, ob sie gleich in einigen zusammen treffen. Ohne Zweifel ist hiervon noch derjenige Gebraucht ein Überbleibsel, da man einen von einer perpendiculären auf einer horizontalen Linie gemachten Winkel, oder einen Winkel von 90 Graden, einen rechten Winkel, angulum rectum, zu nennen pflegt, im Gegensatze eines schiefen Winkels. 1) In Ansehung der Richtung, so wie das Nebenwort; doch hier auch nur in den Zusammensetzungen scheitelrecht, wagerecht, senkrecht, wasserrecht u. s. f. Wo es im Nothfalle auch die Comparation leidet. 2) Dem körperlichen Umfange nach; doch nur in einigen gemeinen Sprecharten, wofür im Hochdeutschen gerecht vorkommt. Ein rechtes Kleid, ein gerechtes. Ein in alle Sättel rechter, gerechter Mann. S. Gerecht. 3) Mit der Sache selbst genau überein stimmend, wie das Nebenwort recht 2. 4). (a) In mehr eigentlichen Verstande, wo es für wahr, im Gegensatze des falsch, gebraucht wird, aber in dieser Bedeutung doch nur im gemeinen Leben und in der vertraulichen Sprechart gangbarer ist, als in der edlen und anständigen Schreibart. Der rechte Gott, besser der wahre, im Gegensatze falscher Gottheiten. Die rechte Bedeutung eines Wortes, die wahre. Es ist mein rechter Ernst. Der rechte Glaube, der wahre. Warum tadelt ihr die rechte Rede? Hiob. 6, 25. Eine Sache aus dem rechten Gesichtspuncte ansehen. Der rechte Erbe, im Gegensatze des falschen, angeblichen Erben. Klugheit ist das rechte graue Haar, Weish. 4, 9; welches ganz etwas anders ist als recht graues Haar, ( S. das Nebenwort Recht 2. 4) (c) Den rechten Grund wissen wollen. Da nennt man doch ein Verbrechen bey seinem rechten Nahmen, Weiße. Eine Stelle im Zuchthause muß dagegen eine rechte Glückseligkeit seyn, Gell. Der rechte Vater, die rechte Mutter, der rechte Bruder, die rechte Schwester, im Gegensatze des Stiefvaters, der Stiefmutter u. s. f. rechte Kinder, leibliche Kinder, im Gegensatze der Stiefkinder. Im einem andern Verstande sind rechte Kinder rechtmäßige, eheliche; da gehöret es aber zur folgenden sechsten Bedeutung. (b) Nach einer noch weitern Figur bekommt das Beywort, so wie das Nebenwort, sehr oft eine intensive Bedeutung, für vorzüglich, groß u. s. f. in welchem Verstande es aber auch nur in der vertraulichen Sprechart üblich ist. Das ist eine rechte Plage, eine wahre, große Plage. Das ist ja eine rechte Hofsprache, Gell. Ich habe noch nicht rechte Lust zu geben. Ich habe eine rechte Freude darüber. Er ist ein rechter Narr. Er ist ein rechter Medicus, ein überaus geschickter. Welche eine gräuliche und rechte Nacht war, Weish. 17, 14. Das war ein rechter Lärm. Nun geht erst die rechte Schwierigkeit an. Der Teufel! seht, das war ein rechtes Rad, Gell. Das war ein rechter Staar, ich hatt' ihn aufgezogen, ebend. Da es denn im ironischen Verstande auch ohne Hauptwort gebraucht wird. Du bist mir auch der rechte. Er ist der rechten einer. Da sind sie zum rechten gekommen. Ihr seyd die rechten. Wenn es aber im ungewissen Geschlechte als ein Hauptwort gebraucht wird, so bedeutet es, doch immer noch im gemeinen Leben, etwas Vorzügliches, Wichtiges. Er hat was Rechtes gelernet. Wir haben was Rechtes gelacht, gar sehr. Das wäre auch was Rechtes! Sie wissen doch nichts Rechtes mit dem Briefe anzufangen. Es ist nichts Rechtes, niemand von Bedeutung. 4) Der Vollkommenheit gemäß; wo es nur in einigen gemeinen Sprecharten für echt, im Gegensatze des falsch oder unecht, gebraucht wird. Rechte Perlen, echte, wahre. Rechtes Gold, echtes. 5) Dem Endzwecke, der Absicht, der Bestimmung, den Umständen gemäß, im Gegensatze des unrecht. Das sind nicht die rechten Mittel. Den rechten Weg gehen. Das ist nicht der rechte Schlüssel. Die rechte Seite eines Tuches, im Gegensatze der unrechten. Etwas an dem rechten Orte angreifen. Zur rechten Zeit kommen. Vor die rechte Schmiede gehen. Die rechte Weite, Größe, Höhe haben. Ein Ding liegt an seiner rechten Stelle, an seinem rechten Orte, der ihm zukommt, oder der unserer Absicht nach der bequemste ist. Der rechte Gebrauch der Sache, der ihrem Zwecke gemäß ist. Ihm stehet das Maul auf dem rechten Flecke, in der niedrigen Sprechart. Die Wissenschaft zu rechter Zeit ein Thor zu seyn, ist noch die einträglichste unter allen. Ruh' etwas aus und iß dich satt, Und warte bis dein Fuß die rechten Kräfte hat, Gell. 6) Dem Gesetze gemäß, für rechtmäßig, doch in den meisten Föllen auch nur im gemeinen Leben. Die rechte Frau, die eheliche, im Gegensatze einer Beyschläferinn. Rechte Kinder, eheliche, im Gegensatze unehelicher. Das gehet nicht mit rechten Dingen zu, nicht auf eine rechtmäßige, erlaubte Art, nicht durch rechtmäßige Mittel. Rechte Wage, rechte Pfunde, rechte Scheffel, rechte Kannen sollen bey euch seyn, 3 Mos. 19, 36; im Gegensatze der falschen. Zu rechter Vormittagszeit vor. Gerichte erscheinen, in der Gerichtssprache, zu der gehörigen, in den Rechten bestimmten. In noch weiterer Bedeutung wurde es ehedem auch für gerecht gebraucht, in welcher im Hochdeutschen veralteten Bedeutung es noch in der Deutschen Bibel vorkommt. Ein rechtes Gericht, 5 Mos. 16, 18. Der rechte Richter, Ps. 7, 12; Ps. 9, 5. Eine rechte Sache, Richt. 15, 3. Siehe die Anmerkung zu dem folgenden Hauptworte Recht.


Recht (W3) [Adelung]


Das Recht, des -es, plur. die -e, der Zustand, da etwas recht ist, und dasjenige was recht ist, doch nur in einigen Bedeutungen dieses Bey- und Nebenwortes. 1. Der Zustand, als ein Abstractum. 1) Der Zustand, da jemandes Worte oder Handlungen mit der Sache selbst, mit der Wahrheit überein stimmen; doch nur in einigen R. A. und ohne Plural so wohl als ohne Artikel. Sie haben recht, sagt man, wenn man zu erkennen geben will, daß jemand die Wahrheit sage; bedeutet es aber so viel, daß jemandes Worte oder Handlungen dem Gesetze, der Vorschrift, der Billigkeit u. s. f. gemäß seyn, so gehöret es zur folgenden sechsten Bedeutung. Einem Recht geben, gestehen, daß er die Wahrheit rede, und in engerer Bedeutung, gestehen, daß seine Worte, seine Handlungen mit den Gesetzen, mit der Klugheit u. s. f. überein stimmen. Recht behalten, andern das Zeugniß abzwingen, daß man Recht habe. Einem Recht lassen, zugeben, daß er Recht behalte. Tochter, du hast sehr Recht, Gell. du sagest vollkommen die Wahrheit. Sie haben Recht, wenn sie sagen, daß er ihrer Wohlthaten unwürdig ist. Viele schreiben es in diesen Fällen mit einem kleinen r, als wenn es das Nebenwort wäre; allein das Hauptwort wird bey einer genauern Untersuchung immer mehr Gründe für sich haben. 2) * Die echte Beschaffenheit eines Dinges, im Gegensatze der verfälschten; eine völlig ungewöhnliche Bedeutung, zu welcher nur das Licht und Recht, 2 Mos. 28, 30 gehöret, worunter glänzende und echte Steine verstanden werden. S. das Beywort Recht 2. 4). 3) In gewöhnlicherer Bedeutung, das moralische Vermögen, etwas zu thun, zu lassen, und von dem andern zu fordern; wo auch der Plural Statt findet, so fern dieses Vermögen in Ansehung mehrerer Gegenstände betrachtet wird. (a) Im weitesten Verstande, dieses Vermögen gründe sich worauf es wolle. Du hast kein Recht, so mit mir umzugehen. Habe ich nicht das Recht zu Hause zu bleiben? Sich sein Recht nicht nehmen lassen. Sein recht vergeben, die Ausübung dieses Vermögens unterlassen. Von Rechts wegen, Kraft eines Befugnisses. Ich thue es mit allem Rechte, mit gutem Fug und Recht. Das Recht des Stärkern, welches sich auf überlegene physische Macht gründet, und das allgemeine Recht der Natur ist. Das Convenienz-Recht, das Befugniß, dasjenige zu thun, was uns am vortheilhaftesten ist. Ein Recht über etwas haben, die Herrschaft und das Eigenthum über eine Sache, welche man wirklich besitzet. Ein Recht auf oder an etwas haben, das Befugniß des Eigenthums über eine Sache, welche man nicht unmittelbar besitzet, ingleichen das Befugniß, etwas von einem andern zu fordern. Wenn ich mich jemahls wieder zur Liebe entschließe, so haben sie das erste Recht auf mein Herz, Gell. Bedenke was für Recht er durch seine Wohlthaten auf dein Hetz hat. Die Rechte des Blutes, die in der Blutsfreundschaft gegründeten Befugnisse. Das Recht des Herkommens, das in einer langen Gewohnheit gegründete Befugniß. Das Recht, Privilegia zu ertheilen. S. auch Vorrecht. (b) In engerer Bedeutung, ein in den Gesetzen gegründetes Befugniß, ein in denselben gegründeter Anspruch. Das schwächt dein Recht. Das Recht ist auf meiner Seite. Der Richter beuget das Recht, wenn er dieses Befugniß vorsetzlich verletzet. Jemanden zu seinem Rechte verhelfen. Die wildesten Völker halten das Recht der Ehe für ein heiliges Recht, Wider Recht und Billigkeit. Jemand bey seinem Rechte schützen. 2. Als ein Concretum. 1) Ein Gesetz, die Richtschnur menschlicher Handlungen. (a) Eigentlich; eine nur noch in einigen Fällen übliche Bedeutung. So werden die Gebothe oder Gesetze Gottes in der Deutschen Bibel sehr oft die Rechte Gottes genannt. In den Rechten ist versehen, verordnet. Die Rechte bringen es so mir sich. Sich den Rechten widmen. Den Rechten obliegen. Von Rechts wegen, Kraft der Gesetze. (b) In weiterer Bedeutung. (aa) Objective, die Sammlung, der Inbegriff der Gesetze Einer Art; wo es als ein Collectivum, bald im Singular allein, bald aber auch im Plural allein gebraucht wird. Das göttliche Recht, der Inbegriff der göttlichen Gesetze. Das geistliche, päpstliche oder canonische Recht. Das bürgerliche Recht. Das Völkerrecht, das Naturrecht, das Staatsrecht, das Lehenrecht. Das gemeine oder Deutsche Recht, im Gegensatze des Römischen Rechtes. Etwas mir Bestand Rechtens behaupten, so daß er aus den Gesetzen erwiesen werden kann, ( S. die Anm.) (bb) Subjective, die wissenschaftliche Kenntniß der Gesetze, die Wissenschaft von dem Verhältnisse der Handlungen gegen die Gesetze; die Rechtswissenschaft. Das Römische Recht studieren, verstehen. Sich der Rechte befleißigen. Beyder Rechte Doctor, des geistlichen und bürgerlichen Rechtes. Ein öffentlicher Lehrer beyder Rechte. 2) * Ein zu Handhabung der Gesetze verordnetes Collegium, ein Gericht; in der Monseeischen Glosse Reht, im Nieders. Recht. Im Hochdeutschen ist es in dieser Bedeutung veraltet, aber noch nicht in einigen provinziellen Sprecharten. Recht sitzen, in den Bremischen Statuien, Gericht hegen. Vor recht erscheinen. Jemanden vor Recht fordern. Zu Recht stehen. Jemanden zu Recht antworten. Ein zu Recht beständiger Vortrag, der vor Gericht gültig ist. Zu Recht gehen. Das Landrecht in Böhmen, das Landgericht. 3) Das gerichtliche Verfahren, der Prozeß; auch nur noch in einigen Gegenden, und ohne Plural. Das Recht fliehen, den Prozeß. Den Weg Rechtens ergreifen, das gerichtliche Verfahren, wo Rechtens der alte Oberdeutsche Genitiv ist, ( S. die Anm.) Etwas durchs Recht erhalten. 4) Die pflichtmäßige Handhabung der Gesetze; ohne Plural und nur noch in einigen Fällen. Es müßte kein Recht mehr in der Welt seyn. Das recht verzögern. Jemanden das Recht versagen. 5) Das in den Gesetzen gegründete Urtheil, der Ausspruch eines Richters oder Gerichtes; auch nur noch in einigen Gegenden, und in einigen Fällen. Der Richter spricht den Parteyen Recht. Nach Urtheil und Recht. Das Recht scheidet wohl streitende Parteyen, aber es stiftet keine Freundschaft. 6) Alles dasjenige, was man vermöge eines Gesetzes von andern zu fordern befugt ist, worauf man ein Recht, ein in den Gesetzen gegründetes Befugniß hat. (a) Eigentlich. Dieses Haus hat das Recht, daß ihm niemand das Licht verbauen darf. Jemanden zu seinem Rechte verhelfen. Ehedem wurden auch die Einkünfte und Abgaben sehr häufig Rechte genannt. (b) In weiterer Bedeutung, alles was in den Gesetzen verordnet, in denselben gegründet ist; ohne Plural. Jemanden sein Recht widerfahren lassen, ihm sein Recht thun, gemeiniglich nur noch, ihm die in den Gesetzen verordnete Strafe widerfahren lassen. Es ist Rechtens, daß u. s. f. es ist in den Gesetzen verordnet, ( S. die Anm.) Gnade für Recht ergehen lassen, anstatt der in den Gesetzen verordneten Strafe. Im Schwedischen ist Rätt die Lebensstrafe. Hier geht Gewalt für Recht. Jemanden Recht verschaffen.

Anm. Schon bey dem Kero, Ottfried und andern Reht, im Niederdeutschen gleichfalls Recht, im Angels. Riht, im Engl. Right im Schwed. Rätt. Das Lat. rectus ist mit seinem Geschlechte auf das genaueste damit verwandt. Ehedem hatte das Hauptwort Recht im Deutschen noch weit mehrere Bedeutungen, welche zum Theil in einigen Sprecharten, so wie in den Gerichten mancher Gegenden, noch nicht ganz veraltet sind. Ottfried und Kero gebrauchen es sehr häufig für Gerechtigkeit, Billigkeit. Im Niedersächsischen und Schwedischen, bedeutet es auch den Ew. Da mehrere Zeitwörter, welche ursprünglich Nachahmungen des Schalles sind, auf dieses Wort so wohl als auf das Bey- und Nebenwort Anspruch machen können, so ist es schwer, den ersten ursprünglichen Begriff in diesem so alten und so wenig veränderten Worte mit Gewißheit zu bestimmen. Wenn in dem Bey- und Nebenworte, wie es sehr wahrscheinlich ist, der Begriff der geraden Richtung der herrschende ist, so stammet es ohne Zweifel von reichen ab, ( S. Gerade, dessen letzte Hälfte gleichfalls hierher gehöret;) und von diesem Begriffe der geraden Richtung lassen sich die meisten übrigen sehr bequem als Figuren herleiten. Bey dem Kero ist Rehtung die Regel, Richtschnur, Regula. Sollte aber das Hauptwort, wie nicht unwahrscheinlich ist, zunächst von rechen, reden, sprechen, und dessen Intensivis oder Iterativis rechnen, und rechten abstammen, so würde die Bedeutung eines Urtheilspruches, eines Rechtshandels u. s. f. eine der ersten seyn. Vielleicht stammen auch einige Bedeutungen von diesem Zeitwort, und andere von reichen und dessen Intensivo richten ab. In dem Worte Rede, und dessen Zusammensetzungen redlich u. s. f. kommen fast eben diese Bedeutungen vor welche unser Recht hat, zum deutlichen Beweise, theils eines ähnlichen Ganges der Begriffe, theils aber auch einer gemeinschaftlichen Abstammung. S. Rechten und Richten. Die mittlere Oberdeutsche Mundart, welche noch jetzt in vielen Gegenden Oberdeutschlandes üblich ist, hänget diesem Worte in der Declination ein n an: des Rechtens, dem Rechten, u. s. f. Daher rühren denn auch die im Hochdeutschen aus dem Oberdeutschen beybehaltenen Formen, den Schein Rechtens haben, des Rechtes, den Weg Rechtens ergreifen, das ist Rechtens, in den Gesetzen, in den Gebräuchen eines Gerichtes gegründet, beyder rechten Doctor u. s. f.


Rechteck (W3) [Adelung]


Das Rechteck, des -es, plur. die -e, in der Geometrie, eine vierseitige Figur, welche lauter rechte Winkel hat. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, eine solche Figur dieser Art, wo zwar alle Winkel rechte Winkel, aber nur die entgegen stehenden Seiten einander gleich sind, Rectangulum, Oblongum; im Gegensatze eines Quadrates, welches in der erstern weitern Bedeutung auch ein Rechteck seyn würde. S. das Beywort Recht 2.


Rechten (W3) [Adelung]


Rechten, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert. 1) Mit Worten streiten, hadern; eine außer der edlern Schreibart im Hochdeutschen ungewöhnliche Bedeutung, welche noch mehrmahls in der Deutschen Bibel vorkommt. Herr, wenn ich gleich mit dir rechten wollte, so behältst du doch Recht, Jer. 12, 1. Und so in andern Stellen mehr. Sie wollen nun als Helden fechten, Und nicht wie kleine Hadrer rechten, Haged. 2) In engerer Bedeutung, vor Gericht streiten, d. i. einen Prozeß, Rechtshandel haben und führen; wo es durch das ausländische prozessiren im Hochdeutschen fast völlig verdränget worden. Um etwas rechten. Mit jemanden rechten. Ist eure Sache gut, so schreitet zum Vergleich, Und ist sie schlimm, so rechtet, Haged. Berechten ist im Oberdeutschen gerichtlich belangen. In dem zusammen gesetzten errechten bedeutet es, durch einen Prozeß erlangen, in welcher Bedeutung Frisch auch das einfache rechten anführet. 2) * Recht sprechen, urtheilen, richten; eine völlig veraltete Bedeutung, in welcher es noch Es. 3, 12 zu stehen scheinet: aber der Herr stehet da zu rechten, und ist aufgetreten, die Völker zu richten; wo einige Ausgeben sehr unrichtig haben, der Herr stehet da zur rechten, als wenn das Hauptwort Hand verstanden werden müßte. So auch das Rechten. Anm. Ehedem auch rechtigen. Es scheinet, daß dieses Zeitwort nicht so wohl von dem Bey- und Nebenworte recht, als vielmehr von dem veralteten rechen, reden, sprechen, schreyen, abstamme, wovon rechnen ein Iterativum, dieses rechten aber ein Intensivum ist. S. Rechnen.


Rechtfertig (W3) [Adelung]


* Rechtfertig, -er, -ste, adj. et adv. ein im Hochdeutschen veraltetes Wort. 1) Gerecht. Ein Mensch mag nicht rechtfertig bestehen gegen Gott, Hiob. 9, 2. Im Holländ. und Niederdeutschen wird rechtfeerdig und rechtfardig noch in dieser Bedeutung gebraucht. Denn er mein treuer Knecht, gerechten Wandels voll, Durch sein Erkenntniß viel rechtfertig machen soll, Opitz. 2) Rechtschaffen. Rechtfertige und fromme Rathsherren, Rehtmaier bey dem Frisch. 3) Rechtmäßig, dem Rechte, dem Gesetze, der Verordnung gemäß, so wohl im Ober- als Niederdeutschen. Rechtfertige Ansprüche, im Oberdeutschen. Rechtfertige Schweine, in der Tirol. Landesordn. für gesunde, so wie unrechtfertige für ungesunde. Im Oberd. ist rechtfertiglich mit Recht.

Anm. Im Schwed. rättfärdig. Ihre leitet die letzte Hälfte von dem Angels. Faerth, Gemüth, her. Allein wahrscheinlicher läßt man es mit Wachtern von fertig, dem Intensivo oder Iterativo von fahren abstammen, da es denn recht einher gehend, oder auch gerecht, rechtmäßig gemacht, bedeutet. Ob es gleich in allen seinen Bedeutungen im Hochdeutschen veraltet ist, so hat es uns doch noch das folgende Zeitwort zurück gelassen.


Rechtfertigen (W3) [Adelung]


Rechtfertigen, verb. reg. act. welches nach Maßgebung der beyden Wörter, aus welchen es zusammen gesetzet ist, verschiedene Bedeutungen hat, welche aber im Hochdeutschen zum Theil veraltet sind. 1. * Recht, d. i. Gericht, halten; eine veraltete Bedeutung. 1) Eigentlich. Herodes ließ die Hüter rechtfertigen, und hieß sie wegführen, Avostelg. 12, 19. 2) Figürlich. (a) Prüfen, untersuchen, examiniren. Einen Reifenden rechtfertigen, ihn examiniren, Fritsch zum Besold bey dem Frisch. (b) Tadeln. Die Weisheit muß sich rechtfertigen lassen von ihren Kindern, Matth. 11, 19; Luc. 7, 35. 2. * Jemanden sein Recht thun, d. i. ihn hinrichten; eine im Hochdeutschen gleichfalls veraltete Bedeutung, wo Rechtfertigung ehedem auch die Hinrichtung war. In noch weiterer Bedeutung kommt es in dem Schwabenspiegel auch für strafen überhaupt vor. 3. Recht machen, dem Gesetze, ingleichen den Absichten, den Umständen gemäß, übereinstimmig machen. 1) * Eigentlich; in welcher Bedeutung es gleichfalls veraltet ist. Dahin gehöret auch der ehemahlige Oberdeutsche Gebraucht, da es für reinigen gebraucht wurde. Do kumpt die pestilentz so ist notturft den luft zu rechtfertigen und im sein Boßheit zu benemen, in dem Liber pestilenz. von 2500. ( S. auch die rechtfertigen, d. i. reinen, Schweine, in dem vorigen Worte.) 2) Figürlich. (a) Für recht, d. i. den Gesetzen und der Vollkommenheit übereinstimmig, erklären, von allem Verdachte und Argwohne des Unrechtes und der Unbilligkeit los sprechen; in welchem Verstande es im Gegensatze des Verdammens ehedem in den Gerichten sehr üblich war, und es in einigen, besonders Oberdeutschen Gegenden noch ist. Einen Angeklagten rechtfertigen, ihn frey, los sprechen. Daß du rechtfertigest den Gerechten, und gebest ihm nach seiner Gerechtigkeit, 2 Chron. 6, 23. Aus deinen Worten wirst du gerechtfertiget, Matth. 12, 37. Und in andern Stellen mehr. Man gebraucht es nur noch theils in weiterer Bedeutung, und in der biblischen Schreibart, von allem Verdachte des Unrechtes los sprechen, ein auf richtige Erkenntniß gegründetes Urtheil von jemandes unverbesserlichem Verhalten fällen, Gott bey andern rechtfertigen; theils auch in der Theologie, als ein Kunstwort, wo der Sünder von Gott gerechtfertiget wird, wenn er von aller Schuld und Strafe der Sünde los gesprochen, und vermittelst der ihm zugerechneten Genugthuung Christi für gerecht, d. i. den göttlichen Absichten gemäß, erkläret wird. ( S. das folgende.) Notker gebraucht dafür rehte getuon, reht machen, rehthaftigen, kerehthaften, alle so wie unser rechtfertigen nach dem Latein. justificare. b) Für recht oder gerecht, d. i. den Gesetzen, der Billigkeit gemäß, zu erklären suchen, die rechtmäßige Beschaffenheit einer Person oder Sache zu beweisen suchen; eine noch völlig gangbare Bedeutung. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen, und sprach zu Jesu: wer ist denn mein Nächster? Luc. 10, 29. Sein Betragen rechtfertigen. Wer getrauet sich, diesen Betrug vor der Welt und dem Richterstuhle des Gewissens zu rechtfertigen? Gell. In diesem Verstande schon in dem Schwabenspiegel rehtvertigen. c) * In noch weiterer Bedeutung gebrauchte man es ehedem auch für rechten, prozessiren. Mit jemanden rechtfertigen, da denn Rechtfertigung auch ein Prozeß war.

Anm. Im Nieders. rechtfardigen, im Schwed. rättfärdiga. S. Fertigen, welches hier noch in seiner weitern Bedeutung, für machen überhaupt, vorkommt.


Rechtfertigung (W3) [Adelung]


Die Rechtfertigung, plur. die -en, das Hauptwort des vorigen Zeitwortes, welches ehedem in dessen sämmtlichen Bedeutungen üblich war, aber im Hochdeutschen jetzt nur noch in zweyen gebraucht wird. 1) In der Theologie ist die Rechtfertigung eines Menschen, ohne Plural, die von Gott für gültig erkannte Zurechnung der Versöhnung Christi und die daraus entstehende Aufhebung der Verbindlichkeit zur Strafe. Durch eines Gerechtigkeit ist die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen kommen. Röm. 5, 18. In weiterer Bedeutung wird in der Theologie oft die gesammte Anrichtung einer rechtmäßigen Beschaffenheit des Menschen in Absicht auf Gott unter diesem Worte begriffen. 2) Das Bemühen, eine Sache oder Handlung zu rechtfertigen, ihre Übereinstimmung mit dem was recht und billig ist, begreiflich zu machen.

Anm. Ehedem wurde es auch sehr häufig für Streit Zank, und Prozeß in engerer Bedeutung gebraucht. Es entstanden zwischen ihnen schwere Rechtfertigungen. Sich mit jemanden in Rechtfertigung einlassen, in einen Prozeß. Wenn es in den Urtheilen der Apellations-Gerichte, besonders in Sachen, heißt: daß die eingewandte Appellation zu Recht beständig und zu gebührender Rechtfertigung an uns erwachsen, so scheinet es daselbst für Untersuchung zu stehen; S. Rechtfertigen 1. 2) (a).


Rechtfuchs (W3) [Adelung]


Der Rechtfuchs, des -es, plur. die -füchse, ein Fuchs, d. i. röthliches Pferd, von der gewöhnlichsten oder gemeinsten Art, ein rechter, d. i. wahrer Fuchs; zum Unterschiede von einem Lichtfuchse, Rothfuchse und Schweißfuchse.


Rechtgläubig (W3) [Adelung]


Rechtgläubig, -er, -ste, adj. et adv. den rechten oder wahren Glauben, d. i. die Erkenntniß der Heilswahrheiten, habend und darin gegründet; nach dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, orthodox, und im Gegensatze des irrgläubig. Eine rechtglaubige Lehre. Ein Rechtgläubiger. Rechtgläubig seyn. Daher die Rechtgläubigkeit, die Eigenschaft u. s. f.

Anm. Bey dem Notker rehto geloubig, der statt dessen aber auch rehtfolger, so wie Kero rehtculichonto gebraucht.


Rechthaberey (W3) [Adelung]


Die Rechthaberey, plur. die -en, das ungeordnete Bestreben, Recht zu haben oder Recht zu behalten, so wie man in ähnlichem Verstande auch Mehrhaberey sagt.


Rechtläufig (W3) [Adelung]


Rechtläufig, adj. et adv. welches nur in der Astronomie üblich ist. Ein rechtläufiger Planet, welcher von Morgen gegen Abend läuft, und also die rechte oder gewöhnliche Richtung der Planeten hat; Lat. directus.


Rechtlich (W3) [Adelung]


Rechtlich, adj. et adv. 1) Von dem Hauptworte Recht, den Rechten, d. i. den Gesetzen, gemäß, für rechtmäßig; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, in welcher es noch in dem Gegensatze widerrechtlich vorkommt. 2) Gerichtlich; von Recht, Gericht. Jemanden rechtlich belangen, vor Gericht. Eine Sache rechtlich ausmachen, gerichtlich. Die rechtliche Entscheidung einer Sache. 3) * Recht und Billigkeit liebend, und darin gegründet; eine im Hochdeutschen veraltet Bedeutung in welcher rechtlik noch im Niederdeutschen gangbar ist. 4) In noch weiterer Bedeutung, vermuthlich von dem Nebenworte recht, ist rechtlich im Nieders. anständig, ehrbar. Ein rechtliches Kleid, ein ehrbares. 5) Ingleichen, in manchen Gegenden so viel als rechtschaffen. Ein rechtlicher Mann.


Rechtlinig (W3) [Adelung]


Rechtlinig, adj. et adv. welches nur in der Geometrie üblich ist. Eine rechtlinige Figur, in welcher rechte Winkel angetroffen werden.


Rechtlos (W3) [Adelung]


Rechtlos, -er, -este, adj. et adv. 1) Des Rechtes beraubt, d. i. gesetzwidrig, unrechtmäßig; im Gegensatze des rechtmäßig. Ein rechtloses Verfahren. 2) Der Rechtswohlthaten beraubt, der nirgends Recht finden kann und darf, vor keinem Gerichte gehöret und angenommen wird; eine ehedem sehr gangbare Bedeutung, wo jemanden ehr- recht- und friedelos legen, oft auch so viel bedeutete, als ihn vogelfrey erklären, in die Oberacht erklären. Jetzt ist es mit der Sache selbst größten Theils veraltet. Ihre glaubt, daß es in dieser Bedeutung von Recht, so fern es im Niederd. und Schwed. auch einen Eid bedeutet, abstammet, so daß ein rechtloser Mensch eigentlich ein solcher ist, der keinen Eid abzulegen fähig ist. Allein die allgemeinere Bedeutung des Wortes Recht findet hier noch bequemer Statt.


Rechtlosigkeit (W3) [Adelung]


Die Rechtlosigkeit, plur. inus. die Eigenschaft, da eine Sache rechtlos ist, in beyden Bedeutungen. So fern es auch von einem rechtlosen Betragen in der ersten Bedeutung gebraucht werden kann, kann auch der Plural Statt finden.


Rechtmäßig (W3) [Adelung]


Rechtmäßig, -er, -ste, adj. et adv. dem Rechte gemäß. 1) In der weitesten Bedeutung den Absichten und dem Endzwecke einer Sache gemäß. Der rechtmäßige Gebrauch der Geschöpfe Gottes. Eine rechtmäßige Neigung, welche in richtiger Vorstellung hinlänglicher Bewegungsgründe gegründet ist. 2) In engerer Bedeutung, den Gesetzen gemäß, in einem Gesetze gegründet; auch wohl im Gesetze nicht verbothen, erlaubt. Eine rechtmäßige Ehe. Rechtmäßige, aus rechtmäßiger Ehe erzeugte, Kinder. Rechtmäßige Ursachen. Eine rechtmäßige Forderung rechtmäßige Ansprüche. Einen rechtmäßige Beruf zu etwas haben. Ein rechtmäßiger Richter. Die Strafe ist nicht rechtmäßig. Ein rechtmäßiger Krieg. In dem Isidor rehtuuisig, im Oberdeutschen auch rechtlich und rechtfertig.


Rechtmäßigkeit (W3) [Adelung]


Die Rechtmäßigkeit, plur. inus. die Eigenschaft, da eine Sache rechtmäßig ist.


Rechts (W3) [Adelung]


Rechts, adv. welches nur in der ersten Bedeutung des Beywortes recht üblich ist, nach der rechten Hand, nach der rechten Seite hin; im Gegensatze des links. Sich rechts wenden, rechter Hand, zur rechten Hand. Rechts gehen. Rechts um, auf der rechten Seite herum. Das Dorf blieb rechts liegen, auf der rechten Hand.

Anm. Ottfried gebraucht rectaz überhaupt statt des Nebenwortes recht. Auch in den Oberdeutschen Kanzelleyen schreibt man noch, uns ist dero Schreiben rechts worden, richtig eingehändiget worden.


Rechtsamt (W3) [Adelung]


Das Rechtsamt, des -es, plur. die -ämter, ein zur Handhabung des Rechtes bestimmtes Amt. S. das Hauptwort Recht 2. 4).


Rechtsbeständig (W3) [Adelung]


Rechtsbeständig, -er, -ste, adj. et adv. so daß es nach den Rechten, ingleichen vor Gericht bestehen kann. Ein rechtsbeständiger Vergleich. So auch die Rechtsbeständigkeit.


Rechtschaffen (W3) [Adelung]


Rechtschaffen, -er, -ste, adj. et adv. die rechte, richtige und gehörige Beschaffenheit habend. 1. Im weitern Verstande, völlig so beschaffen, wie die Regel, die Absicht, der Endzweck es erfordert. 1) Eigentlich. Ich hatte dich gepflanzet zu einem süßen Weinstock, einem ganz rechtschaffenen Samen, Jer. 2, 21. Thut rechtschaffene Früchte der Buße, Matth. 3, 8. Der rechtschaffene Glaube, der wahre Glaube. Eine rechtschaffene Tugend, im Gegensatze einer falschen oder Scheintugend. Ein rechtschaffener Sohn. Ein rechtschaffener Soldat. Der Gegensatz davon ist das Niederdeutsche wahnschapen, wahnschaffen, welches die Hochdeutschen in ihrer Mundart veralten lassen. 2) Figürlich wird es, besonders in den gemeinen Sprecharten, häufig gebraucht, eine Intension zu bezeichnen, in einem hohen Grade so beschaffen, als das Prädicat will. Rechtschaffen fromm, sehr fromm. Sich rechtschaffen wehren, brav. Rechtschaffen arbeiten. Es ist ein rechtschaffener Arbeiter. Rechtschaffen betrogen werden. Jemanden rechtschaffen prügeln. Was Rechtschaffenes gelernt haben, was Gründliches. 2. In engerer Bedeutung ist rechtschaffen, Neigung und Fertigkeit besitzend, das zu thun was recht ist, bloß weil es recht ist, und in dieser Neigung gegründet. Ein rechtschaffener Mann. Rechtschaffen an jemanden handeln, mit jemanden umgehen. Ein rechtschaffenes Gemüth. Es ist kein rechtschaffener Blutstropfen in euch, Gell. Meine Absichten sind rechtschaffen.

Anm. Im Nieders. rechtschapen, im Schwed rättskaffens. Die letzte Hälfte gehöret wohl ohne Zweifel zu schaffen in beschaffen, obgleich Ihre sie lieber von skipa, ein Urtheil fällen, ehedem im Deutschen schöpfen, ableiten möchte, so daß es eigentlich für recht erkläret, bedeuten würde.


Rechtschaffenheit (W3) [Adelung]


Die Rechtschaffenheit, plur. inus. die Eigenschaft, da eine Person oder Sache rechtschaffen ist. 1) In der ersten Bedeutung, die völlige Übereinstimmung eines Dinges mit seinem Zwecke, mit seiner Absicht. 2) In engerer Bedeutung, die Neigung und Fertigkeit, das zu thun, was recht ist, bloß weil es recht ist, und der darin gegründete Zustand. Die Rechtschaffenheit sieht ihm aus den Augen. Die Rechtschaffenheit meiner Absicht.


Rechtschließung (W3) [Adelung]


Die Rechtschließung, plur. die -en, ein nur in den Gerichten einiger Gegenden, z. B. zu Hamburg, übliches Wort, die Gerichts-Ferien zu bezeichnen, da das Recht, d. i. das Gericht, geschlossen wird.


Rechtschreibung (W3) [Adelung]


Die Rechtschreibung, plur. die -en. 1) Die Fertigkeit recht zu schreiben, d. i. die Wörter mit den gehörigen Schriftzeichen zu schreiben; mit einem Griechischen Kunstworte die Orthographie. Sich der Rechtschreibung befleißigen. Ingleichen, die Anweisung, Wissenschaft, auf diese Art recht zu schreiben; in dieser ganzen Bedeutung ohne Plural. 2) In weiterer Bedeutung gebrauchen es einige überhaupt von jeder Art und Weise zu schreiben, d. i. die Wörter mit Schriftzeichen dem Auge darzustellen, und diese sprechen denn auch von einer falschen Rechtschreibung. Freylich gebraucht man des Griechische Orthographie auf eben diese Art ohne Bedenken; allein hier ist der Widerspruch, welcher in dem ganzen Ausdrucke liegt, nicht so merklich, als in dem Deutschen, daher man es in dieser Bedeutung lieber vermeidet, und dafür Schreibart setzt, obgleich auch dieses in einem andern Verstande von dem Style gebraucht wird.


Rechtsfall (W3) [Adelung]


Der Rechtsfall, des -es, plur. die -fälle, ein Fall, eine Begebenheit, welche das Recht, d. i. die Gesetze, betrifft, aus den Gesetzen bestimmt oder ein schieden werden muß.


Rechtsgang (W3) [Adelung]


Der Rechtsgang, des -es, plur. die -gänge. 1) Der Gang, welchen die Sachen vor Gerichte haben, die bey den Gerichten eingeführte Art, die angebrachten Sachen zu behandeln, der Prozeß; ohne Plural. 2) * Eine vor Gericht klagbar angebrachte Sache selbst, ein Rechtshandel, Prozeß; eine im Hochdeutschen ungewöhnliche Bedeutung.


Rechtsgelehrsamkeit (W3) [Adelung]


Die Rechtsgelehrsamkeit, plur. inus. die Wissenschaft der Rechte d. i. der Gesetze, die Wissenschaft das Verhältniß der menschlichen Handlungen gegen die Gesetze zu bestimmen; die Rechtswissenschaft, die Rechtslehre, mit einem großen Theils veralteten Ausdrucke die Rechtsgelahrheit, Rechtsgelehrtheit, mit einem Lateinischen Kunstworte die Jurisprudenz, zuweilen auch nur schlechthin das Recht, oder im Plural die Rechte. Sich der Rechtsgelehrsamkeit befleißigen.


Rechtsgelehrt (W3) [Adelung]


Rechtsgelehrt, adj. die Rechtsgelehrsamkeit verstehend, d. i. Wissenschaft und Fertigkeit besitzend, das Verhältniß der menschlichen Handlungen gegen die Gesetze zu bestimmen; am häufigsten als ein Hauptwort. Ein Rechtsgelehrter. Die Rechtsgelehrten. Im gemeinen Leben ist dafür das aus dem mittlern Lat. entlehnte Jurist sehr gewöhnlich. S. Rechtsverständig.


Rechtshandel (W3) [Adelung]


Der Rechtshandel, des -s, plur. die -händel, ein vor Gericht klagbar angebrachter Handel; eine Rechtssache.


Rechtshängig (W3) [Adelung]


Rechtshängig, adj. et adv. gleichfalls von Recht, Gericht, vor Gericht oder bey dem Gerichte anhängig. Eine rechtshängige Sache, welche bey dem Gerichte klagbar angebracht und noch nicht abgeurtheilet ist.


Rechtskosten (W3) [Adelung]


Die Rechtskosten, sing. inus. gerichtliche Kosten, Gerichtskosten.


Rechtskräftig (W3) [Adelung]


Rechtskräftig, -er, -ste, adj. et adv. die Kraft eines Gesetzes, und in weiterer Bedeutung eines Rechtes habend. Rechtskräftig werden. Ein rechtskräftiges Urtheil, welches die verbindliche Kraft eines Gesetzes für die Parteyen hat. Auch das Hauptwort die Rechtskraft ist, doch ohne Plural, nicht selten. Zur Rechtskraft gedeihen, die Kraft eines Gesetzes erhalten.


Rechtslehre (W3) [Adelung]


Die Rechtslehre, plur. inus. die Lehre des Rechtes, d. i. der Gesetze und des Verhältnisses der menschlichen Handlungen gegen dieselben; mit einem andern Nebenbegriffe die Rechtsgelehrsamkeit, S. dieses Wort.


Rechtslehrer (W3) [Adelung]


Der Rechtslehrer, des -s, plur. ut nom. sing. ein Lehrer der Gesetze, derjenige, welcher die Rechtsgelehrsamkeit andern vorträgt.


Rechtsmittel (W3) [Adelung]


Das Rechtsmittel, des -s, plur. ut nom. sing. ein in den Rechten oder Gesetzen gegründetes Mittel. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, ein in den Gesetzen verordnetes Mittel, eine Rechtssache zu erlangen, dergleichen z. B. die Appellation ist.


Rechtspflege (W3) [Adelung]


Die Rechtspflege, plur. inus. die Pflege, d. i. Handhabung, des Rechtes, oder der Gesetze; die Justiz: Pflege.


Rechtsschluß (W3) [Adelung]


Der Rechtsschluß, des -sses, plur. die -schlüsse, eine im Hochdeutschen ungewöhnliche Benennung eines Gutachtens oder Bedenkens eines oder mehrerer Rechtslehrer, eines rechtlichen Gutachtens, Responsi ICtorum.


Rechtssprecher (W3) [Adelung]


Der Rechtssprecher, des -s, plur. ut nom. sing. eine ungewöhnlich gewordene Benennung eines Beysitzers in einem Schöppenstuhle, eines Schöppen, welchen man ehedem auch einen Urtheilsprecher nannte.


Rechtsprechung (W3) [Adelung]


Die Rechtsprechung, plur. car. von dem Nebenworte recht, die Fertigkeit, die Buchstaben und Wörter recht, oder gehörig auszusprechen; mit Griechischen Kunstwörtern, die Orthoepie, Orthophonie.


Rechtssache (W3) [Adelung]


Die Rechtssache, plur. die -n, eine jede vor Recht, d. i. Gericht, angebrachte Sache, ein Rechtshandel; auch wohl in weiterer Bedeutung, eine vor Gericht gehörige Sache, welche nach den Gesetzen bestimmt werden miß.


Rechtsstand (W3) [Adelung]


Der Rechtsstand, des -es, plur. die -stände, dasjenige Gericht, welchem jemand zu Recht zu stehen verbunden ist, dessen Gerichtbarkeit der selbe unterworfen ist.


Rechtsständig (W3) [Adelung]


Rechtsständig, adj. te adv. einem Gerichte ständig, d. i. dessen Gerichtbarkeit unterworfen.


Rechtsstreit (W3) [Adelung]


Der Rechtsstreit, des -es, plur. die -e, eine vor Gericht anhängig gemachte streitige Sache. Ingleichen ein Streit über eine rechtliche, die Gesetze und das Verhältniß gegen dieselbe betreffende Sache.


Rechtsstuhl (W3) [Adelung]


Der Rechtsstuhl, des -es, plur. die -stühle, ein Collegium, welches Recht spricht, das Verhalten der menschlichen Handlungen gegen die menschlichen Gesetze beurtheilet, dergleichen die Schöppenstühle, Facultäten u. s. f. sind, und welche sich von den Gerichten noch unterscheiden. S. Stuhl.


Rechtsverständig (W3) [Adelung]


Rechtsverständig, adj. die Rechte, d. i. Gesetze, verstehend. Ein Rechtsverständiger, Juris peritus. S. Rechtsgelehrt.


Rechtswissenschaft (W3) [Adelung]


Die Rechtswissenschaft, plur. inus. die Wissenschaft des Rechtes, d. i. der Gesetze und des Verhältnisses der menschlichen Handlungen gegen dieselben. Ingleichen subjective, die Fertigkeit, dieses Verhältniß aus ungezweifelten Gründen zu bestimmen. S. Rechtsgelehrsamkeit.


Rechtswohlthat (W3) [Adelung]


Die Rechtswohlthat, plur. die -en, ein in den Rechten als eine Gunst oder Wohlthat verstattetes Rechtsmittel.


Rechtszwang (W3) [Adelung]


Der Rechtszwang, des -es, plur. car. der Gerichtszwang, d. i. das Befugniß, jemanden zu zwingen, von ihm sein Recht zu nehmen, seine Gerichtbarkeit zu erkennen.


Rechtwinkelig (W3) [Adelung]


Rechtwinkelig, adj. et adv. einen rechten Winkel enthaltend, in der Geometrie. Ein rechtwinkeliger Triangel; im Gegensatze eines schiefwinkeligen. Zwey Linien durchschneiden sich rechtwinkelig, wenn sie sich nach rechten Winkeln durchschneiden.


Recidiv (W3) [Adelung]


Das Recidiv, des -es, plur. die -e, aus dem Lat. recidivus, ein neuer Anfall von einer bereits überstandenen Krank- heit; ein Rückfall, in der Monseeischen Glosse Abarsturz, von aber, wiederum.


Recipient (W3) [Adelung]


Der Recipient, des -en, plur. die -en, aus dem Lat. recipiens, in der Chymie, dasjenige Gefäß, welches die in der Retorte, der Destillir-Blase u. s. f. übergetriebenen Körper aufnimmt; die Vorlage.


Recitativ (W3) [Adelung]


Das Recitativ, des -es, plur. die -e, aus dem Ital. Recitativo, in der Musik, eine Rede in Form eines Gesanges in einem Singestücke, welche zur Verbindung der Arien und zur Fortführung der Handlung dienet.


Reckbank (W3) [Adelung]


Die Reckbank, plur. die -bänke, die Folterbank in der Tortur, weil der Gefolterte auf derselben auch gerecket oder ausgedehnet werden kann, besonders in den Gerichten Nieder-Deutschlandes.


Recke (W3) [Adelung]


1. Die Recke, plur. die -n, in einigen besonders Niederdeutschen Gegenden, eine Art der Befriedigung, welche aus einer Reihe Pfähle mit Querstangen bestehet, die mit weidenen Ruthen angebunden werden; in einigen Gegenden auch das Rick. Ohne Zweifel als ein Verwandter von Riegel und reichen. Im Nieders. ist Rick eine lange hölzerne Stange, und bey den Färbern werden die langen Stangen, worauf die gefärbten zeuge gehängt werden, gleichfalls Recken genannt.


Recke (W3) [Adelung]


2. Die Recke, plur. die -n, ein Werkzeug zum Recken; doch nur in einigem Fällen. So wird bey den Riemern der lange Baum zwischen zwey Docken, womit das große Leder ausgedehnet wird, so wohl die Recke, als auch die Strecke genannt. S. Recken.


Recke (W3) [Adelung]


3. Der Recke, des -n, plur. die -n, oder der Recken, des -s, plur. ut nom. sing. ein im Hochdeutschen veraltetes Wort, welches es aber ehedem sehr gangbar war und noch im Niederdeutschen üblich ist, einen Riesen, ungewöhnlich großen Menschen, und figürlich auch einen Helden, Fürsten u. s. f. zu bezeichnen. ( S. Frischens und Wachters Wörterbücher.) Im Nieders. Reke, im Schwed. Rick, im Angels. Rica. Es ist ein naher Verwandter von dem folgenden recken und von reichen, und hat ursprünglich den Begriff der Größe, der Höhe, und figürlich der Macht. Das Gothische Rees, ein Fürst, das Lat. Rex, und andere mehr gehören gleichfalls dahin, ( S. Reich.) Im Nieders. ist Reks ein langer Mensch im verächtlichen Verstande.


Recken (W3) [Adelung]


Recken, verb. reg. act. 1) Ausdehnen; doch gemeiniglich nur im gemeinen Leben. Das Leder recken. Einen Verbrecher auf der Folterbank recken. Sich recken, in der niedrigen Sprechart, für sich dehnen. 2) Für strecken, in welcher Bedeutung es auch zuweilen in der anständigen Schreibart gebraucht wird. Und Aaron reckte seine Hand über die Wasser, 2 Mos. 8, 6. Und Mose reckte seine Hand gen Himmel, Kap. 10, 22. Und der König reckte den güldnen Scepter in seiner Hand gegen Esther, Esth. 5, 2; wofür man jetzt doch lieber ein anderes Zeitwort gebrauchen würde. Gott recket seine Hand aus über das Volk, Es. 5, 25. Des Meeres Bewohner Recken ihr Haupt aus der Fluth, die frühe Sonne zu grüßen, Zach. Den Kopf in die Höhe recken, Nieders. reckbalsen. Ob es gleich in dieser Bedeutung ohne Bedenken auch in der anständigen Sprechart gebraucht wird, so klebt demselben doch immer noch ein verächtlicher Nebenbegriff an, welchen das in vielen Fällen gleichbedeutende strecken nicht hat. Daher das Recken.

Anm. Bey dem Notker recchan, bey dem Ottfried reken, im Nieders. recken, bey dem Ulphilas raikjan, im Schwed. räcka, im Angels. raecan, im Isländ. reikia. Es ist, wie aus dem verdoppelten k erhellet, das Intensivum von reichen. Nieders. reken, und wird von unsern alten Oberdeutschen Schriftstellern auch für reichen gebraucht; then mund irreken, dem Mund hinreichen, Ottfried. Im Hebr. ist - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - ausdehnen, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - verlängern, und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - die Länge. Das Nieders. rrecken und Hochdeutsche strecken, sind durch Vorlaute daraus gebildet. Siehe Reich und Reichen.


Reckholder (W3) [Adelung]


Der Reckholder, des -s, plur. inus. in den gemeinen Sprecharten. 1) Der gemeine Hohlunder, Sambuciis nigra L. welcher in manchen Gegenden auch Resken heißt. 2) Der gemeine Wachholder, Juniperus communis L. Daher der Kramsvogel auch in einigen Gegenden Reckholdervogel heißt.


Reckseil (W3) [Adelung]


Das Reckseil, des -es, plur. die -e, in einigen Gegenden, dasjenige Seil, womit die Verbrecher auf der Reck- oder Folterbank gerecket oder ausgedehnet werden.


Reckzeug (W3) [Adelung]


Das Reckzeug, des -es, plur. car. eben daselbst, alles zum Recken, und in weiterer Bedeutung, alles zum Foltern eines Missethäters gehörige Geräth.


Recrut (W3) [Adelung]


Der Recrut, des -en, plur. die -en, aus dem Franz. Recrue, dem Ital. Recruta, und den Zeitwörtern recruter und recrutare, ein neu angeworbener Soldat besonders so lange er noch nicht zur Fahne geschworen hat. Daher das Zeitwort recrutiren, neue Soldaten werben. Sich recrutiren sagt man von einem Kriegsheere, einem Regimente u. s. f. wenn es durch Anwerbung neuer Soldaten sich vollzählig macht oder verstärkt.


Rectificiren (W3) [Adelung]


Rectificiren, verb. reg. act. aus dem mittlern Lat. rectificare, in der Chymie, einen destillirten flüssigen Körper durch eine neue Destillation ohne Zusatz reinigen. Rectificirter Weingeist. Daher die Rectification.


Rector (W3) [Adelung]


Der Rector, des -s, plur. die Rectoren, aus dem Lat. Rector, der Vorgesetzte einer Lateinischen Schule, welcher in den Deutschen Schulen der Schulmeister genannt wird; der Schul-Rector, zum Unterschiede von einem Rector auf einer Universität, der, wenn der Landesherr selbst die Würde eines Rectors bekleidet, auch Pro-Rector genannt wird. Daher das Rectorat, des -es, plur. die -e, die Würde, ingleichen die Wohnung eines Rectors, so wohl auf Schulen, als auf Universitäten. Ehedem wurden auch die Pfarrer Rectores genannt, in welcher Bedeutung dieses Wort unter andern auch noch im Englischen üblich ist. In den Lateinischen Schulen führet der nächste nach dem Rector den Nahmen eines Conrectors, und der nächste nach diesem, den Nahmen eines Subrectors.


Redart (W3) [Adelung]


Die Redart, plur. die -en, S. Redensart.


Redde (W3) [Adelung]


Die Redde, ein Hund männlichen Geschlechtes, S. Rette.


Reddieß (W3) [Adelung]


Der Reddieß, S. Radieß.


Rede (W3) [Adelung]


1. Die Rede, in der Schifffahrt. S. Rehde.


Rede (W3) [Adelung]


2. Die Rede, plur. die -n, ein Wort, welches jetzt nur noch in einer doppelten Hauptbedeutung üblich ist. 1. Als ein Abstractum und ohne Plural. 1) Das Vermögen zu reden, d. i. seine Gedanken durch vernehmliche Laute auszudrucken; wo es, statt des in dieser Bedeutung gewöhnlichen Sprache, doch nur noch in einigen Fällen gebraucht wird. Die Rede ist ihm vergangen. Die Rede wieder bekommen. Mit der Rede nicht wohl fortkommen können. Einen seltenen Fluß der Rede besitzen. 2) Die Art und Weise dieses Vermögens; so wohl in Ansehung des Klanges, des Lautes. Seine Rede war wie ein groß Getöne, Dan. 10, 6. Eine vernehmliche undeutliche Rede haben. Ich kenne ihn an der Rede, an der Sprache an der Stimme. ( S. auch Ausrede.) Als auch in Ansehung der Abmessung. Die gebundene Rede, die Poesie, in Ansehung der ungebundenen oder der Prose. 2. Als ein Concretum, was man redet, Laute und Worte, so fern sie Zeichen der Gedanken sind, eine Reihe mit einander verbundener Worte, ein durch die Rede oder das Vermögen zu reden ausgedruckten Gedanke. 1) Überhaupt, von einer jeden Reihe verbundener Worte; wo es wieder auf eine doppelte Art gebraucht wird. (a) In Gestalt eines Collectivi, wenigstens ohne Plural, wo es besonders in einigen einmahl angenommenen Arten der Ausdrücke üblich ist. Es ist der Rede nicht werth, nicht werth, daß man davon spricht. Davon ist die Rede nicht, davon wird nicht geredet. Auf die Rede von etwas kommen, besser, auf etwas zu reden kommen. Die Rede siel bald auf dieß, bald auf jenes, das Gespräch. Das ist meine Rede jederzeit gewesen, das habe ich jederzeit gesagt. Er gibt nichts auf meine Rede, auf das, was ich ihm sage. Vergessen sie ihre Rede nicht, vergessen sie nicht, wovon sie reden, oder was sie sagen wollten. Jemanden in die Rede fallen, ihn im Reden unterbrechen, ihm in das Wort fallen. (b) In beyden Zahlen, von dem was man redet. Verschonen sie mich solchen Reden. Jemandes Reden auffangen. Jemanden unnütze Reden geben. Kurzweilige Reden führen. Was habt ihr für Reden unter einander? Eine Rede gab die andere. Glaubet meinen Reden. Nicht auf Einer Rede bestehen. Gotteslästerliche Reden ausstoßen. Solche Reden kommen über meinen Mund nicht, Gell. Es wird in diesen und andern ähnlichen Ausdrücken am häufigsten von kurzen durch die Rede ausgedruckten Sätzen gebraucht, daher man in den meisten Fällen auch dafür Worte gebraucht. Da es ein sehr allgemeiner Ausdruckt ist, so gebraucht man in den meisten Fällen dafür lieber die bestimmtern Ausdrücke Vorstellung, Ermahnung, Warnung u. s. f. In der Deutschen Bibel kommt es so wohl im Singular allein, als auch in beyden Zahlen sehr häufig vor, den bekannt gemachten Willen Gottes, die Lehren anderer u. s. f. zu bezeichnen; in welcher Bedeutung es aber ungewöhnlich ist. S. auch die Zusammensetzungen Abrede, Anrede, Einrede, Gegenrede, Vorrede, Widerrede, Nachrede u. s. f. 2) In engerer Bedeutung, von besondern Arten der durch Worte ausgedruckten Gedanken. (a) Ein Gerückt. Es gehet die Rede, er sey todt. Es gehen allerley seltsame Reden von ihm. Eine Rede aussprengen. In engerer Bedeutung ist die Rede, ohne Plural, derjenige Zustand, da andere Leute übels oder verdächtiges von uns reden. In dieser Bedeutung sagt man, in der Rede seyn, in die Rede kommen, jemanden in die Rede bringe. Ein ehrlicher Mensch kann oft unschuldig in die Rede kommen. Also hat er meine Tochter nur in die Rede bringen wollen? Gell. (b) Rechenschaft, d. i. Anzeige der Bewegungsgründe seines Verhaltens an einen Obern; ohne Plural. Jemanden zur Rede setzen oder stellen, ihn fragen, was und warum er es gethan habe; ihn wegen einer Sache zur Rede setzen. Jemanden Rede stehen; eine im Hochdeutschen ungewöhnliche Art des Ausdruckes. Ich werde mit Deutschem Muthe jedem Rede stehen, der u. s. f. Hermes. Ingleichen in Verbindung mit Antwort. Rede und Antwort von etwas geben, Rechenschaft. Reda kommt in dieser Bedeutung schon bey dem Kero vor, und ist hier noch ein Überbleibsel des alten Gebrauches, da es auch für Grund, Ursache, Lat. Ratio, gebraucht wurde. ( S. die Anmerkung) (c) Ein feyerlicher Vortrag, Überredung bey andern zu wirken. Eine weltliche Rede, zum Unterschiede von einer geistlichen Rede oder Kanzelrede welche auch eine Predige genannt wird. Eine Einweihungsrede, Schulrede, Huldigungsrede, Leichenrede, Lobrede u. s. f. Eine Rede an das Volk halten. In der Rede stecken bleiben. Eine Rede auf den Tod des Landesherren halten, bey Gelegenheit desselben, auf dessen Veranlassung. Eine Rede über etwas halten, dasselbe zum Grunde, zum Hauptsatze der Rede wählen. S. Redekunst.

Anm. Schon bey dem Kero Reda, bey dem Ottfried im Plural Redinu, im Nieders. Rede, bey dem Ulphilas Raeda, im Schwed. Reda, im Isländ. Raeda, im Wallis. Araith. Ehedem bedeutete es auch theils die Art und Weise, wie Rheda im Isidor, theils die Reihe, Ordnung, theils den Grund, die Ursache, den Beweis, theils die Vernunft; welche beyden letztern Bedeutungen das Nieders. Rede noch hat, und worin es mit dem Lat. Ratio überein kommt. So gar im Arab. ist Ridaon das Verständniß, Reed eine Widerlegung, und im Persische Rede die Reihe, Ordnung. Den Grund dieser dem Anscheine nach so verschiedenen Bedeutungen, S. in der Anmerkung zu dem Zeitworte reden. In der Deutschen Bibel lautet der Plural, wenigstens in vielen Ausgaben, mehrmahls Rede für Reden. Die Rede des Herrn sind durchläutert, Ps. 18, 31.


Redeart (W3) [Adelung]


Die Redeart, plur. die -en, S. Redensart.


Redekunst (W3) [Adelung]


Die Redekunst, plur. inus. die Kunst geschickt zu reden, in der engern Bedeutung dieses Wortes, d. i. Überredung zu wirken; doch nur objective, der Inbegriff der Regeln, wie man durch die Rede bey andern Überzeugung wirken könne, die Anweisung zur Beredsamkeit; mit fremden Kunstwörtern die Rhetorik, die Oratorie. In weiterer Bedeutung wird auch die ganze Lehre des Styles oder der ungebundenen Rede von einigen mit zur Redekunst gerechnet. Im subjectiven Verstande von der Fertigkeit durch mündlichen Vortrag Überredung bey andern zu wirken, sind die Wörter Beredsamkeit und Wohlredenheit üblich. Das von einigen gewagte Redekünstler, der die Redekunst verstehet, ein Lehrer derselben, hat so wenig hier als in andern ähnlichen Zusammensetzungen Beyfall finden wollen.


Reden (W3) [Adelung]


Reden, verb. reg. act. et neutr. welches im letztern Falle das Hülfswort haben erfordert. 1. Im weitesten Verstande, vernehmliche Laute hervor bringen, Laute, welche Zeichen der Gedanken sind, hervor bringen, wie sprechen. Das Kind lernt reden. Einen Papagey reden lehren. Der Stahr kann reden. Laut reden. leise, heimlich reden. Durch die Nase reden. 2. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, seine Gedanken andern durch Worte, durch vernehmliche Töne bekannt machen. 1) Im weitesten Verstande. Mit jemanden reden. Mit sich selbst reden. Von etwas reden. Über etwas reden. Jedermann redet von der Sache. Wir redeten eben von dir. Jemanden zu nahe reden, etwas zu seinem Nachtheile reden. Alles Gute von jemanden reden. Ich habe kein Wort mit ihm geredet. Das Reden fällt mir schwer. Unnütze Sachen reden. Rede mir nicht darein. Deutsch Französisch reden. Kurz von der Sache zu reden. Das Beste von einer Sache reden. Ich habe ein Wort mit dir zu reden. Davon wäre viel zu reden. Thiere redend einführen. Davon ist kein Wort geredet worden. O, zu wem wollte ich davon reden! Gell. Auf jemanden reden, im gemeinen Leben, ihm Böses nachreden. Auf etwas zu reden kommen. Lassen sie doch vernünftig mit sich reden. Ich will mit ihm aus der Sache reden besser, von der Sache. Die Wahrheit reden. Man redet stark vom Kriege. Aufrichtig von der Sache zu reden. Die Sprache der Liebhaber, oder in der Sprache der Liebhaber reden. Sie reden sehr wahr. In Schlafe reden. Ehe ich als Vater ein Machtwort rede, Gell. Damit wir nicht eins in das andere reden. Die Verzweifelung redet aus ihm. Jemanden etwas aus dem Sinne reden. Ingleichen in verschiedenen figürlichen Redensarten. Er läßt mit sich reden, er nimmt vernünftige Vorstellungen an. Jemanden nach dem Munde, (im gemeinen Leben nach dem Maule,) reden, reden, was er gern höret. Einem das Wort reden, zu seinem Besten reden, sein Bestes reden. Du hast gut reden. In den Wind reden, vergeblich, ohne Wirkung bey andern. Jemanden ins Herz, ins Gewissen reden, ihn durch Vorstellungen zu rühren, sein Gewissen rege zu machen suchen, und andere mehr. 2) In engerer Bedeutung, eine Rede in der dritten engsten Bedeutung halten, durch einen mündlichen Vortrag Überredung zu wirken suchen. Vor dem Volke reden. Von einer Wahrheit reden. Den ganzen Tag reden. 3) Figürlich, durch sichtbare Zeichen lebhafte Gedanken und Vorstellungen in andern erwecken. Ein redendes Wapen, in der Heraldik, welches den Nahmen dessen ausdruckt, der dasselbe führet. Ein redendes Bild, welches gleichsam zu reden scheinet, dem Original vollkommen ähnlich ist. Die Sache redet selbst. Sanfte Freude redet stets aus deinen Augen, Geßn. Die Unruhe und sein Verbrechen redeten aus ihm, Gell. O, wie dankbar lehnt sie sich mit redenden Blicken an ihn an! Zachar. Daher das Reden, statt des ungewöhnlichen Redung, obgleich solches in den Zusammensetzungen üblich ist. Jemanden das Reden verbiethen. Viel Redens von einer Sache machen.

Anm. 1. Bey dem Ottfried und Kero vermittelst der intensiven Endung -nen, redinon, rednen, wovon noch Redner abstammet, im Niederd. reden, im Schwed. reda, im Isländ. röda, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . Es ist eine unmittelbare Nachahmung des durch Reden verursachten Lautes, daher es auch in andern Sprachen und Mundarten von einigen besondern Arten des Redens gebraucht wird. Kero gebraucht redinon für hersagen das Angels. raodan und Engl. to read bedeutet lesen, das Schwed. reda zählen, rechnen, ehedem rechen, welches nur im Endlaute verschieden ist, ingleichen erklären. Auch unser Rath und Rathen gehören hierher, so wie reiten, equitare und praeparare, bereiten., ähnliche, obgleich der Sache nach verschiedene Laute ausdrucken. S. auch Rath, Rechnen u. s. f.

Anm. 2. Reden und Sprechen haben in der Bedeutung vieles mit einander gemein, ( S. das letztere, ingleichen Sagen, Plaudern, Schwatzen, Klaffen, Klatschen, Plappern, Schmatern u. s. f. welche alle besondere Arten des Redens bezeichnen, so wie die veralteten chosen, Franz. causer; chedun, quedan, welches mit der letzten Hälfte in dem Lat. inquit und mit citare, recitate, verwandt ist; und rachon, wovon unser rechnen abstammet. In den gemeinen Sprecharten hat man noch eine Menge anderer Wörter, gewisse besonders in das Gehör fallende Arten der Reden bezeichnen. So heißt durch die Nase reden nieseln, im Nieders. nüffeln und schnüffeln; durch die Zähne reden, im Nieders. slyren: verworren reden, wie ein Betrunkener, söllen, wübbelwabbeln; langsam und zauderhaft reden, kaueln; langsam und gedehnt reden, semmeln, dröhnen; mit heller schreyender Stimme reden, quieken, quietschen; mit feiner Stimme die Worte lang ziehen, mit zugespitztem Munde reden, ziesken; mit durchdringender Stimme reden, klönen; unanständig laut reden, kelsken, schrauen im Hochdeutschen schreyen; schnell und unnütz reden, laffen, labbern, plappern, koren, praten, pratein, im Schwed. ist prata reden überhaupt, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - ; im pfeifenden Tone reden, pauen; mit hohlem Munde reden, pauken; heimlich, leise reden, nustern, mustern, musseln, susseln, mumpeln, munkeln, im Hochdeutschen flistern und raunen; in einem klagenden gedehnten Tone reden, schwögen; sehr geschwinde reden, haspeln; geschwinde und unverständlich reden, rabbeln, und hundert andere mehr.


Redensart (W3) [Adelung]


Die Redensart, plur. die -en, ein aus mehrern Worten bestehender Ausdruck, welcher ein Prädicat mit dem Verbindungsworte enthält; nach dem Griech. und Lat. Phrasis. Man muß dieses Wort mit Redeart oder Redart nicht verwechseln, welches zuweilen für Mundart, zuweilen aber auch so wie Sprechart und Schreibart von der Art und Weise sich in verschiedenen Verhältnissen durch Worte auszudrucken gebraucht wird. Die Redeart des gemeinen Mannes. Im Oberdeutschen hingegen werden die Redensarten mehrmahls Redarten genannt.


Redescheu (W3) [Adelung]


Redescheu, -er, -este, adj. et adv. Scheu besitzend zu reden und in dieser Unart gegründet. Ein redescheuer Mensch, der sich aus Mangel an Erziehung zu reden scheuer. Im Oberdeutschen auch redeflüchtig. Daher das Hauptwort die Redescheu, plur. car.


Redetheil (W3) [Adelung]


Der Redetheil, des -es, plur. die -e, Diminut. das Redetheilchen, der Theil einer Rede, doch nur am häufigsten im weitesten Verstande, ein Wort, so fern es ein Theil einer jeden Rede ist, und in Ansehung seiner Beugung und seines Standes in derselben betrachtet wird; Pars Orationis. So zählet man in den Sprachlehren gemeiniglich neun Redetheile, den Artikel, das Nennwort, das Fürwort, das Zeitwort, das Mittelwort, das Nebenwort, das Vorwort, das Bindewort und das Zwischenwort.


Redeübung (W3) [Adelung]


Die Redeübung, plur. die -en, eine Anstalt, da junge Leute in Haltung feyerlicher Reden geübet werden, besonders auf Schulen; Actus oratorius.


Redlich (W3) [Adelung]


Redlich, -er, -ste, adj. et adv. welches nach Maßgebung des größten Theils veralteten Red, Rede, ehedem in verschiedenen Bedeutungen üblich war, und es zum Theil noch ist. 1. * Von dem veralteten Rede, Vernunft, eine figürliche Bedeutung unsers heutigen Rede, war redlich ehedem vernünftig. In diesem Verstande kommt so wohl redeiicho als redihaft bey dem Ottfried und Notker vor, und das Holländ. redenlik, redelik, und Nieders. redelik hat noch eben die Bedeutung, und ist dem redelos, unvernünftig, entgegen gesetzet. Da denn auch Redelicheit, Redlichkeit, die Vernunft ist. Im Hochdeutschen ist diese Bedeutung veraltet. 2. * Von dem veralteten Red, Rath, ist redlic im Angelsächsischen, mit Rath, mit Bedacht, mit Überlegung, behuthsam, im Gegensatze des redeleas, redelos, unbesonnen. Auch diese Bedeutung, kennen wir nicht mehr. 3. * Eine andere veraltete Bedeutung kommt bey dem Kero vor, der redalihho für strenue gebraucht, wo es zu Rad, reiten, in der weitesten Bedeutung einer schnellen raschen Bewegung, zu gehören scheinet. S. Bereit. 4. Von dem veralteten Red, Schwed. Rätt. welches ehedem für Recht üblich war, ( S. die Anmerkung zu diesem Worte,) kommt es außer einigen gleichfalls veralteten Bedeutungen noch in verschiedenen Fällen vor. 1) Von Rede, Recht, so fern es ein Gesetz und den Inbegriff mehrerer Gesetze bezeichnet. (a) * Rechtmäßig; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Redliche Kinder, eine redliche Ehe, redliche Nachkommen u. s. f. für rechtmäßige, in den Schriften der vorigen Jahrhunderte. (b) In engerer und figürlicher Bedeutung ist es noch im Oberdeutschen für das Hochdeutsche ehrlich üblich, doch nur so fern es den angenommenen Begriffen der äußern Ehre gemäß bedeutet. Die Abdecker und Henker sind nicht redlich, d. i. nicht ehrlich. Sich redlich nähren, Ps. 37, 3. Ich will nicht redlich seyn, nicht ehrlich. (c) Erlaubt, durch kein Gesetz verbothen, rechtmäßig; noch in einigen Fällen des gemeinen Lebens. Sich redlich nähren, auf eine erlaubte Act. Es gehet hier redlich zu, nicht rechtmäßig. 2) Von Recht und folglich auch dem veralteten Red, Übereinstimmung mit der Pflicht, Absicht und dem Endzwecke, ist redlich noch jetzt, besonders in der vertraulichen Sprechart, so wie rechtschaffen, seiner Pflicht, seiner Absicht, seinem Endzwecke vollkommen gemäß. Er hat das seinige redlich gethan. Seine Mutter war eine redliche Gehülfinn ihres Mannes. Sich redlich wehren. Ein redlicher Mann. Ein redliches Gemüth. Redlich mit jemanden umgehen. Dein Verfahren gegen mich ist nicht redlich. Es gehet hier nicht redlich zu. Ein redlicher Freund. Mit redlichen Leuten ist gut handeln. Alles was die Kunst aus den großen, hervor ragenden, stieren; starren Augen der Gräfinn Gutes machen kann, das haben sie redlich daraus gemacht. - - Redlich, sag' ich? - - - Nicht so redlich, wäre redliche, Less. in der Emil. Galotti; wo es so viel sagen will, sie haben zwar alle Kräfte daran gewandt, alles daraus zu machen, sie haben ihr aber auch dabey geschmeichelt, die Wahrheit überschritten. Ingleichen dem Versprechen, der Zusage gemäß, wo es auch von Rede abstammen kann, seiner Rede gemäß. Jemanden redlich bezahlen. Er hat sein Wort redlich gehalten. 3) In engerer Bedeutung, geneigt und Fertigkeit besitzend, das was recht und billig ist, darum zu thun, weil es recht und billig ist, für rechtschaffen; eine im Hochdeutschen größten Theils veraltete Bedeutung, in welcher es im engern und theologischen Verstande noch mehrmahls in der Deutschen Bibel vorkommt. Wer redlich ist, und auf die Götter traut, der wandelt nicht auf triegendem Sumpf, Geßn.


Redlichkeit (W3) [Adelung]


Die Redlichkeit, plur. car. die Eigenschaft, der Zustand da eine Person oder Sache redlich ist, besonders in der vorigen zweyten Bedeutung, die Neigung und Fertigkeit, fein äußeres Bezeigen gegen andere seiner innern rechtmäßigen Beschaffenheit gemäß einzurichten; im Gegensatze der Falschheit.


Redner (W3) [Adelung]


Der Redner, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Rednerinn, eine Person, welche die Gabe oder Fertigkeit besitzet, andere leicht zu überreden. Ein guter Redner seyn. In engerer Bedeutung, eine Person, welche eine freyerliche Rede an die Zuhörer hält. Ehedem wurden auch die Sachwalter, Anwälte, Advocaten u. s. f. so fern sie ihren Vortrag in feyerliche Reden einkleideten, Redner genannt.

Anm. Schon in dem alten Fragmente auf Carln den Großen bey dem Schilter Rethenare. Es stammet von dem jetzt veralteten Intensivo redenen für reden her, welches noch bey dem Ottfried vorkommt. Von reden müßte es Reder heißen, welches noch bey dem Tschudi angetroffen wird.


Rednerisch (W3) [Adelung]


Rednerisch, -er, -te, adj. et adv. einem Redner und dessen Kunst, andere zu überreden, gemäß. Rednerische Blumen, rednerische Künste. Das war sehr rednerisch. Eine rednerische Ründung der Person.


Rednerkunst (W3) [Adelung]


Die Rednerkunst, plur. die -künste, künstliche, in der Redekunst gegründete Mittel, bey andern Überredung zu wirken.


Rednerstuhl (W3) [Adelung]


Der Rednerstuhl, des -es, plur. die -stühle, der Stuhl, d. i. erhabner Ort, von welchem ein Redner eine feyerliche Rede an die Versammlung hält, und welcher in den Kirchen die Kanzel, der Predigtstuhl genannt wird.


Redselig (W3) [Adelung]


Redselig, -er, -ste, adj. et adv. in einem vorzüglichen Grade gesprächig, geneigt und Fertigkeit besitzend, mit jedermann zu reden, und viel zu reden; im Oberdeutschen auch redsprachig. So auch die Redseligkeit, Redsprachigkeit, für Gesprachigkeit. S. -Selig.


Ree (W3) [Adelung]


Die Ree, die Segelstange, S. Rahe.


Reede (W3) [Adelung]


Die Reede, S. Rehde.


Reff (W3) [Adelung]


1. * Das Reff, des -es, plur. die -e, ein Wort, welches überhaupt den Begriff der Bedeckung, und figürlich, der Höhlung und eines hohlen Raumes, vielleicht auch der Ebene, der nach allen Seiten ausgedehnten ebenen Fläche, hat, S. Revter. Dahin gehören das Angels. Raefels, Kleider, das mittlere Lat. Raupa, Raubaroba, das Engl. und Franz. Robe, ein langes Frauenkleid, das Arab. Rafyson, seidene, und andere mehr. Hier wird es nur um des Niederdeutschen in der Schifffahrt üblichen Wortes Reff willen angeführet, womit man die kleinen Segel bezeichnet, welche bey schwachem Winde an die gewöhnlichen großen befestiget werden, und welches gleichsam hierher zu gehören scheinet; im Hochdeutschen die Beysegel. Nieders. gleichfalls Reff, ingleichen Riff, im Engl. Riff, im Holländ. Rif, Reft, Reef. Im Angels. ist Rift ein jedes Segel. Im Niederdeutschen ist Reff und Rä in mancher Fällen ein Fell, die Haut überhaupt. Daher wird das Zwerchfell daselbst Middelreff, Engl. Midriff, genannt, und jemanden auf das Reff kommen, ist daselbst in den niedrigen Sprecharten, ihn ausprügeln. Zu dem verwandten Begriffe des hohlen Raumes gehöret das alte Oberdeutsch. Hirnrebe für Hirnschale, in dem alten Fragmente auf Carln den Großen bey dem Schilter, und das Holländ. Roef, die Schiffskammer.


Reff (W3) [Adelung]


2. Das Reff, des -es, plur. die -e, ein Wort, welches eine Ausdehnung in die Höhe und Länge, und ein aus langen, schmalen Körpern zusammen gesetztes Ding bezeichnet. 1) * Eine Ausdehnung in die Höhe und Länge zugleich; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, wohin noch das Nieders. Reff gehöret, wenn es so wohl eine lange Sandbank in der See, als auch eine in die Länge sich erstreckende Reihe Klippen bedeutet. Das Schwed. Ribe, die Seekante, das Lat. Ripa, das Ufer, und der alte Nahme des Riphäischen Gebirges sind sehr nahe damit verwandt. Das veraltete Ref, Angels. Href, der Bauch, das Nieders. Rä, der Körper, Leib, Isländ. Rae, Angels. Hraew, und andere mehr, scheinen auch dahin zu gehören. 2) * Eine Ausdehnung in die Länge allein, ohne beträchtliche Breite und Dicke; eine gleichfalls veraltete Bedeutung. In den alten Oberdeutschen Mundarten ist Raff Rafen, ein Balken, in der Monseeischen Glosse Ravo, Lat. Trabs. ( S. auch Raff und Rippe.) 3) Ein aus solchen langen aber schmalen und dünnen Körpern bestehendes Ding, ein solches Gestell; wo es wieder in verschiedenen Fällen vorkommt. (a) * Ein Skelett, das Knochengebäude eines Thieres oder Menschen, hieß ehedem ein Reff, jetzt ist dafür Geripp üblich. (b) * Ein Saumsatiel, eine noch im Oberdeutschen gangbare Bedeutung; ein Saumreff. (c) An den Sensen der Landleute ist das Reff eine mit der Sense parallel gehende Gabel, an welche sie sich Halmen im Mähen lehnen, worauf sie von derselben ohne Verwirrung auf die Seite geworfen werden. (d) Auf den Schiffen sind die Reffe, (Engl. Riff, Holländ. Reef,) gewisse Streifen, welche quer über die Segel gehen, und deren jedes Segel mehrere Reihen hat. Jede Reihe bestehet aus doppelten Schnüren oder Reffbändern, vermöge welcher man bey starkem Winde einen Theil des Segels einreffet, oder einbindet. In dieser Bedeutung scheint es mit Reif, Seil, verwandt zu seyn. (e) Ein aus dünnen, schmalen Hölzern bestehendes Gestell, gedachtes Holz und andere Lasten darin auf dem Rücken zu tragen, heißt im gemeinen Leben vieler Gegenden ein Reff, und zum Unterschiede von den vorigen Arten, ein Tragereff, ehedem ein Wandelreff, damit zu wandeln, d. i. zu gehen. Im Tatian ist Burdreff ein Mantelsack, Felleisen. Daher nennt man diejenigen Leute, welche Bücher, Arzeneyen und andere Waaren in einem solchen Reffe im Lande herum tragen, Reffträger, im Renner S. 19, ein Reyffträger.


Reffen (W3) [Adelung]


1. * Reffen, verb. reg. act. von 1 Reff, ein Beysegel, in der Schifffahrt, ein Reff oder Beysegel an die ordentlichen Segel setzen.


Reffen (W3) [Adelung]


2. * Reffen, verb. reg. act. welches gleichfalls nur in der Niederdeutschen Schiffersprache üblich ist, besonders in dem zusammen gesetzten einreffen. Die Segel einreffen, sie einbinden, Engl. to riff. S. 1 Reff.


Refter (W3) [Adelung]


Das Refter, S. Revier.


Reflectiren (W3) [Adelung]


Reflectiren, verb. reg. act. et neutr. mit dem Hülfsworte haben, von dem Lat. reflectere. 1) Die Aufmerksamkeit auf eine Sache nach allen ihren Theilen richten; im gemeinen Leben. Auf etwas reflectiren, Acht darauf haben. Über etwas reflectiren, nachdenken. 2) Zurück werfen, besonders in der Katoptrik von den Lichtstrahlen. Der Spiegel und eine jede glatte Flache reflectirt die Lichtstrahlen, wirft sie zurück.


Reflexion (W3) [Adelung]


Die Reflexion, plur. die -en, aus dem Lat. Reflexio. 1) Die Richtung der Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand und dessen sämmtliche Theile, ingleichen das Vermögen, seine Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand und dessen sämmtliche Theile zu richten; die Besonnenheit. In beyden Fällen ohne Plural. 2) Ein durch solche Reflexion hervor gebrachter Gedanke, im gemeinen Leben; eine Betrachtung. Reflexion über etwas anstellen, Betrachtungen. 3) Die Handlung, da ein Körper von einem Andern zurück geworfen wird, besonders in der Katoptrik, da die Lichtstrahlen von glatten, Oberflächen zurück geworfen werden, die Zurückprallung; ohne Plural, und zum Unterschiede von der Inflexion und Refraction. Daher die Reflexions-Fläche, diejenige Fläche, welche den Lichtstrahl reflectirt oder zurück wirft; die Reflexions-Linie, der zurück geworfene Strahl, so fern er als eine gerade Linie vorgestellet wird; der Reflexions-Punct, der Punct, aus welchem der Strahl in das Auge zurück geworfen wird; der Reflexions-Winkel, der Winkel, welchem der zurück geworfene Strahl mit dem einfallenden macht, u. s. f.


Reformation (W3) [Adelung]


Die Reformation, plur. die -en, aus dem Lat. Reformatio, die Verbesserung einer Sache durch Abstellung und Wegschaffung der Mißbräuche. So wurde ehedem die Abstellung der in den Klöstern ein geschlichenen Mißbräuche die Reformation derselben genannt. In einigen Städten, z. B. zu Nürnberg, ist auch das Stadtrecht, d. i. der Inbegriff der von der Stadtobrigkeit gemachten Verordnungen, unter diesem Nahmen bekannt, so fern es zugleich in einer Verbesserung der ältern Verordnungen und in einer Abstellung der unter denselben eingeschlichenen Mißbräuche bestehet. Im mittlern Lat. kommt reformare, für verordnen, mehrmahls vor. Am üblichsten ist dieses Wort von der durch Luthern und seine Gehülfen geschehenen Abstellung der in die Kirche und den Lehrbegriff eingerissenen Mißbräuche und Irrthümer, welche einige im Deutschen die Glaubensverbesserung, andere aber richtiger und treffender die Glaubensreinigung nennen.


Reformiren (W3) [Adelung]


Reformiren, verb. reg. act. aus dem Lat. reformare, durch Abstellung der Mißbräuche und Irrthümer verbessern. Ein Kloster reformiren. Luther und seine Gehülfen reformirten so wohl den Lehrbegriff, als die Kirchenverfassung. In engerer Bedeutung nennen sich unter den Evangelischen die Nachfolger Calvins und seiner Gehülfen, welche noch mehrere, von Luthern und seinen Freunden in der Kirche beybehaltene Irrthümer und Mißbräuche abstelleten, Reformirte, oder die reformirte Kirche.


[Adelung]

Regal (W3) [Adelung]


Regal, ein Beywort, aus dem Lat. regalis, welcher nur in einigen Zusammensetzungen üblich ist, Dinge von königlicher, d. i. vorzüglicher Größe zu bezeichnen. So ist Regal-Papier, Papier von ungewöhnlicher Größe und Stärke, die größte unter den gebräuchlichen Arten des Papieres, welches zu Landkarten, großen Rissen u. s. f. gebraucht wird, und worauf das Median-Papier folget. Regal-Folio, das größte, prächtigste Folio, noch größer als Median-Folio. Statt dieses Lateinischen Wortes wird von vielen auch das Französische rojal gebraucht; Rojal-Papier, Rojal-Folio, Rojal-Format u. s. f.


Regal (W3) [Adelung]


Das Regal, des -es, plur. die -e. 1) In den Orgeln, ein Register, welches die Menschenstimme nachahmet, und daher auch Menschenstimme genannt wird. Grob-Regal, welches acht Fuß Ton hat; Jungfern-Regal; Apfel-Regal; Knöpfchen-Regal. Franz. Regale. Eben daselbst führet auch ein Schnarrwerk, welches aus messingenen oder hölzernen Pfeifen bestehet, mit zwey Blasebälgen versehen ist, und eine Art Positive oder kleiner Orgeln ausmacht, gleichfalls den Nahmen eines Regales. Wenn es hier nicht auch eigentlich das vorige Wort ist, indem dieses Register eines der vornehmsten in einer Orgel ist, so scheint es mit der folgenden Bedeutung aus Einer Quelle herzustammen, man müßte denn erweisen können, daß es von dem alten rahhon, sprechen, in der Monseeischen Glosse rechen, herstamme, ( S. Rechnen.) 2) Im gemeinen Leben pflegt man ein Bücherbret, ein Repositorium, oder ein jedes anders mit Fächern versehenes ähnliches Gestell, Waaren und Geräth darin aufzustellen, ein Regal zu nennen. Daher das Bücher-Regal, Küchen-Regal, Waaren-Regal u. s. f. Aus der Lateinischen Gestalt dieses Wortes wird wahrscheinlich, daß es von irgend einem Lateinischen Worte der mittlern Zeiten entlehnet worden, welches sich bisher noch nicht hat wollen finden lassen, aber wiederum aus den gemeinen Landesprachen gebildet, und mit unserm Reihe, Nieders. Riege, im mittlern Lat. Rega, verwandt zu seyn scheinet. Im Nieders. wird ein solches Regal ein Rak genannt, Holländ. Rak.


Regale (W3) [Adelung]


Das Regale, des -s, plur. die Regalien, (viersylbig,) das mittlere Lat. Regale, und dieß wiederum von dem Lat. regalis, in dem Staatsrechte, das von dem Fürsten sich vorbehaltene Eigenthum über menche im Staate befindlichen beweglichen oder unbeweglichen Dinge, das Hoheitsrecht; zum Unterschiede von den Majestäts-Rechten, den wesentlichen Bestandtheilen der obersten Gewalt. In weiterer Bedeutung pflegen einige auch diese mit unter die Regalien zu rechnen, und alsdann die wesentlichen Majestäts-Rechte hohe und die außerwesentlichen niedere Regalien zu nennen. Zu diesen, oder den Regalien im engsten Verstande gehören, z. B. das Post-Regale, Zoll-Regale, Forst-Regale, Jagd-Regale, Lehen-Regale, Münz-Regale u. s. f. Viele lassen auch hier das e weg, das Regal, da es denn in der zweyten Endung ein bloßes s bekommt, des Regals.


Regal-Papier (W3) [Adelung]


Das Regal-Papier, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten oder Quantitäten, die -e, S. das Beywort Regal.


Rege (W3) [Adelung]


Rege, -r, -ste, adj. et adv. in Bewegung befindlich, sich bewegend, sich regend. Rege seyn. Rege werden. Rege machen. Die Bienen rege machen, machen, daß sie sich bewegen, in Bewegung gerathen. Das Wildpret rege machen, bey den Jägern, es aufjagen, es losbrüchig machen. In den gemeinen Sprecharten ist es als ein Nebenwort am üblichsten, indem das Beywort in der höhern und dichterischen am meisten gebraucht wird. Was wir mit regem Kiel der Dunkelheit entziehen, Hag. Er blies die rege Gluth mit vollen Backen an, Zach. So auch, wenn dieses Wort im figürlichen Verstande gebraucht wird, seine Wirkungen auf eine lebhafte Art äußernd. Den Zorn, die Liebe bey jemanden rege machen. Eine Krankheit rege machen. Eine längst vergessene Sache wieder rege machen. Seine Einbildungskraft wird wieder rege. Wenn die Schwachheiten des Alters alle Besorgnisse meines zärtlichen Herzens rege machen. Und als ein Beywort. Denn dein Entwurf der Liebe Ist noch zu ordentlich für die so regen Triebe, Gell.

Anm. In einigen gemeinen Oberdeutschen Mundarten auch regig und regicht. Die Niederdeutschen haben dieses Bey- und Nebenwort nicht, wohl aber das Zeitwort rögen, regen. S. Regen, das Zeitwort.


Rege (W3) [Adelung]


Die Rege, plur. die -n. 1) Das Abstractum des vorigen Wortes, die Bewegung, ohne Plural; nur bey einigen neuern Schriftstellern. Alle Rege des Herzens wird Fetter, Herd. Der Morgenstrahl gibt allem Wesen Leben, Rege und Daseyn, ebend. 2) Ein Werkzeug zu regen. In diesem Verstande pflegen die Vogelsteller dasjenige aus Stangen bestehende Gestell, woran sie den Lockvogel regen, d. i. auf- und niederziehen, eine Rege, oder auch das Gerege, und wenn es aus hohen Stangen bestehet, die hohe Rege oder die Stangenrege zu nennen. S. Regen das Zeitwort.


Regel (W3) [Adelung]


Die Regel, plur. die -n, Dimin. das Regelchen, Oberd. Regellein. 1) Ein Werkzeug, welches aus einem geraden, dünnen Körper bestehet, gerade Linien vormittelst desselben zu ziehen; doch nur in einigen gemeinen Sprecharten, indem Lineal und bey den Werkleuten Richtscheit dafür üblicher sind. 2) Figürlich, ein Satz, welcher die Art des Verfahrens, d. i. der Einrichtung der freyen Veränderungen, angibt und vorschreibt; die Richtschnur. Eine Sprachregel, Kunstregel, Staatsregel, Bauernregel, Lebensregel, Maßregel u. s. f. Jemanden Regeln geben oder vorschreiben. Eine Regel beobachten, befolgen, ausüben. Sich an keine Regeln binden. Das ist eine feste Regel meines Lebens. Das kann ich mir nach den Regeln der Billigkeit von dir versprechen. In einigen Fällen auch collective, der Inbegriff aller Regeln oder Vorschriften Einer Art. In diesem Verstande ist die Ordens- oder Klosterregel der Inbegriff aller einem Orden von dessen Stifter vorgeschriebenen Regeln.

Anm. Schon bey der Winsbeckinn Regel, im Nieders. gleichfalls Regel. Es ist aus dem Lat. Regula entlehnet, welches aber im Grunde wieder zu dem Geschlechte unsers recht, richten u. s. f. gehöret. Die Lat. Endsylbe -ula ist so wie die Deutsche -el eine Ableitungssylbe, welche so wohl ein Werkzeug als auch ein Subject bedeutet. Das Nieders. Regel bedeutet überdieß auch einen Riegel, welches Wort gleichfalls hierher gehöret, ( S. dasselbe.) Ehe man dieses Wort aus dem Lat. entlehnete, hatte man andere Wörter, den Begriff desselben auszudrucken. Kero nennt die Klosterregel Rehtunga, die Monseeische Glosse aber übersetz Regula und Norma durch Spraita, Spraida, welches unser Spriet, ein langes, gerades Holz, zu seyn scheinet.


Regellos (W3) [Adelung]


Regellos, -er, -este, adj. et adv. der Regel beraubt, alle Regeln aus den Augen jetzend, ingleichen objective, nicht nach den Regeln verfertigt; irregulär. Ein regelloser Mensch, welcher sich an keine vorgeschriebene oder eingeführte Regeln bindet. Eine regellose Komödie, welche nicht nach den gewöhnlichen Regeln verfertiget ist. In der weitern Bedeutung des Lat. irregulär, da es auch von Größen gebraucht wird, deren Theile einander nicht gleich sind, läßt sich das Deutsche regellos nicht gebrauchen, weil Regel bloß die Vorschrift des Verhaltens ausdruckt. Eben so wenig läßt sich regulär in diesem Verstande von einer Größe, deren Theile unter sich gleich sind, durch regelmäßig übersetzen.


Regellosigkeit (W3) [Adelung]


Die Regellosigkeit, plur. die -en. 1) Die Eigenschaft, der Zustand, da eine Person oder Sache regellos ist, ohne Plural; die Irregularität. 2) Ein wider die Regel laufendes Verhalten.


Regelmäßig (W3) [Adelung]


Regelmäßig, -er, -ste, adj. et adv. der Regel gemäß, objective; ingleichen subjective, Fertigkeit besitzend, die vorgeschriebe- nen oder eingeführten Regeln zu beobachten. Ein regelmäßiger Mensch. Ein regelmäßiges Schauspiel. Sich regelmäßig verhalten. Eine regelmäßige Aufführung. S. Regellos.


Regelmäßigkeit (W3) [Adelung]


Die Regelmäßigkeit, plur. inus. die Eigenschaft, da ein Ding, regelmäßig ist.


Regelschwester (W3) [Adelung]


Die Regelschwester, plur. die -n, in der katholischen Kirche, eine Art gottesdienstlicher Personen, vom dritten Orden Francisci, welche nicht beysammen wohnen, verheirathet oder ledig seyn können, und sich nur Sonn- und Feyertags versammeln, übrigens aber klösterliche Gesetze und Ordenszeichen haben. Mit einem Spitznahmen Stiefelnonnen.


Regen (W3) [Adelung]


Regen, verb. reg. act. welches mit bewegen gleichbedeutend ist, im Hochdeutschen aber am häufigsten nur von einer geringen, schwachen Bewegung gebraucht wird. 1. Eigentlich. Ohne deinen Willen soll niemand seine Hand oder seinen Fuß regen, 1 Mos. 41, 44. Weder Hand noch Fuß regen können. Den Mund regen. Die Zunge nicht regen können. Da niemand eine Feder reget, Es. 10, 14. Ingleichen als ein Reciprocum, sich regen, eine Bewegung machen. Man darf sich hier nicht regen. Es ist so enge, daß man sich hier nicht regen kann. So bald sich nur der Haushund regt, Haged. Regt kein Leben sich mehr in dir? Zachar. Sich regen, in der vertraulichen Sprechart, sich munter, lebhaft bewegen, lebhaft arbeiten, wofür man auch sagt, sich rühren, außer welchem Falle es von einer lebhaften, heftigen Bewegung im Hochdeutschen wohl nicht gebraucht wird, ob es gleich in der Deutschen Bibel in diesem Verstande vorkommt. Reget euch auf Erden, 1 Mos. 9, 7. Die Grundfeste des Himmels regeten sich und bebten, 2 Sam. 22, 8. Das Nieders. rögen oder regen wird daselbst auch für jagen gebraucht. 2. Figürlich. 1) Entstehen, sein Daseyn durch schwache Wirkungen merklich machen, am häufigsten von Empfindungen und Gemüthsbewegungen; als ein Reciprocum. Die Bosheit reget sich schon bereits heimlich, 2 Thess. 2, 7. Die Liebe reget sich bey ihm. Es regten sich allerley Begierden in mir. 2) * Bewegen, in dessen figürlich Bedeutung; ein im Hochdeutschen unbekannter Gebrauch. Was regte sie zum Lügen? Opitz. 3) * Erwähnen, Meldung thun; auch nur im Oberdeutschen, wo dafür auch beregen üblich ist. Die oben geregte oder beregte Sache. Daher die Regung, S. solches an seinem Orte besonders.

Anm. Die Mittelwörter sind von diesem Zeitworte im Hochdeutschen nicht üblich; doch gebraucht man dieses Mittelwort der gegenwärtigen Zeit des Reciproci. Die sich regende Begierde. Bey dem Ottfried rechan, im Tatian und bey dem Willeram regan, im Nieders. rogen welches aber auch anrühren bedeutet, bey dem Hornegk recken, im Arab. regg, regga, regf, wo regd auch zittern ist. Es ahmet den Laut einer schwachen Bewegung in vielen Fällen nach, und da dieser Laut auch mit den aus der Luft herab fallenden Wassertropfen verbunden ist, so erhellet daraus, warum zwey so verschiedene Dinge einerley Nahmen haben. Reichen, regieren, regere, das Nieders. rojen, rudern, ringen u. a. m. sind nahe damit verwandt, so wie rücken, recken, rühren, eigentlich rügeren, Intensiva davon sind.


Regen (W3) [Adelung]


Der Regen, des -s, plur. ut nom. sing. diejenige Lufterscheinung, da die in der Luft befindlichen wässerigen Dünste sich verdicken, und tropfenweise und in Menge nach und neben einander herunter fallen; so wohl absolute und ohne Plural, als auch mit dem Plural in mehrern einzelnen Fällen. Der Regen erquicket das Land. Wir werden Regen bekommen. Es fällt ein Regen. Es kommt ein Regen. Es laßt sich zum Regen an. Von dem Regen ergriffen, überfallen werden. Ein anhaltender, sanfter, starker Regen. ( S. auch Platzregen, Landregen, Strichregen, Staubregen.) Ungewöhnliche Regen, im Plu- ral, Weish. 16, 16. Sprichw. Aus dein Regen in die Traufe kommen, einen kleinen Übel entgehen wollen und darüber in ein größeres gerathen, aus dem Rauche in das Feuer gerathen.

Anm. Bey dem Ulphilas Rign, im Niederd. Regen, im Angels. Raegn, Hraegn, Ren, im Engl. Rain, im Schwed. Regn, im Isländ. Regg, sogar im Arab. Raegon, wo Raegion ein starker Regen ist. Es ahmet gleichfalls den Schall nach, welchen der Regen im Herunterfallen macht, welchen Laut oft jeder sanften Bewegung eigen ist, woher denn die Übereinstimmung mit dem vorigen Worte rühret. Im Griech. ist - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - befeuchten, Lat. rigare, und im Schwed. ra naß. Das Wasser und flüssige Körper überhaupt haben fast in allen Sprachen ihren Nahmen von ihrer charakterischen Eigenschaft, der Beweglichkeit oder Flüssigkeit. S. Regnen.


Regenbach (W3) [Adelung]


Der Regenbach, des -es, plur. die -bäche, ein Bach, welcher nur nach einem starken Regen von dem zusammen gelaufenen Regenwasser entstehet, und hernach wieder verschwindet; ein Gußbach, Feldbach, Feldwasser, und so fern er aus einem Walde kommt, Waldbach, Waldwasser.


Regenbogen (W3) [Adelung]


Der Regenbogen, des -s, plur. ut nom. sing. eine Lufterscheinung, welche aus einem farbigen Bogen oder Halbzirkel bestehet, und alsdann gesehen wird, wenn eine dunkle Regenwolke der Sonne gegen über stehet, welches oft nach einem starken Regen, oft aber auch alsdann zu erfolgen pfleget, wenn die Sonne in einen starken Regen scheinet. Er wird durch die Reflexion und Refraction der Sonnenstrahlen in den Regentropfen erzeuget. ( S. auch Nebelbogen, Thaubogen und Regengalle.) Daher die Regenbogenfarben, diejenigen hellen und lebhaften Farben, aus weichen der Regenbogen bestehet. Regenbogensteine, im gemeinen Leben, klare Quarze, welche gegen die Sonne mit Regenbogenfarben spielen. Im Angels. Renboga, in Baiern Himmelring.


Regenfeuer (W3) [Adelung]


Das Regenfeuer, des -s, plur. ut nom. sing. in der Feuerwerkskunst, eine Art des Kunstfeuers, womit man die Lustkugeln und Racketen zu versetzen pflegt, und welches in Gestalt eines Feuerregens oder feurigen Regens herunter zu fallen pflegt; die Regenputzen, weil es die Gestalt glimmender Putzen hat.


Regenfrosch (W3) [Adelung]


Der Regenfrosch, des -es, plur. die -frösche, kleine Frösche, welche man nur im Sommer nach einem Regen auf dem Laude siehet; Wetterfrösche.


Regengalle (W3) [Adelung]


Die Regengalle, plur. die -n, ein unvollkommner Regenbogen, ein Stück eines Regenbogens, wenn da die Regentropfen fehlen, wo sich das übrige bilden sollte; die Wassergalle. S. Galle.


Regenguß (W3) [Adelung]


Der Regenguß, des -sses, plur. die -güsse, ein heftiger und schneller Regen, der aber noch nicht ein Platzregen ist. Es fielen starke Regengüsse. In dem alten Gedichte auf den heil. Anno Reginguz.


Regenkappe (W3) [Adelung]


Die Regenkappe, plur. die -n, eine Kappe, das Haupt dadurch vor dem Regen zu bedecken. Auch die blechernen Decken über die Schorsteine, das Einfallen des Regens zu verhindern, führen den Nahmen der Regenkappen.


Regenkleid (W3) [Adelung]


Das Regenkleid, des -es, plur. die -er, ein Überkleid, den Regen von den gewöhnlichen Kleidern abzuhalten; der Regenrock.


Regenkrinne (W3) [Adelung]


Die Regenkrinne, plur. die -n, in der Säulenordnung, eine kleine Krinne oder Rinne unter der Kranzleiste, weil sie gleichsam zur Abführung des Regenwassers dienet; die Regenrinne.


Regenmantel (W3) [Adelung]


Der Regenmantel, des -s, plur. die -mäntel, ein Mantel, sich dadurch vor dem Regen zu verwahren.


Regenmaß (W3) [Adelung]


Das Regenmaß, des -es, plur. die -e, ein Werkzeug, die Quantität des jedesmahl gefallenen Regens damit zu bestimmen; der Regenmesser, Hyetometrum.


Regenpfeifer (W3) [Adelung]


Der Regenpfeifer, des -s, plur. ut nom. sing. eine Art Sandläufer oder Wasserhühner, welche einen bevorstehenden regen durch einen pfeifenden Land verkündigen; Tringa Squatarola L. S. aus Regenvogel.


Regenputzen (W3) [Adelung]


Die Regenputzen, sing. inus. S. Regenfeuer.


Regenrinne (W3) [Adelung]


Die Regenrinne, plur. die -n, eine jede Rinne, das Regenwasser anzuleiten. S. auch Regenkrinne.


Regenrock (W3) [Adelung]


Der Regenrock, des -es, plur. die -röcke, ein Überrock, sich dadurch vor dem Regen zu verwahren; im Nieders. Paltrock, Franz. Palleotte.


Regensburger (W3) [Adelung]


Der Regensburger, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Regensburgerinn, eine aus der Stadt Regensburg gebürtige, oder zunächst von da her kommende Person. Zuweilen auch ein aus dieser Stadt zu uns gebrachtes Ding. Auch eine Art Scheidemünze, welche 2 1/2 Pfennig schwarzer, oder 5/7 Kreuzer weißer Münze gilt, ist in Baiern unter dem Nahmen eines Regensburgers bekannt. Drey Regensburger machen daselbst einen Groschen schwarzer Münze. Ein Pfund Regensburger hält 41 Schill. 164 Groschen, 492 Regensburger, 1230 Pfennige schwarzer, oder 5 6/7 Gulden weißer Münze.


Regenschauer (W3) [Adelung]


Der Regenschauer, des -s, plur. ut nom. sing. ein plötzlich fallender, aber bald wieder vorüber gehenden Regen. Der Zorn des andern Geschlechtes ist wie ein Regenschauer, der bald vorüber geht. S. Schauer.


Regenschirm (W3) [Adelung]


Der Regenschirm, des -es, plur. die -e, ein Schirm an einem Stabe, den Regen von sich abzuhalten; Franz. Parapluie.


Regent (W3) [Adelung]


Der Regent, des -en, plur. die -en, aus dem Lat. regens, derjenige, welcher andere regieret, d. i. die höchste Gewalt in einer Gesellschaft ausübt, wo es in manchen Fällen des gemeinen Lebens von Vorgesetzten aller Art gebraucht wird. Im engsten und höchsten Verstande ist nur derjenige Regent, welcher die höchste Gewalt in einem Staate bekleidet, da denn Könige und Fürsten in der lehrenden Schreibart zuweilen diesen Nahmen führet. Zuweilen bekommt auch derjenige den Nahmen und Titel eines Regenten, welcher die Stelle des eigentlichen Beherrschers in Regierung eines Staates vertritt; Franz. Regent.


Regentropfen (W3) [Adelung]


Der Regentropfen, des -s, plur. ut nom. sing. derjenigen Tropfen, woraus der Regen besteht.


Regentuch (W3) [Adelung]


Das Regentuch, des -es, plur. die -tücher, ein Tuch aus weißer Leinwand, mit welchem sich das weibliche Geschlecht in manchen Gegenden vor dem Regen zu bedecken, und dasselbe unter dem Halse zuzustecken pflegt; in Preußen Spreetuch, von spreen, sprühen, sanft regnen, im Nieders. Hoiken, in Baiern Voile, aus dem Franz. Voile.


Regenvogel (W3) [Adelung]


Der Regenvogel, des -s, plur. die -vögel, eine Art Bracher, oder Brachvögel, welche den Regen und das Ungewitter durch ihr Geschrey ankündigen; Numenius Arquata Klein. Windvogel, Wettervogel, Deutscher Bracher. In einigen Gegenden wird auch der Wendehals um eben dieser Eigenschaft willen Regenvogel, in andern Gegenden Wettervogel, Gießvogel, Bachdrosel genannt. Vermuthlich ist er eben derselbe Vogel, welcher in Niedersachsen Regenwolf und Wasserwolf genannt wird. S. auch Regenpfeifer.


Regenwasser (W3) [Adelung]


Das Regenwasser, des -s, plur. doch nur von mehrern Arten, ut nom. sing. das in Gestalt des Regens aus den Wolken fallende Wasser.


Regenwetter (W3) [Adelung]


Das Regenwetter, des -s, plur. inus. das in Regen bestehende Wetter, die in Regen bestehende oder zum Regen geneigte Beschaffenheit des Dunstkreises. Regenwetter haben, bekommen. Wenn Regenwetter einfällt.


Regenwolf (W3) [Adelung]


Der Regenwolf, des -es, plur. die -wölfe, S. Regenvogel.


Regenwolke (W3) [Adelung]


Die Regenwolke, plur. die -n, eine Wolke, welche Regen drohet, sich in Regen auflösen wird; Nieders. ein Schwark.


Regieren (W3) [Adelung]


Regieren, verb. reg. act. 1. Eigentlich, die Richtung einer Bewegung nach seinem Willen bestimmen und in dieser Bestimmung erhalten; für lenken. Ein Schiff regieren. Den Wagen, die Deichsel, die Pferde vor dem Wagen regieren. Die Sonne, die den Tag, und der Mond, der die Nacht regieret, 1 Mos. 1, 16. 2. Figürlich. 1) Die Grade der Stärke, ingleichen die Richtung einer Empfindung, Gemüthsbewegung u. s. f. bestimmen. Die Liebe der Ehe mir einem steten Augenmerke auf ihre ehrwürdige Absicht durch Klugheit regieren, Gell. 2) Das freye Verhalten vernünftiger Geschöpfe einrichten und bestimmen. Sich von jemanden regieren lassen. Gott regieret alles. Der Teufel regieret ihn. Das Glück regiert hier alles. Der Friede Gottes regiere in eurem Herzen, Col. 3, 15. Sich selbst regieren. Er kann sich selbst nicht regieren, wie wird er klüglich und sanftmüthig in seinem Hause zu herrschen wissen? Gell. 3) In engerer Bedeutung, das Verhalten der Glieder einer Gesellschaft bestimmen. Der jetzt regierende Bürgermeister. Strenge Herren regieren nicht lange. In der engsten Bedeutung wird es nur von der mit der höchsten Gewalt in einem Staate bekleideten Person gebraucht. Als König, als Kaiser, als Fürst u. s. f. regieren. Als Kaiser Otto regierete. Löblich, strenge gut, schlecht regieren. Land und Leute regieren. Selbst regieren. Über halsstarrige Unterthanen regieren. 4) Die Oberband haben; doch nur im gemeinen Leben. Wenn ansteckende Krankheiten regieren, herrschen. Die Blattern regieren jetzt. So auch die Regierung, S. solches hernach besonders. Anm. Es ist, wie aus der Endung -ieren erhellet, aus dem Lat. regere entlehnet. Es muß solches aber schon seit mehrern Jahrhunderten geschehen seyn, weil es zu Anfange des 15ten Jahrhundertes schon völlig gangbar ist. Ottfried, Kero und andere alte Schriftsteller gebrauchten dafür kerihton, rihten, richeson, und noch in den vorigen Jahrhunderten war reichsen in der zweyten figürlichen Bedeutung sehr üblich. Übrigens ist dieses regere mit unserm regen sehr nahe verwandt, indem es zunächst den mit einer körperlichen Bewegung verbundenen Laut nachahmet, hernach aber figürlich für bewegen, und die Richtung der Bewegung bestimmen gebraucht wird. Im Hebr. ist - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - gleichfalls regieren. Da die aus fremden Sprachen entlehnten Zeitwörter kein Augment haben, so gilt solches auch von diesem; regieret, nicht geregiert, wie wohl noch der große Haufe spricht. S. Recht und Reich.


Regierer (W3) [Adelung]


Der Regierer, des -s, plur. ut nom. sing. ein im Hochdeutschen ungewöhnliches Wort, eine Person zu bezeichnen, welche andere regieret. In der Deutschen Bibel wird es theils von einem Regenten oder Beherrscher eines Staates gebraucht, wie Richt. 5, 14, theils von einem Vorgesetzten, in welchem Verstande 1 Cor. 12, 28 der Regierer in der Gemeinde gedacht wird. Im Hochdeutschen kommt es nur noch zuweilen in der höhern und dichterischen Schreibart, besonders von Gott, vor, der alsdann der Regierer aller Dinge genannt wird.


Regiersucht (W3) [Adelung]


Die Regiersucht, plur. car. die Sucht, d. i. anhaltende heftige und ungeordnete Begierde, zu regieren, doch nur in engerer Bedeutung, die Glieder eines Staates zu regieren. Daher das Bey- und Nebenwort regiersüchtig, regiersüchtiger, regiersüchtigste, Regiersucht habend, in derselben gegründet.


Regierung (W3) [Adelung]


Die Regierung, plur. die -en, von dem Zeitworte regieren. 1. Von der Handlung des Regierens; ohne Plural. So wohl im eigentlichsten Verstande, die Richtung einer Bewegung auf einen Endzweck. Die Regierung eines Wagens. Als auch im engern, der Bestimmung der jedesmahligen so wohl leidentlichen als thätigen Veränderungen eines Dinges. Die göttliche Regierung aller Dinge. Sich der göttlichen Regierung überlassen. In noch engerer Bedeutung, die Bestimmung des Verhaltens durch allgemeine Vorschriften und mit denselben verknüpfte Bewegungsgründe und Strafübel; wo es zuweilen auch von solchen gebraucht wird, welche diese Bestimmung im Nahmen anderer handhaben. So legt man in den Städten den Bürgermeistern eine Regierung bey. Am üblichsten ist es im engsten Verstande von der Ausübung der Macht und Gewalt, die gemeinschaftliche Wohlfahrt in einem Staate zu erhalten. Wenn der Prinz die Regierung antreten, erlangen wird. Die Regierung niederlegen. Nach der Regierung trachten. Sich die Regierung anmaßen. Jemand der Regierung entsetzen. Statt der R. A. die Regierung führen, gebraucht man jetzt lieber das Zeitwort regieren. 2. Mit näherer Beziehung auf die Zeit, da und wie lange, eine Person die oberste und höchste Gewalt in einem Staate bekleidet; wo auch der Plural Statt findet. Unter der Regierung des Kaisers Otto, des Herzogs Heinrich, des Grafen Johann. Zwey Regierungen überleben, zwey nach einander in einem und eben demselben Staate regierende Herren. 3. Ein zur Handhabung der obersten fürstlichen Gewalt in einem Lande oder in einer Provinz niedergesetztes Collegium, die Landesregierung; welches in Grafschaften die Kanzelley genannt wird. Die churfürstl. Sächsische Regierung zu Dresden. Die Magdeburgische Regierung. u. s. f. Bey der Regierung klagen. Sich an die Regierung wenden. Daher der Regierungs-Advocat, Regierungs-Präsident u. s. f. Ehedem handhabeten diese Collegia im Nahmen des Landesherren die ganze höchste Gewalt in einem Staate oder in einer Provinz. Seitdem aber nach und nach die Verwaltung der Geschäfte mehr getheilet, und für manche Arten besondere und zum Theil höhere Collegia errichtet worden, so ist diesen größten Theils nur die Verwaltung der Justiz übrig geblieben. 4. Der Ort, wo und aus welchem andere Dinge regieret werden. 1) So wird das Gebäude, das Zimmer, in welchem sich ein Regierungs-Collegium versammelt und seine Sitzung hält, sehr häufig gleichfalls die Regierung genannt. Auf die Regierung gehen. 2) Bey den Glockenspielen führet derjenige Ort auf dem Thurme, wo die Drahte von eisernen Winkelhaken herum geführet werden, bis sie weiter oben die Glocken anziehen, den Nahmen so wohl der Regierung, als auch der Regierungskammer.


Regierungsart (W3) [Adelung]


Die Regierungsart, plur. die -en, die Art und Weise der Ausübung der höchsten Gewalt in einem Staate, vornehmlich in Rücksicht auf die Zahl der Personen, welche dieselbe handhaben und deren Gewalt; die Regierungsform. Die monarchische, die despotische, die aristokratische, die republikanische Regierungsart oder Regierungsform.


Regierungsform (W3) [Adelung]


Die Regierungsform, plur. die -en, S. das vorige.


Regierungskammer (W3) [Adelung]


Die Regierungskammer, plur. die -n, bey den Glockenspielen, S. Regierung 4. 2).


Regierungskanzelley (W3) [Adelung]


Die Regierungskanzelley, plur. die -en, die zu einem Regierungs Collegio gehörige Kanzelley, der Ort, wo die dazu gehöri- gen Schriften ausgefertiget und aufbehalten werden, nebst den dazu verordneten Personen.


Regierungsrath (W3) [Adelung]


Der Regierungsrath, des -es, plur. die -räthe, ein mit dem Titel eines Rathes ausdrücklich begabter Beysitzer eines Regierungs Collegii, welcher von einem Regierungs-Assesor noch verschieden ist. Oft ist es auch ein bloßer Titel, welcher in andern Bedienungen stehenden, oder auch ohne Bedienung lebenden Personen von dem Landesherren ertheilet wird. In einigen Provinzen wird es auch collective von dem Regierungs-Collegio gebraucht, welches ehedem auch wohl der Regierungs-Rath genannt wurde.


Regierungssache (W3) [Adelung]


Die Regierungssache, plur. die -n, eine jede Sache, welche die Regierung eines Staates, die Ausübung der höchsten Gewalt in demselben betrifft. In engerer Bedeutung, eine Sache, welche unmittelbar die Beförderung des gemeinen Wesens betrifft. Im engsten Verstande, eine Sache, welche vor ein Regierungs-Collegium gehöret.


Regiment (W3) [Adelung]


Das Regiment, des -es, plur. die -er, aus dem Latein. Regimen, ein ehedem für Regierung sehr gangbares und noch nicht ganz veraltetes Wort. 1. Als ein Abstractum und ohne Plural. 1) Im weitesten Verstande, von der Bestimmung der Veränderung anderer Dinge; wo es im Hochdeutschen nur noch im gemeinen Leben gebraucht wird, obgleich noch in der Deutschen Bibel des Regiments Gottes für dessen Regierung gedacht wird. 2) In engerer Bedeutung, die Bestimmung des freyen Verhaltens anderer durch damit verknüpfte Bewegungsgründe und Strafübel; auch nur im gemeinen Leben. Unter jemandes Regimente stehen, unter dessen Herrschaft, Gewalt. Gut Regiment halten, gute Ordnung. Das Weiber-Regiment, deren Herrschaft. 3) In noch engerer Bedeutung, die Handhabung der höchsten Gewalt in einem Staate; eine im Hochdeutschen in der anständigen und edlen Sprechart gleichfalls veraltetet Bedeutung, welche aber noch in der Deutschen Bibel vorkommt. Das Regiment kam auf Antiochum, 2 Mos. 4, 7. Nach dem Regimente streben, nach der Regierung. Das Regiment führen, regieren. 4) In der engsten gleichfalls veralteten Bedeutung, wurde die Lebensordnung, die Diät, bey den Ärzten ehedem sehr häufig das Regiment, Lat. Regimen, genannt. 2. Ein zur Regierung eines Landes niedergesetztes Collegium, für Regierung; eine gleichfalls veraltete Bedeutung, in welcher ehedem auch das Wort Regiments-Rath üblich war. Kaiser Maximilian errichtete 1500 ein Reichs-Regiment, welches aus sechs Churfürsten und zwölf Fürsten bestand, aber unter Kaiser Carln V. wieder einging. 3. Im Kriegswesen ist das Regiment eine in mehrere Battallions, Compagnien oder Schwadronen getheilte und der Anführung eines Obersten anvertraute Schar Soldaten, wo es zunächst aus dem Französischen Regiment entlehnt ist. Ein Regiment zu Fuß, zu Pferde. Die Regimenter vollzählig machen. Ein Regiment aufrichten, abdanken. Ein Regiment bekommen, demselben als Oberster vorgesetzt werden. Daher der Regiments-Auditeur; Regiments-Feldscherer; das Regiments-Gericht; die Regiments-Leine, womit der Regiments-Quartiermeister das Lager für ein Regiment absteckt, zum Unterschiede von einer Compagnie-Leine; der Regiments-Stab, der Stab eines Regimentes, d. i. die vornehmsten Officiers bey demselben ( S. Stab); das Regiments-Stück, eine kleine Kanone, welche 28 Caliber lang ist und drey Pfund Eisen schießet, dergleichen die Regimenter auf ihrem Marsche bey sich führen, ein Feldstück, zum Unterschiede von den Batterie-Stücken; der Regiments-Tambour, Regiments-Profoß u. s. f.


Regiren (W3) [Adelung]


Regiren, S. Regieren.


Register (W3) [Adelung]


Das Register, des -s, plur. ut nom. sing. aus dem mittlern Lateine Registrum. 1) Ein Nahmenverzeichniß mehrerer Dinge Einer Art. Ein Waaren-Register, Geschlechts-Register, Schuld-Register, Sünden-Register. Ein Register machen, verfertigen. Im schwarzen Register stehen, im bösen Rufe, im bösen Andenken, von der ehedem üblichen Gewohnheit, die Nahmen der Geächteten oder aus einer Stadt Verbanneten an eine schwarze Tafel zu schreiben. Es ist am häufigsten nur noch in einigen einzelnen Fällen üblich, indem in andern die Wörter Liste, Matrikel, Verzeichniß u. s. f. gebräuchlich sind. Besonders gebraucht man es noch von einem nach dem Alphabete eingerichteten Verzeichnisse der in einem Buche vorkommenden Wörter und Sachen, mit Nachweisung des Blattes oder Ortes; bey einigen ein Blattweiser, Blattzeiger. 2) In einigen Fällen werden auch mehrere Dinge Einer Art selbst ein Register genannt. So heißen in den Orgeln mehrere zu Einer Stimme gehörige Pfeifen ein Register; das Flöten-Register u. s. f. Bey den Drechslern ist das Register eine Stange mit kleinen Zapfen, die Rückenlehne daran nach Belieben nahe oder fern zu stecken. 3) In noch andern Fällen führet ein Werkzeug, vermittelst dessen mehrere Dinge Einer Art beweget werden, den Nahmen eines Registers, oder vielmehr, Dinge Einer Art, so fern sie vermittelst eines dritten Dinges regieret oder bestimmet werden. So werden in den Orgeln, die dünnen beweglichen hölzernen Stangen unter dem Pfeifenstocke, durch deren Verschiebung ein jedes beliebiges Register in der vorigen Bedeutung, oder eine jede beliebige Stimme gespielet wird, gleichfalls das Register genannt. Alle Register aufziehen, alle Stimmen spielen lassen. An den chymischen Öfen bestehet ein Register aus mehrern Öffnungen, die man mit einer einzigen Bewegung nach Belieben öffnen und verschließen kann. Bey den Kunstdrechslern bestehet das Register aus mehrern zu Einer Art Arbeit gehörigen Theilen. Das Schrauben-Register ist daselbst eine Art Docken, Schrauben zu drehen. Der Register-Stock, ein Stock, woran die dazu gehörigen Theile befestiget sind. Bey den Buchdruckern ist Register halten, dahin sehen, daß bey dem Widerdrücke der Bogen genau in die Puncturlöcher des Schöndruckes komme, damit die Columnen auf beyden Seiten mit einander überein treffen.

Anm. Es ist aus dem mittlern Lat. Registrum entlehnet, welches auch die Franzosen in ihrem Regitre, und die Italiäner in ihrem Registro beybehalten haben. Voß und andere leiten dieses Registrum von dem Latein. Regestum ab; allein diese kannten vermuthlich keine andere Bedeutung, als die erste Bedeutung eines Verzeichnisses. Es ist viel mehr glaublicher, daß es von regere, regieren, abstammet, welcher Begriff besonders in der dritten Bedeutung deutlich genug hervorsticht, da denn die zweyte und endlich auch die dritte Bedeutung bloße Figuren desselben seyn würden. In einem von Peter Selbeth übersetzen und zu Straßburg 1535 gedruckten Valerius Maximus wird Regimen maris et terrae ausdrücklich durch Register der Erd und des Mörs übersetzt.


Register-Papier (W3) [Adelung]


Das Register-Papier, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten oder Quantitäten, die -e, eine Art großen uns starken Schreibpapieres, so wie es zu den Registern, d. i. Rechnungsbüchern, gebraucht wird.


Register-Schiff (W3) [Adelung]


Das Register-Schiff, des -es, plur. die -e, das vornehmste Schiff bey einer Spanischen Silberflotte; entweder so fern sich die Register, d. i. Verzeichnisse von allen auf der Flotte befindlichen Waaren, auf demselben befinden, oder auch von der eigentlichsten Bedeutung des Wortes Register, Regierung, da es denn so viel als ein Admirals-Schiff seyn würde. In weiterer Bedeutung, werden in Spanien auch alle Schiffe, welche mit königlicher Erlaubniß nach Amerika fahren, ingleichen alle königliche Fregatten, wenn sie Waaren oder Gold an Bort haben, Register-Schiffe genannt.


Register-Stock (W3) [Adelung]


Der Register-Stock, des -es, plur. die -stöcke, S. Register 3.


Regnen (W3) [Adelung]


Regnen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, aber in der Gestalt eines unpersönlichen Zeitwortes am üblichsten ist. Es regnet, wenn die in der Luft befindlichen wässerigen Dünste sich in Regen auflösen, in Gestalt des Regens niederfallen. Es hat den ganzen Tag geregnet. Es wird bald regnen. Gott läßt regnen über Gerechte und Ungerechte, Matth. 5, 45. Zu Sodom regnete es Feuer und Schwefel, es fiel Feuer und Schwefel mit dem Regen oder in Gestalt eines Regens vom Himmel. Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen, 2 Mos. 16, 4. Aber einen sehr großen Hagel regnen lassen, Kap. 9, 18, ist ungewöhnlich. In der höhern Schreibart wird es häufig in persönlicher Gestalt gebraucht. Ich will den Wolken gebiethen, daß sie nicht auf den Weinberg regnen, Es. 5, 6. Die Wolken regnen Gerechtigkeit, Kap. 45, 3. Ob der Herr gleich Steine und Klüfte vom Himmel regnet, so werden sie uns nicht schaden, Opitz. Es sammelten sich Wolken über ihnen, und fingen an zu regnen, Geßn. Wer heißt die Himmel regnen? Gell. Wo es auch für regnen lassen gebraucht wird, welche alte schon im Isidor und bey dem Notker befindliche Bedeutung im Oberdeutschen noch gangbar ist. Gott regnet, d. i. lässet regnen. Daher das Regnen. Anm. Schon im Isidor regonon, bey dem Notker und Ottfried regenen, im Angels. renian, im Engl. to rain, im Nieders. gleichfalls regnen. Es ist, wie aus der Ableitungssylbe -nen, erhellet, von regen gebildet, welches noch zuweilen in den gemeinen Sprecharten gehöret wird; es wird regnen, es hat gereget. Regnen ist entweder das Intensivum von diesem alten regen, oder auch das Factitivum, da denn die eben gedachte Bedeutung des regnen lassens, die eigentliche seyn würde. Das Zeitwort ahmet, so wie das Hauptwort Regen, den Laut nach, welchen der Regen im Herabfallen macht, und ist in so fern, als es einerley Laut ausdruckt, auch mit dem Zeitworte regen, movere, ein und eben dasselbe Wort.


Regnerisch (W3) [Adelung]


Regnerisch, -er, -te, adj. et adv. welches nur im gemeinen Leben üblich ist, zum Regen geneigt, wirklich regnend. Regnerisches Wetter. Es sieht regnerisch aus, als wenn es regnen wollte. Eben so niedrig ist das gleichbedeutende regnicht. Regnichtes Wetter. Regennichtes Wetter, Es. 10, 13. Anständiger ist für beyde regenhaft.


Regreß (W3) [Adelung]


Der Regreß, des -sses, plur. die -sse, aus dem mittlern Lat. Regressus, in den Rechten, ein Rechtsmittel, wider den hauptsächlich Verpflichteten in dem Falle seine Zuflucht zu nehmen, wenn man bey den Mitverpflichteten seinen Zweck nicht erreichen kann. Seinen Regreß an jemanden nehmen, suchen.


Regulär (W3) [Adelung]


Regulär, -er, -ste, adj. et adv. aus dem Latein. regularis. 1) Der Regel gemäß, regelmäßig; im Gegensatze des irregulär. Ein reguläres Verfahren, ein regelmäßiges. Reguläre Truppen, im Kriege, welche auf einem gewissen regelmäßigen Fuße stehen, im Gegensatze des irregulären. 2) Gleiche Theile habend; so wird es in der Baukunst oft für symmetrisch, und Regularität für Symmetrie gebraucht. In engerer Bedeutung ist in der Geometrie ein Körper oder eine Figur regulär, wenn alle Seiten und Winkel einander gleich sind. Ein reguläres Viereck, im Gegensatze eines irregulären.


Reguliren (W3) [Adelung]


Reguliren, verb. reg. act. welches aus dem mittlern Lateine regulare, nur im gemeinen Leben üblich ist. Etwas reguliren, es in Richtigkeit bringen, ingleichen anordnen. Sich nach jemanden reguliren, richten.


Regung (W3) [Adelung]


Die Regung, plur. die -en, von dem Zeitworte regen. 1) Die Handlung des Regens; ohne Plural. Ohne alle Regung da liegen. 2) Der erste merkliche Anfang einer Gemüthsbewegung, sie bestehe nun in einem Verlangen, oder in einem Abscheue. Gute Regungen bey jemanden hervorbringen. Ihre Mutter hat alle diese guten Regungen zurück gehalten, Gell. Entdecke Sylvien die Regung deiner Triebe, ebend.


Reh (W3) [Adelung]


Reh, adj. et adv. S. 2. Rehe.


Reh (W3) [Adelung]


Das Reh, des -es, plur. die -e, Diminut. Rehchen, Oberd. Rehlein. 1) Im weitern Verstande, ein zweyhufiges vierfüßiges Thier, dessen männliches Geschlecht kegelförmige, am Ende in zwey Spitzen getheilte Hörner hat, und kleiner ist, so wohl als der Hirsch, als auch der Damhirsch; Capreolus L. In dieser weitern Bedeutung gebraucht man es von diesem Thiere ohne Rücksicht auf das Geschlecht. Die Rehe halten sich nicht zusammen, wie die Hirsche, sondern gehen paarweise, ein Rehbock und eine Ricke beysammen. ( S. Rehwildbret.) 2) In engerer Bedeutung führet das Weibchen dieser Thiere häufig den Nahmen des Rehes, im Gegensatze des Rehbockes, dagegen die Jäger dieses Weibchen mit einem stärkern Gaumenlaute die Ricke nennen. In einigen Oberdeutschen Gegenden heißt es auch die Geiß, und in andern die Rehgeiß, die Rehziege. Im gemeinen Leben pflegt man auch wohl das Weibchen des Hirsches, die Hindinn, Hirschkuh, bey den Jägern das Thier, häufig, obgleich sehr unbequem ein Reh zu nennen.

Anm. Bey dem Willeram Reio, in den rauhern Oberdeutschen Mundarten Rech, im Holländ. Ree oder Rhee, im Angels. Rah, Rahdeor, im Engl. Roe, im Schwed. Ra, Rapjur, im Schottländ. Ray, und selbst im Arab. Raehha. Viele leiten es von dem Wallis. Rili, Herr, her, und erklären es durch dominicum animal, weil es gemeiniglich zur hohen Jagd gehöret; Ihre aber von rapp, falb, fahl, von der Farbe der Haare, wovon ihm zu Folge auch das Repphuhn, und im Schwed. der Fuchs, Räf, seinen Nahmen haben soll. Allein es scheinet vielmehr, daß mit diesem Nahmen auf die diesem Thiere eigene Flüchtigkeit und Geschwindigkeit gesehen werde, welche das r überhaupt ausdruckt und nachahmet, und wovon mit allerhand Endlauten Rad, drehen, regen u. s. f. und mit Vorlauten froh, freuen, das alte schrecken, springen, und andere mehr abstammen. S. auch Ricke und das folgende.


Rehader (W3) [Adelung]


Die Rehader, plur. die -n, eine Ader an den Pferden, innerhalb der Dicke, welche die Roßärzte zu schlagen pflegen, wenn die Pferde rehe sind. S. 2 Rehe.


Rehbaum (W3) [Adelung]


Der Rehbaum, des -es, plur. die -bäume, ein Nahme, welchen im Bergbaue auch der Rundbaum, d. i. die Welle eines Haspels, führet; ohne Zweifel auch so wie das vorige in Beziehung auf die Bewegung, in welche er durch das Umdrehen versetzt wird, und als ein Verwandter von drehen, welches sich nur durch den Vorlaut unterscheidet.


Rehbock (W3) [Adelung]


Der Rehbock, des -es, plur. die -böcke, Dimin. das Rehböckchen, Oberd. das Rehböcklein, das männliche Geschlecht der Rehe oder des Rehwildbretes. Engl. Roebuck.


Rehbrunft (W3) [Adelung]


Die Rehbrunft, plur. car. bey den Jägern, der Zustand der Rehe, da sie brunsten, d. i. sich nach der Begattung sehnen, und die Zeit, da solches gemeiniglich zu geschehen pfleget.


Rehde (W3) [Adelung]


Die Rehde, plur. die -n, in der Seefahrt, eine nicht gar tiefe Gegend im Meere in einiger Entfernung von der Küste, wo die Schiffe vor den Winden und Stürmen sicher vor Anker liegen können. Auf der Rehde liegen. Ein Schiff legt sich auf die Rehde, wenn es im Hafen beladen oder ausgerüstet worden, sich auf der Rehde vor Anker legt, und hier auf bequemen Wind wartet.

Anm. Im Nieders. und Holländ. Reede, Rede, im Schwed. Redd, im Franz. Rade, im Ital. Rada, im Engl. Road. Menage leitet es von dem Lat. Ora her, Skinner von dem Engl. to ride, vor Anker liegen, Ihre vom Isländ. hryda, überwintern, andere von dem Nieders. reden, Schwed. reda, Isländ. reida, bereiten, rüsten, her, weil sich hier die Schiffe, nachdem sie im Hafen befrachtet worden, zur Abfahrt fertig machen. ( S. das folgende.) Oft werden sie auch auf der Rehde selbst befrachtet und ausgerüstet. Es ist im Niederdeutschen einheimisch und durch Niederdeutsche und nordische Seefahrer vermuthlich in andere Sprachen gekommen. Figürlich ist im Niederdeutschen Reede, die Ruhe, der Aufenthalt an einem Orte, nirgends Reede haben, Ruhe; wo es aber auch zu Ruhe, Rast gehören kann. In der Schreibart dieses Wortes sind die Hochdeutschen sehr unbeständig. Die meisten schreiben es Rhede, obgleich das Rh dem Deutschen fremd ist; andere Reede, obgleich die Verdoppelung des Vocales das unschicklichste Mittel ist, das gedehnte hohe e von dem tiefern in Rede, sermo, zu unterscheiden. Daher die Schreibart Rehde dem Hochdeutschen Sprachgebrauche angemessener ist.


Rehdelos (W3) [Adelung]


Rehdelos, -er, -este, adj. et adv. ein Niederdeutsches nur in der Schifffahrt übliches Wort, der Rehdung, d. i. der Ausrüstung, der Masten und des Tauwerks, beraubt. Ein rehdeloses Schiff. Ein Schiff rehdelos machen.


Rehden (W3) [Adelung]


Rehden, verb. reg. act. welches gleichfalls nur im Niederdeutschen bereiten, fertig machen, bedeutet. Im Hochdeutschen kommt es nur in dem zusammen gesetzten Schifffahrtsworte ausrehden vor, ein Schiff ausrüsten, es mit dem zu seiner Abfahrt nöthigen Tau- und Takelwerke versehen.


Rehder (W3) [Adelung]


Der Rehder, des -s, plur. ut nom. sing. gleichfalls nur in der Niederdeutschen Schifffahrtssprache, derjenige, welcher ein Schiff entweder ganz oder doch zum Theil ausrüstet, der Schiffsrehder, der Eigenthümer eines Schiffes, der Schiffsherr. Wenn mehrere auf gemeinschaftliche Kosten ein Schiff bauen und ausrüsten, so werden sie Mitrehder oder Schiffsfreunde genannt. In einigen Niederdeutschen Gegenden werden auch die Rathsherren, welche die Einkünfte der Stadt verwalten, z. B. zu Bremen, Rehder genannt. Gleichfalls von dem vorigen rehden, bereiten, ingleichen im Nieders. bezahlen, wie das Schwed. reda.


Rehderey (W3) [Adelung]


Die Rehderey, plur. die -en, eben daselbst, sowohl die Ausrüstung eines Schiffes von den Rehdern, als auch die Gesellschaft der Rehder, welche ein Schiff auf gemeinschaftliche Kosten ausrehden oder ausrüsten.


Rehdung (W3) [Adelung]


Die Rehdung, plur. inus. von dem vorigen Zeitworte rehden, die Ausrüstung eines Schiffes; ingleichen das zu einem ausgerüsteten Schiffe nöthige Tau- und Takelwerk.


Rehe (W3) [Adelung]


1. * Rehe, adj. et adv. welches nur in einigen Gegenden, z. B. in Westphalen, üblich ist, wo es für fertig, gar, gebraucht wird. Wenn der Hanf in der Röthe rehe ist, wenn er die gehörige Zeit in derselben gelegen hat. Es ist das Stammwort von unserm bereit, bereiten, Nieders. reden, und druckt, allem Ansehen nach, ursprünglich gleichfalls die mit der Bereitung gemeiniglich verbundene Geschwindigkeit aus.


Rehe (W3) [Adelung]


2. Rehe, adj. et adv. steife Muskeln habend oder bekommend, doch nur von den Thieren und besonders von den Pferden, und so fern dieser Zufall von einer plötzlich unterdrückten Ausdünstung herrühret; verfangen, verschlagen. Ein rehes Pferd, welches nach einer plötzlich unterdrückten Ausdünstung steif auf den Füßen geworden ist. Ein Pferd rehe reiten, oder tränken. Das Pferd ist rehe, wird rehe.

Anm. In einigen Gegenden lautet das folgende Hauptwort mit einem stärkern Gaumenlaute die Reuge, in andern die Rohe, und in einem alten Vocabulario von 1482 bey dem Frisch stehet riech für starr überhaupt. Es erhellet daraus theils die Verwandtschaft mit dem Lat. rigidus, theils aber auch, daß mit dieser Benennung zunächst die starre, steife Beschaffenheit der Füße ausgedruckt wird.


Rehe (W3) [Adelung]


Die Rehe, plur. doch nur von mehrern Arten, die -n, das Hauptwort von dem vorigen Beyworte, die von einer plötzlichen Unterdrückung der Ausdünstung herrührende starre oder steife Beschaffenheit der Füße mancher Thiere, besonders der Pferde. Die Rehe haben. Mit der Rehe befallen, behaftet seyn. In den gemeinen Sprecharten die Rähe, Röhe, Rohe. ( S. auch Freßrehe, Futterrehe, Windrehe, Wasserrehe.) In einer andern Bedeutung kommt es in dem Worte Wetterrehe vor.


Rehfarbe (W3) [Adelung]


Die Rehfarbe, plur. doch nur von mehrern Arten, die -n, die den Rehen eigenthümliche falbe Farbe. Daher das Bey- und Nebenwort rehfarben, oder rehfarbig.


Rehfuß (W3) [Adelung]


Der Rehfuß, des -es, plur. die -füße, Diminut. das Rehfüßchen, Oberd. das Rehfüßlein, eigentlich der Fuß eines Rehes. Figürlich, wegen einiger Ähnlichkeit, künstliche nach Hogarths Schönheitslinie gebogene oder einem flachen Lateinischen S ähnliche Füße an Tischen, Stühlen u. s. f. Bey den Gärtnern wird auch das schräge abgeschnittene Ende eines Stammes, worauf gepfropfet werden soll, ein Rehfuß genannt, wegen der Ähnlichkeit mit dem schrägen Hufe der Rehe.


Rehgeiß (W3) [Adelung]


Die Rehgeiß, plur. die -e, S. das Rehe.


Rehhaar (W3) [Adelung]


Das Rehhaar, des -es, plur. die -e, die Haare von einem Rehe. Ingleichen als ein Collectivum und ohne Plural.


Rehkalb (W3) [Adelung]


Das Rehkalb, des -es, plur. die -kälber, Diminut. das Rehkälbchen, Oberd. das Rehkälblein, das Junge von einem Rehe, ohne Unterschied des Geschlechtes, so wie Hirschkalb das Junge von einer Hirschkuh. Im gemeinen Leben einiger Gegenden ist dafür auch die Rehkitze und das Rehkitzel üblich.


Rehkasten (W3) [Adelung]


Der Rehkasten, des -s, plur. ut nom. sing. ein Kasten, ein Reh oder einen Rehbock darin lebendig von einem Orte zum andern zu bringen.


Rehkäule (W3) [Adelung]


Die Rehkäule, plur. die -n, die Käule von einem Rehe, besonders in den Küchen, die Käule von einem gefälleten Rehe, der Rehschlägel.


Rehkraut (W3) [Adelung]


Das Rehkraut, des -es, plur. car. ein Nahme, welchen in einigen Gegenden die Geniste oder das Pfriemenkraut, Spartium Scoparium L. führet. Vielleicht wegen der rehen, d. i. starren, steifen, den Borsten ähnlichen Zweige.


Rehling (W3) [Adelung]


Der Rehling, des -es, plur. die -e, der Nahme einer Art eßbaren Schwämme von glänzender gelben Farbe, welche in feuchten Wäldern wachsen, in Steyermark Rechlinge, um Danzig Pfefferlinge, wegen ihres milchigen Saftes in Obersachsen Milchschwämme, wegen ihrer gelben Farbe in Schlesien Galluschel, in Neapel Gallucio, an andern Orten aber Drüschlinge, Händleinsschwämme genannt werden; Capreolinus Tabern. Amanita lutea oris contortis Dill. Er ist der Agaricus piperatus L. der wegen seines beißenden Geschmackes im gemeinen Leben auch Pfifferling und Kresseling genannt wird. ( S. Pfefferschwamm.) Da er in einigen Gegenden auch Ziegenbart heißt, so scheint auch der Nahme Rehling auf irgend eine Ähnlichkeit in der Gestalt zu zielen, wenn er nicht, wie andere vermuthen, von Röhling und Röthling abstammet, die incarnat rothen Blätter zu bezeichnen.


Rehnetz (W3) [Adelung]


Das Rehnetz, des -es, plur. die -e, eine Art Netze, welche besonders zur Reh- und Fuchsjagd gebraucht werden, und gemeiniglich funfzig Doppelschritte lang, und 16 bis 20 Maschen, jede von drey Zoll ins Gevierte, hoch sind.


Rehschlägel (W3) [Adelung]


Der Rehschlägel, des -s, plur. ut nom. sing. eine besonders im Oberdeutschen übliche Benennung einer Rehkäule.


Rehschrot (W3) [Adelung]


Das Rehschrot, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, eine grobe Art Schrotes, womit die Rehe geschossen werden, und welches auch Fuchsschrot und Wolfsschrot genannt wird.


Rehwildbret (W3) [Adelung]


Das Rehwildbret, des -es, plur. inus. 1) Ein Collectivum, Rehe beyderley Geschlechtes zu bezeichnen. Es gibt hier vieles Rehwildbret, viele Rehe. 2) Wildbret, d. i. Fleisch von Rehen.


Rehziege (W3) [Adelung]


Die Rehziege, plur. die -n, das Weibchen des Rehgeschlechtes, welches im gemeinen Leben auch die Ricke, im Oberd. aber auch die Rehgeiß genannt wird; im Gegensatze des Rehbockes.


Rehzicklein (W3) [Adelung]


Das Rehzicklein, des -s, plur. ut nom. sing. das Junge von einem Rehe. S. Rehkalb.


Rehziemer (W3) [Adelung]


Der Rehziemer, des -s, plur. ut nom. sing. das Hintertheil von dem Rücken eines Rehes nach abgelösten Käulen. S. Ziemer.


Reibahle (W3) [Adelung]


Die Reibahle, plur. die -n, ein Werkzeug, dessen sich so wohl die Drechsler als auch die Kupferschmiede bedienen, und welches in einer Art starker Ahlen bestehet. Die letztern nennen es verderbt zuweilen Reywalle, und in einigen Gegenden ist es auch männlichen Geschlechtes, der Reibahl.


Reibasch (W3) [Adelung]


Der Reibasch, des -es, plur. die -äsche, in den Küchen, ein Asch, d. i. tiefes unten spitzig zulaufendes rundes Gefäß, etwas darin mit einer hölzernen Reibekäule klar zu reiben. In Franken Riebes, Riefus.


Reibe (W3) [Adelung]


Die Reibe, plur. die -n, ein Werkzeug andere Körper darauf klein zu reiben. So wird z. B. das Reibeisen oft nur schlechthin die Reibe genannt. In einigen Oberdeutschen Gegenden führet auch die Reibekäule diesen Nahmen. In einigen Gegenden, z. B. in Augsburg, scheint auch ein Schlitten unter dem Nahmen einer Reibe bekannt zu seyn. In noch andern ist es der Wirbel, vermittelst dessen die Fensterflügel geöffnet und verschlossen werden.


Reibebret (W3) [Adelung]


Das Reibebret, des -es, plur. die -er, bey den Mäurern, ein vierseitiges Bret mit einem Riemen, die Faust durchzustecken und den auf die Mauer angeworfenen Kalk damit aus einander zu reiben; der Reibestock.


Reibekäule (W3) [Adelung]


Die Reibekäule, plur. die -n, eine Käule, einen andern Körper damit zu zerreiben. S. Reibasch.


Reibelappen (W3) [Adelung]


Der Reibelappen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Lappen, andere Körper damit zu reiben. Da wo der Flachs anstatt des Schwingens gerieben wird, ist es ein lederner Lappen, wie eine kleine Schürze, welchen das weibliche Geschlecht bey dieser Arbeit auf dem Schooße liegen hat. Im Oberdeutschen, wo man für scheuern auch reiben sagt, führet auch der Scheuerlappen diesen Nahmen.


Reibepäuschel (W3) [Adelung]


Der Reibepäuschel, des -s, plur. ut nom. sing. S. Reibhammer.


Reibepfanne (W3) [Adelung]


Die Reibepfanne, plur. die -n, Diminut. das Reibepfännchen, Oberd. Reibepfännlein, eine Pfanne, etwas darin zu reiben. In dem Hüttenbaue ist es eine runde tiefe eiserne Schüssel, das Erz darin klein zu reiben, da sie denn auch die Reibeplatte genannt wird.


Reibepresse (W3) [Adelung]


Die Reibepresse, plur. die -n, bey den Papiermachern, eine kleine Presse, worin das Schreibepapier an dem Ende berieben oder beraspelt wird.


Reiber (W3) [Adelung]


Der Reiber, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Eine Person, welche reibet, Fämin. die Reiberinn, besonders in den Zusam- mensetzungen, Farbenreiber, Flachsreiber u. s. f. 2) Ein Werkzeug, damit zu reiben, Diminut. das Reiberchen, Oberd. Reiberlein. In der Landwirthschaft ist der Reiber ein Strohseil, welches zwischen den Zähnen eines Rechens befestiget wird, die ausgedroschene Frucht damit von einer Seite zur andern aufzureiben. In der weitesten Oberdeutschen Bedeutung des Drehens ist der Reiber ein beweglicher eiserner Theil an den Fenstern, die Fensterflügel damit durch Umdrehen zu öffnen oder zu verschließen, der Wirbel. Bey dem Pictorius wird auch die Kehrbürste Riberle genannt.


Reibeschale (W3) [Adelung]


Die Reibeschale, plur. die -n, eine Schale von Stein, Glas u. s. f. andere Körper vermittelst einer Keule darin zu zerreiben.


Reibescheit (W3) [Adelung]


Das Reibescheit, des -es, plur. die -e, in der Landwirthschaft, das Querholz über den Deichselarmen eines Wagens, weil sich der Langwagen darauf reibet; das Reibholz.


Reibestein (W3) [Adelung]


Der Reibestein, des -es, plur. die -e, ein Stein, andere Körper darauf oder damit zu zerreiben. Bey den Mahlern ist es derjenige Stein, worauf die Farben vermittelst des Läufers zerrieben werden. Bey den Buchdruckern wird auch das harte Stück Holz, worauf die Farbe liegt, der Reibestein oder Farbenstein genannt, ohne Zweifel, weil es ehedem eben derselbe Stein war, worauf die Farbe gerieben wurde.


Reibestock (W3) [Adelung]


Der Reibestock, des -es, plur. die -stöcke, S. Reibebret.


Reibhammer (W3) [Adelung]


Der Reibhammer, des -s, plur. die -hämmer, ein Hammer, einen andern Körper damit zu zerreiben, dergleichen derjenige ist, womit in den Schmelzhütten die Erze zum Probieren zerrieben werden.


Reibholz (W3) [Adelung]


Das Reibholz, des -es, plur. die -hölzer, walzenförmige Hölzer, welche die Schiffer an dem Bauche der Schiffe herunter hangen lassen, damit sie von dem Reiben oder an einander Stoßen keinen Schaden nehmen. S. auch Reibescheit.


Reich (W3) [Adelung]


Reich, -er, -ste, adj. et adv. 1. In Menge, im Überflusse vorhanden, da es als ein Beywort demjenigen Hauptworte beygefüget wird, dessen Menge und Überfluß bezeichnet werden soll; im Gegensatze des arm. Ein reicher Trost, Ps. 65, 5. Ein reicher Segen, Sprichw. 24, 25. Ein reiches Opfer, Sir. 35, 1. Ein reiches Almosen geben. Ein reiches Geschenk Eine reiche Ernte. Ingleichen als eine Nebenwort. Das Geschenk, das Almosen, die Ernte ist sehr reich ausgefallen. Man gebraucht es nur von solchen Dingen, deren Menge als ein Gut angesehen wird, weil wohl niemand leicht eine reiche Strafe, ein reiches Übel u. s. f. sagen wird. Reiche Reime nennt man in der Poesie figürlich solche Reime, welche mehr sich reimende Buchstaben haben als nöthig sind, als wenn z. B. ein Wort mit sich selbst gereimet wird, wie in folgender Stelle Klopstocks: Des Vaters Friede sey mit euch, Des Sohnes Friede sey mit euch, u. s. f. 2. Eine Menge, einen Überfluß an einer Sache habend. 1) Überhaupt, wo es als ein Nebenwort am üblichsten ist, da denn diejenige Sache, deren Menge angedeutet werden soll, vermittelst des Vorwortes an ausgedruckt wird. Zunächst auch nur von solchen Dingen, deren Menge als ein Gut angesehen wird; im Gegensatze des arm. Reich an Geld, an Einkünften, an Vieh, an Gütern, an Verstand u. s. f. Der Zeug ist sehr reich an Seide. Wie reich ist die Natur an Gegenständen, deren Betrachtung einen denkenden Kopf beschäftigen kann! Von Jahren alt, an Gütern reich, Gell. Freund, unsre Zeit von Eisen Ist sehr an Menschen arm, obgleich sehr reich an Weisen, Gieseke. Zuweilen auch, obgleich gemeiniglich nur im Scherze, auch von Dingen, welche als ein Übel angesehen werden. Reich an Fehlern. Mit dem Vorworte von, welches einige Mahl in der Deutschen Bibel vorkommt, reich von Barmherzigkeit, ist es in der anständigen Sprechart veraltet. Seltener als ein Adjectiv. Die an Gegenständen reiche Natur. In einigen Fällen gebraucht man es auch absolute mit Auslassung der in Menge vorhandenen Sache. Eine reiche Erzader, welche eine Menge des gesuchten Erzes enthält. Eine reiche Sprache, welche eine Menge von Wörtern hat, alle Begriffe mit allen ihren Schattierungen auszudrucken. Ein reiches Gedächtniß, welches sich einer Menge von Sachen erinnert. Die reiche Natur, welche eine Menge von Gegenständen aller Art hat. Eine reiches Gemählde, welches viele Figuren hat Dieses Wort ist sehr bequem, Zusammensetzungen zu machen, indem es demjenigen Hauptworte angehänget wird, dessen Menge und Überfluß angedeutet werden soll. Eine volkreiche Stadt. Ein wasserreiches Land. Der Fluß ist fischreich. So auch blutreich, kunstreich, lehrreich, liebreich, freudenreich, trostreich, schiffreich, huldreich, hülfreich, wortreich, zahlreich, geistreich, gnadenreich u. s. f. 2) In engerer Bedeutung (a) Eine Menge von einer kostbaren, schätzbaren Sache enthaltend. Ein reiches Bergwerk, welches eine Menge edlen Metalles enthält. Das Schiff hat eine reiche Ladung. Ein reich beladenes Schiff. Ein mit Gold reich besetztes Kleid. Ein reiches Kleid, welches mit vielem Golde oder Silber besetzt ist. Ein reicher Zeug, worin sich viel Gold oder Silber befindet. Dahin gehöret auch die biblische Benennung das Reich Arabia, das so genannte glückliche Arabien zu bezeichnen, wo es eigentlich heißen sollte, das reiche Arabien, indem es hier nicht das folgende Hauptwort Reich, Regnum, ist. (b) Nach dem Verhältnisse seines Standes einen Überfluß an zeitlichen Gütern habend. Ein reicher Mann. Reich seyn, reich werden. Ein reicher Erbe. Eine reiche Frau heirathen, oder reich heirathen. Eine reiche Heirath thun. Eine reiche Erbschaft erwarten. Ein reiches Land, dessen Einwohner einen Überfluß an zeitlichem Vermögen besitzen. Eine reiche Pfarre, ein reiches Stift, ein reiches Kloster. Da es denn auch als ein Hauptwort gebraucht wird, ein Reicher, ein reicher Mann, die Reichen, reiche Personen.

Anm. Bey dem Ottfried richo, bey dem Notker richolf, im Nieders. riek, im Angels. rica, im Schwed. rik, im Isländ. rikur, im Engl. rich, im Franz. riche, im Ital. ricco, im Span. rico. Der Begriff der Menge ist hier allem Ansehen nach der erste und herrschende, und alsdann erhellet sehr deutlich, daß es als ein Verwandter von regen zunächst das Geräusch ausdruckt, welches viele neben einander befindliche Dinge Einer Art gemeiniglich verursachen. Ehedem bedeutete dieses Wort auch mächtig, angesehen, vornehm, welche Bedeutung es im Niederdeutschen und den nordischen Sprachen noch hat, und welche nicht so wohl eine Figur der vorigen, als vielmehr eine andere Onomatopöie ist, welche zu reichen und richten, in den veralteten Bedeutungen des Regierens, des Lenkers, des Herzchens gehöret. S. das folgende Hauptwort, in welchem noch beyde Bedeutungen vorhanden sind.


Reich (W3) [Adelung]


Das Reich, des -es, plur. die -e, ein Wort welches die beyden Bedeutungen der Menge und der Macht in sich vereiniget. Es kommt in doppelter Gestalt vor. 1. Als ein Abstractum und ohne Plural, für Herrschaft, Regierung, d. i. Recht und Gewalt, das freye Verhalten anderer, besonders einer ganzen bürgerlichen Gesellschaft, zu bestimmen. Der Anfang seines Reichs, seiner Regierung, Mos. 10, 10. Er hätte dein Reich bestätiget, 1 Sam. 13, 13. Nun wird dein Reich nicht bestehen, B. 14. Dein Reich komme; dein ist das Reich, im Vater Unser. In dieser ehedem sehr üblichen Bedeutung ist es jetzt im Hochdeutschen veraltet, und nur noch im gemeinen Leben sagt man zuweilen, sein Reich hat nun eine Ende, seine Gewalt, seine Herrschaft. 2. Als ein Concretum und mit dem Plural. 1) Der ganze Umfang, der Inbegriff derjenigen Dinge, über welche jemanden die oberste Gewalt zukommt. (a) In weiterer Bedeutung, ein jedes Gebieth, eine jede Provinz, ein Land, so fern es jemandes Herrschaft unterworfen ist. So nennet Ottfried Schwaben, oder Schwabenland, Suuaborich. In den eigenthümlichen Nahmen Österreich, Westerreich, hat es gleichfalls diese Bedeutung. Das Gebieth der Städte Aachen und Nimwegen, wird daselbst noch gewöhnlich das Reich von Aachen, das Reich von Nimwegen genannt, da es denn nichts anders als Gebieth oder ein freyes Reichslehen andeutet. Das Königreich, das einem Könige unterworfene Land, und in engerer Bedeutung, dasjenige Land, worauf die königliche Würde haftet. Ottfried gebraucht es häufig für Gegend; Niar in Riche, in dieser Gegend. Übrigens ist es außer den angezeigten Fällen in dieser Bedeutung veraltet, und nur noch im gemeinen Leben sagt man zuweilen, das gehöret in mein Reich, unter mein Gebieth, gehöret mir, kommt mir zu. (b) In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung ist das Reich der ganze Umfang aller einem gekrönten Oberhaupte unterworfenen Provinzen; ich sage einem gekrönten Oberhaupte, d. i. einem Könige oder Kaiser, denn von Herzogthümern u. s. f. ist es nicht üblich. (aa) Eigentlich. Das Assyrische Reich, das Persische Reich, das Römische Reich, das Griechische Reich, das Türkische Reich. Frankreich, das Reich der Franken. Mit solchen Beysätzen ist es von großen, einem völligen unabhängigen Oberhaupte unterworfenen Staaten am üblichsten, ob es gleich auch sehr häufig von einem jeden Königreiche gebraucht wird. Der vornehmste im Reiche, im Königreiche Ein Erbreich, ein Wahlreich. Das Reich Juda, das Reich Israel, in der Deutschen Bibel, ob man gleich nicht gern sagt, das Reich Spanien, das Reich Portugall, das Reich Preußen, sondern lieber Königreich, dagegen man absolute und ohne Beysatz das Wort Reich ohne Bedenken gebraucht. Ein König ohne Reich. Ein Reich einnehmen. Die Großen des Reichs. Figürlich ist in der Theologie das Reich Gottes der Inbegriff aller Gott unterworfenen Dinge, da man denn nach den verschiedenen Graden dieser Unterwerfung ein dreyfaches Reich annimmt: das Reich der Natur, oder Naturreich, der Inbegriff aller Gott als dem Schöpfer und Erhalter unterworfenen Dinge; das Gnadenreich, oder Reich der Gnade, der Inbegriff aller näher mit Gott vereinigten Menschen; das Reich der Herrlichkeit, der Inbegriff aller vollendeten Unterthanen des Reiches der Gnade. In der Deutschen Bibel kommen diese beyden letzten Reiche auch unter dem Nahmen des Himmelreiches vor. (bb) Figürlich werden oft die sämmtlichen oder doch die meisten Unterthanen eines Reiches oder Königreiches, und in andern Fällen die Stände desselben, schlechthin das Reich genannt, da es denn als ein Collectivum im Plural ungewöhnlich ist. Das Reich zusammen berufen. S. die folgende Bedeutung. (c) In noch engerer Bedeutung verstehet man unter dem Worte Reich schlechthin nur das Deutsche Reich, oder wie es vollständig genannt wird, das heilige Römische Reich Deutscher Nation; wo es wieder in verschiedenen Verhältnissen üblich ist. (1) Von dem ganzen Umfange der mit dem Kaiser als ihrem gemeinschaftlichen Oberhaupte verbundenen Provinzen. Zum Reiche gehören. Die Stände des Reichs oder Reichsstände. Das Reich erschöpfen. Ein Kreis des Reichs oder Reichskreis. S. auch die folgende Zusammensetzungen in Reichs (2) In engerer Bedeutung werden die obern Kreise des Reiches, welche zusammen Oberdeutschland ausmachen, mit Ausschließung Ober- und Niedersachsens, Westphalens und Böhmens, häufig das Reich genannt, besonders in den jetzt genannten Provinzen, weil jene das alte Reich der ehemahligen Fränkischen Könige ausmachten, diese aber demselben später unterworfen worden. In das Reich reisen, nach Oberdeutschland. Briefe aus dem Reiche haben. In noch engerer Bedeutung führen zuweilen aus eben dieser Ursache die Gegenden am Rheine und Maine mit Ausschließung Baierns und Österreichs, den Nahmen des Reichs. (3) Figürlich, die Versammlung des Kaisers und der vornehmsten Reichsstände, oder ihrer Abgeordneten, und zuweilen auch nur die Reichsstände oder ihre Abgeordneten allein. Das zu Regensburg versammelte Reich. Etwas an das Reich bringen. ( S. auch Reichsabschied, Reichstag u. s. f.) Ich übergehe andere ehedem übliche Bedeutungen, da man bald den Kaiser mit seinem Hofstaate, bald die Reichsarmee, bald die sämmtlichen Reichstädte mit ihrem Gebiethe, bald den Reichsschatz, bald die hohen Reichsgerichte u. s. f. nur das Reich schlechthin zu nennen pflegte. In dieser ganzen engern Bedeutung ist der Plural ungewöhnlich, weil die Sache selbst die einzige ihrer Art ist. 2) Im weitesten Verstande ist das Reich in vielen Fällen der Inbegriff aller Dinge Einer Art, da sich denn der Begriff der Herrschaft verlieret, der Begriff der Menge aber allein übrig bleibt. Das Feuerreich, der Inbegriff alles dessen, was man unter dem Nahmen des Feuers begreift, und in engerer Bedeutung der Gegend, zuweilen auch derjenige Theil des Weltgebäudes, welcher einigen zu Folge ganz mit Feuer angefüllet seyn soll, wo Reich so viel als Region bedeutet, in welchem Verstande auch das Wort Lustreich zuweilen gebraucht wird. Das Wasserreich, der Inbegriff aller zum Wasser gehörigen Körper. Das Erdreich, so wohl der Erdkörper selbst mit allen darauf befindlichen Wesen, als auch im engern Verstande, die Erde, als ein von dem Wasser, dem Feuer und der Luft verschiedener Körper betrachtet. Das Reich der Körper oder das Körperreich, der Inbegriff aller Körper, im Gegensatze des Reichs der Geister oder des Geisterreiches. Das Naturreich oder das Reich der Natur, so wohl in weiterer Bedeutung, der Inbegriff aller vorhandenen Dinge, als auch in engerer, der Inbegriff aller auf und unter der Erde befindlichen Körper; in welcher letztern Bedeutung man das Naturreich wieder in drey besondere Reiche einzutheilen pflegt, welche das Reich der Thiere oder das Thierreich, das Reich der Pflanzen oder das Pflanzenreich, und das Steinreich oder Mineral-Reich genannt werden, den großen Reichthum der Natur aber bey weitem nicht erschöpfen, wie die Polypen, Thierpflanzen, Infusions-Thierchen u. s. f. beweisen.

Anm. Im Isidor Riih, bey dem Kero Rihh, bey dem Ottfried Rich, im Niederd. Riek, im Angels. Rice, im Isländischen Riki, im Schwedischen Rike, im Dänischen Rign. Es vereinigt den Begriff der Menge, welcher besonders in der letzten Bedeutung hervorsticht, ( S. das Beywort Reich,) mit dem Begriffe der Macht, der Herrschaft. Beyde Bedeutungen gründen sich auf eine Nachahmung ähnlicher Laute. Zur letzten Bedeutung der Herrschaft gehören so wohl das veraltete reichen, und dessen gleichfalls veraltetes Intensivum reichsen, regieren, Lat. regere, als auch das ehemahlige Recke, ein Held, Fürst, Regent, Lat. Rex, Goth. Recks, im alten Preußischen Reckis. S. auch das folgende.


Reichen (W3) [Adelung]


Reichen, verb. reg. welches in doppelter Gestalt gebraucht wird. I. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben, sich der Ausdehnung nach erstrecken. 1. Eigentlich, da es denn so wohl von der Ausdehnung in die Höhe, als auch von der Ausdehnung in die Länge gebraucht wird. 1) Im weitesten Verstande. Lasset uns einen Thurm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, 1 Mos. 11, 4. Das Wasser reichte mir bis an den Hals. Der Baum reicht bis an das Dach. Die Stange reicht nicht so weit. Daß sein (des Volkes) letztes reichte gegen den Abend der Stadt, bis an die westliche Seite, Jos. 8, 13. Die Mauer reicht bis an den Fluß. Über jemanden reichen, d. i. hervor ragen, ist nur im Oberdeutschen üblich. 2) In engerer Bedeutung, sich mit einem Theile seines Leibes bis an etwas erstrecken, so wohl mit ausdrücklicher Meldung des Gliedes. Mit der Hand an etwas reichen können. Großer Herren Arme reichen weit. Mit dem Fuße an etwas reichen können. Als auch absolute, da denn gemeiniglich die Hand darunter verstanden wird. Ich kann nicht so weit reichen. Hinauf reichen, hinan reichen. Ich kann bis dahin reichen. S. auch Erreichen. 2. Figürlich. 1) Der Menge nach zu etwas hinlänglich seyn. Der Zeug reicht nicht zu dem Kleide. Das Geld reichte, hat gereicht, wird nicht reichen. Das reicht jährlich nicht für den Kaufmann und Schneider, Weiße. Ingleichen mit etwas reichen, daran zu einer gewissen Absicht genug haben. Damit werde ich nicht reichen. Wir haben damit gereicht. ( S. auch Ausreichen, Hinreichen, Zureichen.) 2) Sich der Wirkung nach bis zu etwas erstrecken. Dein Ruhm wird bis an die Nachwelt reichen. Meine Augen reichen nicht so weit, ihr Vermögen zu sehen erstreckt sich nicht so weit. Gottes Güte reicht so weit der Himmel ist, Ps. 108, 5. Die Religion treibt uns zur Liebe gegen die Menschen durch Bewegungsgründe an', die über alle Bewegungsgründe der Vernunft hinaus reichen, Gell. 3) Sich der Dauer, der Zeit nach erstrecken; ein Gebrauch, welcher im Hochdeutschen zu veralten anfängt. Die Dreschzeit soll reichen bis zur Weinernte, und die Weinernte reichen bis zur Zeit der Saat, 3 Mos. 26, 5. 5) * Für liegen, der Himmelsgegend nach; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Ein Stück von den Theilen, so vom Morgen bis gen Abend reichen, Ezech. 48, 8. 5) * Für gereichen; eine gleichfalls veraltete Bedeutung. Das wirt warlich gar zu kleinen Eren reichen meiner Frauen, Theuerd. Das möchte wol zu schaden dir noch reichen in künftige Zeit, ebend. S. Gereichen. II. Als ein Activum, mit Ausstreckung, mit Ausdehnung in die Länge geben. 1. Eigentlich. Jemanden die Hand reichen. Jemanden das Handwasser reichen. Er reicht ihm das Wasser nicht, figürlich, er ist auf seine Art mit ihm zu vergleichen; eigentlich, er ist nicht werth ihm das Wasser zu reichen. Jemanden hülfliche Hand reichen, ihm beystehen. Jemanden ein Almosen reichen. Einem Kranken das Abendmahl reichen. Die Mutter reicht dem Kinde die Brust. S. auch Darreichen, Hinreichen, Herreichen, Zureichen, Überreichen, Erreichen u. s. f. 2. Figürlich. 1) Für geben überhaupt; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Im Oberdeutschen sagt man, Zoll, Steuern, Ungeld reichen, für geben. Die Kosten zu etwas reichen. Im Hochdeutschen gebraucht man es noch zuweilen in der R. A. jemanden die nöthige Nahrung reichen, ihn verpflegen. Die Anzahl der Ziegel sollt ihr reichen, 2 Mos. 5, 18, für liefern, abliefern. 2) Ehedem wurde es auch für hohlen und hohlen lassen gebraucht. Athem reichen. Athem hohlen. Jemanden reichen, ihn hohlen lassen. Daher die Reichung, doch nur in der thätigen Bedeutung. Anm. Bey dem Kero kerehhan, bey dem Notker reichen, bey dem Willeram rachan, im Nieders. reken und raken, welches letztere auch rühren bedeutet, im Angels. raecan, im Engl. to reach, im Isländ. reikia, im Ital. recare, im Latein. rigere in porrigere, arrigere, erigere, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, im Arab. rehaek. Es ahmet den damit verbundenen Laut nach, und ist mit ragen, regen u. a. m. genau verwandt. Intensiva davon sind recken uns strecken, wie schon aus der Verdoppelung des Gaumenlautes erhellet. ( S. Recken.) Mit einem andern Endlaute gehöret auch rathen hierher, und im Isländ. sind rietta und reikia gleich bedeutend. S. Gerade und Gerecht, Gerathen und Gereichen.


Reichern (W3) [Adelung]


Reichern, verb. reg. act. von dem Bey- und Nebenworte reich, reicher machen. Es ist für sich allein veraltet, und nur in den Zusammensetzungen Bereichern und Anreichern üblich, welches letztere doch nur im Bergbaue gangbar ist, ( S. dieselben.) Es ist so wie die Zeitwörter bessern, verschlimmern, vergrößern, verkleinern u. s. f. von dem Comparativ gebildet. Von dem Positivo sagte man ehedem auch reichern, für reich machen, welches aber veraltet ist.


Reichgabel (W3) [Adelung]


Die Reichgabel, plur. die -n, in der Landwirthschaft, eine eiserne Gabel an einem langen Stiele, Heu, Stroh u. s. f. damit in die Höhe zu reichen; die Heugabel, so fern sie besonders bey dem Heue üblich ist.


Reichhaltig (W3) [Adelung]


Reichhaltig, -er, -ste, adj. et adv. einen reichen Gehalt habend. Reichhaltige Erze, im Bergbaue, welche viel von dem gesuchten Mineral enthalten. Gegenstände, welche reichhaltig an Ideen sind. Daher die Reichhaltigkeit.


Reichlich (W3) [Adelung]


Reichlich, -er, -ste, adj. et adv. welches vermittelst der Ableitungssylbe -lich von dem Beyworte reich gebildet worden, aber nur in dessen weitern Bedeutung der Menge üblich ist. 1) Als ein Beywort, dem was reich, d. i. in genugsamer Menge ist, ähnlich. Ein reichliches Geschenk, ein reichliches Almosen; wo es eigentlich etwas weniger sagt, als das Beywort reich. Noch häufiger, 2) als ein Nebenwort allein, auf eine vollkommen hinlängliche Art, der Zahl und Menge nach; wo es für das in dieser Bedeutung ungewöhnliche Nebenwort reich gebraucht wird. Jemanden reichlich beschenken. Ich habe dir reichlich gegeben. Gott wirds reichlich vergelten. Es ist reichlich ein Jahr, d. i. vollkommen, völlig. Jemanden seinen Beyfall reichlich zuklatschen. Sie hatten ein wenig zu reichlich getrunken.

Anm. Im Osnabrück, riekelt, in andern Nieders. Gegenden rive. In den Monseeischen Glosse ist reihlih prächtig. Das ungewöhnliche Hauptwort Reichlichkeit wurde ehedem für Reichthum gebraucht.


Reichsabschied (W3) [Adelung]


Der Reichsabschied, des -es, plur. die -e, in dem Deutschen Staatsrechte, ein Schluß, welcher von den auf dem Reichstage versammelten Stäuden gemacht, und bey dem Abschiede, d. i. bey dem Schlusse des Reichstages, öffentlich bekannt gemacht wird, und auch Privat-Sachen betreffen kann, daher er eben nicht allemahl ein Reichsgesetz ist; Lat. Recessus Imperii. S. Abschied und Reichssatzung.


Reichsacht (W3) [Adelung]


Die Reichsacht, plur. inus. diejenige Acht, vermittelst deren jemand aus den Gränzen eines ganzen Reiches verbannet wird; zum Unterschiede von der Land- und Stadtacht. In engerer Bedeutung, im Deutschen Staatsrechte, die von dem Kaiser oder einem der höchsten Reichsgerichte erkannte, oder auf ein Verbrechen gedrohete Acht. In die Reichsacht verfallen, erkläret werden. Daher der Reichsächter, der in diese Acht verfallen ist.


Reichsadel (W3) [Adelung]


Der Reichsadel, des -s, plur. car. 1) Als ein Abstractum, die von dem Oberhaupte des Reichs ertheilte, durch das ganze Reich gültige adelige Würde. Ingleichen diejenige adelige Würde, vermöge welcher jemand niemanden als dem Kaiser und dem Reiche unterworfen ist. 2) Als ein Collectivum, die sämmtlichen ade- ligen Personen dieser Art; besonders in der letzten Bedeutung, der unmittelbare Adel; im Gegensatze des mittelbaren oder landsässigen Adels.


Reichsadler (W3) [Adelung]


Der Reichsadler, des -s, plur. ut nom. sing. der Adler, so fern er das Wapen eines Reiches, und in engerer Bedeutung des Deutschen Reiches, ist.


Reichsamt (W3) [Adelung]


Das Reichsamt, des -es, plur. die -ämter, ein Amt, vermöge dessen jemand einem Reiche, und besonders dem Deutschen Reiche und dessen Oberhaupte, zu gewissen Diensten verpflichtet ist. In engerer Bedeutung führen gewisse Hofämter diesen Nahmen, welche wieder in Reichserzämter und Reichserbämter getheilet werden, ( S. Erzamt und Erbamt,) da denn die Personen, welche selbige bekleiden, Reichsbeamte, und mit genauerer Bestimmung Reichserzbeamte und Reichserbbeamte heißen. Die Ämter des Reichstruchsessen, Reichsschenken, Reichsschatzmeisters u. s. f. sind solche Reichsämter.


Reichsanlage (W3) [Adelung]


Die Reichsanlage, plur. die -n, ein zum Behuf eines Reiches und besonders des Deutschen Reiches, von dem Reichshaupte und den Ständen verordnete Anlage; die Reichssteuer.


Reichsapfel (W3) [Adelung]


Der Reichsapfel, des -s, plur. die -äpfel, eine Kugel mit einem Kreuze darüber, so fern sie ein altes symbolisches Zeichen der höchsten unumschränkten kaiserlichen und königlichen Gewalt ist. Das Wort Apfel bedeutet hier einen jeden runden Körper. Dieses Zeichen war in Gestalt einer Kugel schon bey den Persern üblich, wo es die Sonne bedeutete; in andern morgenländischen Reichen war es ein Sinnbild der Erde und der Herrschaft über dieselbe. Die Griechischen Kaiser setzten aus Andacht ein Kreuz darauf, und nannten es gleichfalls - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, einen Apfel.


Reichsarchiv (W3) [Adelung]


Das Reichsarchiv, des -es, plur. die -n, ein Archiv, worin die Urkunden und öffentlichen Verhandlungen eines ganzen Reiches, und in engerer Bedeutung des Deutschen Reiches, verwahret werden.


Reichsarmee (W3) [Adelung]


Die Reichsarmee, plur. die -n, eine Armee, welche von den Ständen des Deutschen Reiches zur Vertheidigung der Freyheit und der Gerechtsamen desselben gemeinschaftlich errichtet und unterhalten wird.


Reichsbauer (W3) [Adelung]


Der Reichsbauer, des -s, plur. die -n, ein Bauer, welcher niemanden als dem Kaiser und dem Reiche unterworfen ist, dergleichen es noch einige in Oberdeutschland gibt. S. Reichsdorf.


Reichsbeamte (W3) [Adelung]


Der Reichsbeamte, des -n, plur. die -n, ein Beamter, welcher einem ganzen Reiche und dessen Oberhaupte zu gewissen Diensten höherer Art verpflichtet ist. So wurden ehedem in Pohlen der Krongroß-Secretär, der Krongroß-Referendarius, der Krongroß-Stallmeister u. s. f. und in Litthauen, der Groß-Secretär, Groß-Referendarius u. s. f. Reichsbeamten genannt. In engerer Bedeutung in Beziehung auf das Deutsche Reich, S. Reichsamt.


Reichsboden (W3) [Adelung]


Der Reichsboden, des -s, plur. inus. der zu einem Reiche, und in engerer Bedeutung, der zu dem Deutschen Reiche gehörige Grund und Boden. In engerer Bedeutung, ein dem Deutschen Reiche unmittelbar unterworfener Grund und Boden. In diesem Verstande wird z. B. der große Wald um Nürnberg nur der Reichsboden genannt.


Reichsbürger (W3) [Adelung]


Der Reichsbürger, des -s, plur. ut nom. sing. der Bürger eines Reiches, ein Einwohner, der dessen Schutz und Freyheiten genießet. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung werden die Bürger in den Deutschen Reichsstädten Reichsbürger genannt.


Reichs-Casse (W3) [Adelung]


Die Reichs-Casse, plur. die -n, die Casse eines Reiches, der Ort, wo die aus einem Reiche einkommenden und zu dessen Bedürfnissen bestimmten Summen verwahret werden, und diese Summen selbst. In engerer Bedeutung, eine solche Casse des Deutschen Reichs, welche, wenn sie zur Unterhaltung einer Reichsarmee bestimmt ist, auch die Reichs-Operations-Casse genannt wird.


Reichs-Collegium (W3) [Adelung]


Das Reichs-Collegium, des -gii, plur. die -gia, ein von einem Reiche, und besonders von dem Deutschen Reiche, niedergesetztes Collegium. In engerer Bedeutung werden so wohl die sämmtlichen auf dem Reichstage zu Regensburg versammelten Gesandten und Bevollmächtigten der Reichsstände das Reichs-Collegium, als auch die drey Classen, worein sie getheilet werden, die Reichs-Collegia genannt.


Reichs-Contingent (W3) [Adelung]


Das Reichs-Contingent, des -es, plur. die -e, dasjenige Contingent, oder derjenige Antheil, welchen jeder Reichsstand zu den Bedürfnissen des ganzen Reiches beyträgt. In gewöhnlicherer Bedeutung ist es in dem Deutschen Reiche die Zahl an Mannschaft, welche jeder Reichsstand zu einer Reichsarmee stellet.


Reichsdorf (W3) [Adelung]


Das Reichsdorf, des -es, plur. die -dörfer, ein Dorf, welches dem Kaiser und dem Deutschen Reiche unmittelbar unterworfen ist, dergleichen es noch in einigen Oberdeutschen Gegenden gibt.


Reichserbamt (W3) [Adelung]


Das Reichserbamt, des -es, plur. die -ämter, S. Reichsamt und Erbamt. Daher der Reichserbbeamte, S. eben daselbst.


Reichserzamt (W3) [Adelung]


Das Reichserzamt, des -es, plur. die -ämter, S. Reichsamt und Erzamt. Daher der Reichserzbeamte.


Reichsfeind (W3) [Adelung]


Der Reichsfeind, des -es, plur. die -e, ein Feind des Reichs und besonders des Deutschen Reiches.


Reichs-Fiscal (W3) [Adelung]


Der Reichs-Fiscal, des -es, plur. die -Fiscäle, ein Fiscal, so fern er für die Gerechtsamen eines ganzen Reiches, besonders aber des Deutschen Reiches und dessen Oberhauptes wacht.


Reichsfolge (W3) [Adelung]


Die Reichsfolge, plur. die -n, die Folge in der Beherrschung eines Reiches; die Thronfolge. Zur Reichsfolge gelangen, von derselben ausgeschlossen werden. Ingleichen die Art und Weise, wie der Thron eines Reiches nach dem Absterben des Beherrschers besetzet werden soll. Die Reichsfolge bestimmen.


Reichsforst (W3) [Adelung]


Der Reichsforst, des -es, plur. die -förste, ein Forst, welcher dem Kaiser und Reiche unmittelbar unterworfen ist.


Reichsfrey (W3) [Adelung]


Reichsfrey, adj. et adv. niemanden als dem Kaiser und dem Deutschen Reiche unterworfen; unmittelbar. Reichsfreye Bauern, Städte u. s. f. Besonders als ein Titel des unmittelbaren Reichsadels, welcher in Briefen Reichsfrey, Hochwohlgeboren, angeredet wird.


Reichsfreyherr (W3) [Adelung]


Der Reichsfreyherr, des -en, plur. die -en, ein dem Kaiser und Reiche unmittelbar unterworfener Freyherr; ein Reichs-Baron.


Reichsfürst (W3) [Adelung]


Der Reichsfürst, des -en, plur. die -en, Fämin. die Reichsfürstinn, ein Fürst des Reiches, in engerer Bedeutung, ein Fürst, so fern derselbe ein Glied des Deutschen Reiches ist, niemanden als dem Kaiser und Reiche unterworfen ist, und sein Fürstenthum von demselben allein zu Lehen trägt. Daher das Bey- und Nebenwort reichsfürstlich.


Reichsfuß (W3) [Adelung]


Der Reichsfuß, des -es, plur. die -füße, das bestimmte Verhältniß des Gehaltes der Reichsmünzen zu ihrem Werthe, S. Fuß.


Reichsgenoß (W3) [Adelung]


Der Reichsgenoß, des -ssen, plur. die -ssen, der Genoß eines Reiches, ein Unterthan desselben, so fern er an allen Gerechtsamen und Vorzügen des Reiches Theil hat.


Reichsgericht (W3) [Adelung]


Das Reichsgericht, des -es, plur. die -e, ein höheres Gericht, welchem alle niedere Gerichte eines Reiches unterworfen sind. In engerer Bedeutung, besonders in dem Deutschen Staatsrechte, ein Gericht, vor welchem besonders die Stände des Reiches Recht zu nehmen und zu geben verbunden sind, dergleichen Reichsgerichte so wohl der Reichshofrath als das Reichskammergericht zu Wetzlar sind.


Reichsgesetz (W3) [Adelung]


Das Reichsgesetz, des -es, plur. die -e, ein Gesetz, welches alle Glieder eines Reiches verbindet. Bestimmt es zugleich die wesentliche Staatsverfassung eines Reiches, besonders des Deutschen Reiches, so wird es ein Reichsgrundgesetz genannt. In weiterer Bedeutung werden zuweilen auch wohl Verordnungen des Reichs, welche bloß einzelne Glieder betreffen, Reichsgesetze genannt.


Reichsglied (W3) [Adelung]


Das Reichsglied, des -es, plur. die -er, ein Glied eines Reiches, eine Person, welche einem Reiche unterworfen ist, und zugleich an dessen Schutz, Gerechtsamen und Vorzügen Theil hat.


Reichsgraf (W3) [Adelung]


Der Reichsgraf, des -en, plur. die -en, Fämin. die Reichsgräfinn, ein dem Deutschen Reiche und dessen Oberhaupte unmittelbar unterworfener Graf. Daher die Reichsgrafschaft, ein solches Land, und das Bey- und Nebenwort reichsgräflich.


Reichsgrundgesetz (W3) [Adelung]


Das Reichsgrundgesetz, S. Reichsgesetz.


Reichsgulden (W3) [Adelung]


Der Reichsgulden, des -s, plur. ut nom. sing. ein in dem ganzen Reiche gültiger Gulden, ein Gulden, so fern dessen Werth und Gestalt von dem Reiche bestimmt worden.


Reichsgutachten (W3) [Adelung]


Das Reichsgutachten, des -s, plur. ut nom. sing. in dem Deutschen Staatsrechte, ein von den Ständen des Reiches dem Kaiser ertheiltes Gutachten.


Reichshandel (W3) [Adelung]


Der Reichshandel, des -s, plur. die -händel, ein Handel, eine Sache, welche das ganze Reich betrifft; eine Reichssache. In engerer Bedeutung, eine solche streitige Sache.


Reichshaupt (W3) [Adelung]


Das Reichshaupt, des -es, plur. die -häupter, das höchste Oberhaupt eines Reiches, besonders des Deutschen Reiches, der Kaiser.


Reichsherkommen (W3) [Adelung]


Das Reichsherkommen, des -s, plur. car. in dem Deutschen Staatsrechte, eine durch die Gewohnheit eingeführte Regel, nach welcher in gewissen Staatssachen, wo keine geschriebene Gesetze und andere Verträge vorhanden sind, verfahren wird.


Reichshistorie (W3) [Adelung]


Die Reichshistorie, plur. die -n, die Historie oder Geschichte der Staatsveränderungen eines Reiches, und in engerer Bedeutung des Deutschen Reiches; die Reichsgeschichte.


Reichshofrath (W3) [Adelung]


Der Reichshofrath, des -es, plur. die -räthe, in dem Deutschen Staatsrechte. 1) Ein hohes Reichsgericht, welches sich an dem kaiserlichen Hoflager befindet, und den Reichsständen so wohl Recht spricht, als auch die Reichslehen ertheilet; ohne Plural. Daher die Reichshofrathsordnung, die demselben vorgeschriebene Art des Verfahrens. 2) Ein mit der Würde eines Rathes begabter Beysitzer dieses Collegii.


Reichshülfe (W3) [Adelung]


Die Reichshülfe, plur. die -n, die von dem gesammten Reiche bewilligte Hülfe, sie bestehe nun in Truppen, oder in Gelde.


Reichskammergericht (W3) [Adelung]


Das Reichskammergericht, des -es, plur. die -e, in dem Deutschen Reiche, eines der zwey höchsten Reichsgerichte, welches den Ständen und deren Unterthanen in gewissen dazu fähigen Umständen Recht spricht, und älter ist, als der Reichshofrath. Daher der Reichskammerrichter, der Richter in diesem Gerichte.


Reichskanzelley (W3) [Adelung]


Die Reichskanzelley, plur. die -en, die Kanzelley eines Reiches, und besonders des Deutschen Reiches.


Reichskanzler (W3) [Adelung]


Der Reichskanzler, des -s, plur. ut nom. sing. der Kanzler eines Reiches, und besonders des Deutschen Reiches. Siehe Kanzler.


Reichskleinod (W3) [Adelung]


Das Reichskleinod, des -es, plur. die -e, oder -dien ein Kleinod, so fern es ein symbolisches der höchsten Gewalt und Würde eines Reiches, und besonders des Deutschen Reiches, ist; z. B. Krone, Zepter, Reichsapfel u. s. f. Mit einem halb Lateinischen Ausdrucke Reichs-Insignien.


Reichskreis (W3) [Adelung]


Der Reichskreis, des -es, plur. die -e, einer von den zehen Kreisen, worein das Deutsche Reich zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit getheilet ist.


Reichskrieg (W3) [Adelung]


Der Reichskrieg, des -es, plur. die -e, ein Krieg, welcher das ganze Deutsche Reich betrifft, in welchem dasselbe der angreifende oder angegriffene Theil ist.


Reichsland (W3) [Adelung]


Das Reichsland, des -es, plur. die -e, (der Plural die Reichsländer kommt seltener vor,) Länder, welche zu dem Deutschen Reiche gehören, dasselbe ausmachen. In engerer Bedeutung, werden Länder und Districte, welche dem Deutschen Reiche unmittelbar unterworfen sind, sie seyen nun Lehen oder Allodia, Reichslande genannt. Nach einer noch andern Einschränkung werden die Reichslande den Kirchenlanden oder Kirchenländern entgegen gesetzt, welche letztern von Geistlichen besessen werden, und in welchen die Päpste viele Gerechtsamen erworben haben.


Reichslehen (W3) [Adelung]


Das Reichslehen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Grundstück, welches von dem Kaiser und Reiche in Lehen genommen werden muß. Zuweilen auch die Belehnung mit einem solchen Grundstücke; ohne Plural. Die Reichslehen empfangen.


Reichsleute (W3) [Adelung]


Die Reichsleute, sing. car. Leute, d. i. Personen geringern Standes, welche dem Reiche unmittelbar unterworfen sind, dergleichen es z. B. auf der Leutkircher Heide gibt. Die Reichsbauern sind auch eine Art der Reichsleute.


Reichs-Matrikel (W3) [Adelung]


Die Reichs-Matrikel, plur. die -n, das Verzeichniß der sämmtlichen Reichsstände und ihres bestimmten Beytrages zu den allgemeinen Bedürfnissen des Reiches.


Reichspfennigmeister (W3) [Adelung]


Der Reichspfennigmeister, des -s, plur. ut nom. sing. eine noch in dem Deutschen Reiche übliche Benennung desjenigen, welcher einer Reichs-Casse vorgesetzet ist, und die Rechnungen darüber führet, für Reichs-Cassier. So hat das Kammergericht zu Wetzlar seinen Reichspfennigmeister, welcher die Kammerzieler von den Ständen einnimmt und berechnet.


Reichspflege (W3) [Adelung]


Die Reichspflege, plur. die -n, eine Pflege, d. i. ein Gebieth, welches unmittelbar dem Kaiser und Reiche gehöret und in deren Nahmen von einem Reichspfleger verwaltet wird, dergleichen es noch bey Donauwerth und Meißenburg gibt. Auch die Verwaltung eines solchen Gebiethes führet diesen Nahmen. S. Pflege.


Reichspost (W3) [Adelung]


Die Reichspost, plur. die -en. 1) Eine dem Kaiser und Reiche unmittelbar unterworfene Post; zum Unterschiede von den ständischen Posten, oder den Posten der Reichsstände. Daher das Reichspostamt, der Reichspostmeister u. s. f. 2) Eine Post, welche in das Reich, d. i. nach Oberdeutschland, gehet, oder daher kommt.


Reichs-Quartiermeister (W3) [Adelung]


Der Reichs-Quartiermeister, des -s, plur. ut nom. sing. ein Unterbeamter der Grafen von Pappenheim, als Erbmarschallen, welcher bey feyerlichen Versammlungen die Quartiere für die Gesandten der Reichsstände besorget.


Reichsrath (W3) [Adelung]


Der Reichsrath, des -es, plur. die -räthe. 1) Ein mit diesem Nahmen begabtes hohes Collegium, welches die Regierung eines ganzen Reiches verwaltet, dergleichen z. B. in Schweden ist. In dem Deutschen Reiche drangen unter dem Kaiser Maximilian die Reichsstände darauf, daß zur Handhabung des Rechtes und des Friedens ein Reichsrath niedergesetzt werden sollte. Im Jahre 1500 wurde wirklich ein solches Collegium ernannt, welches den Nahmen eines Reichsregimentes bekam, aber 1502 schon wieder aufhörete. Auch die drey Reichs-Collegia auf dem Reichstage zu Regensburg pflegt man zuweilen Reichsräthe zu nennen. 2) Ein einzelnes Glied eines solchen Collegii.


Reichsritter (W3) [Adelung]


Der Reichsritter, des -s, plur. ut nom. sing. ein dem Kaiser und Reiche unmittelbar unterworfener Ritter. Daher die Reichsritterschaft, die sämmtlichen Reichsritter, der sämmtliche freye Reichsadel als ein Ganzes betrachtet. S. Ritter.


Reichssache (W3) [Adelung]


Die Reichssache, plur. die -n, eine Sache, welche ein ganzes Reich, besonders das gesammte Deutsche Reich, betrifft.


Reichssatzung (W3) [Adelung]


Die Reichssatzung, plur. die -en, in dem Deutschen Staatsrechte, in weiterer Bedeutung, ein jedes Reichsgesetz, mit Inbegriff der Reichsabschiede. In engerer Bedeutung führen nur diejenigen Reichsgesetze diesen Nahmen, welche auf den Reichstagen gemacht worden, und nach deren Endigung von den Kaisern bekannt gemacht wurden, welches bis auf Friedrich III, geschahe, zu dessen Zeit die Reichsabschiede üblich wurden.


Reichsscepter (W3) [Adelung]


Das Reichsscepter, S. Reichszepter.


Reichsschluß (W3) [Adelung]


Der Reichsschluß, des -sses, plur. die -schlüsse, ein von einem Reiche und dessen Repräsentanten gemeinschaftlich gemachter Schluß. In engerer Bedeutung, ein von den Deutschen Reichsständen auf einem Reichstage gemachter Schluß.


Reichsschultheiß (W3) [Adelung]


Der Reichsschultheiß, des -en, plur. die -en, ein ehemahliger Beamter in den Deutschen Reichsstädten, welcher die Gerechtigkeit, und besonders die peinliche Gerechtigkeit, in denselben im Nahmen des Kaisers und des Reiches handhabete, und auch der Reichsvogt genannt wurde.


Reichsstadt (W3) [Adelung]


Die Reichsstadt, plur. die -städte, eine Stadt, so fern sie ein unmittelbares Glied eines Reiches ist. Im Deutschen Reiche ist eine Reichsstadt, oder freye Reichsstadt, eine Stadt, welche dem Kaiser und Reiche unmittelbar unterworfen ist; zum Unterschiede von einer landsässigen oder Municipal-Stadt. Daher das Bey- und Nebenwort reichsstädtisch, einer Reichsstadt gehörig.


Reichsstand (W3) [Adelung]


Der Reichsstand, des -es, plur. die -stände, ein Stand, d. i. solches Glied eines Reiches, welches Sitz und Stimme auf den Reichstagen hat. So werden in dem Deutschen Staatsrechte diejenigen Reichsglieder, welche Sitz und Stimme auf den Reichstagen haben, Reichsstände genannt.


Reichsständisch (W3) [Adelung]


Reichsständisch, adj. et adv. einem Reichsstande gehörig, in dessen Gerechtsamen gegründet.


Reichsstandschaft (W3) [Adelung]


Die Reichsstandschaft, plur. inus. die Gerechtsame und das Befugniß eines Reichsstandes, besonders das Recht, auf den Reichstagen Sitz und Stimme zu haben.


Reichssteuer (W3) [Adelung]


Die Reichssteuer, plur. die -n, eine einem ganzen Reiche zu dessen Bedürfnissen aufgelegte Steuer.


Reichstag (W3) [Adelung]


Der Reichstag, des -es, plur. die -e, die Versammlung der Stände eines Reiches, um über dessen Angelegenheiten zu berathschlagen, die Reichsversammlung. Der Pohlnische, Schwedische, Deutsche Reichstag. Der Reichstag zu Regensburg. S. Tag.


Reichsthaler (W3) [Adelung]


Der Reichsthaler, des -s, plur. ut nom. sing. ein Thaler, so fern derselbe in einem ganzen Reiche gänge und gebe ist; von welcher Art z. B. die Schwedischen Reichsthaler sind. Im Deutschen Reiche wird ein Thaler von 24 guten Groschen auch ein Reichsthaler genannt, zum Unterschiede von einem Ortsthaler, Species-Thaler u. s. f. S. Thaler.


Reichsversammlung (W3) [Adelung]


Die Reichsversammlung, plur. die -en, die Versammlung der Stände eines Reiches. S. Reichstag.


Reichsverweser (W3) [Adelung]


Der Reichsverweser, des -s, plur. ut nom. sing. derjenige, welcher anstatt des höchsten Oberhauptes eines Reiches die Regierung desselben verwaltet. Im Deutschen Reiche sind es diejenigen Churfürsten, welche bey einer Erledigung des Thrones oder in andern bestimmten Fällen einige Stücke der kaiserlichen Regierung ausüben, und mit einem Lateinischen Ausdrucke auch Reichs-Vicarii genannt werden.


Reichsvogt (W3) [Adelung]


Der Reichsvogt, des -es, plur. die -vögte, S. Reichsschultheiß. Daher die Reichsvogtey, dessen Amt und Würde; ingleichen dessen Gerichtbarkeit und der ihm anvertraute Bezirk.


Reichswald (W3) [Adelung]


Der Reichswald, des -es, plur. die -wälder, ein dem Kaiser und Reiche unmittelbar unterworfener Wald, dergleichen es noch in Oberdeutschland gibt.


Reichszepter (W3) [Adelung]


Das Reichszepter, des -s, plur. ut nom. sing. das Zepter, so fern es ein symbolisches Zeichen der höchsten Gewalt in einem Reiche ist.


Reichthum (W3) [Adelung]


Der Reichthum, des -es, plur. die -thümer, von dem Bey- und Nebenworte reich. 1) Als ein Abstractum, und ohne Plural, so wohl objective, der Zustand, da eine Sache im Überflusse vorhanden ist, als auch subjective, der Zustand, da jemand einen Überfluß an gewissen Dingen besitzt, in welchem letztern Falle es das Vorwort an nach sich hat; im Gegensatze des Mangels und der Armuth. Der Reichthum, an Gedanken, an Einfällen. Ein Strom, welchen sein Reichthum ungestüm macht. Der Reichthum seiner Herrlichkeit, Ephes. 3, 16; seiner Gnade, Kap. 1, 7; seiner Güte, Röm. 2, 4; in welchen Stellen es objective stehet. In engerer Bedeutung ist es der Überfluß an zeitlichen Gütern. Reichthum haben, suchen, gewinnen. Ingleichen der Zustand, da man solchen Überfluß besitzt. Sich auf seinen Reichthum verlassen. 2) Als ein Concretum, überflüssig vorhandene Dinge Einer Art; wo es als ein Collectivum so wohl im Singular als auch im Plural allein gebraucht wird, allemahl aber nur von solchen Dingen, welche als ein Gut betrachtet werden. Pflanzen und Thiere, die auf der einen Seite schädlich sind, sind auf der andern Seite ein Reichthum medicinischer Kräfte, Gell. In engerer Bedeutung ist es der überflüssige Vorrath an zeitlichen Gütern. Sein Reichthum ist nicht zu schätzen, oder seine Reichthümer sind nicht zu schätzen. Nach einer noch andern Einschränkung pflegt man nur in Menge vorhandene Kostbarkeiten, Juwelen u. s. f. Reichthümer zu nennen. Anm. Schon bey dem Ottfried Rihiduam, bey dem Notker Rihtuom. Mit einer andern Ableitungssylbe kommt bey den Schwäbischen Dichtern das jetzt veraltete Reichheit häufig für Reichthum vor. So fern reich ehedem auch mächtig bedeutete, ist Rihhidom bey dem Kero und Ottfried so wohl Herrschaft, Gewalt, als auch das Reich, das jemandes Herrschaft unterworfene Land; welche Bedeutung aber im Hochdeutschen veraltet ist. In manchen Oberdeutschen Gegenden ist dieses Wort, nach dem Muster so vieler anderer auf -thum, ungewissen Geschlechtes. So sagt Opitz beständig das Reichthum. Im Hochdeutschen ist allein das männliche üblich. S. -Thum.


Reichweitzen (W3) [Adelung]


Der Reichweitzen, des -s, plur. car. in der Landwirthschaft einiger Gegenden, eine Art sehr ergiebigen Weitzens, welcher auch Träubelweitzen genannt wird, weil die Ähre mit vielen kleinern Ähren umgeben ist, welche eine Art einer Traube vorstellen. Von dem Bey- und Nebenworte reich.


Reif (W3) [Adelung]


Reif, -er, -ste, adj. et adv. 1) Eigentlich von Früchten und Gewächsen, keiner Nahrung von dem Stamme weiter bedürfend; im Gegensatze des unreif. Reifes Obst, reife Äpfel, reife Trauben, reifes Getreide, reifer Samen. Reif seyn, reif werden. ( S. auch Frühreif und Nothreif.) Zuweilen auch von andern Theilen der Gewächse. Die Rinde eines Baumes ist reif, wenn sie ihre gehörige Stärke hat. So auch von dem Holze, den Blättern u. s. f. 2) In weiterer und figürlicher Bedeutung, durch die Länge der Zeit zu seiner Vollkommenheit gediehen. Ein Geschwür ist reif, wenn es aufbrechen will. Ein reifes Geschwür. Reifes Salz, in den Salzhütten, welches lange genug auf den Salzböden gelegen hat, so daß es zum Verführen hinlänglich trocken ist. Ein Mann von reifen Alter. Das wird sich bey reifern Jahren schon ändern. Ein reifer Verstand. Die Sache ist reif, wenn sie zur Ausführung geschickt ist. Reifes Nachsinnen. Eine reife Gelehrsamkeit. Ein reifes Urtheil fällen. Zum Ehestande reif seyn. Alles, alles glänzt in reifer Schönheit, Geßn. Zur Strafe reif seyn. S. Reiflich, Reife und Reifen. Anm. Schon bey dem Kero riif, bey dem Willeram rief, im Nieders. riep, im Angels. und Engl. ripe. Die heutige Bedeutung dieses Wortes ist eine Figur, welche ursprünglich von einer in das Gehör fallende Eigenschaft entlehnet seyn muß. Welches diese Eigenschaft ist, läßt sich nur muthmaßen. Frisch und andere glauben, daß es von raffen abstamme, so fern es, wie das Angels. ripian, ehedem schneiden, ernten u. s. f. bedeutete, da es denn denjenigen Zustand der Früchte bezeichnen würde, in welchem sie zur Einerntung, zum Abfalle, geschickt sind. Fast sollte es scheinen, daß der Begriff der Zeitdauer in diesem Worte der herrschende sey, und alsdann könnte es eine Figur von den folgenden seyn, so fern diese eine Ausdehnung in die Länge bedeuten.


Reif (W3) [Adelung]


1. Der Reif, des -es, plur. die -e, Diminut. das Reifchen, Oberd. das Reiflein, ein Wort, welches zunächst eine Ausdehnung in die Länge ohne beträchtliche Breite und Dicke bezeichnet, aber nur noch in einigen Fällen üblich ist. 1. Ein Tau, ein Seil, ist im gemeinen Leben, besonders Nieder-Deutschlandes, häufig unter dem Nahmen eines Reifes bekannt. Besonders kommt es auf den Schiffen vor, wo es dasjenige Tau ist, welches in der Mitte einer Segelstange gegen den Raak befestiget ist, wodurch das Hauptgatt oben am Maste auf einer Rolle hinläuft. Unten ist es an dem Falle befestiget, und das Segel läuft an demselben herunter und wird auch daran aufgehisset. In weiterer Bedeutung heißt im Niedersächsischen ein jedes Seil, so bald es stärker als eine Schnur ist, ein Reif, daher ein Seiler daselbst auch ein Reeper genannt wird, ( S. Reifschläger.) Eben daselbst ist es auch ein Längenmaß, welches gemeiniglich so viel als eine Klafter ist; ein Reif Holz. In Goßlar ist es, dem Frisch zu Folge, ein Längenmaß von zehen Ellen. Es ist in dieser Bedeutung ein altes und weit ausgebreitetes Wort. Im Nieders. lautet es Reep und Reip, im Angels. Rap, bey dem Ulphilas Raips, im Dän. Reib, im Schwed. Ref und Rep, im Wallis. Rhaff, im Isländ. Reip, Reifar und Refe, im Engl. Rope, und sogar im Arab. Ruffon, und im Pers. Rifas, alle in der Bedeutung eines Seiles, einige auch eines Riemens und eines Fadens. Raff, ein Balken, Reff, Rübe, Ribbe, oder Rippe, Rebe, u. a. m. bedeuten ähnliche lange Körper von unbeträchtlicher Breite und Dicke. Revier scheint gleichfalls damit verwandt zu seyn, eine Ausdehnung in die Länge und Breite, eine Gegend, zu bezeichnen, so wie unser Streif und Streifen sich bloß durch den Vorlaut unterscheiden. Mit andern Endlauten gehören auch Riemen, Reis, Ruthe, Reihe und andere Wörter von verwandter Bedeutung hierher, welche am Ende alle auf den Stammbegriff der Bewegung zurück kommen, deren Laut reden u. s. f. nachahmen. S. Repphuhn und 2 Reif. 2. Ein erhabener Rand. 1) Überhaupt, eine nur noch in einigen Fällen übliche Bedeutung. Bey den Schlössern wird der Rand an dem Barte eines Schlüssels, welcher mit dem Rohre parallel gehet, noch ein Reif genannt. Wenn der Hirsch mit dem hintern Fuße gerade in den vordern eintritt, so entstehet in der Fährte ein Rand, welchen die Jäger das Reifel nennen. Vermuthlich gehöret hierher auch der Gebrauch der Kürschner, da sie die Seite an einem Fuchsbalge den Reif nennen. Mit andern Endlauten gehören hierher das alte Braue und Brähme, der Rand, ( S. Augenbraune,) ja Rand und Ranft selbst, ingleichen das in einigen Gegenden übliche Ruf, die Rinde auf einer Wunde. ( S. Rand.) 2) In engerer Bedeutung wird der gefrorne Thau oder Nebel an den Gegenständen der Reif genannt, weil er die Gegenstände gleichsam mit einem Rande versiehet, oder sie mit einem Rufe mit einer Rinde, überziehet. So life ich bluomen do rife nun liet, Walther von der Vogelweide. Es fällt ein Reif. Wenn viele Reife fallen. Schon bey dem Notker Riffo, im Nieders. Riep, im Wallis. Rhew. Im Arab. ist Rafyson ein bereifter Baum. Mit andern Endlauten ist in einigen gemeinen Sprecharten Riem, im Angels. Hrim, im Engl. Rime, im Holländ. Rym, im Schwed. Rim, gleichfalls der Reif, im Lat. mit einem Präfixo Pruina, im Ital. Brina, welche beyden letztern die Verwandtschaft mit Braune, der Rand, ja mit Rand und Rinde selbst, bestätigen. S. Rauhreif, Reifen und Wasserreif. 3. Eine Vertiefung, welche sich in die Länge erstreckt; auch nur noch in einigen Fällen, besonders bey den Schlössern, wo die Reife solche Einstriche in den Bart eines Schlüssels sind, welche ihre Öffnung auf den Seiten haben. Im Holländ. ist Ruyffel und im Engl. Rivel eine Runzel, und im Nieders. riefeln Furchen ziehen. Das Lat. Rivus ist gleichfalls damit verwandt. Anm. Daß in allen diesen Bedeutungen der Begriff der Bewegung der herrschende ist, erhellet aus den ähnlichen Wörtern Rand, Rinde, Rinne, welche Eines Stammes sind und ähnliche Bedeutungen haben. Im Oberdeutschen hängt man diesem und dem folgenden Hauptworte gern noch ein en an; des Reifen, den Reifen, oder wohl gar in der ersten Endung, der Reifen, welche Form auch in der Deutschen Bibel vorkommt. Welche sich vor dem Reifen scheuen, Hiob 6, 16. Er streuet Reifen, wie Aschen, Ps. 147, 16.


Reif (W3) [Adelung]


2. Der Reif, des -es, plur. die -e, Diminut. das Reifchen, Oberd. Reiflein, ein Wort, in welchem der Begriff der Ründe der herrschende ist. Es bedeutet, 1) überhaupt, einen jeden Ring oder ringförmigen Körper, in welcher Bedeutung es ehedem sehr üblich war, da denn der Fingerring auch der Fingerreif genannt wurde. Aller Granatäpfel waren hundert, an einem Reife rings umher, Jerem. 52, 23. Jetzt ist es nur noch in einigen einzelnen Fällen gangbar. So wird in der Verzierung der Säulen und anderer Körper ein erhabener halb runder Ring, welcher die Säule, eine Kanone u. s. f. umgibt, der Reif genannt; bey andern heißt er das Stäblein. An den Kanonen hat man Mittelreife, Mundreife u. s. f. Der Reif an einem Paßglase, ist ein ähnlicher erhabener Ring. Der Stegereif, eine alte Benennung des Steigbügels, vermuthlich weil derselbe ehedem die Gestalt eines Ringes hatte. Bey den Schlössern ist der Reif ein rundes Eisen in dem Eingerichte eines Schlosses, um welches sich der Reif (d. i. der Rand, S. das vorige) des Schlüssels drehet. Pictorius nennt eine Käseform einen Reif, vielleicht auch wegen ihrer Ründe. Wenigstens wird in den Küchen noch ein runder blecherner Rand, die aufgelaufenen Köche damit zu umfassen, wenn sie in dem Ofen gebacken werden sollen, ein Reif genannt. In der Feuerwerkskunst ist der Reif ein Ernstfeuer, welches aus zwey Sturmkränzen in Gestalt einer Kugel zusammen gebunden und unter die Stürmenden geworfen wird. 2) In engerer Bedeutung werden die Ringe, welche die Dauben eines Fasses oder ähnlichen hölzernen Gefäßes zusammen halten, Reife, und zum Unterschiede von den vorigen Arten, Faßreife genannt. Ein hölzerner, ein eiserner Reif. Der Blattreif, Hauptreif, Schraubenreif, Spannreif, Zwingereif u. s. f. Einen Reif um ein Faß legen. Durch einen Reif springen, wie die Gaukler.

Anm. Im Pohln. ist Refa gleichfalls der Fingerring, und im Arab. bedeutet Raeffon einen Bogen, und jede in Gestalt eines Bogens gekrümmte Sache, so wie im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - ein jedes krummes Ding ist. Reif ist in dieser Bedeutung mit dem vorigen ein und eben dasselbe Wort, indem auch hier der Begriff der Bewegung der ursprüngliche ist, nur daß hier zunächst die kreisförmige Bewegung zum Grunde liegt. ( S. Reihen und Schraube.) Die verwandten Rad, Ring, rund, Kreis u. s. f. haben alle einen ähnlichen Ursprung und bedeuten daher in ihren Verwandten oft auch so wie 1 Reif einen langen dünnen Körper, wie das Latein. Radius, welches zu Rad, Rota, gehöret, geringe eigentlich dünn und schmächtig, ein Verwandter von Ring, Reis. Sunculus, ein Verwandter von Kreis u. s. f.


Reifbahn (W3) [Adelung]


Die Reifbahn, S. Reiferbahn.


Reifbeuge (W3) [Adelung]


Die Reifbeuge, plur. die -n, ein Werkzeug der Faßbinder in Gestalt eines starken oben rund geformten und wie eine Krücke an eine Säule befestigten Bretes, die Faßreife darüber zu beugen; die Beuge, Scheibenkrücke.


Reife (W3) [Adelung]


Die Reife, plur. inus. von dem Bey- und Nebenworte reif, der Zustand, da ein Ding reif ist, so wohl im eigentlichen als figürlichen Verstande. Zur Reife kommen, oder gelangen, reif werden. Die Sache ist noch nicht zu ihrer Reife gekommen, ist noch nicht zur Ausführung geschickt. Wenn sein Verstand mehr Reife erhalten wird. Seinem Geschmacke eine gewisse Reife geben. Im Nieders. Ripe und Ripigkeit.


Reifeln (W3) [Adelung]


Reifeln, verb. reg. act. Reife, d. i. kleine Furchen, ziehen, in verschiedenen Fällen des gemeinen Lebens, als das Diminut. des folgenden 3 Reifen. Eine gereifelte oder gereifte Säule, deren Schaft mit langen vertieften Furchen versehen ist. Eine gereifelte Büchse, eine gezogene, deren Lauf inwendig mit schraubenförmigen Furchen versehen ist. Im Niedersächsischen rieseln. S. 1 Reif 3.


Reifen (W3) [Adelung]


1. Reifen, verb. reg. welches von dem Bey- und Nebenworte reif abstammet, und in doppelter Gestalt vorkommt. 1) Als ein Neutrum, welches am häufigsten das Hülfswort haben bekommt, reif werden; zeltigen. So wohl eigentlich von Früchten. Die Trauben reifen, Sir. 51, 20. Das Korn reifet schon. O Anblick, der mich fröhlich macht, Mein Weinstock reift, und Doris lacht, Haged. O Liebe, wie bald ist dein Same in die Höhe geschoßt, gereift! Weiße. Als auch figürlich, durch die Zeit zu seiner Vollkommenheit gelangen. Hier die reifende Jugend, wie die Rose, wenn sie aus der Knospe sich drängt, Geßn. In meinem Grabe reife ich zu meiner zweyten Geburt, Gell. Wer weiß, ob sein Verstand, der jetzt zur Weisheit reift, Das Scheingut nicht verwirft und nach dem Bessern greift? Giseke. Man könnte es streitig machen, ob dieses Wort in der vergangenen Zeit mit seyn oder haben verbunden werden müsse. Da die eigentliche Bedeutung des Wortes reif und folglich auch des Zeitwortes reifen noch nicht gewiß bekannt ist, so läßt sich auch nicht sagen, ob dieses Wort mehr eine thätige Mitwirkung oder mehr ein leidendes Verhalten bezeichne, welches die Frage sogleich entscheiden würde. Indessen ist haben im Hochdeutschen am gewöhnlichsten. 2) Als ein Activum, reif machen. Die Natur weckt die Seele gleichsam aus dem dunkeln Schlafe des Gefühls und reifet sie zu noch feinerer Sinnlichkeit, Herd. Ach, hat dich noch der Sommer nicht gereift? Weiße. So auch das Reifen.

Anm. Im Nieders. als ein Neutrum ripen, im Angelsächsischen ripian.


Reifen (W3) [Adelung]


2. Reifen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und von 1 Reif 2. 2), gefrorener Thau, abstammet, aber nur unpersönlich gebraucht wird. Es reift, es fällt ein Reif, der Thau oder Nebel frieret an den Gegenständen, ehe er in Tropfen zusammen fließen kann. Es hat gereift. Es wird reifen. S. auch Bereifen.


Reifen (W3) [Adelung]


3. Reifen, verb. reg. act. von 1 Reif, ein Rand, ingleichen eine Rinne. 1) Von 1 Reif 2, ein Rand, mit einem Rande versehen, in welchem es besonders die Schlösser gebrauchen, welche ein Stück Arbeit reifen, wenn sie dem geschwärzten Eisen weiße Faßen, oder einen weißen Rand anfeilen. 2) Von 1 Reif 3, eine Rinne, mit Rinnen versehen; auch nur in einigen Fällen. Die Büchsenmacher reifen ein Rohr, wenn sie schraubenförmige Rinnen in demselben machen, welches auch ausziehen, in gleichen reifeln genannt wird. Eine gereifte Säule, deren Schaft mit langen Rinnen verzieret ist. ( S. Reifeln.) So auch das Reifen und die Reifung.


Reifer (W3) [Adelung]


Der Reifer, des -s, plur. ut nom. sing. von 1 Reif 1), ein Seil, ein Handwerker, welcher Seile verfertiget, der Reifschläger; welche Benennungen im Nieders. am üblichsten sind, dagegen im Hochdeutsch. Seiler am gangbarsten ist. Nieders. Reper, Repsläger.


Reiferbahn (W3) [Adelung]


Die Reiferbahn, plur. die -en, ein langer, ebener und schmaler Platz, wo die Reifer oder Seiler ihre Reife verfertigen; bey einigen die Reifbahn. Beyde sind im Niedersächsischen am üblichsten; im Hochdeutschen sagt man die Seilerbahn, und in Leipzig die Weide.


Reifholz (W3) [Adelung]


Das Reifholz, des -es, plur. car. Holz, welches zu Faßreifen dienlich ist, und welches auch Reifstäbe, Reifstangen, Reifstecken und Bandholz genannt wird.


Reifkloben (W3) [Adelung]


Der Reifkloben, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Schlössern, Gürtlern und andern Metallarbeitern, ein Kloben mit einem schiefen Schnabel, welchen man in den großen Schraubestock einspannet, und ihm Sachen zu halten gibt, welche man reifen, d. i. mit einem schrägen Rande versehen, oder die man überhaupt schräge befeilen will. S. 3 Reifen 1.


Reiflich (W3) [Adelung]


Reiflich, -er, -ste, adj. et adv. von dem Bey- und Nebenworte reif, auf eine reife Art, dem was reif ist ähnlich; doch nur in figürlicher Bedeutung. Eine Sache reiflich überlegen, so wohl in Absicht auf die darauf gewandte gehörige Zeit, als auch mit dem gehörigen Grade der Einsicht, des Nachdenkens. Es ist als ein Nebenwort am üblichsten. In Gestalt eines Beywortes kommt es seltener vor.


Reifling (W3) [Adelung]


Der Reifling, des -es, plur. die -e, ein nur in einigen Gegenden, z. B. im Rheingaue, übliches Wort, die Nebenschößlinge an einem Baume zu bezeichnen, welche an dem Weinstocke Schleifreben, sonst aber auch Wasserschößlinge, Räuber u. s. f. genannt werden. Nicht, wie Frisch es erkläret, weil sie zum Versetzen reif sind, sondern, so fern Reif einen jeden dünnen und langen Körper, folglich auch eine Rebe und ein Reis bedeutet; Reifling, gleichsam ein unechtes Reis, eine unechte Rebe.


Reifmesser (W3) [Adelung]


Das Reifmesser, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Böttchern und Faßbindern, das Schnittmesser mit zwey Handhaben, womit die Faßreife auf der Schnittbank geschnitten werden.


Reifrock (W3) [Adelung]


Der Reifrock, des -es, plur. die -röcke, ein Rock des andern Geschlechtes, welchem durch darin befestigte Reife ein weiter Umfang gegeben wird; ein steifer Rock, Fischbeinrock, so fern die Reife aus Fischbein bestehen, im Osnabrück. eine Fuke.


Reifschläger (W3) [Adelung]


Der Reifschläger, des -s, plur. ut nom. sing. S. Reifer. In den Seestädten werden in engerer Bedeutung nur diejenigen Seiler Reifschläger genannt, welche für die Schiffe arbeiten, dagegen die andern Spitzarbeiter heißen.


Reifstab (W3) [Adelung]


Der Reifstab, des -es, plur. die -stäbe, bey den Faßbindern, kleines Reifholz in Gestalt eines Stabes; der Reifstecken.


Reifstange (W3) [Adelung]


Die Reifstange, plur. die -n, eben daselbst, stärkeres Reifholz in Gestalt der Stangen zu größern Reifen.


Reifstecken (W3) [Adelung]


Der Reifstecken, des -s, plur. ut nom. sing. S. Reifstab.


Reifzange (W3) [Adelung]


Die Reifzange, plur. die -n, bey den Faßbindern, ein Werkzeug in Gestalt einer Zange, womit das Äußerste des Fasses zusammen gezogen wird, damit man die Reife darüber bringen könne; die Reifziehe, bey einigen auch der Hund.


Reifziehe (W3) [Adelung]


Die Reifziehe, plur. die -n, S. das vorige.


Reifzieher (W3) [Adelung]


Der Reifzieher, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Grobschmieden, ein eiserner Haken an einem Holze, einen ganzen eisernen Reifen vermittelst desselben auf das Rad zu bringen.


Reigen (W3) [Adelung]


Der Reigen, S. der Reihen 2.


Reiger (W3) [Adelung]


Der Reiger, S. Reiher.


Reihbrot (W3) [Adelung]


Das Reihbrot, des -es, plur. die -e, eine Art Brote von bestimmter Größe, welche an einigen Orten in Sachsen die Kirchkinder dem Geistlichen nach der Reihe geben müssen, damit deren nicht zu viel auf Ein Mahl einkommen.


Reihe (W3) [Adelung]


Die Reihe, plur. die -n, welches in einer doppelten Hauptbedeutung üblich ist. 1. Als ein Concretum. 1) Mehrere in Einer Linie neben einander befindliche Dinge. Eine Reihe Zähne, Bäume, Soldaten, Häuser u. s. f. Den Weg an den Seiten mit zwey Reihen Bäumen bepflanzen. Eine lange Reihe. Eine gerade Reihe. Eine bunte Reihe, eine Reihe von Dingen verschiedener Art, und in engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, eine Reihe Personen, wo Personen männlichen und weiblichen Geschlechtes mit einander abwechseln. Die Soldaten in eine Reihe stellen. Das Glas gehet in der Reihe herum, unter den neben einander befindlichen Personen. Die Reihe schließen, das letzte Individuum in einer Reihe seyn. Die Häuser stehen in Einer Reihe neben einander. In engerer Bedeutung werden mehrere nach Einer Linie neben einander befindliche Worte in manchen Mundarten eine Reihe genannt, eine Reihe schreiben; die man doch im Hochdeutschen lieber eine Zeile nennt. 2) In weiterer Bedeutung wird es oft von einem jeden Ganzen mehrerer neben einander befindlicher oder auf einander folgender Dinge Einer Art gebraucht. Ferne von uns jene schreckliche Moral, welche die Begierde zu gefallen in die Reihe der Laster setzt! Das gehöret nicht mit in die Reihe der Dinge. Kann man die Zufriedenheit in die Reihe guter Thaten zurück blicken, wenn man da eine Lücke sieht, die so leicht ausgefüllt werden konnte? Hermes. 2. Als ein Abstractum; ohne Plural. 1) Derjenige Zustand, da mehrere Dinge in Einer Linie neben einander befindlich sind. Nach der Reihe sitzen, gehen, trinken, stehen. Die Bäume nach der Reihe setzen. 2) Der Zustand, da mehrere Dinge nach einer bestimmten Ordnung auf einander folgen. Die Reihe ist an mir, trifft mich. Wenn die Reihe an dich kommen wird. Wenn wird die Reihe in unserm Hause mich oder meine Tochter treffen? Gell.

Anm. Im Nieders. Riege, in der Baierischen Mundart mit einem noch härtern Gaumenlaute Reck, im Schwed. Räcka, im Ital. und mittlern Lat. Riga, im Holländ. Ry, Reck, Rang, ( S. Rang,) im Franz. Raye, im Schottländ. Rack, und selbst im Persischen Rege. Bey den Latein. Feldmessern bedeutet Rigor eine Linie. Es kann in diesem Worte so wohl der Begriff der Menge der herrschenden seyn, da es denn das Geräusch, welches mehrere neben einander befindliche Dinge machen, nachahmen und ein naher Verwandter von regen und rechnen seyn würde; oder auch der Begriff der geraden Linie, da es denn zu Regel, recht, richten, gehören würde. Bey dem Kero ist Ruaua eine Zahl, womit das Angels. Raewa, und das Engl. Rew und Row, eine Reihe, übereinkommen. Mit einem noch andern Endlaute gehöret auch das veraltete noch in der Übersetzung Isidors befindliche Redha, das Engl. Ridge, das Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, das Schwed. Rad, das Slavon. Rad, das Pohln. Rzad, das Wallis. Rhes, das Litthauische Redas, das Russ. Rad, das Lappländ. Raido, das Ästhnische Ridda, das Albanische Rjesta u. s. f. hierher, welche alle theils eine gerade Linie, theils eine Reihe, theils auch eine Ordnung überhaupt bedeuten, und Verwandte von Rad, Rath, Rede u. s. f. sind. Bey dem Kero ist Antreiti und bey dem Notker Antreht gleichfalls die Ordnung, ( S. auch 1 Reiten, für rechnen.) Das Ital. Ruga und Franz. Rue, eine Gasse, stammen gleichfalls daher. ( S. auch das folgende.) In den gemeinen Mundarten ist für Reihe mit einem Gaumenlaute auch Reige üblich.


Reihen (W3) [Adelung]


Der Reihen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Wort, welches noch in einer doppelten, dem Anscheine nach verschiedenen, aber doch genau verwandten Bedeutung vorkommt. 1) Ein Gesang, ein Lied. De uns dissen Reyen gesank, der uns dieses Lied sang, in einem alten Niederdeutschen Liede, bey dem Frisch. Dem Stosch zu Folge, hat das Lied, wenn mein Stündlein vorhanden ist, in einigen alten Gesangbüchern noch einige Verse mehr, als in den neuen, worunter sich der letzte so anfängt: Wer ist, der uns diese Reihen sang, Ist alt und wohl betagt u. s. f. Auch bey den Schwäbischen Dichtern kommt das Wort Reien in dieser Bedeutung noch mehrmahls vor. Jetzt ist es in diesem Verstande nur noch hin und wieder unter dem Volke üblich; besonders pflegen die Bergleute ihre Lieder und Gesänge noch Bergreihen zu nennen. ( S. Reim und das Zeitwort 1 Reihen.) 2) Eine Art eines Tanzes, wobey mehrere in einem Kreise, oder doch in einer Reihe tanzen und dazu singen, der Reihentanz; eine der ältesten Arten des Tanzes, welche noch unter dem gemeinen Volke üblich ist, und schon in der Deutschen Bibel vorkommt, wo Luther ihn härtern Mundarten zu Folge Reigen nennet. Alle Weiber folgten ihr mit Pauken am Reigen, 2 Mos. 15, 30. Als Mose das Kalb und den Reigen sahe, Kap. 32, 19. Wenn ihr sehet, daß die Töchter Silo heraus mit Reigen zum Tanze gehen, Richt. 21, 21. Daß er diesen stolczen Layen Vidlet den newen Rayen, Hornegk. Sie danntzten mit einander ein Rayen, Theuerd. Kap. 102. Ich will heute noch einen Reihen mit dir tanzen, Weiße. Und denkt mit süßer Lust an seinen ersten Reigen, Zach. Pictorius erkläret das Wort Reigentanz ausdrücklich durch Dänz in Ringsweis, wenn man dazu singt. Allein in weiterer Bedeutung wird es unter dem Volke, wo dieses Wort noch am meisten gangbar ist, von einem jeden kreisförmigen Tanze mehrerer gebraucht, auch wenn er nicht mit Gesang begleitet wird. Den Reihen führen, oder den Vorreihen haben, der erste in einem solchen Reihentanze seyn, ( S. Rädelsführer.) Unter dem großen Haufen sind diese Reihentänze auch unter andern Nahmen bekannt, wohin der Putkenpad im Osnabrückischen gehöret, womit eine Hochzeit beschlossen wird, und wobey man in einer langen Reihe die Häuser und oft das ganze Dorf durchtanzet. In einigen Gegenden wird er ausdrücklich der Rigen, in andern Haverdanz, in noch andern aber auch der Rüterdanz, Reutertanz genannt, wo Reuter von Reihen nur im Endlaute verschieden zu seyn scheinet, denn im Italiänischen heißt ein solcher Reihentanz Ridda, und daß auch im Deutschen Rädlein dafür üblich gewesen, ist schon bey dem Worte Rädelsführer angemerket worden.

Anm. Im Niederdeutschen in beyden Bedeutungen Rigen, in einigen gemeinen Hochdeutschen Mundarten Reigen. Es ahmet ursprünglich den Laut nach, sowohl des Singens, als auch des Tanzens, daher beyde Bedeutungen Geschwister, nicht aber Abkömmlinge von einander sind. Auf ähnliche Art sind das veraltete rechen, ( S. Rechen und Rechnen,) reden, und andere mehr Ausdrücke so wohl einer Art des Lautes, der Stimme, als auch einer Art der Bewegung. Das Ital. Ridda, ein Reihen, und das Lat. Restis, eine Art eines Tanzens, sind nur im Endlaute verschieden. Bey dem Hornegk kommt auch das nun veraltete Zeitwort reiben für ranzen vor, und in einigen Oberdeutschen Gegenden ist umreihen, in noch weiterer Bedeutung, herum schweifen, herum streichen. Zur ersten Bedeutung eines Gesanges gehöret auch unser Reim, S. dasselbe, ingleichen das folgende.


Reihen (W3) [Adelung]


1. Reihen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und so wie das vorige, eine unmittelbare Nachahmung des Lautes ist, welches aber nur in einigen eingeschränkten Fällen gebraucht wird. Das Bellen oder Schreyen der Füchse heißt in einigen Gegenden reihen. Der Fuchs reihet. Daß dieses Wort ehedem in weiterer Bedeutung üblich gewesen seyn müsse, erhellet aus unsern schreyen, krähen, (Nieders. kreien,) und dessen Intensivo kreischen, welche sich nur in den Vorlauten unterscheiden. In engerer Bedeutung reihen die Wasservögel bey den Jägern, wenn sie nach der Begattung verlangen, welches bey andern Thieren brunsten, ranzen, rollen u. s. f. heißt, welche Ausdrücke gleichfalls von dem damit verbundenen Geschreye entlehnet sind. Das Lat. rugire, das Franz. Bruit, und andere mehr, sind ähnliche Nachahmungen des Schalles. Im Oberdeutschen hat man auch das Intensivum reichern, welches daselbst, so wie reihen, muthwillig seyn, nach dem Beyschlafe verlangen u. s. f. bedeutet, und auch von Menschen gebraucht wird.


Reihen (W3) [Adelung]


2. Reihen, verb. reg. act. welches zunächst von dem Hauptworte Reihe abstammet, in eine Reihe stellen oder ordnen. Die Soldaten, die Bäume reihen. Perlen reihen, noch häufiger aber anreihen, aufreihen, sie auf eine Schnur ziehen, so daß eine neben die andere zu stehen komme. Gedanken, Begriffe reihen, figürlich, sie neben einander ordnen. Daher das Reihen.


Reihenschulze (W3) [Adelung]


Der Reihenschulze, des -s, plur. die -n, auf den Dörfern einiger Gegenden, z. B. im Erzgebirge, ein Schulze, welcher diese Würde bekleidet, wenn ihn die Reihe trifft, wenn die Reihe an ihn kommt; im Gegensatze eines Erbschulzen, der dieses Amt beständig bekleidet. Man hat im gemeinen Leben mehrere ähnliche Zusammensetzungen solcher Dinge, welche nach der Reihe herum gehen; z. B. Reihefuhre, Frohnfuhren, welche nach der Reihe von den Bauern geleistet werden.


Reihentanz (W3) [Adelung]


Der Reihentanz, des -es, plur. die -tänze, S. der Reihen 2.


Reiher (W3) [Adelung]


Der Reiher, des -s, plur. ut nom. sing. eine Art Sumpfvögel, welche lang und geschlank ist; lange Füße und Zehen, einen langen Hals und einen langen spitzigen Schnabel hat, mit welchem er die Fische, welche seine Nahrung sind, aus dem Wasser hohlet und durchbohret; Ardea cinerea L. der ihn mit dem Kraniche und Storche zu Einem Geschlechte rechnet, welches bey dem Klein das Geschlecht der Angler ist. Es gibt mehrere Arten von diesem Vogel, und bey dem Klein kommen deren vierzehen vor, wohin auch der Moosreiher oder die Rohrdommel, der Nachtreiher oder Nachtrabe u. a. m. gehören. Wegen einiger Ähnlichkeit in der Gestalt wird auch eine Art Sand- oder Strandläufer, das Reiherlein, Reigerlein, und zum Unterschiede von dem vorigen Sandreiher genannt; Matricula Glareola V. Klein.

Anm. Dieser Vogel heißt im Schwabenspiegel Raiger, und noch jetzt in einigen gemeinen Mundarten Reiger, welche Form unter andern auch in der Deutschen Bibel vorkommt, im Nieders. Reier und Regger, im Angels. Hragra. Es gibt mehrere Wörter, welche auf die Abstammung dieses Wortes, und wie es scheinet mit gleichem Rechte, Anspruch machen können. Es kann seinen Nahmen von dem Reihen, d. i. Schreyen, haben, ( S. 1 Reihen;) wenigstens sind der Nachtrabe, die Rohrdommel und andere Reiherarten, so wie der verwandte Kranich, von ihrem eigenthümlichen Geschreye benannt worden. Der Grund der Benennung kann aber auch in seinen langen Füßen, Halse und Schnabel liegen, da denn sein Nahme ein Verwandter von reichen seyn würde. Da aber die Reiher gemeiniglich in Gesellschaft fliegen, und daher auch Heergänse heißen, so kann auch dieß der Grund ihres Nahmens seyn, von Reihe, so fern es überhaupt eine Menge bedeutet. Ein anderer Umstand, der hier in Betrachtung kommt, ist der, daß die Reiher gern in langen Reihen, eines hinter den andern fliegen, wo denn das Wort Reihe in seiner heutigen Bedeutung das Stammwort seyn, und der Lateinische Nahme Ardea mit Ordo verwandt seyn würde. Im Dänischen heißt dieser Vogel Heire, im Norweg Heigre, im Schwed. Hager, im Engl. Heron, im Franz. Hairon, welche entweder zu Heer oder ar, hoch, gehören, oder auch vermittelst der nicht ungewöhnlichen Versetzung des r mit Reiger Eines Ursprunges sind, wie das Ital. Aghirone, Agherone und Airone. In einigen Oberdeutschen Gegenden heißt er, dem Henisch zu Folge, Aigel. Weil dieser Vogel das Gegessene wieder von sich speyet, so heißt er im Malabarischen Kokku, von kakkum, speyen, welches mit unserm köken, kotzen und kacken verwandt ist, um welches Umstandes willen vermuthlich auch der Storch im Ägyptischen Kukupha, im Arab. Al-Koko, und im Latein. Ciconia heißt.


Reiherbeitze (W3) [Adelung]


Die Reiherbeitze, plur. die -n, das Beitzen der Reiher, d. i. eine Art der Jagd, da man die Reiher von abgerichteten Raubvögeln fangen läßt.


Reiherbusch (W3) [Adelung]


Der Reiherbusch, des -es, plur. die -büsche, ein kleiner Federbusch von denjenigen langen Federn, welche dem Reiher über den Nacken herab hangen, und der im Oriente für eine besondere Zierde gehalten wird; der Reiherstutz, wenn er bey gewissen Feyerlichkeiten getragen wird.


Reihermeister (W3) [Adelung]


Der Reihermeister, des -s, plur. ut nom. sing. an den Höfen, ein Vorgesetzter der Reiherbeitze, und der dazu gehörigen untern Bedienten.


Reiheröhl (W3) [Adelung]


Das Reiheröhl, des -es, plur. inus. in einem Mörser gestoßenes Reiherfleisch, welches man in einer Flasche verfaulen läßt, da es denn die Flüssigkeit eines Öhles bekommt, und von den Fischern und Fischdieben gebraucht wird, die Fische damit anzulocken.


Reiherspiel (W3) [Adelung]


Das Reiherspiel, des -es, plur. die -e, eine Art des Kartenspieles, welches aus 36 Blättern bestehet, die mit Thierbildern und Römischen Zahlen bezeichnet sind.


Reiherstand (W3) [Adelung]


Der Reiherstand, des -es, plur. die -stände, bey den Jägern, der Ort, wo sich ein Reihernest auf einem Baume befindet, wo der Reiher seinen Stand, d. i. seinen gewöhnlichen Aufenthalt, hat.


Reiherstutz (W3) [Adelung]


Der Reiherstutz, des -es, plur. die -e, S. Reiherbusch.


Reihschank (W3) [Adelung]


Der Reihschank, des -es, plur. car. diejenige Einrichtung, da an einem Orte Bier oder Wein von den Hausbesitzern nach der Reihe geschenket wird.


Reim (W3) [Adelung]


Der Reim, des -es, plur. die -e, Diminut. das Reimchen, Oberd. Reimlein. 1) Zwey oder mehr ähnlich klingende Wörter, und als ein Abstractum zuweilen auch der Gleichklang zweyer oder mehrerer Wörter. Gram und kam sind ein Reim, oder machen einen Reim aus, weil sie ähnlich klingende Wörter sind. Kam ist ein Reim auf Gram. In engerer Bedeutung ist der Reim in der Dichtkunst der ähnliche Klang der letzten Sylben zweyer oder mehrerer Verse, und das Wort, welches diesen ähnlichen Klang enthält. Ein männlicher Reim, wo es in jedem Worte nur Eine Sylbe gleichklingend ist, zum Unterschiede von einem weiblichen Reime, wenn zwey Sylben gleichklingend sind. Im engsten Verstande sind es solche ähnlich klingende Wörter, wo auf einen gleichlautenden Selbstlaut gleiche Mitlauter folgen und verschiedene vorher gehen, nimm, Grimm, fehlen, stehlen; zum Unterschiede von den so genannten reichen Reimen, wenn auch gleiche Mitlauter vorher gehen, wie in daraus und heraus, Karosse und Rosse. Einen Reim auf das Wort Gott suchen, ein Wort, welches sich auf dasselbe reimt. 2) Zwey oder mehrere sich reimende Zeilen, ein Vers; nur noch im gemeinen Leben, oder doch nur von solchen gereimten Zeilen dieser Art, welche außer dem Reime nichts Dichterisches enthalten, dergleichen z. B. die so genannten Leberreime gemeiniglich zu seyn pflegen. 3) In noch weiterer Bedeutung, ein gereimtes Gedicht, es sey nun ein Lied, ein Gesang, oder ein anderes Gedicht, wo es im Singular nur noch in den gemeinen Sprecharten einiger Gegenden üblich ist. Einen Reim machen, ein Gedicht. Ein Hirtenreim, ein Hirtengedicht, ein Heldenreim, ein Heldengedicht u. s. f. In der anständigern Sprechart pflegt man ein Gedicht auch dann wohl im Plural Reime zu nennen, wenn es außer Reimen nichts oder wenig Poetisches mehr enthält.

Anm. Schon im Ottfried Rim, im Nieders. Riem, im Engl. Rime, im Franz. Rime, im Ital. Rima, im Pohln. Rym. Weil Rim bey dem Ottfried und im Angels. auch eine Zahl bedeutet, so glauben Wachter und andere, daß mit dem heutigen Reim auf die abgemessene Zahl der Sylben eines Gedichtes gesehen werde. Allein, es ist wahrscheinlicher, daß die Bedeutung der Zahl und des Reimes nur Seitenverwandte sind. Reimen und Reim ist ursprünglich ein Wort, welches einen gewissen Schall nachahmet, und zwar einen Schall, welchen so wohl abgesungene Wörter und Gedanken, als auch mehrere in Bewegung begriffene Dinge machen, daher Reim so wohl ein Lied, ein Gedicht, gleich klingende Wörter, als auch eine Zahl bedeutet. Auf ähnliche Art ist rechen auch eine Nachahmung eines Schalles, und dann in seinem Intensivo rechnen, ein Ausdruck des Zählens. Im Griechischen ist - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - so wohl ein Gedicht, als auch ein Wort, eine Rede, und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, ein Reim, und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, eine Zahl, gehören zu unserm reden, und dem Oberd. reiten, rechnen. Das Nieders. Riem, der Schaum, und riemen, schäumen, gründet sich auf eine ähnliche Onomatopöie. Bey den Meistersängern heißt der Reim das Bundwort.


Reimen (W3) [Adelung]


Reimen, verb. reg. welches auf doppelte Art gebraucht wird. 1. Als ein Neutrum, mit haben, einen ähnlichen oder gleichen Klang haben; wo es doch nur als ein Reciprocum gebraucht wird. 1) Eigentlich; wo es aber nur von Wörtern üblich ist, deren Sylben gleichlautend sind, und in engerer Bedeutung, deren gleichlautende Selbstlauter hinter einerley, vorn aber verschiedene Mitlauter in einem und eben demselben Worte haben. Mann und kann reimen sich. Bahn reimt sich nicht auf Mann. 2) Figürlich, sich schicken, einem andern Dinge gemäß seyn; eine alte Figur, in welcher schon Ottfried girimen für sich schicken gebraucht. Dem Narren reimt sich seine Ehre nicht, Sprichw. 26, 1; eine veraltete Wortfügung, wofür man jetzt sagt, die Ehre reimt sich nicht zu dem Narren. Der Lappe vom neuen reimt sich nicht auf das alte, Luc. 5, 36. Eine Rede, so zur Unzeit geschiehet, reimt sich eben, wie ein Seitenspiel, wenn einer traurig ist. Sir. 22, 6. Das reimt sich, wie eine Faust aufs Auge, im gemeinen Leben, das schickt sich auf keine Weise zusammen. Es mag sich reimen oder nicht. In dem ähnlichen überein stimmen liegt eben dieselbe Figur zum Grunde, so wie in dem im gemeinen Leben üblichen klappen; das klappt nicht, reimt sich nicht, schickt sich nicht; lauter von dem Schalle hergenommene Figuren. Siehe Ungereimt. 2. Als ein Activum. 1) Eigentlich. a) Ein Wort finden oder gebrauchen, welches sich mit einem andern reimet oder reimen soll. Opitz reimet Bahn auf Mann. b) In weiterer Bedeutung, mit Reimen versehene Verse oder Gedichte machen; wo es doch nur von solchen Versen und Gedichten gebraucht wird, deren vorzüglichstes Verdienst der Reim ist. Bav reimt den ganzen Tag. 2) Figürlich, den Zusammenhang zwischen zwey Dingen entdecken. Das kann ich nicht zusammen reimen, ich kann nicht einsehen, wie sich beydes zu einander schicke, oder was solches für einen Zusammenhang mit dem andern habe. Daher das Reimen. Anm. Im Nieders. rimen, im Französ. rimer, im Italiän. rimare. Im Tatian ist riman zählen. S. Reim.


Reimer (W3) [Adelung]


Der Reimer, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Reimerinn, eine Person, welche Reime, d. i. gereimte Verse, macht, ein Dichter, dessen größtes oder einziges dichterisches Talent in den Reimen bestehet. Ein schlechter Reimer. S. Reimschmid.


Reimfrey (W3) [Adelung]


Reimfrey, adj. et adv. frey von Reimen, seine Reime habend; reimlos, für das zweydeutige ungereimt. Ein reimfreyes Gedicht, welches keine Reime hat.


Reimfüller (W3) [Adelung]


Der Reimfüller, des -s, plur. ut nom. sing. ein zuerst von Lessing gebrauchtes Wort, ein Flickwort in einem Gedichte zu bezeichnen, welches bloß um des Reimes willen da ist.


Reimgesetz (W3) [Adelung]


* Das Reimgesetz, des -es, plur. die -e, ein veraltetes, bey den ältern Dichtern übliches Wort, eine Strophe in einem Gedichte zu bezeichnen, welche auch wohl ein Reimsatz und ein Reimschluß genannt wurde; welche Ausdrücke aber gleichfalls ungewöhnlich sind.


Reimkunst (W3) [Adelung]


Die Reimkunst, plur. inus. die Kunst zu reimen, Reime zu finden; ingleichen derjenige Theil der Dichtkunst, welcher von den Reimen handelt.


Reimlos (W3) [Adelung]


Reimlos, adj. et adv. wie Reimfrey, S. dasselbe.


Reimrichter (W3) [Adelung]


Der Reimrichter, des -s, plur. ut nom. sing. in den ältern Anweisungen zur Reimkunst, derjenige Mitlaut, welcher vor der Reimsylbe hergehet. In fehlen ist f in stehlen st der Reimrichter. Bey eben denselben heißt der Selbstlaut mit dem folgenden Stücke der Sylbe der Reimsetzer, welcher in laben und graben, aben ist.


Reimsatz (W3) [Adelung]


Der Reimsatz, des -es, plur. die -sätze, S. Reimgesetz.


Reimschluß (W3) [Adelung]


Der Reimschluß, des -sses, plur. die -schlüsse, siehe eben daselbst.


Reimschmid (W3) [Adelung]


Der Reimschmid, des -s, plur. die -schmiede, ein Reimer, ein Dichter, dessen Arbeiter kein anderes poetisches Verdienst als die Reime haben. Logau gebraucht das ungewöhnlichere Reimenschmiede: Leser, daß du nicht gedenkst, daß ich in der Reimenschmide Immer etwa Tag vor Tag, sonst in gar nichts mich ermüde.


Reimsetzer (W3) [Adelung]


Der Reimsetzer, des -s, plur. ut nom. sing. Siehe Reimrichter.


Reimsylbe (W3) [Adelung]


Die Reimsylbe, plur. die -n, diejenige Sylbe eines Wortes, welche den Reim enthält.


Reimwetzler (W3) [Adelung]


Der Reimwetzler, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Meistersängern, ein Vers oder eine Strophe, deren Zeilen nicht nach den Regeln der Kunst gereimet sind.


Reimwort (W3) [Adelung]


Das Reimwort, des -es, plur. die -wörter, dasjenige Wort in einem Verse, welches den Reim enthält.


Rein (W3) [Adelung]


1. Der Rein, ein Rand, die Gränze, S. Rain.


Rein (W3) [Adelung]


2. Der Rein, ein Fluß, S. Rhein.


Rein (W3) [Adelung]


Rein, -er, -este, adj. et adv. 1. Eigentlich, glänzend, hell poliert; eine größten Theils veraltete Bedeutung, in welcher man doch noch sagt der Spiegel ist nicht rein, wenn er nicht den gehörigen Glanz hat. 2. In weiterer Bedeutung, von allem Schmutze frey. 1) Eigentlich, im Gegensatze des unrein. Reine (unbeschmutzte) Wäsche. Das Glas ist nicht rein. Die Wäsche ist nicht rein gewaschen. Ein Glas rein ausspülen. Ein reines Hemd, ein weißes. Ein reines Bett. Ein reiner Teller. Die Schuhe rein machen. Die Stube ist nicht rein gekehret. Den Mund, die Hände rein halten, von allem Schmutze frey. Reinen Mund halten, figürlich, verschwiegen seyn, im mittlern Lat. bonum os habere. Die Hände sind nicht rein. So rein, wie ein frisch gefallener Schnee. Ingleichen als ein Hauptwort. Einen Entwurf, einen Aufsatz in das Reine bringen, in das Reine schreiben, ihn sauber abschreiben, so daß er von Schmutz, von Ausbesserungen u. s. f. frey sey. Einen Riß, eine Zeichnung in das Reine bringen. Figürlich ist eine Sache in das Reine oder auf das Reine bringen, sie in Ordnung, zur Richtigkeit bringen, sie berechtigen. Vielleicht wäre die Sache auf Ein Mahl ins Reine gebracht, Weiße. Freund, bringe mir zuerst aufs Reine, Daß in den neuen Welten Weine, Wie in der, die wir kennen, sind, Less. Wir sind noch nicht mit einander auf das Reine, zur Richtigkeit, wir sind darin noch nicht einig. 2) Figürlich. a) Von einer schmutzigen, unangenehmen Krankheit frey; im Gegensatze des unrein. Wenn jemand von der Krätze u. s. f. geheilet worden, so sagt man, er sey wieder rein. Reines Vieh, reine Schafe, im Gegensatze des unreinen Viehes, oder des Schmierviehes, d. i. solcher Schafe, welche gewöhnlich mit der Krätze behaftet sind, und daher geschmieret werden müssen. b) In denjenigen gottesdienstlichen Lehrbegriffen, wo man durch Anrührung ekelhafter oder dafür gehaltener und verbothener Dinge eine Art von moralischer oder gottesdienstlicher Anrüchtigkeit oder Unehrlichkeit bekommt, ist rein von solcher Anrüchtigkeit frey, im Gegensatze des unrein. In der Deutschen Bibel kommt es in diesem Verstande, so wie bey den heutigen Juden, Türken u. s. f. häufig vor. c) Eßbar, was gegessen werden kann und darf; eine in der Deutschen Bibel sehr häufige Bedeutung, welche auch noch bey den heutigen Juden gangbar ist. Reine Thiere. Der Esel war unrein, d. i. nicht eßbar, ob er gleich bey den ältern Juden ohne Bedenken zum Reiten u. s. f. gebraucht werden konnte. d) Von Fehlern und Irrthümern frey. Ein reiner Grabstichel, bey den Kupferstechern, dessen Stiche rein, d. i. frey von allen Fehlern, sind. Eine reine Stimme, in der Musik, welche jeden Thon deutlich und genau, weder zu hoch noch zu tief angibt. Das Clavier ist nicht rein gestimmt, hat keinen reinen Ton. Ein Wort rein aussprechen, ohne allen fehlerhaften Zusatz. Eine Sprache rein schreiben, ohne Fehler und Unrichtigkeiten. Reines Deutsch, reines Lateinisch schreiben. Die reine Schreibart. So fern diese Ausdrücke aber frey von fremden Wörtern und Wortfügungen bedeuten, gehören sie zur folgenden dritten weitesten Bedeutung. Eine reine Lehre, in der Theologie, welche von allen Irrthümern und Ketzereyen frey ist. In der Lehre nicht rein seyn. e) Von Verbrechen und Vergehungen frey; eine in der Deutschen Bibel sehr häufige Bedeutung. Ein reines Herz u. s. f. Eine reine Liebe, eine reine Wollust, welche von allem strafbaren Zusatze, von sinnlichen Begierden frey ist. Sich rein wissen, frey von einem Vergehen. Jemanden rein sprechen, für unschuldig erklären. Sich rein brennen, im gemeinen Leben, sich für unschuldig auszugeben suchen. Ein reines Gewissen, welches sich keines Verbrechens oder Vergehens bewußt ist. Er ist in dieser Sache nicht rein, nicht ohne Schuld. In der engsten Bedeutung ist rein frey von aller Vergehung wider die Gesetze der Keuschheit, und darin gegründet. Reine Gedanken, keusche. Eine reine Jungfer, eine unbefleckte, in welcher R. A. der Gegensatz unrein nicht üblich ist. Ein reines Leben, ein reiner Wandel. 3. In noch weiterer Bedeutung, von allem Zusatze, und in etwas engerm Verstande, von allem geringern Zusatze frey; im Gegensatze des unrein. Reines Wasser. Reiner Wein. Jemanden reinen Weine einschenken, figürlich, ihm die Wahrheit ohne allen fremden Zusatz sagen. Die reine Wahrheit sagen. Reines Silber, reines Gold, welches mit keinem andern Metalle vermengt ist, und welches man auch feines Silber und feines Gold nennet. Ein Edelstein ist nicht rein, wenn sich fremde Körper darin befinden. Eine reine Luft. Eine reine Stimme. Ein reiner Bogen Papier, welcher noch unbeschrieben ist. Die Hüte rein streichen, bey den Hutmachern, alles Wasser und überflüssige Farbe aus den gefärbten Hüten heraus streichen. Reiner Weitzen, reines Getreide, welches mit keinen fremden Körpern vermischt ist. Ingleichen in verschiedenen besondern Fällen. Die reine Mathematik, Mathesis pura, welche die Größen nur überhaupt betrachtet, ohne Anwendung auf wirkliche Körper, zum Unterschiede von der angewandten. Die Straße rein halten, frey von allen verdächtigen Personen. So auch, sein Haus rein halten. Es ist hier nicht rein, es gibt hier verdächtige Personen oder Sachen. Eine reine Fährte, bey dem Jägern, eine unverletzte. Ein reines Jagen, eben daselbst, wenn lauter Wildbret von einerley Gattung gejaget wird. Einen Hund rein arbeiten, eben daselbst, auf einerley Wildbret. Eine Hündinn rein belegen, eben daselbst, sie von einem Hunde gleicher Art befruchten lassen. Und so in andern Fällen mehr. 4. Im weitesten Verstande, von allen Gegenständen frey, leer; eine größten Theils veraltete Bedeutung, in welcher noch das Nebenwort zuweilen vorkommt. Rein ausgehen, leer, d. i. nichts bekommen. Etwas häufiger mit Bezeichnung der abwesenden Sache. Rein von Sünden, von Fehlern; wo es aber vielmehr zur vorigen zweyten Bedeutung zu gehören scheinet. Eine Figur davon ist der im gemeinen Leben, besonders Niederdeutschlandes, übliche Gebrauch des Nebenwortes rein, da es für völlig, gänzlich, ganz, gebraucht wird. Ganz Juda ist rein weggeführet, Jer. 13, 19. Rein aufessen, rein austrinken, alles rein wegtragen. Rein todt, völlig todt. Rein nichts, im Nieders. im geringsten nichts, gar nichts. Rein ab. Zuweilen auch im Beyworte. Reine Arbeit machen, alles aufarbeiten.

Anm. Bey dem Ulphilas mit dem Hauchlaute hrains, bey dem Kero hrein, bey dem Willeram rein, im Nieders. rein, reen, im Schwed. ren, im Isländ. hrein, im Angels. rein. Wachter leitet es von rinnen her, und siehet es als eine von dem hellen rinnenden Wasser entlehnte Figur an, welche freylich sehr hart und ungewöhnlich ist. Analogischer nimmt man das veraltete Zeitwort reinen, wovon wir noch das Intensivum reinigen haben, als das Stammwort an, welches unter andern auch scheuern bedeutete, und mit dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, polieren, einerley ist, daher auch die Bedeutung des glänzend, poliert, welche auch im Schwedischen ehedem sehr gangbar war, als die eigentlichste angesehen werden muß. Auf ähnliche Art gebrauchen die Niedersachsen schier, Schwed. skir, Angels. scir, für rein, welches zu scheuern gehöret. Mit einem andern Endlaute sagen die Niederdeutschen für rein auch reggen und reken, welches gleichfalls von regen und dem Nieders. raken, scheuern, fegen, abstammet. Im Arabischen ist rajaon gleichfalls reinigen. Wenn rein ehedem auch so viel als dünn, sein, bedeutete, welcher Gebrauch noch in einigen Mundarten üblich zu seyn scheinet, so gehöret es ohne Zweifel zu dem Oberdeutschen rahn, rahnig, und unserm ring in geringe, siehe dieselben.


Reinblume (W3) [Adelung]


Die Reinblume, S. Rainblume.


Reineke (W3) [Adelung]


Der Reineke, des -n, plur. die -n. 1) Ein männlicher Taufnahme, welcher besonders in Niederdeutschland üblich ist, wo er auch Reiner, Reinier, lautet, und mit Reinhard, allem Ansehen nach, gleichbedeutend ist. ( S. Frisch, v. Rein, wo mehrere, beson- ders alte Formen dieses Nahmens vorkommen. Er kann von dem vorigen rein, oder auch von dem veralteten rein, listig, verschmitzt, klug, abstammen, ( S. die folgende dritte Bedeutung.) 2) Der Storch; doch nur in einigen Gegenden. Hier gehöret es ohne Zweifel zu dem Nahmen des nahe verwandten Reihers, der nur im Endlaute verschieden ist, da es denn zunächst von dem alten reinen, rühren, berühren, reichen, abstammen würde, weil der Storch, so wie der Reiher, vermöge seiner langen Beine, Halses und Schnabels weit reinen, oder reichen kann. 3) Der Fuchs; doch nur als ein eigenthümlicher Nahme desselben, besonders in der Fabel. Reineke verwirrte sich In die ihm gelegten Stricke, Haged. Das alte aus dem Französischen übersetzte Gedicht, Reineke der Fuchs, ist bekannt genug. Bey den Jägern heißt der männliche Fuchs in engerer Bedeutung Reineke, zum Unterschiede von der Füchsinn. Das Franz. Renard ist ein allgemeiner Nahme des Fuchses. Da alle Thiere ihren Nahmen von einem besonders in die Sinne fallenden Umstande an denselben haben, so muß auch dieser Nahme einen ähnlichen Ursprung haben, ob sich gleich der Umstand, der hier zum Grunde liegt, nur errathen läßt. Sehr wahrscheinlich ist es, daß dieses Thier von seiner schon längst bekannten List benennet worden, da denn dieses Wort zu Rank und Ränke, oder wie Wachter will, zu dem alten nordischen rein, listig, verschmitzt, gehören würde. Im Schwedischen heißt der Fuchs mit einem andern Endlaute Räf, und eben daselbst sind Refiur Ränke; obgleich Ihre dieses Räf lieber von rapp, fahl, ableiten will. Indessen kann auch der Begriff der Geschwindigkeit, der in Ränke ohnehin zum Grunde liegt, unmittelbar zu dieser Benennung Anlaß gegeben haben, indem die Jäger in einigen Gegenden noch jetzt das Wort reinen für traben, doch nur von dem Fuchse und Wolfe gebrauchen. Der Fuchs reinet, trabet. Im Holländischen heißt so wohl das Reh, als das Rennthier, Reh, Reyn, Reynger, und im Lappländischen ist Raingo ein Thier überhaupt, und besonders ein mit Geweihen versehenes Thier.


Reinen (W3) [Adelung]


1. Reinen, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, traben. S. das vorige, ingleichen Rennen.


Reinen (W3) [Adelung]


2. Reinen, verb. reg. act. berühren, S. Rainen.


Reinfall (W3) [Adelung]


Der Reinfall, S. Rheinfall.


Reinfarn (W3) [Adelung]


Der Reinfarn, S. Rainfarren.


Reinflachs (W3) [Adelung]


Der Reinflachs, des -es, plur. car. in der Handlung, eine Art reinen Flachses, welcher von Narva kommt.


Reinhard (W3) [Adelung]


Reinhard, ein männlicher eigenthümlicher Nahme, S. Reineke 1.


Reinheit (W3) [Adelung]


Die Reinheit, S. Reinigkeit.


Reinigen (W3) [Adelung]


Reinigen, verb. reg. act. rein machen, in allen Bedeutungen des Beywortes. Für glänzend machen, polieren kommt es noch mehrmahls vor, noch häufiger aber von der Befreyung von dem Schmutze und den Flecken, da es denn ein allgemeiner Ausdruck ist, welcher die besondern Arten des Waschens, Scheuerns, Putzens, Kehrens u. s. f. unter sich begreift, und in der anständigen Sprechart oft statt dieser gebraucht wird. Die Wäsche reinigen. Das Küchengeschirr, die Gläser, ein Zimmer, die Feuermauer, die Schuhe, eine Wunde u. s. f. reinigen. Ingleichen mit Bezeichnung derjenigen Sache, welche weggeschaffet wird, vermittelst des Vorwortes von. Die Wunde von dem Eiter, die Bücher von dem Staube, die Schuhe von dem Kothe u. s. f. reinigen. So auch in den figürlichen Bedeutungen, in welchen es besonders in der Deutschen Bibel und der theologischen Schreibart sehr häufig ist. Sich von einem Verbrechen reinigen, auch, sich von dem Verdachte desselben befreyen. Ingleichen in der dritten weitern Bedeutung, von allem fremden Zusatze, besonders von einigem geringern Zusatze befreyen, wo es wieder ein allgemeiner Ausdruck ist, der eine Menge besonderer Arten unter sich begreift, welche gemeiniglich ihre besondern Benennungen haben. Das Silber reinigen, durch Wegschaffung aller fremden Metalle, es läutern, fein brennen. Einen flüssigen Körper reinigen, durch Durchseihen. Das Getreide reinigen, durch Sieben oder Rädern u. s. f. So auch die Reinigung, von der Handlung des Reinigens in allen Bedeutungen des Zeitwortes und des Beywortes rein.

Anm. Dieses Zeitwort ist vermittelst der Ableitungssylbe -ig das Intensivum von dem im Hochdeutschen längst veralteten reinen, rein machen, welches bey allen alten Oberdeutschen Schriftstellern von dem Kero an, noch sehr häufig gefunden wird. Schon bey dem Ulphilas lautet es hrainjan. Mit einer andern Ableitungssylbe, welche gleichfalls eine Intension bezeichnet, und mit unserm -sen oder -zen überein kommt, ist dafür im Schwed. rensa, im Isländ. hreinsa, im Engl. to rense und rinse, im Franz. rincer, und im Bretagn. rincal üblich. Das Arab. rejaon bedeutet gleichfalls reinigen.


Reinigkeit (W3) [Adelung]


Die Reinigkeit, plur. inus. der Zustand eines Dinges, da es rein ist, in allen Bedeutungen des Beywortes. Die Reinigkeit der Hände, Ps. 18, 21. Die leibliche Reinigkeit, Ebr. 9, 13. Die Reinigkeit eines Zimmers, eines Gefäßes, der Sprache, der Schreibart, der Stimme u. s. f. Die Reinigkeit lieben. Die jungfräuliche Reinigkeit, die Keuschheit. Die Reinigkeit der Lehre, der Gedanken, des Herzens u. s. f. Die Reinigkeit einer Absicht, die Abwesenheit aller fremden und unrichtigen Nebenabsichten, die Lauterkeit.

Anm. Es ist nach der Analogie vor Frömmigkeit, Süßigkeit, Mattigkeit, Gerechtigkeit und vielen andern vermittelst der Ableitungssylbe -ig, von rein gebildet. S. -Keit. Das von einigen dafür versuchte Reinheit hat zwar, grammatisch betrachtet, nichts wider sich, aber doch den Mangel des Gebrauchs. Mit andern Ableitungssylben, welche aber so wie -keit gleichfalls Abstracta bilden, kommen statt dieses Wortes bey dem Kero und Ottfried die veralteten Hreinij, Reini, und bey dem letztern Reinida und Reinido vor.


Reinigung (W3) [Adelung]


Die Reinigung, plur. die -en, die Handlung des Reinigens, ( S. Reinigen.) Daher der Reinigungseid, in den Rechten, ein Eid, vermittelst dessen sich jemand von einem ihm Schuld gegebenen Verbrechen zu reinigen sucht; Purgatorium.


Reinike (W3) [Adelung]


Reinike, S. Reineke.


Reinkraute (W3) [Adelung]


Die Reinkraute, plur. die -n, in den Weinbergen, siehe Beerhake.


Reinlich (W3) [Adelung]


Reinlich, -er, -ste, adj. et adv. welches von dem Bey- und Nebenworte rein vermittelst der Ableitungssylbe -lich gebildet ist. 1) Dem was rein ist, ähnlich; wo es in manchen Fällen für das Bey- und Nebenwort rein selbst gebraucht wird, doch wohl nur so fern es vom Schmutze befreyet, im eigentlichsten Verstande bedeutet. Ein reinliches Zimmer. Reinliches Geschirr. Das Geschirr reinlich halten. Sich reinlich halten. Reinlich gekleidet gehen. Allein es scheinet vielmehr, daß es in diesen und andern Arten des Ausdruckes vielmehr zur folgenden Bedeutung gehöret, und eigentlich in der Liebe zur Reinigkeit gegründet, bedeutet. Denn für rein schlechthin, wie in folgenden biblischen Stellen, ist es im Hochdeutschen ungewöhnlich. Du bist ein reinlich Siegel voller Weisheit, Ezech. 28, 12. Der Stammelnden Zunge wird fertig und reinlich reden, Es. 32, 4. Laß sie ein reinlich Muster davon (vor dem Tempel) nehmen, Ezech. 43, 10. 2) Der Reinigkeit beflissen, in der zweyten eigentlichen Bedeutung des Beywortes rein, geneigt und Fertigkeit besitzend, allen Schmutz und Unrath wegzuschaffen, und in dieser Stimmung gegründet. Ihr Schmuck ist, daß sie reinlich ist, Sprichw. 31, 25. Ein reinlicher Mensch. Eine reinliche Köchinn. Reinliche mit etwas umgehen. Sich reinlich halten, immer beflissen seyn, allen Schmutz von sich abzuwenden, In seinen Sachen reinlich seyn.

Anm. Im Nieders. renligk, in den gemeinen Hochdeutschen Mundarten mit einem eingeschalteten t, welches dem n auch in ordentlich u. a. m. nachschleicht, ( S. N,) rentlich, oder rendlich.


Reinlichkeit (W3) [Adelung]


Die Reinlichkeit, plur. car. das Abstractum des vorigen, die Eigenschaft, da eine Person oder Sache reinlich ist. Die Reinlichkeit eines Zimmers.


Reinweide (W3) [Adelung]


Die Reinweide, S. Rainweide und Rheinweide.


Reis (W3) [Adelung]


Der Reis, Oryza, S. Reiß.


Reis (W3) [Adelung]


Das Reis, des -es, plur. die -er, Dimin. das Reischen, Oberd. Reislein, ein jeder dünner, schwanker Zweig eines Baumes, wo dieses Wort auf doppelte Art gebraucht wird. 1) Als ein Collectivum und ohne Plural, mehrere solche dünne Reiser zusammen; doch nur in einigen Fällen. Die Birken geben vieles Reis. Am häufigsten in den zusammen gesetzten Birkenreis, Besenreis u. s. f. Ruthen von Birkenreis. 2) Von einzelnen dünnen Zweigen dieser Art, welche in gewisser Betrachtung auch Ruthen genannt werden. Da Paulus einen Haufen Reiser zusammen raffelte, (raffte,) Apostg. 28, 3. Dürre Reiser. Birkenreiser. In engerer Bedeutung, ist das Reis ein junger dünner Zweig eines Baumes, besonders so lange er noch nicht älter als ein Jahr ist; ein Sprosse, Sprößling, Schuß, Schößling. Ein Reis in einen andern Stammpfropfen. ( S. Pfropfreis.) Im Forstwesen und bey den Jägern werden auch ganze junge Bäume, ingleichen dünne, lange Stangen, Reiser und in einigen Mundarten auch Reitel genannt. So sind die Laß- oder Hägereiser, Laßreitel, Bannreitel, junge Stämme Laubholzes, welche man auf den Gehauen zum neuen Anwuchse stehen läßt; und bey den Jägern sind die Lappreiser dünne Stangen, mit welchen die Lappen gestellet werden. Anm. bey den Schwäbischen Dichtern Ris, im Nieders. Ries, im Hannöv. Rispe, in der Schweiz mit vorgesetztem Gaumenlaute Kres, im Angels. Hris, im Schwed. Ris, im Isländ. Hrijs, im Irländ. Ras, im Finnländ. Risu, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, im mittlern Lat. Rauseum; im Bretagnischen mit dem nahe verwandten t Red und Ret, woraus zugleich die Verwandtschaft mit unserm Ruthe, dem Oberd. Reitel, dem Lat. Radius u. s. f. erhellet. Es stammet von dem alten noch im Oberdeutschen üblichen Zeitworte risen her, welches mit unserm reisen ein und eben dasselbe Wort ist, aber ursprünglich den Laut einer Bewegung nachahmet, und im weitesten Verstande eine Bewegung nach allen Richtungen ausdruckt; vermuthlich so fern das Reis aus dem Baume hervor wächst oder schießet, daher auch Schuß und Schößling heißt, so wie das Lat. Surculus von surgere abstammet. Auf ähnliche Art stammen Sprosse, Rebe, Ranke u. a. m. von ähnlichen Zeitwörtern der Bewegung ab. Übrigens heißt ein Reis im Niederdeutschen auch ein Quasen und eine Lade, welches letztere zu unserm Latte gehöret. S. Reisen, Riese, Rieseln und Ruthe.


Reisbund (W3) [Adelung]


Das Reisbund, des -es, plur. die -bünde, oder das Reisbündel, des -s, plur. ut nom. sing. Dimin. das Reisbündchen, Oberd. Reisbündlein, ein aus Reisern bestehendes Bund oder Bündel, mehrere in ein Bund zusammen gebundene Reiser; in einigen gemeinen Sprecharten eine Reiswelle oder Welle, und mit einem Franz. Kunstworte eine Faschine, im Niedersächsischen Wase, Wask.


Reische (W3) [Adelung]


Die Reische, ein Korb zum Tragen, S. Reuse.


Reise (W3) [Adelung]


Die Reise, plur. die -n, von dem Zeitworte reisen. 1. In dessen jetzt veralteten weitesten Bedeutung, da es unter andern auch ein gewisses Geschäft verrichten ist, wird dieses Wort, 1) eigentlich noch in einigen Fällen als ein gewisses Maß gebraucht, so viel zu bezeichnen, als man auf Ein Mahl von einer gewissen Art verrichtet. So ist in den Salzkothen zu Halle eine Reise Sohle so viel Sohle, als auf Ein Mahl aus dem Brunnen gezogen wird. Eine kleine Reise bestehet daselbst aus acht Eimern; eine große aber aus zwölf Eimern. Bey den Webern ist eine Reise Leinwand, Zeug u. s. f. ein Gewirk von dem Kamme an bis zu dem Baume, so viel nähmlich gewirket wird, ehe man den Baum umdrehet. Im gemeinen Leben ist es in dieser Bedeutung noch in mehrern Fällen üblich. In einem etwas andern Verstande ist die Reise eine Reise Röhren zu einer Wasserleitung; die Wasserreise. 2) Figürlich ist daher Reise im Niederdeutschen und den verwandten Sprecharten so viel wie das Hoch- und Oberdeutsche Mahl. Eine Reise, Ein Mahl, zwey Reisen, zwey Mahl u. s. f. Im Schwed. gleichfalls Resa. 2. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, der Zustand oder auch die Handlung, da man sich von einem Orte zu einem entferntern begibt. 1) Eigentlich, wo es, so wie das Zeitwort nur von der Begebung nach einem entlegenen und entferntern Orte gebraucht wird, sie geschehe übrigens auf welche Art sie wolle. Eine Spazierreise, Lustreise u. s. f. Die Abreise, Hinreise, Herreise, Rückreise, Durchreise, Tagereise u. s. f. Eine Reise thun, und im gemeinen Leben machen. Eine Reise nach Berlin machen. Eine Reise vorhaben. Eine Reise anstellen, antreten, unternehmen. Sich auf die Reise machen, sie antreten. Wir hatten eine schlechte, eine gute, eine glückliche Reise. Glückliche Reise! der gewöhnliche vertrauliche Glückwunsch an einen Abreisenden. Nun geht die Reise fort. Wo geht die Reise hin? wo reisen sie hin? Sich auf die Reise begeben. Auf der Reise seyn. Etwas mit auf die Reise nehmen. Von der Reise kommen. Seine Reise fortsetzen. Eine Reise zurück legen. Eine Reise zu Fuße, zu Pferde, im Wagen, zu Wasser, zu Lande. Von einer weiten und langwierigen Reise ist auch der Plural, doch ohne Artikel, üblich. Auf Reisen gehen, in entlegene Länder reisen, um die Welt kennen zu lernen. Auf Reisen seyn. Er ist erst von Reisen gekommen. 2) In einigen Fällen wird es auch hier als ein Maß gebraucht, so viel zu bezeichnen, als mit einer Veränderung des Ortes fortgeschaffet werden kann. Eine Reise Steine, Kalk u. s. f. eine Fuhre. An der Elbe ist eine Reise Holz eine Schiffsladung, oder 40 gemeine Fuder. 3. In der engsten Bedeutung war es ehedem sehr üblich, einen Feldzug zu bezeichnen, in welcher Bedeutung es aber veraltet ist; im Schwabenspiegel Raise. Daher war reisbar ehedem so viel als fähig in den Krieg zu ziehen, Reisner ein Reiter, und in weiterer Bedeutung ein Soldat, ein Mitreißer Commilito, Reisegeld der Soldatensold, der Reisewagen der Packwagen u. s. f. Siehe Frisch v. Reise, und im folgenden 2 Reisig.

Anm. Bey dem Ottfried Reisa, im Nieders. gleichfalls Reise, im Schwed. Resa, im Isländ. Reisa. S. Reisen.


Reise-Altar (W3) [Adelung]


Der Reise-Altar, des -es, plur. die -täre, bey den Katholiken, ein geweiheter beweglicher Altar, sich desselben auf Reisen zu bedienen.


Reise-Apotheke (W3) [Adelung]


Die Reise-Apotheke, plur. die -n, ein Vorrath von den nöthigsten Arzeneyen, welche man auf der Reise bey sich führet, und das Verhältniß, worin sie sich befinden.


Reisebeschreibung (W3) [Adelung]


Die Reisebeschreibung, plur. die -en, die Beschreibung einer gethanen Reise. S. auch Reisebuch.


Reisebett (W3) [Adelung]


Das Reisebett, des -es, plur. die -e, ein leichtes Bettgestell, welches man auf Reisen bey sich führet; das Feldbett, so fern es in einem Feldzuge mit sich geführet wird. Das Reisebett plur. die -en, hingegen würde die darein gehörigen Federbetten bezeichnen.


Reisebuch (W3) [Adelung]


Das Reisebuch, des -es, plur. die -bücher. 1) Eine Reisebeschreibung; doch am häufigsten nur im gemeinen Leben. 2) Ein Buch, welches verschiedene auf Reisen nöthige Kenntnisse u. s. f. enthält.


Reisebündel (W3) [Adelung]


Das Reisebündel, des -s, plur. ut nom. sing. die in ein Bündel gebundenen Bedürfnissen, welche ein Reisender bey sich führet. S. auch Ränzel.


Reise-Capelle (W3) [Adelung]


Die Reise-Capelle, plur. die -n, an den katholischen Höfen, das Kirchengeräth, so fern es zum Gebrauche einer vornehmen Person auf Reisen dienet, da es denn in den Capell-Kasten gepackt und auf dem Capell-Wagen fortgeschafft wird.


Reisefertig (W3) [Adelung]


Reisefertig, -er, -ste, adj. et adv. fertig zur Reise; im Nieders. wegfarig, wegefertig.


Reisefreund (W3) [Adelung]


Der Reisefreund, des -es, plur. die -e, derjenige, mit welchem man in freundschaftlicher Gesellschaft reiset; siehe Reisegefährte.


Reisefrohne (W3) [Adelung]


Die Reisefrohne, plur. die -n, Frohnen, welche die Unterthanen dem Gutsherrn zum Behufe einer Reise durch Vorspann u. s. f. leisten müssen.


Reise-Furier (W3) [Adelung]


Der Reise-Furier, des -s, plur. ut nom. sing. ein Furier, welcher die Herberge und Verpflegung eines Hofes auf Reisen besorget. S. Furier.


Reisegebühr (W3) [Adelung]


Die Reisegebühr, plur. inus. noch häufiger aber im Plural die Reisegebühren, sing. inus. dasjenige Geld, welches jemanden zur Vergütung der aufgewandten Reisekosten bezahlet wird, z. B. einem Richter, Advocaten, Arzte u. s. f.


Reisegefährte (W3) [Adelung]


Der Reisegefährte, des -n, plur. die -n, Fämin. die Reisegefährtinn, derjenige, welcher uns auf der Reise Gesellschaft leistet, mit uns einen und eben denselben Weg reiset der Reisefreund.


Reisegeld (W3) [Adelung]


Das Reisegeld, des -es, plur. doch nur von mehrern Summen, die -er, das zu einer Reise, zum Behuf derselben bestimmte Geld. Bey den Handwerkern und Künstlern ist es dasjenige Geld, welches einem von einem fremden Orte verschriebenen Gesellen für die Reise bezahlt wird, und welches bey einigen auch das Laufgeld genannt wird. So fern Reise ehedem den Feldzug bedeutete, war Reisegeld vor diesem theils der Sold der Soldaten; theils auch dasjenige Geld, welches diejenigen Unterthanen, welche auf geschehene Aufforderung nicht mit im Felde erschienen waren, als eine Strafe entrichten mußten; theils endlich auch dasjenige Geld, welches die Unterthanen dem Landesherren zum Behuf der Kriegskosten geben mußten, und welches auch die Kriegssteuer, die Heersteuer, der Heerbann hieß.


Reisegeräth (W3) [Adelung]


Das Reisegeräth, des -es, plur. inus. dasjenige Geräth, welches man auf Reisen bey sich führet.


Reisegerecht (W3) [Adelung]


Reisegerecht, -er, -este, adj. et adv. ein nur bey den Jägern übliches Wort, wo ein reisegerechter Jäger derjenige ist, welcher die nöthige Geschicklichkeit in der Jagd des kleinen Weidwerks besitzet, welches auch feldgerecht genannt wird; zum Unterschiede von dem hirsch- und holzgerecht. Siehe Gerecht und Reisejäger.


Reisegesellschaft (W3) [Adelung]


Die Reisegesellschaft, plur. die -en, diejenigen Personen, welche mit einander in Gesellschaft reisen.


Reisegut (W3) [Adelung]


Das Reisegut, des -es, plur. die -güter in einigen Gegenden, ein Gut, welches, auch wenn männliche Erben da sind, wider die Gewohnheit der Lehngüter, auf weibliche Erben fällt, von reisen, sich fort bewegen, in der weitesten Bedeutung; Tochterlehen.


Reisehut (W3) [Adelung]


Der Reisehut, des -es, plur. die -hüte, ein Hut, dessen man sich auf einer Reise bedienet.


Reisejäger (W3) [Adelung]


Der Reisejäger, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Ein Jäger, welcher einen vornehmen Herrn auf Reisen begleitet. 2) Bey den Jägern werden auch die gemeinen Jäger, welche sich nur mit dem kleinen Weidwerke abgeben, Reisejäger, genannt, wohin denn die Feldjäger, Flug- oder Federschützen, Hühner- oder Wachtelfänger, Windhetzer und Otterfänger gehören; vermuthlich, weil sie zur Ausübung ihrer Kunst mehr reisen, d. i. in der Ferne herum gehen müssen, als ein hirschgerechter Jäger.


Reisejägerey (W3) [Adelung]


Die Reisejägerey, plur. die -en. 1) Die Jagd des kleinen Wildbretes, und die Geschicklichkeit dasselbe gehörig zu fangen und zu erlegen; ohne Plural. 2) Die sämmtlichen dazu gehörigen Personen. Ingleichen in der ersten Bedeutung des vorigen Wortes, die sämmtlichen Jäger, welche einen vornehmen Herrn auf Reisen begleiten.


Reisekappe (W3) [Adelung]


Die Reisekappe, plur. die -n, eine Kappe, deren man sich auf Reisen bedienet.


Reisekasten (W3) [Adelung]


Der Reisekasten, des -s, plur. ut nom. sing. ein Kasten, verschiedene Bedürfnisse darin auf Reisen bey sich zu führen; der Reisekoffer, ein solcher Koffer.


Reisekleid (W3) [Adelung]


Das Reisekleid, des -es, plur. die -er, ein Kleid, welches man nur auf der Reise, oder auf Reisen trägt.


Reisekosten (W3) [Adelung]


Die Reisekosten, sing. inus. die zur Bestreitung einer Reise nöthigen, durch dieselbe verursachten Kosten.


Reiselust (W3) [Adelung]


Die Reiselust, plur. car. die Lust, d. i. sinnliches Verlangen, zu reisen. Reiselust haben. Ingleichen, das Reisen als eine Lust, sinnliches Vergnügen, betrachtet.


Reisemantel (W3) [Adelung]


Der Reisemantel, des -s, plur. die -mäntel, ein Mantel, dessen man sich nur auf Reisen bedienet.


Reisemarschall (W3) [Adelung]


Der Reisemarschall, des -es, plur. die -schälle, ein Marschall, welcher sein Amt nur auf der Reise, oder auf den Reisen seines Herrn verrichtet. An den Höfen hat man eine Menge Hofbediente dieser Art, wohin der Reisehofbäcker, Reisemundschenk, Reisemundkoch, Reisehof-Cassier, Reisehof-Profoß, und hundert andere mehr gehören.


Reisen (W3) [Adelung]


Reisen, verb. reg. dessen heutiger Gebrauch nur noch ein kleiner Überrest seines ehemahligen Umganges ist. Es kommt noch in doppelter Gestalt vor. 1. Als ein Neutrum, welches das Hülfswort seyn bekommt, den Ort verändern, sich fortbewegen; doch am häufigsten nur von Menschen, wenn sie sich nach einem entfernten, entlegenen Ort bewegen, wo es seiner Natur nach ein allgemeiner Ausdruck ist, welcher die Art und Weise unbestimmt läßt. Zu Pferde, zu Fuß, im Wagen, zu Schiffe, zu Lande, zu Wasser reisen. In die Fremde reisen. Nach Frankreich, nach Spanien, nach Italien reisen; ehedem in. Nach Berlin, nach Dresden, nach Paris reisen; ehedem gen. Durch einen Ort reisen. Über einen Orte reisen, seinen Weg durch denselben nehmen, auf der Reise durch denselben kommen. Über Straßburg nach Paris reisen. Über Land, über Feld reisen, von einem Orte zu dem nächsten andern. In seinen eigenen Angelegenheiten reisen. Ein Reisender, welcher auf Reisen ist, welcher reiset. Tag und Nacht reisen. Von Soldaten und Kriegsheeren ist dafür das ausländische marschiren und von großen Haufen anderer zugleich reisender Personen auch ziehen üblich. Ingleichen absolute. Ein junger Mensch muß reisen. Zuweilen gebraucht man dieses Wort auch von Thieren, wenn sie sich in einen entlegenen Ort begeben, und figürlich auch von Pflanzen. Gereisete Pflanzen, welche aus einem entlegenen Lande zu uns gekommen sind. Der Raum, welchen man durchreiset, wird in die vierte Endung gesetzt. Des Tages sechs Meilen reisen. Etliche Meilen reisen. Welches auch mit den Hauptwörtern Weg und Straße Statt findet. Diesen Weg bin ich noch nicht gereiset. Die Straße, welche wir reiseten. Einen andern Weg reisen. Wo auch die zweyte Endung gebraucht werden kann, nach dem Muster der Oberdeutschen. Ich bin dieses Weg schon öfter gereiset. Aber von andern leblosen Körpern, für sich fortbewegen, oder fortbeweget werden, ist es im Hochdeutschen jetzt veraltet; obgleich noch Opitz singt: Man wird dich, Herr, mit Ehrfurcht preisen, Weil Sonn und Monde sind, Und durch den runden Himmel reisen, Opitz Ps. 72, d. i. sich im Kreise bewegen. Außer im Scherze. Es reist mancher Groschen in den Würzladen für Maculatur, Weiße. In der Wahl des Hülfswortes sind die Deutschen nicht einig. Zwar wenn das Ziel oder ein anderer Umstand der Reise mit ausgedruckt ist, so wird ohne Ausnahme das Hülfswort seyn gebraucht. Er ist nach Frankreich gereiset, sie sind nach Paris gereiset, wir waren auf kurze Zeit über Land gereiset. Nur wenn es absolute stehet, gebrauchen viele haben. Ich habe oft gereiset, 2 Cor. 11, 16. Er hat viel gereiset, Heinz. Allein das Hülfswort seyn scheint auch hier richtiger und analogischer zu seyn, zumahl, da es hier noch weniger eigene Thätigkeit mit ausdruckt, als in dem vorigen Falle. Er ist viel und weit gereist. Crispus ist gereist, Logau. Ein gereister Mann, der weit gereiset ist. 2. Als ein Activum, da es denn auch die vierte Endung erfordert; doch nur in Gestalt eines Reciproci. Wir haben uns ganz müde gereiset. Daher das Reisen. Das Reisen ist nützlich.

Anm. Im Niedersächsischen, wo es doch eben nicht häufig vorkommt, resen, im Schwed. resa. Im Persisch. ist Rhasa einer, der viel gereiset ist, und im Chaldäischen Resa, Stadium, (siehe Rast.) Da s und t in den Mundarten und Sprachen immer in einander übergehen, so sind reisen und reiten eigentlich ein und eben dasselbe Wort, obgleich das letztere jetzt eine sehr eingeschränkte Bedeutung hat. Hornegk gebraucht reiten noch für reisen, und ehedem war auch Reite für Reise üblich. ( S. Reisig und Reiten.) Es ist ursprünglich ein Wort, welches den Schall einer gewissen Bewegung nachahmet, und mit rasen, rauschen und andern dieser Art genau verwandt ist. Mit allerley Vorlauten stammen Kreis, kreisen, preisen u. a. m. davon ab. Besonders bedeutete es ehedem eine Bewegung nach allen Richtungen, und zwar 1) in die Höhe, wohin theils das alte Gothische reisan, aufstehen, das Schwedische resa, aufrichten, Angels. risan, arisan, Engl. to rise, arise, Ital. rizzare, Nieders. risen, unser Reis, Riese, Gras u. s. f. gehören. 2) In die Tiefe; daher ist bey dem Notker risan fallen, sinken, Angels. hrysan, bey dem Ulphilas driusan, Nieders. risen, und unser rieseln. ( S. Rüste.) 3) In die Runde, wohin mit vorgesetztem Gaumenlaute unser Kreis, kraus, und mit dem gleichlautenden d auch Rad gehöret. 4) In die Länge, in die Ferne, welche Bedeutung in unserm reisen noch übrig ist. Ottfried gebraucht reisan auch für bringen, daher es bey ihm im Passivo auch so viel als kommen ist; zit wart tho gereiset, da kam die Zeit. Das Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, laufen, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, fließend, das Angels. Rith, ein Bach, Franz. Ruisseau, das Engl. to rush, stürzen, unser rasch, und hundert andere gehören gleichfalls dahin. Übrigens ist von diesem Zeitworte reißen das Intensivum, wie aus dem verdoppelten Mitlauter erhellet, rieseln aber das Diminutivum. Siehe auch Gerade, Gerathen, Rede, 1 Reiten, rechnen, u. s. f.


Reiserkohle (W3) [Adelung]


Die Reiserkohle, plur. die -n, S. Grubenkohle.


Reisern (W3) [Adelung]


Reisern, bey den Jägern, S. Reißern.


Reiserock (W3) [Adelung]


Der Reiserock, des -es, plur. die -röcke, ein Rock, welches auf der Reise getragen wird.


Reisesack (W3) [Adelung]


Der Reisesack, des -es, plur. die -säcke, ein Sack, verschiedene Bedürfnisse darin auf der Reise bey sich zu führen; im gemeinen Leben ein Ränzel, im Oberd. ein Watsack, sonst auch das Felleisen. So will ich, meinen Durst zu stillen Den Reisesack mit solchen Früchten füllen, Gell.


Reisestab (W3) [Adelung]


Der Reisestab, des -es, plur. die -stäbe, ein Stab, so fern er auf einer Reise zu Fuße dienet; der Wanderstab.


Reisetasche (W3) [Adelung]


Die Reisetasche, plur. die -n, eine räumliche Tasche, welche an einen Riemen über der Schulter hängt, allerley Bedürfnisse darin auf Reisen bey sich zu führen.


Reisewagen (W3) [Adelung]


Der Reisewagen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Wagen, dessen man sich auf Reisen bedienet; zum Unterschiede von einem Stadt- und Staatswagen.


Reisholz (W3) [Adelung]


Das Reisholz, des -es, plur. die -hölzer. 1) Reiser, so fern sie als Holz oder statt des Holzes gebraucht werden, ohne Plural, Reisig, Reisigholz, Bundholz, so fern es in Bündel gebunden wird, Wasenholz, von Wase, ein Reisbund. Reisholz brennen. 2) Holz, d. i. Arten Bäume, weiche Reiser tragen oder geben, dergleichen Reisholz z. B. die Birke ist; gleichfalls ohne Plural. 3) Eine mit solchem Reisholze bewachsene Gegend.


Reisig (W3) [Adelung]


Das Reisig, des -es, plur. die -e, von Reis, surculus, 1) Reiser, als ein Collectivum und ohne Plural, Reisholz. Reisig brennen. Bündel von Reisig verfertigen. 2) Reisholz, in der zweyten Bedeutung, d. i. Bäume und Stauden, welche Reiser tragen oder geben, wo es so viel als Buchholz ist, und dem Stammholze entgegen gesetzt wird; auch ohne Plural. 3) Eine mit solchem Holze bewachsene Gegend; doch nur in einigen Provinzen.


Reisig (W3) [Adelung]


* Reisig, adj. et adv. welches von dem Zeitworte reisen abstammet, aber im Hochdeutschen völlig veraltet ist. 1) Von reisen, in der heutigen Bedeutung, scheinet es in einigen Gegenden für reisend oder auch wohl reisefertig üblich zu seyn. Wenigstens heißt es bey dem Opitz Ps. 107, 23. Die so sich hin und her Zu Schiffe reisig machen, Und handeln über Meer; welches Luther übersetzet: die mit Schiffen auf dem Meer führen und trieben ihren Handel in großen Wassern. 2) Von reisen, so fern es ehedem mit reiten gleichbedeutend war, bedeutete reisig vor diesem zur Reiterey gehörig, beritten, und da war ein reisiger Knecht ein Soldat zu Pferde, ein Reiter, und der reisige Zeug die Reiterey, die Cavallerie. Da sie nun sahen, daß die Feinde hatten einen starken reisigen Zeug, 1 Macc. 4, 7. Mit großem reisigen Zeug und Wagen, Kap. 8, 6. Der reisige Zeug war getheilt in zween Haufen, Kap. 9, 11. In Spangenb. Henneb. heißt es noch: 1532 verordnete der Kaiser den Pfalzgraf Friedrich zum obersten Feldherren wider die Türken, Fürst Wilhelm von Henneberg zum Obersten über den reisigen Zeug, Dietrich Spether zum Feld-Marschall u. s. f. Wenn es aber Hohel. 1, 9. heißt: ich gleiche dich, meine Freundinn, meinem reisigen Zeuge an den Wagen Pharao, so scheinet es die Pferde und das Geschirr zu bezeichnen, wo Reise, Feldzug, wovon ein Reiterpferd, welches im Kriege gebraucht wurde, ehedem auch ein reisiges Pferd hieß. S. das folgende.


Reisige (W3) [Adelung]


* Der Reisige, des -n, plur. die -n, das Hauptwort des vorigen Beywortes, welches ehedem in einer doppelten Bedeutung üblich war. 1) Von Reise, der Feldzug, war der Reisige ehedem ein jeder Soldat; in welchem Verstande es doch nur selten vorkommt. 2) Von reisen, reiten, war der Reisige ehedem so viel wie ein reisiger Knecht, ein Reiter, ein Soldat zu Pferde. Und zogen mit ihm hinauf Wagen und Reisigen, 1 Mos. 50, 9. Salomo hatte 40 000 Wagenpferde und 12 000 Reisige, 1 Kön. 4, 26. Gorgias nahm 5000 zu Fuß und 1000 Reisigen, 1 Macc. 4, 1. Mit 3000 Reisigen und mit einem großen Fußvolk, Kap. 10, 17. In der höhern und dichterischen Schreibart kommt es in diesem Verstande noch zuweilen vor. Ob alle Reisigen aus euren Festen, Ob eine neue Helene Euch alle Prinzen aus Lutetiens Palästen Zu Feldherrn sendete, Raml.

Anm. Im Schwed. Res, Resig und Resenär, Dän. Reijsnere; alle von reisen, so fern es mit reiten gleichbedeutend ist, von welchem Zeitworte allem Ansehen nach auch unser Roß abstammet. Zu den ehemahligen weitern Bedeutungen des Wortes reisen gehöret das Nieders. reisig, resig, Holländ. ryzig, resig, lang gewachsen, schlank, ingleichen fließend, locker. Ein reisiger Junge, ein schlanker. Einen reisigen Leib haben, einen flüssigen Stuhlgang. S. Reisen Anm.


Reiswelle (W3) [Adelung]


Die Reiswelle, plur. die -n, S. Reisbündel und Welle.


Reiß (W3) [Adelung]


Der Reiß, des -es, plur. car. eine sehr weiße, halb durchsichtige und nahrhafte Getreideart, welche in den wärmern Ländern in großer Menge gebauet wird; ingleichen die Pflanze, welche diese Frucht träget, und welche zu den Grasarten gehöret; Oryza L. Er scheint in Äthiopien einheimisch zu seyn, und erfordert einen nassen sumpfigen Boden.

Anm. Im Nieders. Riis, im Ital. Riso, im Franz. Ris, im Engl. Rice, im Böhm. Reyze, alle mit Wegwerfung des ersten Vocals aus dem Griech. und Lat. Oryza, welchen Vocal die Spanier noch in ihrem Arroz beybehalten haben. Das Griech. Oryza stammet wieder aus den Morgenländern her, wo der Reiß im Arab. Aruz und im Malab. Arisi heißt. Daß aber auch in diesem Worte eine allgemeinere Bedeutung zum Grunde liege, erhellet aus dem Finnischen Ruis, und Ungar. Ros, welche Rocken, Korn, bedeuten, und dem Böhmischen Beyworte rezny, von Korn. Vielleicht ist reißen, so fern es ehedem überhaupt zerknirschen, mahlen, bedeutete, ( S. Gries und Graus,) das Stammwort, denn im Malabarischen heißt nur der gestoßene Reiß, dergleichen der ist, welcher zu uns kommt, Arisi, dagegen er, so lange er noch im Felde stehet, Pair, wenn er gedroschen, aber noch nicht gemahlen ist, Nellu, und wenn er gekocht ist, Soru genannt wird. Auf der Insel Madagaskar heißt der Reiß Waru, welches mit dem vorigen Pair zu dem Hebräischen - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, Getreide, und Angels. Bere, Gerste, zu gehören scheinet.


Reißammer (W3) [Adelung]


Die Reißammer, plur. die -n, eine Art Nord-Amerikanischer Ammern, welche erdfarbig ist, aber einen goldgelben Nacken und eine weiße Bedeckung der Flügel hat, und sich gern in den Reißfeldern aufhält; Emberiza Carolinensis Klein.


Reißaus (W3) [Adelung]


Das Reißaus, subst. indecl. plur. car. von dem Verbo ausreißen, nur in der im gemeinen Leben üblichen R. A. das Reißaus nehmen, flüchtig werden, davon laufen.


Reißbley (W3) [Adelung]


Das Reißbley, des -es, plur. car. von dem Zeitworte reißen, zeichnen, Bley dessen man sich zum Reißen bedienet, und welches eigentlich ein thonartiger, leichter, abfärbender Glimmer ist, der mit dem Bleye nichts als die schwarzgraue Farbe gemein hat; Wasserbley, Bleyschweif. Die Bleystifte werden daraus verfertiget.


Reißbret (W3) [Adelung]


Das Reißbret, des -es, plur. die -er, ein glatt gehobeltes Bret, dasjenige Papier, worauf man reißen, d. i. zeichnen will, darauf auszuspannen.


Reißbrey (W3) [Adelung]


Der Reißbrey, des -es, plur. inus. ein von Reiß gekochter Brey; das Reißmuß.


Reißbrot (W3) [Adelung]


Das Reißbrot, des -es, plur. die -e, aus Reiß gebackenes Brot, so wohl absolute und ohne Plural, als auch von einzelnen solchen Broten mit dem Plural.


Reißbrühe (W3) [Adelung]


Die Reißbrühe, plur. die -n, eine Brühe, in welcher der Reiß der vornehmste Bestandtheil ist. Ingleichen die Brühe, d. i. das Wasser, von gekochtem Reiße.


Reißelbeere (W3) [Adelung]


Die Reißelbeere, plur. die -n, ein in einigen Gegenden für Preiselbeere übliches Wort, mit welchem es auch zu einem und eben demselben Stamme gehöret. S. dasselbe.


Reißen (W3) [Adelung]


Reißen, verb. irreg. ich reiße, du reißest, er reißet oder reißt; Imperf. ich riß; Mittelw. gerissen; Imperf. reiß. Ein Wort, welches eine unmittelbare Nachahmung eines gewissen Schalles ist, und daher von so verschiedenen Dingen gebraucht wird, welche aber insgesammt von einem und eben demselben oder doch sehr ähnlichen Schalle begleitet werden; eine Anmerkung, welche man nothwendig voraus setzen muß, wenn man nicht in Versuchung gerathen will, verschiedene Bedeutungen dieses Wortes als Figuren von einander anzusehen, da sie doch nur neben einander geordnet, nicht aber einander untergeordnet sind. Der Form nach ist es das Intensivum von reisen, wie schon aus dem verdoppelten Mitlauter erhellet, und da dieses ursprünglich in einem so weiten Umfange der Bedeutung und unter andern auch von einer Bewegung nach allen Richtungen gebraucht wurde, so gilt dieses und zwar noch mehr, auch von unserm Reißen. Es ist in doppelter Gestalt üblich. I. Als ein Neutrum, welches das Hülfswort seyn erfordert. 1. Mit einem diesem Worte eigenthümlichen Schalle plötzlich getrennet werden, welcher eigenthümliche Schall das Reißen von dem Brechen, Springen, Bersten, Platzen u. s. f. unterscheidet. Man gebraucht es besonders von solchen Körpern, deren zähe Theile durch eine allzu heftige Ausdehnung plötzlich getrennet werden. Ein Faden, ein Strick, ein Band, ein Draht u. s. f. reißen, wenn sie stärker ausgedehnet werden, als es der Zusammenhang ihrer Theile verstattet. Wenn alle Stricke reißen, figürlich, wenn alle übrigen Hülfsmittel vergebens sind, im höchsten Nothfalle. Der Zeug reißt, wenn der Zusammenhang seiner Theile plötzlich getrennet wird. In engerer Bedeutung wird es auch zuweilen von festern Körpern, für das Neutrum spalten gebraucht. Die Felsen zerrissen, Matth. 27, 25. Der Erdboden reißt vor Hitze. Das Eis reißt. Die Tenne ist gerissen. S. Riß und das folgende Activum. 2. Sich mit schneller Gewalt und dem diesem Zeitworte eigenthümlichen Laute fortbewegen, als das Intensivum von reisen, und als ein naher Verwandter von brausen, rauschen, rasen u. s. f. Die Helden rissen sich ins Lager, 2 Sam. 23, 16. Ein reißender Strom, der sich mit schneller Gewalt fortbewegt, wo mehr auf die Geschwindigkeit seines Laufes, als auf die thätige Wirkung des mit sich Reißens, gesehen wird. In vielen Oberdeutschen Gegenden wird reißend und das im Hochdeutschen ganz fremde reißicht, für sehr schnell, gebraucht. Reißend oder reißicht laufen. Dahin gehöret auch die Hochdeutsche R. A. eine Waare gehet reißend ab, d. i. sehr schnell, welche alle Sprachlehrer für unrichtig erklären, weil die Waare nicht reißen könne; ein Beweiß, daß ihnen dieser neutrale Gebrauch des Zeitwortes völlig unbekannt gewesen. Die Zusammensetzungen ausreißen, in schneller Eile fliehen, und einreißen, haben diese Bedeutung der schnellen Bewegung auch noch. Das Reciprocum sich reißen, sich schnell fortbewegen, gehöret eigentlich zu der übereinstimmigen Bedeutung des folgenden Activi. 3. In weiterer Bedeutung, wüthen, toben, als ein Intensivum von rasen, so fern es ehedem auch reisen gelautet haben mag. 1) Eigentlich, wo es doch nur noch in einigen Fällen üblich ist. Die Plage riß unter die Israeliten, Ps. 106, 29. Der Wind reißt, tobt, brauset. 2) Figürlich, wo es besonders von einem heftigen mit Ziehen verbundenen Schmerzen gebraucht wird; eine Bedeutung, welche völlig thätig ist, und daher auch haben, bekommt. Ein reißender Schmerz. Das Reißen im Leibe, das Reißen in den Gliedern haben. Es reißt, oder es reißt mich in den Gedärmen, ich fühle einen tobenden Schmerz in denselben. Das Kind bekam ein Reißen. Die reißende Gicht. II. Als ein Activum, wo es wiederum in mehrern verschiedenen Bedeutungen vorkommt, welche aber insgesammt mit einerley oder doch ähnlichem Laute begleitet sind. 1. Mit schneller Gewalt trennen. 1) Durch eine plötzliche stärkere Ausdehnung, als der Zusammenhang der Theile es verstattet. Einen Faden, einen Brief, ein Papier, ein Stück Zeuges entzwey reißen. In Stücke reißen. Besonders in den Zusammensetzungen abreißen, durchreißen, zerreißen. Sich an einem Nagel reißen, sich die Haut an demselben verwunden; zu welcher Bedeutung der gewaltsamen Trennung in die Länge auch das neue Intensivum ritzen gehöret. Federn reißen, oder schleißen, die haarigen Theile von den Kielen reißen; gerissene Federn. Einen Missethäter mit glühenden Zangen reißen, eigentlich ihm mit glühenden Zangen Stücke Fleisch von dem Leibe reißen. 2) Durch Spalten; eine nur in einigen Fällen übliche Bedeutung. Im Forstwesen und bey verschiedenen Holzarbeitern ist reißen so viel als spalten. Latten reißen, d. i. spalten; gerissene Latten, im Gegensatze der geschnittenen. Holz reißen, spalten. 3) Durch Schneiden, Graben, Hauen, Pflügen u. s. f. (a) Eigentlich, wo es auch nur noch in einigen Fällen gebraucht wird. Einen Ochsen, einen Hengsten reißen, ihn castriren, für schneiden. Ein gerissenes Füllen, ein castrirtes, geschnittenes. Einen Karpfen reißen, in den Küchen, ihn der Länge nach aufschneiden. Den Wein reißen, in Franken, in dritten Jahre alles über der Erde befindliche Holz an den jungen Weinstöcken abschneiden. Einen Baum reißen oder lachen, im Forstwesen, das Holz an den Harzbäumen aufhauen, damit das Harz heraus fließe. Ihr sollt kein Mahl an eurem Leibe reißen, 3 Mos. 19, 28, durch Ritzen. Einen Acker reißen, aufreißen oder umreißen, einen wüst gelegenen Boden zum ersten Mahle pflügen, und ihn dadurch zum Acker machen. Im Wend. ist ryju, ryjicz, graben und riesu schneiden, stechen, und im Bergbaue kommen ressen und röschen noch in ähnlichem Verstande vor, ( S. diese Wörter.) (b) Figürlich, wo dieses Wort ehedem im Deutschen, noch mehr aber in den verwandten Sprachen, für schreiben und mahlen gebraucht wurde, und zum Theil noch gebraucht wird; eine Bedeutung, welche aus der ältesten Art des Schreibens und Mahlens auf harte Körper erkläret werden muß, welche mehr ein eigentliches Schneiden, Graben oder Kratzen war. Daher ist im Angels. writan, und noch im heutigen Englischen to write, schreiben, Isländ. und Schwed. rita. In erdu mit themo fingar reiz, Ottfr. er schrieb mit dem Finger in die Erde. In der Monseeischen Glosse ist Reiza eine Zeile, Reihe, und im Lettischen bedeutet raszu gleichfalls schreiben. Das Schwedische rita bedeutet auch mahlen, und unser schreiben und mahlen gründen sich auf ähnliche Bewegungen. Jetzt gebraucht man das Wort reißen nur noch in engerer Bedeutung von der Verfertigung solcher Figuren, welche man nur nach den Hauptzügen vorstellet, als ziemlich gleich bedeutend mit zeichnen. Reißen lernen. Eine Blume reißen. S. auch Riß, ingleichen Abreißen und Aufreißen, Reißbley, Reißbret, Reißschiene. 2. Mit schneller Gewalt von seinem Orte bewegen. Jemanden etwas aus der Hand, das Kind aus den Armen, den Hut vom Kopfe, den Rock von dem Leibe reißen. Sich die Haare aus dem Kopfe reißen. Der Wind riß mir den Hut von dem Kopfe, er reißt die Ziegel von den Dächern. Einen Brand aus dem Feuer reißen. Der Wolf reißt das Schaf nieder. Reißende Thiere, ein Nahme der großen vierfüßigen Raubthiere, weil sie ihren Raub zur Erde reißen; doch kann hier auch die vorige erste Bedeutung Statt finden, so daß reißen hier das Stammwort von dem mit dem Blaselaut verstärkten fressen seyn würde. Jemanden niederreißen, zu Boden reißen, ihn mit schneller Gewalt auf die Erde zeihen. Sich um etwas reißen, raufen. Es wird sich niemand darum reißen, eifrig darum bewerben. Etwas zu sich reißen, an sich reißen, auch figürlich, es mit unbefugter Gewalt in seinen Besitz bringen. Jemand, aus seiner Noth reißen, ihn plötzlich von seiner Noth befreyen. Von seiner Leidenschaft schnell dahin gerissen werden. Mich reiße nie, was mir gefällt, Unprüfend dahin, Weiße. Dahin denn auch das Reciprocum sich reißen gehöret, sich mit schneller Gewalt fortbewegen. Sich aus jemandes Armen reißen. Cleanth muß sich überfüllen, um sich aus seiner Unempfindlichkeit zu reißen, Gell. Durch das Gesträuch reißt sich das Roß Mit starkem Ungestüm, Weiße. Wie ein Blitz sich vom hohen Olymp in die Felder hinab reißt, So riß Cyper sich auch unter dem Ofen hervor, Zachar. S. auch Abreißen, Entreißen, Fortreißen u. s. f. 3. Mit lauter Stimme sagen, sprechen; eine nur noch mit den beyden Hauptwörtern Possen und Zoten übliche Bedeutung. Possen reißen, Zoten reißen, vorbringen. In einigen Oberdeutschen Gegenden sagt man auch Reime reißen, sie aus dem Stegereife hersagen. Einem einen Possen reißen, ihm einen Possen spielen. Es ist auch hier eine unmittelbare Nachahmung des mit der Stimme verbundenen Schalles, so wie sprechen auf ähnliche Art durch Vorsetzung des Zischlautes aus brechen gebildet ist. Das Lat. ridere, lachen Risus, das Lachen, das Oberdeutsche reiten, rechnen, unser Reden, preisen u. a. m. sind gleichfalls damit verwandt. Daher das Reißen anstatt des ungewöhnlichen Reißung. Siehe auch Riß.

Anm. Im Nieders. in den meisten der jetzt gedachten Bedeutungen mit dem verwandten t riten, im Angels. hreddan, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, ziehen, reißen, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, welche alle Intensiva von - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, ziehen, und im Latein. mit vorgesetztem t trahere, Nieders. trecken, sind. Selbst in den morgenländischen Sprachen sind die Spuren von diesem Worte sehr häufig. Im Chald. ist resas, und im Arab. raetz, ratza, reißen, im Neutro; im Hebr. ist Resisim, im Plural, große Risse, im Arab. Ress eine zerrissene Sache, im Pers. Ris eine Wunde, und Rize zermalmet, ( S. Reiß, Graus und Gries.) Mit dem Vorlaute b ist - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - im Hebr. er hat zerrissen, und im Deutschen sagte man ehedem bresten für bersten, brechen; mit dem Vorlaute g ist im Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - hauen, und unsere Bergleute sagen noch greißen für spalten. Anderer Verwandtschaften zu geschweigen. Zu Anfange dieses Wortes ist schon gesagt worden, daß es eine unmittelbare Nachahmung des Schalles ist. Diesen Schall pflegt man, so fern er mit einer plötzlichen Trennung des Zusammenhanges verbunden ist, im gemeinen Leben auch durch die Interjectionen ritsch und ratsch, und so fern bloß eine schnelle Geschwindigkeit ausgedruckt werden soll, durch risch und rasch auszudrucken. Reißen, Nieders. riten, ist das Intensiva von reisen, Nieders. riden, so wie von dem erstern ritzen ein neues Intensivum ist, welches zunächst von dem Niederdeutschen riten, reißen, abstammet. Von reiten, dem reisen anderer Mundarten, heißt das Intensivum reitzen.


Reißer (W3) [Adelung]


Der Reißer, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Reißerinn, eine Person oder Ding, welches reißt; doch nur in einigen Zusammensetzungen. Ein Possenreißer, Zotenreißer. Ein Leinwandreißer ist an einigen Orten ein Leinwandhändler, weil manche Arten Leinwand im einzelnen Verkaufe nicht geschnitten, sondern gerissen werden. ( S. auch Altreißer.) Einen schlechten Wein, welcher Kopfschmerzen verursacht, pflegt man im Scherze auch wohl einen Kopfreißer zu nennen. Bey den Mäurern ist der Reißer oder Vorreißer derjenige Pinsel, womit die scharfen Linien zu den Einfassungen gerissen oder gezeichnet werden.


Reißern (W3) [Adelung]


Reißern, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches nur bey den Jägern üblich ist, wo ein Jagdhund reißert, wenn er alle Gegenstände, welche ihm vorkommen, beschnäufelt oder beriecht.


Reißfeder (W3) [Adelung]


Die Reißfeder, plur. die -n, eine Feder zum Reißen, oder Zeichnen, welche von Stahl, Eisen oder Messing ist, scharfe Linien damit zu ziehen. Auch die lange metallene an beyden Seiten gespaltene Hülse, schwarze Kohle, Nöthel, Kreide u. s. f. zum Reißen oder Zeichnen darein zu befestigen, führet den Nahmen der Reißfeder.


Reißfeld (W3) [Adelung]


Das Reißfeld, des -es, plur. die -er, ein mit Reiß Oryza, besäetes Feld.


Reißgelb (W3) [Adelung]


Das Reißgelb, S. Rauschgelb.


Reißgerste (W3) [Adelung]


Die Reißgerste, plur. car. ein Nahme, welcher in der Landwirthschaft einer doppelten Art Gerste beygeleget wird, vermuthlich wegen einiger Ähnlichkeit mit dem Reiße. 1) Der nackten Gerste, welche zu den Arten der kleinen Gerste gehöret, sechs Zeilen hat, aber in Hülsen eingeschlossen ist, dagegen die eigentliche kleine Gerste keine Hülsen hat. 2) Der Bartgerste, welche kurze zweyzeilige Ähren mit langen Grannen hat, aber sehr reichlich trägt; Hordeum zeocritum L.


Reißhaken (W3) [Adelung]


Der Reißhaken, des -s, plur. ut nom. sing. ein Meißel der Schlösser, welcher dicker ist, als breit, die Zapfenlöcher damit aufzureißen oder aufzuhauen. Auch ein in Gestalt eines flachen - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - gekrümmter Meißel, die zu den Fischbändern in den Thüren vorgebohrten Löcher damit auszuputzen.


Reißkamm (W3) [Adelung]


Der Reißkamm, des -es, plur. die -kämme, die gröbste Art Kämme der Tuchmacher und Wollarbeiter, die Wolle damit aus dem Groben zu bearbeiten, welcher auch der Blechkamm genannt wird.


Reißke (W3) [Adelung]


Der Reißke, des -n, plur. die -n, der besonders in Meißen und Schlesien übliche Nahme einer Art Blätterschwämme, welche einen Strunk und einen Hut hat, der an Farbe dem Hause einer Gartenschnecke gleicht, und einen safrangelben Saft enthält, welchen er, wenn er angestochen wird, als Thränen läßt; Agaricus deliciosus L. In Baiern heißt er Herbstling, weil er im Herbste zum Vorschein kommt; in Österreich Brätling oder Brietling, weil er gebraten wird, und Förchling, weil er gern in den Harz- und Föhrenwäldern wächst; im Nieders. Röte, weil man ihn in Butter zu röten, d. i. zu braten, pflegt, daher er auch in einigen Hochdeutschen Gegenden Röthling, Rehling heißt. Der Nahme Reißke lautet im gemeinen Leben Reitzke, Reitzcher, Reitscher, Ritschke, Rietling u. s. f. Er stammet allem Ansehen nach aus dem Wendischen her, denn im Böhmischen heißt dieser Schwamm Ryzec, und im Pohlnischen Rydz.


Reißkoch (W3) [Adelung]


Der Reißkoch, des -es, plur. die -köche, von Koch, Brey, in den Küchen, eine aufgelaufene Art Torten von Reiß. S. Koch.


Reißkohle (W3) [Adelung]


Die Reißkohle, plur. die -n, Kohlen von Weiden, Haseln u. s. f. so fern sie zum Reißen oder Zeichnen dienen.


Reißkraut (W3) [Adelung]


Das Reißkraut, des -es, plur. inus. ein Nahme des Glied- oder Eisenkrautes; Stachys annua L.


Reißlatte (W3) [Adelung]


Die Reißlatte, plur. die -n, gerissene Latten, zum Unterschiede von den geschnittenen. Ingleichen im Holzhandel, ein Stamm Nadelholz 20 Ellen hoch, und 5 Zoll im Durchmesser, woraus Latten gerissen, d. i. gespalten, werden können.


Reißling (W3) [Adelung]


Der Reißling, des -es, plur. die -e, ein Nachtvogel mit weißen, schwarz punctirten Flügeln; Phalaena betularia L. Birkenspanner, Birkenvogel, Birkenmesser. Vielleicht von seinem Wohnorte, den Birkenreisern.


Reißmäher (W3) [Adelung]


Der Reißmäher, des -s, plur. ut nom. sing. eine Art Dickschnäbler auf der Insel Java mit einem blauen Rücken, welcher sich gern in den Reißfeldern aufhält; Coccothraustes caerulescens Klein.


Reißmehl (W3) [Adelung]


Das Reißmehl, des -es, plur. inus. aus Reiß gemahlnes Mehl.


Reißschiene (W3) [Adelung]


Die Reißschiene, plur. die -n, eine Schiene, d. i. langes dünnes, schmales Bret, Linien damit zu reißen. So pflegen die Mäurer dasjenige Lineal, womit sie die Linien zu den Einfassungen vorreißen, die Reißschiene zu nennen. Bey den Ingenieuren, Baumeistern u. s. f. ist es ein Lineal, dessen man sich auf dem Reißbrete bedienet.


Reißstroh (W3) [Adelung]


Das Reißstroh, des -es, plur. car. Stroh von ausgedroschenem Reiße.


Reißvogel (W3) [Adelung]


Der Reißvogel, des -s, plur. die -vögel, ein Nahme, welchen auch die Reißammer führet, S. dieses Wort.


Reißzeug (W3) [Adelung]


Das Reißzeug, des -es, plur. die -e, ein Collectivum, die zu mathematischen Rissen gehörigen und in einem Futteral befindlichen Werkzeuge zu bezeichnen; ein mathemathisches Besteck.


Reißzirkel (W3) [Adelung]


Der Reißzirkel, des -s, plur. ut nom. sing. ein Zirkel, dessen man sich zum Reißen bedienet, und woran der eine Fuß weggenommen werden kann, um denselben durch eine Reißfeder zu ersetzen.


Reiste (W3) [Adelung]


Die Reiste, plur. die -n, in der Land- und Hauswirthschaft, ein kleines Bund gehechelten Flachses, welches derb zusammen gedrehet, und von oben zugeschlungen ist, welches in andern Gegenden eine Kaute, in Niedersachsen aber eine Knocke heißt. Dreyßig Reisten machen gemeiniglich einen Kloben Flachs. In Niedersachsen hingegen wird so viel lockerer und ungedreheter Flachs oder Hanf, als man auf Ein Mahl durch die Hechel reißet, eine Risse oder Riste genannt, Holländ. Rist, und da machen drey bis vier solcher Reisten eine Reiste oder Kaute in der ersten Bedeutung. Im letztern Falle kann es füglich von reißen abstammen, im erstern aber scheinet es von dem Angels. wraestan, Engl. to wrest, wreath, drehen, abzustammen, weil eine Reiste Flachs stark zusammen gedrehet wird. Das w ist in den Englischen und Angelsächsischen Zeitwörtern ein bloßer müßiger Vorschlag. In manchen Gegenden hat man auch das Verbum risten, den Hanf nach dem Dreschen in Reisten oder kleine Bündchen drehen.


Reitbahn (W3) [Adelung]


Die Reitbahn, plur. die -en, eine Bahn, d. i. langer ebener Platz, auf welchem so wohl Pferde zugeritten, als auch unerfahrne Personen im Reiten unterrichtet werden.


Reite (W3) [Adelung]


Die Reite, plur. die -n, ein nur in Obersachsen und einigen Gegenden Oberdeutschlandes übliches Wort, einen ebenen Platz zu bezeichnen, welches doch nur noch in dem zusammen gesetzten Hofreite üblich ist, der Hofraum, der Hof bey einem Landgute. Es ist mit den folgenden Wörtern ursprünglich Eines Geschlechtes und hat den Begriff des Ausdehnung so wohl in die Länge, als in die Breite. S. Kaute, ingleichen Breit und Bret, welche beyden letztern vermittelst des Vorlautes b davon abstammen.


Reitel (W3) [Adelung]


Der Reitel, des -s, plur. ut nom. sing. ein nur in einigen Gegenden übliches Wort, einen kurzen starken Stock, eine Knüttel, Prügel zu bezeichnen, dergleichen z. B. derjenige ist, mit welchem die Stricke um einen Ballen Waare zusammen gezogen werden, der daher in einigen Gegenden auch der Packreitel, das Ratelscheit heißt, Nieders. Wreil. In einigen Oberdeutschen Gegenden werden die jungen gerade aufgeschossenen Bäume gleichfalls Reitel genannt, da denn diejenigen jungen Bäume, welche man auf den Gehauen zur Fortpflanzung stehen läßt, so wohl Bannreitel als Laßreißer heißen. Es ist mit Reis, dem Lat. Radius, und andern dieser Art Eines Geschlechtes, indem der Begriff der Ausdehnung in die Länge hier der herrschende ist. Das Stammwort ist reisen, in andern Mundarten reiten, so fern es sich in die Länge erstrecken bedeutet. S. auch 1 Reiter.


Reiten (W3) [Adelung]


1. Reiten, verb. reg. act. welches nur im Oberdeutschen üblich ist, wo es für rechnen gebraucht wird. Daher ist daselbst die Reit oder Reitung die Rechnung, die Reitkammer die Rechnungskammer, der Reitbeamte der Rechnungsbeamte, der Salzreiter, Hüttenreiter, Münzreiter u. s. f. der Rechnungsführer oder Cassier bey einem Salzwerke, Hüttenwerke, einer Münze u. s. f. von welchem einige auch im Hochdeutschen üblich sind. S. Hüttenreiter.

Anm. Im Oberdeutschen wird es gemeiniglich mit dem dieser Mundart eigenen Doppellaute raiten geschrieben und gesprochen. So fern dieses und die folgenden Zeitwörter insgesammt Nachahmungen eines und eben desselben Schalles sind, sind sie auch Eines Ursprunges, ob sie gleich sehr verschiedene Dinge bezeichnen. Reiten, rechnen, druckt zunächst den Schall des Redens, und in engerer Bedeutung des Zählens aus, und ist mit Rede und reden ursprünglich Ein Wort. Schon Ottfried gebraucht raitan für zählen, und im Schwed. ist rada erklären. Eben so bedeutet das veraltete rechen ehedem so viel als das davon abgeleitete sprechen, und in dem Intensivo rechnen computare. ( S. dasselbe.) So fern man aber ehedem das Rechnen durch gezogene Striche zu erleichtern pflegte, könnte reiten auch von dem vorigen Reit, Reitel, so fern es jede Ausdehnung in die Länge, folglich auch eine Linie bedeutet, abstammen. Die letzte Sylbe in hundert, ehedem hundaret, ist ohne Zweifel aus diesem Rad, Ret entstanden, man mag es nun durch eine Zahl oder durch einen Strich erklären.


Reiten (W3) [Adelung]


2. Reiten, verb. reg. act. in Ordnung bringen, zu einer gewissen Absicht fertig und geschickt machen, welches aber für sich allein veraltet, und nur noch in dem zusammen gesetzten bereiten üblich ist, ( S. dasselbe.) Es ist auch hier eine Onomatopöie, welche entweder von dem mit dem Bereiten verbundenen Geräusche, oder auch von der Geschwindigkeit hergenommen ist, in welchem letztern Falle es zu dem Schwed. rad, Nieders. drad, geschwinde, hurtig, und zu unserm Rad gehören würde. Bey dem Kero ist Antreiti die Ordnung, im Wend. Riad. Hierher gehöret auch das noch in einigen Gegenden, z. B. in dem Kloster St. Michael in Lüneburg, übliche Ausreiter, welches einen vornehmen Beamten bedeutet, welcher die Aufsicht über die Ökonomie des Klosters führet, und so viel als ein Schaffner oder Großkeller in andern Klöstern ist, welchen man sehr irrig mit einem Ausreiter von dem folgenden Zeitworte verwechseln würde.


Reiten (W3) [Adelung]


3. Reiten, verb. irreg. ich reite, du reitest, (reitst,) er reitet; Imperf. ich ritt; Conj. ritte; Mittelw. geritten; Imperat. reit. Es ist ursprünglich mit reisen ein und eben dasselbe Wort, indem s und t in den Mundarten beständig mit einander abwechseln, und war, so wie dieses, ehedem in einem weit größern Umfange der Bedeutung üblich, als jetzt. Besonders bedeutete es ehedem, 1. Bewegen, treiben, als eine unmittelbare Nachahmung des mit der Bewegung verbundenen Schalles. Allem Ansehen nach gehören zu dieser jetzt veralteten Bedeutung noch die im gemeinen Leben üblichen Redensarten, der Teufel reitet ihn, das ist, treibt ihn an, beweget ihn, alles Unglück reitet mich, treibt mich herum; wo die Figur von reiten, equo vehi, seltsam und possierlich seyn würde. In engerer Bedeutung ist reiten sich begatten, doch nur von einigen größern Thieren, besonders in den Zusammensetzungen Reithengst und Reitochs, ( S. dieselben.) Von diesem reiten, so fern es bewegen, treiben, überhaupt bedeutete, ist reitzen das Intensivum, so wie reitern, rädern, für sieben, und rütteln die Frequentativa davon sind, S. Reitzen. 2. Den Ort verändern, als ein Neutrum, wo es ehedem theils von einer jeden Veränderung des Ortes, theils aber auch von der Begebung nach einem entfernten Orte üblich war, und so wie reisen als ein allgemeiner Ausdruck gebraucht wurde, der die Art und Weise unbestimmt ließ, welche denn vermittelst des Vorwortes auf ausgedruckt wurde. Auf einem Wagen, auf einem Schiffe reiten, d. i. fahren. So bedeutet riton beym dem Notker auf einem Wagen fahren, und Hornegk gebraucht reiten so wohl für gehen, als für fahren und reisen. Daher ist Reita und Gereite bey dem Notker ein Wagen, Schwed. Reid, welches mit dem Rheda, ein Wagen, der alten Gallier und Römer, ein und eben dasselbe Wort ist. Opitz sagt mehrmahls von Gott, er reite auf den Wolken, auf dem Himmel; welches eine sehr unanständige Figur seyn würde, wenn hier nicht die allgemeinere Bedeutung Statt finden sollte. Jetzt ist es bis auf einige wenige Redensarten in diesem Verstande veraltet. So sagt man noch der Maulwurf durchreite das Land, wenn er es im Fortkriechen durchwühlet, die Motten durchreiten die Bücher, wenn sie sie im Fortgehen durchfressen, wo zugleich der Begriff der Länge mit eintritt. Wenn sich die Hunde auf dem Hintern fortbewegen, so sagt man gleichfalls, der Hund reite auf dem Arsche, wo wieder kein Reiten in dem folgenden Verstande Statt findet. S. auch Rad und Reisen. 3. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, auf einem Thiere sitzend den Ort verändern; auf ähnliche Art ist fahren, welches ursprünglich auch eine jede schnelle Bewegung bezeichnet, zunächst auf die Veränderung des Ortes vermittelst eines Wagens eingeschränket worden. Es ist in dieser Bedeutung in doppelter Gestalt üblich. 1) Als ein Neutrum. (a) Eigentlich, auf einem Thiere sitzend, besonders mit über dasselbe geschlagenen Beinen auf demselben sitzend, den Ort verändern. Das Thier, auf welchem man sitzet, bekommt sehr häufig das Vorwort auf. Auf einem Esel, auf einem Pferde, auf einem Hengste, auf einem Schimmel reiten. Doch gebraucht man in der anständigen Sprechart hier lieber das folgende Activum mit der vierten Endung, ohne Vorwort. Einen Esel reiten, sich desselben zur Veränderung des Ortes bedienen. So auch, ein Pferd, einen Hengst, einen Schimmel, ein gutes Pferd reiten. Ich habe ein wildes Pferd geritten. So sagt schon Notker: dudiniu ros ritest, der du deine Rosse reitest. Wenn reiten absolute stehet ohne Meldung des Thieres, so wird allemahl dasjenige Thier darunter verstanden, dessen man sich in einem Lande gewöhnlich zum reiten bedienet, welches in den meisten Ländern das Pferd ist. Reiten lernen. Nicht reiten können. Ein reitender Bothe, ein Bothe zu Pferde. Die reitende Post, wo unter dem Worte Post der Postillion verstanden wird. Das Reiten nicht vertragen können. Gut reiten, schlecht reiten. Langsam, geschwinde reiten. Wir müssen morgen reiten, d. i. von hier abreiten. Ohne Sattel reiten. Mit jemanden in Gesellschaft reiten. Der Bediente ist fehl geritten. Der Ort, welcher das Ziel oder der Gegenstand des Reitens ist, wird durch allerley Vorwörter ausgedruckt. Nach Leipzig, nach Berlin, nach Frankreich, nach Hause reiten. Auf die Jagd, auf die Messe, auf das Land, auf das Dorf reiten. In die Stadt reiten. Um die Stadt reiten. Durch einen Wald, durch das Wasser reiten. Jemanden entgegen reiten. Über Feld, über Land reiten. In einigen, doch wenigen Fällen, wird die Absicht des Reitens mit dem Intensivo eines andern Zeitwortes ausgedruckt. Wir sind gestern spazieren geritten. Die Truppen werden fouragieren reiten. Schmarotzen reiten. Wenn es mit dem Zeitworte kommen verbunden wird, so stehet es nach dem Muster so vieler andern Zeitwörter dieser Art im Supino. Er kam geritten, für reitend; so wie man auch sagt; gegangen, gefahren, gesprungen, geflogen, geschwommen u. s. f. kommen. In einigen Fällen wird ein oder der andere Umstand auch vermittelst der vierten Endung des Hauptwortes ausgedruckt, ohne daß reiten dadurch zu einem Activo würde. Einen Trab, einen Galopp reiten. Wir sind beständig einen Schritt geritten. Einen Weg zum ersten Mahle reiten. Diesen Weg bin ich noch nie geritten. Wo man auch nach dem Vorgange der Oberdeutschen in der zweyten Endung sagt, des Weges bin ich noch nie geritten. Er mag seine Straße (oder seiner Straße) reiten. Zehen Meilen in Einem Tage reiten. Wir sind heute nur fünf Meilen geritten. Dieses Neutrum nimmt, so lange es ein eigentliches Neutrum ist, der Regel nach allemahl das Hülfswort seyn zu sich. Nur der Niederdeutschen Mundart gewohnte Schriftsteller machen hier oft eine Ausnahme, weil man im Niederdeutschen mehrere Neutra mit haben zu verbinden pflegt, welche im Hoch. und Oberdeutschen das seyn bekommen. Deine Eselinn, darauf du geritten hast, 4 Mos. 22, 30, für bist. Hab' ich von Jugend auf nicht auf wilden Pferden geritten? Zachar. (b) In weiterer Bedeutung, mit übergeschlagenen Beinen auf einem leblosen Dinge sitzend den Ort verändern. Auf einem Stecken reiten, wie die Kinder. Auf einem Besen, auf einer Osengabel nach dem Blocksberge reiten. Auf der Wurst herum reiten, im gemeinen Leben, schmarotzen reiten, wofür man in Niedersachsen sagt, auf der Garbe reiten, ( S. Wurst.) Auch ohne Veränderung des Ortes, bloß in Rücksicht auf die Art und Weise des Sitzens. Die Soldaten müssen zur Strafe auf einem hölzernen Esel reiten. In dieser ganzen Bedeutung bekommt das Werkzeug, worauf man reitet, allemahl das Vorwort auf. 2) Als ein Activum, welches folglich das Hülfswort haben erfordert, und auch im Passivo gebraucht werden kann, mit verschiedenen thätigen Beysätzen und Nebenbedeutungen. Ein Pferd reiten, sich dessen zur Veränderung des Ortes bedienen. Einen Schimmel, einen Hengst, ein scheues Pferd, einen Esel reiten. Das Pferd ist noch nie geritten worden. Die Post reiten, sich reitend von einem Orte zum andern bringen. Ein Pferd zu Tode reiten, es müde, steif, lahm reiten. Ein Pferd in das Wasser, in den Stall, in die Schwemme, auf die Weide, in die freye Luft reiten, es auf demselben sitzend dahin bringen. Ein Pferd zusammen reiten, bey den Bereitern, es dahin bringen, daß es, mit seinen Theilen wohl vereinigt, den Kopf senkrecht trage. Im gemeinen Leben bedeutet es auch, es im Reiten abmatten. Jemanden zu Boden reiten. Dahin auch die reciproken R. A. gehören. Sich müde reiten, sich einen Wolf reiten, sich aus dem Athem reiten u. s. f. Einen Schriftsteller reiten, figürlich, im gemeinen Leben, ihn ausschreiben, S. Postillen-Reiter, in Postille. Daher das Reiten, S. auch Ritt.

Anm. In dieser dritten engern Bedeutung schon bey dem Ottfried ritan, im Nieders. riden, und mit Ausstoßung des d rien, im Angels. ridan, im Engl. to ride, welches aber auch fahren bedeu- tet, im Schwed. ryda. Härtere Mundarten schreiben und sprechen es auch reuten, welches wider die ganze oben schon bemerkte Abstammung ist, sich aber dessen ungeachtet doch in dem folgenden Hauptworte Reuter für Reiter auch im Hochdeutschen eingeschlichen hat. S. 2 Reiter.


Reiter (W3) [Adelung]


1. Der Reiter, des -s, plur. ut nom. sing. ein nur in dem Ausdrucke Spanische oder Friesische Reiter übliches Wort, gewisse große sechseckige Balken im Kriegswesen zu bezeichnen, durch welche mit spitzigen Eisen beschlagene Stäbe gesteckt werden, der Reiterey den Zugang zu einem Orte zu verwehren; Sturmhaspeln. Friesische Reiter sollen sie, dem Carl de Aquino in seinem Lexico militari zu Folge, von ihrem Erfinder, Nahmens Frisius, heißen. Die Benennung Reiter leitet Frisch und andere daher, weil sie zur Auf- und Abhaltung der Reiterey dienen; welche Figur aber zu hart und ungewöhnlich seyn würde. Es scheinet vielmehr, daß dieses Wort mit Reiter Eines Geschlechtes ist, und überhaupt eine Ausdehnung in die Länge bedeutet, da es denn so wohl auf den Balken, als auch auf die spitzigen Querstäbe gehen kann, von reiten, so fern es im weitesten Verstande, sich in die Länge und Höhe ausdehnen, bedeutet hat. Darauf läßt sich auch Carls de Aquino Muthmaßung zurück führen, welcher glaubt, daß sie wegen ihrer Ähnlichkeit mit denjenigen Balken, welche die Firste eines Hauses ausmachen, so genannt worden, welcher Balken im Französ. Chevron, im Ital. aber Cavallo heiße. Dieses Cavallo ist unstreitig unser Giebel, nicht aber Cavallo, ein Pferd, so daß dieses Reiter so wohl als das mittlere Lat. Equus Frisius nur eine ungeschickte Übersetzung davon seyn würde.


Reiter (W3) [Adelung]


2. Der Reiter, des -s, plur. ut nom. sing. von dem Zeitworte reiten, daher es in einem so weiten Umfange der Bedeutung üblich ist, wie dieses. 1. Von reiten, bewegen, ist Reiter in vielen Gegenden ein Sieb, besonders ein stehendes Kornsieb, ( S. Räder,) welche Form gleichfalls üblich ist. So fern reiten ehedem für bereiten üblich war, ist der Reiter in einigen Gegenden so viel wie ein Schaffner, ( S. 2 Reiten.) Im Oberdeutschen bedeutet dieses Wort von reiten, rechnen, in manchen Fällen einen Rechnungsbeamten, ( S. 1 Reiten.) Wenn der schwarze Kornwurm, Curculio Granarius L. von einigen auch Reiter genannt wird, so wird damit entweder auf seine kriechende Bewegung an den Wänden, oder auch auf die Zermalmung des Getreides gesehen. S. Galander. 2. Am üblichsten ist es von reiten equo vehi, eine Person männlichen Geschlechtes zu bezeichnen, welche reitet. 1) Überhaupt; wo es doch nur in einem doppelten Verhältnisse üblich ist. (a) Im Gegensatze des Pferdes. Das Pferd wirft seinen Reiter ab. Der Reiter fiel vom Pferde. Das Pferd ist klüger als sein Reiter. Wo es auch unverändert von einer Person weiblichen Geschlechtes gebraucht wird. (b) In Rücksicht auf die Art und Weise, wie man zu Pferde sitzt und das Pferd im Reiten zu regieren weiß; auch unverändert von dem weiblichen Geschlechte. Ein guter, ein schlechter, ein mittelmäßiger Reiter. In andern Rücksichten gebraucht man es in dieser weitern Bedeutung nicht. Für, es kommen drey Reiter, drey reitende Personen, sagt man: es kommen drey Personen zu Pferde. 2) Eine Person männlichen Geschlechtes, die ihr Amt, ihre Verrichtung reitend oder zu Pferde verrichtet. (a) Im weitesten Verstande. Dahin gehören die Zusammensetzungen, der Bereiter, der Ausreiter, Geleitsreiter, Strandreiter, Landreiter, Postreiter, Vorreiter, Forstreiter u. s. f. Wo auch das Fämininum die -reiterinn üblich ist, die Gattinn eines solchen Reiters zu bezeichnen. (b) Im engsten Verstande, ein Soldat, welcher zu Pferde dienet, der ehedem ein Reisiger oder ein reisiger Knecht genannt wurde, ein Cavallerist; wo es aber auch nur von den schwer bewaffneten Soldaten dieser Art üblich ist, allenfalls aber auch noch von den Dragonern, aber wohl nicht leicht von den Husaren gebraucht wird, obgleich das davon abstammende Reiterey in weiterer Bedeutung gangbar ist. Ein Regiment Reiter. Das Dorf hat hundert Reiter zu verpflegen. Die Gattinn eines solchen Reiters wird niemahls die Reiterinn, wohl aber zuweilen eine Reitersfrau genannt.

Anm. Bey dem Notker Reitman, im Nieders. Rider, im Angels. Ridda, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . Das Schwed. Ryttare, das Böhm. Rytir, Reythar und Pohln. Raytar, sind nur in der letzten engsten Bedeutung üblich, und allen Ansehen nach aus dem Deutschen entlehnet. ( S. auch Ritter.) Fast durch ganz Hoch- und Oberdeutschland schreibt und spricht man dieses Wort Reuter, ungeachtet reiten, das unmittelbare Stammwort, nur in wenig Gegenden mit einem eu gesprochen wird. Es ist daher nichts billiger, als daß man dieses Wort auf seine richtige Schreib- und Sprechart wieder zurück führe.


Reiterdegen (W3) [Adelung]


Der Reiterdegen, des -s, plur. ut nom. sing. ein langer schwerer Degen, so wie ihn die schwer bewaffneten Reiter zu führen pflegen.


Reiterey (W3) [Adelung]


Die Reiterey, plur. inus. 1) Die Art und Weise zu reiten, oder des Reitens. Das war eine elende Reiterey. 2) Als ein Collectivum und in der letzten engsten Bedeutung des Wortes Reiter, die sämmtlichen Soldaten zu Pferde, bey einem Kriegsherre oder einzelnen Haufen desselben, wo es auch von den leicht bewaffneten Soldaten dieser Art gebraucht wird. Die leichte Reiterey, im Gegensatze der schweren. Die Reiterey auf die Dörfer verlegen. Der Plural ist im Hochdeutschen ungewöhnlich, ob er gleich bey dem Opitz vorkommt: Laß kommen Pharaon mit seinen Reutereyen. Willeram gebraucht dafür Reithgesinde, Fronsberg aber Reiterschaft.


Reiterfahne (W3) [Adelung]


Die Reiterfahne, plur. die -n, eine Fahne, so wie sie bey der Reiterey üblich ist, und welche am häufigsten die Standarte genannt wird, S. dieses Wort.


Reitergar (W3) [Adelung]


Reitergar, adj. et adv. welches nur im gemeinen Leben üblich ist, für halb gar, halb gekocht. Das Fleisch nur reitergar kochen. Nieders. ritergar, ridergar; im gemeinen Leben auch reiterisch. Vermuthlich, so fern eilfertig reitende Personen, oder auch Reiter im engsten Verstande, selten Zeit haben, die gehörige Zubereitung der Speisen abzuwarten. Oder auch von Reiter, so fern es ehedem auch einen Straßenräuber zu Pferde, vielleicht auch ein jedes sich schnell bewegendes Ding bedeutete, von reiten, sich schnell bewegen; denn Frisch führet aus dem Chronico Windesheim. Missam Ruterorum, die Reitermesse, an, d. i. eine nur eilfertig und obenhin gelesene Messe, Franz. Messe a la Cavaliere.


Reitergeld (W3) [Adelung]


Das Reitergeld, des -es, plur. doch nur von mehrern Summen, die -er, in einigen Gegenden, dasjenige Geld, welches den Strandreitern für die Bergung gestrandeter Güter gegeben wird; das Tonnengeld.


Reitern (W3) [Adelung]


Reitern, verb. reg. act. welches das Frequentativum oder Intensivum von reiten ist, und im gemeinen Leben vieler Gegenden für sieben gebraucht wird. Schon bey dem Notker riteron. S. 2 Rädern.


Reiterrecht (W3) [Adelung]


Das Reiterrecht, des -es, plur. inus. ein ehemahliges Recht reitender Personen, nach welchem sie so viel Futter als sie für ihr Pferd gebrauchten, auf dem Felde nehmen konnten.


Reiterpferd (W3) [Adelung]


Das Reiterpferd, des -es, plur. die -e, das Pferd eines Reiters, d. i. eines schwer bewaffneten Soldaten zu Pferde.


Reitersalbe (W3) [Adelung]


Die Reitersalbe, plur. doch nur von mehrern Arten, die -n, im gemeinen Leben, eine Salbe wider die Krätze, eine Krätz- salbe; von reitern, reiten, in der weitesten Bedeutung der heftigen Bewegung, des Reibens.


Reitertanz (W3) [Adelung]


Der Reitertanz, des -es, plur. die -tänze, in einigen Gegenden, ein Nahme desjenigen Tanzes, welcher sonst auch der Reihen, der Reihentanz genannt wird, ( S. der Reihen;) ohne Zweifel auch von reiten und reitern in der weitesten Bedeutung.


Reiterwache (W3) [Adelung]


Die Reiterwache, plur. die -n, im Kriege, eine aus Reitern bestehende Wache.


Reiterwechsel (W3) [Adelung]


Der Reiterwechsel, des -s, plur. ut nom. sing. S. Wechselreiterey.


Reitgurt (W3) [Adelung]


Der Reitgurt, des -es, plur. die -e, ein breiter Gurt, den Unterleib damit zu gürten wenn man zu Pferde reiset; in einigen Gegenden der Schmachtriemen.


Reithaken (W3) [Adelung]


Der Reithaken, des -s, plur. ut nom. sing. metallene zierliche Haken, die Zipfel des Kleides damit aufzuhaken, wenn man reitet.


Reithalde (W3) [Adelung]


Die Reithalde, plur. die -n, im Hüttenbaue, eine Halde oder ein Hügel von tauben Steinarten, welche bey den Seifenwerken liegen bleiben uns als unnütz weggeworfen werden; vermuthlich von reiten, reitern, sieben, weil das Seifen eine Art des Siebens ist.


Reithaus (W3) [Adelung]


Das Reithaus, des -es, plur. die -häuser, ein bedecktes Gebäude, worin Pferde zugeritten, und Personen im Reiten unterrichtet werden.


Reithe (W3) [Adelung]


Die Reithe, S. Reite.


Reithengst (W3) [Adelung]


Der Reithengst, des -es, plur. die -e, ein Hengst, welcher zur Zucht, zur Fortpflanzung seines Geschlechtes gehalten wird; ein Springhengst, Beschäler. Von reiten, sich begatten. Siehe 3 Reiten und Reitochs.


Reitherr (W3) [Adelung]


Der Reitherr, des -en, plur. die -en, in einigen Städten Oberdeutschlandes, ein Rechnungsherr; von reiten, rechnen. So werden diejenigen Rathsherren, welche die Stadteinkünfte einzunehmen und zu berechnen haben, an manchen Orten Reitherren genannt.


Reitkammer (W3) [Adelung]


Die Reitkammer, plur. die -n, im Oberdeutschen, die Rechnungskammer, S. 1 Reiten.


Reitklepper (W3) [Adelung]


Der Reitklepper, S. Klepper.


Reitknecht (W3) [Adelung]


Der Reitknecht, des -es, plur. die -e, ein Knecht oder geringer Bedienter, welcher ein oder mehrere Reitpferde in seiner Wartung und Aufsicht hat, und an den Höfen von dem Futterknechte noch unterschieden ist. In großen Marställen führet der erste Reitknecht gemeiniglich den Nahmen des Sattelknechtes, weil er die Sattelkammer unter seiner Aufsicht hat.


Reitkröte (W3) [Adelung]


Die Reitkröte, plur. die -n, an einigen Orten, die Erdgrille, Grillotalpa L. weil sie in der Erde in langen Linien fort reitet oder wühlet, ( S. 2 Reiten.) In andern Gegenden wird sie Reitmaus, Reitwurm, Nieders. Riehworm, Rißwurm, genannt. S. Erdgrille.


Reitkunst (W3) [Adelung]


Die Reitkunst, plur. car. der Inbegriff aller Regeln mit Sicherheit und Anstand zu reiten; ingleichen, die Fertigkeit, diese Regeln auszuüben.


Reitküssen (W3) [Adelung]


Das Reitküssen, des -s, plur. ut nom. sing. ein ausgestopftes und der Länge nach durchnähetes Küssen, dessen man sich in manchen Fällen statt eines Sattels bedienet.


Reitlaus (W3) [Adelung]


Die Reitlaus, S. Filzlaus.


Reitlehen (W3) [Adelung]


Das Reitlehen, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Gegenden, ein Lehen, dessen Besitzer dem Lehensherren zu Pferde zu dienen verbunden ist.


Reitlings (W3) [Adelung]


Reitlings, adv. welches nur im gemeinen Leben üblich ist, nach Art eines Reitenden. Reitlings auf einem Stuhle sitzen, so daß man die Beine zu beyden Seiten über denselben geschlagen hat. In einigen Gegenden auch rittlings.


Reitmasche (W3) [Adelung]


Die Reitmasche, plur. die -n, bey den Jägern, eine fehlerhafte nicht recht verbundene Masche, welche sich hin und wieder ziehet; von reiten, sich hin und her bewegen.


Reitmaus (W3) [Adelung]


Die Reitmaus, plur. die -mäuse, S. Reitkröte.


Reitochs (W3) [Adelung]


Der Reitochs, des -en, plur. die -en, ein unverschnittener zur Zucht gehaltener Ochs; ein Zuchtochs, Brummochs, Bulle. Von reiten, sich begatten. S. Reithengst.


Reit-Page (W3) [Adelung]


Der Reit-Page, (sprich Pasche,) des -n, plur. die -n, ein Page, welcher seinem Herren zu Pferde folget, besonders wenn derselbe selbst zu Pferde ist.


Reitpferd (W3) [Adelung]


Das Reitpferd, des -es, plur. die -e, ein Pferd, welches bloß zum Reiten dienet, zum Reiten bestimmt ist; im Nieders. Rietpage, von Page, ein Pferd.


Reitplatz (W3) [Adelung]


Der Reitplatz, des -es, plur. die -plätze, ein Platz, wo Pferde zugeritten, oder Personen im Reiten unterrichtet werden; die Reitbahn.


Reitrath (W3) [Adelung]


Der Reitrath, des -es, plur. die -räthe, nur in einigen Oberdeutschen Gegenden, ein Rechnungsrath; von reiten, rechnen. S. 1 Reiten.


Reitrock (W3) [Adelung]


Der Reitrock, des -es, plur. die -röcke, ein bequemer Rock, welchen man anleget, wenn man reitet.


Reitsattel (W3) [Adelung]


Der Reitsattel, des -s, plur. die -sättel, ein Sattel zum Reiten; zum Unterschiede von einem Fuhrmannssattel, Trage- oder Saumsattel u. s. f.


Reitschämel (W3) [Adelung]


Der Reitschämel, des -s, plur. ut nom. sing. in den Sägemühlen, dasjenige Gerüst, worauf der Sägeblock lieget; von reiten, sich bewegen, weil der Block auf demselben vorwärts gerücket wird.


Reitscheide (W3) [Adelung]


Die Reitscheide, plur. die -n, an den Pferdegeschirren, hohle lederne Scheiden, wodurch die Stränge oder Zugstricke gehen, damit sie die Pferde nicht beschädigen; gleichfalls von reiten, hin und her bewegen, reiben.


Reitschmid (W3) [Adelung]


Der Reitschmid, des -s, plur. die -schmiede, ein Hufschmid, so fern er bey einem Kriegsheer die Pferde der Reiterey zu beschlagen und zu curiren hat, und welcher am gewöhnlichsten der Fahnenschmid genannt wird.


Reitschoß (W3) [Adelung]


Der Reitschoß, des -sses, plur. die -sse, in einigen Gegenden, dasjenige Geld, welches die Leibeigenen dem Grundherren für die Erlaubniß zu heirathen bezahlen müssen; ohne Zweifel von reiten, sich begatten, zumahl da dieses Geld in andern Gegenden ähnliche Nahmen führet.


Reitschule (W3) [Adelung]


Die Reitschule, plur. die -n, eine Anstalt, wo Unterricht im Reiten gegeben wird, ingleichen, wo Pferde zugeritten werden; auch das dazu bestimmte Gebäude.


Reitstall (W3) [Adelung]


Der Reitstall, des -es, plur. die -ställe, ein Stall, in welchem sich Reitpferde befinden. Ingleichen, an Höfen, die sämmtlichen zu einem solchen Stalle gehörigen Bedienten und Knechte.


Reitstiefel (W3) [Adelung]


Der Reitstiefel, des -s, plur. ut nom. sing. große starke Stiefeln mit steifen Stulpen zum Reiten.


Reitstock (W3) [Adelung]


Der Reitstock, des -es, plur. die -stöcke, bey den Drechslern, die bewegliche Decke auf der Drechselbank, welche in der Rinne hin und her geschoben wird; von reiten, sich hin und her bewegen.


Reittasche (W3) [Adelung]


Die Reittasche, plur. die -n, eine lederne Tasche, allerley Bedürfnisse im Reiten, oder auf dem Pferde darin bey sich zu führen.


Reittenne (W3) [Adelung]


Die Reittenne, plur. die -n, in der Landwirthschaft, eine Tenne, auf welcher das Getreide ausgeritten, d. i. von Ochsen oder Pferden ausgetreten wird; zum Unterschiede von einer Dreschtenne oder Scheuntenne. Von reiten, so fern es ehedem auch für gehen gebraucht worden, von welcher Bedeutung vermittelst des vorgesetzten t unser treten abstammet.


Reitvogt (W3) [Adelung]


Der Reitvogt, des -es, plur. die -vögte, in einigen Gegenden, z. B. im Schleswigischen, ein obrigkeitlicher Beamter, welcher die landesherrlichen Einkünfte an einem Orte oder in einem Bezirke einnimmt und berechnet; entweder von reiten, rechnen, oder auch von reiten, ordnen, verwalten. Daher die Reitvogtey, der Bezirk eines solchen Vogtes.


Reitwurm (W3) [Adelung]


Der Reitwurm, des -es, plur. die -würmer, S. Reitkröte.


Reitz (W3) [Adelung]


Der Reitz, des -es, plur. die -e, von dem Zeitworte reitzen, dasjenige an einem Dinge, was sinnliche Begierden in uns erwecket, wo es doch nur in engerer Bedeutung üblich ist, von demjenigen, was einen lebhaften Grad angenehmer Empfindungen in uns hervor bringet, da denn Reitz ein stärkerer Grad der Anmuth ist; ingleichen subjective, diese angenehme Empfindung selbst. Die sanften Reitze des Landes. O Einbildung, du hast alle Reitze der Wirklichkeit! Das hat für mich nicht mehr den Reitz der Neuheit. Den Reitz der Liebe fühlen, wo es subjective die lebhafte angenehme Empfindung selbst bedeutet. In der engsten Bedeutung, dasjenige an Personen, was einen lebhaften Grad des sinnlichen Vergnügens erreget, und nicht bloß in der körperlichen Schönheit bestehet. Schönheit nicht allemahl Reitz, und Reitz findet oft auch ohne Schönheit Statt. Gemeine Liebhaber messen ihre Beständigkeit nach der Dauer der Reitze ihrer Geliebten ab. Es ist ein mißliches Ding um unsere Reitze. Im Herbste deines Lebens, wenn jeder Reitz verblühet.

Anm. Dieses Wort scheinet neuern Ursprunges zu seyn, wenigstens kommt es bey den ältern Schriftstellern nicht vor, wie es denn auch in dem Frisch fehlet. Lessing erkläret Reitz durch Schönheit in der Bewegung, welches nicht nur mit der engern Bedeutung überein kommt, sondern auch der Abstammung gemäß ist, so fern reitzen das Intensivum von reiten, bewegen, ist. Was man in den schönen Künsten mit einem ausländischen Worte Grazie nennet, ist auch nichts anders als Reitz in der engern Bedeutung, und aus den Anmerkungen zu den beyden Zeitwörtern reitzen wird erhellen, daß das Lat. Gratia selbst mit Reitz und reitzen Eines Geschlechtes ist.


Reitzbar (W3) [Adelung]


Reitzbar, -er, -ste, adj. et adv. was sich reitzen läßt, doch nur in der weitern Bedeutung, was der Empfindungen oder sinnlichen Eindrücke fähig ist. Die Nerven sind reitzbare Fibern. In noch weiterm Verstande gebraucht man es auch von solchen Theilen, welche der Empfindung fähig seyn scheinen. So nennt man diejenigen Theile an manchen Pflanzen, welche sich bey der geringsten Berührung zusammen ziehen, reitzbar.


Reitzbarkeit (W3) [Adelung]


Die Reitzbarkeit, plur. inus. diejenige Eigenschaft eines Dinges, da es reitzbar ist.


Reitzen (W3) [Adelung]


1. Reitzen, verb. reg. act. et neutr. welches im letztern Falle das Hülfswort haben erfordert, aber nur noch bey den Jägern üblich ist, wo es von dem Locken gewisser Thiere durch Nachahmung ihrer Stimme gebraucht wird. So reitzet man die Hasen, die Füchse, die Vögel u. s. f. wenn man ihre Stimme nachahmet, sie dadurch zu locken. Der Hase, der Fuchs läuft auf das Reitzen, wenn er dieser Stimme folgt.

Anm. Man könnte diese Bedeutung mit zu dem folgenden Zeitworte rechnen, wenn man nicht Beweise genug hätte, daß reitzen und dessen Stammwort reiten, dessen Intensivum es ist, ( S. das folgende,) unter andern Arten der Laute, auch gewisse Arten der menschlichen und thierischen Stimme nachahme, und folglich als ein sehr naher Verwandter von reiten, rechnen, reden, rathen u. s. f. angesehen werden müsse. Vermittelst der gewöhnlichen Verwechselung des s und t und gewisser Vorlaute gehören auch preisen, das Lat. Gratia, Dank, unser grüßen und andere mehr hierher; denn Notker gebraucht reitzon noch ausdrücklich für grüßen. S. das folgende.


Reitzen (W3) [Adelung]


2. Reitzen, verb. reg. act. welches ursprünglich theils körperlich bewegen, theils aber auch ritzen, stechen, u. s. f. bedeutet hat, in welchem Verstande es aber veraltet ist, so daß es nur noch einige figürliche Bedeutungen übrig gelassen hat. 1. Empfindungen, sinnliche Eindrücke hervor bringen. Die Nerven sind Fibern, welche gereitzet werden können, der Reitzung fähig sind, ( S. Reitzbar.) Besonders, lebhafte sinnliche Empfindungen hervor bringen. Was ist der flüchtige Kitzel, womit alle gekünstelte Gerichte die Zunge reitzen? 2. Durch Bewegungsgründe zu einer Veränderung bestimmen, als das Intensivum von rathen; eine größten Theils veraltet Bedeutung, in welcher man ehedem auch sagte, jemanden zu einer guten Handlung reitzen, für bewegen, bereden. Lasset uns unter einander unserer selbst wahrnehmen, mit reitzen zur Liebe und guten Werken, Ebr. 10, 24. 3. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, durch Erregung lebhafter sinnlicher Begierden zu etwas bewegen. 1) Überhaupt, mit dem Vorworte zu. Jemanden zum Zorne, zum Bösen reitzen. Sie reitzen durch Unzucht zur fleischlichen Lust, 2 Petr. 2, 18. Zur Liebe, zum Unwillen, zum Hasse reitzen. Ingleichen absolute. Ein jeglicher wird versucht, wenn er von seiner eigenen bösen Lust gereitzet und gelocket wird, Jac. 1, 14. Zuweilen, obgleich seltener, auch mit der vierten Endung der Begierde, welche erreget wird. Jemandes Zorn, jemandes Liebe reitzen. Wer den Zorn reitzet, zwinget Hader heraus, Sprichw. 30, 33. 2) In einigen engern Bedeutungen. (a) Zum Zorne, zum Unwillen reitzen. Ahas reitzete den Herrn, seiner Väter Gott, 2 Chron. 28, 25. In noch engerer Bedeutung ist jemanden reitzen, ihn ohne Noth, bloß zum Vergnügen, zum Unwillen bewegen, für die niedrigern necken, foppen u. s. f. (b) Ehedem lebhaften Grad angenehmer Empfindungen erwecken. Wie sehr reitzet mich die grüne Einsamkeit des schattigen Waldes! Wo besonders das Mittelwort reitzend üblich ist, welches denn auch häufig passive gebraucht wird, in einem vorzüglichen Grade anmuthig. Sie that es mit einem reitzenden Anstande. Reitzende Schönheiten, eigentlich, welche Begierden zum Genusse erwecken, in weiterer Bedeutung aber auch ohne diesen Nebenbegriff, für sehr anmuthig. Wie reitzend wird die Freundschaft nicht, wenn sie sich zugleich auf Natur und auf Tugend gründet! Gell. Die Gruft wird mir ein reitzenderer Aufenthalt, als die goldenen Zimmer des Pallastes, Weiße. Ein reitzendes Vergnügen quillt aus dem Umgange unserer Mitgeschöpfe, Zimmerm. Daher die Reitzung, S. solches hernach besonders.

Anm. Bey dem Notker in der ersten engern Bedeutung reitzen, bey den Schwäbischen Dichtern reissen. In der zweyten engern Bedeutung von der Erweckung angenehmer Empfindungen scheinet es erst in den neuern Zeiten gangbar geworden zu seyn, da es denn zugleich die auffallende Bedeutung der sinnlichen Lust verlieret. Die Endsylbe -zen zeiget schon, daß dieses Wort ein Intensivum ist, dessen Stammwort reiten ist, theils so fern es ehedem stechen, anstechen, ritzen, theils aber auch, so fern es bewegen, antreiben bedeutet hat, in welchem Verstande es noch in der niedrigen R. A. der Teufel reitet ihn, vorkommt. In einem alten Niederdeutschen Gedichte in Leibnitzens Scriptor. Brunsu. heißt es noch, nach dem Frisch: Hierunter öme der hilghe Geist reit, dat u. s. f. hierin bewog ihn der heilige Geist. Im Schwed. ist auch noch das einfache Zeitwort reta, zum Zorne reitzen, üblich, welches auch in dem Lat. irritare zum Grunde liegt. Die Griechen haben beyde - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - . Mit dem müßigen, höchstens intensiven Gaumenlaute gebraucht Notker auch gruozzen für reitzen, und die Niedersachsen sagten in eben dieser Bedeutung ehedem gretten. Das Latein. Gratiae, Grazien, gehöret gleichfalls zur engern Bedeutung der Anmuth, so wie schon im Arab. razy gefällig, Ryza, und im Hebr. Raza, Wohlgefallen ist.


Reitzke (W3) [Adelung]


Der Reitzke, eine Art Schwämme, S. Reißke.


Reitzlos (W3) [Adelung]


Reitzlos, -er, -este, adj. et adv. des Reitzes oder der Reitze beraubt. Ein reitzloser Ort. Das reitzloseste Gesicht. Daher die Reitzlosigkeit.


Reitzug (W3) [Adelung]


Der Reitzug, des -es, plur. inus. ein Wort, welches man nur von einer Art eines gedehnten, lang gezogenen Schlages des Finken gebraucht. Günther Straus nennt ihn in einem kleinen Gedichte von 1539 den Reitherzu: der Fink da sang sein Reitherzu.


Reitzung (W3) [Adelung]


Die Reitzung, plur. die -en, von dem Zeitworte reitzen. 1) Die Handlung des Reitzens; ohne Plural. 2) Dasjenige an einer Person oder Sache, was da reitzet, in allen Bedeutungen des Zeitwortes. Der Herr war erzürnet um alle der Reitzung willen, damit ihn Manasse gereitzet hätte, 2 Kön. 23, 26. Auch in der zweyten engern Bedeutung, wie Reitz; wo es doch nur im Plural für Reitze üblich ist. Deine Reitzungen sind groß genug, einen unbeständigen Liebling getreu und beständig zu machen, Dusch. Ein aufblühendes Mädchen, das ihrer Reitzungen Bild ist, Zachar. Wo doch Reitze edler sind. Im Singular ist es in dieser Bedeutung völlig ungewöhnlich, obgleich Hagedorn sang: Die Reitzung freyer Felder Beschämt der Gärten Pracht.


Reitzvoll (W3) [Adelung]


Reitzvoll, -er, -este, adj. et adv. voll Reitz. Die Vergnügungen des Verstandes biethen sich so reitzvoll nicht an, Zimmerm.


Reke (W3) [Adelung]


Die Reke, plur. die -n, ein wohl nur in der Mark Brandenburg übliches Wort, welches nur von der Leinwand gebraucht wird, und eine Zahl von 12, an manchen Orten auch von 16 Ellen bedeutet. Ein Stück Leinwand hat fünf Reken, d. i. 60 Ellen. Vermuthlich mit dem folgenden aus Einer Quelle.


Rekel (W3) [Adelung]


1. Der Rekel, des -s, plur. inus. ein Collectivum, eingesalzene und getrocknete lange Streifen, welche aus der Haut und dem Fette einer Art Schollen, Hippoglossus L. geschnitten werden. ( S. Raff,) welches die auf ähnliche Art zubereiteten Floßfedern sind. Es ist mit dem folgenden Eines Geschlechtes, doch so, daß hier bloß die Ausdehnung in die Länge zum Grunde liegt. Der Rekel bestehet aus langen schmalen Streifen, und wird in einigen Gegenden auch Rekling genannt.


Rekel (W3) [Adelung]


2. Der Rekel, des -s, plur. ut nom. sing. ein nur in den niedrigen Sprecharten übliches Wort, welches neben dem Begriff der Größe zugleich den Begriff der Plumpheit, Grobheit und Verächtlichkeit hat. 1) Ein großer Hund, im verächtlichen Verstande. Ein Bauerrekel, ein solcher Bauerhund. Es ist ein Rekel von einem Hunde. 2) Ein großer, grober, ungeschickter Mensch, im verächtlichsten Verstande und nur in den niedrigsten Sprecharten, wo auch die Wörter sich rekeln, sich auf eine äußerst ungesittete Art ausdehnen, auflegen, Rekeley grobes ungesittetes Betragen, rekelhaft einem Rekel ähnlich u. s. f. bedeuten.

Anm. Im Schwed. in der letzten Bedeutung gleichfalls Räkel. Die Sylbe -el ist die Ableitungssylbe, welche hier ein Ding, ein Subject, in andern Wörtern aber ein Werkzeug bedeutet. Die erste Sylbe Rek gehöret zu dem alten Reck, Riese, recken, sich dehnen. Im Franz. ist Raccaille niedriger Pöbel im verächtlichsten Verstande. In der ersten Bedeutung eines großen Hundes kann es auch ein und eben dasselbe Wort mit 2 Racker, ein Hund im verächtlichen Verstande, seyn, S. dasselbe.


Religion (W3) [Adelung]


Die Religion, plur. -en, aus dem Lat. Religio, und dieß von religare, binden. 1. In der weitesten Bedeutung, in welcher es im Lateinischen mehrere Arten von Verbindlichkeit bedeutet, welche aber im Deutschen nicht gangbar sind. Doch gehöret dahin die in der Römischen Kirche übliche Bedeutung, wo die kirchlichen Orden zuweilen Religionen genannt werden, welcher Gebrauch doch auch im Lateinischen und Italiänischen am üblichsten ist. Indessen pflegt man den Maltheserorden in Deutschen Schriften wohl auch zuweilen die Religion von Maltha zu nennen, wo es einen durch gewisse Regeln und Gesetze eingeschränkten Stand bedeutet. Daher stammet das auch im Deutschen übliche der Religiose, eine Ordensperson, statt des niedrigern Mönch. 2. In engerer Bedeutung, dasjenige, was die Menschen so wohl unter einander als auch zugleich mit Gott verbindet; wo es in doppelter Bedeutung gebraucht wird. 1) Objective, die Art und Weise der Verehrung Gottes, der auf gewisse Wahrheiten von Gott gegründete Dienst desselben. Die heidnische, die Jüdische, die Mahomedanische, die christliche Religion, welche man die vier Haupt-Religionen zu nennen pflegt. Auch besondere Arten dieser Haupt-Religionen bekommen zuweilen den Nahmen der Religion. Die katholische, die Lutherische, die reformirte Religion. Von seiner Religion abfallen. Die Religion ändern. Einerley Religion haben. Sich zu keiner Religion bekennen. Eine andere Religion annehmen. Die wahre Religion, im Gegensatze einer falschen. Die natürliche Religion, im Gegensatze der geoffenbarten. In engerer Bedeutung verstehet man unter der Religion schlechthin oft die geoffenbarte christliche Religion. Man hat der Moral der Religion den Vorwurf gemacht, daß sie die Freundschaft nicht gebiethe, Gell. 2) Subjective, die dieser Art und Weise der Verehrung Gottes gemäße Gesinnung, das darin gegründete Verhalten; ohne Plural und nur in einigen R. A. Ein Mann ohne Religion, der sich zu keiner Religion bekennet, der sich von der Wahrheit keiner Religion überzeugen kann. Viel Religion haben, die Religion, zu welcher man sich bekennet, eifrig ausüben.

Anm. Ehe man dieses Wort aus dem Lat. entlehnte, hatte man andere jetzt veraltete Ausdrücke, die Religion zu bezeichnen. Raban Maurus nennet sie Ehafti, und Notker Ehalti, von E, das Gesetz, und hasten, halten, verbinden; Notker Wolunga, und einer der Schwäbischen Dichter Godes Reht.


Religions-Beschwerde (W3) [Adelung]


Die Religions-Beschwerde, plur. die -n. 1) Die Beschwerde oder Klage über gekränkte oder gehinderte Ausübung der Religion. 2) Beschwerden oder Bedrückungen anderer um der Religion willen, und in deren Ausübung; die Religions-Bedrückung.


Religions-Edict (W3) [Adelung]


Das Religions-Edict, des -es, plur. die -e, ein die Religion betreffendes Edict, in engerer Bedeutung, ein Edict, worin die Religion eines Landes bestimmt und festgesetzt wird.


Religions-Eid (W3) [Adelung]


Der Religions-Eid, des -es, plur. die -e, ein Eid, vermittelst dessen man sich zu einer Religion bekennet, sich dieselbe zu lehren und zu behaupten verbindet.


Religions-Eifer (W3) [Adelung]


Der Religions-Eifer, des -s, plur. car. der Eifer in seiner Religion und für dieselbe, ein starker und thätiger Eifer, sich allem dem zu widersetzen, was der Religion, zu welcher man sich bekennet, entgegen ist.


Religions-Freyheit (W3) [Adelung]


Die Religions-Freyheit, plur. inus. die Freyheit sich zu einer Religion zu bekennen, zu welcher man will. In engerer Bedeutung, die Freyheit, die Religion, zu welcher man sich bekennet, öffentlich auszuüben.


Religions-Friede (W3) [Adelung]


Der Religions-Friede, des -ns, plur. die -n, in dem Deutschen Staatsrechte, ein Friedensschluß oder Vertrag zwischen dem Kaiser und den Ständen, worin die innere Ruhe im Reiche in Ansehung der Religion festgesetzet wird; im Gegensatze des Profan-Friedens. Besonders ist der zu Augsburg im Jahre 1555 zwischen dem katholischen und protestantischen Reichstheile errichtete Vertrag dieser Art unter diesem Nahmen bekannt.


Religions-Gesellschaft (W3) [Adelung]


Die Religions-Gesellschaft, plur. die -en, S. Religions-Partey.


Religions-Krieg (W3) [Adelung]


Der Religions-Krieg, des -es, plur. die -e, ein Krieg, welcher um der Religion willen geführet wird.


Religions-Partey (W3) [Adelung]


Die Religions-Partey, plur. die -en, eine Partey, d. i. ein Theil einer Kirche, welcher in den Grundwahrheiten und dem darauf gegründeten Gottesdienste von derselben unterschieden ist, und mit den übrigen in keiner Kirchengemeinschaft stehet. So sind die Katholischen, Lutheraner und Reformirten Religions-Parteyen in der christlichen Kirche. Betrifft die Abweichung nur den Gottesdienst oder keine Grundwahrheiten, so pflegt man sie eine Religions-Gesellschaft zu nennen. So sind die Herrenhuther keine Religions-Partey, sondern nur eine Religions-Gesellschaft.


Religions-Spötter (W3) [Adelung]


Der Religions-Spötter, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Religions-Spötterinn, eine Person, welche über eine Religion spottet; in engerer Bedeutung, theils welcher der Religion spottet, zu welcher er sich äußerlich bekennet, theils der aller Verehrung Gottes spottet. Daher die Religions-Spötterey.


Religions-Streit (W3) [Adelung]


Der Religions-Streit, des -es, plur. die -e, ein Streit in der Religion oder um derselben willen; die Religions-Streitigkeit.


Religions-Übung (W3) [Adelung]


Die Religions-Übung, plur. die -en. 1) Die freye Ausübung der Religion, zu welcher man sich bekennet, der gemeinschaftliche Gottesdienst; ohne Plural. 2) Die Ausübung der Vorschriften einer Religion in einigen Fällen.


Religions-Verwandte (W3) [Adelung]


Der Religions-Verwandte, des -n, plur. die -n, derjenige, welcher sich mit dem andern zu einer und eben derselben Religion bekennet.


Religions-Zwang (W3) [Adelung]


Der Religions-Zwang, des -es, plur. inus. der Zwang in der Ausübung der Religion; im Gegensatze der Religions-Freyheit.


Religiös (W3) [Adelung]


Religiös, -er, -este, adj. et adv. von dem Lat. religiosus, Fertigkeit besitzend, die zur Religion gehörigen Übungen bey sich und andern zu unterhalten, und darin gegründet. Daher die Religiosität, plur. inus. die Fertigkeit selbst.


Religiose (W3) [Adelung]


Der Religiose, des -n, plur. die -n, S. Religion 1.


Relle (W3) [Adelung]


Die Relle, plur. die -n, in einigen, besonders Oberdeutschen Gegenden, ein Nahme der Haselmaus, ( S. dieses Wort,) wo dieselbe auch wohl Rellmaus, (Holländ. Rellmuys,) und mit vorgesetztem Gaumenlaute Greul genannt wird.


Remel (W3) [Adelung]


Der Remel, des -s, plur. ut nom. sing. ein nur in einigen gemeinen Mundarten übliches Wort. Im Oberdeutschen wird ein unförmliches, dickes Stück Holz, besonders ein solches mit einem Aste versehenes Stück Brennholz, welches daher nicht kleiner gespalten werden kann, ein Remel genannt. Im Bremischen ist Remel ein Bündel Flachs von zwanzig Pfund, ein Stein; in Meklenburg eine Reihe Bäume; im Oldenburgischen aber werden die von der Pflugschar aufgeworfenen Erdschollen Remel genannt. Man siehet leicht, daß hier die Ausdehnung, besonders in die Dicke, zum Grunde liegt. In andern Fällen sticht der Begriff der Ausdehnung der Länge allein vor, und dann ist es mit Rahmen, Riemen, dem Lat. Ramus, dem Oberd. Tram, eine Balke, Eines Geschlechtes. In einigen Niederdeutschen Gegenden ist daher Remel oder Rämel, im Hannöv. Remsche, auch eine Furche, Rinne.


Remise (W3) [Adelung]


Die Remise, plur. die -n, das Franz. Remise, ein Schuppen. Eine Wagen-Remise, ein Wagenschuppen.


Remse (W3) [Adelung]


Die Remse, plur. inus. in einigen Gegenden, ein Nahme des Waldknoblauches. S. Ramsel.


-ren (W3) [Adelung]


-ren, eine Endsylbe vieler Zeitwörter, welche in manchen mit Ausstoßung des e nur rn, und in andern mit Versetzung des r -ern lautet. Sie hat vornehmlich einen doppelten Ursprung. 1) Viele solche Zeitwörter stammen unmittelbar von Nennwörtern oder Partikeln her; welche sich auf ein r endigen, da denn eigentlich nur n oder en die Endsylbe ist. Dergleichen sind ändern, anders machen, ankern, von Anker, äußern, von außer, bildern, von dem Plural Bilder, blättern, buttern, dörren, empören, klären, erweitern, erwiedern, federn, fiebern, feuern oder feuren, geifern, hindern u. s. f. S. -Ern. 2) In andern hingegen ist es eine eigene Ableitungssylbe, welche manchen Zeitwörtern angehänget wird, Intensiva und zuweilen auch Iterativa daraus zu bilden, da es denn oft geschehen ist, daß das einfache Zeitwort verloren gegangen ist, und nur das abgeleitete übrig gelassen hat. Von dieser Art sind mähren, von mähen, bewegen, flackern, von flacken, gehren in begehren, von dem veralteten gahen, jahen, sagen; von gehren ist girren ein neues Intensivum. Ferner wahren, währen, wehren, donnern, von tönen, Lat. tonare, erinnern, fordern, flistern, flattern, bohren, kehren, spuhren, von spahen, rühren u. s. f. Von welchen allen sich bey genauerer Untersuchung immer noch das einfachere Zeitwort wird auffinden lassen. Es ist so wenig als irgend eine andere Ableitungssylbe ein bloßer leerer Schall, sondern allem Ansehen nach ein Verwandter von rennen, rinnen, und dessen Stammworte, dem veralteten renen, rinen, so fern es sich fortbewegen bedeutet, zumahl, da schon das r allein eine zitternde Bewegung andeutet, und also ein sehr natürliches Bild so wohl des erhöheten Grades der innern Stärke als auch der Wiederhohlung ist. Da l und r beständig in einander übergehen, so ist auch die in andern Zeitwörtern eingeführte Ableitungssylbe -len mit demselben verwandt, nur nicht so fern dieses in manchen Wörtern eine verkleinernde Bedeutung hat. S. -Ern.


Renegat (W3) [Adelung]


Der Renegat, des -en, plur. die -en, aus dem mittlern Lat. Renegatus, renegare, verläugnen, eine Person, welche ihrer Religion entsaget und zu einer andern außer der christlichen übergehet; wo es besonders von Christen üblich ist, welche zu der Mahomedanischen Religion übergehen, und welche Jeroschim, ein Schriftsteller des 14ten Jahrhundertes, vernoigirte Leute nennet.


Renette (W3) [Adelung]


Die Renette, plur. die -n, aus dem Franz. Reinette, von Reine, Königinn, Apfel der Königinn, der Nahme einer schmackhaften Art Äpfel, welche mit einem grauen Roste überzogen sind, auch Rennet-Äpfel genannt werden, und wovon die so genannten Prager Äpfel eine Art sind. Engl. Rennet.


Renke (W3) [Adelung]


Die Renke, plur. die -n, eine im Oberdeutschen übliche Benennung einer Art Weißfische, welche sehr schmackhaft sind, ein überaus weißes Fleisch haben, aber den Augenblick sterben, so bald sie aus dem Wasser kommen; der Gangfisch.


Renken (W3) [Adelung]


Renken, verb. reg. act. welches eigentlich das Intensivum von ringen, und dessen Stammworte, dem veralteten renen, reinen, sich in die Länge fortbewegen ist. Es bedeutet eigentlich heftige Bewegungen nach allen Seiten machen, ist aber im Hochdeutschen nur in den Zusammensetzungen ausrenken, einrenken und verrenken üblich. Im Oberdeutschen aber gebraucht man es noch allein, theils für lenken, einen Wagen renken, d. i. lenken, theils aber auch für recken, sich renken, sich recken, dehnen; von welchem recken, vermittelst des eingeschalteten n, welches in mehrern Fällen ein Begleiter der Gaumenbuchstaben ist, es auch unmittelbar gebildet seyn kann. Im Ital. dirancare, ausrenken, und rancare, hinken. S. auch Rank.


Rennbahn (W3) [Adelung]


Die Rennbahn, plur. die -en, eine Bahn, d. i. ein langer, ebener Platz, darauf zu rennen, Rennspiele darauf zu halten; die Laufbahn. Im Bergbaue wird auch derjenige kreisförmige Platz in dem Treibegöpel, auf welchem die Pferde im Kreise gehen, die Rennbahn genannt.


Rennberg (W3) [Adelung]


Der Rennberg, des -es, plur. car. oder die Rennberge, sing. car. im Bergbaue, dasjenige, was von dem Erze abrieselt, wenn es durch die Renne oder durch das Gerinn von einer Höhe hinab gerollet wird; von dem Collectivo Berg oder Berge, jede Erd- oder Steinart.


Renne (W3) [Adelung]


Die Renne, plur. die -n, ein nur im gemeinen Leben übliches Wort. In den Niederdeutschen Gegenden wird die Gosse auf den Gassen, in welcher das Wasser rinnet, die Renne, die Rönne, der Rennstein genannt. Im Bergbaue führet das Gerinne, wodurch man das Erz oder Gestein von einer Höhe hinab rollen läßt, den Nahmen der Renne.


Renneisen (W3) [Adelung]


Das Renneisen, des -s, plur. ut nom. sing. im Bergbaue, 1) eine Katze mit einem langen Stiele, den Ofen damit von den Ofenbrüchen zu reinigen; wo es für Reineisen zu stehen scheinet, oder vielmehr das Intensivum von dem veralteten reinen, für reinigen, ist. 2) Eben daselbst wird auch eine Art gereinigten Eisens, welches mit hölzernen Hämmern so lange geschlagen worden, bis es völlig rein ist, collective Renneisen genannt, da es denn keinen Plural hat.


Rennen (W3) [Adelung]


Rennen, verb. irreg. Imperf. ich rannte; Mittelw. gerannt; Imperat. renne. Es ist in doppelter Gestalt üblich. 1. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte seyn. 1) * Sich schnell bewegen, besonders sich schnell um seine Achse bewegen; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, welche noch in einigen Zusammensetzungen übrig ist, ( S. Rennberg, Rennspindel u. s. f.) Die Welle an einem Haspel wird um deßwillen noch an einigen Orten der Rennbaum genannt. ( S. die Anm.) 2) In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, sich vermittelst der Füße sehr schnell fortbewegen, wo es von der äußersten Geschwindigkeit der Menschen und Thiere gebraucht wird, und daher mehr sagt, als laufen. Er rennt, als wenn ihm der Kopf brennte, im gemeinen Leben. Gerannt kommen, so wie man auch sagt, gegangen, gelaufen, gesprungen, getanzet kommen. Auf jemanden zurennen. Nach etwas rennen. Zum Hause hinaus rennen. Mit dem Kopfe wider die Wand rennen. Ingleichen mit größter Geschwindigkeit reiten oder fahren. Nach dem Ziele rennen, es geschehe nun zu Fuße, zu Pferde, oder auch zu Wagen. Ein Reuter rennete (rannte) auf ihn zu, 2 Macc. 12, 35. Sie sind gestaltet wie Rosse, und rennen wie Reuter, Joel. 2, 4. Aber mit dem Wagen, mit dem Pferde rennen, wie es in der Deutschen Bibel mehrmahls heißt, kommt es im Hochdeutschen wenig mehr vor. In der höhern Schreibart auch wohl in Gestalt eines Activi mit der vierten Endung. Wiehernd steigen die Pferde der Sonne mit dampfenden Nasen Aus den Fluthen herauf, die feurige Laufbahn zu rennen, Zachar. Ingleichen figürlich. Nach etwas rennen, sich mit vieler Geschäftigkeit um etwas bewerben. In sein Verderben, in das Unglück rennen, ohne Überlegung demselben entgegen eilen. 2. Als ein Activum. 1) In der vorigen engern Bedeutung, mit thätigen Nebenbegriffen. Jemanden zu Boden rennen. 2) In weiterer Bedeutung, schnell bewegend machen, von verschiedenen Arten der heftig schnellen Bewegung. a) Jemanden den Degen durch den Leib, das Messer in den Bauch rennen, für stoßen. Auch das ehemahlige Turnieren mit Lanzen wurde Rennen genannt, entweder so fern man in demselben zu Pferde auf einander rannte, oder auch von diesem rennen, stechen. b) Als das Activum von rinnen; doch nur noch in einigen Fällen des gemeinen Lebens. Der Wein wird von den Weinfälschern gerennet und geschmieret, mit Wasser vermischt, gewässert, wie es Frisch erkläret. In dem Hüttenbaue wird das Eisen gerennet, d. i. geschmelzet, welches auf dem Rennherde geschiehet; wenn es hier nicht vielmehr von rein abstammet und für reinigen stehet. Siehe Renneisen. Daher das Rennen.

Anm. In dem alten Gedichte auf dem heil. Anno rennin, im Nieders. ronnen, rönnen, welches aber auch rinnen bedeutet, im Schwed. ränna, im Angels. mit versetztem r aernan, yrnan, wo aber doch Rin der Lauf, und Renner ein Läufer ist. Das verdoppelte n zeiget schon, daß dieses Zeitwort ein Intensivum ist, dessen Stammwort renen oder reinen noch nicht veraltet ist. Die Jäger sagen noch jetzt von dem Fuchse, daß er reine, wenn er trabt, und bey dem Ottfried ist rinan kommen. Das Engl. to run, laufen, hat dieses einfachere Wort auch noch, und in Baiern ist rundi schnell. Es bedeutet ursprünglich eine schnelle Bewegung nach allen Richtungen, und ist daher mit dem alten rainen, berühren, ( S. Rain,) reinen für scheuern, polieren, reinigen, ringen, Ranke, rund u. s. f. genau verwandt. Da es hier wiederum auf eine Onomatopöie ankommt, einerley Laut aber verschiedenen Dingen gemein seyn kann, so gehöret auch Ottfrieds veraltetes rennan, erzählen, antworten, hierher, ( S. Raunen) so wie brennen und trennen vermittelst verschiedener Vorlaute von diesem Worte gebildet worden. Rennen und rinnen sind ursprünglich ein und eben dasselbe Wort, obgleich das letztere durch den Gebrauch bloß auf flüssige Körper eingeschränket worden. ( S. das letztere.) Viele Hochdeutsche Schriftsteller, und unter andern auch Luther, wandeln es regelmäßig ab, ich rennete, gerennet; indessen ist die irreguläre Form im Hochdeutschen doch immer die gewöhnlichste. Gut wäre es, wenn der Gebrauch es verstattete, das Activum allein regelmäßig zu gebrauchen, da denn die irreguläre Form dem Neutro eigen bleiben könnte. In Heynatzens Briefen über die Deutsche Sprache Th. 4, S. 248 heißt es, in Sachsen spreche man das n in gerannt einfach, und dieses müsse den übrigen Deutschen zur Regel dienen. Allein man spricht es wohl in Oberd.- als Niedersachsen doppelt, so wie die Etymologie es erfordert; sprächen die Meißner, (welche der Verfasser hier unter den Sachsen zu verstehen scheinet,) wie doch nicht geschiehet, wirklich gerahnt, wie einige Schlesische Gegenden thun, so wäre das ein Provinzial-Fehler, der nie zur Regel dienen könnte.


Renner (W3) [Adelung]


Der Renner, des -s, plur. ut nom. sing. ein jetzt ungewöhnliches Wort, welches aber ehedem sehr üblich war, einen Läufer zu bezeichnen. Von Pferden, welche zum Wettrennen abgerichtet sind, kommt es noch zuweilen vor.


Rennherd (W3) [Adelung]


Der Rennherd, des -es, plur. die -e, in den Eisenhämmern, ein Herd, auf welchem das Eisen gerennet, d. i. geschmelzet wird, S. Rennen 2. 2).


Rennjagen (W3) [Adelung]


Das Rennjagen, des -s, plur. ut nom. sing. oder die Rennjagd, plur. die -en, eine Art der Jagd, da man das Wild mit Jägern zu Pferde und mit Hunden so lange verfolget, bis es ermüdet; die Laufjagd. Für beyde ist indessen das Französische Parforße-Jagd üblicher.


Rennkäfer (W3) [Adelung]


Der Rennkäfer, des -s, plur. ut nom. sing. eine Art schnellfüßiger Käfer, welcher sich besonders, wenn in Gärten gespeiset wird, sehen läßt, wo er die vom Tische fallenden Brocken frißt; Carrabus L. in Thüringen Kueiphahn.


Rennschiff (W3) [Adelung]


Das Rennschiff, des -es, plur. die -e, eine besondere Art leichter Schiffe, welche sehr geschwinde segeln, und auch Jagdschiffe heißen. In engerer Bedeutung ist es eine besondere Art dieser Schiffe, welche lang von Gebäude sind, und zugleich segeln und rudern, um desto geschwinder fortzukommen.


Rennschlitten (W3) [Adelung]


Der Rennschlitten, des -s, plur. ut nom. sing. ein leichter Schlitten, vermittelst desselben schnelle von einem Orte zum andern zu kommen; zum Unterschiede von einem Fuhrschlitten, auf welchem schwere Sachen fortgeschaffet werden. Ist das Geschirr eines Pferdes vor einem Rennschlitten mit einem Schellengeläute versehen, so wird er ein Schellenschlitten genannt.


Rennse (W3) [Adelung]


Die Rennse, plur. inus. in einigen Gegenden, ein Nahme des Labes oder Käselabes, weil es die Milch rinnen oder gerinnen macht. S. Rinnen, daher es bey einigen auch Rinnsal heißt.


Rennspiel (W3) [Adelung]


Das Rennspiel, des -es, plur. die -e, eine Art Spiele, worin man nach etwas rennet, es geschehe nun zu Fuße oder zu Pferde, oder auch zu Wagen. Auch die ehemahligen Turniere waren unter diesem Nahmen bekannt; vielleicht von rennen, stechen.


Rennspindel (W3) [Adelung]


Die Rennspindel, plur. die -n, bey den Schlössern, ein Bohrer, welcher vermittelst eines Riemens zum Rennen, d. i. zur schnellen Bewegung um seine Achse, gebracht wird. Siehe Drillbohrer.


Rennstein (W3) [Adelung]


Der Rennstein, des -es, plur. die -e, am häufigsten im Nieders. eine steinerne, ingleichen eine gemauerte Rinne. So wird die Gosse in dem Steinpflas=ter daselbst häufig mit diesem Nahmen belegt; Schwed. Rännsten.


Rennthier (W3) [Adelung]


Das Rennthier, des -es, plur. die -e, ein vierfüßiges, zweyhufiges, mit einem dichten, ästigen Geweihe, versehenes Thier, welches zu dem Hirschgeschlechte gehöret, aber ein vorwärts gekrümmtes, und am Ende schaufeliges Geweih hat, in den nördlichsten Gegenden von Europa und Asien lebt, und sehr schnell läuft; Tarandus L. Cervus rangifer Kl. Anm. Im Schwed. Ren, im Angels. Hranar, im Engl. Raindeer, im Franz. Rangier, im Norweg. Reensdyr, ehedem Hreindyr, bey den Lappen, deren einzigen Reichthum dieses Thier ausmacht, Raingo, welches aber bey ihnen auch ein jedes Thier bedeutet. Allem Ansehen nach ist der diesem Thiere eigenthümliche schnelle Lauf der Grund seiner Benennung, obgleich auch sein ästiges, rankenförmiges Geweih nebst andern Umständen mit in Betrachtung kommen könnte. S. Reineke und Reh.


Rennthierbremse (W3) [Adelung]


Die Rennthierbremse, plur. die -n, die größte Art Bremsen, welche haarig ist, und die Rennthiere in Lappland auf das hartnäckigste verfolget, um ihre Eyer auf die Haut derselben fallen zu lassen; Oestrus L.


Renommist (W3) [Adelung]


Der Renommist, des -en, plur. die -en, aus dem Franz. renomme, im gemeinen Leben, besonders auf Universitäten, ein Mensch, der wegen seiner Rauf- und Streitsucht berühmt ist, und in weiterm Verstande, der seinen Ruhm in Beleidigung des äußern Wohlstandes und der guten Sitten setzet.


Rentamt (W3) [Adelung]


Das Rentamt, des -es, plur. die -ämter, ein Amt, welches sich mit der Einnahme und Berechnung der Renten eines andern, besonders eines Landesherrn, beschäftiget. Ein Rentamt bekleiden. Ingleichen in manchen Gegenden, ein Landesbezirk, in welchem die Einnahme und Berechnung der landesfürstlichen Renten jemanden anvertrauet ist; das Kammeramt, und oft nur das Amt schlechthin. In Baiern führen auch die Landesregierungen, deren in dem Herzogthume fünf sind, den Nahmen der Rentämter, vermuthlich auch so fern sie zugleich mit Einhebung der Renten zu thun haben.


Rente (W3) [Adelung]


Die Rente, plur. inus. noch häufiger aber im Plural allein, die Rente, ohne Singular, die Einkünfte, dasjenige, was einkommt, besonders von Grundstücken und Capitalien. Getreide-Renten, Getreidezinsen. Besonders im Gelde, wo es theils von den obrigkeitlichen Einkünften in Gelde gebraucht wird. Daß man aus des Königs Gütern von den Renten jenseit des Wassers nehme u. s. f. Esr. 6, 8. Daß ihr nicht Macht habt, Zins, Zoll und jährliche Rente zu legen auf irgend einen Priester, Kap. 7, 34. In welchem Verstande es doch nur noch in einigen Oberdeutschen Gegenden üblich ist. Theils auch von den Zinsen eines Capitales; doch nur noch in einigen R. A. von seinen Renten leben, von seinen Interessen. Ein Capital auf Renten legen. Leib-Renten, hohe Zinsen von einem Capital, welche man nur auf Lebenszeit ziehet. In einigen Gegenden wird auch eine Anstalt, wo landesfürstliche Einkünfte eingenommen werden, die Rent und Rente genannt. Von dieser Art ist die Rent zu Lohnek, welche ein Churmainzisches Zollamt am Rheine ist, welches aus einem Rent-Präsidenten, einem Directore, einem Rentmeister, sieben Rent-Officianten, u. s. f. bestehet.

Anm. Im Nieders. gleichfalls Rente, im Engl. Rent, im Wallis. Rhent, im Schwed. Ränte, im Span. Renta; ohne Zweifel insgesammt aus dem Franz. Rente und Ital. Rendita, welche wieder von rendre und rendere abstammen; wenn nicht vielmehr das noch bey dem Ottfried befindliche rinan, kommen, ( S. Rennen Anm.) das Stammwort von allen ist, so daß es mit Einkünfte gleichbedeutend sen würde. Das Nieders. Rente, Zerbrechung, gehöret mit unserm trennen zu dem Angels. rendan, schneiden, brechen.


Renten (W3) [Adelung]


Renten, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, an Renten einbringen. Das Gut rentet jährlich tausend Thaler, trägt so viel ein. In berenten, mit Renten versehen, hat es eine thätige Bedeutung.


Renteney (W3) [Adelung]


Die Renteney, plur. die -en, eine Anstalt, in welcher obrigkeitliche Renten eingenommen werden, wo es zuweilen auch Rentey, Renterey, Rentnerey, Rentkammer, Rentamt, Rentmeisterey u. s. f. lautet, und bald mit dem, was man sonst auch die Kammer nennet, gleichbedeutend ist, bald auch noch von derselben unterschieden wird. In dem Churfürstenthum Sachsen sind die Renterey und die Rentkammer zwey besondere, dem Kammer-Collegio untergeordnete Collegia, wovon die Renterey aus einem Inspectore, einem Land-Rentmeister, einem Vice-Land-Rentmeister, fünf Rent-Rechnungs-Secretarien und verschiedenen Rent-Calculatoren bestehet. Die Rentkammer hingegen ist mit einem Oberkammermeister, einem Rentkammermeister, zwey Cassiern, zwölf Kammerschreibern u. s. f. besetzt. Beyde Collegia haben verschiedene Arten von Renten einzunehmen.


Rentenierer,Rentierer,Rentner (W3) [Adelung]


Der Rentenierer, Rentierer oder Rentner, des -s, plur. ut nom. sing. der von seinen Renten, d. i. Interessen, lebt; am häufigsten im Niedersächsischen. Ital. Renditario.


Renterey (W3) [Adelung]


Die Renterey, Rentey, S. Renteney.


Rentkammer (W3) [Adelung]


Die Rentkammer, plur. die -n, S. Renteney.


Rentmeister (W3) [Adelung]


Der Rentmeister, des -s, plur. ut nom. sing. dessen Gattinn, die Rentmeisterinn, derjenige, welcher die Renten eines andern einnimmt und berechnet. In engerer Bedeutung derjenige, welcher einer Rentkammer oder Rentey vorgesetzt ist. ( S. Renteney.) Daher die Rentmeisterey, dessen Amt und Bezirk.


Rentner (W3) [Adelung]


Der Rentner, S. Rentenierer.


Rentrieren (W3) [Adelung]


Rentrieren, verb. reg. act. welches nur bey den Schneidern einiger Gegenden, besonders Nieder-Deutschlandes, üblich ist, die Naht an einem Tuchkleide von außen mit feiner Seide benähen, welches in Niedersachsen auch ütern, äußern, genannt wird. Nicht, wie es in dem Brem. Nieders. Wörterbuche heißt von Rand, sondern aus dem Franz. rentraire, welches eben diese Bedeutung hat.


Rentschreiber (W3) [Adelung]


Der Rentschreiber, des -s, plur. ut nom. sing. der Schreiber bey einem Rentamte, oder bey einer mit dem Nahmen der Rente belegten Einnahme, wofür an einigen Orten auch Renteyschreiber üblich ist.


Rentzel (W3) [Adelung]


Der Rentzel, S. Ränzel.


Reolen (W3) [Adelung]


Reolen, S. Riolen.


Repetiren (W3) [Adelung]


Repetiren, verb. reg. act. welches aus dem Lat. repetere, im gemeinen Leben für wiederholen üblich ist. Daher die Repetir-Uhr, eine Schlaguhr, welche nicht nur die Stunden, zu welcher Zeit man will, sondern welche auch noch die Viertelstunden schlägt; das Repetir-Werk, die sämmtlichen dazu gehörigen Stücke in einer solchen Uhr; der Repetir-Stift, ein Zapfen in diesem Repetir-Werke, worauf sich die zu demselben gehörige Feder der Auslösung, die Einfallschnalle, der Schöpfer, der Rechen, und der Sperrkegel bewegen.


Repphuhn (W3) [Adelung]


Das Repphuhn, des -es, plur. die -hühner, eine Art wilder Hühner, welche die Größe einer Taube hat, grau und schwarz von Farbe ist, nackte Füße, und einen nackten scharlachenen Flecken hinter den Augen hat, und sehr schlecht fliegt, aber desto schneller zu Fuße ist; Perdix L. Es hält sich gern auf den Feldern und Ackern auf, daher es auch in einigen Gegenden Ackerhuhn und Feldhuhn genannt wird. Ein Flug Repphühner, ein Haufe mehrerer zugleich auffliegender Repphühner.

Anm. Im Nieders. Rapphohn, im Schwed. Rapphöna. Eine Art rother Repphühner ist in der Schweiz unter dem Nahmen Pernise bekannt, welches aus dem Ital. Pernice, Lat. Perdix, gebildet ist, ( S. Rothhuhn;) in andern Gegenden heißt es Wälsches Repphuhn. Das weiße Repphuhn der Graubündner ist unser Schneehuhn. ( S. dasselbe) Ihre leitet den Nahmen dieses Vogels von rapp, grau, braun, her. Allein sein schneller Gang scheinet mehr Anspruch auf die Abstammung zu haben. Im Nieders. ist rapp schnell, reppen, schnell bewegen, sich reppen, sich eilfertig fort machen, Repp Geschäftigkeit u. s. f. welche insgesammt zu unsern raffen gehören, und Intensiva von dem veralteten reben, sich in die Länge fort bewegen, sind, ( S. Rebe.) Indessen stehet es noch dahin, ob nicht auch das natürliche Geschrey dieses Vogels zu seine Benennung Anlaß gegeben, da denn dieselbe mit Rabe, rufen, Nieders. röpen, und andern Eines Geschlechtes seyn würde. In den gemeinen Sprecharten ist reppen, reppsen, rülpsen. Im Hebräischen wird es daher wirklich - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - genannt, von - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, rufen, welches aber auch den Begriff der Bewegung leidet, und alsdann mit unsern kehren, dem Intensivo von gehen, verwandt ist. Man wähle, welche Ableitung man will, so wird man die Unrichtigkeit der von vielen angenommenen Schreibart Rebhuhn erkennen müssen, welche noch über dieß ganz wider die Aussprache ist, welche das e scharf, den folgenden Mitlauter aber hart und doppelt hören läßt, daher man es billig Repphuhn schreibet.


Repphühnerkraut (W3) [Adelung]


Das Repphühnerkraut, S. Glaskraut.


Repressalien (W3) [Adelung]


Die Repressalien, sing. inus. aus dem Lat. Repressalia und dieß von reprimere, angewendete Gewalt, ein von andern zugefügtes Unrecht dadurch zu rächen, oder ihn zum Ersatze zu nöthigen; die Gegengewalt, Gegenbeleidigung, welches letztere doch nicht so bequem ist. Repressalien gebrauchen.


Reps (W3) [Adelung]


Der Reps, Beerwein, S. Räpps.


Republik (W3) [Adelung]


Die Republik, plur. die -en, von dem Franz. Republique, und dieß aus dem Lat. Respublica. 1) Im weitesten Verstande, eine jede bürgerliche, aus mehrern häuslichen Gesellschaften zur Erhaltung äußerer Sicherheit zusammengesetzte Gesellschaft, welche auch ein Staat genannt wird. 2) In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung ist die Republik eine solche bürgerliche Gesellschaft, in welcher die höchste Gewalt mehrern anvertrauet ist. Daher der Republikaner, der Einwohner einer solchen Republik, Republikanisch einer Republik gemäß, in ihrer Verfassung gegründet.


Rescript (W3) [Adelung]


Das Rescript, des -es, plur. die -e, aus dem mittlern Lat. Rescriptum, diejenige Schrift eines Landesherrn, worin er sich auf das Bittschreiben eines Unterthanen, auf die Anfrage eines Collegii u. s. f. erkläret.


Reservat (W3) [Adelung]


Das Reservat, des -es, plur. die -e, aus dem Lat. Reservatum, in dem Deutschen Staatsrechte, Gerechtsame, welche der Kaiser allein, ohne Zuziehung der Reichsstände, auszuüben befugt ist, und wohin auch die Majestätsrechte gehören.


Resident (W3) [Adelung]


Der Resident, des -en, plur. die -en, aus dem Franz. Resident, derjenige, welcher sich an einem Orte beständig, oder doch geraume Zeit aufhält, und daselbst die Angelegenheiten eines Staates oder regierenden Herren besorget, und der Würde nach geringer ist, als ein Gesandter. Dessen Gattinn die Residentinn.


Residenz (W3) [Adelung]


Die Residenz, plur. die -en, aus dem Latein. Residentia. 1) Der Zustand, da sich eine Person gewöhnlich an einem Orte aufhält; ohne Plural. In welchem Verstande es von fürstlichen und andern Personen von dem hohen Adel zuweilen gebraucht wird. Seine Residenz an einem Orte nehmen, seinen ordentlichen, gewöhnlichen Aufenthalt. In dem canonischen Rechte der Römischen Kirche ist es der ordentliche beständige Aufenthalt eines Geistlichen an dem Orte seiner Pfründe, und die Verbindlichkeit zu diesem Aufenthalte. 2) Der Ort, an welchem sich eine fürstliche oder andere Person von hohem Adel gewöhnlich aufhält; das Hoflager, da denn so wohl das Schloß das Residenz-Schloß, als auch die Stadt die Residenz-Stadt oder Hofstadt, oft nur die Residenz schlechthin, genannt wird. Ehedem war dafür das veraltete Sedilhove, Siedelhof üblich, welches in diesem Verstande noch in dem alten Gedichte auf den heil. Anno vorkommt.


Resonanz (W3) [Adelung]


Die Resonanz, plur. die -en, aus dem Lat. Resonantia, in der Musik, derjenige Klang, welcher entstehet, wenn die durch einen Klang erschütterte Luft gegen Körper stößt, deren Theilchen in dem Grade gespannt sind, daß sie diese Art von Schwingungen annehmen und hörbar machen können. Daher der Resonanz-Boden, im musikalischen Instrumenten, derjenige Boden, welcher diese Resonanz hervorbringt; das Resonanz-Loch, dasjenige Loch in demselben, aus welchem dieselbe heraus gehet.


Reß (W3) [Adelung]


Reß, scharf von Geschmack, S. Räsch 2.


Reßbaum (W3) [Adelung]


Der Reßbaum, des -es, plur. die -bäume, in einigen Oberdeutschen Gegenden, ein starker Balken, welcher andern schwächern Balken zur Unterlage dienet; im Hochdeutschen ein Träger. Vielleicht Stärke und Dicke zu bezeichnen, als das Stammwort von groß, ( S. dasselbe und Riese.) Frisch führet folgende Stelle aus Fronsbergs Kriegsrüst. S. 20 an: Ein Wagen mit Zimmerholz, groß und klein, zu Setzbäumen gestroben, Rister und anderer Notturft; wo er das Rester für ganz veraltet hält, und es unerklärt läßt.


Ressen (W3) [Adelung]


Ressen, verb. reg. act. welches nur im Bergbaue üblich ist, wo es hauen, graben bedeutet, aber auch nur in einigen Fällen vorkommt. Ein Feld verressen, es verhauen, verfahren. Es gehöret hier zu reißen, so fern es ehedem auch hauen, graben, schneiden, bedeutete. Eben daselbst ist auch der Ressen derjenige Floß- oder Wassergraben, worin geseifet wird, und der Reßort die Weite des Feldes, so weit sich ein solcher Ressen erstrecket; wo auch das Reißen, sich schnell bewegen, von flüssigen Körpern, mit eintritt. Im Böhmischen ist rzezatj schneiden, stechen, und rzyctj fließen, im Wend. Reczka ein Bach. Siehe Reißen und Rösche.


Reßort (W3) [Adelung]


Der Reßort, des -es, plur. die -örter, S. das vorige.


Rest (W3) [Adelung]


Der Rest, des -es, plur. die -e, Dimin. das Restchen. Oberd. Restlein, dasjenige, was von einer Sache übrig oder zurück geblieben ist. Der Rest von einem Stücke Tuch, von einem Gericht Essen u. s. f. Das ist der ganze Rest. Besonders dasjenige, was man von einer zu bezahlenden Summe unbezahlt läßt. Einen Rest abtragen, bezahlen. Wo es auch als ein Abstractum gebraucht wird, in Rest bleiben, mit der Zahlung zurück bleiben, ingleichen nicht ganz bezahlen. Ingleichen als ein Neben- wert. Wenn man 24 von 26 abziehet, so bleiben 2 Rest, d. i. als ein Rest. ( S. Überrest.) Figürlich sagt man im gemeinen Leben, jemanden den Rest geben, ihn völlig umbringen, ingleichen ihn völlig zu Grunde richten, völlig unglücklich machen. Er hat seinen Rest, er ist völlig umgebracht, völlig zu Grunde gerichtet; ingleichen, er ist völlig trunken u. s. f.

Anm. Es ist wohl zunächst aus dem Franz. Reste und Ital. Resto entlehnet, welche man gemeiniglich als Zusammenziehungen aus dem Lat. Residuum anzusehen pflegt, ob sie gleich auch mit unserm Rast verwandt seyn können. ( S. dasselbe.) Im Oberdeutschen ist für Rest in der Bezahlung auch Restanz und Restant üblich, aus dem mittlern Lat. Restantia.


Restant (W3) [Adelung]


Der Restant, des -en, plur. die -en, aus dem Lat. restans, derjenige, welcher mit seiner schuldigen Bezahlung entweder ganz oder doch zum Theil zurück ist, besonders in Bezahlung obrigkeitlicher Abgaben.


Resten (W3) [Adelung]


Resten, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, zurück seyn, außen stehen, besonders von Geldern, welche schon bezahlt seyn sollten. Es resten noch einige Thaler. Wofür man auch restiren gebraucht, aus dem Lat. restare.


Retirade (W3) [Adelung]


Die Retirade, plur. die -n, aus dem Franz. Retirade. 1) Der Rückzug, besonders der eilfertige, einer Flucht ähnliche Rückzug eines Kriegsherren; der Rückzug. Ingleichen die Begebung an einen Ort zu seiner Sicherheit; die Zuflucht. Seine Retirade wohin nehmen. 2) Der Ort, wohin man sich in manchen Fällen begibt. So ist in dem Festungsbaue die Retirade dasjenige Retranchement bey einem Werke, welches einen einwärts gebogenen Winkel hat, um sich dahinter zu wehren, wenn man dem Feinde einen Posten überlassen muß. Auch der Abtritt oder Nachstuhl wird in der Sprache der gesellschaftlichen Höflichkeit zuweilen die Retirade genannt, so wie ein jedes Zimmer, in welches man sich begibt, wenn man allein seyn will.


Retorte (W3) [Adelung]


Die Retorte, plur. die -n, aus dem Franz. Retorte, und Ital. Ritorta, welches wiederum von ritorcere, zurück drehen oder biegen, abstammet; in der Chymie, ein chymisches, irdenes oder gläsernes Gefäß, welches kugelförmig ist, und oben einen zurückgebogenen Hals oder Schnabel hat, welcher sich der Horizontal-Linie mehr oder weniger nähert, gewisse Theile vermittelst des Feuers darin aus andern Körpern überzutreiben.


Rette (W3) [Adelung]


Die Rette, plur. die -n, ein Hund männlichen Geschlechtes, doch nur so fern dieses sein Geschlecht dadurch angedeutet werden soll; im Gegensatze einer Petze. Im Angels. Hryththa, Riththa, im Holländ. Rode, Reude. Entweder von reiten, sich begatten, ( S. dieses Wort,) oder auch, als ein Verwandter von Rüde, ein großer Hund, ( S. dasselbe.)


Retten (W3) [Adelung]


Retten, verb. reg. act. schnell aus einer großen Gefahr heraus reißen, und in weiterer Bedeutung, schnell von dem Untergange, von einer großen Gefahr befreyen. Mit der vierten Endung der Sache. Jemanden retten, ihn von dem nahen Untergange, von einer drohenden Gefahr befreyen. Das Dorf brannte ab, so daß die Einwohner nichts retten konnten, doch wurde die Kirche noch gerettet. Retten helfen. Das Vaterland retten. Seinen guten Nahmen retten. Er ist nicht mehr zu retten. Jemanden das Leben retten. Ingleichen mit Vorwörtern. Sich durch die Flucht, vermittelst der Flucht retten. Jemanden aus der Gefahr, aus dem Unglücke zu retten. Das Seinige aus dem Feuer, aus dem Wasser retten. Sich an einen Ort retten, seine Zuflucht in dringender Gefahr dahin nehmen. Wohin soll ich mich retten? O die Stille der Seele! wie allgewaltig rettet sie in allen Gefahren! Hermes. Die Verbindung mit dem Vorworte von, welche in der Deutschen Bibel sehr häufig ist, jemanden von dem Tode, von seinen Feinden retten, ist jetzt mit dem zusammen gesetzten erretten üblicher, als mit dem einfachen. So auch das Retten. Da ist an kein Retten mehr zu denken. Ingleichen die Rettung. An keine Rettung denken. Rettung thun, leisten. Die Ehrenrettung. Das Rettungsmittel, wodurch man sich rettet.

Anm. Bey dem Ottfried rettin und reten, im Nieders. redden, im Angels. hreddan, im Schwed. rädda, im Engl. to rid. Es gehöret zu reißen, Nieders. riten, von welchem es vermittelst des verdoppelten t ein Intensivum seyn kann. Noch einfacher ist im Isländ. rya, für retten üblich, welches mit dem Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - überein kommt. Hornegk gebraucht auch das jetzt veraltete Rath für Rettung, oder Stand der Sicherheit, welches sich unserm Rath, Consilium, in manchen Bedeutungen nähert; da ist kein Rath mehr, keine Rettung, es wird wohl Rath werden, Hülse, Rettung.


Retter (W3) [Adelung]


Der Retter, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Retterinn, eine Person, welche rettet. Da war kein Retter, 2 Sam. 14, 6. Es sey kein Retter mehr da, Pf. 20, 22. Ohne Retter irr ich umher, Raml. So manches Herz, das sich verirrte, hat an dem Freunde einen Retter gefunden, Gell. Bey den Jägern ist der Retter ein Windspiel, welches besonders dazu abgerichtet ist, die andern Hunde abzutreiben, damit sie einen gefangenen Hasen nicht zerreißen, und auch der Schirmer oder Beschirmer genannt wird. Nieders. Redder, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - .


Rettig (W3) [Adelung]


Der Rettig, des -es, plur. die -e, der Nahme verschiedener, mit starken, eßbaren Wurzeln versehener Pflanzen und besonders ihrer Wurzeln. ( S. Meerrettig.) Besonders pflegt man eine Schoten tragende Pflanze, welche eine starke, von außen gemeiniglich schwarze Wurzel hat, Raphanus niger L. nur Rettig schlechthin zu nennen, zum Unterschiede von den Radießen, einer Art kleiner Rettige, welche man in einigen Gegenden gleichfalls Rettige nennt.

Anm. In der Monseeischen Glosse Ratich, Nieders. Reddik, und zum Unterschiede von dem Meerrettige Robenreddik, Rübenrettig, im Angels. Raedic, im Engl. Radish, im Italiän. Radicchio, bey den Krainerischen Wenden Rehqua, im Pohln. Rzodkiew, im Böhm. Rzetkew, Retkew; alle aus dem Latein. Radix, weil wir dieses in China inheimische Gewächs aus dem südlichen Ländern Europens bekommen haben. Varro versichert ausdrücklich, daß die ältern Griechen dasselbe Radix, genannt hätten, weil es bloß seiner Wurzel wegen merkwürdig ist. Im Osnabrückischen heißt der schwarze Rettig Rammelasse.


Reue (W3) [Adelung]


Die Reue, plur. car. 1) * Kummer, Gram, Betrübniß, und deren Ausdruck; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Der blideschaft sunder riuuue hat Mit eren hie der ist riche, Heinr. von Veldig. Diu mir das hat getan Das ich von der riuwe kere, Diu mich wilent irte sere, ebend. Wo es Kummer, Gram, bedeutet. Im Holländ. ist Rouw noch jetzt Betrübniß, daher man am Nieder-Rheine noch als Wort Reue für Trauer, und Reukleider für Trauerkleider gebraucht. Auch im Isländ. ist Hrygyd Betrübniß, und hrygyr betrübt. ( S. Reuen.) 2) In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung ist die Reue, die Unlust über ein gefälltes Urtheil, oder über eine vorher begangene Handlung. Reue über etwas empfinden. Es wird dich die Reue ankommen. Die Reue kommt nach der That. Besonders in der Theologie, die Unlust über begangene Sünden. Reu und Leid über etwas tragen, nur in der biblischen Schreibart. Anm. Schon im Isidor mit dem gewöhnlichen Alemannischen Hauche Hreuu, bey dem Kero Hriuun, bey dem Ottfried Riu, welche insgesammt für Buße im theologischen Verstande gebrauchen, deren vornehmstes Stück ist, im Nieders. Roue, Rije, Beroue, im Angels. Hreow, im Schwed. Rueise, bey dem Ulphilas Reigo. S. das folgende.


Reuen (W3) [Adelung]


Reuen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und ehedem in einem weitern Umfange der Bedeutung üblich war, als jetzt. Es bedeutete, 1. * Wehklagen, ächzen, schreyen, welches letztere vermittelst des vorgesetzten Zischlautes davon abstammet. Mit mihilon riuuuon, Ottfr. mit großem Geschrey, Wehklagen. Auch bey dem Ulphilas ist Hraiwa dubono faguk ein Paar Turteltauben, eigentlich, ein Paar ächzender Tauben. Reuen ist in dieser ersten eigentlichen aber längst veralteten Bedeutung eine Onematopöie, welche den Laut des Wehklagens selbst nachahmet. Siehe Schreyen. 2. * Kummer, Schmerzen über etwas empfinden, und solches an den Tag legen; eine gleichfalls veraltete Bedeutung, in welcher es auch ein Activum war, und mit der vierten Endung der Sache verbunden wurde. Thie sulih riuuetin, welche Kummer darüber empfanden, es beklagten, Ottfr. Ir rewet mih, ihr dauert mich, Stryk. Thie dati sie ryuun, die bedauerten die That, Ottfr. Auch im Angels. ist hreowan traurig, betrübt seyn, und unser Trauer, traurig, stammt vermittelst des vorgesetzten t davon ab, so wie auch grauen damit verwandt ist, indem man in einigen Oberdeutschen Mundarten für reuen auch rauen sagt. Riuui ist bey dem Ottfried Widerwärtigkeit, dasjenige, was Kummer verursacht. 3. In noch engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, 1) Reue, d. i. Unlust, über eine begangene Handlung empfinden und an den Tag legen; in welchem Verstande es doch nur in dem zusammen gesetzten bereuen üblich ist. 2) Reue, d. i. Unlust, über eine begangene Handlung verursachen, mit der vierten Endung der Person, und der ersten der Sache. Die Sache reuet mich. Sein Verbrechen reuet ihn. Fast fängt mich meine Neugier an zu reuen, Weiße. Mein Betragen hat mich noch nicht gereuet. Wird es sie bald reuen? Gell. Also reuete den Herrn das übel, 2 Mos. 32, 14. Damit mich auch reuen möchte das übel, das u. s. f. Jer. 26, 2. Ingleichen als ein unversöhnliches Reciprocum mit dem Vorworte daß. Es reuet mich, daß ich ihn beleidiget habe. Er reuet ihn noch nicht, daß er es gethan hat. Wird es dich bald reuen, daß u. s. f. Denn es reuet mich, daß ich sie gemacht habe, 1 Mos. 6, 7. Statt welcher Wortfügung auch zuweilen die zweyte Endung des Nennwortes gebraucht werden kann. Du lässest dich des Übels reuen, Ion. 4, 2. Es reuet mich der That, für: die That reuet mich. Dieses Zeitwort erfordert allemahl die vierte Endung der Person. Es ist also ein Fehler, wenn manche es mit der dritten verbinden, obgleich dieser Fehler nicht neu ist. Daz rauuota mir, Notker. Da reuete es ihm, daß er die Menschen gemacht hatte, 1 Mos. 6, 6. Da reuete dem Herrn das Übel, Jerem. 26, 19. In welchen und andern Stellen der Dativ vielleicht von der Unbeständigkeit der Herausgeber und Correctoren herrühret, indem in andern richtiger die vierte Endung stehet.

Anm. In der letztern engern Bedeutung schon bey dem Ottfried riuan, im Nieders. rouen und rijen, im Engl. to rue. Ehedem war es auch ein irreguläres Zeitwort, denn bey dem Ottfried lautet das Imperfectum einiger Mahl rou für riuuete. Übrigens ist für reuen im Hochdeutschen auch das verstärkte gereuen üblich, welches in allen Fällen für dasselbe gebraucht werden kann. Siehe dasselbe.


Reuerinn (W3) [Adelung]


Die Reuerinn, plur. die -en, ein Nonnen-Orden in der Römischen Kirche, welcher jetzt unter dem Nahmen des Magdalenen-Ordens am bekanntesten ist, und dessen Glieder auch Büßerinnen heißen, Lat. Sorores poenitentes, de poenitentia, Moniales S. Magdalenae.


Reugeld (W3) [Adelung]


Das Reugeld, S. Reukauf.


Reuig (W3) [Adelung]


Reuig, -er, -ste, adj. et adv. Reue empfindend und an den Tag legend, und in diesem Zustande gegründet. Ein reuiger Sünder. So bald ich will, sollst du reuig wieder zu meinen Füßen liegen. Und reuig wird er dann, was er versagt, erflehn, Schleg, Ein reuiges Sehnen, Gryph. wo es aber in der im Hochdeutschen ungewöhnlichen weitern Bedeutung für ängstlich, kummervoll, zu stehen scheint. Bey den Schwäbischen Dichtern rüwig.


Reukauf (W3) [Adelung]


Der Reukauf, des -es, plur. doch nur von mehrern Summen dieser Art, die -käufe, ein Stück Geldes, welches nach einem geschlossenen Kaufe derjenige Theil, welchen der Kauf oder Verkauf reuet, dem andern zur Schadloshaltung zu gehen verbunden ist. Reukauf geben, verlangen. In einigen Gegenden wird es das Reugeld, und bey Landgütern der Reuhandlohn, genannt. Nieders. Ronkoop, Schwed. Angerköp und Idraköp, von Ider, Reue, Buße.


Reumuth (W3) [Adelung]


Die Reumuth, plur. car. derjenige Zustand des Gemüthes da man Reue empfindet. Daher reumüthig, sich in diesem Zustande befindend, und darin gegründet; reuig. Beyde Wörter kommen im Oberdeutschen häufiger vor als im Hochdeutschen.


Reut (W3) [Adelung]


Das Reut, des -es, plur. die -e, ein nur noch zuweilen und in einigen Gegenden übliches Wort, einen durch Ausreutung des Gehölzes urbar gemachten Acker zu bezeichnen, welcher auch das Gereut, Reutfeld, Reutland, und nach der Niederdeutschen Mundart Rode, Rodeland, ingleichen Neubruch genannt wird. Bey dem folgenden Zeitworte reuten, Es gibt in Deutschland eine große Menge eigenthümlicher Nahmen von Dörfern, Flecken u. s. f. in welchen sich dieses Reut, und im Nieders. Rode befindet, z. B. Neureut, Kaisersreut, Abtsreut u. s. f. aus welchen denn erhellet, daß die Gegend, wo solche Örter liegen, ehedem ein Wald gewesen, und erst durch dessen Ausreutung urbar gemacht werden müssen. In vielen solcher Nahmen ist dieses -reut in -rüt, -rot, -ried, -rieden, -rieth, -kreut u. s. f. übergegangenen, wovon Frisch eine Menge von Beyspielen anführet.


Reute (W3) [Adelung]


Die Reute, plur. die -n, ein Werkzeug zum reuten oder ausreuten. So wird die Reuthaue oder Reuthacke, eine starke lange, eiserne Haue, die Baumwurzeln damit aus der Erde zu reuten, in vielen Gegenden auch die Reute genannt; im Lat. Ru- trum im Wallis. Rhaw. Besonders ist die Reute in der Landwirthschaft, ein langer Stecken mit einem breiten, scharfen Eisen an dem einen Ende, die Erde damit im Pflügen von der Pflugschar abzustoßen.


Reuten (W3) [Adelung]


1. Reuten, equo vehi, S. 3 Reiten.


Reuten (W3) [Adelung]


2. Reuten, verb. reg. act. welches eigentlich reißen bedeutet, aber nur noch von dem Reißen der Wurzeln und Baumstöcke aus der Erde gebraucht wird. Die Baumwurzeln aus der Erde reuten. Besonders in dem zusammen gesetzten ausreuten. ( S. dasselbe.) Im Oberdeutschen sagt man auch im figürlichen Verstande, Laster, Ketzereyen ausreuten, wofür aber im Hochdeutschen ausrotten üblich ist, ungeachtet dieses von jenem nur in der Mundart verschieden ist, ( S. Rotten.) Daher das Reuten.

Anm. Bey den alten Oberdeutschen Schriftstellern riutan, von welchem urriutan bey dem Kero ausrotten ist, im Nieders. raden, raen, rüden, und mit vorgesetztem w wröten, Angels. wrotan, Engl. to root, Isländ. rota, rydia, im Schwed. mit vorgesetztem b bryta, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, welches auch aufgraben bedeutet. Es ist mit reißen, Nieders. riten, Einer Herkunft, ungeachtet es durch den Gebrauch nur auf eine besondere Art des Reißens eingeschränkt worden. Siehe auch Rotten und Rüssel.


Reuter (W3) [Adelung]


1. Der Reuter, eques, S. 2 Reiter


Reuter (W3) [Adelung]


2. Der Reuter, ein Sieb, S. Räder.


Reutgabel (W3) [Adelung]


Die Reutgabel, plur. die -n, eine eiserne Gabel, in den Seifenwerken, das Grobe damit hinaus zu werfen; von reuten in der weitesten Bedeutung einer jeden heftigen Bewegung und Absonderung.


Reuthalde (W3) [Adelung]


Die Reuthalde, plur. die -n, eben daselbst, eine Halde, d. i. ein Hügel, der aus solchen groben mit der Reutgabel ausgeworfenen Theilen bestehet, S. auch Reithalde.


Reuthaue (W3) [Adelung]


Die Reuthaue, plur. die -n, S. Reute und Radehaue.


Reutkratze (W3) [Adelung]


Die Reutkratze, plur. die -n, in den Zinnhütten, ein eisernes Werkzeug in Gestalt einer halb gebogenen Hand, mit einem Stiele, die Schlacken damit aus dem Ofen zu reuten, d. i. zu reißen.


Reutspaten (W3) [Adelung]


Der Reutspaten, des -s, plur. ut nom. sing. ein Spaten der Gärtner, das Unkraut damit auszureuten. Ingleichen ein großer, starker, eiserner Spaten, die Wurzeln und Stöcke der Bäume damit aus der Erde zu reuten.


Reutzehnte (W3) [Adelung]


Der Reutzehnte, des -n, plur. die -n, ein Zehnte, welcher von einem ausgereuteten, oder urbar gemachten Lande entrichtet wird; der Rodezehnte.


Reuvoll (W3) [Adelung]


Reuvoll, -er, -este, adj. et adv. voll Reue, mit Reue erfüllet, und in dieser Gesinnung gegründet.


Reverende (W3) [Adelung]


Die Reverende, plur. die -n, ein aus dem mittlern Lat. Reverenda, nur in einigen Gegenden übliches Wort, das lange Oberkleid eines protestantischen Geistlichen zu bezeichnen, welches man am gewöhnlichsten einen Chorvock nennet.


Reverenz (W3) [Adelung]


Der Reverenz, des -es, plur. die -e, aus dem Franz. Reverence, und dieß aus dem Lat. Reverentia, die Beugung oder Neigung des Leibes aus Ehrerbiethung; doch nur noch im gemeinen Leben. Jemanden einen Reverenz machen, sich vor ihm neigen. Bey dem Kaisersberg, im Theuerdanke und andern Schriften dieser Zeit kommt es auch für Ehrerbiethung überhaupt vor.


Revers (W3) [Adelung]


Der Revers, des -es, plur. die -e. 1) Aus dem Französ. Revers, die Rückseite einer Münze, die dem Brustbilde entgegen gesetzte Seite; die Rückseite, Gegenseite, und bey einigen, aber sehr unschicklich, die Kehrseite. 2) Aus dem Lat. Reversales, nähmlich, Litterae, ein Schrift eine Urkunde, worin sich jemand ausdrücklich zu seiner Verbindlichkeit bekennet; ein Revers-Brief. Jemanden einen Revers geben. Einen Revers von sich stellen. In engerer Bedeutung ist es eine solche Schrift, welche sich auf eine vorher gegangene Gefälligkeit eines andern gründet, in welchem Falle ein solcher Revers im Oberdeutschen auch ein Gegenbrief, eine Gegenversicherung, ein Gegenschein, ein Gegenbekenntniß, eine Gegenbescheinigung, ein Versicherungsbrief, ein Rückschein u. s. f. genannt wird. Daher das Zeitwort, sich reverstren, sich vermittelst einer solchen Urkunde ausdrücklich zu einer gewissen Verbindlichkeit bekennen.


Revier (W3) [Adelung]


Das Revier, des -es, plur. die -e, Dimin. das Revierchen, Oberd. Revierlein, ein in seine Gränzen eingeschlossene Theil der Erdfläche von unbestimmter Größe, ein Bezirk, eine Gegend. Das Stadt-Revier, das Gebieth der Stadt. Im Forstwesen wird der einem Förster zur Aufsicht anvertraute Bezirk ein Revier oder Forst-Revier genannt, so wie ein Jagdbezirk, ein Gehäge u. s. f. gleichfalls ein Revier oder Jagd-Revier heißt. Der Freybergische Bergwerks-District ist in vier Reviere getheilet, welche das Stadt-Revier oder Hohenbirkner Revier, das Bränder Revier, das Halsbrückner Revier und das auswärtige Revier heißen. In den Gärten gebraucht man es auch von kleinern Bezirken, und da ist ein Lust-Revier so viel als ein Luststück.

Anm. In einigen, besonders Oberdeutschen Gegenden, ist es weiblichen Geschlechtes, die Reviere, da es denn im Plural die Revieren hat; welches Geschlecht der Abstammung freylich gemäßer ist. Denn die ausländische Endung ier zeiget schon, daß wir dieses Wort aus dem Franz. Riviere und Ital. Riviera entlehnet haben, welche nicht so wohl von Ripa, das Ufer, und Rivus, ein Fluß, abstammen, wie Frisch und andere wollen, sondern den allgemeinen Begriff der Ausdehnung in die Länge und Breite haben, und daher nahe Geschlechtsverwandte von Reif, 1 Reff u. s. f. sind. (Siehe diese Wörter, ingleichen das folgende.) Daß dieses Wort schon früh aus dem Ital. oder Franz. entlehnet worden, erhellet unter andern auch aus dem Theuerdanke, und dem noch ältern Deutschen Dichter in Eccards Scriptor. Th. 2, S. 1481.


Revieren (W3) [Adelung]


Revieren, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches nur bey den Jägern von den Hühnerhunden und Raubvögeln üblich isr. - Der Hühnerhund revieret, wenn er auf der Flur hin und wieder sucht. Der Falke revieret, wenn er in der Luft nach seinem Raube sucht. Es scheinet hier noch die erste eigentliche Bedeutung der Bewegung aufbehalten zu haben, da es denn ein Verwandter von traben, dem Nieders. rappen, laufen u. s. f. seyn würde. Noch bey dem Ottfried ist sih riuuon sich umkehren. Indessen ist auch hier die ausländische Endung ein Beweis, daß es zunächst aus einer fremden Sprache entlehnet worden.


Revier-Kraut (W3) [Adelung]


Das Revier-Kraut, des -es, plur. car. ein Nahme, welchen auch der Rainfarn in einigen Gegenden führen, S. dieses Wort.


Revolution (W3) [Adelung]


Die Revolution, plur. die -en, eine gänzliche Veränderung in dem Laufe oder der Verbindung der Dinge. So nennet man ungewöhnlich große Überschwemmungen, Erdbeben, welche große Erdstriche verändern, Revolutionen in der Natur, die Reformation, eine Revolution in dem menschlichen Verstande. Besonders die gänzliche Veränderung in der Verfassung eines Reiches, wenn z. B. eine Monarchie in eine Republik diese in eine Monarchie verwandelt, die Erbfolge auf eine gewaltthätige Art verändert wird. Die Englische, die Französische Revolution. Man hat dieses fremde Wort in den neuesten Zeiten mit einem Deutschen zu vertauschen gesucht. Das unglücklichste, worauf man fallen konnte, war wohl Umwälzung und Staatsumwälzung, weil es nicht den Begriff der Sache ausdruckt, sondern eine buchstäbliche Übersetzung des fremden Wortes ist, und einen harten und unserer Sprache fremden Tropen enthält. Wenn Veränderung, Umänderung, Umschaffung Hauptveränderung, Staatsveränderung u. s. f. nicht genug sagt, der behalte lieber in diesem, so wie hundert andern Fällen, das fremde Wort, wo die beleidigende Figur nicht so sehr hervorsticht, als in dem Deutschen.


Rhede (W3) [Adelung]


Die Rhede, S. Rehde.


Rhein (W3) [Adelung]


Der Rhein, des -es, plur. inus. der eigenthümliche Nahme eines großen Flusses in Deutschland; der Rheinstrom. In der Schreibart dieses Nahmens haben die Deutschen nun einmahl die Schreibart der Griechen und Römer Rhenus beybehalten zumahl da manche rauhe Oberdeutsche Mundarten dem r ohnehin gern einen Hauchlaut zugesellen, daher man diesen Nahmen in den ältern Zeiten auch Hrein geschrieben findet. Indessen ist er echten Deutschen Ursprunges, und, als ein naher Abkömmling von dem Zeitworte rinnen, und dessen Stammworte reinen, fließen, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, eigentlich eine allgemeine Benennung eines jeden Baches oder Flusses. In Graubünden, dem Vaterlande unsers Rheinstromes, gibt es unzählige Bäche und kleine Flüsse, welche daselbst Rhein genannt werden, und in der so genannten Romanischen Sprache heißt jeder Bach Rhen. Auch die drey Quellen des Rheinstromes in Graubünden werden durch die Nahmen Vorderrhein, Mittelrhein und Hinterbein unterschieden. Übrigens muß man diejenigen Wörter, welche mit Rhein zusammen gesetzet werden, nicht mit denjenigen verwechseln, welche Rain und Rein vor sich haben, obgleich solches sehr häufig geschiehet.


Rheinanke (W3) [Adelung]


Die Rheinanke, plur. die -n, der Oberdeutsche Nahme eines eßbaren Fisches, mit glänzenden silberweißen Schuppen, welche ein wenig blau mit unterspielen, einem weißen Bauche, und auf dem Rücken zwey, unten aber drey Floßfedern. Er wird über zwey Spannen lang, und hält sich besonders im Bodensee, vielleicht auch in dem Rheinstrome, auf, wo er auch Rheinlanke oder Seeforelle genannt wird. Vermuthlich ist er eben der Fisch, welcher im mittlern Lateine unter dem Nahmen Anchora und Anchorago vorkommt. Destinet carpam Danubius, heißt es bey dem Senat. B. 12, Br. 4, a Rheno venias anchorago exormis, tonsicula quibuslibet laboribus offeratur. ( S. des Du Fresne Gloss.) Indessen behauptet Carpentier, daß Anchora das weibliche Geschlecht des Lachses sey, welches im Französ. ehedem Ancreul und Ancroeul genannt worden, jetzt aber Beccard heiße.


Rheinblume (W3) [Adelung]


Die Rheinblume, S. Rainblume.


Rheinfall (W3) [Adelung]


Der Rheinfall, des -es, plur. die -fälle. 1) Ein Fall in dem Rheinstrome, ein Ort, wo sich derselbe in seinem Laufe von einem höhern Orte herunter stürzet, dergleichen Fälle derselbe in Oberdeutschland mehrere hat. 2) Ein sehr angenehmer und gesunder Wein, welcher in dem Rheinthale in Graubünden wächst, und auch Velteliner genannt wird. Hier sollte man diesen Nahmen billig Reinvall schreiben, weil die letzte Hälfte hier das Latein. Vallis, oder Ital. Valle, ein Thal, ist. In Friaul, umveit des Schlosses Proseck, bey den Römern Castellum Pucinum, wächst ein Wein, welchen man gleichfalls Rheinfall nennet, entweder, weil er dem in Graubünden ähnlich ist oder auch von der Nachbarschaft irgend eines Rheines, d. i. Baches. Er wird auch Prosecker Wein genannt; bey den Griechen hieß er Pyctanon, und bey den Römern Vinum Pucinum. Die Alten schätzten ihn sehr hoch, und Julia, Augusts Gemahlinn, schrieb ihm ihr hohes Alter von 82 Jahren zu.


Rheinfarn (W3) [Adelung]


Der Rheinfarn, S. Rainfarren.


Rheingold (W3) [Adelung]


Das Rheingold, des -es, plur. car. Gold, welches aus dem Sande des Rheinstromes in einigen Gegenden Oberdeutschlandes gewachsen wird.


Rheingraf (W3) [Adelung]


Der Rheingraf, des -en, plur. die -en, eigentlich ein Reichsgraf, dessen Grafschaft an dem Rheine gelegen ist. In engerer Bedeutung führet eine gewisse reichsgräfliche Familie, deren Stammhaus Rheingrafenstein ist, den Nahmen der Wild- und Rheingrafen.


Rheinherr (W3) [Adelung]


Der Rheinherr, des -en, plur. die -en, gewisse Rathsherren zu Cöln am Rheine, welche die Aufsicht über dieses Fluß und dessen Überfahrt haben.


Rheinisch (W3) [Adelung]


Rheinisch, adj. et adv. am Rheinstrome liegend. Der Oberrheinische, der Niederrheinische Kreis. Ingleichen daher kommend, in den Gegenden am Rheinstrome erfunden u. s. f. Ein Rheinischer Gulden oder ein Gulden Rheinisch. Rheinische Kirchen, in Niederdeutschland, eine Art halb weißer und halb rother Kirschen, welche ein festeres Fleisch haben, und daher in Meißen Knarpelkirschen genannt werden. Ein Rheinischer Schlitten, eine in Niedersachsen übliche Benennung eines Renn- oder Schellenschlittens, wo es aber, dem Bremisch-Nieders. Wörterbuche zu Folge, aus Rigaischer Schlitten verderbt seyn soll, weil diese Art Schlitten aus Riga in Liefland nach Niederdeutschland gekommen. Indessen stehet dahin, ob es nicht auch aus Rennschlitten verderbt worden.


Rheinkiesling (W3) [Adelung]


Der Rheinkiesling, des -es, plur. die -e, eine in Elsaß übliche Benennung einer Art geringer Äpfel.


Rheinland (W3) [Adelung]


Das Rheinland, des -es, plur. die -länder, ein an dem Rheinstrome gelegenes Land. Daher der Rheinländer, Fämin. die Rheinländerinn, eine daher gebürtige Person.


Rheinschwalbe (W3) [Adelung]


Die Rheinschwalbe, plur. die -n, eine Art Schwalben, welche sich an den Rheinen, d. i. Bächen und Flüssen, aufhält, und sich an dem steilen Ufer derselben tiefe Löcher gräbt, worin sie überwintert; Erdschwalbe, Uferschwalbe, Sandschwalbe, Wasserschwalbe, Hirundo riparia Klein. Sollte aber die erste Hälfte des Wortes hier zunächst das Ufer bedeuten, so würde es von Rain abstammen, und alsdann Rainschwalbe geschrieben werden müssen. Am Rheinstrome wird auch die Mewe mit diesem Nahmen beleget.


Rheinvogel (W3) [Adelung]


Der Rheinvogel, des -s, plur. die -vögel, eine Art eines Purpurvogels, welcher sich am Rheinstrome und einigen andern Wassern aufhält; Porphyrio punctula us Eberh.


Rheinweide (W3) [Adelung]


Die Rheinweide, plur. die -n, in einigen Gegenden, ein Nahme eines schwarzen Pappelbaumes, Populus nigra L. weil er gern an den Rheinen oder Bächen wächst. Die Rainweide, Ligustrum L. muß damit nicht verwechselt werden.


Rhetorik (W3) [Adelung]


Die Rhetorik, plur. die -en, aus dem Griech. und Lat. Rhetorica. S. Redekunst.


Rhinoceros (W3) [Adelung]


Das Rhinoceros, des -es, plur. die -e, S. Nasehorn.


Rhodiser-Holz (W3) [Adelung]


Das Rhodiser-Holz, des -es, plur. car. S. Rosenholz.


Ribbe (W3) [Adelung]


Die Ribbe, S. Rippe.


-rich (W3) [Adelung]


-rich, eine Ableitungssylbe, eine Person männlichen Geschlechtes zu bezeichnen, deren Art oder Geschäft durch die erste Hälfte des Wortes näher bestimmt wird. Änterich, der Mann der Änte, Gänserich, die männliche Gans, Fähnrich, der Fahnenträger, Friedrich, Wäterich, Ulrich u. s. f. In weiterer Bedeutung auch ein Ding, ein Subject, von dem das in der ersten Hälfte des Wortes befindliche Prädicat gilt; Hederich, Wegerich, Kieberich, Möstrich, Weiderich u. s. f. Es ist dieses Sylbe mit der Ableitungssylbe -er gleichbedeutend, indem man auch Ganser, Täuber, Anter, Kleber u. s. f. saget. In manchen Fällen gehet sie in -ert über; Mostert, Mustert im Niederdeutschen für Möstrich. Frisch glaubt, und wie es scheint, mit Grunde, daß das ich ein bloßer Alemannischer Zusatz zu dem -er sey.


Richtbank (W3) [Adelung]


* Die Richtbank, plur. die -bänke, ein im Hochdeutschen ungewöhnliches Wort, die Gerichtsbank, das Gericht zu bezeichnen, welches unter andern auch bey dem Gryphius vorkommt. Im Niederdeutschen wird auch die Anrichte in den Küchen die Richtbank genannt.


Richtbaum (W3) [Adelung]


Der Richtbaum, des -es, plur. die -bäume, bey den Zimmerleuten, ein senkrecht in die Höhe gerichteter Baum, woran der Kloben befestiget wird, Bauholz damit in die Höhe zu winden.


Richtheil (W3) [Adelung]


Das Richtheil, des -es, plur. die -e, dasjenige Beil, womit ein zum Beile verurtheilter Missethäter gerichtet, d. i. ihm der Kopf abgehauen, wird, und welches gemeiniglich auf den Richtblocke geschiehet.


Richtbley (W3) [Adelung]


Das Richtbley, des -es, plur. die -e, ein Bley an einer Schnur, die senkrechte Stellung der Körper damit zu erforschen, und sie senkrecht zu richten; das Bleyloth, und wenn es sich in einer Art eines hölzernen Gebäudes befindet, die Bleywage, Es. 34, 11; wo es aber eine Richt- und Meßschnur zu bezeichnen scheinet.


Richtbühne (W3) [Adelung]


Die Richtbühne, plur. die -n, eine Bühne oder Gerüst, worauf ein Missethäter hingerichtet wird; die Blutbühne, das Blutgerüst, mit einem Französischen Ausdrucke, das Schaffot.


Richte (W3) [Adelung]


* Die Richte, plur. die -n, ein nur in den gemeinen Sprecharten übliches Wort. 1) Die gerade Richtung eines Dinges; ohne Plural. Etwas Krummes in die Richte bringen, es gerade machen. In die Richte gehen, den geradern, folglich nähern Weg gehen. 2) Eine Reihe, in einigen härtern Oberdeutschen Mundarten. Eine Richte Häuser, eine Reihe.


Richten (W3) [Adelung]


Richten, verb. reg. act. welches im Hochdeutschen in verschiedenen, dem Anscheine nach sehr entfernten Bedeutungen gebraucht wird, welche sich doch insgesammt auf die Nachahmung eines ähnlichen mit verschiedenen Handlungen verbundenen Schalles gründen, und daher nicht allemahl als Figuren von einander angesehen werden können. Es bedeutet, 1. Die Ausdehnung eines Körpers und deren Weg bestimmen. 1) Der Länge oder Breite, der horizontalen Ausdehnung nach. Etwas das krumm ist, gerade richten. Besonders einem Dinge und dessen Theilen die gehörige, seiner Absicht gemäße Richtung geben, wo es vornehmlich bey vielen Künstlern und Handwerkern gebraucht wird. Die Kammmacher richten die krummen Hörner, wenn sie selbige gerade biegen. Bey den Weißgräbern werden die Felle gerichtet, wenn die in die Breite ausgedehnten Felle nach der Länge über das Stolleisen weggestrichen werden. Die Scherenschleifer richten die Scheren durch eine Art von Dengeln, vermittelst des Richthammers auf dem Richtsteine. Auf den Blechhäusern werden die aus dem Deul geschmiedeten Stäbe, nachdem sie gebreitet worden, gerichtet, wenn sie wie ein Bogen Papier doppelt zusammen gelegt werden; und so in andern Fällen mehr, wo es in engerm Verstande für gerade richten gebraucht wird, so wie das Nieders. richten, welches nach einer geraden Linie machen bedeutet, in welchem Falle es mit recht und der letzten Hälfte gerade genau verwandt ist, indem letzterm bloß der Hauchlaut fehlet. In weiterer Bedeutung wird es in einigen Gegenden auch für eben machen gebraucht, einen Weg richten, ihn ebenen; in welchem Verstande es aber im Hochdeutschen ungewöhnlich ist. 2) Der Ausdehnung in die Höhe nach; besonders in den Zusammensetzungen aufrichten und errichten. Sich im Bette in die Höhe richten. Sich auf die Füße richten. Ein Haus richten, in einigen Gegenden, das zugehauene Zimmerholz auf einander setzen und befestiget, welches im Nieders. bären, bören, in Meißen aber heben genannt wird. Schon bey dem Ulphilas ist geraithjan, im Schwed. räta, rätta, im Angels. rihtan, und bey dem Ottfried rihtan, in die Höhe richten, aufrichten, wohin auch das Latein. erigere und Erectio gehöret. 2. Die Lage der Theile eines Dinges, oder mehrerer Dinge bestimmen. 1). Eigentlich. Die Haare zurecht richten. Seine Sache in Ordnung richten, in Ordnung bringen, legen. Alles zur Reise zurecht richten. Zum Essen richten, es anrichten. Welche R. A. doch insgesammt nur im gemeinen Leben einiger Gegenden üblich sind, dagegen diese Bedeutung in den Zusammensetzungen einrichten, anrichten, vorrichten, zurichten u. s. f. gewöhnlicher ist. Doch gebrauchen auch die Hochdeutschen Jäger dieses Zeitwort von dem Aufstellen des hohen und niedern Zeuges, der Eisen, Fallen, Geschneide u. s. f. 2) In weiterer und figürlicher Bedeutung ist richten in manchen Fällen so viel als zubereiten, hervor bringen, bewerkstelligen. Etwas in das Werk oder ins Werk richten, es bewerkstelligen, ausrichten, wirklich machen. Jemanden zu Grunde richten, seinen Untergang bewirken. Die Arzeney auf jemandes Zustand richten. Besonders in den Zusammensetzungen abrichten, anrichten, ausrichten, einrichten, verrichten u. s. f. Die Ausdrücke nicht richten, nichts bewerkstelligen, nicht ausrichten, alles zu einem guten Ende richten, bringen, einrichten, u. s. f. sind nur in einigen gemeinen Mundarten üblich. Bey den ältern Oberdeutschen Schriftstellern ist ruahhen besorgen, ausrichten, wovon noch unser ruchlos abstammet, und dieses scheinet das nächste Stammwort von richten in dieser Bedeutung zu seyn, welches vermittelst des intensiven t davon gebildet worden. Auch im Schwed. ist so wohl rykta als reka, im Angels. recean, und reecan, im Isländ. rökia, im Finnländischen ruockon, ausrichten, besorgen. Vielleicht gehöret auch die bey den Jägern übliche R. A. hierher, zu Holze richten, einen Hirsch, Thier oder milde Sau mit dem Leithunde im Holze aufsuchen, den Ort im Holze ausfündig machen, wo sich dieselben befinden. 3. Eine Bewegung in gerader Linie nach einem gewissen Puncte bestimmen, daher die Richtung, die Bestimmung dieses Punctes, und die gerade Linie, welche ein Körper in seiner Bewegung durchläuft. 1) Eigentlich. Seinen Weg nach einem Orte oder wohin richten. die Augen auf etwas richten. Die Augen gen Himmel richten. Seinen Lauf wohin richten. Die Segel nach dem winde richten. Die Kanonen auf die Stadt richten. Und erblicket einen Schützen, Der sein Rohr auf ihn gericht, Lichtw. Meine Blicke durchliefen mit langsamer Richtung mein einsames Zimmer, Hermes. Indessen ist es hier nicht in allen Fällen üblich, weil in andern andere Zeitwörter üblich sind. Man sagt nicht, die Hände gen Himmel richten, sondern heben, die Hand noch jemanden richten, sondern ausstrecken u. s. f. In engerer Bedeutung ist richten absolute, einer Bewegung und den Theilen, von welchen Dieselbe abhängt, die verlangte, der Absicht gemäße Richtung geben. Eine Uhr richten, sie stellen. Die Kanonen richten. 2) Figürlich. (a) Mit dem Vorworte auf. Die Gedanken, sein Herz, seinen Sinn auf etwas richten. Sein Gebeth zu Gott richten. Die ganze Sache ist darauf gerichtet. Seine Absicht, auf etwas richten. Ich muß meine Herz mehr auf sie richten, als auf ihn. Man kann den natürlichen Trieb zu gefallen nie genug ausbilden, so fern man ihm eine gute Richtung gibt, Gell. Die Umstände, worin wir uns in dem Laufe unsers Leben befinden, geben der noch unbestimmten Kraft der Seele die Richtung. (b) Sich noch etwas oder nach einer Person richten, es oder sie zum Bestimmungsgrunde seines Verhaltens nehmen. Sich nach eines Rath, nach dem Begriffe seiner Zuhörer richten. Ich kann mich nicht immer nach dir richten. Unsere Empfindungen richten sich nach den Vorstellungen unsers Verstandes, Gell. Die öffentliche Achtung richtet sich allemahl nach den Diensten, welche man dem Vaterlande leistet. Die R. A. mit dem Vorworte in, sich in jemanden richten, sich in ihn zu schicken wissen, sich nach ihm richten, sich in die Zeit richten, für schicken, find im Hochdeutschen nicht so gewöhnlich. Schon bey dem Notker kommt rehten in diesem Verstande vor. 4. Sprechen, urtheilen, streitige Sachen schlichten, gerichtliche Urtheile vollziehen u. s. f. 1) * Sprechen, eine völlig veraltete Bedeutung, wovon noch deutliche Spuren in den Zusammensetzungen berichten, Bericht, Nachricht, und unterrichten vorkommen, woraus zugleich erhellet, daß richten in dieser ganzen vierten Hauptbedeutung ein naher Verwandter von dem alten rechen, sprechen, zählen, ( S. Rechnen,) und von unserm sprechen ist, welches letztere vermittelst des Vorlautes sp daraus gebildet worden. 2) Urtheilen, ein Urtheil fällen; so wohl überhaupt, wo es doch wenig mehr vorkommt. Doch, richte selbst, was wäre sie, (die Tugend,) Wenn sie nicht kämpfen müßte? Gell. Lied Als auch in engerer Bedeutung, ein Urtheil über das Verhältniß einer Person oder Handlung gegen das Gesetz fällen; in welchem Verstandes noch in der Deutschen Bibel sehr häufig vorkommt. Die Sache wird Gott richten. In der Geschichte treten die Menschen auf, nicht um Schmeicheley einzuernten, sondern gerichtet zu werden. Auch im gemeinen Leben ist es noch sehr üblich, das Fällen eines nachtheiligen Urtheiles über das sittliche Verhalten anderer zu bezeichnen. Alle Leute richten, beurtheilen, und in engerer Bedeutung, sie für schuldig, strafbar, tadelhaft erklären. Ich richte niemanden. Vor der Zeit richten. Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet, Matth. 7, 2. Wo man im gemeinen Leben auch das Intensivum richtern hat. Da kützelt er sein Ohr mit richtenden Gewäschen, Günth. In noch engerer Bedeutung war es ehedem üblich, die gerichtliche Beurtheilung einer Person oder Handlung nach dem Gesetze zu bezeichnen, ein gerichtliches Urtheil fällen; welche Bedeutung in der Deutschen Bibel sehr häufig ist, aber in der edlen Schreibart wenig mehr vorkommt. Er war erfahren gnug, die Rechte zu verstehn, Und hatte sich schon reich gerichtet, Giseke. S. Richter und Splitterrichter. 3) In noch engerer Bedeutung, eine streitige Sache schlichten, ein Urtheil über eine Streitsache, es geschehe nun gerichtlich oder außergerichtlich; eine Bedeutung, welche ehedem gleichfalls häufiger war, als jetzt. Einen Streit, einen Prozeß richten. Zwischen streitigen Parteyen richten; eine fast ganz veraltete biblische R. A. Ehedem war richten und rachten auch einen Vergleich, einen Vertrag schließen, und Richtung ein Vertrag. 4) Ein gerichtlich gefälltes Todesurtheil vollziehen. Jemanden mit dem Schwerte richten, ihn enthaupten. Ihn mit dem Strange richten, ihn denken. Mit dem Rade, mit dem Feuer gerichtet werden, gerädert, verbrannt werden. In engerer Bedeutung ist richten mit dem Schwerte enthaupten, Im gemeinen Leben hat man das Mährchen, daß ein Scharfrichter, wenn er eine gewisse Anzahl Missethäter enthauptet hat, sich frey oder zum Doctor richten könne. Richten gehöret in dieser Bedeutung zu der R. A. jemanden sein Recht thun. Auch im Schwed. ist Rätt die Lebensstrafe. Wenn es in dem zusammen gesetzten hinrichten für tödten überhaupt gebraucht wird, so scheinet es alsdann eine Figur von der gerichtlichen Vollziehung eines Todesurtheiles zu seyn. So auch die Richtung in den drey ersten Hauptbedeutungen, und das Richten in allen, besonders in der vierten. Anm. Schon bey unsern ältesten Oberdeutschen Schriftstellern von dem Kero an rihtan, im Nieders. gleichfalls richten, im Schwed. rykta. Die Endsylbe -ten ist hier ein Zeichen eines Intensivi, dessen Stammwort das veraltete richen ist, welches zwar in dieser Form veraltet ist, aber in unserm reichen, regen, rechnen, dem Latein. regere, rigere u. s. f. noch zum Grunde liegt. Es ist mit diesem Worte, wie mit so vielen andern gegangen, welche unmittelbare Nachahmungen des Schalles sind, und daher mehrere dem Anscheine nach so seht verschiedene Dinge bezeichnen, wenn sie sich den ersten Erfindern der Sprache unter einerley Schall dargestellet haben. Die Schälle, welche in diesem Worte, oder vielmehr dessen Stammworte reichen, richen, rechen, regen, denn diese sind im Grunde alle Eins, zum Grunde liegen, sind vornehmlich: 1) Der Schall der Bewegung überhaupt, als ein Verwandter von Rechen und regen, und dahin gehöret so wohl die zweyte als auch die veraltete Bedeutung des Herrschens, Regierens, in welcher ehedem so wohl reichen und reichsen, als richten üblich war, und worin es mit dem Latein. regere überein kommt, ( S. Reich und Regieren. 2) Der Ausdehnung in die Länge, besonders, als ein Verwandter von reichen, und den Latein. erigere, dirigere u. s. f. wovon die erste und dritte Bedeutung Figuren sind, ( S. auch Recht.) 3) Der Rede, der Sprache, als ein Intensivum von dem alten rahhan, sagen, sprechen; von welchem Gebrauche unser richten in der ganzen vierten Bedeutung abzustammen scheinet, ungeachtet es hier gemeiniglich als eine Figur der dritten angesehen wird, von welcher sie doch nur ein Seitenverwandter ist. S. Rechnen und Sprechen.


Richter (W3) [Adelung]


Der Richter, des -s, plur. ut nom. sing. von dem vorigen Zeitworte. 1. Ein Werkzeug oder Ding, die gehörige Ausdehnung eines Dinges, oder die Richtung seiner Bewegung zu bestimmen; in welcher Bedeutung es doch nur in einigen Zusammensetzungen üblich ist. 2. Eine Person, welche richtet, in den meisten Bedeutungen des Zeitwortes; Fämin. die Richterinn, so wohl eine weibliche Person dieser Art, als auch die Gattinn eines Richters. 1) In den drey ersten Bedeutungen; wo es doch gleichfalls nur in einigen Zusammensetzungen üblich ist, dergleichen Anrichter, Ausrichter u. s. f. sind. 2) In der vierten, eine Person männlichen Geschlechtes, welche die Beschaffenheit andere Personen und Dinge beurtheilet. Vornehmlich auch nur in den zusammen gesetzten Bücherrichter, Kunstrichter, Splitterrichter u. s. f. In engerer Bedeutung ist der Richter derjenige, welcher die Beschaffenheit der Personen und ihrer Handlungen nach dem Gesetze beurtheilet. Gott ist der höchste Richter. Ich erkenne dich nicht für meinen Richter. Im engsten Verstande ist es die obrigkeitliche Person dieser Art, diejenige Person, welche, in einem Gerichte Sitz und Stimme hat, besonders diejenige, welche darin den Vorsitz führet. Ein gerechter, ein bestochener Richter. Wo es zuweilen auch für das Gericht selbst stehet. Eine Sache an den Richter gelangen lassen. ( S. Hofrichter, Kammerrichter, Bergrichter, Blutrichter u. s. f.) In manchen Fällen bekommt der Richter, d. i. die vorsitzende Person in einem Gerichte, andere Nahmen, dergleichen die Nahmen Präsident, Gerichts-Director, Gerichtsverwalter, Gerichtsvogt, Vogt, Schuldheiß, Gerichtsschuldheiß u. s. f. sind. Der Dorf- und Bauernrichter ist an manchen Orten auch unter dem Nahmen des Bauermeisters, Hufenrichters, Schuldheißen u. s. f. bekannt. An den Orten, wo das Lübische Recht gilt, heißt die vorsitzende Person in einem Untergerichte der Gerichtsvogt, die Schöppen oder Beysitzer aber Richter oder Finder. Nach einer andern Einschränkung ist der Richter derjenige, welcher die Streitigkeiten anderer entscheidet, es geschehe nun gerichtlich oder außergerichtlich. In dieser Sache kannst du nicht Richter seyn. ( S. auch Schiedsrichter.) In der Bedeutung der Vollziehung eines Todesurtheiles ist es nur in den Zusammensetzungen Nachrichter und Scharfrichter üblich.

Anm. Bey dem Notker Rihtar, im Böhmischen Rychtar. So fern die Sprechung des Rechtes eine der ersten und vornehmsten Obliegenheiten der höchsten Obrigkeit ist, war Richter in den frühesten Zeiten auch so viel als Regent, in welchem Verstande die ältern Juden Richter hatten, ehe die königliche Würde bey ihnen üblich wurde.


Richteramt (W3) [Adelung]


Das Richteramt, des -es, plur. die -ämter, das Amt, d. i. der ganze Umfang der Obliegenheiten, und die Würde eines Richters in der zweyten engern Bedeutung.


Richterlich (W3) [Adelung]


Richterlich, adj. et adv. einem Richter ähnlich; noch häufiger aber, von dem Richter bekommend, in dessen Amt und Gewalt gegründet. Die richterliche Gewalt, das Recht, den Werth der Handlungen nach dem Gesetze zu bestimmen. Eine Sache auf richterliches Ermessen ankommen lassen, auf den Ausspruch des Richters.


Richtern (W3) [Adelung]


Richtern, verb. reg. act. welches das Intensivum von richten ist, aber nur im gemeinen Leben einiger Gegenden üblich ist, tadeln, beurtheilen, kritisieren. Alles richtern wollen. ( S. Richten 4 2). In einem andern Verstande ist es im Würfelspiele üblich, wo zwey Personen richtern oder stechen, wenn sie, nachdem sie einerley Zahl geworfen haben, noch Ein Wahl werfen.


Richterstuhl (W3) [Adelung]


Der Richterstuhl, des -es, plur. die -stühle, eigentlich, der Stuhl, worauf der Richter in Ausübung seines Richteramtes sitzet, figürlich aber auch der Richter selbst, das Gericht. Wer getrauet sich diesen Betrug vor der Welt und dem Richterstuhle des Gewissens zu rechtfertigen? Gell. Ehedem auch Richtstuhl, welches noch in der Deutschen Bibel vorkommt, aber in der anständigen Sprechart zu veralten anfängt.


Richtessen (W3) [Adelung]


Das Richtessen, des -s, plur. ut nom. sing. im gemeinen Leben einiger Gegenden, eine Mahlzeit, welche den Zimmerleuten bey Richtung eines Gebäudes von dem Bauherrn zur Ergetzlichkeit gegeben wird; im Nieders. auch das Richtbier, in Meißen der Hebeschmaus. das Hebemahl.


Richthammer (W3) [Adelung]


Der Richthammer, des -s, plur. die -hämmer, ein Hammer, einen andern Körper damit zu richten, d. i. seiner Ausdehnung die gehörige Richtung zu ertheilen, und in engerer Bedeutung, ihn gerade zu richten. So wird derjenige Hammer in den Kupferhämmern, womit das Kupfer gebreitet und ausgeschmiedet wird; der Richthammer genannt. Bey den Schleifern der Tuchscheren ist es ein Hammer, womit die Blätter der Scheren gerichtet werden, welches auf dem Richtsteine geschiehet.


Richthaus (W3) [Adelung]


Das Richthaus, des -es, plur. die -häuser, eine im Hochdeutschen veraltete Benennung eines Gerichtshauses, welche in der Deutschen Bibel mehrmahls vorkommt. Ottfried nennet es das Sprahhus, im Tatian aber heißt es das Thinchus, Dinghaus.


Richtholz (W3) [Adelung]


Das Richtholz, des -es, plur. die -hölzer, ein Bret der Radler mit kurzen Stiften, den Draht zu den Nadeln dazwischen gerade zu richten.


Richtig (W3) [Adelung]


Richtig, -er, -ste, adj. et adv. welche vermittelst der Ableitungssylbe -ig von dem veralteten Zeitwort Richt, Recht, gerade und gehörige Beschaffenheit, oder auch von dem Zeitworte richten, abstammet. 1) * Gerade, eben; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Was krumm ist, soll richtig werden, Luc. 3, 7. Leite mich auf richtiger Bahn, Ps. 27, 11; wofür in andern Stellen ebene Bahn stehet. 2) Das gehörige Maß, die gehörige Zahl habend, ingleichen die gehörige Zeit beobachtend. Ein richtiges Maß. Das Maß ist richtig. Die Uhr geht richtig. Die Posten gehen jetzt gar nicht richtig. Richtig bezahlen, zur gehörigen Zeit. Ein richtiger Bezahler. Eine Summe ist richtig, wenn nichts daran fehlt. eine richtige Rechnung, die Rechnung ist richtig. Das ist noch nicht richtig gezählet. Auch im Schwed. ist riktig die gehörigen Theile habend. 3) Der Ordnung, der Einförmigkeit, der Übereinstimmung und Einigkeit gemäß. Alles in richtige Ordnung bringen. Es ist alles richtig, in die gehörige Ordnung gebracht. Im Oberdeutschen sagt man auch ein richtiger Mensch, d. i. ein ordentlicher. Etwas richtig machen, in der vertraulichen Sprechart, es bezahlen. Es ist schon alles richtig gemacht, bezahlt. ( S. Berichtigen.) Der Brief ist richtig bestellt, an seinen gehörigen Ort gebracht. Mit jemanden richtig werden, einig, mit ihm Eines Sinnes und willens werden. Lassen sie uns jetzt wegen dieser Sache richtig werden. Peter und Dorchen sind mit einander richtig, Weiße. Ist denn die Sache schon völlig richtig? in Ordnung, zu Stande. Es ist mit der Heirath richtig. 4) Dem gehörigen Zustande gemäß, besonders in einigen R. A. Es ist hier nicht richtig, sagt man im gemeinen Leben, wenn es an einem Orte vor Dieben, Räubern u. s. f. nicht sicher ist, ingleichen, wenn derselbe wegen Gespenster verdächtig ist. Es gehet hier nicht richtig zu, nicht mit rechten Dingen. Nicht richtig im Kopfe seyn, verrückt seyn. Es ist mit ihrem Herzen nicht richtig, Weiße. Ich dachte gleich, daß es mit deinen Collegen nicht richtig zuginge, Schleg. Wenn es in seinem Gehirne so richtig stünde, als in seinem Gewissen, so wollte ich gut für ihn seyn, ebend. 5) Der Vorschrift, der Regel, dem Gesetze gemäß. So kommt es in der Deutschen Bibel mehrmahls für gerecht vor, so fern auch dieses dem göttlichen Gesetze gemäß bedeutet, in welchem Verstande es aber im Hochdeutschen veraltet ist, wo man es nur noch in einigen Fällen gebraucht, wenn eine Sache der Vorschrift, der Regel, der Kunst gemäß ist; für regelmäßig. Ein richtiges Testament, bey welchem alle erforderlichen Umstände beobachtet worden. Richtig schreiben, recht, im Gegensatze des falsch. Die richtige Schreibart, die wahre, rechte. Ein richtiges Verfahren, welches der Vorschrift gemäß ist. Es ist dabey nicht richtig verfahren worden. Richtige Zeitwörter, in der Sprachkunst, welche nach den allgemeinen Regeln abgewandelt werden; welche man doch lieber regelmäßige nennt. 6) Mit der Sache selbst übereinstimmend, der Wahrheit gemäß, und zuweilen auch Fertigkeit besitzend, der Sache gemäß zu urtheilen. Ein richtiges Gewissen, dessen Urtheile hinlänglich wahr und nach dem Gesetze gegründet sind; im Gegensatze eines unrichtigen und irrigen. Der richtigste und beste Verstand, ohne Anwendung auf das Herz, ist ein Schatz, der seinen Besitzer darben läßt, Gell. Richtig denken, urtheilen, schließen. Die Natur bleibt das Hauptbuch, worin der neugierige Knabe lernen, und richtige Bilder in seinen Verstand einsammeln muß, Gell. Es mag mit ihrer großen Frömmigkeit eben nicht so richtig seyn, als mir die Leute gesagt haben, ebend. Titian war in seinen Zeichnungen nicht richtig, weil er die Wahrheit verfehlte; Poussin und le Brün zeichneten richtiger. Auf eine richtige Frage gehöret eine richtige Antwort, welche der Sache gemäß, gehörig bestimmt ist. Richtig! eine im gemein Leben sehr übliche Interjection, die Wahrheit einer Erzählung zu bejahen. 7) Im gemeinen Leben und der vertraulichsten Sprechart wird es auch häufig als eine Art einer versichernden Partikel gebraucht, für zuverlässig u. s. f. da die denn eine Figur der vorigen Bedeutung zu seyn scheinet. Er hat es richtig wieder gesagt: Ach, ich höre es klapsen! - Ja das Küchenmädchen hat richtig eine Ohrfeige von ihr weg! Hermes. Das habe ich richtig vergessen.

Anm. Im Nieders. richtich, und mit einem andern Endlaute, reken, welches eigentlich rein bedeutet, im Schwed. riktig, welches doch aber nur vollständig bedeutet, alle seine gehörigen Theile habend. Ehedem wurde es im Deutschen auch für aufrichtig gebraucht, welche Bedeutung noch in einigen biblischen stellen vorzukommen scheinet.


Richtigkeit (W3) [Adelung]


Die Richtigkeit, plur. inus. der Zustand, die Eigenschaft, da eine Sache richtig ist, in den meisten Bedeutungen des vorigen Beywortes. 1) * Die gerade und ebene Beschaffenheit eines Dinges; in welcher Bedeutung es aber gleichfalls veraltet ist. 2) Derjenige Zustand, da eine Sache ihr gehöriges Maß, ihre gehörige Zahl, ihre bestimmte Zeit hat. Die Richtigkeit einer Summe, einer Elle. 3) Derjenige Zustand, da sie der Ordnung, der Einstimmigkeit, der Übereinstimmung gemäß ist. Seine Geschäfte, seine Sachen, seine Rechnungen in Richtigkeit bringen, in Ordnung. Meine Sachen sind noch gar nicht in Richtigkeit gebracht, Gell. Die Sache hat nunmehr ihre Richtigkeit, oder es hat mit der Sache seine ( S. Sein) Richtigkeit, sie ist ausgemacht, richtig, in Ordnung gebracht, verglichen. Die Richtigkeit Handel und Wandel lieben. Richtigkeit mit jemanden machen oder pflegen, in engerer Bedeutung, seine Rechnungen mit ihm in Richtigkeit bringen; ingleichen, ihn bezahlen. Ich kann nicht mit ihm zur Richtigkeit kommen, kann nicht mit ihm einig werden, und in engerm Verstande, kann nicht mit ihm zum Abschluß der Rechnungen kommen. Heute müssen wir zur Richtigkeit kommen, Weiße, müssen wir in dieser Sache einig werden, sie ausmachen, beschließen. Diesen Punct wollen wir unmaßgeblich gleich in Richtigkeit bringen, Gell. 4) Derjenige Zustand, da eine Sache ihrer gehörigen Beschaffenheit gemäß ist; doch nur in einigen Fällen. Etwas in Richtigkeit bringen, es in einen Stand setzen, der seinem Endzwecke gemäß ist. Es hat damit seine Richtigkeit. Die Richtigkeit einer Uhr. Ich möchte wohl wissen, ob es mit seinem Verstande seine völlige Richtigkeit hätte. 5) Der Zustand, da eine Sache der Regel, der Vorschrift gemäß ist. Die Richtigkeit eines Verfahrens, der Schreibart, der Zeitwörter in der Sprachlehre. Die Richtigkeit einer Schuld, da sie liquide ist. 6) Der Zustand, da eine Sache der Wahrheit gemäß ist, mit der Sache selbst übereinstimmet. Raphael wird wegen der Richtigkeit seiner Zeichnungen unendlich hoch geschätzt, wegen ihrer genauen Übereinstimmung mit der Natur. Die logische Richtigkeit, wenn etwas mit dem Gegenstande selbst genau überein kommt. Ingleichen für überzeugende Gewißheit. Die Sache hat ihre Richtigkeit, oder es hat damit seine Richtigkeit, sie ist überzeugend gewiß. Das hat seine Richtigkeit. Gesegt, daß es mit der Sache seine Richtigkeit hätte, daß sie ausgemacht, wahr wäre.


Richtkeil (W3) [Adelung]


Der Richtkeil, des -es, plur. die -e, in der Geschützkunst, derjenige Keil, womit die Kanonen gerichtet werden.


Richtklöppel (W3) [Adelung]


Der Richtklöppel, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Kohlenbrennern, welche dieses Wort Richtkliebel sprechen, ein langes Holz an dem Quendel, dem Zündloche damit sein Daseyn und seine Richtung zugeben.


Richtkorn (W3) [Adelung]


Das Richtkorn, des -es, plur. die -körner, an den Schießgewehren, ein messingenes Korn auf dem Laufe nahe an der Mündung, sich im Zielen darnach zu richten; das Korn.


Richtleisten (W3) [Adelung]


Der Richtleisten, des -s, plur. ut nom. sing. ein gebrochener Leisten der Schuster, welcher in den Schuh gesteckt und durch Keile aus einander getrieben wird, die Schuhe darnach zu richten.


Richtmahl (W3) [Adelung]


Das Richtmahl, des -es, plur. die -e, und -mähler, S. Richtessen.


Richtmaß (W3) [Adelung]


Das Richtmaß, des -es, plur. die -e, in einigen Gegenden das Aichmaß, wonach sich alle andere Maße richten müssen. So auch Richtscheffel, Richtelle, Richtkanne u. s. f.


Richtpfennig (W3) [Adelung]


Der Richtpfennig, des -es, plur. die -e, in den Münzen, ein Gericht, welches den 65336sten Theil einer Mark ausmacht, und wornach das Gewicht der Münzen eingerichtet, d. i. bestimmt wird.


Richtplatz (W3) [Adelung]


Der Richtplatz, des -es, plur. die -plätze. 1) Derjenige Platz, auf welchem eine Missethäter gerichtet, d. i. hingerichtet wird; die Richtstatt, Richtstätte. 2) * Der Gerichtsplatz, derjenige Ort, wo Gericht gehalten wird; eine im Hochdeutschem veraltete Bedeutung, welche Apost. 17, 19, 22 vorkommt.


Richtschacht (W3) [Adelung]


Der Richtschacht, des -es, plur. die -schächte, im Bergbaue, 1) ein jeder Schacht, welches senkrecht in die Tiefe gehet; von recht, richt, senkrecht. 2) Ein Gränzschacht, vielleicht, weil er die Gränzen richtet, d. i. bestimmt.


Richtscheffel (W3) [Adelung]


Der Richtscheffel, des -s, plur. ut nom. sing. S. Richtmaß.


Richtscheibe (W3) [Adelung]


Die Richtscheibe, plur. die -n, bey den Schlössern, die Einschnitte in dem Schlüsselblatte zu Deutschen Schlössern, welche bey Französischen Schlössern Mittelbrüche genannt werden.


Richtscheit (W3) [Adelung]


Das Richtscheit, des -es, plur. die -e, 1) Ein Scheit. d. i. langes dünnes Holz, die richtige, d. i. gerade Beschaffenheit eines Körpers damit zu erforschen, ingleichen gerade Linien damit zu ziehen; Nieders. Richtholt. Solche Richtscheite haben die Mauerer und Zimmerleute. ein kleineres Werkzeug dieser Art, dessen man sich auf Papiere bedienet, ist unter dem Nahmen eines Lineales am bekanntesten. 2) An der Drehlade der Zinngießer ist es eine ausgehöhlte Stange, worauf der Arm ruhet, demselben vermittelst derselben die gehörige Richtung zu geben. Ein ähnliches senkrechtes Eisen an dem Drehstuhle der Uhrmacher, welches hoch und niedrig gestellet werden kann, und im Drehen den Grabstichel trägt, wird gleichfalls das Richtscheit genannt.


Richtschnur (W3) [Adelung]


Die Richtschnur, plur. die -schnüre, bey den Werkleuten, eine Schnur, theils gerade Linien mit derselben zu machen, theils auch die gerade Beschaffenheit eines Dinges damit zu erforschen; wo sie auch nur schlechthin die Schnur genannt wird. Weißt du, wer über sie (die Erde) eine Richtschnur gezogen hat? Hiob 38, 5. So auch Klagel. 2, 8. Figürlich wird es, doch ohne Plural, sehr häufig von einer jeden Vorschrift, einem jeden Bestimmungsgrunde des Verhaltens gebraucht. Nach der Richtschnur der Gesetze leben. Der Eigennutz ist die Richtschnur aller seiner Gesinnungen und Handlungen.


Richtschwert (W3) [Adelung]


Das Richtschwert, des -es, plur. die -er, ein Schwert, so fern es zur Hinrichtung eines Verbrechers gebraucht wird, das Schwert des Nach- oder Scharfrichters.


Richtstange (W3) [Adelung]


Die Richtstange, plur. die -n, eine Stange, ein anderes Ding damit zu richten. In den Windmühlen ist es eine eiserne Stange über dem Mühlsteine, diesen damit weiter oder enger zu stellen.


Richtstatt (W3) [Adelung]


Die Richtstatt, plur. die -stätte. 1) ( S. Richtplatz.) 2) In dem Jagdwesen wird auch ein durch den Wald gehauener Weg, den Jagdzeug daselbst zu richten, d. i. aufzustellen, und welcher auch der Richtweg, Stellweg, Flügel, Durchhieb und das Geräumte heißt, die Richtstatt genannt.


Richtstätte (W3) [Adelung]


Die Richtstätte, plur. die -n, S. Richtplatz.


Richtsteig (W3) [Adelung]


Der Richtsteig, des -es, plur. die -e, im gemeinen Leben, besonders Niedersachsens, ein Fußsteig, so fern er in die Richte gehet, das ist, den geraden und nähern Weg führet, als die ordentliche Straße; im mittlern Lat. Adrateria. Es (mein Gesicht) irret und vermag Den Richtsteig nicht zu geben, Opitz. Wo es in weitern Verstande einen ebenen, gebahnten Weg zu bezeichnen scheinet. In den Rechten ist diejenige allgemeine Prozeß-Ordnung, welche Hermann von Oeßfeld und Johann von Beck unter Carln IV. verfertigen, unter dem Nahmen des Richtsteiges bekannt.


Richtstein (W3) [Adelung]


Der Richtstein, des -es, plur. die -e, S. Richthammer.


Richtstock (W3) [Adelung]


Der Richtstock, des -es, plur. die -stöcke, bey den Zimmerleuten, ein Nahme des nach Fußen und Zollen eingetheilten Maßstockes. Bey den Büchsenmachern ist der Richtstock ein eisernes Werkzeug mit einer Rinne, ein Rohr, welches sich geworfen hat, darin gerade zu biegen.


Richtstuhl (W3) [Adelung]


Der Richtstuhl, des -es, plur. die -stühle, S. Richterstuhl. Auch der Stuhl, auf welchem ein Delinquent gerichtet, d. i. enthauptet wird, führet den Nahmen des Richtstuhles.


Richtung (W3) [Adelung]


Die Richtung, plur. die -en, S. in Richten.


Richtweg (W3) [Adelung]


Der Richtweg, des -es, plur. die -e, S. Richtstatt.


Ricke (W3) [Adelung]


Die Ricke, plur. die -n. 1) Bey den Jägern, ein Reh weiblichen Geschlechtes; die Rehhindinn, im Gegensatze des Rehbockes. In einigen Gegenden führet auch die Ziege den Nahmen einer Ricke. ( S. Reh.) 2) Eine Art Krähen, welche auch Rake, Racker, Roche genannt wird, lautere Nahmen, welche Nachahmungen ihres eigenthümlichen Geschreyes sind, S. Haferricke und Racker.


Riebsel (W3) [Adelung]


Die Riebsel, plur. die -n, in einigen Gegenden, besonders Oberdeutschlandes, so wohl die Stachelbeeren, als auch die Johannisbeeren, ( S. diese Wörter,) welche auch wohl Riebselbeeren genannt werden. Der Nahme ist mit dem Lat. Ribes zu genau verwandt, als daß man es sollte verkennen können, ob er gleich gewiß nicht daher entlehnet ist, sondern mit demselben von einem gemeinschaftlichen ältern Stamme herkommt.


Riechbar (W3) [Adelung]


Riechbar, adj. et adv. fähig, durch den Geruch empfunden zu werden. So auch die Riechbarkeit.


Riechen (W3) [Adelung]


Riechen, verb. irreg. ich rieche, du riechst, (Oberd. reuchst,) er riecht, (Oberd. reucht;) Imperf. roch; Mittelw. gerochen; Imperat. rieche, (Oberd. reuch.) Es ist in doppelter Bedeutung üblich. 1. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben, feine Ausdünstungen von sich gehen lassen, welche eine Veränderung in den Nerven der Nase verursachen, oder vermittelst des Geruches empfunden werden. Gut oder wohl riechen, übel, schlecht riechen. Es riecht wie Rosen, oder nach Rosen. Nach Ambra, nach Zwiebeln u. s. f. stechen. Etwas riechend machen. In engerer Bedeutung faul, verdorben riechen, den Anfang der Fäulniß, oder des Verderbens durch den Geruch an den Tag legen, für das niedrigere stinken. Der Todte riecht schon. Das Fleisch fängt an zu riechen. Riechendes Fleisch. 2. Als ein Activum, diese seinen Ausdünstungen in und mit der Nase empfinden, diejenigen Ausflüsse empfinden, welche eine Veränderung in der Nase hervor bringen. 1) Eigentlich. Etwas riechen. Ich rieche nichts. Die Thiere riechen den Menschen von weiten. Jemanden etwas zu riechen geben. Den Braten riechen, ingleichen Leute riechen, im gemeine Leben, etwas merken, von weiten entdecken, vermuthen. Kein Pulver riechen können, zaghaft, feige seyn. Ingleichen mit dem Vorworte an. An etwas riechen, die Nase einem Dinge nähern, um den Geruch zu empfinden. An den Blumenstrauß riechen. 2) Figürlich. (a) Das konnte ich nicht riechen, in der niedrigen Sprechart, nicht merken, nicht wissen. (b) An etwas riechen, auch nur im gemeinen Leben, demselben nahe kommen. Wie eine flächsene Schnur zerreißt, wenn sie ans Feuer reucht, Richt. 16, 9. Er darf nicht in mein Haus riechen. Ich mag nicht riechen in eure Versammlungen, Amos. 5, 21. Daher das Riechen. S. auch Geruch, ingleichen Verriechen und Beriechen.

Anm. Im Nieders. ruken und rüken, im Angels. reac, und selbst im Hebr. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image - und - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, wo auch - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, so wie im Arab. Rahha, der Geruch ist. Es ist von Rauch und rauchen nur in der Mundart verschieden. Notker gebraucht riechen für rauchen, und noch in Schwaben sagt man der Ofen riecht für raucht; auch im Nieders. ist ruken einen Geruch machen, wofür wir räuchern sagen. Der Grund der Benennung liegt ursprünglich in einer langsamen leisen Bewegung welche durch riech, reich, reg, ausgedruckt wird, und welche mehreren Dingen gemein ist. ( S. Kriechen, Reichen, Regen u. s. f.) Die Form du reuchst, er reucht, ist nur einigen rauhen Oberdeutschen Mundarten eigen, ist aber, weil sie den Mund mehr füllet, von einigen auch in die höhere Schreibart aufgenommen worden, ungeachtet der Mißklang merklich genug ist. Einige Oberdeutsche Gegenden, z. B. Baiern, kennen dieses Zeitwort fast gar nicht, wenigstens in den gemeinen Sprecharten nicht, sondern gebrauchen dafür schmecken; die Rose schmecket schön, ich schmecke nichts. Ob sie nun gleich die Natur der Sache für sich haben, weil beyde Sinne nahe genug verwandt sind, daß man sie für Einen halten könnte, so werden sie doch von andern Provinzen dafür verspottet, und müssen sich Schuld geben lassen, daß sie nur vier Sinne haben.


Riecher (W3) [Adelung]


Der Riecher, des -s, plur. ut nom. sing. die Nase, doch nur im gemeinen Scherze; im Baiern der Schmecker.


Riechfläschchen (W3) [Adelung]


Das Riechfläschchen, des -s, plur. ut nom. sing. ein kleines mit einem stark riechenden Spiritus angefülltes Fläschchen, in Ohnmachten u. s. f. daran zu riechen.


Riechsalz (W3) [Adelung]


Das Riechsalz, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, ein aus Salmiak und Kreide sublimirtes flüchtiges Salz, in Ohnmachten u. s. f. daran zu riechen, welches, weil es in England erfunden worden, auch Englisches Riechsalz heißt.


Ried (W3) [Adelung]


Das Ried, S. Rieth.


Riefe (W3) [Adelung]


Die Riefe, plur. die -n, eine in die Länge sich erstreckende halb runde Rinne, ingleichen eine solche Erhöhung. Riefen in einer Säule. Daher die Zeitwörter riefen und riefeln, mit solchen Riesen versehen. Es ist mit Reif und Rippe Eines Geschlechtes. S. dieselben, ingleichen Riffeln.


Riege (W3) [Adelung]


* Die Riege, plur. die -n, das Hochdeutsche Reihe nach der Niederdeutschen Aussprache, welches in Luthers Übersetzung mehrmahls vorkommt, der Hochdeutschen Schreibart aber fremd ist. Und sollt es füllen mit vier Riegen voll Steine, 2 Mos. 18, 17. Und so in andern Stellen mehr.


Riegel (W3) [Adelung]


1. Der Riegel, des -s, plur. ut nom. sing. ein nur bey den Jägern übliches Wort, welche denjenigen Ort, wo das Wild gern hinzu kommen pflegt, so wohl einen Riegel, als auch einem Wechsel nennen. Es scheinet hier mit regen, reichen, kriechen, welches nur den Gaumenlaut vor sich genommen hat, verwandt zu seyn, und den Begriff des Gehens, Versammelns u. s. f. zu haben.


Riegel (W3) [Adelung]


2. Der Riegel, des -s, plur. ut nom. sing. Diminut. das Riegelchen, Oberd. Riegelein. 1) Ein langes gemeiniglich vierecktes Holz; doch nur in verschiedenen einzelnen Fällen. So werden die langen Querhölzer, woran die Latten eines Stacketes und Gitterwerkes und die Breter einer Planke genagelt werden, Riegel genannt, und die Tischler nennen alle auf der Sägemühle geschnittenen viereckigen Hölzer, so wie sie zu diesen Riegeln, eines Gitterwerkes gebraucht werden, Riegel. Bey den Zimmerleuten heißen alle oft sehe für kurze Querhölzer, welche zwey senkrechte Ständer oder Säulen mit einander verbinden, Riegel. Ein Riegel, die Kleider und anderes Geräth daran zu hängen, ist ein horizontales Stück einer Latte, welches entweder mit Zapfen oder mit eisernen Haken versehen wird. Im Forstwesen wird auch ein Stück Holz, womit man ein anderes schwereres aufhebt, ein kurzer Hebebaum, ein Riegel genannt, wo es entweder mit Prügel verwandt ist, oder auch unmittelbar von regen, bewegen, abstammet. Figürlich, oder eigentlich in Rücksicht des Begriffes der Verbindung, ist bey den Nähterinnen und Schneidern der Riegel eine genähete Verwahrung zu Ende eines Schlitzes, Knopfloches u. s. f. damit sie nicht weiter reißen. 2) In engerer Bedeutung ist der Riegel ein längliches bewegliche Holz oder Eisen zwischen zwey Kloben, eine Thür aber ähnliche Öffnung damit zu verschließen. Ein hölzerner, ein eiserner Riegel. Den Riegel vorschieben. Jemanden den Riegel vorschieben, figürlich, ihn nachdrücklich in einer Sache hindern, ihn darin einschränken, hemmen. Den Lastern Riegel vorschieben, ihnen Gränzen setzen. Gott setzet dem Meere Riegel, Hiob. 38, 10. An einem Pfluge ist der Riegel ein breiter Nagel, der durch den Bolzen, welcher durch die Schar gehet, gestoßen wird; bey den Seifenfiebern eine Stange Seife, so wie sie zum Verkaufe bestimmt ist. Anm. Bey dem Winsbeck Rigil, im Nieders. Regel, im Schwed. Regel, im Engl. Rail. Die letzte Sylbe ist die Ableitungssylbe -el, welche so wohl ein Werkzeug, als auch ein Ding, ein Subject bedeutet. Die erste Hälfte scheinet Reihe, Nieders. Riege, Prügel u. s. f. zu gehören, und den Begriff der Ausdehnung in die Länge zu haben, ( S. auch Prügel, Regel und Reichen.) Indessen kann auch der verwandte Begriff der Verbindung, der eine Figur des vorigen ist, in Betrachtung kommen. Im Holländ. ist rygen binden, verbinden, ( S. Reihen.) Ottfried gebraucht rigilon für bewahren, verwahren, und im Tatian kommt das einfachere intrihan, intrigan, für entriegeln, öffnen, vor.


Riegelband (W3) [Adelung]


Das Riegelband, des -es, plur. die -bänder, im Schiffsbaue, Hölzer, welche zwischen zwey andere gesetzt werden, sie zu verbinden, oder zu verstärken.


Riegelbohrer (W3) [Adelung]


Der Riegelbohrer, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Zimmerleuten, ein Bohrer, womit die Löcher zu den hölzernen Nägeln in die Riegel gebohret werden; der Bandbohrer.


Riegelholz (W3) [Adelung]


Das Riegelholz, des -es, plur. die -hölzer, Holz, woraus die Riegel zu den Stacketen, Planken und Gittern gemacht werden; so wohl collective und ohne Plural, als von einzeln Hölzern dieser Art.


Riegelschloß (W3) [Adelung]


Das Riegelschloß, des -sses, plur. die -schlösser, ein mit mehrern Riegeln und einem ungewöhnlichen Eingerichte versehenes Schloß, zum Unterschiede von den gewöhnlichen Schlös- sern, obgleich auch an diesen der Riegel eines der wesentlichsten Stücke ist.


Riegelwerk (W3) [Adelung]


Das Riegelwerk, des -es, plur. die -e, in der Zimmermannskunst, ein aus Riegeln und dazu gehörigen Säulen bestehendes Werk, welches wegen der daraus entstehenden Fache auch ein Fachwerk genannt wird.


Riegerlein (W3) [Adelung]


Das Riegerlein, S. Reiher.


Riehwurm (W3) [Adelung]


Der Riehwurm, des -es, plur. die -würmer, ein nur in den gemeinen Sprecharten übliches Wort. In der Bienenzucht werden die weißen Raupen mit verziehen Füßen, welche aus den Eyern der Bienenfalter in den Bienenstöcken ausgebrütet werden, und auch Motten, Schaben, oder noch besser Afterschaben heißen, Riehwürmer genannt. Wenn sich viele solcher Würmer in einem Bienenstocke befinden, so sagt man, die Bienen haben den Wolf. Im Nieders. wird auch der Kornwurm, der die Gestalt einer Made hat und die Körner durch sein Gespinst gleichsam an einander reihet, der Reihwurm genannt, welchen Nahmen daselbst auch der Reitwurm, die Reitkröte oder Erdgrille führet. Rieh ist die Niedersächsische Ansprache des Hochdeutschen Reih, Reihe. In der letzten Bedeutung der Erdgrille aber gehöret es zunächst zu unsern reiten.


Riemen (W3) [Adelung]


Der Riemen, des -s, plur. ut nom. sing. im gemeinen Leben auch häufig, der Riem, des -ens, plur. die -en; ein Wort, welches überhaupt eine Ausdehnung nach allen Seiten, besonders aber nach der Länge bedeutet. 1. * Eine Ausdehnung nach allen Seiten; eine im Hochdeutschen ungewöhnliche Bedeutung, in welcher es nur noch im Nieders. üblich ist, wo ein Riemen Papier so viel als ein Ballen, d. i. eine Zahl von 10 Rieß, ist; Engl. Ream. Obgleich alle Wörter, welche eine Ausdehnung in die Länge bezeichnen, auch eine Ausdehnung in die Höhe und Dicke bedeuten können, und sehr oft wirklich bedeuten, so kann doch Riemen in dieser Bedeutung auch füglich zu dem veralteten Riem, Reim, eine Zahl, gerechnet, oder auch als eine Figur von der folgenden Bedeutung aufgesehen werden, etwa, weil man eine solche Quantität Papieres ehedem mit Riemen zusammen gebunden. S. aber auch Remel, ein Bündel Flachs. 2. Noch häufiger aber, eine Ausdehnung in die Länge, ohne beträchtliche Breite und Dicke. 1) Überhaupt, wo es noch in verschiedenen einzelnen Fällen vorkommt. In der Baukunst werden die kleinsten Glieder, welche vornehmlich zur Absonderung der andern dienen, von einigen Riemen, von andern oder Plättlein genannt. Vitruv nennt sie Regulas, welches von Riemen nur im Endlaute verschieben ist. An den Wasserteichen werden die Riegel oder Querhölzer, welche die Pfähle verbinden, Riemen genannt, und im Nieders. ist Rimm ein jeder Riegel oder Querbalke, wo beyde Wörter auch nur im Endlaute verschieben sind. Mit vorgesetztem T ist Trahm im Oberd. ein Balken, Trabs, ( S. auch Trumm.) Auch die Seitenbreter eines Schiffes heißen im Nieders. Rimmen. Bey den Fleischern werden gewisse schmale aus einem Rinde gehauene Streifen Fleisch Riemen genannt, wohin der Vorderriemen, der Wurzelriemen, und der ausgekörnte Riemen gehören. Ein Riemen Lachs ist im Niederdeutschen ein halber geräucherter Lachs, wegen seiner Länge und geringen Breite. Bey den Werkleuten einiger Gegenden wird der zehnte Theil des Quadrat- oder Kreuzmaßes und dessen Unterabtheilungen ein Riemen genannt, und alsdann ist das Riemenmaß so viel als das Kreuz- und Quadrat-Maß, die Riemenruthe eine Kreuz- oder Quadrat-Ruthe, der Riemenschuh, der Riemenzoll, ein solcher Schuh oder Zoll. Besonders gehöret hierher das Niederdeutsche Riemen oder Riem ein Ruder an den Galeeren und Schaluppen, entweder auch von der langen schmalen Gestalt, oder auch unmittelbar mit dem Stammbegriffe der Bewegung, von welchem jener nur eine Figur ist, so daß es von der Ruder nur im Endlaute verschieben ist; Nieders. Reem, Lat. Remus, Franz. Rame, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, welches zunächst zu reiten, bewegen, gehöret. Daher Nieders. reemen, riemen, rudern, Lat. mit der intensiven Ableitungssylbe -igen, remigare. Vermuthlich gehöret auch das Arab. Rumph und im Plural Rimah, eine Lanze, ein Spieß, hierher, so wohl wegen der Länge, als auch wegen der Bewegung, so fern er geworfen wird. 2) In engerm Verstande mit dem Nebenbegriffe der Biegsamkeit und des daraus herfließenden Begriffes des Bindens und Verbindens. (a) * Überhaupt, wohin das Re, Ree, Reim bey dem Hornegk gehöret, welches so wohl einen Fallstrick, als auch einen jeden Strick bedeutet. Im Wallisischen ist rhwym binden, und im Angels. Ream, Reama, ein jedes Band. Mit vorgesetztem Gaumenlaute ist im Schwed. Grimma und im Dän. Grieme die Halfter. Im Deutschen ist es in dieser weitern Bedeutung veraltet, wo man es, (b) im engern Verstande nur noch einem ledernen Bande, von einem schmalen langen biegsamen Streifen Leders gebraucht. Der Bindriemen, Schuhriemen, Knieriemen, Nähriemen, Kutschenriemen u. s. f. Eine Kutsche hängt in Riemen, wenn der Kasten auf starken biegsamen ledernen Riemen stehet. An einem Pferdegeschirre hat man Brustriemen, Schwanzriemen u. s. f. Einem Pferde Riemen legen, ( S. Haarseil.) Die Riemen ziehen müssen, figürlich im gemeinen Leben, Geld suchen, bezahlen müssen, in die Büchse blasen müssen, wegen des mit Riemen versehenen ledernen Geldbeutels gemeiner Leute. Sprichw. aus anderer Leute Haut ist gut Riemen schneiden, auf anderer Leute Kosten oder mit anderer Leute Schaden ist es nicht schwer, sich einen Vortheil zu verschaffen. An kleinen Riemen lernen die Hunde Leder kauen, von kleinen Vergehungen gewöhnt man sich nach und nach zu größern Verbrechen.

Anm. In dieser letzten engsten Bedeutung bey dem Ottfried Riumo, im Nieders. Reem, im Schwed. Rem, im Finnländ. Ruoma, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, welches aber auch einen Strick bedeutet, im Polnischen Rzemien, im Böhm. Remen. Daß bey den Lateinern Remus nicht allein ein Ruder, sondern auch einen Riemen, Lorum, bedeutet habe, erhellet unter andern auch aus dem Servius. Die in den gemeinen Sprecharten übliche Form Riem klingt im Hochdeutschen hart und niedrig.


Riemenbein (W3) [Adelung]


Das Riemenbein, des -es, plur. die -e, der Nahme einer Art Vögel mit langen dünnen und sehr biegsamen Beinen, welche auch Riemenfuß, Dünnbein, und von einigen, obgleich fälschlich, Meerälster genannt wird; Himantopus Plin. et Klein. Er ist ein wenig größer als der Kibitz, hat aber zwölf Zoll hohe dünne Beine. Am Kopfe und vorn dem Halse ist er weiß, auf dem Rücken und auf ihren Flügeln schwarz, mit ein wenig Grün vermengt, auf dem Schwanze und obern Theile des Halses aber weißgrau.


Riemenblume (W3) [Adelung]


Die Riemenblume, plur. die -n, eine Pflanze, welche nur auf andern Bäumen wächst an Größe der Mistel gleicht; Loranthus L. wovon eine Art in Österreich auf den Eichbäumen angetroffen wird, zwey andere Arten aber in Amerika einheimisch sind.


Riemenfuß (W3) [Adelung]


Der Riemenfuß, des -es, die -füße, S. Riemenbein.


Riemenläufer (W3) [Adelung]


Der Riemenläufer, des -s, plur. ut nom. sing. in dem Salzwerke zu Halle, ein Arbeiter, welcher keine ordentliche Verrichtung hat, sondern nur, wenn andere Arbeiter krank sind, gemiethet, und auch der Zipfelläufer genannt wird.


Riemenmaß (W3) [Adelung]


Das Riemenmaß, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, S. Riemen 2 1).


Riemenpferd (W3) [Adelung]


Das Riemenpferd, des -es, plur. die -e, an einem drey- vier- oder mehrspännigen Wagen, diejenigen Pferde, welche vor die Deichsel- oder Stangenpferde gespannet werden, und zum Unterschiede von denselben; vermuthlich von dem Riemen, womit sie gelenket werden. S. Riemenseil.


Riemenruthe (W3) [Adelung]


Die Riemenruthe, plur. die -n, S. Riemen 2 1).


Riemenschneider (W3) [Adelung]


Der Riemenschneider, S. Riemer.


Riemenschuh (W3) [Adelung]


Der Riemenschuh, des -es, plur. die -e, S. Riemen 2 1).


Riemenseil (W3) [Adelung]


Das Riemenseil, des -es, plur. die -e, der lange Riemen, oder auch das hänfene Lenkseil, womit die Riemenpferde gelenket und regieret werden.


Riemenstecher (W3) [Adelung]


Der Riemenstecher, des -s, plur. ut nom. sing. eine Art betriegerischer Landläufer, besonders auf den Jahrmärkten, welche einen Riemen mit gemachten Krümmen zusammen rollen, und andere darein stechen lassen, da sie denn machen können, daß der Stich allemahl neben dem Riemen gehe. Sie kommen unter diesem Nahmen schon in dem alten Augsburgischen Stadtbuche aus dem 13ten Jahrhunderte vor. Im mittlern Lat. heißen sie Corgenarii, von Corrigia, ihre betrügliche Kunst aber, oder das Riemenstechen, Corizola.


Riemenwage (W3) [Adelung]


Die Riemenwage, plur. die -n, eine mit Riemen oder auf andere Art vorn an die Deichsel gehängte Wage, die Riemenpferde daran zu spannen; die Vorderwage.


Riemenzoll (W3) [Adelung]


Der Riemenzoll, des -es, plur. die -zölle, und mit einem Zahlworte, plur. ut nom. sing. S. Riemen 2 1).


Riemenzweig (W3) [Adelung]


Der Riemenzweig, des -es, plur. die -e, im Forstwesen, junge aufgeschossenen Fichten und Tannen, etwa eines Fingers dick und 1 1/2 Ellen lang; von Riemen, ein langes, biegsames Ding.


Riemer (W3) [Adelung]


Der Riemer, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Riemerinn, ein Handwerker, welcher nicht nur lederne Riemen verfertiget, sondern auch andere Geräthschaften aus solchen Riemen zusammen setzet, daher die Wagen- und Pferdegeschirre, Zäume u. s. f. die vornehmste Arbeit der Riemer sind; Nieders. Reemker, Remensnider, Riemenschneider, ehedem auch Salwirt, vermuthlich von dem Nieders. Siehl, Seil. Daher die Riemerarbeit, diejenige Arbeit, welche ein Riemer verfertiget.


Riepel (W3) [Adelung]


Der Riepel, des -s, plur. ut nom. sing. ein nur in verschiedenen Fällen des gemeinen Lebens übliches Wort. 1) In einigen Gegenden führet der Kater den Nahmen des Riepels, wo es auch als ein eigenthümlicher Nahme desselben gebraucht wird; ohne Zweifel von rufen, Nieders. ropen, oder von dem Nieders. reppen, schnell bewegen, und figürlich, sich begatten, ( S. auch Repphuhn.) 3) Im Hüttenbaue wird der gewöhnliche Satz von Gestübe, so wie man ihn zu den Testen, Herden u. s. f. gebraucht, Riepel genannt, und da stammet es unstreitig von reiben ab. 3) Auch gebraucht man es im gemeinen Leben als eine verächtliche, doch gemeiniglich nur im Scherze übliche Benennung eines unstätten, liederlichen, nichts würdigen Menschen, welche Bedeutung auch das mittlere Lat. Ribaldus, das Franz. Ribauld, das Ital. Ribaldo, und das Schwed. und Isländ. Ribalder haben. Schon bey dem Hornegk ist Ribalt ein böser Bube, und im Engl. bedeutet Ribald einen Harenjäger; vielleicht auch von dem vorhin gedachten reppen, so wohl herum streichen, umher schweifen, als auch coire, und dem alten bald, bold, kühn, wie in Saufbold, Raufbold, Trunkenbold u. s. f. Unser Riepel darf nicht eben daraus zusammen gezogen seyn, sondern kann auch vermittelst der Endsylbe -el, eine Person, Ding, Subject, unmittelbar von dem Zeitworte reiben, reppen, reben abstammen, worin so wohl der Begriff des Umherstreichens, als auch der zügellosen Wollust, gegründet ist. 4) In einigen gemeinen Sprecharten ist Riepel ein schwarzer Mensch, z. B. ein Mohr, ein Feuermauerkehrer u. s. f.


Ries (W3) [Adelung]


Das Ries, S. Rieß.


Riesche (W3) [Adelung]


Die Riesche, S. Rösche.


Riese (W3) [Adelung]


Der Riese, des -ns, plur. die -n, eine Person von ungewöhnlicher Größe und Stärke. Der Riese Goliath. Noch in den neuern Zeiten wollte man in Patagonien Riesen entdecket haben, die sich aber bey genauerer Untersuchung der gewöhnlichen Menschenlänge gar sehr genähert haben. Man gebraucht es auch von dem weiblichen Geschlechte, wenn nur allein die Größe und Stärke ausgedruckt werden soll. Sie ist ein Riese. soll aber auch zugleich das weibliche Geschlecht ausdrücklich mit bezeichnet werden, so sagt man auch Riesinn, z. B. die Gattinn eines Riesen anzudeuten. In weiterer Bedeutung, ein jedes Ding von ungeheurer oder ungewöhnlicher Größe. Der Elephant ist ein Riese gegen das Lamm. Ein Riese unter den Bergen. Da man denn auch allerley Zusammensetzungen mit diesen Worte machen kann, ungewöhnliche Größen zu bezeichnen. Ein Riesenfuß, Riesenschritt, Riesenstärke, Riesenschultern u. s. f. So oft ihr Riesenfuß mit Schrecken niedertritt, So oft erhebt der Markt, Zachar.

Anm. Bey dem Ottfried Risi, bey dem Notker Riso, im Holländ. Reus, im Schwed. Rese, im Isländ. Hrese. Es stammet von riesen her, so fern es in engerer Bedeutung in die Höhe schießen bedeutet, und auch das Stammwort von dem Schwed. reslig, lang, hoch, und unserm groß ist, ( S. Reis, Reisen und Rieseln.) Das hohe Alter dieses Wortes erhellet unter andern aus dem Hebr. Resch, der Kopf, eigentlich das oberste, höchste. Figürlich bedeutete Riese ehedem auch einen Fürsten, Held, Obersten, höchsten Vorgesetzten, wie das Arab. Rejjs und das Lat. Rex. ( S. Reich und Regieren.) Ehedem nannte man einen Riesen auch Heune, Hüne, Recke, Weigand, im Schwed. Jäue, im Lat. und Griech. Gigas, Titan u. s. f. worin ähnliche Begriffe herrschen. So fern riesen, jetzt rieseln, ehedem auch fließen, herabfallen u. s. f. bedeutete, hat das Wort Riese in manchen Gegenden noch verschiedene andere Bedeutungen. Ein zubereiteter Ort, wo man gefällete Holz von einem Berge hinunter rollen oder gleiten läßt, heißt in Österreich eine Riese oder Holzriese, in andern Gegenden eine Riesel oder Rutsche. In andern Oberdeutschen Gegenden ist die Riese oder Schneeriese ein Klumpen Schnee, welcher sich von den Bergen los reißet und in die Thäler riefet oder füllt, S. Lauwine. Du weyst das auf diesem perg dort Vor den schne rysen ist zu gän Sorglich, Theuerd. Kap. 65. In der Lausitz ist die Riese oder Flachsriese so viel als die Röste, der Ort in einem Bache, wo man den Flachs röstet. Ein Bettriese war ehedem ein bettlägeriger Kranke, wo es aber zu dem alten rausen, ruhen, liegen, gehöret, ( S. Rast.) Bey den Schwäbischen Dichtern ist Rise ein Hügel, von riesen, sich erheben, und eben dahin gehöret auch das Riesengebirge in Schlesien, und das Rieß, ein Nahme eines Gebirges in andern Gegenden.


Riesel (W3) [Adelung]


Die Riesel, plur. die -n. 1) Ein gewisses Kohlenmaß; doch nur im Forstwesen einiger Gegenden, wo es den Begriff der Vertiefung, der Hohlung zu haben scheinet. 2) Ein Gerüst, das Holz von einem Berge hinunter gleiten zu lassen, ( S. Riese, Anm.) 3) In einigen Gegenden werden auch die Sommersprossen im Gesichte Rieseln genannt, wo es mit dem folgenden Eines Geschlechtes ist; rieselig. Sommersprossen habend.


Rieseln (W3) [Adelung]


Rieseln, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und den Schall derjenigen Veränderungen genau nachahmet, welche es bezeichnet. Man gebraucht es, 1) von dem mit diesem Laute verbundenes Fließen der Bäche, Quellen und kleine Flüsse, besonders wenn sie auf einer abhängigen Fläche fortfließen. Wie sanft rieselst du vorüber, kleine Quelle, durch die Wasserkresse und durch die Bachbungen! Geßn. Rausche sanft, du rieselnde Quelle, ebend. 2) Körnerweise, oder in Körnern herab fallen, welches in einigen gemeinen Mundarten auch röhren genannt wird. Der Kalk rieselt von der Mauer, wenn er in kleinen Körnern herab rollet. Wie ein Riß an einer hohen Mauer, wenn es beginnet zu rieseln, Es. 30, 13. Nieders. grüseln. Es rieselt, sagt man auch, wenn der gefrorne Schnee in Gestalt kleiner Hagelkörner einzeln herunter fällt; Engl. to drizzle, Franz. gresiller. An andern Orten rieselt es, wenn es in einzelnen kleinen Tropfen regnet. Lauter von dein Schalle hergenommene Bedeutungen. Daher des Rieseln.

Anm. Mit allerley Vorlauten stammen davon grüseln, bröseln, das schon gedachte Franz. gresiller, und Gresil, der Hagel, das Engl. to drizzle, und andere mehr her. Rieseln ist das Diminutivum und zugleich das Frequentativum von dem im Hochdeutschen völlig veralteten riesen, abfallen, welches noch im Hoch- und Niederdeutschen gangbar ist, bey dem Notker risen, im Schwed. rasa, einstürzen, drossa, bey dem Ulphilas driusan. Im Nieders. ist daher Reß der Abfall von Korne, und im Schwed. Ras das Bett eines Flusses. Eine Sanduhr heißt um deßwillen auch im Oberdeutschen eine Riesuhr, von riesen, rieseln. S. Gries, Graus und vornehmlich Reisen.


Riesenbett (W3) [Adelung]


Das Riesenbett, des -es, plur. die -e, im gemeine Leben, ein Nahme der Grabhügel der ehemaligen heidnischen Einwohner Deutschlandes, welche auch Hunengräber, Hünenbette genannt werden; wegen ihres beträchtlichen Umfanges, daher man geglaubt, die, deren Achse in denselben ruhet, wären lauter Riesen oder Hünen gewesen. S. Riesentopf.


Riesenbild (W3) [Adelung]


Das Riesenbild, des -es, plur. die -er, ein Bild von ungeheurer, riesenförmiger Größe.


Riesenerdbeere (W3) [Adelung]


Die Riesenerdbeere, plur. die -n, bey den neuern Schriftstellern des Pflanzenreiches, eine Art in Chili einheimischer Erdbeeren, welche wenig aber sehr große Früchte trägt; Fragaria Chiloensis L.


Riesengebälk (W3) [Adelung]


Das Riesengebälk, des -es, plur. die -e, in der Baukunst, ein Gebälk von ungeheurer, ungewöhnlicher Größe.


Riesenmuschel (W3) [Adelung]


Die Riesenmuschel, plur. die -n, eine Art zweyschaliger Muscheln, welche eine ungeheuere Größe erlangen, und oft über 500 Pfund schwer werden; Chama L. Gienmuschel.


Riesenschatten (W3) [Adelung]


Der Riesenschatten, des -s, plur. ut nom. sing. ein Schatten von ungeheurer Größe. Ganz besondere Riesenschatten der Felsengebirge hatten sich über die Stadt gelagert, Zachar.


Riesenschildkröte (W3) [Adelung]


Die Riesenschildkröte, plur. die -n, die größte Art Schildkröten; Testudo Mydas L.


Riesenschlange (W3) [Adelung]


Die Riesenschlange, plur. die -n, S. Bergschlange.


Riesentopf (W3) [Adelung]


Der Riesentopf, des -es, plur. die -töpfe, im gemeinen Leben, ein Nahme der Graburnen oder Aschenkrüge, welche man in den so genannten Riesenbetten findet. In Schweden werden die großen runden Höhlen in den Felsen, in welchen die ehemaligen Einwohner das Getreide gestampfet, Jättegrytor, Riesentöpfe, genannt, und der große Haufe glaubt, daß die Riesen darin ihre Speise zubereitet haben.


Rieß (W3) [Adelung]


Das Rieß, des -es, plur. die -e, ein nur im Papierhandel übliches Wort, welches eine Quantität Papier von 20 Buch oder 480 Bogen bezeichnet. Bey den Papiermachern hingegen hält ein Riß drey Buscht, oder 546 Bogen. Wenn ein Zahlwort dabey stehet, so bleibt es im Plural, wie so viele andere Wörter dieser Art, unverändert; sechs Rieß, nicht Rieße.

Anm. Im Schwed. gleichfalls Ris, im Ital. Risma. Wachter leitete es von dem Wallis. Rhes, Ordnung, Reihe, her, Frisch aber von Reise, so viel als auf Ein Wahl gearbeitet wird. Allein er scheinet vielmehr, daß dieses Wort, wie so viele andere seiner Verwandten, ursprünglich einen Haufen, eine ausgedehnte Masse bedeutet habe, und zu dem ehemaligen Riese, ein Hügel, und mit demselben, zu riesen, aufschießen, gehöre, ( S. Reis und Reisen.) Auf ähnliche Art heißt ein Rieß Papier im Engl. Ream, und im Franz. Rame, dagegen ein Riemen Papier, im Niederdeutschen, ein Ballen ist; von Riem, welches nicht nur eine Ausdehnung in die Länge, sondern auch in die Höhe und Dicke, bedeutet, ( S. Riemen.) Eben um deßwillen wird auch der Fichtelberg mit dem darauf befindlichen Walde, das Rieß genannt, S. auch Riese. Anm. ingleichen Rist.


Rießhänge (W3) [Adelung]


Die Rießhänge, plur. die -n, bey den Papiermachern, ein hölzernes Werkzeug, wie ein Lateinisches T, die fertigen Bogen zum Trocknen damit aufzuhängen. Franz. Ferlet.


Rießling (W3) [Adelung]


Der Rießling, des -es, plur. die -e, eine in Franken übliche Benennung einer Art Weintrauben, welche dichte, saftreiche Beeren hat, die aber säuerlich sind. Vermuthlich von dem Oberdeutschen reß, räsch, herbe, wovon auch unser Kresse abstammet.


Riest (W3) [Adelung]


Der Riest, die Erhöhung des Fußes u. s. f. S. Rist.


Riester (W3) [Adelung]


Der Riester, des -s, plur. ut nom. sing. ein nur im gemeinen Leben übliches Wort. 1) Die Erhöhung der Hand oder des Fußes, ( S. Rist.) 2) An einem Pfluge werden die zwey krummen Hölzer, womit derselbe regieret wird, in einigen Gegenden Riester genannt; dagegen führet in andern der Grendel oder Pflugbalken den Nahmen des Riesters. 3) Im Niederdeutschen ist der Riester oder Rester ein Streifen von Leder, welcher auf eine schadhafte Stelle des Oberleders eines Schuhes wird, ein lederner Flicken auf einen Schuh.

Anm. Auch dieses Wort gehöret zu Riese, Reis, Rieß u. s. f. und bezeichnet in der ersten Bedeutung die Ausdehnung in die Höhe, in den beyden folgenden aber die Ausdehnung in die Länge.


Riester (W3) [Adelung]


Die Riester, eine Baumart, S. Rüster.


Riethanker (W3) [Adelung]


Der Riethanker, des -s, plur. ut nom. sing. in den Niederdeutschen Marschländern, ein mit Rieth oder Rohr bewachsener Anker, d. i. Deichufer, welches auch die Schallung genannt wird.


Riethbinder (W3) [Adelung]


Der Riethbinder, des -s, plur. ut nom. sing. ein Arbeiter, welcher das Rieth oder Rohr abschneidet, und es zum Verkaufe in Bunde bindet.


Riethbirn (W3) [Adelung]


Die Riethbirn, plur. die -en, eine Art großer, langer Bienen, mit rauher Schale und von einem herben Geschmacke, welche daher nur zum Backen taugt; Haselbirn.


Riethgras (W3) [Adelung]


Das Riethgras, des -es, plur. doch nur von mehren Arten, die -gräser. 1) Eigentlich ein jedes Gras, welches in Riethen, d. i. sumpfigen Gegenden, wächst. 2) In einer andern Bedeutung des Wortes Rieth ist es ein Gras, welches dem Riethe, oder Rohre, ähnlich ist, und in diesem Verstande ist es der Nahme einer Grasart, welche am häufigsten in den feuchten sumpfigen Gegenden wächst; Carex L. Rohrgras, Schilfgras. In andern Gegenden wird auch das Nardengras, Nardus stricta L. ingleichen das Bandgras, Phalaris arundinacea picta L. ingleichen dessen Festuca ovina, Riethgras genannt; entweder wegen der Ähnlichkeit mit dem Rohre, oder auch wegen der Heimath in sumpfigen Gegenden.


Riethkamm (W3) [Adelung]


Der Riethkamm, des -es, plur. die -kämme, bey verschiedenen Arten der Weber, ein viereckter, hölzerner Nahmen mit parallelen Sprossen von Rieth oder Rohr, wodurch die Kette auf den Weberstuhl aufgebaumet wird, und welcher auch das Rieth, das Blatt, der Kamm, der Scheidekamm, bey den Leinewebern der Öffner genannt wird. Im mittlern Lat. Rexale.


Riethmeise (W3) [Adelung]


Die Riethmeise, plur. die -en, eine Art Meisen, welche sich gern in Riethen, d. i. sumpfigen Gegenden, aufhält. S. Mohrmeise.


Riethschnepfe (W3) [Adelung]


Die Riethschnepfe, plur. die -n, die größte Art unter den Wasserschnepfen, welche den Waldschnepfen an Größe und Farbe gleicht, nur daß sie sich gern in Riethen oder sumpfigen Gegenden aufhält; Moorschnepfe, Sumpfschnepfe, Pfuhlschnepfe, Scolopax rusticola Kl.


Riethsperling (W3) [Adelung]


Der Riethsperling, S. Rohrsperling.


Riff (W3) [Adelung]


Das Riff, des -es, plur. die -e, ein nur in der Seefahrt übliches Wort, eine lange Bank in der See zu bezeichnen, sie bestehe nun aus Sand und Felsen. In einigen Gegenden auch Reff, Holl. und Engl. Reff, S. dieses Wort.


Riffe (W3) [Adelung]


Die Riffe, plur. die -n, an den Pflanzen, ein in einigen Gegenden für das gangbare übliches Wort, ( S. dasselbe.) In andern Gegenden wird der große hölzerne Kamm, womit die Samenknospen von dem Flachse abgeraffet werden, die Riffe, Riffel, Riffelkamm, Reffe, Raffe, u. s. f. genannt; von raufen, raffen, S. Raufe 1.


Riffel (W3) [Adelung]


Die Riffel, plur. die -n, S. das vorige, ingl. Flachsriffel.


Riffelbaum (W3) [Adelung]


Der Riffelbaum, des -es, plur. die -bäume, in der Landwirthschaft, der starke horizontal liegende Baum, in welchen die Flachsriffeln befestiget sind.


Riffeleisen (W3) [Adelung]


Das Riffeleisen, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Goldarbeitern, eine Feile, welche nach einem rechten Winkel gebogen ist, die Charniere damit zu beriffeln, d. i. zu überfeilen, ehe sie geschliffen und polieret werden.


Riffelfeile (W3) [Adelung]


Die Riffelfeile, plur. die -n, bey den Schwertfegern, Goldarbeitern u. s. f. eine kurze, rundliche, ein wenig gekrümmte Feile, krause gegossene Sachen damit zu beriffeln. die Gürtler haben statt derselben ihr Schabeeisen.


Riffelkamm (W3) [Adelung]


Der Riffelkamm, des -es, plur. die -kämme, S. Riffe.


Riffeln (W3) [Adelung]


Riffeln, verb. reg. act. welches das Iterativum, so wohl von raffen und raufen, als auch von reifen, und endlich von reiben ist. 1) Von raffen und raufen, wo es besonders in der Landwirthschaft üblich ist, die Samenknospen von dem getrockneten Flachse vermittelst der Raufe oder Riffel abraufen. Den Flachs riffeln. Nieders. repen, repeln, reppen. ( S. Raufen.) 2) Von reifen, Reife, d. i. Furchen machen, mehrere und kleine Furchen in einem Dinge machen. eine Säule riffeln. Eine geriffelte Büchse, eine gezogene. Nieders. rifeln, Engl. to rivel, im Schwed. raffla. Im Holländ. ist daher Ruyifel und im Engl. Rivel eine Runzel. In einigen Gegenden lautet es auch reifeln, ( S. dasselbe und Reifen.) 3) Von reiben, oft und viel reiben, wo es im gemeinen Leben hin und wieder vorkommt, besonders bey einigen Handwerkern, von einer Art des Feilens, welche wegen der Beschaffenheit des Gegenstandes mehr ein Reiben ist, ( S. Riffeleisen und Riffelfeile.) Das Holz hat sich abgeriffelt, der Zeug hat sich durchgeriffelt. Jemanden riffeln, figürlich, im gemeinen Leben, ihn durch Verweise u. s. f. gewitziget und gefittet zu machen suchen. So auch das Riffeln.


Rigolen (W3) [Adelung]


Rigolen, S. Riolen.


Rille (W3) [Adelung]


Die Rille, plur. die -n, eine kleine Vertiefung in die Länge, eine kleine Rinne. Das Regenwasser macht Rillen in dem Acker. Eine Rille in dem Schafte einer Säule, ein vertiefter Streifen. Nieders. Rille, Engl. Rill, wo ehedem auch to rail fließen war, welches von unserm rinnen nur im Endlaute verschieden ist, und zu dem Geschlechte der Wörter rollen, Strahl, drillen, u. s. f. gehöret. ( S. auch Riole.) Im Lande Kedingen ist für Rille mit vorgesetztem p. Prille üblich.


Rimpeln (W3) [Adelung]


Rimpeln, verb. reg. act. und der Rimpler, des -s, plur. ut nom. sing. zwey nur bey den Kammachern übliche Wörter. Der Rimpler, oder wie man es auch spricht, Rümpler, ist daselbst eine breite Säge mit zwey Blättern, die Zähne in die Kämme einzuschneiden; das eine Blatt der Säge rimpelt oder rumpelt, indem es den andern Zahn vorschneidet oder andeutet, da inzwischen das andere Blatt den Zahn gerade durchschneidet. Etwa von Raum, räumen, als ein Intensivum des letztern? Oder vielmehr als eine unmittelbare Nachahmung des Lautes, und als ein Verwandter von rumpeln?


Rind (W3) [Adelung]


Das Rind, des -es, plur. die -er, ein Wort, welches in verschiedenen Umfange der Bedeutung gebraucht wird. 1) Im weitesten ist es ein allgemeines Nennwort derjenigen vierfüßigen Thiere, deren Geschlechter man durch Ochs und Kuh bezeichnet, wo es diese Thiere ohne Unterschied des Geschlechtes, des Alters u. s. f. bezeichnet. Abram hatte Schaffe, Rinder, Esel, Eselinnen und Kamele, 1 Mos. 12, 16. Der Altar, darauf du deine Schafe und Kinder opfert, 2 Mos. 20, 24. Die Stadt soll eine junge Kuh von den Rindern nehmen, 5 Mos. 21, 3. Und so in andern Stellen mehr. Es ist hier ein eben so allgemeines Wort als Pferd, Hund, Schaf u. s. f. Im Hochdeutschen ist es für sich allein in dieser Bedeutung, die höhere Schreibart etwa ausgenommen, wenig mehr üblich, obgleich die Zusammensetzungen Rindfleisch, Rindvieh, Rindszunge u. s. f. dieselbe noch haben. 2) In einigen Gegenden wird in engerer Bedeutung das männliche Individuum dieser Thiere, der Ochs, das Rind genannt. Das Gemeinrind, der Zuchtochs, welcher der ganzen Gemeine gehöret. 3) In noch andern heißt nur ein junger Ochs, welcher noch nicht gearbeitet hat, ein Stier, Farr, ein Rind, und in einigen begreift man unter diesen Nahmen auch eine junge Kuh, welche noch nicht gekalbet hat, eine Färse, Mosche, Kalbe.

Anm. Dieses Wort lautet bey dem Ottfried und Notker schon Rind, und das es seit dieser Zeit nicht die geringste Veränderung erlitten, so erhellet daraus dessen Alterthum, aber auch zugleich die Schwierigkeit, dessen Abstammung zu bestimmen, zumahl da es in den verwandten Sprachen nicht angetroffen wird. Vielleicht hat man dadurch die diesen Thieren eigene Stimme ausdrucken wollen, welche wenigstens andern ähnlichen Benennungen das Daseyn gegeben hat, da es denn zu rannen, reinen, schreyen, gehören würde.


Rinde (W3) [Adelung]


Die Rinde, plur. die -n, Dimin. das Rindchen, Oberd. Rindlein, der harte äußere Theil, welcher ein anderes Ding umgibt, und welcher auch eine Kruste genannt wird, obgleich dieses eigentlich die härteste Art der Rinden bezeichnet. Die Wunde bekommt eine Rinde, wenn der Eiter oder das Blut darauf erhartet oder trocknet, welche Rinde auch der Ruf und bey Ausschlägen im gemeinen Leben auch der Schorf genannt wird. Die Rinde eines Baumes, die Baumrinde, die äußerste harte Decke des Holzes, Nieders. Borke, dagegen die Pflanzen nicht so wohl Rinden als vielmehr biegsame, weiche Häute haben. Die Rinde abschälen. Birkenrinde, Eichenrinde, Lohrinde u. s. f. Die Rinde am Brote, oder des Brotes, die Brotrinde, im gemeinen Leben die Kruste, im Oberdeutschen der Ranft. Eine Rinde Brot, ein Rindchen Brot essen. Der Käse hat eine harte Rinde. In heißen Sommertagen bekommt der Gassenkoth eine feste Rinde.

Anm. Schon bey dem Ottfried und Willeram Rinto im Nieders. Rinde und Rinne, im Angels. und engl. Rind. Frisch leitet es von rund und Ring her, weil die Rinde als ein breiter Ring um den Baum gehe. Allein das ist kein Unterscheidungsmerkmahl der Rinde, weil sie auch auf ganz ebenen und flachen Dingen Statt findet, wohl aber die Härte und Festigkeit, daher man dieses Wort als Eines Geschlechtes mit rauh, Raude, Rost, Rand, Ruf, u. s. f. halten muß welche alle nur im Endlaute verschieden sind. Mit vorgesetztem entstehet daraus Grind. Siehe auch Ruf.


Rindenkäfer (W3) [Adelung]


Der Rindenkäfer, des -s, plur. ut nom. sing. eine Art rauher, nebelgrauer Käfer, welche sich in den Baumrinden aufhält; Dermestes polygraphus L. Im Nieders. Borkenkäfer, von Borke, Rinde.


Rindenstein (W3) [Adelung]


Der Rindenstein, des -es, plur. die -e, derjenige Tropfstein, welcher andere Körper mit einer festen Steinrinde überziehet, Stalactites incrustans; zum Unterschiede von andern Arten des Tropfsteines, obgleich dieser Unterschied bloß auf sehr zufälligen Umständen beruhet.


Rindenwanze (W3) [Adelung]


Die Rindenwanze, plur. die -n, eine Art Wanzen, welche sich auf den Baumrinden aufhält: Cimex corticalis L.


Rinderbraten,Rindsbraten (W3) [Adelung]


Der Rinderbraten, oder Rindsbraten, des -s, plur. ut nom. sing. ein gebratenes Stück Rindfleisch, und ein zum Braten bestimmtes Stück dieser Art.


Rindern (W3) [Adelung]


* Rindern, adj. et adv. welches nur im Oberdeutschen üblich ist, von einem Rinde. Rindernes Fleisch, im Hochd. Rindfleisch; ein rinderner Braten, Hochd. Rindsbraten. Ein rinderner Verstand aus kälberne Geberden, Logau.


Rindern (W3) [Adelung]


Rindern, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, sich nach dem Rinde, d. i. Zuchtochsen, von den Kühen; ochsen, stieren, und im Nieders. rieden. Die Kuh rindert, wenn sie nach der Begattung verlanget. Ingleichen, von dem Ochsen befruchtet werden. Die Kuh will rindern, hat gerindert. Daher das Rinderin. Die Endung -ern ist hier das Zeichen eines Desiderativi, welches eine Figur der Intension ist.


Rinderstahr (W3) [Adelung]


Der Rinderstahr, des -es, plur. die -e, eine Art Stahre mit einem gelben Schnabel und schwarzen Körper, welcher mit weißen Puncten versehen ist; Sturnus pratorum Kl. Spreht. Er hält gern auf den Wiesen unter dem Rindvieh auf.


Rindfällig (W3) [Adelung]


Rindfällig, adj. et adv. im Forstwesen, die Rinde fallen lassend. Rindfällige Bäume, an welchen die Rinde abgefallen ist.


Rindfleisch (W3) [Adelung]


Das Rindfleisch, des -es, plur. car. das Fleisch von einem Rinde, es sey nun von einem Ochsen oder von einer Kuh; im Oberd. rindern Fleisch.


Rindig (W3) [Adelung]


Rindig, -er, -ste, adj. et adv. eine Rinde habend, besonders in den Zusammensetzungen grobrindig, hartrindig, zartrindig u. s. f.


Rindsauge (W3) [Adelung]


Das Rindsauge, des -s, plur. die -n, eigentlich das Auge von einem Rinde. Figürlich, wegen einiger Ähnlichkeit in der Gestalt der Blumen, eine Pflanze, von welcher einige Arten auch in den gebirgigen Gegenden Oberdeutschlandes einheimisch sind; Rindsblume, Ochsenauge, Buphthalmum L. Auch die Färber-Kamille oder Streichblume, Anthemis tinctoria L. führet nun eben dieser Ähnlichkeit willen den Nahmen des Rindsauges.


Rindsblase (W3) [Adelung]


Die Rindsblase, plur. die -n, die Harnblase von einem Rinde.


Rindsblume (W3) [Adelung]


Die Rindsblume, plur. die -n, S. Rindsauge.


Rindschlag (W3) [Adelung]


Der Rindschlag, des -es, plur. inus. bey dem Fleischern einiger Gegenden, das Befugniß, ein oder mehrere Stücke Rindvieh zu schlagen oder zu schlachten, wenn die bestimmte Ordnung es erfordert. Auch die an einigen Orten unter den Fleischern eingeführte Reihe und Ordnung in Schlachtung des Rindviehes führet diesen Nahmen.


Rindsflecke (W3) [Adelung]


Die Rindsflecke, sing. inus. die in Stücken geschnittenen Gedärme, Wanst und Magen eines Kindes; im gemeinen Leben Kuttelflecke.


Rindvieh (W3) [Adelung]


Das Rindvieh, des -es, plur. inus. ein Collectivum, Rinder zu bezeichnen, Ochsen, Kühe und Kälber, ohne Unterschied des Geschlechtes; Hornvieh, Nieders. Hornqueck. Viel Rindvieh haben, halten. Zwölf Stück Rindvieh, für das ungewöhnlichere Rinder.


Ring (W3) [Adelung]


Der Ring, des -es, plur. die -e, Dimin. Oberd. Ringlein, Hochd. im gemeinen Leben Ringelchen, ein sehr altes, weit ausgebreitetes Wort, welches so wohl ein in die Länge ausgedehntes, als auch ein in die Höhe, in die Höhe und Dicke, und endlich ein in die Ründe ausgedehntes Ding bedeutet. 1. * Ein in die Länge ausgedehntes Ding, mit dem Nebenbegriffe Dünne, die Biegsamkeit. In dieser Bedeutung ist es im Hochdeutschen veraltet, obgleich theils unser Ranke, und ringe in geringe, theils das Oberdeutsche rahn, rahnig, schlank, Überbleibsel davon sind. 2. * Ein in die Höhe ausgedehntes Ding; eine gleichfalls veraltete Bedeutung, nach welcher Hringa bey dem Raban Maurus noch einen Fürsten, Vorgesetzten, bedeutet. Auch im Schwed. ist Ring und im Angels. Rinc ein vornehmer Mann. Eben so bedeuteten Riese, Recke u. s. f. ehedem einen große, und figürlich einen tapfern und vornehmen Mann, und unser groß selbst wird noch jetzt so gebraucht. 3. Ein nach allen Seiten ausgedehntes Ding, eine Masse; ein gleichfalls veralteter Gebrauch, von welchem mit vorgesetztem t, Truncus abzustammen scheinet. Indessen gibt es doch im Deutschen Fälle, wo dieses Wort noch von einer gewissen bestimmten Masse oder Zahl gebraucht wird, welche nebst der Etymologie an dieser Bedeutung nicht zweifeln lassen. So ist in Sachsen ein Ring Kohlen so viel Kohlen, als aus zehen Klaftern 7/4 langes Holz gebrannt werden können. In den Niedersächsischen Marschländern ist ein Ring Torf eine Menge Torf von 8 bis 9000 Stücken; ingleichen ein Stück Landes, welches so vielen Torf gibt. Im Bremischen hingegen ist ein Ringel Torf ein Haufe von 8 Sohden. In den Holzhandel wird auch das Stabholz nach Ringen verkauft, und da hält ein Ring gemeiniglich vier Schock 240 Stück. Allein in andern Gegenden, z. B. in Obersachsen, sind die Ringe nach Verschiedenheit des Stabholzes verschieden; denn ob sie gleich alle 120 Würfe halten, so rechnet man doch bey den Pipenstäben zwey Stück, bey den Oxhoft-Stäben drey Stück, und bey den Tonnenstäben vier Stück auf Einen Wurf, da man denn auf jeden 30sten Wurf noch Einen darein zu geben pflegt. Fünf Ringe machen in Hamburg ein großes Tausend oder 1200 Stück. An einigen Orten pflegt man auch andere Dinge nach Ringen zu zählen, und alsdann hält ein Ring allemahl 4 Schock oder 240 Stück. Man siehet leicht, daß sich die vorige Bedeutung der Ründe hier nicht ohne augenscheinlichen Zwang anwenden läßt, zumahl da der Begriff der Masse sich auch aus andern Gründen beweisen läßt. Bey dem Ottfried ist sih ringan ausdrücklich sich versammeln, und in unserm rinnen, gerinnen, sticht dieses Bedeutung gleichfalls vor. 4. Ein in die Ründe ausgedehntes Ding. 1) eine runde Figur, ein Kreis, ein Zirkel; in welcher Bedeutung es noch in mehrern Fällen, besonders des gemeinen Lebens, üblich ist. Der Ring um den Mond, ein runder Kreis in der Luft. die Ringe in einem Baume, die Kreise in dem Holze, welche den Jahrwuchs bezeichnen. 3) Ein körperlicher Kreis oder Zirkel, welche Bedeutung jetzt die gangbarste ist. Ottfried nennt die dornene Krone thurninan Ring. Die verschiedenen Arten der Ringe bekommen allerley zusammen gesetzte Nahmen. Ein Wagenring, Achsenring, Nabenring, Deichselring, Schlüsselring, Ohrring, Fingerring, Schlüsselring u. s. f. Oft werden manche Arten dieser ringe nur der Ring schlechthin genannt. Der Ring der Seefahrer ist ein Werkzeug in Gestalt eines Ringes, die Sonnenhöhen damit zu messen. Besonders verstehet man darunter einen Fingerring. einen Ring tragen, anstecken, den Ring abziehen. Ehedem nannte man einen solchen Fingerring auch den Reifen, und das Fingerlein. Ein großer Ring heißt ein Rinken, siehe dieses Wort. 3) * Die kreisförmige Einschließung oder Befriedigung eines Raumes, und der auf solche Art eingeschlossene Raum selbst, eine veraltete Bedeutung, wovon sich noch häufige Spuren finden. Rink war ehedem im Oberdeutschen eine jede Befriedigung. Im Böhmischen ist Rynk der Turnierplatz. Der Hofplatz bey einem Landgute, die Hofraite, wurde ehedem sehr häufig der Hofring genannt. Im Ungarischen wird das Lager, so fern es ehedem eine runde Gestalt hatte, der Ring, im mittlern Lat. Hringus genannt, und in ganz Schlesien heißt der Marktplatz einer Stadt noch jetzt der Ring, vermuthlich so fern er auf allen Seiten eingeschlossen ist. Indessen kann hier auch der folgende Begriff der Versammlung mit in Betrachtung kommen. Wenn in dem alten Gedichte von Carls des Großen Feldzuge wider die Saracenen bey dem Schilter der Schlachtplatz der Ring heißt, so ist solches entweder eine Figur von einem mit Schranken umgebenen Turnierplatze, oder es gehöret hier auch zu dem Zeitworte ringen, luctari. 4) * Eine kreisförmige Versammlung mehrerer; eine gleichfalls veraltete Bedeutung, in welcher es ehedem sehr üblich war, eine jede solche feyerliche Versammlung zu bezeichnen, welche Bedeutung auch das Lat. Circulus, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, und zuweilen auch unser Kreis und Zirkel haben. Schon Ottfried gebraucht Ring in diesem Verstande. Frisch hat verschiedene Beyspiele angeführet, in welchen so wohl die Gerichtsversammlung, als die Reichsversammlung, als auch endlich eine jede feyerliche Versammlung nur der Ring genannt wird. Allein, wenn Hickes, Frisch und andere das Franz. Harangue, eine feyerliche Rede, Ital. Aringa, Span. Arenga, und haranguer, feyerlich vor dem Volk reden, daher leiten, so scheinen sie zu irren, indem dieses richtiger als ein Intensivum von unserm alten haren, laut rufen und reden, angesehen wird. Im Nieders. bedeutet Ring noch jetzt eine Versammlung mehrerer. Ob es gleich sehr natürlich ist, diese Bedeutung von der kreisförmigen Gestalt einer solchen Versammlung herzuleiten, so verdienet doch die allgemeinere dritte Bedeutung der Masse, Menge und Versammlung dabey in Betrachtung zu kommen.

Anm. In der ganzen dritten Hauptbedeutung, welche jetzt im Deutschen die üblichste, aber deßwegen nicht die eigentlichste ist, schon bey unsern ältesten Schriftstellern Ring, im Angels. und Isländ. Hring, im Engl. Schwed. und Nieders. gleichfalls Ring, im Pohln. Rinck, mit vorgesetztem Gaumenlaute im Schwed. Kring, Kringla, im Nieders. Kring und Kringel. Das g ist ein bloßer, vielleicht müßiger Vorlaut, es kommt also nur auf die Sylbe rin an, welche zu reinen, rinen gehöret, welches ursprünglich den Laut einer gewissen Bewegung nachahmet, und wovon rennen und rinnen Intensiva sind. Die mit diesem Laute begleitete, und folglich auch durch dieses Wort ausgedruckte Bewegung kann nun in gerader horizontaler Linie gehen, oder in die Höhe, oder in die Tiefe, oder endlich auch in die Krümme; und dieses ist die Ursache, warum dieses Wort und dessen Verwandte in so mannigfaltigen Bedeutungen gebraucht werden, worin doch immer einer dieser Begriffe zum Grunde lieget. Rund, Rand, und mit allerley Vorlauten, Krone, Kranz, Prohne, Thron u. a. m. sind genau damit verwandt, so wie mit andern Endlauten, Reif, Reis, Kreis, krumm u. s. f. Siehe auch Ringel, Ringen und Rinken.


Ringanker (W3) [Adelung]


Der Ringanker, des -s, plur. ut nom. sing. in der Schiff- fahrt, ein Anker mit einer Fliege oder Schaufel, dagegen die gewöhnlichen Anker deren zwey haben. Etwa von ring, für geringe, ein geringerer Anker?


Ringänte (W3) [Adelung]


Die Ringänte, plur. die -n, eine Art wilder Änten mit einem weißen Ringe um den Hals; Täucher, Anas Glaucion L.


Ringbolzen (W3) [Adelung]


Der Ringbolzen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Bolzen, welcher an dem einen Ende einen Ring hat, dergleichen man besonders an den Stück-Batterien hat.


Ringbürger (W3) [Adelung]


Der Ringbürger, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Städten Schlesiens und in Ungarn, Bürger, welche am Ringe, d. i. am Markte, wohnen, und in Ungarn besondre Freyheiten genießen. S. Ring 4 3).


Ringe (W3) [Adelung]


* Ringe, adj. et adv. welches noch in Ober- und Niederdeutschland für geringe üblich ist. S. dasselbe.


Ringekunst (W3) [Adelung]


Die Ringekunst, plur. inus. die Kunst zu ringen.


Ringel (W3) [Adelung]


Das Ringel, des -s, plur. ut nom. sing. das im gemeinen Leben, besonders Oberdeutschlandes, übliche Diminutivum von Ring, für Ringlein, ein kleiner Ring.


Ringel (W3) [Adelung]


Der Ringel, des -s, plur. ut nom. sing. ein in verschiedenen Fällen für Ring übliches Wort, es bedeute nun eine gewisse bestimmte Menge, oder einen Kreis. In der Bedeutung einer Masse oder Menge ist Ringel im Bremischen ein Haufen Torfes von 8 Sohden. Im Osnabrückischen ist es ein Korb, welcher zum Kohlenmessen gebraucht wird, und 1/2 Scheffel hält. In der Bedeutung eines Kreises, einer zirkelförmigen Figur, kommt es im gemeinen Leben hin und wieder vor. Besonders pflegt man bey manchen Arten von Vögeln die Kreise um den Hals von einer andern Farbe Ringel zu nennen. ( S. die folgenden Zusammensetzungen.) In der Bienenzucht pflegt man auch die jungen Bienen, so lange sie noch in Gestalt kleiner Maden in einem runden Kreise liegen, Ringel, Ringelbienen und Ringeljungen zu nennen. Die Endsylbe ist hier kein Zeichen eines Diminutivi, weil es sonst ungewissen Geschlechtes seyn müßte, sondern die Ableitungssylbe -el, welche hier ein Subject, ein Ding bezeichnet, so daß Ringel eigentlich weiter nichts als Ring bedeutet.


Ringelamsel (W3) [Adelung]


Die Ringelamsel, plur. die -n, S. Ringamsel.


Ringelbär (W3) [Adelung]


Der Ringelbär, des -en, plur. die -en, eine Art gemeiner Bären, mit einem weißen Ringe am Halse.


Ringelbiene (W3) [Adelung]


Die Ringelbiene, plur. die -n, S. Ringel.


Ringelblume (W3) [Adelung]


Die Ringelblume, plur. die -n, eine Pflanze, welche auf den Brachäckern wohnet, und deren Same die Gestalt kleiner Ringel oder Ringe hat; Calendula L. Goldblume, Dotterblume, wegen der gelben Farbe der Blumen.


Ringelbrot (W3) [Adelung]


Das Ringelbrot, des -es, plur. inus. ein Nahme, welchen an einigen Orten die Brezeln führen, weil sie die Gestalt eines doppelten Ringes haben, daher sie im Nieders. auch Kringel heißen.


Ringelfalk (W3) [Adelung]


Der Ringelfalk, des -en, plur. die -en, ein Nahme, welchen das Männchen des Bleyfalken, Falco torquatus L. führet, weil er einen Ring um den Hals hat, welcher lauter Diamanten gleichet.


Ringelgans (W3) [Adelung]


Die Ringelgans, plur. die -gänse, eine Art wilder Gänse, welche in den nordischen Gegenden einheimisch ist, einen Ringel um den Hals hat, und auch Erdgans genannt wird; Anas Tadorna L.


Ringelgedicht (W3) [Adelung]


Das Ringelgedicht, des -es, plur. die -e, ein im vorigen Jahrhunderte gemachtes Wort, das Französische Rondeau auszudrucken, welches eine Art kleiner Lieder von dreyzehen elfsylbigen Zeilen ist, wovon die fünf ersten und die fünf letzten einen be- sondern Verstand ausmachen, drey in der Mitte aber abgesetzt werden, und wieder ihren eigenen Sinn haben; Ringelreime, S. Ringelode.


Ringelig (W3) [Adelung]


Ringelig, adj. et adv. einen Ringel habend; hin und wieder im gemeinen Leben, wo auch ringelicht, einem Ringel ähnlich, vorkommt. Eben daselbst wird man auch ringelig, wenn man im Kopfe drehend oder schwindelig wird, wenn sich alles mit uns umzudrehen scheinet.


Ringelmewe (W3) [Adelung]


Die Ringelmewe, plur. die -n, eine Art grauer Mewen mit weißem Kopfe und Bauche und einem schwarzen Ringe um den Hals; Larus hybernus Klein.


Ringelmotte (W3) [Adelung]


Die Ringelmotte, plur. die -n, eine Art Motten; Sphinx Plegea L.


Ringeln (W3) [Adelung]


Ringeln, verb. reg. act. mit Ringen oder Ringeln versehen. Wenn man den Schweinen das Wühlen verwehren will, so pflegt man sie zu ringeln, d. i. ihnen Ringe von Draht durch den Rüssel zu ziehen. Auch die Stuten ringelt man, wenn sie nicht befruchtet werden sollen. In welchen Fällen auch Ringen gebraucht wird. Ingleichen mit Ringeln, d. i. runden Streifen, besonders von einer andern Farbe versehen. Im Oberdeutschen wird es auch für kräuseln gebraucht, in Ringe oder Ringel legen, welches auch wohl einige Hochdeutsche nachahmen. Zephyr erwartet sein Spiel mit euren geringelten Locken, Kleist.


Ringelode (W3) [Adelung]


Die Ringelode, plur. die -n, einer Art Oben oder größerer Lieder, welche durch die Ringelgedichte oder Ronde aus der Franzosen veranlasset werden, und wo gemeiniglich am Ende jeder Strophe die erste Zeile wiederhohlet wird. Diese Art Lieder sind noch üblich, obgleich der Nahme wenig mehr gebraucht wird.


Ringelrabe (W3) [Adelung]


Der Ringelrabe, des -n, plur. eine Art Raben, mit oberwärts weißem Kopfe, Rücken, Bauch und Flügeln, und einem aschgrauen Ringe um den Hals; Corvus torquatus Kl.


Ringelraupe (W3) [Adelung]


Die Ringelraupe, plur. die -n, diejenige Art Raupen, deren Eyer in einem festen Ringe um die Sprossen und Spitzen der Bäume herum liegen; zum Unterschiede von den Nest- und Stammraupen. Auf dem Lande einiger Gegenden werden solche ringelförmige Nester von Ringelraupen Kuckuckringel genannt.


Ringelraupenmotte (W3) [Adelung]


Die Ringelraupenmotte, plur. die -n, diejenige Motte, welche die Eyer zu den Ringelraupen legt; Phalaena (Bombyx) Neustria L.


Ringelreim (W3) [Adelung]


Der Ringelreim, des -es, plur. die -e, S. Ringelgedicht.


Ringelrennen (W3) [Adelung]


Das Ringelrennen, S. Ringrennen.


Ringelschwanz (W3) [Adelung]


Der Ringelschwanz, des -es, plur. die -schwänze, eine Art Tauben, welche auf dem Schwanze mit einem dunkelbraunen Streife gezeichnet, oder gleichsam mit einem Ringe umgeben ist; Columba cauda torquata L.


Ringelstechen (W3) [Adelung]


Das Ringelstechen, S. Ringrennen.


Ringeltaube (W3) [Adelung]


Die Ringeltaube, plur. die -n, eine Art wilder Tauben, mit einem schwarzen, in das Himmelblaue spielenden Körper und einem weißen Ringe um den Hals; Palumbes L. Blocktaube, Ruckstaube, vermuthlich wegen ihrer Stimme, Holländ. Ringelduif, Dän. Ringeldue.


Ringelweitzen (W3) [Adelung]


Der Ringelweitzen, des -s, plur. inus. ein Nahme, welchen in einigen Gegenden der Kuhweitzen, Melampyrum L. führet.


Ringen (W3) [Adelung]


1. Ringen, verb. reg. act. welches unmittelbar von dem Hauptworte Ring abstammet. 1) Mit einem oder mehrern Ringen versehen; doch nur in einigen Fällen. Die Schweine, die Stuten ringen, ( S. Ringeln, ingleichen Beringen.) 2) Einen Baum ringen, im Forstwesen, die Rinde rings um denselben abschälen. 3) Im Umringen, in einem Kreise umgeben, ist es in noch weiterer Bedeutung üblich, S. dasselbe. So auch das Ringen.


Ringen (W3) [Adelung]


2. Ringen, verb. irreg. ich ringe, du ringest, oder ringst, er ringet, oder ringt; Imperf. ich rang; Mittelw. gerungen; Imperat. ringe. Er stammet mit Ring aus einer und eben derselben Quelle her, unterscheidet sich aber außer der irregulären Form von dem vorigen auch in dem weitern Umfange der Bedeutung, indem es so wohl eine heftige Bewegung nach allen Seiten, als auch eine solche im Kreise bezeichnet. Es ist in doppelter Gestalt üblich. I. Als ein Neutrum mit dem Hülfsworte haben, heftige mit Bemühung, das Hinderniß zu überwinden, verbundene Bewegungen nach allen Richtungen machen. 1) Eigentlich. Und wie sehr die Kröte rang Und den Leib zu schwimmen zwang, Lichtw. Wo es besonders von der Bemühung gebraucht wird, mit bloßen Händen, ohne ein anderes Gewehr oder Werkzeug, seinen Gegner zu überwältigen suchen, besonders so fern es mit in einander geschlungenen Armen geschiehet, welches im Nieders. mit dem dieser Mundart vertraulichen Blaselaute wrangen genannt wird. Sie rangen mit einander; wo es von einigen ohne Roth als ein Reciprocum gebraucht wird, sich mit jemanden ringen. Da rang ein Mann mit Jacob, 1 Mos. 32, 24. In weiterer Bedeutung gebrauchen Ottfried und Notker dieses Zeitwort für streiten, eine Schlacht liefern; in welchem Verstande es aber veraltet ist. 2) Figürlich, sich mit Anstrengung aller Kräfte, mit Bemühung alle Hindernisse zu überwinden, bestreben. Epaphras ringet für euch mit Gebeth, Col. 4, 12; besser im Gebethe. Ich seh es, daß dein Herz in meinem Arme ringt, Weiße. Mit dem Tode ringen, in äußerster Gefahr des Todes seyn, und demselben mit allen Kräften zu entgehen suchen. Mit einer schweren Arbeit ringen. So viel Gefahren, mit welchen ihr ihn ringen saht, Raml. Und wenn wir noch so sehr mit unsrer Neigung ringen, Die Liebe läßt sich nicht, wie unser Herz, bezwingen, Weiße. Ingleichen mit dem Vorworte nach. Nach etwas ringen, dasselbe mit Anstrengung aller Kräfte erlangen suchen. Ich wil nah ir hulde ringen alle mine lebenden tage, Markgr. Otto von Brandenburg. Wie sie nah lobe ranc, die Winsdeckinn. Nach Ehre, nach Lob ringen. S. auch Erringen, in welchem der Begriff der heftigen Anstrengung der Kräfte in manchen Fällen gemindert wird. II. Als ein Activum, im Kreise herum drehen; doch nur von biegsamen Körpern und gleichfalls mit dem Nebenbegriffe der angestrengten Kraft, wofür man auch winden gebraucht. Die Wäsche ringen, sie winden, sie zusammen drehen, damit das Wasser heraus laufe. Im Nieders. mit dem vorgesetzten Blaselaute wringen, Angels. wringan, Englisch to wring, wovon auch die Franzosen ihr fringuer, und die Färber ihr fringiren haben. ( S. auch Ausringen.) Sich wie ein Wurm ringen, krümmen und winden. Die Hände ringen, als ein Zeichen der höchsten Angst. Sich den Bast von den Händen ringen, die Haut. Seine Hände los ringen, wenn man von jemanden gehalten wird. Jemanden die Pistole aus der Hand ringen. In welchen letztern Fällen sich der Begriff der kreisförmigen Bewegung verlieret, und nur die Bestrebung nach allen Richtungen übrig bleibt. So auch das Ringen.

Anm. Schon bey dem Ottfried ringan, in der Niederdeutschen Mundart wringen, und im Schwed. mit einem andern Endlaute vrida, Angels. vrithan. Die Endsylbe gen scheinet hier ein Intensivum zu bezeichnen. Das Stammwort wäre also wieder reinen, rinen, welches ehedem eine Bewegung so wohl in die Krümme, als auch nach einer jeden andern Richtung bedeutet hat. S. Ring.

Anm. und Rund.


Ringer (W3) [Adelung]


Der Ringer, des -s, plur. ut nom. sing. derjenige, welcher mit einem andern ringet, in der ersten eigentlichen Bedeutung des Neutrius.


Ringfinger (W3) [Adelung]


Der Ringfinger, des -s, plur. ut nom. sing. derjenige Finger, an welchem man gemeiniglich den Ring zu tragen pflegt, welches der nächste nach dem kleinen Finger ist.


Ringförmig (W3) [Adelung]


Ringförmig, -er, -ste, adj. et adv. die Form, d. i. Gestalt, eines Ringes habend.


Ringfutter (W3) [Adelung]


Das Ringfutter, des -s, plur. ut nom. sing. ein Futter oder Futteras, einen oder mehrere Fingerringe darin zu verwahren.


Ringkragen (W3) [Adelung]


Der Ringkragen, des -s, plur. ut nom. sing. bey den heutigen Armeen, ein silbernes Schild, welches die Officier, wenn sie im Dienste sind, an einer Schnur vorn auf der Brust tragen. Er ist ein Überbleibsel des ehemahligen Zusatzes oder Kragens an einem Harnische, welcher rings um den Hals ging und vorn die Brust deckte; aus welcher ältern Form auch der heutige Nahme erkläret werden muß.


Ringmaß (W3) [Adelung]


Das Ringmaß, oder Ringenmaß, des -es, plur. die -e, bey den Goldschmieden, messingene Ringe von allerley Größe an einem Bügel, goldene Ringe darnach zu machen.


Ringmauer (W3) [Adelung]


Die Ringmauer, plur. die -n, eine Mauer, welche rings um etwas gehet, einen kreisförmigen Raum einschließet. Die Ringmauer einer Stadt, die Stadtmauer.


Ringrennen (W3) [Adelung]


Das Ringrennen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Ritterspiel zu Pferde, wo mit der Lanze oder dem Wurfpfeile nach einem Ringe gerannt wird; das Ringelrennen, Ringelstechen, Franz. la Quintanne, welches auch wohl an den Deutschen Höfen üblich ist. Nennet man statt des Ringes nach einem Kopfe, so wird es das Kopfrennen genannt.


Rings (W3) [Adelung]


Rings, adv. im Ringe, d. i. im Kreise. Es ist nur in Gesellschaft mit dem Nebenworte herum, umher, und dem Vorworte um üblich. Um die Stadt rings herum gehen. Rings um die Stadt gehen. Rings um mich her ist alles Stille. Rings umher kam alles auf ihn zu. Schlage mit dem Schwerte rings umher, Ezech. 5, 2. Das noch in der Deutschen Bibel befindliche ringsher oder rings her ist im Hochdeutschen veraltet, kommt aber noch bey dem Opitz vor. Wie Salem mit der Berge Spitzen ist ringsher verwahret. Im Oberdeutschen ist dafür auch gerings üblich. Gerings um sie, Theuerd.


Ringspindel (W3) [Adelung]


Die Ringspindel, plur. die -n, bey den Drechslern, eine hölzerne Spindel mit einem Ringe, in welchen der Zapfen des Stückes, das man drehen will, befestiget wird.


Ringuhr (W3) [Adelung]


* Die Ringuhr, plur. die -en, eine Uhr in einem Ringe.


Rinken (W3) [Adelung]


Der Rinken, des -s, plur. ut nom. sing. ein Vergrößerungswort von Ring, einen großen, breiten oder dicken Ring zu bezeichnen; ein nur im gemeinen Leben übliches Wort, wofür man in der anständigern Sprechart doch lieber das allgemeinere Ring gebraucht. So führen die breiten Ringe, womit die Achsen, Naben, Deichseln u. s. f. an einem Wagen beschlagen werden, den Nahmen der Rinken. 2 Mos. 25, 12, f. wird der Rinken an der Bundeslade gedacht. Im Oberdeutschen führet auch eine Schnalle sehr häufig den Nahmen eines Rinkens, wo denn auch rinken schnallen, aufrinken aufschnallen, der Schuhrinken die Schuhschnalle, und der Rinkendorn der Dorn in der Schnalle ist. Schon in Boxhorns Glossen ist Hringa, sibula. Der Begriff der Größe liegt theils in dem verstärkten Gaumenlaute, theils in der Endsylbe -en. Wenn einige dieses Wort Rink schreiben, so ist es das einfachere Ring nach einer unrichtigen Schreibart.


Rinkentuch (W3) [Adelung]


Das Rinkentuch, des -es, plur. die -tücher, im Jagdwesen, Tücher, welche oben keine Maschen, sondern statt derselben Ringe oder Rinken haben.


Rinnäugig (W3) [Adelung]


Rinnäugig, adj. et adv. rinnende Augen habend.


Rinne (W3) [Adelung]


1. Die Rinne, plur. die -n, im Jagdwesen, ein leichtes aufgestelltes Garn, mit einer Taube in dessen Mitte, die Raubvögel vermittelst desselben zu fangen; das Rinnengarn, Stoßgarn. Ohne Zweifel mit dem folgenden von dem Zeitworte rinnen, in dessen weitern Bedeutung des Stoßens, Einfallens, oder auch vielleicht wegen dessen Beweglichkeit.


Rinne (W3) [Adelung]


2. Die Rinne, plur. die -n, Dimin. das Rinnchen, Oberd. Rinnlein, eine lange, schmale Vertiefung, besonders, so fern in derselben Wasser rinnet oder durch dieselbe abrinnet. So werden die Furchen, welche das Regenwasser in dem Erdboden reißet und in denselben abfließet, Rinnen genannt. Auch lange, hölzerne oder blecherne Körper, welche in Gestalt eines halben Zirkels ausgehöhlet sind, das Wasser abzuleiten, führen diesen Nahmen; dergleichen die Ablaßrinne an den Teichen, die Dachrinne oder Regenrinne u. s. f. ist. In der Säulenordnung ist die Rinne eine Vertiefung nahe an dem äußern Rande des Kranzleistens, welche gleichsam eine Regenrinne vorstellet. Die Gassenrinne, eine Vertiefung in dem Gassenpflas=ter, 1. Mos. 30, 41, und 2 Mos. 2, 16 kommen Rinnen vor, aus welchen das Vieh getränket worden. Im gemeinen Leben wird in weiterer Bedeutung oft eine jede in die Länge sich erstreckende kleine Vertiefung, wenn man ihr keinen andern Nahmen zu geben weiß, eine Rinne genannt.

Anm. In dem alten Gedichte auf den heil. Anno Rinni, im Nieders. Rönne, Ronne, Runne, im Schwed. Ränna, im Pohln. Rynna, und im Finnländ. Ränni. ( S. das folgende.) Mit andern Endlauten gehören auch das Nieders. Remel, Remsche, unser Riole, Rille u. s. f. und mit Vorlauten auch Krinne und Pronne hierher. Im Bergbaue wird eine Rinne auch das Gerinne genannt.


Rinneisen (W3) [Adelung]


Das Rinneisen, des -s, plur. ut nom. sing. ein starker eiserner Haken, welcher die Dachrinnen trägt.


Rinnen (W3) [Adelung]


Rinnen, verb. irreg. neutr. ich rinne, du rinnest, oder rinnst, es rinnet, oder rinnt; Imperf. ich rann; Mittelw. geronnen; Imperat. rinne. Es wird auf doppelte Art gebraucht. 1. Mit dem Hülfsworte seyn, wo es von einer gewissen Art einer schnellen Fortbewegung gebraucht wird. 1) Im weitesten Verstande, sich schnell fortbewegen; wo es doch nur in dem zusammen gesetzten entrinnen üblich ist, indem in andern Fällen dafür rennen gebraucht wird. 2) In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung wird es nur von flüssigen und flüssig gemachten Körpern gebraucht, wo es zwar mit fließen gleichbedeutend ist, sich aber doch noch merklich davon unterscheidet. Fließen ist ein allgemeiner Ausdruck, welcher theils die Menge des flüssigen Körpers, theils die Geschwindigkeit, mit welcher er sich fortbewegt, unentschieden läßt; allein rinnen setzt eine kleine Menge und eine schwache Bewegung voraus. Ein flüssiger Körper rinnt, wenn er sich in an einander hängenden, nicht von einander zu unterscheidenden Tropfen fortbeweget; ein Unterschied, welcher aus der Onomatopöie herrühret, welche beyden Wörtern das Daseyn gegeben hat. Indessen gebraucht man im Oberd. rinnen auch wie fließen von größern Flüssen und Strömen. Das Blut rinnet aus der Wunde. Die Thränen rannen ihm aus den Augen, von den Wangen. Kleine Bäche, kleine Quellen rinnen, größere fließen. Ein rinnendes Wasser, besser ein fließendes. Rinnen stehet zwischen dem Tröpfeln und fließen in engerer Bedeutung in der Mitte. 3) Ein flüssiger Körper rinnt, wenn er zu einer festern Masse wird, in eine festere Masse zusammen fließet, ohne eben ganz zu erhärten, ungeachtet dieses zuweilen eine Folge davon ist. Die Milch ist geronnen. Geronnenes Blut. Das Fett rinnet. Geschmolzen Bley rinnet, wenn es anfängt zu erkalten. Indessen ist dafür jetzt im Hochdeutschen gerinnen üblicher. Schon Notker gebraucht rinnen in diesem Verstande, und im Schwed. ist ränna gleichfalls gerinnen. Daher ist im Oberdeutschen Rennse, Rinnsel, das Lab, welches die Milch gerinnen macht. 2. Mit dem Hülfsworte haben, einen flüssigen Körper rinnen oder fließen lassen. Ein Gefäß rinnt, wenn es nicht dicht ist, und den darin befindlichen flüssigen Körper ausrinnen läßt, wofür man im gemeinen Leben auch lecken gebraucht. Der Narren Herz ist wie ein Topf, der da rinnt, Sir. 21, 48. Das Licht rinnt, wenn es den flüssig gewordenen Talg herunter fließen läßt. Die Augen rinnen, so wohl, wenn unwillkührliche Feuchtigkeiten heraus rinnen, welches auch triefen genannt wird, rinnende Augen haben, triefende; als auch, wenn sie Thränen rinnen lassen, in welcher letztern Bedeutung es zuweilen in der dichterischen Schreibart vorkommt, auch wohl mit dem Vorworte von; das Auge rinnt von Thränen, obgleich sich wider diese Verbindung vieles einwenden ließe. Der biblische Gebrauch, das Auge rinnt mit Thränen, ist im Hochdeutschen völlig ungewöhnlich; daß unsere Augen mit Thränen rinnen, und unsere Augenlieder mit Wasser fließen, Jer. 9, 18. Meine Augen rinnen mit Wasserbächen, Klagel. 3, 48. Daher das Rinnen.

Anm. In der ersten Bedeutung von flüssigen Körpern bey dem Ulphilas rinnan, bey dem Ottfried rinnan, im Schwed. und Isländ. rinna, im Nieders. rönnen, im Engl. to run. Es ist von rennen eigentlich nur in der Mundart unterschieden, außer etwa, daß das i eine kleinere Masse und kleinere Geschwindigkeit ausdrückt, als das e. Daher bedeutet das Schwed. rinna, so wie das Nieders. rönnen, so wohl rinnen als rennen. Ehedem wurde es auch für aufgehen, besonders von der Sonne und dem Lichte gebraucht, welche Bedeutung das Schwed. rinna noch erhalten hat. Es ist ein Intensivum von dem veralteten renen, reinen, dessen ehemahlige weite Bedeutung schon bey den Wörtern Rennen und Ring angemerket worden. Das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, fließen, erhält dieses Stammwort noch. Im Oberdeutschen ist Runs so wohl ein Bach, Fluß, als auch das Bett eines Flußes. S. auch Blutrünstig.


Rinnengarn (W3) [Adelung]


Das Rinnengarn, des -es, plur. die -e, S. 1 Rinne.


Rinnenknecht (W3) [Adelung]


Der Rinnenknecht, des -es, plur. die -e, in den Brauhäusern, ein Knecht, d. i. ein hölzernes Werkzeug, welches mit eisernen Haken an den Bottich gehänget wird, die Rinnen darauf zu legen.


Rinnenzirkel (W3) [Adelung]


Der Rinnenzirkel, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Böttchern, ein Bretchen, durch welches eine Schraube mit einem hölzernen Fuße in der Gestalt eines kleinen Beiles geht, die Rinne in den Böden der Fässer damit auszuhöhlen.


Rinnleiste (W3) [Adelung]


Die Rinnleiste, plur. die -n, in der Säulenordnung, ein großes Glied, welches von seiner Vorstechung an bis auf die Hälfte der Höhe ausgehöhlet ist, und sich hernach ausbaucht.


Rinnsal (W3) [Adelung]


* Der Rinnsal, des -es, plur. die -e, ein nur im Oberdeutschen übliches Wort, das Bett eines Flusses zu bezeichnen, wofür daselbst auch Runs üblich ist. Einen Fluß in seinem Rinnsale erhalten, in seinem Bette. ( S. Sal.) Das Rinnsel oder Rinnsal hingegen, ist eben daselbst das Lab, welches die Milch gerinnen macht, und auch Rennse genannt wird.


Riolen (W3) [Adelung]


Riolen, verb. reg. act. welches nur in der Landwirthschaft und bey den Gärtnern üblich ist, wo es diejenige Arbeit bezeichnet, da man ein Stück Landes furchenweise umgräbt oder umpflüget, um entweder die in der Tiefe befindliche bessere Erde oben zu bringen oder auch die Erde durchzusieben, und von Steinen u. s. f. zu reinigen. Einen Acker zu riolen, hat man einen eigenen Riolpflug, welcher sehr tief gehet, und die untere bessere Erde herauf bringet. Daher das Riolen. Anm. Gemeiniglich leitet man dieses Wort von dem Französ. rigoler her, welches eben die Bedeutung hat, und schreibt es daher auch bald rigolen, bald regolen, bald ryolen. Die im Deutschen ungewöhnliche Endung macht diese Ableitung nicht unwahrscheinlich. Indessen scheint doch riolen im Nieders. älter und gangbarer zu seyn, als im Hochdeutschen; denn da ist Riole eine jede tiefe Rinne oder Furche, Holländ. Riool, Wallis. Rhigol, Franz. Rigole, im mittlern Lat. Rigula, welches theils zu Reihe, Nieders. Riege, das auch eine Vertiefung in die Länge bedeutet, und zu unserm Strich, theils aber auch zu Rille gehöret. Im Slavon. ist ruju furchen, aufwühlen. Das Nieders. Riole bedeutet auch ein Fach, ingleichen ein Regal, ein aus Fächern bestehendes Ding.


Ripel (W3) [Adelung]


Der Ripel, S. Riepel.


Rippe (W3) [Adelung]


Die Rippe, plur. die -n, Dimin. das Rippchen, Oberd. Ripplein. 1) In der engsten und gewöhnlichsten Bedeutung, die bogenförmigen Seitenknochen an den menschlichen und thierischen Körpern, welche die Seitentheile der Brust bilden. Die obern Rippen, die untern; die langen Rippen, die kurzen. Die falsche Rippe, bey den Fleischern, ein Stück Fleisch, welches zwischen zwey Rippen an der Vorderbrust eines Kindes ausgehauen wird. 2) In weiterer zum Theil figürlicher Bedeutung werden in manchen Fällen sich in die Länge erstreckende rundliche Körper, besonders wenn sie zugleich bogenförmig sind, Rippen genannt. Die Rippen an einem Blatte, sind die geraden Fortsätze des Stängels in dem Blatte, welche sich in viele erhabene Adern zertheilen und die Festigkeit des Blattes ausmachen. An den krummen Schleusenthüren werden die wagerechten Hölzer, und an den Schiffen die krummen Hölzer, woran die Seitenbreter befestiget werden, Rippen genannt. Das Seil- und Bindwerk, womit man die Feuerkugeln einzuschnüren pflegt, heißt gleichfalls die Rippen, und an dem Treibehute in den Schmelzhütten sind die Rippen eiserne Schienen, welche die Bleche des Treibhutes zusammen halten, und so in andern Fällen mehr.

Anm. In der ersten und engern Bedeutung schon bey dem Raban Maurus Ribbi, im Nieders. Ribbe, im Engl. Rib, im Schwed. und Isländ. Ref, bey den Krainerischen Wenden Rebru. Viele Hochdeutsche schreiben und sprechen es mit den Niedersachsen Ribbe, woraus denn noch weichere Mundarten gar Riebe machen. Allein die unverderbte Aussprache ist für das pp. Dieser verdoppelte harte Selbstlaut ist zugleich das Zeichen eines Intensivi, dessen Stammwort Reif, Rebe, Reff u. s. f. sind, welche theils eine Ausdehnung in die Länge, theils auch in die Ründe und Krümme bedeuten, S. diese Wörter.


Rippeln (W3) [Adelung]


Rippeln, verb. reg. act. welches das Intensivum, Frequentativum und Diminutivum von dem Nieders. reppen, sich schnell fortbewegen, ist, und eigentlich mehrmahlige kleine Bewegungen machen bedeutet, aber nur im gemeinen Leben, besonders als ein Reciprocum, gebraucht wird. Er darf sich nicht rippeln, nicht rühren, nicht regen. Ich rippelte mich und schüttelte mich, daß der ganze Heuschober übern Haufen fiel, Weiße. Siehe Rebe, Reppen und Trippeln.


Rippen (W3) [Adelung]


Rippen, verb. reg. act. mit Rippen versehen, doch nur in der zweyten weitern Bedeutung, in welcher besonders das Mittelwort gerippt üblich ist. Gerippte Arbeit, bey den Klempenern, welche erhabene Rippen hat. In andern Fällen sind dafür gereift, gereifelt, geriffelt u. s. f. üblich.


Rippenbraten (W3) [Adelung]


Der Rippenbraten, des -s, plur. ut nom. sing. ein gebratenes Rippenstück von einem geschlachteten Thiere. Besonders gebratene Schweinsrippen, welche, wenn sie hohl zusammen genähet, gefüllet, und dann an einem Spieße gebraten werden, in Niedersachsen ein Rippspeer heißen, Schwed. Refbensspjäll.


Rippenbund (W3) [Adelung]


Der Rippenbund, des -es, plur. die -bünde, in der Feuerwerkskunst, der Bund, d. i. die Art und Weise, die Feuerkugeln rippenförmig zu umwinden.


Rippenfell (W3) [Adelung]


Das Rippenfell, des -es, plur. die -e, S. Rippenhaut.


Rippenhaut (W3) [Adelung]


Die Rippenhaut, plur. die -häute, Dimin. das Rippenhäutchen, Oberd. Rippenhäutlein, in der Anatomie, diejenige Haut, welche die ganze Höhe des mittlern Leibes inwendig umgibt, an den Rippen befestiget ist, und eigentlich aus zwey zarten Häutchen bestehet; Pleura, das Rippenfell.


Rippenkuchen (W3) [Adelung]


Der Rippenkuchen, des -s, plur. inus. S. Herzgespann.


Rippenstoß (W3) [Adelung]


Der Rippenstoß, des -es, plur. die -stöße, ein Stoß in die Rippen. Rippenstöße bekommen.


Rippenstück (W3) [Adelung]


Das Rippenstück, des -es, plur. die -e, ein Stück Fleisch aus den Rippen und mit denselben von einem geschlachteten Thiere.


Rippspeer (W3) [Adelung]


Das Rippspeer, des -es, plur. die -e, S. Rippenbraten.


Rippsrapps (W3) [Adelung]


Rippsrapps, S. Rappsen.


Risch (W3) [Adelung]


* Risch, adj. et adv. welches nur im gemeinen Leben einiger Gegenden für rasch üblich ist, und noch in der Deutschen Bibel vorkommt. Eile risch und stehe nicht stille, 1 Sam. 20, 35. Nieders. risk, Schwed. rysk. S. Rasch.


Risch (W3) [Adelung]


Der Risch, des -es, plur. die -e, ein gleichfalls nur im gemeinen Leben einiger Gegenden übliches Wort, den Abhang, das Gefälle zu bezeichnen. Der Boden, der Fluß hat drey Fuß Risch, Abhang, Gefälle. S. Rösche.


Rischt (W3) [Adelung]


Das Rischt, des -es, plur. die -e, in der Landwirthschaft einiger Gegenden, z. B. in der Lausitz, ein Querholz an dem Vorderwagen, welches quer über den beyden Armen befestiget ist, und die Deichsel erhöhet hält. Es sey nun ein Wendisches Wort oder nicht, so scheinet der Begriff der Ausdehnung in die Länge der herrschende Begriff darin zu seyn. S. Reisen, Rasch u. s. f.


Rispe (W3) [Adelung]


Die Rispe, plur. die -n, an den Pflanzen, eine Art der Blumen, wenn dieselben an verlängerten Armen und Stielen, auf Stielchen von verschiedener Länge stehen, dergleichen z. B. der Hafer, die Hirse u. s. f. haben, Panicula L. bey andern ein Strauß; zum Unterschiede von einer Ähre, wo die Blumen in gewissen Reihen oder Zeilen an dem verzahnten Hauptstiele sitzen, und einer Kolbe, wo sie an dem Hauptstiele auf kurzen, dicht in einander gedrungenen und verdeckten Stielen fest stehen. In manchen Gegenden sind Rispe und Ähre gleichbedeutend. Anm. Im gemeinen Leben auch Raspe, ingleichen Riffe; ohne Zweifel auch von reifen, reiben, mit dem Begriffe der Menge, der Vielheit. S. Rieß Anm. und 2 Rausch.


Rispengras (W3) [Adelung]


Das Rispengras, des -es, plur. die -gräser, eine jede Grasart, welche ihre Blumen und ihren Samen in Rispen trägt. So wird das Schilfgras, Scirpus sylvaticus, in einigen Gegenden Respengras genannt. Am üblichsten ist dieser Nahme von der Poa L. besonders von der Poa aquatica, welche dem Viehe schädlich ist, und auch Wasserviehgras, großer Militz, und in Niederdeutschland Segge genannt wird.


Riß (W3) [Adelung]


1. Der Riß, die Erhöhung der Hand oder des Fußes, S. Rist.


Riß (W3) [Adelung]


2. Der Riß, des -sses, plur. die -sse, das Hauptwort von dem Zeitworte Reißen. 1. So fern es den Zusammenhang der Theile eines Dinges durch plötzliches Ziehen zertrennen bedeutet, ist der Riß 1) die Handlung des Reißens. Einen Riß, zwey, drey Risse thun, so oft reißen. Ein Riß mit einer glühenden Zange. Ein derber Schlag mit einem Stocke, einer Peitsche u. s. f. heißt oft ein Riß. Risse bekommen, Schläge. 2) Die dadurch verursachte Öffnung, oder Trennung der Theile. Einen Riß haben, bekommen. Der Regen hat viele Risse in den Acker gemacht. Bey großer Hitze bekommt der Erdboden Risse. Das Glas, das Holz, die Haut, das Haus u. s. f. bekommt Risse. Bey den Schustern ist, der Riß ein länglicher, schräge gemachter Einschnitt in das Leder, die Naht daran zu führen. Eine Kupferplatte bekommt Risse, bey den Kupferstechern, wenn im Radiren fehlerhafte Vertiefungen in derselben entstehen, irreguläre Züge, welche nicht da seyn sollten. Der Riß in einer Mauer; daher denn vermuthlich die figürliche R. A. vor den Riß treten, vor dem Risse stehen, eigentlich die schadhafte Stelle in einer Mauer mit Gefahr seines Lebens vertheidigen, und figürlich, einer Gefahr, einem Schaden anderer mit seiner eigenen Gefahr abzuwenden suchen. Wider den Riß stehen, Ezech. 22, 30, in eben dieser Bedeutung, ist im Hochdeutschen ungewöhnlich. Figürlich ist zuweilen der Riß theils eine gänzliche Spaltung, eine Trennung der Gemüther und Absichten. Da reuete es das Volk über Benjamin, daß der Herr einen Riß gemacht hatte in den Stämmen Israel, Richt. 21, 15. Theils auch ein hoher Grad des plötzlichen Verlustes, besonders so fern derselbe durch einen Todesfall verursacht wird. Da ward David betrübt, daß der Herr einen solchen Riß an Usa thät, 2 Sam. 6, 8. Der Tod des Fürsten hat einen Riß in dem Lande gemacht. Die Pest hat schreckliche Riße unter dem Volke gemacht. Wo es auch zunächst zu der Bedeutung des Entreißens gerechnet werden kann. 2. Von reißen, zeichnen, ist der Riß einer mit der Feder gemachten Zeichnung, oder Abbildung eines Dinges; besonders in der Baukunst und Feldmeßkunst. Einen Riß von etwas machen. S. auch Abriß, Aufriß, Grundriß, Standriß u. s. f.

Anm. Im Nieders. Rete, welches aber nicht bloß einen Riß, sondern auch einen Ritz, ingleichen einen kleinen Fluß bedeutet. S. Reißen, ingleichen Ritz.


Rißbank (W3) [Adelung]


Die Rißbank, plur. die -bänke, an den Seeküsten, ein in die See gehender künstlicher Damm, dergleichen die Häfen zu Remel, Calais und Dünkirchen haben; vermuthlich, so fern sie den reißenden Wellen Einhalt thun.


Rissig (W3) [Adelung]


Rissig, -er, -ste, adj. et adv. Risse habend. Rissiges Holz. Die Mauer ist rissig geworden. Rissig laufen hingegen ist im Bergbaue, graben- oder rinnenweise laufen.


Rißplatte (W3) [Adelung]


Die Rißplatte, plur. die -n, bey den Kammmachern, eine viereckige Hornplatte mit einem Drahte, eine gerade Linie auf dem Kamme zu reißen, wie weit die Zähne gehen sollen.


Rist (W3) [Adelung]


Der Rist, des -es, plur. die -e, ein in mehrern Fällen übliches Wort, eine Erhöhung einen erhöheten Theil eines Dinges zu bezeichnen. So wird der erhabnere Theil des Halses an den Pferden zu Ende der Mähne über den Schultern so wohl der Rist, als auch der Wiederrist, oder Wiederriß genannt. An dem menschlichen Fuße ist der Rist der vordere erhabene Theil, zu dessen beyden Seiten sich die Knorren oder Knöchel befinden, und der bey den Schustern der Spann heißt. In einigen Gegenden, besonders Niedersachsens, heißt auch der Theil des Armes gleich hinter dem Handgelenke, der Rist. Nach dem Schwabenspiegel soll ein Jude, wenn er schwöret, die rechte Hand bis an den Rist, d. i. bis an das Gelenk, in das Gesäß legen.

Anm. Bey einigen Riß, Rüst, Riester, im Nieders. mit dem dieser Mundart eigenen Vorlaute Wrist, im Engl. Wrist, im Alt-Fries. Riust und Werst, im Angels. Vyrst, im Schwed. Vrist. Ihre und die Verfasser des Nieders. Wörterbuches leiten es von dem Engl. to wrest, drehen, winden, Schwed. vrida, her, welches sich allenfalls von dem Riste an der Hand erklären ließe, aber auf die übrigen Fälle nicht paßt. Richtiger nimmt man den Begriff der Erhabenheit für den Stammbegriff an, und da zeiget es sich als einen nahen Verwandten von Riese, Rieß u. s. f. Das Angels. Vyrstan bedeutet nicht allein das Gelenk an der Hand, sondern auch an dem Fuße und an den Hüften, weil selbige zugleich merklich erhöhet sind, und gehöret zunächst zu unserm Firste, der oberste Theil eines Daches. In und um Dombes ist Ras, Rasse, ein jeder Holzhaufen. S. auch Rost.


Riste (W3) [Adelung]


Die Riste, im Flachshandel. S. Reiste.


Ritt (W3) [Adelung]


Der Ritt, des -es, plur. die -e, von dem Zeitworte reiten, in dessen engster Bedeutung, die Veränderung des Ortes zu Pferde, oder reitend. Einen Ritt thun oder machen. Einen Ritt wagen. Der Spazierritt. In weiterer Bedeutung bedeutet es bey den Jägern zuweilen noch so viel als einen Gang, denn da ist der Ritt mit Spurgang gleichbedeutend, einen Gang zu bezeichnen, vermittelst dessen man die Sauen oder Wölfe in einem Holze oder Flügel auszumachen sucht. Nieders. gleichfalls Ritt, wo es aber auch einen Zank, einen Kampf bedeutet, nicht als eine Figur der vorigen Bedeutung, sondern so fern reiten ehedem nicht allein eine heftige Bewegung, sondern auch eine Art des Schreyens, des Lärmens bezeichnete, ( S. das folgende.) Ritt ist von reiten, welches ehedem irgendwo auch ritten gelautet haben muß, wie aus dessen Imperfecto ritte, und Mittelwort geritten erhellet.


Rittelgeyer (W3) [Adelung]


Der Rittelgeyer, des -s, plur. ut nom. sing. eine Art Geyer, welche sich bloß von Mäusen und jungen Vögeln nähret, auf Kirchthürmen oder in altem Gemäuer horstet, und seinen Nachbarn mit seinem unangenehmen und widerwärtigen Geschreye lästig fällt, von welchem Geschreye er vermuthlich auch seinen Nahmen hat, wenn nicht derselbe so viel als Röthelgeyer bedeutet, indem er roth- und schwarzstreifig von Farbe ist.


Ritteln (W3) [Adelung]


Die Ritteln, S. Rötheln.


Ritten (W3) [Adelung]


* Der Ritten, des -s, plur. doch nur von mehrern Arten, ut nom. sing. eine im Oberdeutschen übliche Benennung des kalten Fiebers, von rütten, rütteln, weil es den Patienten in dem Anfalle des Frostes gleichsam rüttelt.


Ritter (W3) [Adelung]


Der Ritter, des -s, plur. ut nom. sing. welches gleichfalls von dem Zeitworte reiten abstammet, und zwar in dessen engerer Bedeutung den Ort zu Pferde sitzend verändern. 1. * Im weitesten Verstande, ein Reiter; eine jetzt veraltete Bedeutung, in welcher man noch zuweilen im Scherze jemanden einen schlechten Ritter nennet, wenn er schlecht reitet. In etwas engerer Bedeutung war Ritter ehedem ein jeder Soldat zu Pferde, welche Bedeutung auch das Schwed. Riddare hat. In diesem Verstande hatte man in der Römischen Kirche ehedem das Fest der 1000 Ritter, welches die Soldaten von der Thebanischen Legion unter dem Mauritio seyn sollen. 2. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung ist der Ritter von Alters her ein adeliger Reiter, wo das Wort doch auch wieder in einem verschiedenen Umfange der Bedeutung vorkommt. 1) Eigentlich waren die Ritter bey dem ehemahligen Kriegswesen, adelige Reiter, Personen vom hohen oder niedern Adel, welche in den Kriegen zu Pferde und zwar mit der Lanze und dem Schwerte dieneten; da denn der Stand eines Ritters zugleich eine Würde war, zu welcher man nur durch Tapferkeit und rühmliche Heldenthaten gelangen konnte. Ein Ritter wurde niemahls geboren, sondern gemacht, er mochte vom hohen oder niedern Adel seyn. Im Französischen hieß er Chevalier, im Engl. Knight, im mittlern Lat. Miles in engerer Bedeutung, und hernach Eques; seine Würde war überaus ansehnlich und der höchste Grad der kriegerischen Ehre. Ihm waren die Schildträger, Knappen, Edelknechte, Franz. Ecuyers, Engl. Esquires, Squires, ent- gegen gesetzet, welche als die Lehrlinge der Ritterschaft angesehen wurden. Jemanden zum Ritter schlagen. An jemanden zum Ritter werden wollen, ihn zu überwältigen suchen, ihn seine Überlegenheit fühlen lassen. Ein irrender Ritter, kühne, zuweilen auch arme Ritter, welche auf Abenteuer ehedem in der Welt herum reiseten. Arme Ritter, eine in Preußen und Niederdeutschland übliche Benennung einer Art Speise, welche aus Brotschnitten bestehet, worüber man Eyer schläget, und sie in Butter bäckt. Sie soll von einem verarmten Ritter den Nahmen haben, der seine Freunde damit bewirthete. Da die vorzüglichste Eigenschaft eines Ritters ehedem in der Tapferkeit und muthigen Beschützung des andern Geschlechtes bestand, so nennet man noch jetzt zuweilen den Führer, Begleiter oder auch Liebhaber eines Frauenzimmers ihren Ritter. 2) Als die ganze Kriegsverfassung im 15ten und 16ten Jahrhunderte eine andere Gestalt bekam, so kamen auch die vorigen und eigentlichen Ritter nach und noch aus der Mode, und der Nahme ist nur noch in folgenden Fällen üblich geblieben. (a) Die Mitglieder eines adeligen weltlichen Ordens werden jetzt gemeiniglich Ritter genannt. Ein Ritter des Maltheser-Ordens, des Ordens vom goldenen Fließe, des blauen Hofenbandes, des Elephanten-Ordens u. s. f. Aus einem Mißbrauche werden auch diejenigen, welche das heil. Grab zu Jerusalem besuchen, von dem Guardian des dasigen Franciscanerordens durch ein Diplom zu Rittern des heil. Grabes gemacht, ungeachtet diese Würde nicht die geringsten Vorzüge in der bürgerlichen Gesellschaft gewähret. (b) In einigen Fällen werden alle adelige Personen männlichen Geschlechtes Ritter genannt, welches besonders in solchen geschiehet, wo der heutige Adel an die Stelle der ehemahligen Ritter getreten ist. Wenn die Landstände zu den Landtagen berufen werden, so werden in manchen Provinzen berufen: Prälaten, Grafen, Herren, Ritter und Städte, wo unter Ritter der niedrige landtagsfähige Adel verstanden wird. Indessen ist es nicht üblich, einzelne Adelige dieser Art Ritter zu nennen. Wohl aber wird Ritterschaft mehrmahls von dem ganzen Adel eines Landes oder einer Provinz gebraucht. ( S. dasselbe,) und einige andere der folgenden Zusammensetzungen, wo es gleichfalls einen Edelmann überhaupt bedeutet. Im Schwed. ist Riddersman ein jeder Adeliger.

Anm. Das Fämin. Ritterinn ist nicht üblich, auch nicht bey weiblichen adeligen Orden, deren weibliche Mitglieder statt dessen gemeiniglich Ordens-Damen heißen.


Ritter-Akademie (W3) [Adelung]


Die Ritter-Akademie, plur. die -en, eine Schule unter dem Nahmen einer Akademie, auf welcher Junge von Adel nicht nur in ritterlichen Übungen, sondern auch in allen ihnen nöthigen Kenntnissen unterrichtet werden.


Ritterbank (W3) [Adelung]


Die Ritterbank, plur. die -bänke, diejenige Bank, worauf die Ritter, und in weiterer Bedeutung, die Personen vom niedern Adel bey gewissen feyerlichen Gelegenheiten sitzen; da es denn auch zuweilen als ein Collectivum gebraucht wird, diese Personen selbst zu bezeichnen. So hat nicht nur der Reichshofrath, sondern auch das Appellations-Tribunal in Böhmen, das Schlesische Ritter- und Ehrengericht u. s. f. seine eigene Ritterbank, welche denn von der Herrenbank gemeiniglich noch verschieden ist, und die adeligen Beysitzer vom niedern Adel in sich fasset.


Ritterbirn (W3) [Adelung]


Die Ritterbirn, plur. die -en, S. Mäusebirn.


Ritterblume (W3) [Adelung]


Die Ritterblume, plur. die -n, S. Rittersporn.


Ritterbürtig (W3) [Adelung]


Ritterbürtig, adj. et adv. von ritterlicher, d. i. altadeliger, Herkunft.


Ritter-Canton (W3) [Adelung]


Der Ritter-Canton, des -s, plur. die -s, S. Ritterkreis.


Ritterdienst (W3) [Adelung]


Der Ritterdienst, des -es, plur. die -e, eigentlich, ein Dienst, welchen ein Ritter jemanden leistet oder zu leisten verbun- den ist. Besonders Dienste zu Pferde, welche ein Ritter von seinem Rittergute dem Lehensherrn im Kriege zu leisten verbunden ist. In der vertraulichen Sprechart wird es zuweilen von einem jeden auch freundschaftlichen Dienste von einiger Wichtigkeit gebraucht.


Ritterdorf (W3) [Adelung]


Das Ritterdorf, des -es, plur. die -dörfer, ein der Gerichtbarkeit eines Rittergutes unterworfenes Dorf; zum Unterschiede von einem Amtsdorfe.


Ritterfeld (W3) [Adelung]


Das Ritterfeld, des -es, plur. die -er, die zu einem Rittergute gehörigen Felder; zum Unterschiede von den Bauerfeldern.


Rittergericht (W3) [Adelung]


Das Rittergericht, des -es, plur. die -e, ein aus Rittern, d. i. adeligen Personen, bestehendes Gericht, besonders so fern es sich mit den Angelegenheiten und Streitigkeiten der Ritterschaft einer Provinz beschäftiget. So wird in Esthland das Land- oder Hofgericht das Rittergericht genannt. Auch in Schlesien ist ein so genanntes Ritter- und Ehrengericht.


Rittergut (W3) [Adelung]


Das Rittergut, des -es, plur. die -güter, ein Gut, dessen Besitzer dem Lehensherrn zu Ritterdiensten verbunden, und außer denselben von allen Beschwerden befreyet ist; zum Unterschiede so wohl von einem Freygute, als auch, und zwar noch mehr, von einem Bauergute.


Ritterhof (W3) [Adelung]


Der Ritterhof, des -es, plur. die -höfe, der Hof, d. i. das Wohnhaus mit den dazu gehörigen Gebäuden und Hofraume, auf einem Rittergute; der Rittersitz.


Ritterhufe (W3) [Adelung]


Die Ritterhufe, plur. die -n, eine Hufe, so fern sie zu einem Rittergute gehöret, oder außer dem Ritterdienste von allen übrigen Beschwerden frey ist; zum Unterschiede von einer Bauerhufe.


Ritterkasten (W3) [Adelung]


Der Ritterkasten, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Provinzen, eine Casse mit den dazu gehörigen Personen, welche die Beysteuer des Adels nimmt und berechnet.


Ritterkoch (W3) [Adelung]


Der Ritterkoch, des -es, plur. die -köche, an großen Höfen, ein eigener Koch, welcher die Ritter- oder Marschallstafel mit Speisen versiehet; zum Unterschiede so wohl von dem Mundkoche, als auch von dem Unterkoche.


Ritterkreis (W3) [Adelung]


Der Ritterkreis, des -es, plur. die -e, einer von denjenigen Kreisen, worein die Ritterschaft einer Gegend oder Provinz getheilet ist. So wird die Schwäbische Ritterschaft in fünf Ritterkreise getheilet. In andern Provinzen ist dafür das Wort Ritter-Canton oder Ritterort üblich. Die Fränkische Reichsritterschaft z. B. ist in sechs Ritterörter oder Cantons getheilet.


Ritterlehen (W3) [Adelung]


Das Ritterlehen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Lehen, welches dessen Besitzer zu Ritterdiensten verbindet, ihn aber dagegen von allen andern Beschwerden befreyet.


Ritterlich (W3) [Adelung]


Ritterlich, -er, -ste, adj. et adv. einem Ritter, in der engsten Bedeutung gemäß, in dessen Würde und der ihm eigenen Tapferkeit gegründet. Das ist nicht ritterlich, einem Ritter nicht gemäß. Ritterliche Übungen. Personen ritterlichen Standes, von Adel, besonders von altem Adel. Besonders wird es noch figürlich sehr häufig für tapfer gebraucht, der wesentlichsten Eigenschaft der ehemahligen Ritter. Sie stritten ritterlich, 3 Macc. 6, 31. Er und seine Brüder haben sich ritterlich gehalten, Kap. 14, 26. Es kommt diesem Verstande schon bey dem Stryker vor. Opitz gebraucht dafür das ungewöhnlichere rittermäßig; dem Tode rittermäßig entgegen gehen.


Rittermann (W3) [Adelung]


Der Rittermann, des -es, plur. die -leute, im Churfürstenthum Sachsen, Tagelöhner, welche auf dem Grunde und Boden eines Rittergutes, ein darauf erbautes Fröhnerhäuschen besitzen, und dem Rittergute zu gewissen Frohnen verbunden sind.


Ritterorden (W3) [Adelung]


Der Ritterorden, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Der Orden, d. i. Stand, der Ritter, ohne Plural; wofür doch Ritterstand üblicher ist. 2) In den Höfen, ein Orden, welcher nur Personen Ritterstandes, d. i. von Adel ertheilet wird, und dessen Glieder Ritter genannt werden; eine Veranstaltung, welche ein Überbleibsel der ehemahligen Ritter ist.


Ritterort (W3) [Adelung]


Der Ritterort, des -es, plur. die -örter, S. Ritterkreis.


Ritterpferd (W3) [Adelung]


Das Ritterpferd, des -es, plur. die -e, im engern Verstande, ein zum Kriege gerüstetes Pferd, mit welchem ein Ritter im engsten Verstande von seinem Ritterlehen dem Lehensherrn in den Krieg zu folgen verbunden ist; welche Benennung auch noch jetzt beybehalten wird, da nach Abschaffung der eigentlichen Ritterdienste in den meisten Provinzen dafür eine verhältnißmäßige Summe Geldes eingeführet worden. Figürlich wird im gemeinen Leben einiger Gegenden auch ein gewisses großes geflügeltes Insect das Ritterpferd genannt, S. Heupferd und Jungfer.


Ritterrath (W3) [Adelung]


Der Ritterrath, des -es, plur. die -räthe, ein aus Personen ritterlichen Standes, d. i. Adeligen, bestehendes Raths-Collegium, besonders, wenn es sich vorzüglich mit den Angelegenheiten der Ritterschaft einer Provinz oder Gegend beschäftiget.


Ritterrecht (W3) [Adelung]


Das Ritterrecht, des -es, plur. inus. ein Collectivum, das Recht, welchem die Ritterschaft einer Provinz unterworfen ist, zu bezeichnen; in welchem Verstande es unter andern auch in Schlesien üblich ist, wo es zuweilen auch das Ritter- oder Ehrengericht, welches dieses Recht handhabet, bezeichnet.


Ritter-Roman (W3) [Adelung]


Der Ritter-Roman, des -es, plur. die -e, eine Art Romane, worin die Thaten tapferer und verliebter Ritter erzählet werden, welche in den vorigen Zeiten gangbarer waren als jetzt, da mit den ehemahligen Rittern auch der Geschmack an ihren Thaten aufgehöret hat.


Rittersaal (W3) [Adelung]


Der Rittersaal, des -es, plur. die -säle, ein Saal, in welchem sich die Ritter, und in weiterer Bedeutung, der Adel bey feyerlichen Gelegenheiten versammelt.


Ritterschaft (W3) [Adelung]


Die Ritterschaft, plur. inus. 1) Der Stand, die Würde eines ehemahligen Ritters in der engsten Bedeutung; in welchem Verstande es doch jetzt am häufigsten nur im Scherze gebraucht wird. Die irrende Ritterschaft, der Stand eines irrenden Ritters. In der Deutschen Bibel kommt es noch in einigen ungewöhnlichen figürlichen Bedeutungen vor. Die geistliche Ritterschaft, ist daselbst der Stand des beständigen Kampfes wider die geistlichen Feinde, und dessen Ausübung. Die Waffen unsrer Ritterschaft. 2 Cor. 10, 4. Eine gute Ritterschaft ausüben, 1 Tim. 1, 18. Hingegen Es. 40, 22: redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, daß ihre Ritterschaft ein Ende hat, scheinet auf den beschwerlichen Stand eines Ritters gezielet zu seyn. 2) Noch häufiger bezeichnet es, als ein Collectivum, die sämmtlichen männlichen Personen Ritterstandes, d. i. von altem Adel, einer Gegend oder Provinz. Die Fränkische, die Schwäbische Ritterschaft. Des heil. Röm. Reichs Ritterschaft. Die Ritterschaft zusammen berufen. Schon in dem alten Fragmente auf Carln den Großen bey dem Schilter ist Riterscaft eine Menge versammelter Ritter. Es. 34, 21: zu der Zeit wird der Herr heimsuchen die hohe Ritterschaft, so in der Höhe sind, scheinet es die Vornehmsten in einem Staate überhaupt zu bezeichnen.


Ritterschaftlich (W3) [Adelung]


Ritterschaftlich, adj. et adv. der Ritterschaft in der zweyten Bedeutung gehörig, von derselben abhängig.


Ritterschlag (W3) [Adelung]


Der Ritterschlag, des -es, plur. die -schläge, ein Schlag mit dem flachen Schwerte auf dem Rücken, vermittelst dessen jemand nach altem Gebrauche zum Ritter geschlagen wird.


Rittersitz (W3) [Adelung]


Der Rittersitz, des -es, plur. die -e, eigentlich der Sitz, d. i. Wohnort, eines Ritters. In weiterer Bedeutung ist der Rittersitz das Wohnhaus, nebst den dazu gehörigen Gebäuden, auf einem Rittergute, da denn auch wohl das Rittergut selbst unter diesem Nahmen vorkommt.


Ritterspiel (W3) [Adelung]


Das Ritterspiel, des -es, plur. die -e, ein aus ritterlichen Übungen, z. B. Reiten, Fechten u. s. f. bestehendes Spiel, wohin die Turniere, das Ringrennen und andere mehrere dieser Art gehören.


Rittersporn (W3) [Adelung]


Der "Rittersporn", des -es, plur. die -e, eine Blume, wovon die eine Art auf unsern Feldern einheimisch ist, andere Arten aber, welche in den Gärten gezeuget werden, aus Romanien und Sibirien zu uns gekommen sind; "Delphinium L.", "Ritterblume", "Spornblume", "Hahnensporn", wegen der Ähnlichkeit der Blumen mit einem Sporne, besonders der alten Art, so wie die Ritter ihn ehedem trugen. Der "gemeine Rittersporn" oder "wilde Rittersporn", "Feldrittersporn", "Kornrittersporn" ist in einigen Gegenden auch unter dem Nahmen des "Hafergiftes" bekannt. In andern ist auch die "Indianische Kresse", "Nasturtium Indicum", unter dem Nahmen des "gelben Ritterspornes" gangbar.


Ritterstand (W3) [Adelung]


Der Ritterstand, des -es, plur. car. 1) Ein Abstractum, den Stand, die Würde eines Ritters, so wohl in der engsten Bedeutung, als auch in weiterer, der Stand des alten Adels, von Personen männlichen Geschlechtes. Eine Person Ritterstandes, oder vom Ritterstande. 2) Ein Collectivum, die sämmtlichen Ritter, und in weiterer Bedeutung, die sämmtlichen männlichen Personen von altem Adel in einem Lande oder in einer Provinz, besonders so fern dieselben auf Reichs- und Landtagen Sitz und Stimme haben, dagegen im weitern Verstande Ritterschaft üblicher ist.


Rittersteuer (W3) [Adelung]


Die Rittersteuer, plur. die -n, in einigen Provinzen, eine Steuer, welche die Besitzer der Rittergüter anstatt des ehemahligen Ritterpferdes dem Landes- und Lehensherrn entrichten.


Ritterstutz (W3) [Adelung]


Der Ritterstutz, des -es, plur. die -e, eine erhabene Kopfzierde, welche die ehemahligen Ritter bey feyerlichen Gelegenheiten auf ihren Helmen trugen, und wohin unter andern auch die Federbüsche gehören. S. Stutz.


Rittertafel (W3) [Adelung]


Die Rittertafel, plur. die -n, eine Tafel, so fern Ritter, oder Personen von altem Adel daran sitzen. So wird an einigen Höfen die Marschallstafel auch die Rittertafel genannt. Auch in einem mit adeligen Personen besetzten Gerichte ist die Rittertafel zuweilen so viel als Ritterbank, die sämmtlichen Beysitzer Ritterstandes eines solchen Collegii zu bezeichnen.


Rittertag (W3) [Adelung]


Der Rittertag, des -es, plur. die -e, die feyerliche Versammlung der Ritterschaft einer Provinz; dergleichen Rittertage z. B. bey der Schwäbischen und Fränkischen Reichs-Ritterschaft üblich sind. Versammelt sich nun die Ritterschaft eines Ritterkreises, so wird es ein Viertelstag genannt.


Ritterzehrung (W3) [Adelung]


Die Ritterzehrung, plur. die -en, eigentlich dasjenige, was man einem verarmten oder auf Abenteuer ausgehenden irrenden Ritter auf seiner Reise ehedem zu seinem Unterhalte reichte, und welches von demselben nicht selten erpreßt wurde. Figürlich auch wohl jetzt ein Almosen, welches man einem Bettler vornehmerer Art reicht.


Ritterzug (W3) [Adelung]


Der Ritterzug, des -es, plur. die -züge, ein aus ehemahligen Rittern bestehender Kriegszug, von welcher Art auch die ehemahligen Kreuzzüge waren, weil der Kern der Armeen aus Rittern bestand. Die heutigen Maltheser halten zuweilen noch solche Ritterzüge wider die Türken. Auch die Reise eines irrenden Ritters, so fern sie ritterliche Abenteuer zum Grunde hat, ist unter dem Nahmen eines Ritterzuges bekannt.


Rittlings (W3) [Adelung]


Rittlings, adv. S. Reitlings.


Rittmeister (W3) [Adelung]


Der Rittmeister, des -s, plur. ut nom. sing. der Vorgesetzte einer Escadron oder Schwadrone Reiter, welcher bey der Reiterey dasjenige ist, was ein Hauptman bey dem Fußvolke ist; dessen Gattinn, die Rittmeisterinn. Vermuthlich von Ritter, entweder so fern es ehedem einen jeden Reiter bezeichnete, oder auch, so fern die eigentliche Reiterey bey der ehemahligen Kriegsverfassung aus Rittern, im engsten Verstande, bestand.


Rittstroh (W3) [Adelung]


Das Rittstroh, S. Rüttstroh.


Ritz (W3) [Adelung]


Der Ritz, des -es, plur. die -e, oder die Ritze, plur. die -n, Dimin. das Ritzchen, Oberd. Ritzlein, ein Wort, welches mit Riß Eines Ursprunges ist, aber im Gebrauche von demselben noch unterschieden wird. 1) Ein schmaler, in die Länge sich erstreckender fehlerhafter Spalt in harten Körpern; wo Ritze theils eine kleinere Spalte bezeichnet als Ritz, theils auch härtere Körper voraussetzet. Eine Ritze in der Thür, in der Wand. Durch den Ritz oder durch die Ritze gucken. Daß die Häuser Ritze gewinnen, Amos 6, 11; wofür man doch lieber Risse sagen würde. Die Stein- oder Felsenritzen, Klüfte. Überhaupt ist Ritz in diesem Verstande ein wenig unedel, und man wird dafür größten Theils lieber Spalte gebrauchen. 2) Ein langer, schmaler, mit einem spitzigen Werkzeuge gemachter Riß auch in weichere Körper. Ein Ritz auf der Haut von einer Stecknadel. Niedersächsisch Schramme, im Bergbaue Pramme. Im Bergbaue wird auch diejenige Schramme oder Rinne, welche in das Gestein gehauen wird, die Keile darein zu setzen, ein Ritz genannt. Anm. Im Nieders. Rete, welches aber auch einen Riß bedeutet, ingleichen Krete und Kritze, im Pohln. Rysa. ( S. Reißen.) Im Hochdeutschen ist das männliche Geschlecht fast eben so gewöhnlich als das weibliche, obgleich das erstere doch am häufigsten vorkommt.


Ritzeisen (W3) [Adelung]


Das Ritzeisen, des -s, plur. ut nom. sing. im Bergbaue, ein Eisen, womit die Ritze in das Gestein geschlagen werden.


Ritzen (W3) [Adelung]


Ritzen, verb. reg. act. mit einem spitzigen Dinge Ritze machen. Die Haut ritzen. Mit der Nadel ritzen. Sich mit der Nadel, an einem Nagel ritzen. Die Baalspfaffen ritzten sich mit Messern, 1 Kön. 18, 28. Im Bergbaue ist ritzen auch, mit dem Ritzeisen arbeiten, Ritze in das Gestein hauen. Daher das Ritzen. Wegen der härtern Mitlauter scheinet dieses Zeitwort ein Intensivum, und wegen des i, dem natürlichem Ausdrucke kleiner Dinge, das Diminutivum von reißen zu seyn. Im weitern Verstande ist im Bergbaue ein unverritztes Feld, wo noch auf Mineralien gearbeitet worden, welches noch nicht durch Schächte u. s. f. geöffnet worden.


Ritzfeder (W3) [Adelung]


Die Ritzfeder, plur. die -n, im Bergbaue, kleine Bleche, welche man in die gehauenen Ritzen legt, damit die dazwischen gesetzten Keile desto stärker angreifen. S. Feder.


Ritzig (W3) [Adelung]


Ritzig, -er, -ste, adj. et adv. Ritze habend.


Robath (W3) [Adelung]


Die Robath, plur. die -en, ein nur in einigen Oberdeutschen, von Wenden ehedem bewohnten, oder an Slavonische Mundarten gränzenden Gegenden, übliches Wort, eine Frohne, oder einen Frohndienst zu bezeichnen. In diesem Verstande ist es in Baiern, Österreich und Böhmen sehr gangbar. Daher das Zeitwort robathen, fröhnen, der Robather, der Fröhner, Handrobather, Fußrobather, Zugrobather u. s. f. Das Wort ist Slavonischen Ursprunges, denn im Pohln. bedeutet Robota eine jede Arbeit. Indessen scheinet es mit unserm Arbeit ursprünglich ein und eben dasselbe Wort zu seyn, indem beyde bloß durch die auch in andern Fällen sehr gewöhnliche Versetzung des r verschieden sind. Auch das in dem Lateine der mittlern Zeiten in England vorkommende Bederipes, Bedrepium, erbethene Frohndienste, Bittfrohnen, zu bezeichnen, scheinet in Ansehung seiner letzten Hälfte dahin zu gehören, so wie das gleichbedeutende Engl. Bederone seiner letztern Hälfte nach mit unserm Frohne überein kommt.


Robbe (W3) [Adelung]


Der Robbe, des -n, plur. die -n, der Nahme des Seehundes in den mitternächtlichen Sprachen, welcher durch die Schifffahrt auch in die Niederdeutsche Mundart eingeführet worden; Phoca vitulina L. Nieders. Rubbe, Holl. Rob. (Siehe Seehund.) Daher das Robbenfell, das Fell von einem Seehunde, das Seehundsfell, womit man die Koffer zu überziehen pflegt; der Robbenschläger, Personen und Schiffe, welche jährlich aus Niederdeutschland auf den Fang der Seehunde auslaufen, weil man diese unbehülflichen Thiere nur auf dem Eise todt schlagen darf; der Robbenspeck, der Speck von den Seehunden, woraus der Robbenthran, oder Seehundsthran, gekocht wird, u. s. f.


Robert (W3) [Adelung]


Robert, ein alter Deutscher männlicher Taufnahme, welcher fast in allen, mit der Deutschen verwandten Sprachen angetroffen wird, und unter andern Gestalten auch nicht selten Ruprecht lautet, siehe dasselbe. Da in den ältern Zeiten, besonders in den Niederdeutschen Urkunden, das allgemeine Nennwort Ruhwart, Rugwart, mehrmahls vorkommt, einen Beschützer der Gerechtsamen eines andern und der Gerechtigkeit zu bezeichnen, ( S. Rüge,) welches denn so viel als ein Vogt in den mittlern Zeiten, vielleicht auch ein Richter seyn würde; so ist sehr wahrscheinlich, daß dieser eigenthümliche Nahme daraus zusammen gezogen worden; siehe auch Rügegraf.


Roberts-Kraut (W3) [Adelung]


Das Roberts-Kraut, des -es, plur. inus. eine Art des Storchschnabels, welche auf den Felsen und an den Zäunen des mitternächtigen Europa wohnet; Ruprechts-Kraut, Blutkraut, weil es zuweilen eine blutrothe Farbe hat, Gentiana Robertianum L. Man hatte ehedem eine Krankheit, welche unter dem Nahmen der S. Ruprechts-Plage bekannt war, und es unter dem großen Haufen vielleicht noch ist. Wider diese sollte diese Art Storchschnabel ein kräftiges Hülfsmittel seyn, daher sie denn auch den Nahmen bekommen hat.


Rocambole (W3) [Adelung]


Die Rocambole, plur. die -n, eine Art des Graslauches, dessen Schaft vor der Reise der Frucht zusammen gedrehet ist; Allium scorodoprasum L. Schlangenknoblauch. Der Nahme ist Französisch, Rocambole, daher derselbe im Deutschen von einigen irrig Rockenbole geschrieben und gesprochen wird. Indessen ist doch diese Art Lauches auf der Insel Öland und in Dänemark einheimisch, ob es gleich scheinet, daß unsere Köche sie aus Frankreich kennen gelernet. Die letzte Hälfte ist das Niederdeutsche Bolle, Zwiebel.


Roche (W3) [Adelung]


1. Der Roche, des -n, plur. ut nom. sing. eine Art Krähen, welche diesen Nahmen in einigen Gegenden wegen ihres rauhen, widerwärtigen Geschreyes haben, S. Haferricke, Karechel und Racker.


Roche (W3) [Adelung]


2. Der Roche, des -n, plur. die -n, ein Nahme, welchen im Schachspiele der fünfte und äußerste Stein unter den Officieren führet, und deren in jedem Spiele zwey sind. Der Nahme dieses Steines ist im Deutschen so alt, als das Spiel selbst, und da dieses aus den wärmern Morgenländern zu uns gekommen, so muß der Nahme auch dort aufgesucht werden, daher die meisten Erklärungen desselben theils erweislich unrichtig, theils aber auch sehr gewagt sind. Heut zu Tage stellet man den Rochen unter dem Bilde eines Thurmes vor, und da hat man freylich Spuren genug, daß Roch ehedem nicht nur einen Thurm, sondern auch eine jede Masse von beträchtlicher Höhe bedeutet habe, wohin auch das Angels. Rocca, ein Schloß, das Franz. Roche, ein Felsen, gehören, ( S. 1 Rocken.) Vermuthlich sind die Italiäner und Franzosen durch das Wort Roche verleitet worden, einen Thurm daraus zu bilden, so wie die Deutschen aus ähnlicher Verleitung einen Elephanten, die Russen aber einen Rachen, und die Engländer eine Krähe, Rook, ( S. das vorige) daraus gemacht haben. Allein, da das Schachspiel ein Bild der ältesten Süd-Asiatischen Kriegskunst ist, so ist weit glaublicher, daß dieser Stein entweder den Elephanten, wie er auch bey einigen in diesem Spiele wirklich heißt, oder, wie Hyde will, das Dromedar bezeichne, indem der Läufer in unserm Schachspiele eigentlich der Elephant der Morgenländer seyn soll. Indessen finden sich doch auch Verweise, daß der Elephant ehedem im Deutschen der Roche genannt wor- den, wovon Frisch eine Stelle aus Lirers Schwäbischen Chronik anführet.


Roche (W3) [Adelung]


3. Der Roche, des -n, plur. die -n, eine Art Seefische, die mit fünf Luftlöchern am Halse versehen ist, einen platt gedrückten breiten Körper, und einen gemeiniglich mit Stacheln versehenen Schwanz hat; Raja L. besonders dessen Raja clavata. Siehe auch Giftroche, Nagelroche, Stachelroche. In einigen Gegenden heißt dieser Fisch auch Ratte, im Nieders. Ruche, im Dänischen Rokke, Rokkel, im Engl. Roach und Ray, welche, so wie das Lat. Raja, insgesammt in den Stacheln, womit dieser Fisch versehen ist, ihren Grund zu haben scheinen, S. Rauch und Rechen.


Röcheln (W3) [Adelung]


Röcheln, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, mit voller, mit Blut oder Schleim angefüllter Brust oder Luftröhre, athmen, dergleichen nicht nur bey Sterbenden zu geschehen pflegt, sondern auch zuweilen bey sonst gefunden, wenn die Luftröhre oder Brust stark mit Schleim angefüllet ist. Daher das Röcheln.

Anm. Im Schwed. rossla, im Bretagnischen ronkel, im Franz. raler, ehedem racler, im Lat. ronchissare, im Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, im Niederdeutschen mit einem andern Endlaute des Stammwortes rotteln, im Engl. to rottle, to ruttle. Es ist eine genaue Nachahmung des röchelnden Schalles selbst, der Form nach aber ein Intensivum von dem noch im Nieders. üblichen raken, mit einem Geräusche auswerfen. Im Isländ. ist dieses hracka für röcheln üblich. Ehedem gebrauchte man es im Deutschen auch von dem ähnlichen Laute der Schweine, Pferde und Esel, wovon Frisch Beyspiele anführet, und wo es auch rücheln, rüheln, rincheln lautete. An einigen Orten rochzen die Frösche, wenn sie im Hochdeutschen röcheln.


Rock (W3) [Adelung]


* Der Rock, des -es, plur. die Röcke, Dimin. das Röckchen, Oberd. Rocklein, ein Nahme eines Kleidungsstückes. 1) Bey dem männlichen Geschlechte wird zuweilen die ganze obere Kleidung, mit Inbegriff der Weste, der Rock genannt, in welchem Falle es aber nur im gemeinen Leben üblich ist, dagegen in der anständigern Sprechart dafür Kleid gebraucht wird. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung ist der Rock ein langes Oberkleid, so fern es von dem noch längern und weitern Mantel verschieden ist. ( S. Chorrock, Priesterrock, Reitrock, Überrock, Regenrock, Schlafrock u. s. f.) Da denn auch die langen Oberkleider der Morgenländer und anderer fremden Völkerschaften Röcke genannt werden. Im engsten Verstande ist der Rock das obere oder äußere Kleidungsstück eines Deutschen oder vielmehr Französischen Kleides, im Gegensatze der Weste. 2) Bey dem weiblichen Geschlechte ist der Rock ein jedes Kleidungsstück, welches sich von den Hüften bis auf die Füße erstrecket und den ganzen Leib umgibt. Der Unterrock, der Überrock. Der Reifrock, steife Rock, oder Fischbeinrock. S. Reifrock.

Anm. Bey dem Willeram Rocche, bey dem Notker Rokk, im Niedersächsischen gleichfalls Rock, im Angels. Rocc, im Schwed. Rock, im Wallis. Rhuchen, im Bretagnischen Roket, im Slavon. Raucho, Ruuh, allein der Bedeutung eines Oberkleides oder Kleides schlechthin, welche Bedeutung auch das Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, und Syrische und Samaritanische Rakua hat. Das Engl. und Franz. Rochet, das Ital. Rochetto, und Spanische Roquetto, sind Diminutiva davon. Die wahrscheinlichste Ableitung dieses alten und weit ausgebreiteten Wortes ist immer noch die, welches von rauch, rauh abstammen läßt, da es eigentlich ein Oberkleid von Rauchwerk, einen Pelz, bedeuten würde, indem dieß doch die erste und älteste Art der Kleidung, zumahl bey den nördlichern Völkerschaften ist. Im Finnländ. bedeutet Roucka und im Ungar. Ruhha wirklich einen Pelz. Siehe auch Frak.


Rockelor (W3) [Adelung]


Der Rockelor, des -es, plur. die -e, aus dem Franz. Roquelaure, eine Art weiten Reife- und Regenrockes mit Ärmeln.


Rocken (W3) [Adelung]


1. Der Rocken, des -s, plur. ut nom. sing. ein im Spinnen und bey dem Spinnen übliches Wort. 1) Ein Werkzeug, Flachs, Hanf und Wolle daran zu spinnen, welches aus einem langen, gedrechselten Stocke mit einem Fußtritte bestehet, und auch ein Spinnrocken genannt wird. Dieß ist eines der ältesten Werkzeuge dieser Art, an dessen Statt in den meisten Provinzen die bequemern Spinnräder aufgekommen sind. Ehedem hieß es eine Kunkel, und im Nieders. nennet man es auch einen Wocken. Ein fleißiges Weib strecket ihre Hand nach dem Rocken, Sprichw. 31, 19. ( S. auch Spindel.) 2) Der zum Spinnen bestimmte Flachs, Hanf oder Wolle, welche ausgedehnet und hernach um den Rockenstock gewunden wird, heißt gleichfalls der Rocken, auch da, wo man sich statt der Spinnrocken der Spinnräder bedienet. Einen Rocken anlegen, den zum Spinnen bestimmten Flachs, Hanf oder Wolle ausbreiten und ihn um den Rockenstock wickeln. Den Rocken abspinnen. In Baiern heißt dieser Rocken die Rupfe, in Westphalen Dieße, in andern Niedersächsischen Gegenden aber gleichfalls der Wocken.

Anm. Auch dieses Wort ist sehr alt, und weit ausgebreitet. Im Engl. lautet es Rack, Rock, im Ital. Rocca, im Spanischen Rucca, im Schwed. und Isländ. Rock, im Ungar. Rohka, im Finnländ. Rucki, im Lappländ. Rokkal. Die Wortforscher haben auf die zwey verschiedenen Bedeutungen nicht geachtet, und daher sehr unwahrscheinliche Ableitungen gewagt. Die meisten sehen die zweyte Bedeutung als die erste und eigentlichste an, und leiten es daher mit Wachtern und Frischen von rauch, mit Helwich von - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, ausdehnen, oder, wie Ihre, von dem Holländ. Rock, ein Haufe, ab. Allein, es ist weit wahrscheinlicher, daß die erste Bedeutung eines Werkzeuges zum Spinnen die ursprüngliche ist, da denn der Begriff entweder des Ziehens, oder auch des Drehens und Bewegens, der Stammbegriff seyn würde. In Ansehung des Ziehens gehören unser rücken und recken, so fern es ehedem ziehen überhaupt bedeutete, Nieders. trecken, in Ansehung des Drehens und der Bewegung aber, so wohl unser regen, drehen, drechseln, Griech. - hier nichtlateinischer Text, siehe Image -, ein Rad, als das Engl. to rock, Franz. rocquer, heftig bewegen, und andere mehr dahin. Das Nieders. Wocke, welches in beyden Bedeutungen üblich ist, und welches Wachter sehr unwahrscheinlich von wägen abstammen läßt, weil der zum Abspinnen bestimmte Flachs zuweilen gewogen wird, leidet eben dieselbe Ableitung von wegen, wecken.


Rocken (W3) [Adelung]


2. Der Rocken, des -s, plur. doch nur von mehrern Arten, ut nom. sing. ein Nahme einer Getreideart, welche braune oder bräunliche ovalrunde Körner trägt, und ein schwärzeres und gröberes Mehl gibt als der Weitzen, in der Botanik aber, durch die aus zwey gegen einander über stehenden Blättchen bestehende Hülle, welche zwey Blüthen einschließt, von den übrigen Getreidearten unterschieden wird; Secale L. Der Nahme Rocken, oder in einigen Gegenden Rockenkorn, ist in der südlichen Hälfte Deutschlands am gangbarsten, in der nördlichern nennt man dieses Getreide auch Korn, so wie man es in einigen Oberdeutschen Gegenden nur Kern und Frucht nennt. Weil diese Pflanze in Creta oder Candia wild wächst, so glaubt man, daß sie von dort in dem übrigen Europa verbreitet worden. In Plinii Zeiten war der Rocken noch schlecht und bitter, Secale deterrimum ettantum ad arcendam famem. Noch jetzt verachten die Bewohner wärmerer Länder das Rockenbrot, als ein grobes und sprödes Brot. Plinius gedenkt dessen als einer Getreideart, welche von den Taurinern an dem Fuße der Alpen gebauet worden, von wannen es vielleicht in die übrigen Europäischen Länder gekommen. In einem alten, in Oberdeutschland gedruckten, Vocabulario wird der Rocken auch Senkel genannt, welches mit dem Lat. Secale genau überein kommt. Anm. Der Nahme ist so alt und ausgebreitet, als die Frucht selbst. Bey den ältesten Oberdeutschen Schriftstellern heißt sie Roggo, im Nieders. Rogge, im Holländ. Roghe, im Angels. Ryge, im Engl. Rye, im Dän. Rugen, im mittlern Lateine Rogga, im Wallis. Rhyg, im Wend. Roch, im Schwed. Rag, im Esthländ. Ruchit, Roet, im Dalmat. Raax, und mit andern Endlauten bey den ältern Dänen Rooff, bey den Finnen Ruvis, bey den Ungarn Ros. Stieler leitet es von Korn, durch Versetzung, Frisch aber von rauh her, weil es ein gröberes Brot gebe als der Weitzen. Wachter, Ihre und andere wagen nichts. Indessen scheinet es doch, daß dieses Wort, so alt es auch ist, kein anderes ist, als unser Rogen, welches ehedem Frucht überhaupt bedeutete, und wovon unser Frucht selbst abstammet, ( S. Rogen,) und wohin so wohl die letzte Hälfte des Lat. Farrago, als auch vielleicht das Finnländ. Rucho, eine Pflanze, gehöret. Wird doch der Rocken in vielen Gegenden nur schlechthin Frucht genannt. Auf ähnliche Art ist das Schwed. Romm, Fischrogen, mit dem Lat. Frumentum verwandt. Indessen könnte auch der Begriff eines Kornes in der weitesten Bedeutung in Betrachtung kommen, indem das Wend.